Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen

Chapter 5

Chapter 53,537 wordsPublic domain

Bei Regen, bei Frost, im tiefsten Schnee müssen die Kinder zwei Stunden laufen, um in die nächste Schule zu gelangen. Die Folge? Weitaus die meisten Eltern behalten ihre Sprößlinge zu Haus und erziehen dem Staat Analphabeten. Ich will Ihnen eine Schule bauen für das Geld, das der Turm kosten würde.

_Birnkoch_

Unter uns, -- finden Sie denn diese sogenannte Bildung wirklich so notwendig für das Volk? Durch jeden Bauern, der lesen und schreiben kann, wird uns das Regieren schwerer gemacht.

_Lang_

Meine Ambition ist nicht, den Herrschaften das Regieren zu erleichtern. Was ihr gern seht, das ist eine möglichst große Armee von Nullen. Und jede Null soll zugleich ein Geldsack sein, ein Ding jedenfalls ohne Kopf und ohne Füße, und wenn ihr diese ganze Nullenkarawane gemächlich vor euch hinrollt, das nennt ihr dann regieren.

_Birnkoch_

(entsetzt)

#Mais, monsieur! Ce sont des idées revolutionaires!#

_Lang_

Das ist meine Ansicht.

_Birnkoch_

(dem nicht mehr ganz geheuer ist)

Aber ... ich meine ... wenn wo ein Turm einstürzt ... wenn überhaupt wo was einstürzt, muß man's doch wieder aufbauen.

_Lang_

Ich bin dafür, daß man Ruinen wegräumt und nicht neue schafft.

_Birnkoch_

(rafft sich auf; würdevoll)

Sohin ist meine Mission beendet. Ich werde nicht ermangeln, höheren Orts Bericht zu erstatten.

_Lang_

Das bleibt Ihnen unbenommen.

_Birnkoch_

Ich habe in der leidigen Angelegenheit um elf Uhr noch eine #conférence# mit dem Herrn Präsidenten von Schuckmann --

_Lang_

Weiß schon. Der Präsident hat mich dazu gebeten. Man zwickt und zwackt mich von allen Seiten. In einer halben Stunde komm' ich hinüber. Habe vorher noch ein Referat zu erledigen. (Verbirgt mühsam seinen Ärger und begibt sich, nach einem kurzen Kompliment, unhöflicherweise sogleich an seinen Schreibtisch.)

_Birnkoch_

#Mesdames#, meine ehrerbietigste Empfehlung.

_Frau von Hänlein_

(macht bedauernde Gesten, um Lang zu entschuldigen, und begleitet Birnkoch. Ehe noch die Tür ganz geschlossen ist, hört man von draußen)

_Birnkochs Stimme_

Seien Sie versichert, Madame, daran ist der Bonaparte schuld. Der Bonaparte sitzt ihm im Nacken. Schade, jammerschade ...

_Lang_

(horcht auf, lacht vor sich hin, während er schreibt)

Der Bonaparte muß allen Faulenzern den Wauwau machen. (Schreibt.) Aber sein Französisch reden sie. (Schreibt.) Und miserabel noch dazu.

_Anna_

(hat sich vorsichtig genähert und schaut Lang über die Schulter. Sie schüttelt den Kopf, als ob sie sagen wollte: er spürt mich nicht. Endlich legt sie ihm die Hände auf die Schultern).

_Lang_

Was gibt's denn, Anna? (Schreibt weiter.)

_Anna_

Hast du nicht ein Minütchen Zeit für mich?

_Lang_

(ein bißchen ungeduldig)

Sag nur, was du willst. Ich bin ja beschäftigt, wie du siehst.

_Anna_

(schweigt, entfernt sich seufzend).

_Lang_

(schreibt)

Na sag's nur, aber geschwind.

_Anna_

Manche Dinge kann man nicht geschwind sagen.

_Lang_

Dann sind's gewiß überflüssige Dinge.

_Anna_

(nähert sich von neuem, neigt sich über ihn; mit einem Versuch zur Koketterie)

Weißt, von wem ich den Flieder hab'?

_Lang_

(stockt; kleine Pause, scheinbar gleichgültig)

Von wem ... vom Leutnant Schlözer natürlich.

_Anna_

Falsch geraten. Nein, richtig geraten. Ist's nicht nett von ihm? Er weiß, daß mich Blumen ganz toll machen vor Freude. (Naiv.) Aber das blaue Seidenkleid, das du mir vom Baron Imhoff aus Paris hast bringen lassen, ist wunderschön.

_Lang_

(schreibt wieder)

Sollst es tragen, wenn der Fürst kommt.

_Anna_

Das dauert bis zum Herbst.

_Lang_

Bis dahin wird's nicht altmodisch.

_Anna_

Ob ich aber dann noch lebe ...

_Lang_

(kehrt sich rasch um)

Anna!

_Anna_

Flieder, der verwelkt von heut auf morgen. Der ist für den Augenblick. So ein Kleid, das soll täuschen über den Augenblick.

_Lang_

Du quälst dich mit Hirngespinsten und mich nicht minder.

_Anna_

Hirngespinste? Das Hirn spinnt, was das Herz bewegt.

_Lang_

(steht auf)

Du darfst mir nicht den Boden unter den Füßen wegziehen, Anneli. Gegen Menschen kann ich streiten, gegen Schatten nicht.

_Anna_

(verzagt, sieht ihn groß an)

Mir ist so bang.

_Lang_

Weshalb denn, Anna?

_Anna_

Um dich, um mich, um uns beide ist mir bang. Ich seh dich oft gar nicht. Du bist so fern, auch jetzt, wo du vor mir stehst. Und ich weiß, du siehst mich auch nicht. Mir ist, als ob wir zwei Blinde wären, die vergeblich mit den Händen nacheinander greifen. Du bist so tüchtig, so fest, so klug, aber es ist was in dir, was mich schreckt. Ganz, ganz nahe möcht ich oft zu dir und kann nicht, wie wenn einem das eigene Haus zugesperrt wär'.

_Lang_

(kopfschüttelnd, doch heimlich erleichtert)

Schau, schau, was für eine kleine Schwärmerin du bist!

_Anna_

(verletzt)

Nein, Karl Heinrich, wirf's nicht mit einem Wort von dir. Bist doch sonst ein Feind von denen, die sich's bequem machen. Mich sollst du dir auch nicht bequem machen.

_Lang_

(ablehnend)

Ich versteh dich nicht, Kind. Mir ist das alles Spiel, was du vorbringst. Zum Spielen ist mir der Tag zu wert. (Will sich wieder zur Arbeit setzen.)

_Anna_

(schmiegt sich an ihn, mit einem jähen Entschluß, bittend)

Schenk mir den Turm, Karl Heinrich!

_Lang_

(verwundert)

Den Turm? Was für einen Turm?

_Anna_

Den Turm in Frommetsfelden.

_Lang_

Was soll das heißen? -- Der Turm ist ja eingestürzt.

_Anna_

(leidenschaftlich schmeichelnd)

So bau ihn wieder auf! Bau ihn! Für mich!

_Lang_

(ruhig)

Solchen Unsinn kannst du von mir im Ernst nicht verlangen.

_Anna_

(beteuernd)

Im tiefen, heiligen Ernst. Ist kein Unsinn, Karl Heinrich; ist ein Wunsch, nur ein Wunsch.

_Lang_

Den ich unmöglich erfüllen kann; oder ich würde mich zum Windbeutel machen. Denk doch nach --

_Anna_

Denk ich nach, kann ich den Wunsch nicht mehr so spüren.

_Lang_

Nun also!

_Anna_

Wünschen ist stärker als denken. Du nennst's vielleicht eine Laune.

_Lang_

Eine üble noch dazu.

_Anna_

(ruhiger)

Schau, der Turm war mir immer was Ehrwürdiges, das zum Himmel lockt. So stolz und wacker ist er gestanden, so fest und alt ins Firmament hineingegossen, und so unvergänglich, weißt du, als stünd' er von Anbeginn der Welt bis zum Ende. Wenn ich als Kind nachts vom Schlaf erwacht bin, hab ich die Glocke gehört; dumpf und schwer und mächtig langsam und so wohllautend wie des Herrgotts Stimme selber. Wie Zeit und Ewigkeit hat's da zusammengeklungen, zwischen Schlag und Schlag war ein ganzes Leben, gute Träume, böse Träume, und die Nacht ist so groß geworden, und der Tag so fern ... Aber wär's nur darum, so wär's am Ende wirklich Laune. Darum ist's aber nicht.

_Lang_

So erklär dich deutlicher.

_Anna_

Ach, daß du's nicht begreifst, daß du's nicht ahndest!

_Lang_

Und daß auch _du_ mir's noch schwer machst, Anna, auch du! Bin ich denn nicht wie der böse Feind dahier geachtet? Jede Handlung, die dem gemeinen Wesen zugute kommen soll, braucht zwanzig Schreibereien. Wohin du blickst, die ärgsten Mißbräuche, Zehrungen und Unterschleife. Was an Steuern dem armen Volk erpreßt wird, geht für die Zeche der Herren auf. Meinst du, ich könnte nicht gleichfalls so ein Diätenfresser sein? Und sparte mir die Galle dabei. Was für Zustände, Anna! Davon hast du ja keinen Begriff! Im Alumneninstitut des Gymnasiums lauter feuchte, ungeheizte Stuben, wo die schamlos vernachlässigten Schüler öffentlichen und heimlichen Sünden frönen. Dabei muß man alljährlich das Geld aufborgen, um nur den Kostwirt bezahlen zu können. Im Waisenhaus sind den Kindern vor lauter Krätze und englischer Krankheit Hände und Füße gebogen und die Köpfe aufgeschwollen. In der elenden Baracke, genannt Seelhaus und Lazarett, liegen scheußliche Gestalten halbnackt auf muffigem Stroh. Fragt man: wo ist das Geld? Es ist nicht da. Es ist aber doch dafür bestimmt worden --? Ja, es ist aber nicht da. Keiner hält stand, keinen kannst du beim Schlafittich packen; alle, die davon fett werden, daß nichts geschieht, spritzen dir ihr Gift ins Gesicht, bei jeder nützlichen Anordnung setzen sich die Magistrate selbst entgegen; hinter denen stecken wieder die Verwalter, die Advokaten, die Gutsbesitzer, die Latifundienräuber, die Bevollmächtigten der Regierung, und so geschieht's, daß ich im ganzen Land als unbarmherziger Mann verschrien bin, und daß man mich durch Appelle und Eingaben und Rekurse und Beschwerden und Ränke und Quertreibereien ermüden und zurückhalten will. Und nun kommst du auch noch und nagst an mir.

_Anna_

Ich seh's wohl ein; Grund und Recht sind auf deiner Seite, und als gute Frau dürft ich nicht zuwiderstimmen. Mein Grund ist unaussprechlich und liegt vielleicht nur in meinen Augen; nur in meinem Blick, wenn er deinem begegnet. Sieh mich an, Karl Heinrich! Ist's Lüge, dann ist alles Lüge, was mich zu dir treibt. Denk, es ist ein Gebet. Oder denk, es ist eine Krankheit in dir, die du selber nicht kennst, und du mußt sie durch einen bittern Trunk heilen.

_Lang_

Ich kann dir nicht helfen, Anna. Der Frommetsfelder Turm darf mir nicht gebaut werden, so lang ich hier im Amt bin.

_Anna_

(wendet sich weg, läßt die Arme schlaff fallen und den Kopf tief sinken).

_Lang_

Ist mir leid um dich, Anneli, denn in deinem Begehren ist was, das mir wie freventlicher Übermut erscheint. Zart bist du beschaffen, aber es ist was Verwegenes in dir, und wollt ich mich dem fügen, so wär' ich geliefert für alle Zeit. Ihr Weiber habt oft so eine spindeldürre Phantastik in euerm Kopf; wenn man sich davon einfangen läßt, geht's einem wie Simson, dem Propheten.

_Anna_

(geht langsam gegen die Türe links, zögert noch vor der Schwelle, dann ab).

_Lang_

(wandert unruhig hin und her)

Ist ein feines Geschöpflein, und kann sich nicht abfinden mit ihrem begehrlichen Gemüt. Nährst du's, frißt's dich auf. Mußt es ziehen lassen, als ob's ne Wolke wär'. Die eine Wolke könnt ich ja vertragen, wird nicht gleich Blitz und Donnerwetter geben. Eheweisheit ist ein ander Ding denn Amtsweisheit. (Schaut auf die Uhr.) Die Zeit ist mir schon wieder davongelaufen. (Wie er zur Tür will, klopft es.) Herein!

_Leutnant Amandus Schlözer_

(tritt von rechts an. Er ist einundzwanzig Jahre alt, sehr schlank, mit einem gut markierten, charaktervollen Gesicht und Augen, in denen sich der Romantiker verrät. Sein Betragen schwankt zwischen Schüchternheit und soldatischer Offenheit und Kürze. Er trägt die preußische Infanterieuniform)

Verzeihung, Herr Domänenrat, wenn ich Sie störe -- (Verbeugt sich, grüßt militärisch.)

_Lang_

(flüchtig)

Guten Morgen, Herr Leutnant. Ich weiß nicht, ob meine Frau Sie empfangen kann ...

_Schlözer_

Ich möchte, Herr Domänenrat, wenn ich Sie nicht von dringenden Geschäften zurückhalte, ein paar Worte mit Ihnen allein --

_Lang_

(stirnrunzelnd)

Ich habe allerdings ... ich werde beim Präsidenten erwartet ... Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Leutnant? Wollen Sie Platz nehmen?

_Schlözer_

Merci. (Bleibt stehen.) Ich wollte Ihnen nur sagen, Herr Domänenrat ... es ist etwas in mir, was mich zwingt, Ihnen diese Mitteilung zu machen, ... daß ich abzureisen genötigt bin.

_Lang_

(leichthin, jedoch etwas aufmerksamer)

Wirklich, Herr Leutnant? Sind es Gründe privater Natur, die einen so raschen Entschluß hervorgerufen haben?

_Schlözer_

(gepreßt)

Ja. Gründe von der dringendsten Beschaffenheit. Mein Urlaubsgesuch ist bereits bewilligt. Die Postpferde sind bestellt.

_Lang_

(konventionell)

Es tut mir leid, Herr Leutnant. Wir hatten gehofft, Sie länger hier halten zu können. Freilich, -- die Provinz.

_Schlözer_

(mit festem Blick)

Dies ist es nicht, Herr Domänenrat. Es ist schwer zu sagen ... doch kam ich deshalb her ... und so sei es gesagt: Herr Domänenrat, ich liebe Ihre Frau.

_Lang_

(sieht ihn schweigend an; dann mit starker Überwindung)

Das nennt man ohne Umstände deutlich sein. (Kalt.) Ich beklage diese Fatalität, Herr Leutnant, doch überschätzen Sie vielleicht ihre Tragweite für mich, -- wenn Sie _des_wegen Postpferde bestellt haben.

_Schlözer_

(ohne sich zu regen)

Würden Sie mir eine solche Antwort auch geben, wenn Ihre Frau meine Abreise nicht ganz so teilnahmslos betrachten würde?

_Lang_

(brüsk)

Herr Leutnant, meine Frau ist über jede Insinuation erhaben.

_Schlözer_

(verbeugt sich)

Ich weiß es.

_Lang_

Warum gleich Postpferde bestellen, Herr Leutnant? Und wenn Postpferde bestellt sind, warum sie zur Parade tanzen lassen? Soll ich das Almosen einer Entsagung mit Dank quittieren? Soll ich bewundern, wo ich kaum bedauern kann? (Ernst und mit Bedeutung.) Der ehrt sich selbst und seine Freunde, der durch Schweigen unerfüllbare Wünsche beschwichtigt.

_Schlözer_

Ich glaubte Ihnen, in dessen Haus ich Gastfreundschaft genossen habe, eine Erklärung schuldig zu sein.

_Lang_

Sie verpflichtet mich zu keinem Dank. Wenn Sie für sich fürchten, Herr Leutnant, Sie für Ihre Person und Ihre Ehre sage ich, dann nehmen Sie Postpferde.

_Schlözer_

(mit zu Boden gekehrtem Blick)

Ich reise, Herr Domänenrat.

_Lang_

So wünsch ich glückliche Fahrt. -- Vermutlich werden Sie sich von meiner Frau verabschieden wollen. (Auf eine Bewegung Schlözers.) Bitte, Herr Leutnant, meine Frau wäre gewiß verletzt, wenn Sie ohne Gruß von ihr scheiden würden. Ich werde draußen sagen lassen, daß Sie hier warten. Ich selbst muß Sie leider verlassen. (Mit stummem Gruß nach rechts ab.)

_Schlözer_

(blickt düster vor sich hin. Er gewahrt den Fliederstrauß, eilt hin, nimmt ihn in die Hand und drückt seine Lippen in die Blumen. Dann läßt er das Bukett fallen, wie von einem hoffnungslosen Gedanken erstarrt)

Er schickt sie zu mir! Kein Zweifel ist in ihm, kein Zweifel!

_Anna_

(von links)

Guten Morgen, Amandus. War nicht Lang eben hier?

_Schlözer_

(zu ihr, küßt ihr die Hand)

Teure Anna, wie blaß Sie heute aussehen ...

_Anna_

(abweisend)

Dies Betragen lieb ich nicht an Ihnen, Amandus. Sie wissen es. Mein Mann ist fortgegangen?

_Schlözer_

Er sagte, er wolle Ihnen Nachricht geben, daß ich warte.

_Anna_

(mit verlorenem Blick)

Und ist fortgegangen. (Rafft sich zusammen.) Ich habe Sie doch gebeten, Amandus, daß Sie am Vormittag nicht kommen möchten. (Sie setzt sich, Schlözer nimmt ihr gegenüber Platz.)

_Schlözer_

Es ist das letzte Mal, Anna. Ich kann den Gedanken, daß Sie in meiner Nähe weilen, nicht länger ertragen. Ich kann nicht länger in den Nächten liegen und mit lebendig-offenen Augen träumen, was mir das Herz verbrennt. Ich kann's nicht länger, und ich komme nun, um Ihnen Lebewohl zu sagen.

_Anna_

(versonnen)

Ich hatt' es erwartet. Sie reisen also. Und wohin reisen Sie?

_Schlözer_

Die Erde dreht sich, und ich fühle mich so schwunglos; heruntergestürzt und in den Boden gewühlt wie in ein Grab. -- Wohin ich reise? Es gibt bald Krieg, Anna. Wenn mein König keine Verwendung für mich hat, wird Bonaparte wissen, wie ein Mann zu brauchen ist, dem das Leben nichts mehr gilt.

_Anna_

(aufschreckend)

Haben Sie mit Lang gesprochen?

_Schlözer_

War es mein Schmerz oder war es das Bedürfnis, daß es zwischen mir und ihm zum Ausgleich kommt; daß er es wissen möge, daß er Sie hüten möge, Anna, wie das kostbarste Kleinod der Welt, -- ich weiß nicht mehr warum, nennen Sie es eine Verfinsterung meines Herzens, -- ich habe ihm gesagt, wie es um mich beschaffen ist und weshalb ich gehe.

_Anna_

(grüblerisch)

Das haben Sie ihm gesagt? Wie seltsam! Und er?

_Schlözer_

Er! Er war kalt und überlegen.

_Anna_

(wie oben)

Und er sagte, er wolle mir Nachricht geben lassen, daß Sie warten. Wie seltsam ...

_Schlözer_

Als ob keine Faser in Ihnen wäre, die ohne seinen Willen sich regte.

_Anna_

(wie oben)

Vielleicht vertraut er mir so.

_Schlözer_

Und dies Vertrauen sollte Sie nicht ein wenig kränken, teure Anna? Ist denn Liebe etwas so Unzweifelbares, daß sie einmal beschworen, jedem Feuer stand hält? Ist denn das noch Liebe, die so ruhig, so stumm, so satt werden darf?

_Anna_

Wie würden Sie gehandelt haben, Amandus, wenn ein Mann Ihnen ein solches Geständnis gemacht hätte?

_Schlözer_

Wie ich gehandelt hätte, weiß ich nicht. Vielleicht hätte ich den Mann erdolcht. Vielleicht hätte ich ihn in die Arme geschlossen. Wer aber darf so übermenschlich sich gebärden, daß er nichts wissen will von den Gewalten, die seiner Sicherheit ein Ziel setzen könnten? Ach, Anna, wenn! -- wenn! Ich würde hinschmelzen unter jedem Blick und jedem Lächeln.

_Anna_

(kopfschüttelnd)

Nein, Amandus, das Hinschmelzen, das ist das Wichtige nicht. Wichtig ist, daß man nie einander vergißt. Daß man immer geborgen ist im andern, daß er die Gedanken hält und kennt, daß er die Wünsche weiß und jeden recht versteht, denn es ist eine Qual, zu reden, wenn man wünscht. Daß man nicht ein Opfer wird von einer Stunde, wo aufs Ungefähr das Blut stürmt und man dann zur schalen Erinnerung wird in den Geschäften des Lebens. Da wird alles kalt in einem.

_Schlözer_

Alles ist fremd ohne Zärtlichkeit, fremd und zufällig.

_Anna_

Ja, Zärtlichkeit, das ist es. Ohne Zärtlichkeit wird Liebe sündhaft. Zärtlichkeit ist wie ein treuer Hund am Herd, der nie den Herrn verkennt.

_Schlözer_

Ich weiß es seit langem, Anna, daß Sie nicht glücklich sind.

_Anna_

Glücklich! Ich bin noch vor dem Glück vielleicht und hab Angst, daß es vorübergeht, ohne daß ich weiß, was es ist. Ich möcht' es ausgraben wo und kenn' den Ort nicht, wo es liegt. -- Wenn Sie mein Mann wären, Amandus, und Lang käm' ins Haus, so wie Sie kommen, und Sie würden dazu schweigen und ich wüßte nicht, schweigen Sie aus Großmut oder aus Nachlässigkeit, die Unruh' würde mir das Herz abdrücken. Und schwiegen Sie aus Nachlässigkeit, und ich wüßt' es, so wär alles vorbei. Aber auch wenn Sie eifersüchtig wären und es zeigten, wär alles vorbei, denn ist ein Mann eifersüchtig, so achtet er sich selbst nicht oder die Frau nicht. -- Wir müssen uns jetzt trennen, Amandus. (Sie steht auf.)

_Schlözer_

(zu ihr)

So gilt's denn. Es wird Nacht in meinem Leben.

_Anna_

(verloren und wie zu sich selbst; schmerzlich)

Der Turm, Amandus, wird nicht gebaut. Mein Turm wird nicht gebaut.

_Schlözer_

Der Turm --?

_Anna_

Ach, wundern Sie sich nicht. Ich schwatze wohl zu viel. -- Zu welcher Stunde wollen Sie denn fort?

_Schlözer_

Zwischen zwölf und ein Uhr denk' ich.

_Anna_

Und wohin?

_Schlözer_

Gen Würzburg geht die Fahrt.

_Anna_

(wie aus einem Traum)

Wenn ich mitginge ... wenn ich mitginge ...

_Schlözer_

(leidenschaftlich, packt ihre Hände)

Anna! --

_Anna_

(lächelnd und verstört)

Tu' ich den Schleier ums Gesicht, erkennt mich niemand ...

_Schlözer_

(außer sich)

Ich lass' den Wagen beim Mauthaus auf der Chaussee warten. Ich laß ihn bis zum Abend warten, wenn Sie wollen!

_Anna_

(leise)

Wie er's tragen wird? Ob's ihn wandeln wird ... (Schlözer mit der Linken von sich abhaltend.) Ja, warten Sie, Amandus. Beim Mauthaus zwischen zwölf und eins. Nur dies noch, -- Sie sind mein Ritter. Nicht fragen werden Sie, mich nicht bedrängen ... (Hastig.) Nein, nein, nicht reden jetzt. Beim Mauthaus zwischen zwölf und eins ... Geh ich den Feldweg, sieht mich niemand. Gehen Sie, Amandus. Nichts reden! (Sie legt den Finger auf den Mund.)

_Schlözer_

(geht wie ein Schlafwandler mit zurückgekehrtem Gesicht zur Tür).

_Anna_

Nichts reden ...

_Schlözer_

(mit einer trunkenen Bewegung ab. Während die Tür offen ist, hört man vom Flur die Stimmen der Bauern).

_Anna_

(steht entgeistert mit geschlossenen Augen).

_Frau von Hänlein_

(kommt)

Da draußen sind die Frommetsfeldner Bauern. Wollen beim Domänenrat petitionieren wegen ihres Turmes ... Um Gott, Kind, -- wie siehst du aus?

_Anna_

Nichts, Mutter, es ist nichts. (Ab nach links.)

_Frau von Hänlein_

(schaut ihr nach)

Da ist was nicht rund in der Welt, sollt' mich dünken. Der Schlözer ist mir auch ganz rabiat vorgekommen ... Als ob einer vom Wein aufsteht und durch die Wand steigen will. Kind! Kind!...

_Bärbel_

(kommt)

Könna die Bauersleit' da herinnet wart'n?

_Frau von Hänlein_

Ja, laß sie nur herein. Der Domänenrat muß gleich kommen. Die Leute sagen ja, sie hätten ihn unterwegs schon getroffen. Ich will mich nach der jungen Frau umschauen. (Links ab.)

_Bärbel_

(nach draußen)

No, spaziert nur da 'rein! (Es kommen der Ringhofbauer, der Erlhofbauer, der Waldhofbauer, und zwei andere Bauern. Alle tragen die urtümliche fränkische Bauerntracht: silberne Knöpfe an den blauen Westen, schwarze Jacken, schwarze Hosen in hohen Stiefeln, schwarze Zipfelmützen. Sie drücken sich scheu und ehrfürchtig herein, bleiben regungslos stehen.)

_Bärbel_

Derft euch au' niedersetzen. (Ab, läßt die Tür offen.)

_Der Ringhofbauer_

Joo ... (Sie bleiben stehen.)

_Der Erlhofbauer_

Wer soll'n reden?

_Der Ringhofbauer_

I wer' scho reden.

_Der Waldhofbauer_

Was werst'n sog'n?

_Der Ringhofbauer_

I wer scho was sog'n. (Es kommen Lang und der Kammerdirektor Mühlbach, ein älterer, würdiger Herr.)

_Kammerdirektor_

Ich hab's Ihnen gleich gesagt: der Präsident ist in dieser Sache machtlos.

_Lang_

Niemand hat den Mut, für das Notwendige sich einzusetzen, wenn er gleich die Vernunft hat, es zu sehen. Es ist ein Höllenzirkel.

_Kammerdirektor_

Da haben Sie Ihre Bauern ...

_Lang_

Ja. Und morgen werden die Pfarrer kommen, und übermorgen die Küster.

_Kammerdirektor_

Der Präsident hat nicht so unrecht, wenn er meint, daß das Wegschaffen des Turms gleichsam eine #capitis deminutio# sein würde.

_Lang_

Das #Corpus juris# wird maulfeil, wo das gesunde Gefühl revoltiert. Bin ich schwächer hier als Stumpfsinn und böser Wille, dann kenn ich meinen Weg.

_Kammerdirektor_

Aber Lang! Lang!

_Lang_

(zu den Bauern)

Hört mich an, ihr Leute! Wenn ihr einen Webstuhl habt, und der zerbricht, dann werdet ihr euch einen neuen Webstuhl anschaffen. Nicht wahr?

_Die Bauern_

Joo ... joo ...

_Lang_

Und wenn euch ein alter Hofhund krepiert, dann werdet ihr euch nach einem andern, einem jungen Hofhund umsehen. Ist's so?

_Die Bauern_

Joo ... joo ...

_Lang_

Wenn euch aber ein Haus abbrennt, das auf einem vom Wasser unterhöhlten und durchweichten Grund gestanden ist, werdet ihr dann das Haus auf demselben Grund wieder aufbauen? Sagt mir eure Meinung. Frisch heraus!

_Die Bauern_

Naa ... naa ...

_Ringhofbauer_

Das wöll'n mer nit ton. Naa ... naa ... (Er nickt den andern verständnisinnig zu, als sollten sie seine Beredsamkeit bestaunen.)

_Lang_

Und wenn auf euerm Acker ein großer Baum steht, der dem Getreide Licht und Sonne nimmt, den ihr aber nicht umhauen wollt, weil er dort seit Menschengedenken wächst, und der Baum bricht nun eines Tages, weil er krank ist, oder der Blitz haut ihn zu Boden, werdet ihr da nicht froh sein, daß er weg ist?

_Die Bauern_

Joo ... joo ...

_Lang_

Oder werdet ihr ihn von neuem in die Erde stecken?

_Die Bauern_

Naa ... naa ...

_Ringhofbauer_

Des tenna mer nit, Herr Råt! (Wie oben.)

_Lang_

Nun also! (Der Schreiber Kasteljack, ein dürrer, langer, fusliger, schattenhafter Mensch, kommt schüchtern und eilig getrippelt, hat ein amtliches Dokument in der Hand.)

_Lang_

(unwirsch)

Was gibt's, Kasteljack?

_Kasteljack_

(asthmatisch)

Herr Domänenrat ... (hüstelt) das Gesuch an die Regierung wegen Nichtwiederaufbaus des Frommetsfeldner Turms ... (Greift sich an die Brust, hüstelt.)

_Lang_

Hurtig, hurtig, Mensch! (Entreißt ihm den Bogen.)

_Kasteljack_

... ist leider diesen Morgen als unerledigbar ... unerledig ... lich ... zurückgekommen.

_Lang_

(mit verbissenem Grimm)

Und der Grund?

_Kasteljack_

Eine Formalität, Herr Domänenrat ...

_Lang_

Was für eine Formalität?

_Kasteljack_

Der Submissionsstrich fehlt.

_Lang_

Der -- Submissionsstrich?

_Kammerdirektor_

Der Submissionsstrich?

_Kasteljack_

Ja. Es ist dies eine wichtige amtliche Formalität. (Hüstelt.) Die Vorschrift lautet, daß zwischen dem Text des Gesuches oder des Referats oder des Ausweises oder des Testimoniums ... daß zwischen dem Text und der Unterschrift des betreffenden Herrn Referenten oder Berichterstatters ein dicker, gerader, deutlicher Strich gezogen werde. Diesen Strich nennen wir den Submissionsstrich.

_Kammerdirektor_