Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen
Chapter 7
_Der Majordom_
Wen darf ich melden, Sir?
_Emma Lyon_
Mister Rippledale aus London. Benachrichtigen Sie zuerst Sir Francis.
_Der Majordom_
(argwöhnisch)
Mister Rippledale --?
_Mr. Dashwood_
Ein falscher Name. Ohne Zweifel ein falscher Name.
_Emma Lyon_
Was murmelt der Dicke dort? Ei, sind Sie es, Sir, der auf einem Ding, mehr Ochse als Gaul, beständig vor mir hergetrabt ist? Ein andermal machen Sie Platz, wenn einer hinter Ihnen ist, der Eile hat.
_Mr. Dashwood_
(demütig stotternd)
Es ... ich ... der Weg war so schmal ... (Abgewendet.) Die Sprache! Er muß eine ganze Bande im Rücken haben.
_Mrs. Adams_
(leise zum Majordom)
Ich lasse mich hängen, wenn das kein Frauenzimmer ist.
_Der Majordom_
Sir Francis kommt erst von der Jagd zurück, Sir.
_Emma Lyon_
Dann führen Sie mich einstweilen in seine Zimmer.
_Mr. Dashwood_
Schau, schau, wie schlau! Und doch, wie wenig schlau. Wie tollkühn vielmehr.
_Sir Francis_
(kommt eilig. Ein junger Mann von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren mit hübscher Gestalt und hübschem Gesicht. Er trägt einen roten Jagdreitrock, manchesterne Reithosen und lange Stiefel mit weiten Schäften. Mit allen Zeichen der Bestürzung.) Um Gottes willen, du hier, E -- --
_Emma Lyon_
(ist schnell auf ihn zugegangen, drückt die Hand auf seinen Mund)
Ja, ich bin's. Bist du nicht froh, deinen alten Rippledale hier zu sehen?
_Sir Francis_
Ich sah dein Pferd draußen. Ich erkannte es gleich. Aber -- --
_Emma Lyon_
Wundre dich nicht länger. Jede Frage ist überflüssig.
_Sir Francis_
Mein Vater -- --
_Emma Lyon_
Mit ihm zu reden bin ich gekommen. Ich bin von Suffolk herübergeritten, wo ich übernachtet habe und wo meine Freunde geblieben sind.
_Sir Francis_
(noch immer fassungslos)
Du kannst ihm doch nicht in diesem Aufzug unter die Augen treten -- --
_Emma Lyon_
Auch dafür ist gesorgt. Ich habe Mary mit den Kleidern vorausgeschickt.
_Ein Diener_
(kommt)
Es ist ein Frauenzimmer da mit einer Schachtel für Mister Rippledale.
_Emma Lyon_
Also rasch, mein Lieber, bring mich in ein Zimmer, wo ich mich herrichten kann. (Sie wendet sich gegen die Halle, in der jetzt der betrunkene James erscheint, von einigen männlichen und weiblichen Dienstboten umgeben, die ihn zu verhindern suchen, ins Zimmer zu dringen.)
_Sir Francis_
(Emma folgend und in sie hineinredend)
Es ist sinnlos, sage ich dir. Bei ihm erreichst du nichts damit.
_Emma Lyon_
Wir werden sehen, jedenfalls ist deine Angst vor ihm lustiger als du meinst. Ich liebe nicht, daß man hinter meinem Rücken über mich verfügt, und ich bin neugierig, wie er es macht, wenn ich dabei bin. (Sie geht ab.)
_Mr. Dashwood_
Das Geheimnis wird immer undurchdringlicher.
_Sir Francis_
(bleibt auf der Schwelle stehen, zum Majordom gewandt und auf die Gruppe um James deutend)
Was ist das, Mister Wardle?
_Der Majordom_
Ich weiß nicht mehr, was ich anfangen soll, Sir Francis.
_Sir Francis_
Schaffen Sie ihn hinaus. -- Wenn mein Vater nach mir fragt, sagen Sie ihm, ich sei noch nicht zurück. (Ratlos vor sich hin.) Mein Gott! (Ab.)
_James_
(in der Halle)
Die Welt ist kugelrund ... drum will ich mich vergnügen ... sauft nur in vollen Zügen ... dann bleibt ihr auch gesund ... (Erblickt Sir Francis.) Sir Francis! oh, Sir Francis! Armer Sir Francis!
_Sir Francis_
(bleibt einen Moment draußen stehen, winkt dem Betrunkenen verwirrt zu, dann weiter und nach rechts ab).
_Mrs. Adams_
(stürzt gegen die Schwelle, da James trotz der Diener, die ihn zurückhalten, sich dem Zimmer nähert)
Nicht hier herein!
_Der Majordom_
Nehmen Sie doch Vernunft an, James! Sie kommen ja von Dienst und Brot, wenn Mylord --
_James_
Und wär die Welt nicht kugelrund ... (Er kämpft mit denen, die ihn halten, dringt aber dabei immer weiter vor.)
_Mr. Dashwood_
Die Überwucherung der tierischen Natur kann Übeltaten im Gefolge haben, deren Tragweite sich gar nicht ermessen läßt. Für den Zuschauer ist dabei das Gedächtnis ein quälender Faktor. Ich erinnere mich eines Tuchwebers, der in der Trunkenheit seine eigene Großmutter erdrosselte. (Er verbeugt sich tief, da von rechts der Lord und Doktor Middlewater eintreten.)
_Lord Hamilton_ ist eine Erscheinung von imposanter Magerkeit. Sein Gesicht hat den Ausdruck dürren Ernstes. Ihm zu widersprechen, scheint wahnsinnig. Doktor Middlewater, ein Landarzt, hat seinen Vorteil darin zu finden gelernt, dem Lord nach dem Mund zu reden.
_Doktor Middlewater_
Man kann mit einem solchen Leiden neunzig Jahre alt werden, Mylord.
_Lord Hamilton_
Ich hoffe es. Im Übrigen ist mein Körper dazu da, um mir zu dienen, so lange ich ihn brauche.
_James_
Und wär die Welt nicht kugelrund ... so müßt ich mich erhängen ... (Er stockt, da der Lord erstaunt auf die Gruppe zugeht.)
_Lord Hamilton_
Was bedeutet das, Mister Wardle?
_Der Majordom_
Wir haben alles mögliche versucht, den Mann zur Besinnung zu bringen, Mylord.
_James_
Eure Herrlichkeit mögen verzeihen ... ich bin ein sterblicher Mensch ... ich ... (Er zuckt unter dem Blick seines Herrn zusammen, schweigt, bemüht sich, fest zu stehen.)
_Lord Hamilton_
(überlegt eine Weile; plötzlich nimmt sein Gesicht die Miene der Besorgnis an)
Doktor Middlewater, der Mann ist krank.
_Doktor Middlewater_
(kichert, nach einem Blick des Lords faßt er sich)
Es scheint mir selber so, Mylord.
_Lord Hamilton_
(strafend)
Fühlen Sie ihm den Puls, Doktor Middlewater.
_Doktor Middlewater_
(tut es; James fügt sich wie gebannt).
_Lord Hamilton_
Der Mann hat Fieber, Doktor Middlewater. Der Mann hat hohes Fieber.
_Doktor Middlewater_
(eifrig)
Ohne Zweifel, Mylord. Der Mann hat beträchtliches Fieber.
_Lord Hamilton_
Mister Wardle, Sie werden veranlassen, daß der Mann zu Bett gebracht werde.
_Der Majordom_
Du hörst es, James --!
_Lord Hamilton_
Vorher übergieße man ihn mit zwei Eimern kalten Wassers. Gegen das Fieber.
_Der Majordom_
Soll geschehen, Mylord.
_Lord Hamilton_
Hierauf werden Sie ihm zur Ader lassen, Doktor Middlewater. Zwei Unzen des kranken Bluts können Sie ihm gut und gern entziehen, nicht wahr, Doktor Middlewater?
_Doktor Middlewater_
Ich bewundere die Sachkenntnis Eurer Herrlichkeit.
_Lord Hamilton_
Sodann belegen Sie ihm Brust und Rücken mit Senfpflastern, und Sie, Missis Adams, sorgen dafür, daß ein stark purgierender Tee für ihn gekocht werde. (Missis Adams ab.)
_Doktor Middlewater_
Es fragt sich allerdings, ob bei diesen Jahren eine so vehemente Kur -- --
_Lord Hamilton_
(ohne den Einwurf zu beachten; streng)
Daß du dich widerspruchslos diesen Verordnungen fügst, James! Du bist todkrank, hörst du? Und das eine merk dir für die Zukunft: Kein solches -- Fieber mehr! Hinaus mit ihm! Doktor Middlewater, tun Sie Ihre Pflicht. (Die Diener führen den schon halb ernüchterten und widerstandslosen James ab. Der Doktor folgt ihnen.) Nun zu unserem Geschäft, Mister Dashwood. (Zum Majordom.) Sir Francis soll kommen.
_Der Majordom_
Sir Francis ist von der Jagd noch nicht zurück.
_Lord Hamilton_
Wie viel Uhr ist es?
_Der Majordom_
(mit Blick auf die Wanduhr)
Elf Uhr, neun Minuten.
_Lord Hamilton_
Unmöglich.
_Der Majordom_
(ängstlich)
Mister Fletcher hat soeben die Uhr reguliert, Mylord.
_Lord Hamilton_
(ruhig)
Da Sir Francis für elf Uhr bestellt ist, kann es jetzt unmöglich elf Uhr neun sein, Mister Wardle.
_Der Marjordom_
(blöde; weiß nichts zu antworten).
_Lord Hamilton_
(mit der Taschenuhr in der Hand)
Es ist zehn Uhr fünfzig Minuten. Stellen Sie den Zeiger dort gefälligst zurück, Mister Wardle.
_Der Majordom_
(rückt einen Stuhl vor die Uhr, steigt hinauf, vollzieht den Befehl, dann kopfschüttelnd ab).
_Mr. Dashwood_
(schüchtern)
Ich glaube Sir Francis schon hier gesehen zu haben, Mylord.
_Lord Hamilton_
Sprechen wir nicht von Ihren privaten Wahrnehmungen, Mister Dashwood. Es ist für mich kein Anlaß vorhanden, über Ihre Sinnestäuschungen zu diskutieren. »Ich glaube« heißt so viel, als »ich schwätze«.
_Mr. Dashwood_
(verletzt)
Ohne daß ich dieser großartigen Auffassung zu nahe treten will, lassen sich doch Fälle denken, wo die Bestimmtheit der Angaben einer notgedrungenen Philosophie zuwiderläuft. Die Kleinen müssen politisch sein, wo die Großen ihrem Impulse gehorchen. Lord Gordon durfte eine Revolution anzetteln und behielt seinen Kopf, aber der arme Snatch kam an den Galgen. Was würde Eure Lordschaft sagen, wenn ich mich unterstehen wollte, im Schlafrock vor Ihnen zu erscheinen? Ich bitte um Entschuldigung, es ist dies nur vergleichsweise gesprochen: ich meine im Schlafrock der Rede.
_Lord Hamilton_
(auf und ab gehend; ungeduldig)
Schwätzer waren immer meine Feinde. Ich wünsche nicht, daß man in Gleichnissen zu mir spricht. Das sind Vertraulichkeiten, die ich nicht liebe. Sie wissen, weshalb ich Sie rufen ließ, Mister Dashwood. Das ungeheuerliche Heiratsprojekt meines Sohnes zwingt mich zu einem solchen schweren Schritt.
_Mr. Dashwood_
Das Gesetz legt Ihnen nur geringe Hindernisse in den Weg, Mylord. Es ist ein erhebendes Gefühl für den Staatsbürger, daß die Wagschale der Justitia sich stets auf die Seite der Autorität neigt.
_Lord Hamilton_
Ich habe inzwischen durch meinen Londoner Mittelsmann genaue Nachrichten über die fragwürdige Person dieser Emma Lyon einziehen lassen. Die Nachrichten bestätigen meine schlimmsten Ahnungen, und wenn Sir Francis, was sich in dieser Stunde noch entscheiden wird, auf seinem Vorsatz beharrt, werde ich keinen Sohn mehr haben.
_Mr. Dashwood_
Es wird nicht an mir liegen, wenn die Inkraftsetzung der vermögensrechtlichen Maßregel einen langsameren Gang nimmt, als der Heroismus wünschbar macht, den ich an Eurer Herrlichkeit ehrfürchtig erkenne.
_Lord Hamilton_
(nimmt den Brief aus der Tasche)
Es wird sich zeigen.
_Ein Diener_
(meldet)
Sir Francis. (Ab.)
_Sir Francis_
(schuldbewußt)
Ich bitte Sie um Verzeihung, Vater, daß ich mich verspätet habe.
_Lord Hamilton_
Nicht daß ich wüßte. Wie du siehst, ist es elf Uhr. Punkt elf Uhr.
_Sir Francis_
Wirklich? -- Dann muß meine Uhr falsch gehen.
_Lord Hamilton_
Das leidet keinen Zweifel. Die Unterredung, zu der ich dich gebeten habe, könnte auch nicht wie ein Rendez-vous zwischen Kartenspielern behandelt werden.
_Sir Francis_
(unruhig, mit Blick auf den Notar)
Ich darf doch hoffen, daß eine solche Zwiesprache unter vier Augen ...
_Lord Hamilton_
Mister Dashwood ist Amtsperson und hat als solche weder zu hören noch zu sehen. Betrachte ihn als abwesend.
_Sir Francis_
(resigniert)
Wie Sie befehlen.
_Lord Hamilton_
Du hast mir gestern eine Art von Entschluß brieflich kundgegeben. Abgesehen davon, daß ich die Zulässigkeit eines schriftlichen Verkehrs zwischen uns niemals in Erwägung gezogen habe, kann ich mir auch den ... nun, sagen wir, den Mut deiner Ausdrucksweise nur durch den Gebrauch von Tinte und Feder erklären. Ein Hamilton spricht höchstens, aber er schreibt nicht.
_Mr. Dashwood_
(schnupft; vor sich hin)
Ein Diktum von antiker Größe.
_Sir Francis_
Wenn Sie Emma kennten, Vater -- --
_Lord Hamilton_
Emma? Was ist das, -- Emma --? Du unterstehst dich, mit sonderbarer Intimität einen Namen zu nennen, der für mich nicht mehr bedeutet als der Straßenschmutz.
_Sir Francis_
(aufwallend)
Durch eine solche Sprache empören Sie alle meine Gefühle!
_Lord Hamilton_
(kalt)
Ich statuiere deine Gefühle nicht, mein Sohn. Gefühle sind der Luxus der Unbotmäßigen.
_Mr. Dashwood_
Herrlich! Unvergleichlich! Wie sagt Hamlet: Schreibtafel her.
_Sir Francis_
(wütend)
Könnte jener Mann nicht schweigen, da er doch -- abwesend ist?
_Lord Hamilton_
Wir wollen zunächst den Tatbestand ordnungsmäßig darlegen. (Setzt sich in richterliche Pose.) Mister Dashwood, seien Sie so freundlich, den Bericht über die Vergangenheit der in Rede stehenden Personage vorzulesen. Meine Zunge sträubt sich dagegen. (Reicht das Schriftstück hinüber.)
_Mr. Dashwood_
(liest)
Besagte Emma Lyon ist von der niedrigsten Herkunft. Man weiß weder die Zeit noch den Ort ihrer Geburt anzugeben. Zuerst war sie Gouvernante, dann ergab sie sich einem schändlichen Gewerbe. Sie durchlief die Straßen von London; auf den Trottoirs der unermeßlichen Hauptstadt irrte sie obdachlos umher und sank zur tiefsten Erniedrigung ihres Geschlechtes herab.
_Sir Francis_
Dies ist eine Verleumdung!
_Lord Hamilton_
Es würde wenig Konsequenz, selbst in der Verranntheit, beweisen, wenn dich meine Ermittlungen sogleich überzeugen würden. Ein Umstand, der freilich ihrer Triftigkeit nichts anhaben kann. Fahren Sie fort, Mister Dashwood.
_Mr. Dashwood_
(in weinerlichem Ton)
-- Geschlechtes herab. Da traf sie einen schottischen Scharlatan, der sich Doktor Graham nennen ließ und der einen sogenannten Tempel der Gesundheit mit einem sogenannten himmlischen Bett eingerichtet hatte. Wer für die Nacht fünfzig Pfund bezahlte, durfte sich in das mit Gold und Seide geschmückte Bett legen und erhielt angeblich die verlorenen Kräfte der Liebe und der Männlichkeit zurück.
_Sir Francis_
So viel ist richtig, daß Doktor Graham Emmas Wohltäter war. Es ist richtig, daß sie Not litt und an dem Schotten einen väterlichen Beschützer fand.
_Lord Hamilton_
Ich gebe zu, daß du ein guter Schütze und ein ausgezeichneter Schwimmer bist, aber dein Verhältnis zur Welt ist ein wahrhaft kindliches.
_Sir Francis_
Übrigens ist sogar der Lord Schatzkanzler in dem himmlischen Bett gelegen.
_Mr. Dashwood_
(für sich)
Bejammernswerte Verirrung des Menschengeistes!
_Lord Hamilton_
Fahren Sie fort, Mister Dashwood. Sie würden mich verbinden, wenn Sie die persönlichen Äußerungen Ihrer sittlichen Entrüstung einstellen könnten.
_Mr. Dashwood_
-- der Liebe und der Männlichkeit zurück. Doktor Graham verfiel auf den Gedanken -- (stockt, zieht das Taschentuch, wischt die Stirne.) Mylord, es fällt mir schwer ...
_Lord Hamilton_
Überwinden Sie sich, Mister Dashwood.
_Mr. Dashwood_
-- verfiel auf den Gedanken, Emma Lyon völlig ... völlig unbekleidet ...
_Lord Hamilton_
(scharf)
Steht da »unbekleidet«, Mister Dashwood?
_Mr. Dashwood_
(trostlos)
Nackt. Völlig nackt!
_Lord Hamilton_
(erhebt sich)
So ist es. Völlig nackt. Das ist der Gipfelpunkt.
_Mr. Dashwood_
-- oder kaum bedeckt mit einem Schleier ...
_Sir Francis_
(seine Position mit ungenügenden Mitteln stützend)
Also doch mit einem Schleier bedeckt --
_Lord Hamilton_
(stark)
Kaum! -- kaum!
_Mr. Dashwood_
Der Herr bewahre mich in seiner Huld und Gnade vor diesem Sodom!
_Lord Hamilton_
Er verfiel also auf den Gedanken, besagte Emma Lyon völlig nackt, oder --
_Mr. Dashwood_
(mit erbarmenswürdiger Stimme)
-- kaum bedeckt mit einem Schleier unter dem Namen der Göttin Hygäa in das Vorzimmer zu dem himmlischen Bett zu postieren und sie für Geld sehen zu lassen ... Neugierige strömten nun in Massen herbei, um vor dem Altar der Göttin ihren Tribut niederzulegen und bald sah man überall unanständige Kupferstiche der neuen mythologischen Person, Bilder, worauf sie als Venus, als Phryne, als Olympia, als Kleopatra abkonterfeiet war.
_Lord Hamilton_
Ich danke; damit ist es genug. Wir brauchen uns keine Mühe mehr zu geben, den Pfuhl weiter auszumalen. Ob du von alledem unterrichtet warst, lasse ich dahingestellt. Ich frage mich nur, wie es möglich war, daß du eine Verbindung mit diesem Auswurf des Lasters auch nur in Betracht ziehen konntest ...
_Sir Francis_
(verzagt)
Ich liebe sie.
_Lord Hamilton_
Einfältiges Zeug!
_Sir Francis_
Wenn Sie auch nicht Rechte der Leidenschaft anerkennen, Vater --
_Lord Hamilton_
Lüderliche Phantasien! Ich hörte einmal einen Münzensammler sagen, daß er seine Münzen liebe. Das hatte wohl eher einen Sinn. Man habe keine Leidenschaften unter der Würde des eigenen Standes. Und wenn man sie hat, so verberge man sie wie ein unappetitliches Geschwür. Wo in aller Welt ist es erhört, daß man aus einer »Leidenschaft« die Folgerung zu heiraten ableitet?
_Sir Francis_
Erfüllen Sie mir eine einzige Bitte, mein Vater, ehe Sie sich endgültig entschließen ...
_Lord Hamilton_
Nun?
_Sir Francis_
Sprechen Sie mit Emma Lyon!
_Lord Hamilton_
(voll Verachtung)
Du bist ebenso verrückt als vermessen.
_Sir Francis_
(mit stoischer Gleichgültigkeit, da er keine Hoffnung mehr hat)
Sie ist hier im Hause und will nicht eher fort als bis sie mit Ihnen gesprochen hat.
_Lord Hamilton_
(starr und steif)
Wie --?
_Mr. Dashwood_
Jesus Christus steh mir bei!
_Emma Lyon_
(tritt, in weiblicher Kleidung, draußen in die Halle).
_Der Majordom_
(geht auf sie zu, sie spricht mit ihm, er kommt und meldet mit dummem Gesicht)
Mister Theseus Rippledale bittet vorgelassen zu werden.
_Lord Hamilton_
Ich kenne keinen Mister Theseus Rippledale. Bedaure. (Majordom ab.)
_Emma Lyon_
(am Majordom vorüber, tritt frech ein. Ihr Kostüm ist im Stil des Direktoire gehalten; es ist äußerst geschmackvoll und bringt die Formen des Körpers verführerisch zur Geltung)
Guten Morgen, Mylord. Mister Rippledale und Emma Lyon sind nämlich ein und dieselbe Person.
_Mr. Dashwood_
(mit gefalteten Händen vor sich hin)
Lockbild der Hölle!
_Emma Lyon_
Ich konnte doch den armen Schelm nicht ganz ohne Beistand dem Sturm des väterlichen Unwillens preisgeben. Im Wortgefecht ist er leider nicht sehr gewandt. Auch muß man ihn bisweilen an der Leine halten wie einen unbesonnenen jungen Hund.
_Lord Hamilton_
(schweigt angeekelt).
_Emma Lyon_
(unbekümmert weiterplaudernd)
Sie als Vater können freilich nicht so viel Possierliches an ihm finden wie ich. Er hat sich in letzter Zeit zu seinem Vorteil entwickelt, aber als ich ihn kennen lernte, konnte er durch die Art, wie er ein Kompliment machte, eine Methodistenversammlung zum Lachen bringen und seine Konversation hätte einen Holzhacker in Verlegenheit gebracht. Es hat Mühe gekostet, ihm eine passable Figur zu geben. Sie haben seine Erziehung entschieden vernachlässigt, Mylord.
_Mr. Dashwood_
(entsetzt flüsternd)
Ein Dämon!
_Sir Francis_
(zerknirscht und vorwurfsvoll)
Emma --!
_Lord Hamilton_
(schweigt, schaut gegen die Zimmerdecke).
_Emma Lyon_
(wie oben)
Was Wunder, daß ich mit dem Vorurteil herkam, ein unwirtliches Waldhaus und in ihm einen bissigen Menschenfeind zu finden? Francis hat nur mit Zähneklappern von seinem väterlichen Heim gesprochen, und da endlich sagte ich mir: den Minotaurus will ich sehen. Vielleicht ist er gar nicht so fürchterlich. In der Tat er ist nicht fürchterlich. Auch mutet mich alles hier ganz behaglich an, und die Theseus-Rolle kommt mir fast schon komisch vor. (Zu Sir Francis.) Was meinst du, liebe Ariadne?
_Mr. Dashwood_
Diese Vertrautheit mit der Mythologie ist nicht groß erstaunlich.
_Lord Hamilton_
(ergreift die Handglocke, läutet energisch. Ein Diener kommt)
Mister Rippledale wünscht seinen Wagen. Lassen Sie vorfahren!
_Emma Lyon_
Mister Rippledale ist zu Pferde gekommen, Mylord. (Sie ist durchaus nicht aus der Fassung gebracht, spricht, als ob ein unsichtbarer Rippledale vor ihr stände.) Sie wollen schon gehen, Mister Rippledale? Schade. Aber ich sehe ein, daß Sie sich nicht zweimal mit dem Zaunpfahl winken lassen wollen. Ich wünsche Ihnen gute Reise. (Schüttelt dem Unsichtbaren die Hand.) Sei so freundlich, Francis, und begleite Mister Rippledale hinaus. (Da Sir Francis sie zögernd anschaut, mit einem befehlenden und vielsagenden Blick.) Hurtig, mein Lieber! Mister Rippledale ist nicht gewöhnt, unhöflich behandelt zu werden. (Zu Mr. Dashwood.) Und Sie, mein dicker Reitersmann, Sie würden gut daran tun, wenn Sie draußen die Identität meines Freundes Rippledale feststellen würden. Nehmen Sie ihn in ein Kreuzverhör und lassen Sie sich eine kleine Magenstärkung reichen. (Zum Diener, der mit aufgerissenen Augen wartet.) Ein Glas Sherry für den Herrn! Er bedarf der Kräftigung.
_Mr. Dashwood_
(erhebt sich, starrt den Lord ratlos an, weicht vor der Berührung Emma Lyons zurück, die ihn unterm Arm fassen will, und da der Lord wie versteinert ist und keine Miene macht zu sprechen, geht er in weitem Bogen ängstlich um sie herum nach der Tür, wo ihm Sir Francis durch eine mürrische Geste bedeutet, daß er gehen solle. Er schlägt die Hände zusammen, als sei der Untergang der Welt angebrochen, und verläßt das Zimmer. Der Diener folgt ihm, dann, nach kurzem Zaudern und unter allerlei Versuchen, stumm mit Emma Lyon zu korrespondieren, auch Sir Francis).
_Emma Lyon_
(schließt die Türe zur Halle hinter ihnen)
Auf Wiedersehen, lieber Rippledale! (Öffnet noch einmal die Tür und winkt.) Addio! (Kehrt zurück.) Darf ich jetzt von Ihrer Einladung, Platz zu nehmen, Gebrauch machen, Mylord? (Sie setzt sich, lächelt gewinnend.)
_Lord Hamilton_
(ist vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen konsterniert. Er greift sich wie träumend an den Kopf. Seine Stimme klingt heiser, während er stotternd beginnt)
Wer sind Sie? Wer gibt Ihnen das Recht, vermittelst einer schamlosen Komödie in mein Haus zu dringen?
_Emma Lyon_
(blickt ihn mit unschuldiger Miene lächelnd an, winkt, als ob sie ihn ermuntern wolle).
_Lord Hamilton_
(immer noch mühsam nach Worten ringend, wobei er sich bestrebt, das junge, schöne Geschöpf nicht zu sehen)
Sie erteilen Befehle an meine Dienerschaft. Ich erkläre diese Befehle für ungültig.
_Emma Lyon_
(harmlos)
Das dacht ich mir gleich.
_Lord Hamilton_
Sie haben mich überfallen, aber ich weigere mich, mit Ihnen zu sprechen. Ich fordere Sie auf, Sir Francis und Mister Dashwood wieder hereinzurufen.
_Emma Lyon_
Daß ich eine Närrin wäre! Es hat Arbeit genug gekostet, sie hinauszubringen.
_Lord Hamilton_
Ich kenne Sie nicht, ich -- --
_Emma Lyon_
Tut nichts, Mylord. Es ist ja der Zweck meiner Anwesenheit, daß Sie mich kennen lernen.
_Lord Hamilton_
Ihre Gegenwart ist mir unerwünscht, und wenn Sie nicht gehen wollen, so werde ich einem meiner Diener befehlen müssen, Sie hinauszubegleiten.
_Emma Lyon_
Ah? wirklich? würden Sie das wirklich tun?
_Lord Hamilton_
(nimmt die Handglocke, läutet).
_Emma Lyon_
(fast fröhlich)
Ich bin gespannt, ob Sie dazu den Mut finden werden.
_Ein Diener_
(kommt)
Mylord befehlen?
_Lord Hamilton_
(heftet plötzlich einen etwas verzagten Blick auf Emma Lyon; er zaudert).
_Der Majordom_
(kommt)
Mylord befehlen?
_Emma Lyon_
(lächelnd)
Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Gentleman sich auf diese Weise einer Dame entledigt.
_Lord Hamilton_
(zum Majordom, gepreßt)
Sagen Sie Mister Dashwood, er möge warten. (Winkt den beiden, das Zimmer zu verlassen.)
_Der Majordom_
Sehr wohl. (Ab mit dem Diener.)
_Emma Lyon_
Jetzt bleibt Ihnen nichts übrig, als daß Sie selbst die Flucht ergreifen, Mylord.
_Lord Hamilton_
(bleibt unwillkürlich stehen)
Ich fliehe nicht, ich ignoriere bloß.
_Emma Lyon_
Aber Sie haben mich doch nicht ignoriert, als Sie Spione auf meine Spur geschickt haben, die meine Vergangenheit durchschnüffeln mußten, -- wie kommt das?
_Lord Hamilton_
Es geschah für die Ehre der Familie.
_Emma Lyon_
Und sind Sie überzeugt davon, daß man Ihnen die Wahrheit berichtet hat?
_Lord Hamilton_
Man hatte keinen Grund zu Entstellungen.
_Emma Lyon_
So war es nicht gemeint. Ich bezweifle nur, daß man imstande gewesen ist, Ihnen die _ganze_ Wahrheit zu enthüllen. Vielleicht hätten Sie dann eine Kompagnie Soldaten aufgeboten, um Sir Francis' Unschuld vor mir zu schützen.
_Lord Hamilton_
Dieser Zynismus entwaffnet mich nicht. (Finster.) Sagen Sie in aller Kürze, was Sie noch zu sagen haben. Ich will versuchen, Sie anzuhören, um mich nicht dem Vorwurf auszusetzen, als ob ich ungehört verdammte.
_Emma Lyon_