Die unheilbringende Krone (oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend)
Part 4
Androkles (zu den Jägern). Verteilt euch, wie ihr wollt, der König jagt allein, ihr mögt euch hüten, seinem Feuerblick zu nahen, der zornigflammend durch des Forstes Dunkel blitzet.
(Alle bis auf Clitonius und Androkles ab.)
Zweite Szene. Androkles und Clitonius.
Androkles. O mein Clitonius, was mußten wir erleben, die hohen Götter sind aus Agrigent gewichen.
Clitonius. Wo mag wohl unser edler König weilen, den seines Hauses Laren treu gerettet haben. Könnt' er doch sehn, wie sich sein armes Volk betrübt.
Androkles. Wer freut sich nun in Agrigent? Der Wahnsinn lacht allein, gesundes Hirn muß trauern. Ist doch Phalarius selbst, seitdem die Höllenkron' auf seinem Haupte brennt, als hätt' des Unmuts Dolch sein falsches Herz durchbohrt. Weißt du, warum die Jagd nun tobt? Aspasia ist nicht mehr.
Clitonius. Aspasia? Die Schwester unsers teuern Königs Kreon? Die herrliche Aspasia?
Androkles. Sie war's allein, der Phalarius an dem verhängnisvollen Tag des schauerlichen Überfalls das Leben ließ, weil er als Feldherr schon für sie in Lieb' entbrannt. Seit er das Reich besitzt, bestürmt er sie mit Bitten und mit Drohungen, sie möchte ihre Hand ihm reichen, er wolle ihr dafür drei Königreiche bieten; doch wie sie ihn und seine Kron' erblickt, da sinkt sie zitternd vor ihm nieder und krümmt sich zu dieses Wütrichs Füßen, beschwört mit Tränen ihn, von ihr zu lassen, es gäb' für seine Kron' auf Erden keine Liebe. Doch er reißt sie mit Ungestüm an seine Eberbrust und will dem keuschen Mund den ersten Kuß entreißen; da wandeln sich der Lippen glühende Korallen in bleiche Perlen um, des Auges Glanz erstirbt, des Todes Schauer fassen ihre Glieder, die Angst, daß sie der Kron' so nah', bricht ihr das Herz, kalt und entseelt hält sie Phalarius, vor Schreck erbleichend, in den Armen.
Clitonius. Entsetzlich Glück, sich so gekrönt zu wissen.
Androkles. Da faßt ihn eine Wut, er tobt, daß des Gemaches Säulen beben; Zur Jagd! ruft er, hetzt mir des Waldes Tiger all' auf mich, die Erd' wühlt auf, daß Ungeheuer ihr entkriechen, die sich noch nie ans Sonnenlicht gewagt, gebt Nahrung meinem Pfeil, damit mein Haß umarmen kann, weil Lieb' mein Herz so unbarmherzig flieht. So stürzt er fort zur Jagd, und zitternd beugt vor ihm der schwarze Forst sein sonst so drohend Haupt.
Clitonius. Da wird uns wohl der Morgenstrahl im Wald begrüßen.
Androkles. Der Abend kaum, denn eh' der Mond sich noch auf des Palastes Zinnen spiegelt, verbirgt er sich in ein Gemach, aus Marmor fest gewölbt, ganz öffnungslos, damit kein Strahl des Mondes kann sein Haupt erreichen, weil seine Kron', so sagt Dianens weiser Diener, die Kraft verliert, solang' des Mondes Licht auf ihren Zacken ruht. Und weil in dieser Zeit sein Leben nicht gesichert ist, verriegelt er die Tür aus festem Ebenholz; doch ohne Mondenglanz kann nie ein Pfeil ihn töten, und kraftlos sinken sie zu seinen Füßen nieder.
Clitonius. Sprich nicht so laut, es rauscht dort im Gebüsch.
Androkles (schwingt den Wurfspieß). Ein Tiger ist's.
Clitonius. Nein, nein, es ist Phalarius, dich täuscht sein Pantherfell; wir sind verloren, wenn er uns gehört.
Androkles. Schweig still, er raset dort hinüber dem Löwen nach, der ängstlich vor ihm flieht. Komm, laß uns auch vor diesem Königstiger fliehn, wenn Löwen weichen, dürfen Menschen sich der Flucht nicht schämen.
(Beide ängstlich ab.)
Dritte Szene. Musik. Lulu und Fanfu, geflügelte Genien, bringen Zitternadel in einem großen Schal, welchen sie an beiden Enden halten, als trügen sie etwas in einem Tuche, durch die Luft. Sie stehen auf Wolken, und der Schal ist ein Flugwagen und so gemalt, daß Zitternadel gekrümmt wie ein Kind darin liegt und kaum sichtbar ist. Er ruht auf der Erde, der Schal fliegt wieder fort.
Lulu. So steig nur heraus, du tapfres Hasenherz, hier sind wir schon in Sicherheit.
Fanfu. Nun, Schnecke, streck' den Kopf heraus.
Zitternadel (steckt den Kopf heraus). Wo sind wir denn? Ich muß erst meine Gliedmaßen alle zusamm'suchen. (steigt aus, die Genien helfen ihm.) So, ich dank' untertänigst, das sind halt Kinderln, wie die Tauberln. Au weh, so ein Erdbeben möcht' ich mir bald wieder ausbitten. Ich schau' beim Fenster hinaus in meiner Schuldlosität, auf einmal fangt's zum krachen an, als wenn die ganze Welt ein Schubladkasten wär', der in der Mitte voneinanderspringt, und ich stürz' über den siebenten Stock hinunter, die zwei Kinderln fangen mich aber auf und fliegen mit mir davon. Kaum sind wir in der Höh', macht es einen Plumpser, und die ganze Stadt rutscht aus und fallt ins Wasser hinein. Der arme Dichter hat sich eintunkt mit seiner Weisheit. O unglücksel'ger Tag! Weil nur ich nicht ins Wasser g'fallen bin, die Schneiderfischeln hätten's trieben. Überhaupt, wenn die Fisch' die Zimmer unterm Wasser sehn, die werden sich kommod machen. Wenn so ein Walfisch unter einem Himmelbett schlaft, der wird Augen machen. Zwar daß ein Stockfisch auf einem Kanapee liegen kann, das hab' ich an mir selber schon bemerkt. Wenn nur keiner in eine Bibliothek hineinschwimmt, denn da kennt sich so ein Vieh nicht aus. O, du lieber Himmel, ich werd' noch selbst ein Fisch aus lauter Durst. (Kniet nieder.) Liebe Kinderln, seid's barmherzig, laßt mir etwas zufließen, sonst muß ich verdursten.
Lulu. Dein Durst ist uns recht lieb, wir haben dich darum hierher gebracht, um dich zu wässern.
Simplizius. So wässert's mich einmal, ich kann's schon nicht erwarten.
Lulu. Trink dort aus jenem See. Hier hast du eine Muschel. (Holt eine vom Gestade.)
Simplizius. Der rotköpfige See? Aus dem trau' ich mich nicht zu trinken.
Lulu und Fanfu (streng). Du mußt.
Simplizius (fällt auf die Knie). O, meine lieben Kinderln, seid nur nicht bös', ich will ja alles tun aus Dankbarkeit. Ich sauf' wegen meiner das ganze rote Meer aus, und das schwarze auch dazu.
Lulu (reicht ihm eine Muschel voll Wasser). Trink, es scheint nur rot zu sein, es ist doch reiner als Kristall.
Simplizius. So gib nur her.
Fanfu. Er trinkt, nun wird er blutdurstig werden.
Simplizius (zittert mit der Muschel). Ich zittr' wie ein hundertjähriger Greis. (Trinkt.) Ah, das ist ein hitziges Getränk, wie ein Vanili Rosoglio. (Rollt die Augen.) Was geht denn mit mir vor? Potz Himmel tausend Schwerenot!
Lulu (zu Fanfu). Siehst du, es wirkt, er wird gleich eine andere Sprache führen. (Beide nähern sich ihm sanft.) Was ist dir, lieber Zitternadel?
Simplizius (wild). Still, nichts reden auf mich, Ihr Bagatellen! Ich begreif' nicht, was das ist, ich krieg' einen Zorn wie ein kalekutischer Hahn, und weiß nicht wegen was. Wenn ich ihn nur an jemand auslassen könnt'. Bringt mir einen Stock, ich wichs' mich selbst herum.
(Die Genien lachen heimlich.)
Simplizius. Ja, was ist denn das? Ihr seid ja zwei gottlose Buben übereinander, ihr seid ja in die Haut nichts nutz, euch soll man ja haun, so oft man euch anschaut. Das seh' ich jetzt erst.
Die Genien (nahen sich bittend). Aber lieber Zitternadel!
Simplizius (reißt einen Baumast ab). Kommt mir nicht in meine Näh', oder ich massakrier' euch alle zwei.
Lulu. So hör' uns doch; du mußt nach Kallidalos fliegen, dort findest du den Dichter, deinen Freund.
Simplizius. Nu, der soll mir traun, den hau' ich in Jamben, daß die Füß' herumkugeln. Jetzt macht fort und schafft mir ein kolerisches Pferd, daß ich durch die Luft reiten kann!
Lulu. Ein kolerisches Pferd? das wirft dich ja herab.
Simplizius. So bringt's mir einen Auerstier, der wirft mich wieder hinauf.
Lulu. Nu, wie du willst. (Er winkt, ein geflügelter Auerstier erscheint in den Wolken.) Ist schon da.
Simplizius. Ha, da ist mein Araber. Jetzt wird galoppiert. Setzt euch hinauf, auf die zwei Hörndl.
Lulu. Ah, wir getrauen uns nicht. Reit nur voraus, wir kommen dir schon nach. (Laufen ab.)
Simplizius. Ha, feige Brut! (Steigt auf). Da bin ich ein andrer Kerl. Jetzt kann mir 's Rindfleisch nicht ausgehn, ich bin versorgt. Hotto, Schimmel! Das versteht er nicht.--Bruaho! (Der Stier fliegt ab.) Jetzt geht's los.
Vierte Szene. Tiefere Felsengegend, in der Ferne Wald, auf der Seite eine Waldhütte. In der Mitte steht Phalarius mit einem goldenen Wurfspieß bewaffnet, vor ihm liegt ein Löwe und zittert.
Phalarius. Was zitterst du entnervt, verachtungswürd'ger Leu, Und beugst den Nacken feig vor meiner Krone Glanz? Mich ekelt Demut an, weil ich den Kampf nicht scheu', Nie schände meine Stirn solch welker Siegeskranz. Wofür hat Jupiter so reichlich dich begabt? Wozu ward dir die Mähn', das Sinnbild hoher Kraft? Der stolze Gliederbau, an dem das Aug' sich labt? Das drohende Gebiß, vor dem Gewalt erschlafft? Der Donner des Gebrülls, der Panzer deiner Haut? Erhieltst du all die Macht, um mächt'ger zu erbeben? Schäm' dich, Natur, die du ihm solchen Thron erbaut, Da liegt dein Herrscher nun und zittert für sein Leben. (Heftiger) Du hast mit Schlangen, Luchs und Panthertier gestritten; So reg' dich doch und droh' auch mir mit mächt'ger Klau'. Du edelmüt'ges Tier, so laß dich doch erbitten, Verteid'ge dich, damit ich Widerstand erschau'. Wie kann ein König noch zu einem andern sprechen. Mach' mich nicht rasend, denk', du bist zum Streit geboren. Doch nicht? Wohlan! So will ich euch, ihr Götter, rächen. Er ehrt sein Dasein nicht, drum sei's für ihn verloren. (Er tötet ihn, stößt ins Horn, Jäger erscheinen und beugen sich erschrocken.) Bringt mir den Löwen fort, ich kann ihn nicht mehr sehen. (Der Löwe wird fortgebracht, er steht nachdenkend mit verschlungenen Armen.) Wozu nützt mir Gewalt, wenn sie mich so erhebt? Könnt' ich die Erde leicht gleich einer Spindel drehen, Es wäre kein Triumph, weil sie nicht widerstrebt. Aspasia tot, durch meiner Krone Dolch entseelt. Abscheul'che Hölle, so erfüllst du mein Begehren? Wer war noch glücklich je, dem Liebe hat gefehlt? Die größte Lust ist Ruhm, doch Lieb' kann sie vermehren, Doch meine Lieb' heißt Tod, wer mich umarmt, erblaßt. Unsel'ges Diadem, daß du mein Aug' entzücktest, Tief quälendes Geschenk, schon wirst du mir verhaßt, Ich war noch glücklicher, als du mich nicht beglücktest! Äol, der oft die Majestät der Eichen bricht, Und so am Haupt des Walds zum Kronenräuber wird, Sag'! warum sendest du die geile Windsbraut nicht, Daß sie die Kron' als glühnden Bräutigam entführt? (Die Jäger kommen zurück, er setzt sich auf einen Fels.) Ich wünschte mich mit etwas Traubensaft zu laben, Der eigennütz'ge Leib will auch befriedigt sein.
Erster Jäger. Den kannst du, hoher Fürst, aus jener Hütte haben, (Klopft an) He, Alter, komm heraus und bringe Wein.
Phalarius. Wer ist der Mann, der hier so tief im Walde wohnt?
Erster Jäger. Ein Feldherr war er einst, nun lebt er als ein Bauer.
Phalarius. Welche Erniedrigung, wer hat so schimpflich ihn belohnt?
Fünfte Szene. Vorige. Der alte Octavian fröhlich aus der Hütte, einen Becher Wein tragend.
Octavian. Komm schon, ein froh Gemüt ist immer auf der Lauer. (Erblickt die Krone und sinkt nieder.) Ha, welch ein Blick umschlängelt feurig meine Augen?. Es krachet mein Gebein und sinket in den Staub.
Phalarius. Laß sehen, ob dein Wein wird meinem Durste taugen. (Will trinken.) Doch sag', warum verbirgst du dich so tief im Laub?
Octavian. Gewähr', daß ich den Blick von deiner Krone wende, Wenn du willst Wahrheit hören, und sie dein Ohr erfreut.
Phalarius. Ich hasse den Betrug, steh auf und sprich behende.
Octavian (steht auf, doch ohne Phalarius anzusehen--fröhlich). Mich freut der grüne Wald, beglückt die Einsamkeit, Ich hab' sie selbst gewählt, lieb' sie wie einen Sohn. Ich bin nicht unbeweibt, mein Herz schlägt lebenswarm, Glüh' für mein Vaterland, sprech' seinen Feinden Hohn, Und wenn es mein bedarf, weih' ich ihm Kopf und Arm, Sonst bau' ich froh mein Feld, ein zweiter Cincinnat.
Phalarius. Ein kluger Lebensplan, wenn du bloß Landmann wärst, Dann bau' nur deine Flur, so dienst du treu dem Staat. Als Feldherr hoff' ich, daß zu herrschen du begehrst.
Octavian. Ich herrsche ja, wer sagt, daß ich nur Diener bin? Weißt du denn nicht, daß jedes Ding der Welt ein Herrscher ist? Die Götter herrschen im Olymp mit hohem Sinn, Auf Erden Könige, so weit ihr Land nur mißt, Der ganze Staat, wie es Gesetz und Fürst befiehlt, Ein jeder dient und hat doch auch sein klein Gebiet. Und so wird eines jeden Dieners Lust gestillt. Der Sänger herrscht durch edlen Geist in seinem Lied, Der Liebende in der Geliebten schwachem Herzen; Der Vater wacht im Haus für seiner Kinder Heil; Der Arzt beherrscht der Krankheit widerspenst'ge Schmerzen; Der Fischer seinen Kahn, der Jäger seinen Pfeil; Kurz, jeder hat ein Reich, wo seine Krone blitzt, Der Sklave selbst an Algiers Strand, der ärmste Mann, Der auf der Erde nichts als seine Qual besitzt, Hat einen Thron, weil er sich selbst beherrschen kann.
Phalarius (der während der Rede mit Erstaunen gekämpft, schleudert den Becher fort). Genug, ich trinke nicht den wortvergällten Wein, Nicht Labung reichst du mir, du tränkest mich mit Gift, Du wärst vergnügt und herrschest nicht? Es kann nicht sein!
Octavian. Das bin ich, Herr, selbst dann, wenn mich dein Zorn auch trifft.
Phalarius. Unmöglich, widerruf, daß du dich glücklich fühlst, Es gibt bei solcher Kraft nicht solchen Seelenfrieden, Du weißt nicht, wie du tief mein Inneres durchwühlst. O Götter, welche Pein erlebe ich hienieden, Daß ich nicht froh sein kann und Frohsinn schauen muß. Gesteh, du bist kein Held, warst nie auf Ruhm gebettet, Du warst nie Feldherr, nein, regiertest stets den Pflug.
Octavian. Ein Knabe warst du kaum, als ich das Reich errettet. Ich bin Octavian.
Phalarius. Der einst die Perser schlug?
Octavian. So ist's.
Phalarius (entsetzt, wie aus einem Traum erwachend, aufschreiend). Aus meinem Land, verhaßtes Meteor! Daß meines Ruhmes Licht vor deinem nicht erlischt. Du kömmst mir wie ein list'ger Rachedämon vor, Der aus der Rose Schoß als gift'ge Schlange zischt. Entfleuch, du bist verbannt, gehörst dem Land nicht an. Dein Glück ist Heuchelei, es kann sich nicht bewähren, Hinweg aus meinem Reich mit solch verrücktem Wahn, Du darfst nicht glücklich sein, sonst müßt' ich dich verehren.
(Ab, die Jäger folgen scheu.)
Sechste Szene.
Octavian (allein). Da geht er hin, unglücklicher als der, den er verjagt. Du bist verbannt, wie leicht sich doch die Worte sprechen; So fröhlich erst, und nun so bitter zu beklagen, Doch nein, ich bin ein Mann, du sollst mein Herz nicht brechen.
(In die Hütte ab.)
Siebente Szene. Romantische Gegend auf Kallidalos. Auf der einen Seite Häuser, auf der anderen Wald. Lucina und Ewald, die Krone auf dem Haupte, treten auf.
Lucina. Du bist hier aus der kallidal'schen Insel, erhole dich von deinem Schreck.
Ewald. Vergib, daß meine Nerven ängstlich zucken, noch ist die Greuelszene nicht aus meinem Hirn entwichen, und nimmer möcht' ich solchen Anblick mehr erleben.
Lucina. Hier wirst du leichteren Kampf bestehn, mein armer König ohne Reich. Nun horch' auf mich: Auf dieser Insel herrscht die feine Sitte, daß sich der König und die Edelsten des Volkes am ersten Frühlingstag im Tempel dort versammeln; von allen Mädchen dieses Reichs, die zart geputzt dem königlichen Aug' sich zeigen, ernennet er die Schönste als des Festes Herrscherin und schmückt das wunderholde Haupt mit einer Rosenkrone. Dann wählet er aus rüst'ger Jünglingsschar den Tapfersten, der sich nicht weigern darf, und schenkt ihm ihre Hand, nachdem er ihn zuvor zu einem Amt erhebt. Das Brautpaar wird sogleich an Cyprias Altar vermählt; so endet sich das Fest und dieses Tages Jubel. Du sorgst, daß dieser Preis auf einem Haupte ruht, das sechzig Jahre schon des Lebens Müh' getragen. Doch dürfen es nicht Rosen zieren, ein Myrtendiadem muß auf der Stirne prangen, durch Weiber aufgedrückt, die neidisch nach der Krone blicken, nach der sie selbst vergebens ringen. Wodurch du dies bezweckst, wirst du wohl leicht erraten, die deine leg' nun ab, ich will sie selbst verwahren. (Ewald kniet sich nieder, zwei Genien erscheinen aus der Versenkung, sie nimmt ihm die Krone ab.) Sie ziemt nicht deiner Stirn. (Gibt die Krone den Genien.) Bewahrt sie wohl, beherrscht sie auch kein Reich, wird sie doch viele Reiche retten. (Die Genien versinken damit.) Hast du nun einen Wunsch, so sprich ihn aus!
Ewald. Ob mein Begleiter lebt, dies wünsch' ich wohl zu wissen, auch seiner Sendung Zweck ist mir ein Rätsel noch.
Lucina. Er lebt. Wozu ich ihn bestimmt, wird sich noch heut enthüllen, bald siehst du ihn, doch magst du nicht ob der Verändrung staunen, die sein Gemüt erlitten hat, sie währet nur so lang bis so viel Blut durch seine Hand entströmt, als Wasser er aus meinem Zaubersee getrunken.
Ewald. Wie, einen Mörder werde ich in ihm erblicken?
Lucina. Sei ruhig nur, ich lenke seinen Arm, befolge du nur mein Geheiß und fordre dann den Lohn. Für alles andre laß die hohen Götter sorgen, die oft durch weise Wahl gemeine Mittel adeln, daß sie zu hohen Zwecken dienen. (Ab.)
Achte Szene.
Ewald (allein). Dies scheinen mir die letzten Häuser einer großen Stadt zu sein. Ich will an eine dieser Pforten pochen, vielleicht erscheint ein altes Weib, deren Geschwätzigkeit mir schnellen Aufschluß gibt, und das ich gleich zu meinem Plan verwenden kann. (Er klopft an die Tür des ersten Hauses.)
Atritia (sieht zum Fenster heraus). Wer pocht so ungestüm? Weißt du noch nicht, daß dieses Tor sich keinem Manne öffnet.
Ewald (für sich). Himmel, welch ein liebenswürdiger Mädchenkopf.
Atritia. Dein Staunen ist umsonst.
Ewald (für sich). Sanftmut lauscht in ihrem Auge--
Atritia. Täusche dich nicht.
Ewald (für sich). Und zeigt den Weg zu ihrem Herzen.
Atritia. Es ist zu fest verschlossen.
Ewald (für sich). Ich muß mein Glück benützen.
Atritia. Du kommst mir nicht herein, das sag' ich dir.
Ewald. Schönes Mädchen, eröffne doch die Pforte, ich will so leise über ihre Schwelle gleiten, als schlich' ein Seufzer über deine süßen Lippen.
Atritia. Er ist ein feiner Mann und hat mich süß genannt, nun kann ich ihm denn doch nichts Bittres sagen. Gern ließ' ich dich herein, doch darf ich nicht.
Ewald. Wer hat es dir verboten?
Atritia. Meine Muhme, sie sagt; du lassest keinen Mann mir über diese Schwelle treten. Es ist ein hart Gebot, doch muß ich es befolgen, sonst würd' ich gern in deiner Nähe sein, denn du gefällst mir wohl.
Ewald. Nun gut, so komm zu mir heraus. Hat sie dir denn gesagt, du darfst zu keinem Manne über diese Schwelle treten?
Atritia (unschuldig). Das hat sie nicht gesagt. Jetzt bin ich schon zufrieden und komm zu dir hinaus.
Neunte Szene. Ewald und Atritia.
Ewald. Noch nie hat mich der Anblick eines Mädchens so entzückt.
Atritia (hüpft heraus). Also hier bin ich, was hast du zu fragen?
Ewald. Ob du mich liebst?
Atritia. Wie kann ich dich denn lieben, ich weiß ja noch nicht, ob du liebenswürdig bist.
Ewald. Ja, wenn ich dir das erst erklären soll, dann hast du mir die Antwort schon gegeben.
Atritia. Bist du vor allem treu? Bekleidest du ein Amt? Bist du vielleicht ein Held? So geh hinaus und kämpfe mit dem Eber, und hast du ihn erlegt, so kehr' zurück und wirb um meine Hand.
Ewald. Ein Eber ist hier zu bekämpfen?
Atritia. Ein mächtig großer noch dazu. So groß fast wie ein Haus, so hat mir meine Angst ihn wenigstens gemalt.
Ewald. Hast du ihn schon gesehn?
Atritia. Ei freilich wohl, er nähert sich der Stadt, verwüstet alle Fluren und hat ein Mädchen erst zerrissen, das heute als die Schönste wär' gewiß erwählt worden.
Ewald. Ist heut dieses Fest?
Atritia. Ja, heute soll es sein, der Tempel ist schon reich geschmückt, und alle Mädchen dort versammelt, doch als der König eben sich dahin begeben wollte, im feierlichen Zug der Krieger, da kam die Nachricht schnell, daß sich der Eber zeigt und auf den Feldern wütet. Da ließ der König alles, was nur Waffen trug, zum blut'gen Kampfe gegen den Eber ziehn. Drum findest du die Straßen leer.
Ewald. Dann ist die höchste Zeit, daß ich zu Werke schreite. Ich bin ein Mann von Ehre und deiner Liebe wert, doch sag' mir, holdes Kind, wo find' ich wohl ein altes Weib mit sechzig Jahren, das noch so eitel ist, daß sie für schön sich hält?
Atritia. Wo finde ich sie nicht, so solltest du mich fragen, die gibt's wohl überall, das hab' ich oft gelesen. Obwohl die Frage nicht sehr artig ist, so wirst du gar nicht lange suchen dürfen, wenn du noch eine Weile mit mir sprichst, denn meine Muhme wird bald nach Hause kommen und dich von ihrer Tür verjagen.
Ewald. Ist sie so böse?
Atritia. Leider ja. Als meine Mutter starb, ward ich ihr übergeben und vieles Geld dazu. Sie mußte mich erziehen, das tat sie auch, doch von dem Gold, was ihr die Mutter hat für mich zum Heiratsgut vertraut, da will sie gar nichts wissen. Sie schlägt mich auch, wenn sie oft Langeweile hat, erst gestern noch, weil ich mich zu dem Feste schmücken wollte, das gab sie denn nicht zu, sie sagt, mich braucht kein Mann zu sehen. Das hat mich sehr geschmerzt, ich wünsche mir doch einen Mann, und wie soll mich denn einer frein, wenn mich nie einer sieht?
Ewald. Da sprichst du wahr, doch einer hat dich ja gesehn.
Atritia. Und das bist du. Doch wann wirst du mich wiedersehn?
Ewald. Ist es dein Wunsch?
Atritia. Ei frag' doch nicht, glaubst du, ich wär' zu dir herabgekommen, wenn du mir nicht gefallen hättest, du stündst noch lange vor der verschloßnen Tür, wenn du durch deinen Blick mein Herz nicht früher aufgeschlossen hättest. Doch jetzt leb' wohl und denk' darum nicht arg von mir, weil ich dir sag', daß ich dich liebenswürdig finde. Dafür werd' ich's auch keinem andern sagen mehr, und hab' es keinem noch gesagt.
Ewald. Bezauberndes Geschöpf, willst du mich schon verlassen?
Atritia. Ich muß, such' deine Alte nur, hörst du, und hast du sie gefunden (droht schalkhaft mit dem Finger), vergiß nicht auf die Junge! (Läuft ins Haus.)
Zehnte Szene. Ewald allein, dann Simplizius.
Ewald. Da läuft sie hin; Lucina, wenn ich Lohn von dir begehr', so ist es dieses Mädchens reizender Besitz.
Simplizius (ruft in der Luft). Bruaho!
Ewald. Wer galoppiert da durch die Luft? Das ist Simplizius auf einem Stier!
Simplizius (sinkt nieder). Halt' Er an! (Steigt ab.) So, da sind wir alle zwei. Nur wieder nach Hause ins Bureau! (Der Stier fliegt fort, Simplizius ruft nach.) Meine Empfehlung an die andern.
Ewald. Simplizius, wo nehmen Sie den Mut her, sich so durch die Lust zu wagen?
Simplizius. Geht Ihnen das was an? Haben Sie sich darum zu bekümmern? Kann ich nicht reiten, auf was ich will? Glauben Sie, weil Sie vielleicht auf einer flanellenen Schlafhauben herübergeritten sind, so soll ich meine Herkulesnatur verleugnen? Ah, da hat es Zeit bei den Preußen!
Ewald. Aber mit welchem Rechte?
Simplizius. Was, mit mir reden Sie von einem Recht, da kommen Sie an den Unrechten. Recht? Wollen Sie vielleicht einen Prozeß anfangen? Glauben Sie, ich bin ein Rechtsgelehrter, der sich links hinüber drehen läßt? Da irren Sie sich!
Ewald. Welch ein Betragen!
Simplizius. Was Betragen, wer wird sich gegen Sie betragen? Ich betrag' mich gar nicht, um keinen Preis.
Ewald (verächtlich). Gemeiner Wicht.
Simplizius. Keine Beleidigung, junger Mensch, wenn ich nicht vergessen soll, wer ich bin.
Ewald (lacht heftig). Das ist zum Totschießen.
Simplizius. Vom Totschießen reden Sie? Wollen Sie sich duellieren mit mir auf congrevische Raketen, oder sind Ihnen die vielleicht zu klein, so nehmen wir ein jeder ein Haus und werfen wir's einer dem andern zum Kopf, damit die Sach' ein Gewicht hat. Wollen Sie?
Ewald. Beim Himmel, wenn mich Lucina nicht gewarnt hätte, ich müßte ihn züchtigen.
Simplizius. Züchtigen? Ha, beim--wie heißt der Kerl?--Ha, beim Zeus, jetzt gibt's Prügel. (bricht mit dem Fuß einen Baumast entzwei und gibt ihm die Hälfte.) Nehmen Sie einen, die andern kommen nach.
Ewald. Was wollen Sie?