Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen
Chapter 6
Ja. 's ist wahr, eine ganz zweifellose Institution, die Sie doch kennen müssen, Lang.
_Lang_
Ich kenne sie. Jetzt kenn ich sie. Mit einem Wort: diese Unterlassung bedeutet zwei bis drei Monate Aufschub. Der Submissionsstrich soll das Seil werden, auf dem man mich tanzen lassen will. Oder der Balken, mit dem man mir um die Füße schlägt. (Er eilt zum Schreibtisch und zieht in größter Hast mit Bleistift und Lineal Striche auf einem großen Bogen Papier.) So werden hierzuland die Männer traktiert und die wahren Interessen schachmatt gemacht. (Kehrt zu Kasteljack zurück.) Hier, Kasteljack. Da ist ein ganzer Schreibebogen, reichlich versehen mit Submissionsstrichen. Schicken Sie den Bogen an die betreffende Kanzlei der Regierung, ich lasse submissest ersuchen, in einschlägigen Fällen sich aus diesem Vorrat von Submissionsstrichen bedienen zu wollen.
_Kasteljack_
Aber ...
_Lang_
Kein Aber. Tun Sie, was ich Ihnen befehle. Es ist Ernst.
(Kasteljack unter Bücklingen rückwärtsgehend ab.)
_Kammerdirektor_
Sie werden sich's mit der hohen Regierung gründlich verderben, lieber Lang.
_Lang_
Die und ich, wir können nicht in derselben Küche unser Fleisch kochen. Ihres schmeckt mir ranzig und meins ist ihnen zu zähe. Verderben! Ich mit ihnen verderben! Ich hab' ihnen gedient, wie einer, der's redlich meint. Sie haben mich bezahlt wie einen, der schon betrogen hat. Wer sein Schäfchen ins Trockene bringt, erregt ihnen keinen Argwohn, wer sich mausig macht und ihre verstaubten Litaneien überhört, den legen sie nackt in die Sonne und salben ihn mit dem Öl ihrer Schikanen, daß das Ungeziefer über ihn kommt.
_Kammerdirektor_
Lang! Lang! mäßigen Sie sich doch.
_Lang_
Ich bin am Ende meiner Fassung. Wenn man zusehen muß, daß alle Quellen hämisch verstopft werden und die Menschheit verdurstet. Daß die Früchte wachsen, um zu verfaulen. Große Männer Großes richten, um Popanze zu werden für die Phrasendrechsler. Verderb ich mir's mit ihnen, steht's desto besser zwischen mir und meinem Gewissen. (Zu den Bauern, die unterdessen heimlich gewispert haben.) Nun, ihr Leute! Der Baum, von dem ich euch da gesprochen habe, vergleichsweise, versteht mich wohl, der Baum ist euer alter, unnützer Turm. Was wollt ihr beginnen mit einem Turm? Könnt ihr ihn als Heuschober brauchen? Nein. Könnt ihr drinnen wohnen? Nein. Wollt ihr drinnen beten? Nein. War er besonders schön von Ansehen? Nein. Es war nichts in ihm oder an ihm, was euch hätte ergötzen oder fördern können. Und doch wollt ihr ihn wieder aufrichten. Warum?
_Erlhofbauer_
Mer war's halt so g'wöhnt, Gnaden Herr Råt.
_Waldhofbauer_
's wär a Schand, Gnaden Herr Råt.
_Lang_
Die Schande will ich euch auswetzen. Ich bau euch ein Schulhaus, das wird ein wahrer Staat sein. Seht, das ist eine Aussaat, von der ihr eine gute Ernte einheimsen könnt. Profitiert _ihr_ nicht mehr davon, so profitieren eure Kinder, die Söhne und die Töchter. 's ist, wie wenn man Kälber auf eine fette Weide treibt. Da wächst euch kein habergasiges Vieh heran, das sich seiner Haut schämen muß, sondern ein edler Schlag. Der Bauer hat nicht nötig, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Mit dem Wissen ist's eine eigene Sache und, glaubt mir's oder glaubt mir's nicht, wenn ihr eure Kinder was lernen laßt, werden eure Mühlen besseres Korn zu mahlen haben.
_Ringhofbauer_
Da hab'n mer alles nichts dageg'n, Herr Råt; aber um unsern Turm woll'n mer halt fleißig gebeten hab'n.
_Lang_
Holzköpfe! (Verzweifelt zum Kammerdirektor.) Das ganze Ding gleicht einem Gänsespiel, wo man sich schon nah am Ziel glaubt, und durch einen mißglückten Wurf von einem umgekehrten Schnabel zum andern wieder zum ersten Anfang zurückgewiesen wird.
_Kammerdirektor_
Ich wußt es vorher.
_Frau von Hänlein_
(kommt mit einem Brief, von rechts).
_Lang_
Doch laß' ich nicht nach, und wenn's ein Jahr meines Lebens kostet.
_Frau von Hänlein_
Da ist ein Brief an Sie gekommen, Lang.
_Lang_
Das Siegel sollt ich kennen. 's ist vom Fürsten Hardenberg. (Er bricht den Brief auf und liest; seine Miene verzerrt sich sichtlich, er wirft das Schreiben mit einem Laut des Schmerzes und der Wut zur Erde und schlägt die Fäuste vor die Augen.)
_Frau von Hänlein_
(erschrocken)
Lang!
_Lang_
Geht mir aus den Augen! Geht! Fort ihr alle! -- Auch er! auch er! -- Nichts richten können! nichts vollenden können!
_Frau von Hänlein_
Aber Lang, sein Sie doch vernünftig! (Sie hebt den Brief auf.)
_Lang_
(entreißt ihn ihr)
Sehen Sie, Mühlbach, -- hören Sie! (Liest im Tiefsten erregt, mit zusammengebissenen Zähnen.) »Die gegnerischen Umtriebe sind so mächtig geworden, lieber Lang, daß ich Sie in Ihrem wie in meinem Interesse bitten muß, die fragliche Affäre mit dem unglückseligen Turm fallen zu lassen. Sie wissen, welchen Anteil ich an Ihren Bestrebungen nehme, ich kenne die edle Selbstlosigkeit, mit der Sie allem hingegeben sind, was Sie für recht und förderlich erkannt haben, aber das Tüchtige läßt sich auf vielen Wegen durchsetzen,« -- so spricht Er! Er! So haben sie ihn zu Brei gemacht! Das Tüchtige auf vielen Wegen! -- (Liest.) »Stehen Sie ab vom Unerreichbaren und wirken Sie im Möglichen« -- nichts da, von Gnadenbrot will der Lang nichts wissen, -- (Liest.) »Ich war gezwungen, die einschlägigen Akten einem anderen Referenten zu übertragen« -- (Wirft wie von Ekel erfaßt das Papier von sich.)
_Kammerdirektor_
Ich finde das Schreiben Seiner Exzellenz äußerst würdig und schmeichelhaft, lieber Lang ...
_Lang_
(scheinbar gefaßt)
Ja. Das ist es. Ohne Zweifel. Einem andern Referenten. Einem, der biegsam ist und Ja und Amen sagt. Gönnen Sie mir jetzt eine Stunde der Ruhe und Überlegung, lieber Mühlbach. Ich habe heute noch mancherlei zu tun, denn morgen mit dem Frühesten werde ich meine Bestallung per Extrapost an die Regierung zurücksenden.
_Frau von Hänlein_
Lang!
_Kammerdirektor_
(macht beschwörende Gesten).
_Lang_
Lassen Sie nur, Mühlbach. Ich weiß, Sie haben die beste Meinung von mir. Aber das kann jetzt nichts nützen. Gott befohlen, ihr Leute. Gehn Sie nur, Mutter. Adieu, lieber Mühlbach. (Die Bauern, der Kammerdirektor und Frau von Hänlein ab. Lang prüft, ob die Türe zu ist, geht dann zum Schreibtisch, läßt sich nieder und stützt den Kopf in die Hand. Sein Gesicht hat einen tief verbitterten und tief erschöpften Ausdruck.)
_Anna_
(kommt von links. Sie ist zum Ausgehen gekleidet, doch hat sie statt des Hutes einen schwarzen Schal über dem Kopf. Sie tritt leise auf, schaut vorsichtig durch das Zimmer. Als sie Lang so augenscheinlich gebrochen sieht, erschrickt sie und faltet unwillkürlich die Hände).
_Lang_
(blickt empor, mit innerlicher Wildheit)
Ja, Anna. Da bin ich nun. Kannst mich verpflegen, wenn du willst. Als Tagedieb im Haus, als Siebenschläfer im Bett. Bin zu nichts mehr nutze. Sie haben mir die Hände aus den Gelenken gedreht.
_Anna_
(macht zwei Schritte, bleibt wieder stehen).
_Lang_
(erhebt sich; mit verzweifelter Klage und Anklage)
Es kränkt mich wahrlich um meinen Stolz. Es kränkt mich um die Ader, die mir schwillt. Möcht alle getanen Schritte bereuen und alle gesprochenen Worte wieder einschlucken. Warum bin ich nicht auch so ein Jasager und Sonnenblumen-Männlein, dann stünd' ich nicht so da, Schmach und Spott mir selber. Der elende Mückentanz! Wohin man greift, nur Luft; wohin man schlägt, trifft's den eigenen Leib. (Ausbrechend in heller Bitterkeit.) Schau' mich nicht an, Frau, ich schäm mich vor dir. Was kannst du anders glauben, als daß ein Mannsbild nur dazu da ist, um zu flunkern und sich wichtig zu machen? Und wenn er sich ganz #in floribus# hat zeigen wollen und einer Sache sich verdungen hat, bei der von Recht und Wohlfahrt zu schwadronieren war, so sitzt er nun um so erbärmlicher da, mit Fußtritten heimgeschickt.
_Anna_
(in deren Zügen sich eine innige Besorgnis malt, leise)
Karl Heinrich!
_Lang_
Und keinen Menschen! Keinen, der 's redlich meint! So ohnmächtig sein! Geh von mir fort. Du hast nichts an mir. Geh aus meinem Hause. Ich bin kein Mann für dich. Bin deiner nicht wert. Geh zu einem, der 's mit ehrlichen Feinden zu tun hat und ein Schwert in die Faust nehmen kann, wenn ihn die Horde bedrängt. (Er setzt sich mutlos und matt wieder in den Sessel.)
_Anna_
(wie oben)
Nicht so, Karl Heinrich!...
_Lang_
Oder willst du nur darum bei mir bleiben, weil mein Schicksal deiner Torheit zu Hilfe gekommen ist? Trotzt ihr doch in eurer blinden Sucht, ihr Weiber, dem Himmel selber unvernünftige Taten ab. Ja, er wird gebaut, dein Turm. Er wird gebaut.
_Anna_
(leise)
Das wußte ich gleich, Karl Heinrich, als ich dich so sah.
_Lang_
Kannst du mich darum höher estimieren, was soll ich dann von meinem Wert noch halten und was von deinem Stolz?
_Anna_
(mit kaum merkbarer, schmerzlicher Schalkhaftigkeit)
Soll ich aber von dir fort, nur um zu beweisen, daß mir an dem Turm jetzt nichts mehr liegt?
_Lang_
(bitter)
Wenn man den Kindern das Spielzeug gibt, nach dem sie verlangt haben, dann werfen sie's beiseite.
_Anna_
Ich habe ja den Turm von dir begehrt und nicht von denen, die dir ein Leids damit getan. So komm' ich mir ja vor, als stünd ich mit ihnen im Bund. Und wenn noch dazu dein Herz gegen mich gestimmt ist, so flüstert's dir vielleicht ein, ich hätte dich verraten, irgendwie geheimnisvoll verraten. Ach, Karl Heinrich! Plötzlich bin ich schuldig und weiß kaum wieso. Schuldig vor dir, schuldig vor mir und weiß kaum wieso.
_Lang_
(schaut sie an)
Was stehst du denn da mit deinem Kopftüchlein und wohin willst du denn gehen? Willst nach Frommetsfelden hinaus und zugucken, wie sie bauen?
_Anna_
Ich will's dir sagen, Karl Heinrich. Zum Mauthaus wollt ich gehn auf der Chaussee.
_Lang_
Und was willst du denn dorten beim Mauthaus auf der Chaussee?
_Anna_
Dort kommt der Leutnant Schlözer vorbei und will auf mich warten.
_Lang_
(den Oberkörper nach vorn gebeugt, stützt den Kopf mit beiden Händen. Schweigt.)
_Anna_
Es war beschlossen, Karl Heinrich, -- fast wie man den Tod beschließt.
_Lang_
(dumpf)
Beschlossen! Dies beschlossen! So muß es Laster in mir geben, die ärger sind, als ich sie ahnte, und was dich zu mir geführt, war nur ein Gaukelspiel betrügerischer Tage. Alle Wege: abwärts. Jeder Tag nur eine kurze Dämmerung zwischen zwei Nächten. Es ist ein unheimlicher Geisterspuk, der einen so lang schaudern macht, bis die Gedanken still stehn, und was die Brust bewegt, ist Scham, Scham, Scham!
_Anna_
(tief erregt)
Hör mich an, Karl Heinrich --
_Lang_
Hör ich dich, so bin ich schon getäuscht. Was gabst du mir freundliche Mienen und Blicke? Nur damit es jetzt offenbar wird, daß du einen brauchst, der süße Worte machen kann und immer beteuern kann und schwärmen kann und zeigen kann, was ihr mit euren kurzen Sinnen sehen müßt. Geh nur, Anna. Denk nicht, daß du einen Verzweifelten zurückläßt. Ich bin's nicht ungewohnt, abzurechnen mit mir und meinem Leben. Was ich nie besessen habe, kann ich nicht verlieren. Freilich der Irrtum, der frißt am Mark und macht alt und krank und müde.
_Anna_
Es ist hart für mich, was du sprichst, aber ich verdien's. Doch laß es genug sein, Karl Heinrich, und vergiß, was du gesagt, damit ich vergessen kann, was ich nur halb getan.
_Lang_
(steht auf)
Du sollst nicht vergessen und ich kann nicht vergessen. Es sei denn, wir wollen nicht für unsere Handlungen einstehen und uns aufführen wie Knaben, die einander schön tun, nachdem sie sich geprügelt haben. Es ist von Übel, jegliches Wort von Übel. Mit Schwatzen und Auseinandersetzungen erreichen die Menschen nichts weiter, als daß sie sich so nahe rücken, daß sie keinen Platz mehr zum Atmen haben. Und um mein Glück und um meinen Frieden kann ich nicht feilschen. Was man einander gewährt und einander erläßt, kann nicht durch Abmachungen geregelt werden. Alles wahre Zusammenleben beruht auf Schweigen, Frau! Je tiefer der Bund, je tiefer das Schweigen. Bliebst du aus Mitleid bei mir, so wünscht' ich lieber, ich hätte dich nie gesehen.
_Anna_
(hat die Hand an die Stirn gedrückt, läßt sie fallen, tritt näher, frei und entflammt)
Wie kommt's nur, daß ich dich jetzt so spüre, Karl Heinrich! Schon als es mich da draußen über die Schwelle zog, war mir, als ließ ich alle Zweifel zurück. Nicht Mitleid ist's, nein, nein! -- Höchstens könnte ich dein Mitleid fordern für mich, denn ich war so klein und ich glaubte, du würfest mich hin gegen die Welt und die Welt sei dir alles und ich zu wenig, ich zu allein gegen dich und die Welt. Jetzt aber sehe ich dich auch allein und das -- das! Karl Heinrich --! (Sie ergreift seine Hand und drückt ihre Stirn darauf.)
_Lang_
(sinnend)
Ach, du wunderliches Geschöpf von einem Weib.
_Anna_
(wieder aufgerichtet)
Du hast recht, Karl Heinrich. Es sollen nicht so viele Worte zwischen den Menschen hin und her geworfen werden. Es soll vielleicht bestehen bleiben, dies Fremde und dies Ferne, das mich so oft gequält hat. Vielleicht ist es gut so, daß wir nicht zu allen Zeiten alles von einander wissen, und gut ist es auch, daß ich dich suchte. Ja, es ist gut, daß ich dich suche, wenn du mich hältst! -- Behalte mich!
_Lang_
Ich will dich halten.
_Anna_
(ohne Emphase ganz hingegeben)
Was soll's noch um den dumpfigen, stockigten Turm, Karl Heinrich? Habe ihn gewünscht, wie man ein Zeichen wünscht, ein Zeichen für etwas, das nun da ist.
_Lang_
(zu ihr gebeugt)
Und doch mußt du vieles dafür tragen, Kind. Mich vor allem, der eine Weile zusehn muß, untätig beiseite. Wir wollen aus der Stadt ziehen. Vom Amt will ich weg --
_Anna_
(bestimmt und mit freier Heiterkeit)
Nein, Karl Heinrich. Dieses wirst und kannst du nicht tun. Du bist der Mann nicht fürs Ausgeding. Mit den Wurzeln sich selber ausgraben und verdorren lassen? Du überzeugst sie ja schon von deinem Wert, indem du da bist. Könnte das Wasser schäumen ohne Damm? Hätt es solche Kraft? Kommt's darauf an, bezahlt zu werden, Karl Heinrich, heute oder morgen bezahlt? Bezahlt dich nicht dein eigenes Blut und deine innere Flamme?
_Lang_
(betroffen)
Frau, -- wie du das sagst! Woher kommen dir solche Worte? Also bedeutet dir mein Treiben wirklich was? Willst nimmer so scheu und zweifelhaft neben mir wandeln?
_Anna_
Es hat mir nichts bedeutet, so lang ich nicht fühlen konnte, wie du mich damit umschlingst und wie ich dazu gehöre.
_Lang_
So hätte mir der Aberwitz und blöde Widerstand der Welt zum Köstlichsten verholfen?
_Anna_
Spürst du's so, dann ist es mehr, als ich gesehnt.
_Lang_
(packt ihre Hände, leidenschaftlich)
Und doch hat dich das trübe Wesen zum Scheideweg geführt ...
_Anna_
Wer am Scheideweg war, weiß besser ums Ziel. (Man hört Räder rollen auf der Straße.) Komm, Karl Heinrich -- (Sie zieht ihn zum Fenster.)
_Lang_
Es ist ein Wagen, der vom Posthaus abfährt ...
_Anna_
Zum Mauthaus auf der Chaussee. -- Gib mir die Hand, Karl Heinrich! Drück sie fest, fest ... so. Hörst du, wie mein Herz klopft? Ich glaube, es klopft vor Glück.
_Lang_
Unsere Herzen sind wie zwei Schalen in der Hand eines Engels. Ist ein Auf- und Niederschwanken sondergleichen. Jeder Pulsschlag zieht's hier hinunter, dort hinauf. Wir wägen nicht, es wird uns zugewogen. Wir müssen still halten, das ist alles.
_Anna_
Ich halte still, Karl Heinrich. (Das Posthorn tönt.) Gute Fahrt, Schwager Postillon!
_Vorhang._
Lord Hamiltons Bekehrung
Personen:
Lord William Hamilton (von der Seitenlinie der Herzoge) Sir Francis Hamilton, sein Sohn Emma Lyon Mr. Dashwood, Notar Mr. Fletcher, Uhrmacher Der Majordom Mrs. Adams, Wirtschafterin Doktor Middlewater James, ein alter Diener Drei andere Diener
Spielt am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Easton Park in der Grafschaft Suffolk.
Das Frühstückzimmer in Easton Park. Nach hinten führt eine offene Flügeltür in die Halle, durch die man wiederum in den Park blickt. Rechts eine geschlossene Flügeltüre, links zwei hohe Fenster. Ein schmaler Tisch, mehr links, ist für zwei Personen gedeckt. Ein anderer, schwerer Eichentisch steht mehr rechts. In der linken Ecke eine Wanduhr in einem massiven Gehäuse, das bis zur Decke reicht. An den Wänden hängen alte Gobelins und ein paar niederländische Stilleben.
Auf einer kleinen Leiter vor der Wanduhr steht Mr. _Fletcher_; er hat den mächtigen Pendel abgenommen und horcht ins Räderwerk. Der _Majordom_ hat den gedeckten Tisch inspiziert und beobachtet dann ernsthaft, mit verschränkten Armen, die Hantierung des Uhrmachers. Währenddem tritt _Doktor Middlewater_ vom Park her in die Halle, stellt seinen Medikamentenkasten auf die Bank und kramt darin, wobei er der Szene den Rücken zukehrt. Gleichzeitig kommt _Lord Hamilton_ von draußen rechts in die Halle. Er beachtet den Arzt nicht, der sich rasch umwendet und, obwohl er schon gebückt steht, eine noch tiefere Verbeugung macht. Der _Lord_ hat einen Brief in der Hand und geht unruhig auf und ab.
_Lord Hamilton_
(draußen)
Mister Wardle!
_Der Majordom_
Mylord! (Eilt hinaus.)
_Lord Hamilton_
Für welche Stunde ist Mister Dashwood bestellt?
_Der Majordom_
Für elf Uhr, Mylord.
_Lord Hamilton_
(die Taschenuhr ziehend)
Dann muß er in sechsunddreißig Minuten hier sein.
_Der Majordom_
Gewiß, Mylord.
_Lord Hamilton_
Doktor Middlewater, ich bin bereit. (Mit Doktor Middlewater in der Halle rechts ab.)
_Mr. Fletcher_
(hat neugierig gelauscht. Er ist trotz seiner vorgerückten Jahre ungemein eitel. Während der Lord geht und der Majordom zurückkommt, holt er einen Handspiegel aus seiner Tasche und betrachtet sich wohlgefällig).
_Der Majordom_
Sie hören, Mister Fletcher, -- es ist sechsunddreißig Minuten vor elf.
_Mr. Fletcher_
Ich habe bemerkt, daß die Pünktlichkeit in diesem Hause etwas willkürlich gehandhabt wird. Seine Lordschaft ist imstande, der Sonne zu befehlen, welche Zeit es ist. Das erscheint mir etwas waghalsig. Es widerspricht der göttlichen Weltordnung. -- Wie finden Sie mich heute aussehend, Mister Wardle?
_Der Majordom_
Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß die Uhr gestern um neun Minuten zu spät gegangen ist.
_Mr. Fletcher_
(hängt den Pendel ein)
Genau das Gegenteil von dem, was ich tue. Ich bin immer zu früh daran; immer zu früh. Aber in der Liebe ist das der einzige Weg zum Erfolg. Meinen Sie nicht, Mister Wardle, daß ich noch eine ganz repräsentable Erscheinung bin? Das schöne Geschlecht ist nicht unzufrieden mit mir.
_Der Majordom_
(amtlich)
Sind Sie bald fertig, Mister Fletcher?
_Mrs. Adams_
(kommt in Eile; sie ist eine muntere und beleibte Dame)
Denken Sie nur, Mister Wardle, James ist betrunken!
_Der Majordom_
James? betrunken --? Wie ist das möglich?
_Mrs. Adams_
Sie müssen uns helfen, Mister Wardle. Wenn ihn Seine Lordschaft in der Verfassung sieht, geht's dem armen alten Kerl schlecht. Erinnern Sie sich noch, wie er vor drei Jahren den unglücklichen Jimmy mit der Hundspeitsche auf die Landstraße jagen ließ, weil er benebelt war --?
_Der Majordom_
Aber wie konnte das geschehen, Missis Adams? wie konnte sich James so vergessen?
_Mrs. Adams_
Der Kummer, Mister Wardle. Der Kummer um den jungen Herrn. Sie wissen doch, wie er an Sir Francis hängt. Nun hat Seine Lordschaft wahrscheinlich etwas durchblicken lassen, von Enterbung oder so ... James ist ja der einzige, mit dem er hie und da ein vertrautes Wort spricht ... der Kummer, Mister Wardle. Ich gehe zu den Ställen hinüber, um Milch zu holen, da sehe ich ihn taumeln und mit den Händen fuchteln und höre, wie er wild vor sich hinmurmelt, -- kurz, er ist im Zustand eines Schweines.
_Mr. Fletcher_
(hat vergebens mit Missis Adams zu liebäugeln versucht)
Was für ein angenehmes Wesen! welche verlockende Stimme! (Seufzt, holt den Spiegel hervor.)
_Der Majordom_
(ringt die Hände, schnell durch die Halle in den Park ab)
_Mr. Fletcher_
(zu Mrs. Adams, die sich anschickt, dem Majordom zu folgen)
Haben Sie indessen meinen Antrag überschlafen, Missis Adams?
_Mrs. Adams_
(unruhig nach der Tür schauend, hastig und verschämt).
Es kann nicht sein, Mister Fletcher. Mylord ist ein so verschworener Feind von allem Heiraten, daß ich mir's zeitlebens mit ihm verderben würde.
_Mr. Fletcher_
(bekümmert)
Sehr unrecht von Seiner Herrlichkeit.
_Mrs. Adams_
(vertraulich flüsternd)
Sie wissen ja, er hat Malheur gehabt. Mylady ist ihm nach der Geburt von Sir Francis mit einem Schmugglerkapitän durchgebrannt und in der irischen See ertrunken.
_Mr. Fletcher_
Wie Sie mich hier sehen, Missis Adams, bin ich ein Mann mit einem geregelten Einkommen von zweihundertvierzig Pfund.
_Mrs. Adams_
Sie brechen mir das Herz, Mister Fletcher. Ich bin so attachiert an Easton Park.
_Mr. Fletcher_
Und sonst, Missis Adams, wenn ich auch den Kahlkopf nicht ableugnen kann, wer will meine Stattlichkeit bezweifeln?
_Mr. Dashwood_
(tritt mit allen Zeichen eines überstandenen Schreckens in die Halle, schaut sich ängstlich um, kommt dann auf die Szene. Unterm Arm trägt er die Aktentasche. Tracht der Zeit. Quäkerhut)
Guten Morgen! (Legt den Hut ab, wischt den Schweiß von der Stirn.)
_Mrs. Adams_
Ist Ihnen etwas Schlimmes widerfahren, Mister Dashwood?
_Mr. Dashwood_
Es muß der leibhaftige Satan gewesen sein, -- Gott sei mir gnädig.
_Mrs. Adams_
Was denn? wo denn?
_Mr. Dashwood_
(Atem schöpfend)
Während ich durch den Hohlweg reite ... Sie kennen ja diesen Hohlweg, Ma'am ... er ist so schmal, daß zwei Fußgänger einander nicht ausweichen können ... ach, das Entsetzen ist mir in alle Glieder gefahren.
_Der Majordom_
(kommt nervös wie ein Mann, der nicht weiß, wo er zuerst Hand anlegen soll)
Es steht wirklich verzweifelt mit dem alten Esel. Mister Fletcher, die Uhr in den Dienerwohnungen muß noch reguliert werden. Mylord erwartet Sie um elf Uhr, Mister Dashwood.
_Mr. Fletcher_
(der an Mister Dashwoods Erregung keinen Anteil nimmt)
In unserer zarten Angelegenheit werde ich zu passenderer Stunde wieder anfragen, Missis Adams. (Da sie ihn schmachtend anschaut.) Ach, dieser Blick! -- (Wirft ihr eine Kußhand zu. Ab.)
_Mrs. Adams_
(zum Majordom)
Mister Dashwood hat etwas Gräßliches erlebt -- -- --
_Mr. Dashwood_
Ich reite also durch den Hohlweg, und hinter mir her, auf einem kohlschwarzen Roß, ein Bursche mit flatternden schwarzen Haaren. Immer mir nach ... immer auf meinen Fersen, im vollen Galopp! Ich treibe mein Tier zur Eile an ... er, mit höhnischem Geschrei, tut dasselbe. Ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich vermute, daß es ein Räuber war.
_Der Majordom_
Am hellen, lichten Tag?
_Mr. Dashwood_
Ein blut- und mordgieriger Geselle.
_Mrs. Adams_
Da möchte ich nicht an Ihrem Platz gewesen sein, Mister Dashwood.
_Mr. Dashwood_
Ich pflege sonst nie ohne Pistole auszugehen. Weiß man doch nicht, was einem zustoßen wird. Mein Freund, Mister Sparre, -- Sie kennen doch Mister Sparre, Ma'am? -- ist neulich in Pall Mall von einem wütenden Hund gebissen worden. Es ist nichts Seltenes, daß jemand inmitten der Ausübung seiner Amtsgeschäfte von einem jähen Tod ereilt wurde. Solche Katastrophen treten gewöhnlich dann ein, wenn sich der kurzsichtige Mensch auf dem Gipfel seines Glücks befindet und geneigt ist, sich der wohlverdienten Ruhe hinzugeben. (Er erblickt Emma Lyon, die, mit der Reitpeitsche in der Hand, in die Halle tritt; sehr erregt.) Da ist er, Ma'am! Da ist er, Mister Wardle! Schützen Sie mich! Er verfolgt mich bis hieher! Rufen Sie die Diener zusammen!
_Emma Lyon_
(hat sich in der Halle verwundert umgeschaut und kommt nun auf die Szene. Sie ist als junger Mann im Reitkostüm gekleidet. Ihre brünetten Haare quellen unter dem Hut über das schöne, von schnellem Ritt erglühte Gesicht).
_Der Majordom_
(auf sie zutretend)
Womit kann ich dienen, Sir?
_Emma Lyon_
(gebieterisch)
Lassen Sie mein Pferd versorgen. Ich weiß nicht, ob der Mensch, dem ich es übergeben habe, sich damit auskennt. Was ist denn das für ein Betrunkener draußen, um den sie alle herumstehen?
_Mr. Dashwood_
Der Herr beschütze uns vor dem Übel ... Erst neulich habe ich in der Zeitung gelesen, daß der berüchtigte Thomas Field frecherweise in den Palast des Herzogs von York gedrungen ist.