Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen

Chapter 9

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Die Fliegen schlagen Sie tot? Sind Sie verrückt, Mensch? Wo wir bis an den Hals in Arbeit stecken!

_Abendrot_

Ich hab' ja bei der Denkmalsenthüllung nix zu tun, Herr Bürgermeischter.

_Karinkel_

Scheren Sie sich an die Arbeit. Und wenn Sie nichts zu tun haben, dann tun Sie wenigstens so, als ob Sie was zu tun hätten. Das fordert die Würde des Amtes. Der Professor Mettenschleicher muß jeden Moment kommen, -- was soll er sich denken, wenn Sie Allotria treiben.

_Abendrot_

Isch scho guet, Herr Bürgermeischter ...

_Karinkel_

Keine Widerrede! Diese Biederkeit, diese ewige Treuherzigkeit! wie sie mir auf die Nerven geht! Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, und der Mensch schlägt Fliegen tot. (Es klopft.) Herein!

_Mettenschleicher_

(tritt ein; ein großer, würdevoll aussehender, schwarzbärtiger, seriöser Mann, ebenfalls im Frack)

Guten Morgen.

_Karinkel_

Guten Morgen, lieber Professor. Wie geht's? wie steht's? Gut geschlafen? gut geträumt? Hat unser bescheidenes Hotel Ihren Ansprüchen genügt? Oder haben Sie irgend welche Rekriminationen? Ich lege großen Wert darauf, daß es Ihnen bei uns gefällt.

_Mettenschleicher_

Danke, ich bin zufrieden. In so einem Städtchen wird mir immer behaglich zumut.

_Karinkel_

Na, na, Professor ... Städtchen ...

_Mettenschleicher_

Nun ja, es ist doch eine sehr kleine Stadt ...

_Karinkel_

Eine sehr kleine Stadt? -- Eine kleine Stadt, das eher. Aber es ist gut, daß Sie sich wohl fühlen. Man hat nicht oft die Freude, einen so berühmten Meister bewirten zu dürfen. Noch dazu bei so feierlichem Anlaß ...

_Mettenschleicher_

(steif)

Zu viel Ehre.

_Karinkel_

Sagen Sie mal, verehrter Professor, um unser gestriges Gespräch fortzusetzen ... (Zögert, da er sich der Gegenwart Abendrots erinnert.) Gehen Sie hinüber in den Schwan, Abendrot, und bestellen Sie mir ein Gabelfrühstück. Fragen Sie, -- aber fragen Sie Herrn Gumpelmaier selber -- was man haben kann. Etwas Warmes natürlich. Am liebsten etwas vom Kalb.

_Abendrot_

Oder vielleicht Schweinsrippche?

_Karinkel_

(tiefsinnig)

Schweinsrippchen ... nicht übel. Schweinsrippchen oder Kalbsherz. Auch saure Nieren wäre eine Idee. Beraten Sie sich nur mit Herrn Gumpelmaier, der kennt meinen Geschmack. Der Kellner soll laufen, damit die Sache unterwegs nicht kalt wird. Dann gehn Sie in die Redaktion des Tagesboten und fragen Sie Herrn Bienemann, ob er meine Rede schon fertig hat. Er soll sich sputen, um zwölf Uhr kommt der Prinz, da muß alles auf dem #qui vive# sein.

_Abendrot_

Isch guet, Herr Bürgermeischter. (Ab.)

_Karinkel_

(seufzend)

Du lieber Gott, bis man so der schwerfälligen Welt Beine macht, Professor --! (Knipst, eilig zur Tür, ruft.) Hallo! -- Abendrot! -- Abgebratene Kartoffel soll er mitschicken! Wie? Sie Esel! Der Schwanenwirt natürlich. (Kehrt zurück, abermals seufzend.) Ein Mann, der nur für sich selber verantwortlich ist, ist ein glücklicher Mann.

_Mettenschleicher_

Wir dienen alle dem öffentlichen Wohl, Verehrtester. Jeder auf seine Weise.

_Karinkel_

Aber nicht auf jeden sind beständig die Augen des Publikums gerichtet, teurer Freund. So wie auf Sie und auf mich. Wenn ich noch einmal auf die Welt käme, -- wissen Sie, wonach es mich gelüsten würde? (Ausdrucksvoll.) Es würde mich darnach gelüsten, das Leben eines einsamen, unverheirateten Privatgelehrten zu führen. Was brauchte ich da Belobungen? Anerkennung von unten oder von oben? -- Da hätte man sein Genügen in sich selber, da hätte man keinen Orden nötig. In meiner Position freilich muß ich dergleichen haben, um meinen Mitbürgern den Beweis zu liefern, daß ich ihres Vertrauens würdig bin.

_Mettenschleicher_

Zweifellos. Sie sind ja auf dem besten Weg --

_Karinkel_

(erregt)

Es besteht also Aussicht --?

_Mettenschleicher_

Gewiß. Man muß es nur delikat behandeln ...

_Karinkel_

Wissen Sie, was ich mir überlegt habe, Professor? Ich könnte ja, falls man mir den Michaelsorden verweigert, auch mit dem Friedrichsorden vorlieb nehmen.

_Mettenschleicher_

(vornehm belustigt von solcher Unwissenheit)

Der Friedrichsorden steht keineswegs niedriger im Rang als der Michaelsorden, mein lieber Bürgermeister. Der eine wie der andere wird nur dann verliehen, wenn sich der Betreffende in hervorragender Weise verdient gemacht hat.

_Karinkel_

(in wachsender Erregung)

Seit zwanzig Jahren mache ich mich verdient, Professor. Ich tue ja überhaupt nichts anderes. Ich habe eine elektrische Beleuchtung, eine Wasserleitung, ein Findelhaus, einen Veteranenverein geschaffen; ich habe die Fortschritte der Sozialdemokratie nach Kräften aufgehalten, ich habe niemals und nach keiner Seite hin Anstoß erregt, weder bei der Geistlichkeit, noch bei der Regierung, -- aber man kann sich doch nicht ausbieten! -- Man hat doch seinen Stolz! Man wirkt in der Stille -- und hofft, daß es bemerkt wird.

_Mettenschleicher_

Alterieren Sie sich nicht, lieber Freund.

_Karinkel_

Ich würde mich nicht beklagen, wenn es mir an loyaler Gesinnung gefehlt hätte. Denn ich begreife, daß die höchsten Kulturtaten nicht ins Gewicht fallen, wenn die loyale Gesinnung mangelt --

_Mettenschleicher_

Freilich. Die loyale Gesinnung, die wird vorausgesetzt. Wohin kämen wir denn sonst!

_Karinkel_

Das sagt sich leicht --: vorausgesetzt. Aber bis man sie erwirbt, bis man sie sozusagen einkeltert, damit sie süß und schmackhaft bleibt in all den Jahren, das ist nicht so einfach. Und nun habe ich noch dieses Denkmal gebaut --

_Mettenschleicher_

Eben. Das war dringend nötig. Es gibt kaum mehr eine deutsche Stadt, die nicht ihre marmorne Attraktion hätte, wenn ich mich so ausdrücken darf. Man ist höhern Orts sehr geneigt, solche Bestrebungen, soweit sie sich auf die Kunst beziehen, zu unterstützen. Sie sänftigen die Sitten, sie lenken die Instinkte des Volkes nach ungefährlichen Regionen.

_Karinkel_

Ehrlich gesagt, es ist ein Sorgenkind, dieses Denkmal --

_Mettenschleicher_

Warum denn? Lassen Sie sich nur nicht irre machen ...

_Karinkel_

Sie haben mich ja so weit gebracht, Professor ... Ihrer Energie haben wir es ja zu danken, daß ...

_Mettenschleicher_

Nun ja, ich fand es dringend geboten, daß auch Sie in diesem stillen Winkel Ihr Scherflein beitragen zur Vermehrung der nationalen Ideale.

_Karinkel_

Das klingt sehr hübsch --

_Mettenschleicher_

Erlauben Sie, das sind tiefste Lebensüberzeugungen!

_Karinkel_

Allerdings --

_Mettenschleicher_

Heraus mit der Farbe! Weshalb sind Sie so kleinlaut, heute, an Ihrem großen Tag?

_Karinkel_

Es wird von gegnerischer Seite behauptet, -- haben Sie nicht den Ochsenfurter Anzeiger gelesen? Da steht es drin --

_Mettenschleicher_

Ich lese solche Käsblätter nicht. Was steht drin?

_Karinkel_

Daß wir dem Hockenjos das Denkmal nur aus Wichtigtuerei errichtet haben ...

_Mettenschleicher_

Das ist der Neid.

_Karinkel_

Und daß es eine Blamage sei.

_Mettenschleicher_

Die Wühler muß man wühlen lassen.

_Karinkel_

Und daß der Hockenjos gar nicht in Neuguinea gewesen ist und daß er gar nicht bei der Expedition des Doktor Rittersteig war und daß er infolgedessen auch nicht von den wilden Papuanern erschlagen worden ist. Im Gegenteil, so behaupten diese Schurken, er sei in einer australischen Matrosenkneipe bei einem Raufhandel umgekommen.

_Mettenschleicher_

Leeres Geschwätz.

_Karinkel_

Na ja, ein Säufer _war_ ja der Kerl. Der Wahrheit die Ehre.

_Mettenschleicher_

Es ist vollkommen gleichgültig, was der Hockenjos _war_. Die Hauptsache bleibt, daß er tot ist. -- Was sagt denn Bienemann zu diesen Sudeleien? Er hat doch damals die Nachricht von dem Ende des Hockenjos zuerst gebracht ...

_Karinkel_

Ach, mit dem Bienemann weiß man nie, wie man dran ist. Ich fürchte, er glaubt gar nicht an das Genie von dem Hockenjos.

_Mettenschleicher_

Es ist das Kennzeichen eines guten Journalisten, daß er in einem solchen Fall eine Sache umso überzeugender vertritt.

_Karinkel_

Und ich selbst habe auch meine Zweifel ...

_Mettenschleicher_

Glauben Sie denn, lieber Freund, daß der Ruhm anders fabriziert wird als auf diese Art? Neun Zehntel unserer Berühmtheiten verdanken ihren Glanz dem Notizenmangel einer Zeitung oder dem Hang nach Redensarten, der in den Leuten von der Feder steckt. Es ist nicht meines Amtes, das wirkliche Verdienst vom erlogenen zu trennen. Ich denke, es liegt eine viel höhere Sendung darin, die häßliche Realität in einen angenehmen Schein zu verwandeln. Je verworfener, unwürdiger und unfähiger dieser Hockenjos in Wirklichkeit war, desto mehr Grund für uns, der Welt ein so trauriges Faktum vorzuenthalten und sein Bild zu veredeln. Wenn man einem Menschen wie Hockenjos ein Denkmal setzt, geschieht es nur, um seine wirkliche Gestalt zu verschleiern. Dadurch eben bereichert man den Bestand an nationalen Idealen.

_Karinkel_

Na ja, seine Gestalt mögen Sie am Ende verschleiern, aber die Bilder, die der Kerl gemalt hat, die können Sie nicht verschleiern. Wir haben ja eine Ausstellung veranstaltet, und was ich da von den hiesigen Damen zu hören bekommen habe, -- wahrhaftig, der ganze Appetit auf die Kunst ist mir vergangen. Schamlose nackte Weiber hat er gemalt. Die können Sie doch nicht verschleiern.

_Mettenschleicher_

Wenn ein Künstler tot ist, verlieren seine Arbeiten den moralischen Charakter, wenn ich mich so ausdrücken darf. Schamlos waren die Weiber eigentlich nicht, nur nackt waren sie. Aber wer wird schließlich darnach fragen, was für Bilder der Hockenjos gemalt hat, wenn er vor seinem Denkmal steht? Keine Katze wird darnach krähen.

_Karinkel_

Kein Hahn, meinen Sie ...

_Mettenschleicher_

Kein Hahn, natürlich. Sie können sich in diesem Punkt getrost meiner Erfahrung überlassen, lieber Bürgermeister. Der Umstand, daß Hockenjos tot ist, verschafft ihm einen unbeschränkten Kredit an guter Meinung. Ich kannte eine ganze Reihe von Idioten, die bloß dem Zufall, daß sie gestorben waren, Bewunderer und Anhänger zu verdanken hatten. Dem Publikum sind nämlich die Künstler so ungeheuer gleichgültig, daß man ihm, wenn einer stirbt, weismachen kann, was man will.

_Karinkel_

Ich verstehe nicht viel von der Kunst, aber das eine muß man doch von ihr fordern: daß sie den Menschen bessert und erhebt.

_Mettenschleicher_

Das ist richtig, hat aber mit unserer Angelegenheit momentan nichts zu schaffen. Sie müssen stark sein, lieber Freund. Sie dürfen sich in Ihrer Überzeugung nicht erschüttern lassen.

_Karinkel_

In welcher Überzeugung meinen Sie?

_Mettenschleicher_

In _Ihrer_ Überzeugung. Ein Mann hat doch nur eine.

_Karinkel_

(etwas stupid)

So. -- Im allgemeinen bin ich ja stark. Aber einen Menschen muß man doch haben, dem man sein Herz eröffnen kann. (Es klopft.) Herein!

_Bienemann_

(kommt; schmaler gelbgesichtiger Mann von etwa dreißig Jahren. Tartarenbart, Zwicker. Er hat das Phlegma intelligenter Leute, die viele überflüssige und langweilige Dinge reden müssen. Hinter diesem Phlegma verbergen sich Neugier, Bosheit, Resignation und Menschenverachtung).

_Karinkel_

Guten Morgen, Bienemann! Sind Sie schon fertig?

_Bienemann_

Guten Tag, meine Herren. -- Ja, ich wollte noch einige Punkte mit Ihnen besprechen ...

_Karinkel_

Darf ich die Herren miteinander bekannt machen, Redakteur Bienemann, Professor Mettenschleicher von der königlichen Akademie der bildenden Künste.

_Bienemann_

Freut mich, freut mich.

_Mettenschleicher_

Ich bin Ihnen für den schmeichelhaften Artikel im Tagesboten sehr zu Danke verpflichtet, Herr Doktor.

_Bienemann_

Noch nicht, Herr Professor, noch nicht.

_Mettenschleicher_

(verdutzt)

Was --? was, -- noch nicht?

_Karinkel_

(ebenso)

Ja ... was -- noch nicht?

_Bienemann_

Noch nicht Doktor, meine ich. Die #Honoris causa# ist noch nicht gegeben. Bienemann, ganz schmucklos Bienemann.

Karinkel und Mettenschleicher

(sehen einander an).

_Karinkel_

(mit dem Daumen über die Schulter weisend)

Stolz? wie? Demokrat! Ganz schmucklos Bienemann! (Lacht.) Ausgezeichnet!

_Mettenschleicher_

(geniert)

Na, na! (Klopft Karinkel mit fürstlicher Leutseligkeit auf die Schulter.)

(Klapperlärm. Ein Kellner kommt mit einer Platte, auf der das Frühstück in zwei Tellern dampft. Ein Amtsdiener eilt geschäftig voraus und säubert den Tisch. Beide entfernen sich wieder. Karinkel setzt sich mit strahlendem Gesicht, bindet die Serviette um den Hals und vergißt alle Sorgen.)

_Bienemann_

Mein Artikel hat Ihnen also gefallen, Herr Professor?

_Karinkel_

(kauend; taktlos)

Na, hören Sie, Bienemann, wenn mir so viele Elogen gemacht würden, wäre ich auch nicht unzufrieden. Es war famos. Und sehr aktuell.

_Bienemann_

Das schon; einige giftgeschwollene Schlangen können sich nämlich nicht darüber beruhigen, daß das Denkmal so rasch fertiggestellt worden ist. Vor sechs Wochen hatten wir die Todesnachricht in der Zeitung, und heute thront bereits der Marmor da draußen. Es ist ja wirklich die reine Hexerei.

_Karinkel_

(kauend)

Was geht die Leute das an? -- Diese geschmorten Stückchen da sind köstlich. Wollen Sie nicht zugreifen, Professor? Nein? Schade.

_Bienemann_

(tut verlegen)

Freilich, das sag ich auch. Aber ein Mensch wie ich besteht aus lauter Ohren. Und so hör ich denn unter anderm das blödsinnige Gerücht, daß das Denkmal schon vorher fertig gewesen ist.

_Karinkel_

Wieso? Vor dem Tod des Hockenjos? Mit solchen Dummheiten sollten Sie uns nicht kommen, Bienemann. Ich verstehe ja nichts von der Bildhauerei, aber unser verehrter Meister hier konnte doch nicht die Unsterblichkeit des Hockenjos voraussehen.

_Bienemann_

Das sag ich auch; es sei denn, man macht Denkmäler auf Lager. Was meinen Sie, Herr Professor?

_Mettenschleicher_

(windet sich)

Ich will nicht hinterm Berg halten ... es hat mit dieser Sache eine eigene Bewandtnis. Ich hatte doch, wie Ihnen vielleicht erinnerlich ist, den Auftrag, ein Monument für den verstorbenen Sanitätsrat Ulfinger zu schaffen --

_Bienemann_

(roh)

Der die Schweinereien gemacht hat ...

_Mettenschleicher_

Schweinereien ist eine etwas starke Bezeichnung. Er war ein bedeutender Gelehrter, lebte aber leider Gottes über seine Verhältnisse, und ein halbes Jahr nach seinem Tod kamen die gefälschten Wechsel zum Vorschein. Es geschah alles, um den Skandal zu vermeiden, schließlich drang die Geschichte doch an die Öffentlichkeit, und das Denkmal konnte nicht aufgestellt werden. Meine ganze Arbeit war umsonst, der Marmor lag da --

_Bienemann_

Außerordentlich interessant!

_Mettenschleicher_

Und da traf ich gerade unsern Freund Karinkel, der den noch unbestimmten Plan hegte, etwas zur Verschönerung des hiesigen Stadtbildes zu tun.

_Bienemann_

Aha! und weil der Hockenjos eben das Zeitliche gesegnet hatte --

_Mettenschleicher_

Ja, so kamen wir überein --

_Karinkel_

(dankbar)

Sie waren es, teurer Meister, der mir die Idee gab!

_Bienemann_

Wirklich, eine Fügung des Himmels, dieses Zusammentreffen der Umstände! Da hat also der gute Hockenjos quasi ein von Herrschaften abgelegtes Denkmal bekommen.

_Karinkel_

(zornig)

Witzeln Sie nicht, Bienemann.

_Bienemann_

Aber Sie mußten doch Ihrem marmornen Sanitätsrat einen andern Kopf aufsetzen --?

_Mettenschleicher_

War merkwürdigerweise überflüssig. Die beiden Leute hatten eine gewisse Ähnlichkeit. Beide groß, ziemlich fett, langbärtig ... Außerdem, ein Denkmal ist doch ein Symbol.

_Bienemann_

Toll! einfach toll! Man lernt nie aus.

_Mettenschleicher_

Ich rechne selbstverständlich auf Ihre Diskretion. Außer Ihnen beiden weiß nur noch mein erlauchter Freund, der Prinz Albert, davon, ohne dessen Rat und Zustimmung ich etwas Derartiges überhaupt nicht unternehmen würde.

_Bienemann_

Das ist derselbe, der heute zur Enthüllung kommt?

_Mettenschleicher_

Derselbe. Er liebt die schönen Künste. Sie können sicher sein, daß er auch auf Sie ein Auge haben wird.

_Bienemann_

(verbeugt sich)

Oh! Danke sehr. -- Müssen Sie nicht auf den Bahnhof, Herr Bürgermeister?

_Mettenschleicher_

Seine königliche Hoheit trifft ja erst um zwölf Uhr ein.

_Karinkel_

Ja, aber um viertelzwölf kommt der Regierungspräsident. Weiß der Stadtrat Hannewickel, daß er sich mit den Ehrenjungfrauen aufzustellen hat?

_Bienemann_

Die Ehrenjungfrauen und der Veteranenverein sind schon in vollem Wichs.

_Mettenschleicher_

Noch einen Vorschlag, meine Herren. Wie wäre es, wenn man heute noch ein Extrablatt drucken ließe, durch dessen Inhalt das Volk einige Aufklärung über die künstlerischen Verdienste des Malers Hockenjos erhielte?

_Karinkel_

Nicht schlecht ...

_Mettenschleicher_

Es ist in dieser Beziehung vieles versäumt worden --

_Karinkel_

Und man könnte die Verleumder damit zum Schweigen bringen. Nicht schlecht. Was meinen Sie, Bienemann?

_Bienemann_

Ein ziemlich teurer Spaß. Es fragt sich, ob die Interessen, die dabei im Spiele sind, eine solche Ausgabe fordern.

_Karinkel_

Es sind _ideale_ Interessen, mein Lieber. Dafür ist nichts zu teuer.

_Bienemann_

Ideale Interessen? Entschuldigen Sie, meine Herren, aber an ideale Interessen glaub ich nicht. Sie auch nicht. Das Publikum auch nicht. Das ist eben das Heikle mit den idealen Interessen, daß niemand daran glaubt, weil zu viele ihren Vorteil daraus ziehen.

_Karinkel_

Pfui, Bienemann! Beständig gießen Sie Ihr nüchternes Öl in die Wogen unserer Begeisterung.

_Bienemann_

Das ist mein Beruf.

_Mettenschleicher_

Ein trauriger Beruf.

_Bienemann_

Sie dürften damit den Nagel auf meinen Kopf getroffen haben, Herr Bürgermeister. Wer mit Papier gefüttert wird, dem wachsen keine Blumen auf der Zunge.

_Karinkel_

Wenn Ihnen an meinem ferneren Vertrauen gelegen ist, so unterstützen Sie uns jetzt mit allen Ihren Kräften, Bienemann.

_Bienemann_

Ich soll also gewissermaßen die öffentliche Meinung beruhigen ...

_Mettenschleicher_

Ja ... wenn Sie es so betrachten ... obwohl, -- öffentliche Meinung gibt es nicht.

_Karinkel_

(bürstet seine Kleider)

Die öffentliche Meinung sind wir.

_Mettenschleicher_

Öffentliche Meinung ist die Konspiration der Dummköpfe.

_Bienemann_

Die Herren sind entschlossen, wie ich sehe. Allen Respekt. Nun, was an mir liegt, soll geschehen. Die Druckerpresse hat schon ganz andere Dinge gerechtfertigt als Denkmäler. Die Ingredienzen, aus denen man den Brei der Zeitungsunsterblichkeit kocht, sind billig zu haben. Die Hauptsache ist der Superlativ. Das ist das Universalrezept. Der Superlativ ist für den Leser, was neunzigprozentiger Fusel für einen Gewohnheitstrinker ist. Leider nützen sich die Superlative jetzt so stark ab, daß eine neue Steigerung, ein Über-Superlativ eine wahre Wohltat für die Menschheit wäre.

_Karinkel_

Das ist mir zu hoch, davon versteh ich nichts.

_Bienemann_

Na, schön. Ich will Ihnen einen Hockenjos hinstellen, der sich gewaschen hat. Ich werde Ihnen mit einer Verklärung aufwarten, daß der Mann in seinem Grab noch Lust zu einer Himmelfahrt bekommt. Ich tue einfach, als ob Tizian ein Zimmermaler und Feuerbach der kleine Moritz gegen ihn wäre.

_Mettenschleicher_

Ich hoffe, daß diese Übertreibungen nur Ausflüsse einer momentanen Laune sind.

_Bienemann_

Nein, Herr Professor. Sie kennen den Abonnenten nicht. Wenn man dem Abonnenten einen neuen Mann glaubhaft machen will, muß man erst einen alten in Stücke reißen. Der Abonnent ist grausam, er will Blut sehen.

_Karinkel_

Ich denke, wir überlassen Bienemann da am besten seinem Genius.

_Bienemann_

Keinesfalls werde ich etwas davon wissen, daß der arme Hockenjos in unserer Mitte beinahe verhungert ist. Daß er mit Hohn abgefertigt wurde, als er sich vor vier Jahren um das Staatsstipendium bewarb. Apropos, waren Sie es nicht selbst, Herr Professor, der diese Sache damals hintertrieb --?

_Mettenschleicher_

(ärgerlich)

Mein Gott ja, ... ich kann nicht leugnen ... der Mann war mir _persönlich_ unsympathisch.

_Karinkel_

(ebenso)

Wozu kramen Sie denn die alten Sachen aus?

_Bienemann_

Ich werde auch davon schweigen, daß das Publikum vor seinen Bildern Lachkrämpfe bekam und der Magistrat ihm das Atelier auf der Schanze kündigen ließ, aus Gründen, die der Anstand zu erwähnen verbietet.

_Karinkel_

(wie oben)

Das war wegen der Modelle. Aber die Kunst, lieber Bienemann, wie soll ich sagen, die Kunst braucht eben keine Moral.

_Mettenschleicher_

Na! na! Da muß ich bitten --

_Karinkel_

Das heißt, ich meine: die Moral braucht keine Kunst.

_Bienemann_

Um seine Auswanderung plausibel zu machen, werde ich sagen, daß ihn malerische Probleme in die Tropen zogen.

_Karinkel_

Sehr gut.

_Bienemann_

Und während er das Gefieder der Paradiesvögel studierte, um bisher unerhörte Farbenmischungen für seine Palette zu gewinnen, haben ihn die Eingeborenen erschlagen und verspeist.

_Karinkel_

(der sich die Zähne stochert, erschrocken)

Verspeist --?

_Bienemann_

Höchstwahrscheinlich.

_Karinkel_

Wissen Sie was? Setzen Sie sich gleich hier an meinen Schreibtisch und fangen Sie an. (Das Telephon klingelt, er eilt hin.) Hier Karinkel! Ja? Ja. Bitte. -- In der Redaktion will man Sie sprechen, Bienemann. (Während Bienemann zum Apparat geht.) Für uns ist es jetzt Zeit, lieber Professor.

_Mettenschleicher_

Also gehen wir.

_Bienemann_

(am Telephon)

Hier Bienemann. (Pause.)

_Karinkel_

(setzt sich den Zylinder auf)

Ich bin neugierig, ob der Präsident eine Rede halten wird.

_Mettenschleicher_

Er kann Seiner königlichen Hoheit nicht vorgreifen.

_Bienemann_

(am Telephon)

Unsinn! -- Wie? Gesehen worden? Wo? In Aßmannshausen? Da lebt ja die Frau jetzt? So. Einen Liebhaber. So. Natürlich. Durchgeprügelt? Nein! Nicht möglich! Da hat man Ihnen einen Bären aufgebunden. Einen Bä--ren! Das wäre ja unerhört.

_Karinkel_

Was ist denn los?

_Bienemann_

(am Telephon)

Ich gebe nichts auf solche Gerüchte. Schicken Sie einen verläßlichen Menschen hin. Schluß! (Läutet ab.) Recht heiter. Der Hockenjos soll in Aßmannshausen gesehen worden sein.

_Karinkel_

(wie erstarrt)

Um Gottes willen, Mensch, was reden Sie da!

_Mettenschleicher_

Das fehlte nur noch!

_Bienemann_

Er soll seine Gattin mit einem Viehhändler erwischt und den Galan windelweich geschlagen haben.

_Karinkel_

Aber lieber Bienemann, -- das ist ja um den Verstand zu verlieren ...

_Bienemann_

Ich halte das Ganze für einen blinden Alarm.

_Karinkel_

Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen.

_Bienemann_

Man will uns ins Bockshorn jagen.

_Mettenschleicher_

Eine Frivolität sondergleichen.

_Bienemann_

Kümmern wir uns nicht darum.

_Karinkel_

Wenn aber doch was Wahres dran ist ...

_Bienemann_

Bah! meine Informationen waren immer verläßlich. Wenn der Tagesbote jemand als tot meldet, dann ist er tot.

_Karinkel_

Es ist höchste Zeit. Wir müssen zur Bahn. Machen Sie sich nur gleich an die Arbeit, Bienemann. Lassen Sie uns nicht im Stich.

_Bienemann_

Auf Wiedersehen, meine Herren.

_Karinkel und Mettenschleicher_

(ab).

_Bienemann_

(setzt sich vor den Schreibtisch, zündet eine Zigarre an; behaglich)

Was der Sybarit für einen weichen Lehnsessel hat! Wenn ich nicht Bienemann wäre, möchte ich Karinkel sein. (Legt das Papier zurecht.) Los also! Her mit euch, ihr bebänderten Adjektiva und geschniegelten Substantiva! ihr großmäulichen Interjektionen und schmetternden Exklamationen! ihr Metaphern, Hyperbeln und Epitheta! Ich rühr euch zusammen wie Mandeln und Rosinen in einem Kuchenteig, von dem die ganze Welt Verdauungsbeschwerden kriegt.

_Abendrot_

(tritt mit verstörtem Gesichtsausdruck unter die Türe; winkt)

Herr Bienemann! -- Herr Bienemann!

_Bienemann_

Was gibt's? Ich habe keine Zeit.

_Abendrot_

(flüsternd)

's isch was Schreckliches passiert, Herr Bienemann ...

_Karinkel_

(kommt im Sturmschritt zurück, den Zylinder schief auf dem Kopf)

Bienemann, wir sind verloren!

_Mettenschleicher_

(seine Würde mühsam bewahrend, ist Karinkel gefolgt)

Eine Katastrophe!

_Karinkel_

(mehr heulend als redend)

Der Abendrot hat ihn zuerst gesehen. In der Bahnhofsstraße hat er ihn gesehen. Mitten unter den Leuten.

_Bienemann_

Und hat ihn jemand erkannt?

_Abendrot_

Noi, noi ...

_Bienemann_

War er allein?

_Abendrot_

Ganz alleine.

_Mettenschleicher_

Was für Maßregeln gedenken Sie zu treffen?

_Karinkel_