Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen

Chapter 8

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Warum sollten Sie mich denn verdammen, Mylord? Ist es etwa nicht erlaubt, daß einer von dem Kapital lebt, das er besitzt? Ziehen Sie nicht mit Hilfe Ihrer Pächter aus Ihren Ländereien so viel Gewinn, wie Sie daraus ziehen können? Sie würden lachen, obwohl Sie vermutlich ungern lachen, wenn ich Sie bitten würde, mir eine Wiese oder ein Stück Wald zu schenken. Warum also sollte ich mich verschenken? Ich habe nur mich selbst. Ich beleidige Ihr keusches Ohr, ich weiß es. Es gibt keinen Kiebitz, der nicht die Tugend preist. O ja, die Tugend ist eine ganz schöne Sache, wenn das Lebensspiel sie nicht als Einsatz fordert. Wenn mir das Schicksal die Versprechungen erfüllt, die ich ihm abgerungen habe, will ich so tugendhaft sein wie ein zahnloses altes Weib. Bis dahin kann mich nicht einmal Ihre Verachtung hindern, meine -- Wälder und Ländereien zinstragend zu verwerten.

_Lord Hamilton_

(begegnet endlich ihrem Blick, wendet jedoch sofort wieder die Augen ab. Die schlaue Emma Lyon bemerkt, daß er nicht mehr daran denkt, sie durch Hinausgehen zu brüskieren. Diese Sicherheit gibt ihr noch mehr Impertinenz. Der Lord zieht die Brauen zusammen und versetzt widerwillig)

Das alles interessiert mich nicht. Auch sehe ich keinen plausiblen Grund darin, weshalb Sie Ihre Netze gerade nach meinem Sohn werfen mußten.

_Emma Lyon_

Na, einer muß es doch sein.

_Lord Hamilton_

Die vernünftige Erwägung muß Ihnen sagen, daß diese Spekulation verfehlt ist.

_Emma Lyon_

Keineswegs. Weshalb denn? Was können Sie ihm anhaben? Sie werden ihn aufs Trockene setzen. Gut. Sie werden ihn des baren Geldes berauben, mehr ist Ihnen nach den Gesetzen unseres Landes nicht verstattet. Grund und Boden muß er erben. Sie sehen, auch ich habe mich unterrichtet.

_Lord Hamilton_

Francis ist nicht der Mann, um einer Torheit willen zwanzig Jahre lang zu hungern. Denn so lange gedenke ich mindestens noch auf Easton Park zu wohnen.

_Emma Lyon_

Das glaub ich. Aus lauter Trotz werden Sie am Ende hundert Jahre alt. Aber auf die Dauer können Sie nicht so verblendet sein, der friedlichen Fortpflanzung Ihres Geschlechts unnötige Hindernisse zu bereiten.

_Lord Hamilton_

Sie irren.

_Emma Lyon_

Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Lady Hamilton sein werde, -- so oder so.

_Lord Hamilton_

(kalt)

Dann werde ich Ihnen beweisen müssen, daß es noch Mittel in England gibt gegen Abenteuerinnen Ihres Schlags.

_Emma Lyon_

Nein, Mylord, die gibt es nicht. Und wissen Sie, warum nicht? Weil in England Männer regieren.

_Lord Hamilton_

Ja, glauben Sie denn im Ernst, daß Ihnen kein Mann im Königreich gewachsen ist?

_Emma Lyon_

Ach, Mylord, Sie tun mir leid! Sie ahnen nicht, wie sie alle schmelzen, wie die stolzesten Hähne klein werden und sich die Federn putzen und wie gefällig sie mit den Füßen scharren und wie einladend sie krähen, wenn ich bloß am Horizont auftauche. Neulich hatte ich in Kings bench zu tun; na, da war ein Richter, -- ich kann Ihnen sagen, sein Gesicht war saurer als Essig, und er hatte eine Art dreinzublicken, als läge es in seiner Macht, die ganze Christenheit um einen Kopf kürzer zu machen. Ich war angeklagt, weil der Sohn des Lord Hervey idiotisch genug war, hunderttausend Pfund in meiner Gesellschaft zu verspielen, als ob es meines Amtes wäre, erst nachzufragen, wie lang ein Grünspecht vom Wickeltisch zum Pharaotisch sich Zeit lassen muß. Kaum hatte ich angefangen, mich zu verteidigen, kaum hatte ich mein seidenes Tuch gezogen, um meinen Tränen ein anständiges Quartier zu verschaffen, da zerging der Gestrenge schon wie Butter, er machte Zeichen mit den Händen, grinste wie ein Hökerweib am Feierabend und hatte Augen so lang wie ein Hummer, wenn man ihn ins heiße Wasser tut. Ich konnte nicht widerstehen, ich mußte ihn durch ein paar freundliche Worte aufmuntern.

_Lord Hamilton_

(dem plötzlich unbehaglich wird)

Ich bin nicht fähig, Ihrer Suada zu begegnen, Madame. Ich bekenne offen, daß ich ein schlechter Redner bin. Selbst das Zuhören ermüdet mich, und meine Gedanken schweifen haltlos umher. Haben Sie doch die Güte, mich jetzt allein zu lassen. Vielleicht erteilen Sie Mister Wardle Auftrag, daß er Ihnen den Lunch serviere, bevor Sie Easton Park den Rücken kehren.

_Emma Lyon_

Wenn ich in Easton Park den Lunch nehme, Mylord, werde ich es entweder in Ihrer Gesellschaft oder gar nicht tun.

_Lord Hamilton_

(setzt sich mit versorgtem Gesicht)

Also wie soll das enden?

_Emma Lyon_

(mit versteckter Schelmerei)

Ist Ihnen nicht wohl, Mylord? Sicherlich ist Ihnen nicht wohl. Es wäre grausam, wenn ich Sie jetzt allein ließe.

_Lord Hamilton_

Es scheint, Sie treiben ein Spiel mit mir ...

_Emma Lyon_

Gott bewahre. Dazu ist mein Respekt viel zu groß. Ich habe ein bißchen Revolution auszuführen versucht, das ist alles, aber Ihre Unerschütterlichkeit flößt mir Bewunderung ein. Mit Ihnen kann man nicht paktieren. Trotzdem schlage ich Ihnen ein Kompromiß vor. Überzeugen Sie mich davon, daß Ihr Geschlecht zu keiner Zeit und unter keiner Bedingung ein plebejisches Reis auf seinen erlauchten Stammbaum gepfropft hat, und ich will mich bescheiden. Ich gebe Sir Francis den Laufpaß, wenn Sie mir beweisen können, daß Ihre adeligen Vorfahren keinen andern Ehrgeiz gehabt haben, als eine fehlerlose Genealogie zu fabrizieren.

_Lord Hamilton_

(in die Enge getrieben, vornehm)

Wenn ich eine Erörterung hierüber für möglich hielte, würde ich die Fundamente untergraben, auf denen ich stehe.

_Emma Lyon_

Und damit soll ich mich zufrieden geben? Die Klatschbase, die man Geschichte nennt, behauptet ganz frech, daß hin und wieder eine ziemlich zweifelhafte Lady ins Ehebett eines leichtsinnigen Lords geschlüpft ist. Oder ist es Schwindel, daß Lord James eine arme irische Schauspielerin geheiratet hat? Sie soll freilich so schön gewesen sein, daß während ihrer Vorstellung bei Hof der Scharlach der Aristokratie auf Tische und Stühle stieg, um sie zu sehen. Douglas Hamilton vergaß sich so weit, die Tochter eines Akziskommissärs mit seiner Hand zu beglücken. Von einigen Ladies habe ich mir gar sagen lassen, daß sie mit Kutschern, Schreibern, Schmugglerkapitänen ...

_Lord Hamilton_

(nervös)

Nicht weiter, Madame! Genug der Indiskretionen.

_Emma Lyon_

Die Wahrheit wird immer beschimpft, wenn sie unbequem ist. Sehen Sie mich doch einmal an, Mylord! Kommt es Ihnen nicht so vor, als ob ein Frauenzimmer meiner Kategorie geeigneter wäre, die verdickten Ahnensäfte wieder zum Moussieren zu bringen, als irgend eine hochgeborene Kuh aus einem sublimen Stall --?

_Lord Hamilton_

Stall --? Kuh --? Um Himmels willen, was für Worte!

_Emma Lyon_

Ich habe jetzt nicht Lust, auf meine Worte zu achten. Sehen Sie mich an, sage ich.

_Lord Hamilton_

(irritiert)

Nun ja ... ja ... ich sehe.

_Emma Lyon_

Was finden Sie an meinem Wuchs zu tadeln?

_Lord Hamilton_

(noch mehr irritiert)

Ich habe ... offengestanden ... darüber kein Urteil.

_Emma Lyon_

Wer verstände nicht zu tadeln, auch wenn er kein Urteil hat! So schauen Sie wenigstens. Was haben Sie an diesen Schultern auszusetzen? was an der Büste? Diese Linien (mit den Fingerspitzen an den Hüften entlang streifend) sind edler als jeder Name. Der Fuß, Mylord, (hebt ihr Kleid ein wenig) zeigen Sie mir einen aristokratischen Fuß, vor dem er sich verstecken müßte. Und der Nacken, -- (wendet sich) mißfällt er Ihnen? Die Haare, -- braucht man sich ihrer zu schämen? Die Hand, -- läßt sie auf eine schlechte Rasse schließen? Ohr, Nase, Stirn, Zähne, Lippen, -- vertragen sie nicht jede Kritik? Romney hat mich vierzehnmal porträtiert, Mylord.

_Lord Hamilton_

(bestürzt und im Anfangsstadium einer verhängnisvollen Narkose)

Romney ... jawohl. Mister Romney ist ein Meister seines Handwerks. Er hat auch die Königin gemalt, wenn ich nicht irre ... Aber würden Sie nicht die Freundlichkeit haben, Miß Lyon, sich in größerer Entfernung von mir aufzuhalten? Ihr Parfüm ist es, glaube ich, das mich schwindlig macht.

_Emma Lyon_

(diebisch)

Soll ich das Fenster öffnen, Mylord?

_Lord Hamilton_

Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir ein Glas Wasser reichen wollten.

_Emma Lyon_

(tritt beflissen zum Tisch, schenkt aus einer Karaffe Wasser in ein Glas, bringt es ihm).

_Lord Hamilton_

Ich danke Ihnen.

_Emma Lyon_

(nachsichtig)

Sie sind an die Nähe von Frauen nicht mehr gewöhnt, Mylord.

_Lord Hamilton_

Durchaus nicht. -- Durchaus nicht.

_Emma Lyon_

Schade. Dabei vertrocknet das Temperament. Ist Ihnen besser? (Sie faßt seine Hand.) Die arme kalte Hand!

_Lord Hamilton_

(scheu)

Die Ihre freilich, Miß Lyon, die Ihre ist hinlänglich warm.

_Emma Lyon_

Wie pedantisch! Hinlänglich warm! O Gott!

_Lord Hamilton_

Es ist außerdem eine begehrliche Hand; sie ist allzu begehrlich.

_Emma Lyon_

Wer nicht zehnmal so viel begehrt als ihm gewährt wird, der soll nicht zu leben anfangen. Weiter, Herr Chiromant? Was sehen Sie noch? Daß ich neugierig bin? Stimmt. Eitel? Stimmt. Treulos? Stimmt. Aber treulos machen uns nur die, die kraftlos sind.

_Lord Hamilton_

Was ist das für eine Narbe hier neben dem Daumen?

_Emma Lyon_

Sie stammt von den Zähnen des Prinzen von Wales.

_Lord Hamilton_

Wieso? Ist er bissig?

_Emma Lyon_

Er beißt aus Enthusiasmus. Aber er steht in meiner Schuld dadurch. Die Narbe ist unter Brüdern eine Einladung nach St. James wert.

_Lord Hamilton_

Was doch alles geschieht! Sonderbar. Ich muß gestehen, ich fasse nicht die Existenz, die Sie führen. Da reiht sich wohl Fest an Fest und Genuß an Genuß, und für Genauigkeit und Regelmäßigkeit bleibt nichts mehr übrig. Und dabei kann man leben ... es macht wohl gar Spaß? Sonderbar. Eine sonderbare Welt!

_Emma Lyon_

Die zu beklagen ist, weil Sie sich von ihr fern halten, Mylord.

_Lord Hamilton_

Keine Flatterien, Miß Lyon! Ich liebe nicht die Exaltationen des Vergnügens.

_Emma Lyon_

(heuchlerisch)

Eigentlich haben Sie recht, Mylord. Es gibt nichts, was so anstrengend ist wie das Laster.

_Lord Hamilton_

Sehen Sie! Sehen Sie!

_Emma Lyon_

(versonnen)

Oder vielleicht doch ... Ich glaube, daß die Tugend _noch_ anstrengender ist.

_Lord Hamilton_

Versuchen Sie es doch einmal ...

_Emma Lyon_

Meinen Sie?

_Lord Hamilton_

Fangen Sie damit an, daß Sie Ihre auf Sir Francis zielenden Absichten fallen lassen.

_Emma Lyon_

Aha, Sie wollen schon ein Geschäft mit meiner Tugend machen. Das ist ja eben das Verdächtige an der Sache.

_Lord Hamilton_

(steht auf)

Im Ernst, Miß Lyon: -- Was kann Sie an dem Jüngling locken? Seine Geistesgaben, Sie müssen es selbst zugeben, sind keineswegs blendend. Er würde Sie langweilen, Sie würden ihn betrügen, und was wäre die Folge? Der Skandal in gesteigerter Häßlichkeit. Sie brauchen eine starke Hand. Einen reifen Mann brauchen Sie, der durch Erfahrung und Charakter befähigt ist, Ihrem ungebundenen Wesen Schranken zu setzen.

_Emma Lyon_

(zerknirscht)

Es ist wahr. Wenn Sie wüßten, Mylord, wie ich dieser jungen Leute satt bin, die ihre Leidenschaften mit so viel Lärm und Prätension zur Schau tragen! Ich sehne mich nach einem verschwiegenen und klugen Mann, so an der Grenze der Fünfzig, nach einem Mann, der nicht immer nur etwas haben will, sondern auch etwas gibt.

_Lord Hamilton_

(erfreut)

Nun also ...

_Emma Lyon_

Würden Sie mir helfen?

_Lord Hamilton_

Ich ... ja, gewiß ... Ich würde sehen, was sich tun läßt.

_Emma Lyon_

Aber Sie haben doch hoffentlich nicht vergessen, daß ich vor zehn Minuten geschworen habe, Lady Hamilton zu werden? Ich gedenke, das Gelübde unter allen Umständen zu erfüllen.

_Lord Hamilton_

Das versteh ich nicht ...

_Emma Lyon_

Verständlicher kann nichts auf der Welt sein.

_Lord Hamilton_

(vor Schrecken gelähmt)

Sie meinen --?

_Emma Lyon_

Ja!

_Lord Hamilton_

Ich? -- Ich --? Ich sollte --? Sie träumen wohl, Miß Lyon? (Er fällt in den Stuhl zurück.)

_Emma Lyon_

(läßt sich in einer reizenden Magdalenen-Stellung vor ihm auf die Kniee nieder. Da er nicht zurückweichen kann, preßt er den Rücken gegen die Lehne und drückt den Kopf in den Nacken)

Sie wären schwerlich, trotz meines ununterbrochenen Geschwätzes, bis zu diesem Augenblick im Zimmer geblieben, wenn ich Ihnen nicht gefallen hätte, Mylord. Und jetzt ist es leider zu spät. Fängt dieses Gift einmal zu wirken an, dann ist man verloren.

_Lord Hamilton_

(klagend)

Zweifellos. Ich habe es an der nötigen Festigkeit fehlen lassen.

_Emma Lyon_

Und mir sprechen Sie jedes Verdienst ab?

_Lord Hamilton_

Ich kann nicht leugnen, daß Ihnen eine ... wie soll ich mich nur ausdrücken? -- eine seltsame Gewalttätigkeit eigen ist.

_Emma Lyon_

Gut. Ich akzeptiere das Kompliment.

_Lord Hamilton_

Nichtsdestoweniger befinden Sie sich mit Ihrer Vermutung, was meinen Seelenzustand betrifft, auf dem Holzweg. Ich will es wenigstens hoffen.

_Emma Lyon_

Sie kennen die menschliche Natur nicht so gut wie ich, Mylord. Ich will Ihnen sagen, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie jetzt eigensinnig sind. Ich reise ab. Ihre Gedanken verursachen Ihnen ein unangenehmes Kribbeln, Sie sind unzufrieden mit sich, Sie haben keinen Appetit mehr, des Nachts flieht Sie der Schlaf, und plötzlich, Sie wissen selbst nicht wie, fassen Sie den Entschluß, mich aufzusuchen. Da erscheint eines Tages Lord Hamilton im Salon von Emma Lyon. Aber Emma Lyon wird durchaus nicht auf die Kniee fallen, so wie jetzt. Emma Lyon wird spöttisch lächeln; sie wird Seiner Herrlichkeit einen Stuhl bieten, sie wird mit Mister Jennings plaudern und wird die Albernheiten von Mister Davis entzückt anhören und wird Sir Roberts empfangen, und Mylord wird gehen, verdrießlich, aufgebracht, wütend gegen sich und mich, aber er wird wiederkommen, er wird Blumen bringen, er wird Geschenke bringen, all die Laffen und Schmeichler und Dandies werden ihm lästig sein, aber Emma Lyon wird sagen: Platz genug im Hause! Dort unter der Treppe ist für die Mißgelaunten Platz, und unterm Dachboden für die Hochmütigen, und im Keller für die Moralisten. Und mein kleiner Schoßhund wird kläffen, wenn Sie nahen, und diese weiße begehrliche Hand wird ihre Finger spreizen, -- so, denn ich, Mylord, (sie erhebt sich) ich würde Sie zappeln lassen. Und davor möge Gott Sie bewahren.

_Lord Hamilton_

(murmelnd)

Niemals würde ich mich so tief erniedrigen.

_Emma Lyon_

(kategorisch)

Sie werden es tun! Ihre Augen versichern es mir. Ich erspare Ihnen demnach eine unabsehbare Reihe von Qualen und Kränkungen durch ein freimütiges Anerbieten.

_Lord Hamilton_

(schüttelt den Kopf)

Ich vermute, Miß Lyon, Sie ahnen nicht, was ich durchzusetzen vermag, selbst gegen meine heftigsten Wünsche und Triebe. Insofern bleibt also Ihr Schreckbild ohne Wirkung. Aber Sie verfechten Ihre Sache mit Bravour und nicht ohne Geist. Ich liebe das. In diesem hübschen kleinen Kopf rumort ein Teufel, den zu zähmen der Mühe vielleicht verlohnen könnte. Wie Sie richtig bemerkten, bin ich des Elements entwöhnt, das, in Ihnen personifiziert, meinen Frieden so geräuschvoll unterbrochen hat. Ich habe jedoch gerade dadurch erkannt, daß zwischen mir und der Welt eine gewisse Entfremdung besteht, und ich könnte Ihren Vorschlag in Betracht ziehen, wenn nicht Hindernisse vorlägen, die für mich beinahe unüberwindlich sind. Der Doktor Graham ... das himmlische Bett ... die Mystifikation als Göttin Hygäa ... (Schüttelt wieder den Kopf.) Das sind üble Dinge ... üble Dinge.

_Emma Lyon_

Die mich vor dem Verhungern geschützt haben, Mylord.

_Lord Hamilton_

Sie hätten eine minder exponierende Abhilfe wählen sollen.

_Emma Lyon_

Ich hatte keine Wahl. Ich bin auch nicht schlechter geworden dadurch. Es war eine Hülle, die ich angelegt habe.

_Lord Hamilton_

Verzeihen Sie, die Hülle, -- die haben Sie abgeworfen.

_Emma Lyon_

Man kann alle Hüllen abwerfen und doch undurchdringlicher sein als in Panzern.

_Lord Hamilton_

Das ist Rabulismus.

_Emma Lyon_

Sie haben wenigstens die Sicherheit, daß ich gegen jede künftige Verführung und Verlockung gefeit bin. Alles was andere lüstern macht, davon habe ich genug und übergenug.

_Lord Hamilton_

Das ist ein Argument.

_Emma Lyon_

Die Welt ist vergeßlich. Ein Name, wie der Ihre Mylord, deckt jugendliche Torheiten zu.

_Lord Hamilton_

(mit einem Rest von Bedenklichkeit)

Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt ...

_Emma Lyon_

Man hat mir erzählt, und ich habe mich darüber amüsiert, daß Sie es bisweilen nicht verschmähen, der Zeit Gewalt anzutun. Ich, sehen Sie, ich kann das auch. (Sie steigt auf einen Stuhl, öffnet das Uhrgehäuse und dreht den großen Zeiger sehr schnell und mehrere Male über das Zifferblatt zurück.)

_Lord Hamilton_

Was tun Sie da, junge Hexe! (Das Uhrwerk knackt, der Pendel hört auf zu schwingen.)

_Emma Lyon_

Ich drehe die Jahre zurück, Mylord, und wenn ich will, -- sehn Sie! -- bleibt die Zeit stehen! (Sie springt herab.) Wir gehen nach Italien, Mylord! (mit ausgebreiteten Armen, bacchantisch.) Illuminationen! Barken auf dem Meer! Mondschein und Liebeslieder! Fackeltanz und Tarantella!

_Lord Hamilton_

(vor sich hin)

Es bliebe noch zu erwägen, ob hier ein freier Entschluß oder die Macht einer Bezauberung vorliegt. -- Gönnen Sie mir, Miß Lyon, gönnen Sie mir Frist bis morgen.

_Emma Lyon_

So lang Sie wollen. Nur bedenken Sie, daß auch ich Dispositionen zu treffen habe --

_Lord Hamilton_

Ich könnte es versuchen ...

_Emma Lyon_

Schön, versuchen wir es.

_Lord Hamilton_

Begleiten Sie mich für zwei Monate nach dem Süden.

_Emma Lyon_

Zwei Monate? Das ist etwas wenig.

_Lord Hamilton_

Sagen wir vier Monate.

_Emma Lyon_

Wenn ich so durchtrieben wäre wie man mich Ihnen geschildert hat, wäre ich mit drei Tagen zufrieden. Aber ich bin eine ehrliche Person und sage Ihnen ohne Umschweife: drei Tage Probezeit oder drei Jahre oder dreißig Jahre, das ist für mich im Grunde gleichgültig, denn nach dem ersten Tag werden Sie vom letzten nichts mehr wissen wollen.

_Lord Hamilton_

Ihre Prophezeiung ist sehr kühn. Immerhin bleiben wir vorläufig bei den vier Monaten.

_Emma Lyon_

Vergessen Sie nicht, daß Sie Ihren Sohn vor eine unwiderrufliche Tatsache stellen müssen, sonst komme ich ihm gegenüber in eine schiefe Position.

_Lord Hamilton_

Eine bedeutende Schwierigkeit. Wie soll ich ihm eröffnen --?

_Emma Lyon_

Sie überschätzen ihn doch. Die Schwierigkeit ist mit zwei Worten aus der Welt geschafft. (Sie nimmt die Handglocke, läutet.)

_Lord Hamilton_

(verwundert)

Oh! Sie ergreifen die Initiative mit großem Feuer.

_Der Majordom_

(tritt ein)

Mylord befehlen?

_Emma Lyon_

Sir Francis soll kommen.

_Der Majordom_

(erstaunt über den diktatorischen Ton von dieser Seite)

Mylord wünschen Sir Francis?

_Lord Hamilton_

(kalt)

Sie haben gehört.

_Der Majordom_

Mister Dashwood läßt gehorsamst fragen, ob er sich entfernen kann. Er hat dringende Geschäfte.

_Emma Lyon_

Er soll warten. -- Ist nicht Frühstückszeit?

_Lord Hamilton_

Es dürfte Frühstückszeit sein.

_Der Majordom_

(schaut auf die Wanduhr)

Jawohl; es ... (Stockt verblüfft.) Die Uhr steht.

_Lord Hamilton_

Ja. Die Uhr steht.

_Emma Lyon_

Es soll serviert werden.

_Der Majordom_

(bekümmert und fast vorwurfsvoll)

Soll serviert werden, Mylord?

_Lord Hamilton_

Sie hören.

_Emma Lyon_

Auch fehlt noch ein Gedeck.

_Der Majordom_

Noch ein Gedeck, Mylord?

_Lord Hamilton_

Noch ein Gedeck.

_Der Majordom_

Sehr wohl. (Ab.)

_Emma Lyon_

Der Mann scheint auf dem rechten Ohr taub zu sein.

_Lord Hamilton_

(in ziemlicher Unruhe)

In welche Form soll ich also Francis gegenüber die Mitteilung kleiden?

_Emma Lyon_

Sie sagen ihm, daß Sie seine Schulden bezahlen und mich dafür in Ihre Obhut nehmen.

_Lord Hamilton_

(zieht die Stirn in Falten)

Das wäre ja ein regelrechter Handel!

_Emma Lyon_

Ich habe noch nie gehört, daß ein Engländer in Ohnmacht fällt, wenn von einem Handel die Rede ist.

_Lord Hamilton_

Wie viel betragen seine Schulden?

_Emma Lyon_

Eine Lappalie. Vierzigtausend Pfund.

_Lord Hamilton_

Wie? Und das nennen Sie eine Lappalie?

_Emma Lyon_

(lacht)

Also fange ich schon an, Ihnen teuer zu werden?

_Lord Hamilton_

Wenigstens geben Sie mir einen starken Begriff von Ihrer -- Weitherzigkeit.

_Emma Lyon_

Wo geknausert wird, kann ich nicht froh sein.

_Lord Hamilton_

Ich werde trachten, Sie bei guter Laune zu erhalten.

_Emma Lyon_

(streckt den Arm aus)

So küssen Sie mir die Hand.

_Lord Hamilton_

(beugt sich mit steifer Galanterie; während er ihr die Hand küßt, kommt)

_Sir Francis_

(bleibt bei diesem Schauspiel wie angewurzelt stehen. Gleich hinter ihm kommen: der Majordom, dem ein Diener mit dem fehlenden Gedeck folgt; hinter diesem ein zweiter Diener mit dem Tablett, auf dem sich die Speisen befinden. Gleich darauf erscheint auch Mister Dashwood auf der Schwelle. Die Tür zur Halle bleibt offen).

_Lord Hamilton_

(geht zum Tisch, gibt dem Majordom Anweisung über die Sitzordnung, dann tritt er zu Mister Dashwood und spricht mit ihm. Dieser lauscht aufmerksam und verbeugt sich oft zum Zeichen seines Eifers. Indessen ist Sir Francis zu Emma Lyon getreten).

_Sir Francis_

(bewundernd; leise)

Das war ein Meisterstück, Emma. Wie hast du ihn denn herumgekriegt?

_Emma Lyon_

Still, lieber Freund. Keine Elogen. Du wirst alles hören. Jetzt hab ich Hunger wie ein Matrose.

_Sir Francis_

Und zahlt er die fünfundzwanzigtausend Pfund --? Du weißt, meine Gläubiger drängen ...

_Emma Lyon_

Fünfundzwanzig und noch fünfzehntausend dazu.

_Sir Francis_

(entzückt)

Du bist umsichtig wie ein Kaufmann!

_Lord Hamilton_

(zu Mister Dashwood)

Die Informationen waren falsch. Es ist dies eine Gewissenlosigkeit, die ich ahnden muß, und Sie tun gut daran, Mister Dashwood, wenn Sie den Londoner Herrn darauf aufmerksam machen, daß ich ihn wegen böswilliger Verleumdung bestrafen lassen werde.

_Mr. Dashwood_

Gewiß, Mylord, gewiß. Die Zunge der Menschen ist ein giftiges Instrument und unheilvoll in ihren Wirkungen --

_Lord Hamilton_

(unterbricht den drohenden Redeschwall und wendet sich auch an Sir Francis)

Miß Emma Lyon hat mich davon überzeugt, daß alles, was wir von ihrem früheren Leben gehört haben, nichtswürdige Lügen sind.

_Sir Francis_

Das hab ich ja gleich gesagt --

_Lord Hamilton_

Es gibt keinen Doktor Graham ... Es gibt kein himmlisches Bett, und sie hat niemals eine Göttin Hygäa dargestellt. Genug davon. Es sei von solchen Dingen nicht mehr die Rede. Sie können gehen, Mister Dashwood.

_Mr. Dashwood_

(mit tiefer Verbeugung ab).

_Lord Hamilton_

(mit der Taschenuhr in der Hand)

Darf ich zu Tisch bitten? Es ist zwölf Uhr, fünf Minuten. (Mister Dashwood hat sich entfernt.)

_Emma Lyon_

Ihre Präzision, Mylord, verspricht meinem Magen ein Dasein von angenehmer Sorglosigkeit.

_Lord Hamilton_

Zuerst den Bordeaux, John. (Emma Lyon und Sir Francis haben Platz genommen, der Lord bleibt stehen.) Mein lieber Sohn, erlaube mir, dich von einem freudigen Ereignis zu unterrichten. Miß Emma Lyon ist von heute ab keine Fremde mehr für dich. Verehre in ihr (stockt; Pause, dann mit ruhiger Sicherheit) deine zukünftige Mutter, Lady Hamilton.

_Sir Francis_

(springt auf, läßt sich aber unter dem hoheitsvollen und bannenden Blick seines Vaters wieder aus den Sessel nieder).

_Lord Hamilton_

Den Fisch, Mister Wardle!

_Vorhang._

Hockenjos

Personen:

Karinkel, Bürgermeister Bienemann, Redakteur Mettenschleicher, Bildhauer Hockenjos Hannewickel, Stadtrat Abendrot, Amtsschreiber Binder, Kommissär Ein Amtsdiener, ein Kellnerbursche

Spielt in einer kleinen süddeutschen Stadt.

Kanzlei des Bürgermeisters. Rechts und links Türen. Hinten zwei Fenster mit Aussicht auf einen von altertümlichen Häusern umgebenen Platz, in dessen Mitte das noch umhüllte Denkmal steht.

_Abendrot_

(schlägt mit einem Aktenheft Fliegen tot)

Hin muscht werde! Pardon gibt's net ... hätt'scht es vorher überlegt, mei Schätzle ... hin muscht werde, sag' ich ...

_Karinkel_

(ein untersetzter, glattrasierter, eiliger Mann, kommt; er ist im Frack)

Was treiben Sie denn da, Abendrot?

_Abendrot_

Die Fliege schlag' i tot, Herr Bürgermeischter.

_Karinkel_