Die unheilbringende Krone (oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend)

Part 2

Chapter 23,739 wordsPublic domain

Kreon. So gern du, Göttin, magst nach deiner Heimat ziehn, So schmerzlich fällt es mir, die meinige zu fliehn. (Mit tiefer Rührung.) O du mein teures Reich, ich muß mich von dir trennen, Den rauhen Felsen nur kann meine Qual ich nennen. Wo lebt ein König wohl, der solches Leid getragen, Daß seinem Volke er kein Lebewohl darf sagen? O Echo, dessen Schall in allen Bergen tönt, Verkünd' das Trauerwort; leb' wohl, mein Agrigent. Nun folg' ich Göttin dir ins traumbeglückte Land, Verlaß mein wirkliches, aus dem man mich verbannt; Doch wenn die Wolken mir mein treues Volk verhüllen, Wird sich des Königs Aug' mit heißen Tränen füllen. Magst du den Schmerz als kleinlich auch betrachten, Er ist ein heil'ges Weh, du darfst ihn nicht verachten. (Er kniet vor ihr.)

Lucina (gerührt die Hand auf sein Haupt legend). Ich ehre tief dein Leid, es führt dich einst zum Lohne, Der Schmerz gehört der Welt, drum trägt ihn auch die Krone. (Hebt ihn auf.) Erhebe dich mein Fürst. (läßt ihn in den Wolkenwagen steigen.) Ein Thron soll dich umrauschen. (Die Wolke bildet einen Thronhimmel um Kreons Haupt.) Ist mir Fortuna hold, sollst du ihn bald vertauschen.

(unter zart klagender Musik schwingen sich beide langsam fort.)

Neunte Szene. (Romantische Gegend.)

(Vorne links ein kleines Häuschen mit einem Schilde, worauf eine goldene Schere gemalt ist. Diesem gegenüber eine natürliche Rasenbank, von einem Baum überschattet. Die Musik geht nach der Verwandlung in Simplizius' Ariette über.)

Simplizius (in bürgerlicher Kleidung). Ariette. 's gibt wenig, die so glücklich sind Wie ich aus dieser Welt, Ich hab' kein Weib und hab' kein Kind, Und hab' kein' Kreuzer Geld. Wenn ich auch keine Schulden hätt', Ich wüßt' vor Freud' nicht, was ich tät'. Ich will im voraus nicht stolziern, Mein Glück fängt erst recht an, Mir scheint, ich werd' mein Gwerb' verliern, Dann bin ich prächtig dran; Und 's Überraschendste wird sein, Wenn s' kommen werdn und sperrn mich ein.

Dann schau' ich um ein' Freund mich um, Der in der Not mich tröst', Der macht, daß ich aus d' Festung kumm, Da sitz' ich erst recht fest; Und wenn s' mich dort vielleicht noch schlagn, Das wär' ein Glück,--nicht zum Ertragn.

Ja, ja, mancher, der mich so reden hört, würd' sagen: O je, da kommt schon wieder einer daher, der lamentiert, daß er kein Geld hat und voller Schulden ist und daß er soll eing'sperrt werdn. O Jemine, das ist ein' alte G'schicht'. (Hochdeutsch.) Ja, wenn's aber nicht anders ist, was soll man denn machen? Es ist einmal so, ich hab' einmal kein Geld, und sie sperrn mich einmal ein, vielleicht auch zweimal, (lokal) und wenn das so fortgeht, so komm' ich aus dem Einsperren gar nicht mehr heraus. Ich bin ein rechtschaffener Mann, doch von was soll ich denn zahlen? Ich bin zwar der angesehnste Schneider hier im Ort, aber ich hab' nur eine einzige Kundschaft, und das ist mein Gläubiger, ein Weinhandler, der weint um seine fünfhundert Taler, so oft er mich anschaut. Jetzt bin ich ihm das Geld schon sieben Jahr' schuldig, er ist aber schon lang gezahlt, denn statt den Interessen hat er mit mir ausgemacht, daß ich ihm alles umsonst arbeiten müßt', was in seinem Haus ang'schafft wird. Da kommen aber die Leut' vom ganzen Dorf in sein Haus, lassen sich das Maß nehmen, ich muß ihnen umsonst arbeiten, und er laßt sich zahlen dafür. Da hab' ich einen Zimmerherrn drin--(deutet auf sein Haus, geheimnisvoll) der zahlt auch nichts. Ist ein Schmied, ein Reimschmied, schreibt jetzt gar ein Theaterstuck. Auf die Letzt bringt er mich noch in ein Stuck hinein, denn ich hör', jetzt können s' gar kein Stuck mehr aufführen, wo s' nicht was von ein' Schneider drin haben, und er gar, er schreibt eins, das heißt "Die getrennten Brüder", das wird doch aufs z'sam'nahn hinausgehn. Er erwartet immer das Geld von der Post, und jetzt ist ein so ein schlechter Weg, da bleibt's halt stecken. (Ruft zum Fenster hinein.) Guten Morgen, Monsieur Ewald, schon wieder fleißig? Scribendum!

Zehnte Szene. Voriger. Ewald.

Ewald (schlägt von innen auf den Tisch). So stören Sie mich doch nicht mit Ihrem unsinnigen Geschwätz. (Kommt heraus im einfachen Gehrock. mit einem Manuskripte, Tinte und Feder.) Es ist nicht möglich, daß ich einen vernünftigen Gedanken fassen kann, wenn Sie in meiner Nähe sind. Gehen Sie doch hinein, ich will hier schreiben.

Simplizius. Schreiben Sie, wo Sie wollen und an wen Sie wollen, aber sein Sie nicht unartig mit mir.

Ewald. Lieber Hausherr, nehmen Sie meine Heftigkeit nicht so auf, Sie sehen, ich bin ein Dichter, ein begeisterter Mensch. Wenn man in Jamben arbeitet, Sie verstehen das nicht so, es sind fünffüßige Verse.

Simplizius. Ja, das ist ja eben das Unglück, wenn die Vers' eine Menge Füß' haben und kein' Kopf. Das tragt nichts ein, ich wollt', ich hätt' so viel Füß', als Ihre Schlampen oder Jamben, was Sie da schreiben, ich war' schon lang davon g'loffen, auf meine kann ich mich nicht mehr verlassen.

Ewald. Sie sprechen dummes Zeugs, lassen Sie mich ungestört. (Er setzt sich auf die Rasenbank und überlegt.) Der letzte Akt, mir fehlt's an Stoff.

Simplizius. Mir auch, wenn ich so ein paar hundert Ellen Gros de Napel hätt', ich wollt' Ihnen Ihre Getrennten schon herausstaffiern.

Ewald. Nun hab' ich aufhören müssen. Jetzt ist der ganze Dialog zerrissen.

Simplizius. Ich wollt', es wär' alles z'rrissen, so krieget ich doch ein' Arbeit.

Ewald (aufspringend). Aber lieber Meister, wenn Sie einen Rock zuschneiden, so wünschen Sie doch ungestört zu sein.

Simplizius. Nun, Sie werd'n doch erlauben, daß es ein' andere Aufgab' ist, wenn ich einen Rock zuschneid', als wenn Sie da eine halbe Stund' nachdenken, und hernach fallt Ihnen erst nix ein. Wenn Sie einen Vers um ein paar Ellen zu lang machen, so streichen Sie s' halt weg, aber wenn ich einen Ärmel um eine halbe Ellen zu kurz mach', (er streift seinen Rockärmel hinauf) was g'schieht denn hernach?

Ewald (stampft mit dem Fuße). Zum letzten Male rat' ich es Ihnen, mich ungestört zu lassen, oder Sie werden mich wütend machen.

Simplizius (verschroben). Nu, nu, nur nicht so heftig, meine schwachen Nerven bitt' ich zu verschonen. Überhaupt zwingen mich verhältnislose Umstände, mit Ihnen tragisch zu reden. Ich kann zwar nichts gegen Sie sagen, Sie sind ein ordentlicher Mann, Sie bleiben mir meinen Zins schuldig, wie es sich g'hört. Aber Sie sind ein Dichter, der sehr schöne Ideen hat, warum kommt Ihnen denn nicht auch die Idee, mich zu bezahlen?

Ewald. Sie sollen Ihr Geld erhalten.

Simplizius. Ja wann? ich werd' heut noch eing'sperrt.

Ewald. Warum?

Simplizius. Weil ich blessiert bin und nicht ausrucken kann. (Deutet aufs Zahlen.) Wenn aber das geschieht, wenn sie mich einsperrn, Herr von Ewald--Sie sind mir schuldig, ich gebrauch' mein Recht, Sie müssen zu mir hinein. Wir sind Männer, wir werden unser Schicksal zu ertragen wissen. (Geht gravitätisch ab ins Haus.)

Elfte Szene.

Ewald (allein). Ha, ha, ha, ein gutmütiger Mensch, wenn er nur nicht so unerträglich einfältig wäre, mich dauert seine mißliche Lage. Morgen erhalte ich die Hälfte meines Honorars, davon will ich ihn unterstützen. Doch jetzt sei wirksam, Geist. (Dichtend.) Sechzehnte Szene, Gefängnis, Artur allein.

Warum muß ich im finstern Turm hier hausen, Um den des Meers geschäftige Wellen brausen; Ach, während Liebe stillt ihr froh Verlangen, Hält mich der Haß hier trauervoll gefangen. O Schutzgeist, der du meinem Traum dich zeigst Und sanft dein Haupt zu mir hernieder neigst, Leit' mich aus meines Kerkers düstern Bann, Daß ich statt nutzlos sinnen, handeln kann.

Zwölfte Szene. Voriger. Lucina ist während Ewalds Rede unter sehr leisen sanften Tönen auf Wolken niedergesunken. Ein Genius trägt eine Fackel.

Lucina. Wenn du willst des Gedichtes Sinn auf dich beziehn, So kann ich deines Wunsches regen Drang erfüllen, Du sollst mit mir nach weit entfernten Landen ziehn Und des Verlangens Glut im Tatenstrome kühlen. Zu hohem Werken hab' ich deinen Mut erkoren, Weil ich dein Herz und deinen Geist als rein ersehn.

Ewald. O glanzentzücktes Aug', zu seltnem Glück geboren, Daß du so holder Göttin Reize darfst erspähn.

Lucina. Erstaune nicht, entwirf kein Bild von meinen Reizen, Du bist zur Rettung eines mächt'gen Reichs erwählt, Der Auftrag sei genug, um mit der Zeit zu geizen, Drum werd' dir auch von mir das Nöt'ge nur erzählt. Dich sollen Wolken nach Massanas Strande tragen, Ein Land, in welchem Unglück heult in jedem Haus, Und das vom Meer verschlungen wird in wenig Tagen, Dort gibst du dich für einen Weisen aus, Entstammend aus Ägyptens heil'gen Pyramiden, Der nach Massana kommt, um dieses Land zu retten. Und wenn der König enden will den Lauf hienieden, Vergoldest du des Todes fürchterliche Ketten Und forderst erst für diesen Dienst des Reiches Krone.

Ewald. Wodurch ich dies vollbring', kann ich noch nicht ergründen.

Lucina. Nimm diese Fackel hier, sie flammt in jeder Zone, Wenn du sie kräftig schwingst, wird sie sich selbst entzünden, Den Gegenstand, auf den du ihren Strahl willst leiten, Wird zephirleicht in ihrem Zauberlicht verrinnen, Narkot'sche Wohlgerüche um sich her verbreiten, Und die Gestalt, die du ihm leihen willst, gewinnen. Er wird im wundervollsten Rosenlicht sich zeigen, Wie ihn die zartste Phantasie nur könnte malen, Daß sich die Herzen alle liebend vor ihm beugen, Und sanfte Rührung wird aus jedem Auge strahlen. (Gibt ihm die Fackel.) Verwahr' sie wohl, du wirst sie einst noch dankbar preisen, Wenn tröstet dich ihr welterfreunder Wunderschein, Doch nicht allein darfst du die Rettungsbahn durchreisen, Dem kühnen Mut muß bange Furcht zur Seite sein. Du wirst wohl selbst wo einen feigen Dümmling kennen, Den eines Sperlings leises Rauschen schon erschreckt.

Ewald. Da kann ich dir, o Göttin, keinen bessern nennen, Als jenen Mann, der sich vor deinem Anblick scheu versteckt. (Deutet auf Simplizius ins Haus.)

Lucina. Nun wohl, du magst mit ihm die Sache selbst verhandeln.

Ewald. Er ist mir schon gewiß, ich weiß, was ihn bewegt.

Lucina (zeigt auf einen Fels). Die Fackel wird den Stein in leichten Nebel wandeln, Der euch im schnellen Flug durch blaue Lüfte trägt. Du übst, wie ich's befahl.

Ewald. Dies kann ich hoch beteuern.

Lucina. Wohlan, ich will voraus hin nach Massana steuern. (Fliegt ab.)

Dreizehnte Szene. Ewald (allein.)

Dies ist ein Auftrag doch, der eines Dichters würdig, Weil echte Poesie nach einer Krone strebt, Selbst Göttern ist durch hohen Schwung sie ebenbürtig, Der über Sonnen sie zu Jovis Thron erhebt. Mein Geist ist klein, mein Wirken nur ein ungeweihter Traum. Drum wird die Kron', die ich heut wage zu begehren, In Nichts zerfließen, wie der Woge flücht'ger Schaum, Nur daß ich sie gewollt, wird mir noch Lohn gewähren. Und wer wird nicht mit Lust von goldnen Dingen träumen, Kann er darüber arme Wirklichkeit versäumen? (Ab ins Haus.)

Vierzehnte Szene. (Kurzes Zimmer mit schlechten Möbeln, ein Tisch mit Schreibgeräte, an der Wand hängen einige schlechte Kleidungsstücke, Maß und ein paar abgeschabte Bilder. Rechts eine Seitentür, links ein kleines Fenster.)

Simplizius. Jetzt wird's nicht mehr lang dauern, so wird die achtzigpfündige Kanone meines Unglücks losgehn. Vor Angst krieg' ich noch das gelbe Fieber, das schwarze hab' ich so in allen Taschen schon. Wie spät wird's denn schon sein. Ich könnt's gleich wissen, ich dürft' nur auf die Uhr schauen, die ich vor zwei Jahren versetzt hab'. Um halb zwölf Uhr kommt der Weinhandler, der wird mich anzapfen um sein Geld, und wenn ich ihn nicht zahlen kann, so heißt es; Marsch nach Kamtschatka.

Fünfzehnte Szene. Voriger. Ewald.

Ewald. Freude, Freude, lieber Simplizius!

Simplizius. Ja, ja, das wird eine mordionische Freud' werden, bei Wasser und Brot.

Ewald. Nein, lieber Simplizius, wir wollen fort von hier in ein fernes Reich.

Simplizius. Ins Reich hinaus? Da war ich schon, im Nürnbergischen.

Ewald. Nicht doch, eine reizende Göttin hat mich und Sie zur Rettung eines Königreichs bestimmt.

Simplizius. Mich?

Ewald. Ja. Sie. Goldgesäumte Wolken werden uns dem gemeinen Leben hier entrücken und uns in ein herrlich Land hintragen. Lassen Sie Ihren Gläubiger hier rasen, er hat ja ohnehin nichts mehr zu fordern. Machen Sie sich reisefertig, Sie sind zu großen Dingen bestimmt.

Simplizius. Zu was für ein'?

Ewald. Das weiß ich nicht, ich weiß nur, daß es eine Krone gilt.

Simplizius. Und die soll ich erretten? Nun, das wird gut ausfallen. Sie verkennt mich.

Ewald. Nein, sie hat Sie ja gesehen und Ihren Mut belobt.

Simplizius. Die Göttin? Ah, das ist göttlich! Aber weiß sie denn, daß ich--

Ewald. Was?

Simplizius. Nu. (Macht die Pantomime des Nähens.)

Ewald. Versteht sich, alles weiß sie. Kommen Sie nur.

Simplizius. Ich soll ein Land erretten? Ich kann mir's gar nicht anders vorstellen, als daß das Land durch Unruhen zerrissen ist, und ich muß's zusammenflicken. Oder sie fürchten sich, daß das Land erfriert, und ich muß ihm einen Pauvre machen. Und auf einer Wolken sitzen wir, da fallen wir ja durch.

Ewald. Bewahre, sorgen Sie sich nicht.

Simplizius. Nun Sie, wenn wir heut durchfalleten, das wär' weiter keine Schand'. Mir ist jetzt schon, als wenn ich aus den Wolken g'fallen wär'.

Ewald. Ich steh' Ihnen für alles.

Simplizius. O, Sie sind ein gutes Haus. Was haben S' denn da für eine vergoßne Kerzen?

Ewald. Das ist eben unsere Wunderfackel. Was ich durch sie bestrahlt wissen will, erscheint nach meinem Wunsche in der herrlichsten Gestalt, und rosiger Nebel wird das Auge eines jeden lieblich täuschen.

Simplizius. Was sie jetzt alles erfinden, um die Leut' hinters Licht z' führen, das geht über alles. Na wegen meiner, ich bin dabei, ich sitz' doch lieber auf einer Wolken als im Arrest. Also gehn wir. (Sieht durchs Fenster.) Ums Himmels willen, dort kommt der Weinhandler, und zwei Schutzgeister hat er bei ihm, mit klafterlange Spieß'.

Ewald. Fatale Sache, was beginn' ich jetzt?

Simplizius. Monsieur Ewald, mir fallt aus Angst etwas ein. Probieren wir die Fackel, richten wir das Zimmer prächtig ein, tapezieren wir's aus. Vielleicht bekommt der Weinhandler einen Respekt und glaubt, er kriegt sein Geld. Warten Sie, ich sperr' die Tür indessen zu, daß er nicht gleich herein kann. (Tut es.) Wenn er nur unterdessen abführ'. bis wir ihm ganz abfahren.

Ewald. Kein übler Gedanke, das geht nicht so leicht, er wird fragen, wo wir die schönen Möbel her haben. Dann wird ihm die Fackel auffallen. Still!

Riegelsam (klopft von außen). Nur aufgemacht. Ich weiß, daß Er zu Hause ist.

Simplizius. Gleich, gleich. (Heimlich.) Was tun wir denn?

Ewald (ebenso). Geben Sie mich für einen Engländer aus, dem die Möbel gehören, und der für Sie zahlen will.

Riegelsam. Ich schlag' die Tür ein, wenn Er nicht aufmacht.

Simplizius. Richtig, fangen Sie nur zum möblieren an. (Ruft.) Nur warten.

Riegelsam. Warten? Du verdammter Bursch', wart' du auf meinen Stock, wenn ich hineinkomm'.

(Ewald hat indessen die Fackel geschwungen, die sich selbst entzündet.)

(Musik.)

Auf einen Schlag verwandelt sich das schmutzige Zimmer in ein herrlich gemaltes und reich möbliertes. Grosse Gemälde mit goldenen Rahmen, nebst einer schönen Wanduhr präsentieren sich. So verwandeln sich auch die Türen, das Fenster, Tisch und Stühle. Das ganze zeigt sich jedoch im bleichen Rosenlichte

Simplizius. Mich trifft der Schlag, das wird doch ein schöner Betrug sein. Ich glücklicher Mensch, das g'hört alles nicht mein.

Ewald (steckt die Fackel an die Wand, wo der Schreibtisch steht, setzt sich schnell und stützt das Haupt auf die Hand). Nun öffnen Sie, sagen Sie, ich dichte und wollte ungestört bleiben, und Sie hätten geschlafen.

Riegelsam. Brecht das Schloß auf. (Sie schlagen an die Tür, Simplizius öffnet.)

Simplizius. Ist schon offen.

Sechzehnte Szene. Vorige. Riegelsam (ein sehr dickleibiger Mann von heftigem Temperament).

Riegelsam (noch in der Tür). Aufmachen kann er nicht, aber Schulden machen kann er. Wart', du verdammt--(er tritt herein, zwei Gerichtsdiener halten an der Tür Wache, Riegelsam steht erstarrt.) Was ist das für eine maliziöse Pracht? Ich erstaune. Wem gehört das Amöblement?

Ewald (rasch aufspringend). Mir!

Riegelsam. Ihnen? Ah, allen Respekt.

Ewald. Also schließen Sie Ihren Mund. (Setzt sich nieder und schreibt fort.)

Riegelsam.. Was Mund schließen? Um fünfhundert Taler kann man den Mund gar nicht weit genug aufmachen.

Simplizius. Wenn er nur die Mundsperr' bekäm', daß er ihn gar nicht mehr zubrächt'.

Riegelsam. Nichts wird g'schlossen, als der--(auf Simplizius deutend) der wird g'schlossen--kreuzweis'. Wie steht's, liederlicher Patron, wird gezahlt oder nicht?

Simplizius. Ja, es wird gezahlt.

Riegelsam. Wer zahlt?

Simplizius. Ich nicht.

Riegelsam. Gerichtsdiener! (Sie treten vor.)

Ewald. Halt! (Springt auf.) Ich bezahle. (Setzt sich wieder und schreibt.)

Riegelsam. Wirklich? Allen Respekt. Wer ist dieser Herr?

Simplizius. Ein vacierender Lord.

Riegelsam. Und wohnt in diesem miserablen Haus?

Simplizius. Spleen.

Riegelsam. Warum schreibt er denn bei einer Fackel am hellichten Tag?

Simplizius. Spleen.

Riegelsam. Und was krieg' ich denn für meine Schuld?

Simplizius. Spleen.

Riegelsam. Geh Er zum Henker mit seinem Spleen. (Beiseite.) Wenn ich nur die schönen Möbel haben könnt', ich bin ganz verliebt in sie. (Laut.) Also was soll's sein? Entweder meine fünfhundert Taler, oder ich lass' das Zimmer ausräumen.

Simplizius. Da kriegt er auch was rechts.

Ewald. Herr, unterstehen Sie sich nicht, sich meines Eigentumes zu bemächtigen. In diesem Zimmer bin ich Herr, weil ich es gemietet habe, und wenn Sie es nicht zur Stelle verlassen, so werd' ich mein Hausrecht gebrauchen und Sie zum Fenster hinauswerfen.

Riegelsam. Welch eine Behandlung? Was soll das sein? (Sieht Simplizius fragend an.)

Simplizius (gleichgültig). Spleen.

Riegelsam. Halt' Er sein Maul mit seinem verflixten Spleen. Sie haben sich angeboten zu bezahlen, tun Sie es, ich bin bereit.

Ewald. Ich noch nicht, in einer Stunde sollen Sie Ihr Geld erhalten, ich erwarte die Post. Entfernen Sie sich jetzt und kommen Sie in einer Stunde wieder.

Riegelsam. Hat auch kein Geld, nichts als Spleen.

Simplizius. Ein splendider Mann.

Riegelsam. Aber die schönen Möbel, diese herrlichen Möbel. Gut, ich geh', aber die Wach' bleibt hier.

Simplizius Ich seh' mich schon im Loch.

Ewald. Impertinent, den Augenblick mit der Wache fort, oder Sie bekommen keinen Heller von Ihrer Schuld.

Riegelsam. Nicht? So lass' ich ihn einsperren. (Auf Simplizius zeigend.)

Ewald. Nur fort mit ihm, das ist das beste, was Sie tun können.

Simplizius (erschrocken). So ist's recht, das wäre schon das beste bei ihm.

Riegelsam (beiseite). Es ist ihm nicht beizukommen, ich möcht' rasend werden. Aber die schönen Möbel allein könnten mich verführen.

Simplizius. Ah, wenn Sie s' erst im rechten Licht sehen werden, denn sein' Fackel blendt einen ja.

Riegelsam. Sind sie da noch schöner?

Simplizius. O, da kann man sie gar nicht sehn vor lauter Schönheit.

Riegelsam. Gut, die Wach' soll sich entfernen, unter der Bedingung, daß Sie mir diese Möbel verschreiben.

Simplizius (heimlich erfreut). Beißt schon an.

Riegelsam. Wenn ich in einer Stunde mein Geld nicht erhalte, gehören sie mir.

Simplizius (heimlich freudig). Haben ihn schon!

Ewald. Mein Wort darauf.

Riegelsam. Nichts, das muß schriftlich sein, nur aufsetzen, alles schriftlich.

Simplizius (heimlich). G'hört schon uns!

Ewald (schreibt). Also alles was sich in diesem Zimmer befindet?

Simplizius Bis auf uns, denn er wär' imstand, er nehmet uns auch dazu. Das ist gar ein Feiner.

Riegelsam. So ein miserables Möbel, wie Er ist, kann ich nicht brauchen. Still. Euer Hoheit geruhen zu unterschreiben.

Ewald. Hier.

Riegelsam. Auch der Schneider.

Simplizius (tut es für sich). Du wirst dich schneiden.

Riegelsam (frohlockend). Bravo, jetzt bin ich in Ordnung.

Simplizius. Das ist ein glücklicher Kerl, jetzt hat er einen Fang gemacht.

Riegelsam (zur Wache). Ihr könnt nach Hause gehn.

(Wache ab.)

Simplizius. Ah, weil nur die Garnierung von der Tür' weg ist.

Ewald. Nun gehen Sie auch!

Riegelsam. Ich? Was fallt Ihnen ein, ich bleib' hier, bis das Geld ankommt.

Ewald. Welch eine Eigenmächtigkeit! Ich muß fort, das Geld zu holen, ich habe Eile.

Simplizius. Freilich, bei uns geht's auf der Post. (Für sich.) Wir fahren ja ab.

Riegelsam. Das können Sie machen, wie Sie wollen. (Setzt sich in einen Stuhl.) Mich bringt einmal niemand aus diesem Zimmer fort. Ich muß meine Möbel bewachen, kein Stück darf mir davon wegkommen. Tausend Element!

Ewald (zu Simplizius heimlich). Das ist eine schöne Geschichte, was tun wir jetzt?

Simplizius. So lassen S' ihn sitzen, wir nehmen unsre Fackel, gehn hinaus, sperren ihn ein und er soll seine Möbel bewachen.

Ewald. Ein delikater Einfall. (Nimmt die Fackel von der Kulisse.) Nun wohl, bleiben Sie hier und haften Sie mir für alles.

Simplizius. Und geben Sie acht, daß Ihnen nichts wegkommt, sonst müssen Sie's zahlen.

(Ewald und Simplizius gehen schnell hinaus und sperren die Tür zu. Wie die Fackel ans dem Zimmer ist, verwandelt sich dasselbe wieder in die arme Stube.)

Siebzehnte Szene. Riegelsam (allein, springt auf und sagt im höchsten Erstaunen). Blitz und Donner, was ist das für eine Bescherung? Bin ich in eine Zauberhöhle geraten? Wo sind die Möbel hingekommen? Die schöne Uhr, die herrlichen Bilder. Alles ist fort, Fetzen sind da. (Zerreißt die Kleider.) Nichts als Fetzen sind da und die Lumpen sind fort. Ha! Ich muß ihnen nach.--Die Tür ist verriegelt, ich kann nicht hinaus, ich erstick' vor Wut. Meine fünfhundert Taler. (Sinkt in den Stuhl.)

Simplizius (sieht zu dem kleinen Fenster herein). Freund, die sind verloren.

Riegelsam. O du Hexenmeister, wirst du hereinkommen! Schaff' mir meine Möbel her!

Simplizius. Wollen Sie s' nochmal sehn? (Hält die Fackel zum Fenster herein.) Da sind sie! (Das Zimmer wird wie vorher reich möbliert.)

Riegelsam (stürzt mit ausgebreiteten Armen darauf hin). Halt, jetzt lass' ich sie nicht mehr aus.

Simplizius (zieht die Fackel zurück).

(Schnelle Verwandlung.)

Simplizius. Halten Sie s' fest.--So rächt sich Simplizius, der Verschuldete.

Achtzehnte Szene. Riegelsam (der bei der Verwandlung betroffen zurückfuhr, springt nun wütend auf das Fenster zu, welches Simplizius ihm vor der Nase zuschlägt). Spitzbuben! Gesindel! Räuber! Mörder! Dieb'! (Schlägt die Fensterscheiben ein.) Ich zerplatz' vor Zorn. Ich muß ihnen nach. (Will zum Fenster hinaus und bleibt stehen.) Ich kann nicht durch, ich bin zu dick, ich erstick'! Was seh' ich! O höllische Zauberei, sie fliegen auf einer Wolken davon. Die prächtigen Kleider, der Schneider strotzt vor Silber, wenn ich s' ihm nur herabreißen könnt'. Meine fünfhundert Taler. Ich werd' unsinnig, ich spreng' mich in die Luft. Nein, ich spreng' die Tür' ein. (Er tut es.) Hilfe! Hilfe! Räuber! Dieb'! Wache! (Ab.)

Neunzehnte Szene. (Großer Platz in Massana, im griechischen Stil erbaut. Seitwärts der königliche Palast. Stufen führen aufwärts, auf welchen der Genius des Todes, ein bleicher Jüngling mit der umgekehrten ausgelöschten Fackel, mit geschlossenen Augen sitzt. Viele Personen in Trauer, viele nicht, gehen händeringend herum über die Straße.)

Kurzer Chor. Jammer, sag', wann wirst du scheiden, Von Massanas Unglücksflur; Große Götter, hemmt die Leiden, Eure Macht vermag es nur.

(Gehen trauervoll ab.)

Zwanzigste Szene. Lucina (kommt und betrachtet mit Wehmut den Palast). Genius des Todes.

(Die ganze Szene muß von beiden Seiten langsam und feierlich gesprochen werden.)