Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen

Chapter 4

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_Fanny_

(gibt ihm die Hand)

Ja, Gentz, Freundschaft, das ist das rechte Wort.

_Gentz_

Das einzige, Fanny?

_Fanny_

Gibt's ein besseres noch?

_Gentz_

Ich wag es nicht auszusprechen. Doch nun ich deine Hand habe, bist du mir versprochen, Fanny. Es ist zwar nur die linke, aber es ist mir keine lieber als die andre. Ich drücke sie an die Lippen und mit der rechten schreib'. Schreib deinen Namen, verschreib dich dem Ruhm.

_Fanny_

Schwer ist das Schreiben ohnehin, und erst wenn du mir den Arm wegnimmst ... Also probier ich's (schreibt) Fanny ... Elß ... ler. Wunderlich! Da steht's nun! Und ist nichts geschehen eigentlich ...

_Gentz_

Siehst du, Fanny, so hab ich dich zu deinem Wunsch bekehrt.

_Fanny_

(dankbar)

Gentz! Lieber!

_Jean_

(kommt)

Es ist einer draußen und sagt, er will die gnä' Fräul'n sprechen.

_Fanny_

Mich?

_Gentz_

Wer mag's denn sein? Hat er den Namen nicht genannt?

_Fanny_

(rasch)

Ach richtig, das ist sicherlich der Stuhlmüller.

_Jean_

(verächtlich)

Ja. Stuhlmüller. So nennt er sich.

_Fanny_

(mit blitzenden Augen)

Weshalb spricht der Mensch so despektierlich, frag ich?

_Jean_

Entschuldigen die gnä' Fräul'n, aber ...

_Gentz_

(streng)

Nichts. Genug. Frag ihn, was er will. (Jean ab.) Wie kann der Bursch es wagen ...

_Fanny_

Aber ich versteh dich gar nicht ... abholen will er mich. 's ist Prob am Nachmittag, und außerdem ...

_Gentz_

Außerdem?

_Jean_

(kommt zurück)

Der Monsieur Stuhlmüller läßt sagen ...

_Gentz_

's ist gut. Weiß schon. Soll draußen warten. (Jean ab.) Außerdem, Fanny?

_Fanny_

Er ist's ja, Gentz, der Stuhlmüller, der mir den Kontrakt verschafft hat, und jetzt brennt ihn halt die Neugier zu erfahren --

_Gentz_

_Er_ hat dir den Kontrakt verschafft? Wie kommt er denn dazu?

_Fanny_

Er ist ja in Berlin engagiert, und ich soll seine Partnerin sein.

_Gentz_

Er dein Partner, meinst du ...

_Fanny_

Ja, wenn du so willst ...

_Gentz_

Deshalb ist immer noch kein Grund für ihn, in mein Haus zu dringen.

_Fanny_

Warum denn so feindselig, Gentz?

_Gentz_

Ich mag's nicht. Mag das Theatervolk nicht leiden. Haben alle so was Penetrantes.

_Fanny_

Er war mir ein guter Kamerad.

_Gentz_

(mit den Händen auf dem Rücken hin- und hergehend)

Das dacht ich mir.

_Fanny_

(langsam)

Er war's ... (stockend) er ist's nimmer.

_Gentz_

(bleibt stehen)

Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Also habt ihr euch zerstritten?

_Fanny_

Er ist mir noch was anderes.

_Gentz_

(blickt sie starr an)

Er ist dir sehr ergeben, hoff ich.

_Fanny_

Ergeben? Nein. Eher ... stolz.

_Gentz_

Der elende Komödiant! Werd ihm die Leviten lesen.

_Fanny_

Willst du denn _nicht_ begreifen, Gentz? (Lange Pause.)

_Gentz_

(die Hand an der Stirn, plötzlich schwer)

Sprich nicht davon, Fanny. Sprich nicht davon. Du kennst dich selber nicht. Du kennst mich nicht.

_Fanny_

(innig)

Schau, Gentz, anders konnt' es doch nicht, durft' es doch nicht kommen, oder die Natur ist nicht mehr Natur und Blut nicht mehr Blut.

_Gentz_

(leise)

Also doch ... Felix! Felix! -- Sprich nicht davon, Fanny! (Ausbrechend.) Oder sag lieber, daß alte Männer langweilig sind, daß sie graue Haare haben und schwarze Zähne, daß sie, anstatt Liebesworte zu girren, besser ihr Testament abfassen sollten, daß jung sein, nichts anderes bedeutet als grausam sein, gefräßig sein, meineidig sein und daß man nicht vergessen soll, zur rechten Zeit zu sterben ... Gott, wohin verlier' ich mich!

_Fanny_

(erregt)

Gentz, hör mich an. Den Kontrakt, noch kann ich ihn zerreißen --

_Gentz_

Nimmermehr, Fanny. Blieb ich darum weniger ein Greis?

_Fanny_

Dir dank ich alles, Gentz, und will dir's danken, ohne Engigkeit, nicht bloß mit Reden, sondern von Herzen gern, und da, in meinem Herzen, bist du und bleibst du allezeit. Du bist mir das Höchste auf der Welt, als Mensch, und weil du's bist, mußt du's verstehen, wenn ich mein Herz nicht vor dir hehle. So war ja die Abrede zwischen uns, und immer warst du darauf gefaßt.

_Gentz_

(düster)

Man ist nie auf ein Ende gefaßt, wenn es da ist. Der Glückliche steht immer an einem Anfang.

_Fanny_

Ein Ende, Gentz! Wer spricht vom Ende? Wahrlich, du betrübst mich ganz und gar. Ich bin ganz irre jetzt.

_Gentz_

Sprich nur weiter, Fanny, so hör ich wenigstens deine Stimme.

_Fanny_

Dir mag's von mindrem Wert erscheinen, was mich jetzt erfüllt; vielleicht ist's auch so, doch was nützt Rede und Widerrede, wenn dich die Sinne zwingen und dich auf den Weg treiben, -- einem in die Arme, der wartet, wartet, und den du nicht hast kommen sehn, und du mußt zu ihm, als ob's Gott selber so beschlossen hätte. Rühmt' ich seine Augen oder seinen Gang oder daß er's redlich meint und ein treues Gemüt hat, so würd ich lügen, Gentz, denn dies ist's nicht, was mich hintreibt, 's ist vielmehr wie ein Rhythmus beim Tanz, der die Unruhe auflöst und die Luft um einen her dünner macht. Auch auf Betrug war's nicht abgesehn, denn her bin ich gekommen, um alles frei zu sagen, nur hat's mir weh um dich getan.

_Gentz_

Wie deine Augen glänzen, Fanny ...

_Fanny_

Du mußt ihn sehen, Gentz! Wie er schreitet, sich bewegt! Wie schlank er ist, wie er den Kopf wendet, wie edel er sich hält, wie die Gelenke abgesetzt sind. Mit ihm zu tanzen, ist halbe Arbeit; er trägt mich, schwingt mich so dahin. Wie mir's bei dir geschieht, wenn ich im Leben zaghaft werde, so gibt er mir Mut und Lust beim Tanz.

_Gentz_

Wann willst du reisen, Fanny?

_Fanny_

(mit gesenktem Kopf)

Weiß noch nicht. In der nächsten Woche, denk ich.

_Gentz_

Wozu der lange Aufschub? Es wäre besser, du würdest morgen reisen.

_Fanny_

Bist du so ungeduldig, mich los zu werden, Gentz?

_Gentz_

Ich will dir einen Platz auf der Post bestellen.

_Fanny_

Soll ich heut abend nicht zu dir kommen?

_Gentz_

Heut abend laß mich lieber allein.

_Fanny_

Jetzt will ich aber den armen Stuhlmüller nicht länger warten lassen.

_Gentz_

Adieu, Fanny.

_Fanny_

Magst ihn nicht wenigstens sehen? Sprich ein freundlich Wort mit ihm.

_Gentz_

Nicht heute, nicht jetzt.

_Fanny_

So leb wohl. (Reicht ihm die Hand.)

_Gentz_

Komm noch einmal ...

_Fanny_

Morgen komm ich wieder.

_Gentz_

Und übermorgen ...

_Fanny_

Übermorgen auch.

_Gentz_

Wie ein gehorsames Kind!

_Fanny_

Wie eine Tochter, ja.

_Gentz_

(zu dem Kupfergefäß, nimmt Rosen und gibt sie ihr)

Hier, die Rosen, Fanny; nimm sie mit auf den Weg.

_Fanny_

Dank dir.

_Gentz_

Und sei glücklich.

_Fanny_

Dank dir schön.

_Gentz_

Und noch etwas: geh nicht direkt die Straße entlang, -- geh am Gartentor mit ihm vorbei, damit ich euch sehe. Es ist nur ein kleiner Umweg.

_Fanny_

Ist recht, Gentz. (Sie beugt sich schnell, küßt seine Hand; ab.)

_Gentz_

(lauscht; dann auf und ab. Er geht zur Gartentür, schaut angestrengt nach rechts hinüber)

Da gehen sie hin, -- die jungen Leute! (Er zieht sein Lorgnon heraus und verfolgt die sich Entfernenden mit den Blicken, bis sie verschwunden sind, dann wendet er sich ab und läßt sich in den Fauteuil sinken. In seinem Gesicht erlischt gleichsam ein Feuer, und der Ausdruck wird völlig greisenhaft.) Da gehen sie hin. Die jungen Leute. Als ob sie einen Sarg in die Erde gesenkt hätten. Wozu die Trauer? Wozu Opfer, wozu Treue, wozu Müh und Sorge? Das Leben schwindet, das Krüglein ist geleert. Kein Wort mehr, Gentz, den letzten Traum hast du dir verdient und bezahlt. Genug, genug. (Er erhebt sich, greift nach der Handglocke.) Wie noch alles hier nach ihrer Jugend riecht! Wie die Luft noch von jungem Lachen klingt ... Kein Wort, kein Wort mehr, Gentz. (Er läutet.)

_Jean_

(kommt)

Herr Hofrat befehlen?

_Gentz_

Geh Er zum Fürsten Metternich und richt Er aus, daß ich zum Diner heut abend nicht kommen kann.

_Jean_

Sehr wohl.

_Gentz_

Bring Er mir meinen Schlafrock, den türkischen und mach Er Feuer im Ofen. 's ist kalt.

_Jean_

Sehr wohl.

_Gentz_

Sag Er den andern draußen, daß ich für niemand zu Hause bin. Für niemand, hört Er?

_Jean_

Sehr wohl.

_Gentz_

Vor allem mach Er Feuer an.

_Jean_

Sofort. (Ab.)

_Gentz_

's ist kalt. 's ist kalt. (Sinkt wieder in den Sessel.) Kein Wort mehr, Gentz. (Bedeckt das Gesicht mit den Händen.)

(Vorhang)

Der Turm von Frommetsfelden

Personen:

Der Ritter Karl Heinrich von Lang, ansbachischer Domänenrat Anna, seine Frau Frau von Hänlein, deren Mutter Leutnant Amandus Schlözer Rechnungsrat Birnkoch Kammerdirektor Mühlbach Kasteljack, Schreiber Fünf Bauern, darunter: Der Ringhofbauer, der Waldhofbauer, der Erlhofbauer Bärbel, Dienstmagd bei Langs

Spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Ansbach.

Das geräumige Arbeitszimmer des Ritters von Lang, zugleich eine Art Wohngemach. Die Möbel im französischen Geschmack des achtzehnten Jahrhunderts. Rückwärts zwei Fenster mit Aussicht auf romantisch verwinkeltes Häuserwerk. Links Tür in die andern Zimmer, rechts in den Flur.

_Frau von Hänlein_ ordnet die auf Tischen, Stühlen und Sofa herumliegenden Bücher und Hefte; _Bärbel_ kehrt mit einem riesigen Besen aus.

_Frau von Hänlein_

(eine stattliche Dame in der Mitte der vierzig; sehr riegelsam, frisch, gesund, nur wenig angegraut)

In aller Frühe war er also schon da?

_Bärbel_

Heroben war er nit. Vorbeigangen ist er am Haus, wie ich zum Bäcker bin, und hat g'fragt, wie's der jungen Frau geht.

_Frau von Hänlein_

Scheint viel Zeit zu haben, der junge Herr.

_Bärbel_

Die Herren Leutnants möchten halter gern, daß an Krieg gitt.

_Frau von Hänlein_

Wenn ich der Lang wäre, ich tät ihm das Haus verbieten. Die Männer sind zu schlampig in manchen Sachen. Du kannst jetzt in die Küche gehn, Bärbel. In einer halben Stunde muß die junge Frau ihre Milchsuppe bekommen. (Bärbel ab.) Sitzt da herum. Schwatzt. Wär die Anna nicht die Anna, er könnt sie am Ende um den Verstand schwatzen. Lang, Lang! So gescheit du bist, so dumm bist du.

_Anna_

(kommt von links. Blasse, schlanke, zarte, zierliche Frau von zwanzig Jahren. Sie trägt ein elegantes Morgengewand nach Pariser Schnitt; lächelnd)

Sprichst für dich alleine, Mutter, und räumst schon wieder?

_Frau von Hänlein_

Was zu räumen ist, räum' ich. Guten Morgen, Kind. Bist schon aus dem Bett gehupft? 's ist erst zehn Uhr und der Doktor hat gesagt, du sollst bis Mittag liegen.

_Anna_

(heiter)

Erklärt mich der Doktor für krank, dann fühl' ich mich gleich gesund.

_Frau von Hänlein_

Bist ja auch nicht krank, sollt' ich meinen.

_Anna_

Krank nicht, gesund auch nicht. Was soll man glauben!

_Frau von Hänlein_

Glaub an deine Natur.

_Anna_

Grad die Natur macht mich oft irre. Oft versuch ich froh zu sein, dann kommt unversehens die Traurigkeit.

_Frau von Hänlein_

Wie hast denn geschlafen heute?

_Anna_

Einen wunderlichen Traum hab ich gehabt, Mutter.

_Frau von Hänlein_

Laß hören. Vielleicht kann ich ihn deuten.

_Anna_

(setzt sich aufs Sofa, Frau von Hänlein bleibt vor ihr stehen)

Mir träumte, ich war in Frommetsfelden und alles war noch so, wie ich ein Kind gewesen. Der schöne Garten mit den vielen Obstbäumen, alle voller Äpfel und Birnen und die lieben alten niedlichen Häuschen, und ich geh so und freu mich über den blauen Himmel, und wie ich so gehe, wird's auf einmal stockfinstre Nacht, und auf einmal seh ich Flammen, und das ganze Städtchen steht lichterloh in Brand. Mir wird Angst, und ich weiß nicht wohin, da packt mich Karl Heinrich am Arm, so fest, daß mir's durch und durch weh tut. Laß mich wenigstens noch in meinen Garten, bitt ich ihn, aber er schüttelt den Kopf, macht ein böses Gesicht und hält mich nur immer fester. Da seh ich den Leutnant Schlözer kommen, er winkt mir so freundlich, daß mir ganz warm ums Herz wird, und plötzlich kann ich zu ihm hingehen, und wie ich bei ihm bin, da sind wir im Garten, und aus einem schönen blauen Krug gibt er mir Wasser zu trinken. Dabei ist mir immer wohler und wohler geworden, und so bin ich aufgewacht.

_Frau von Hänlein_

Das war das Vernünftigste, was du hast tun können, das Aufwachen.

_Anna_

Sollen die Träume auch noch vernünftig sein? Schau, Mutter, ich fühl' mich so verlassen oft.

_Frau von Hänlein_

(setzt sich zu ihr, tadelnd)

Und du hast doch den besten Mann von der Welt.

_Anna_

(steht auf, geht zum Fenster)

's ist wahr.

_Frau von Hänlein_

Ist's wahr mit Seufzen, so ist's Lüge.

_Anna_

Weiß wirklich nicht, wie mir zumut ist ...

_Frau von Hänlein_

Hör' zu, Anna. Du solltest dich weniger mit dem Leutnant Schlözer abgeben. Ein paar Monate seid ihr erst verheiratet, und, -- es schickt sich eben nicht. Lang muß sich auch kränken.

_Anna_

(bitter)

Karl Heinrich? Oh nein, Mutter. Oh nein. Der kränkt sich nicht. Darüber nicht.

_Frau von Hänlein_

Warum nicht _da_rüber? Etwa weil er nicht darüber spricht?

_Anna_

Wüßt ich's nur! Das ist's ja, was mich quält. Er denkt nur an die Verwaltung. Nur seine Eingaben und Verbesserungen hat er im Kopf.

_Frau von Hänlein_

(lacht)

Bist eifersüchtig auf die Verwaltung? Damit mußt du dich abfinden. Ein Mann gehört seinem Beruf.

_Anna_

(mit niedergeschlagenen Augen)

So bin ich betrogen worden, Mutter. Man hat mir's anders eingeredet.

_Frau von Hänlein_

Als dein Vater auf dem Totenbett lag, sagte er zu mir: Schau, Rieke, du hast ja graue Haare an den Schläfen. Da hab ich ihm antworten müssen: Dummer Mann, die grauen Haare hab ich schon seit sechs Jahren. Glaubst du, wir haben uns deshalb minder lieb gehabt?

_Anna_

Ach, -- Liebe! Das ist viel, oder 's ist wenig, je nachdem! Wie kann ich wissen, ob sie _mir_ gilt, (mit beiden Händen an der Brust) ob's _meine_ Liebe ist, die erwidert wird, ganz genau meine?

_Frau von Hänlein_

Warum soll es denn, um Gottes willen, ganz genau die deine sein? Wir Menschen sind doch aus verschiedenem Teig.

_Anna_

Ist sie ihm mehr wert als das Amt? Was Größeres als die Geschäfte? Was anderes als eine Stunde zum Vergessen? Ich will wissen, ob sie mir gilt, mir ganz allein und ganz so wie ich bin.

_Frau von Hänlein_

Kind, spiel du nicht mit Worten, denn das heißt so viel wie zum Teufel beten. (Sie steht auf.)

_Anna_

Was sind mir seine Geschenke, wenn ich das nicht weiß? Er ist so verschlossen; so viel fremdes Leben bringt er mit. Seine Augen sind fremd. Sein Gesicht ist fremd. Mir ist als hätt ich sein wirkliches Gesicht noch kaum gesehen; als ob er gar nicht leiden könnte um was. Immer möcht ich grübeln, wenn er mit mir redet; indes sein Wort weiter geht, bin ich noch beim ersten und frag mich: wo bist du, Karl Heinrich? Ich find ihn nicht. Muß ich ihm nicht auch fremd sein? Wie wird er mich nehmen, wenn mein Fremdestes zu seinem Herzen will?

_Frau von Hänlein_

(bekümmert)

Das kommt mir alles wie Sünde vor. Auch versteh ich's nicht. Ich bin schon froh, wenn mich die Sonne bescheint.

_Bärbel_

(von rechts)

A Herr is da un will unsern Herrn sprech'n.

_Frau von Hänlein_

Unser Herr ist ausgegangen.

_Bärbel_

Der Herr will auf unsern Herrn wart'n.

_Frau von Hänlein_

Was ist's denn für ein Herr?

_Bärbel_

Birnkoch haaßt 'r.

_Rechnungsrat Birnkoch_

(unter die Türe tretend; ein dicker, kleiner, geschniegelter junger Mann mit Glatzkopf und einem eiertanzähnlichen Gang)

#Excusez, mes dames --#

_Frau von Hänlein_

Der Herr Rechnungsrat! Bitte nur einzutreten, Herr Rechnungsrat.

_Birnkoch_

Ist nicht meine Absicht, die Damen zu troublieren. #Bonjour, mesdames#. Frau Domänenrätin, meine Reverenz. Wie befindet sich dero beneidenswerter Gatte?

_Frau von Hänlein_

(hastig, um Annas zerstreutes Schweigen zu verdecken)

Mein Schwiegersohn ist zur Inspektion des Waisenhauses, Herr Rechnungsrat. Müssen Sie ihn dringend sprechen, so schick ich hinüber.

_Birnkoch_

Inspektion in aller Frühe? Ein rühriger Beamter, der Domänenrat Lang, #un caractère de fer#. Wollen Sie hinüber schicken? Ich bitte, nein. Allerdings habe ich ein Anliegen, will sagen einen Auftrag von Seiner Exzellenz, dem Minister Haugwitz, der die Gnade hatte, mit mir in Berlin zu konferieren ...

_Frau von Hänlein_

Nun, wenn es von Wichtigkeit ist, Herr Rechnungsrat ... (Will zur Tür.)

_Birnkoch_

Bitte nein, Madame. Muß wohl von einiger #importance# sein, da man mich damit beauftragt hat. Aber, bitte nein. Das Vergnügen, Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen ... Es handelt sich um die fatale Affäre ... #une chose ridicule, au fond# ... mit dem Turm von ... von ... #quel nom abominable# ...

_Frau von Hänlein_

Mit dem eingestürzten Stadtturm vielleicht --?

_Birnkoch_

Ganz richtig, Madame; mit dem eingestürzten Stadtturm. In ... in ...

_Frau von Hänlein_

Frommetsfelden.

_Birnkoch_

#Milles mercis, madame#. Frommetsfelden. #Mon Dieu,# was für seltsame ... Bezeichnungen in Deutschland die Dörfer haben!

_Anna_

(die am Fenster gesessen ist, hat erstaunt aufgehorcht)

Wie, Mutter, -- in Frommetsfelden ist der Turm eingestürzt?

_Birnkoch_

Ganz wie Sie sagen, Frau Domänenrätin. Von oben bis unten eingestürzt.

_Frau von Hänlein_

(verschüchtert durch Annas erschrockene Miene)

War ja ein altes, baufälliges Gerümpel, der Turm.

_Birnkoch_

#C'est ça.# Uralt. Und baufällig, jawohl. Baufällig. Unbedingt baufällig. Deshalb ist er ja eben eingestürzt.

_Anna_

Wann ist denn das geschehen?

_Birnkoch_

Nun ... es mögen drei bis vier Wochen sein. Eher vier. Jawohl. Vier bis fünf Wochen, jawohl.

_Anna_

Davon hat mir Karl Heinrich kein Wort gesagt ...

_Frau von Hänlein_

Daß dich das sonderlich interessiert, hat er nicht denken können.

_Birnkoch_

So wissen Sie auch nicht, daß der Herr Domänenrat sich weigert, mit allen Gründen seiner Amtsgewalt sich weigert, den Turm wieder aufbauen zu lassen?

_Anna_

Er will ihn nicht wieder aufbauen lassen?

_Birnkoch_

#Une marotte! une marotte inexplicable!# Er weigert sich. Die Regierung selbst unterstützt das Verlangen der Bauern. Und er weigert sich. #C'est son entêtement.#

_Anna_

Aus welchem Grund will er denn den Turm nicht bauen lassen?

_Birnkoch_

#Parole d'honneur,# ich weiß ihn nicht, den Grund. Und wüßt ich ihn, so könnt ich ihn keinesfalls approuvieren. Aber ich bin erfreut, Madame, daß Sie an der Sache solchen Anteil nehmen. Da kann man ja auf Ihre Unterstützung rechnen ...

_Frau von Hänlein_

Meine Tochter nämlich, Herr Rechnungsrat, hat ihre ganze Jugend dort in Frommetsfelden zugebracht. Sie hat bei ihrem Oheim auf dem Gut gelebt, während ich mit meinem Mann in der Welt herumgezogen bin.

_Birnkoch_

Verstehe ...

_Frau von Hänlein_

Da ist ihr natürlich jeder Baum und jeder Stein ans Herz gewachsen.

_Birnkoch_

Verstehe. Die Erinnerung. #Le souvenir.# Verstehe. (Zitiert mit preziösem Tonfall.)

Erinnerung taucht ihren Farbenpinsel Ins wunde Herz und übermalt den Gram. Sie fleucht mit dir auf eine Zauberinsel, Wenn das Geschick dir Mut und Freude nahm.

Verstehe.

_Frau von Hänlein_

Reizend, Herr Rechnungsrat. Haben Sie das selbst gedichtet?

_Birnkoch_

Nicht ganz. Nicht ganz. Hab's mir aus einer #anthologie# kopieren lassen.

(Es klopft, ein kleines Mädchen tritt verschämt ein. Sie trägt einen Fliederstrauß in der Hand, blickt von einem zum andern, eilt jäh auf Anna zu und überreicht ihr den Strauß mit einem Knix.)

_Birnkoch_

Sieh da, sieh da! Flieder schon, im März?

_Anna_

(erhebt sich; tief errötend)

Von wem ist denn der Flieder, Kind? (Schnell, ehe das Mädchen antworten kann.) Ist schon gut. Ich laß mich recht sehr bedanken. Da hast was für den Zuckerbäcker. (Gibt ihr ein Geldstück; das Mädchen geht.)

_Frau von Hänlein_

(leise mahnend)

Anna!

_Birnkoch_

Befinde ich mich in einem #erreur,# wenn ich annehme, daß Sie den Spender kennen, Frau Domänenrätin?

_Anna_

(für sich)

Herrlich! Herrlich! (Steckt das ganze Gesicht in den Strauß und atmet mit Inbrunst; flüsternd.) Mein Traum!...

_Frau von Hänlein_

(am Fenster)

Da kommt der Domänenrat! (Sie winkt hinunter.)

_Anna_

(stellt die Blumen in eine Vase vor die Spiegelkonsole, betrachtet entzückt die Wirkung).

_Frau von Hänlein_

Weshalb stellst du denn den Strauß vor'n Spiegel, Anna?

_Anna_

(ohne sich umzuwenden, lächelnd)

Dann sieht es aus, als ob ich zwei Sträuße hätte.

_Birnkoch_

#C'est drôle! c'est ravissant!#

_Ritter von Lang_

(tritt ein. Er ist ein mittelgroßer, stämmiger Mann mit einer starken, energischen Stimme; sein Gesicht ist der Mode der Zeit gemäß bartlos, sein Wesen hat ein kühnes Selbstbewußtsein wie das eines Menschen, der seinen Wert genau kennt und sich außerdem mit Absicht von andern Beamten, ihrem Servilismus nach oben, ihrer Brutalität nach unten, unterscheiden will)

Guten Morgen, Herr Birnkoch; hab' gestern schon gehört, daß Sie wieder in Ansbach sind. -- Bist schon so frühzeitig munter, Anna? (Küßt sie auf die Stirn.) -- Woher ist denn der frische Flieder da?

_Anna_

Daß du's gleich gesehen hast! (Nimmt seine Hand und sieht ihn hell an.) Er hat's gleich gesehen, Mutter.

_Frau von Hänlein_

Werden vom Hofgärtner aus dem Treibhaus sein ... (Raunt Lang in die Ohren.) Nennen Sie ihn doch nicht Birnkoch, lieber Lang! Wollen Sie ihn auf Lebenszeit zum Feind haben?

_Lang_

(lacht kurz, dann sehr höflich)

Warten Sie schon lang, Herr Rechnungsrat? Was gibt's? Soll ich die Frauenzimmer fortschicken?

_Birnkoch_

Beileibe, Herr Domänenrat, beileibe nicht. Die Damen und ich, wir haben uns über den Gegenstand schon ausgesprochen und sind ganz #d'accord.# Denn Sie müssen nachgeben in der Affäre mit dem närrischen Turm.

_Lang_

Potz Knackwurst, lieber Birnkoch --

_Birnkoch_

(indigniert und weinerlich)

Aber hochgeschätzter Herr Domänenrat, warum wollen Sie mir nicht meinen sauer verdienten Titul zubilligen?

_Lang_

Schön, Herr Rechnungsrat. Ich sage nur, wenn Sie einen ganzen Harem von Weibspersonen um mich aufstellen, der Lang gibt nicht nach. In _der_ Sache nicht.

_Birnkoch_

Es ist der entschiedene Wunsch Seiner Exzellenz, des Ministers Haugwitz --

_Lang_

Vor allem steht es so, daß ich, in meinem Ressort, Befehle nur vom Fürsten Hardenberg empfange. Es ist mir ja bekannt geworden, daß der Fürst, der mir freundlich gesinnt ist, durch allerlei Kabalen aus seinem Amt gedrängt werden soll, aber eine offizielle Mitteilung habe ich darüber nicht erhalten.

_Birnkoch_

Seine Exzellenz, der Minister Haugwitz hat über den Fall eine Note abfertigen lassen -- (zieht sein Portefeuille.)

_Lang_

Ihr könnt Noten schmieren, so viel ihr wollt. Das lebendige Bedürfnis spricht anders.

_Birnkoch_

(bestürzt)

#Mon dieu!# Sie anerkennen also keine höhere Instanz?

_Lang_

Instanz? Zu deutsch: Schleichweg. Der Minister Haugwitz ist von Kreaturen umgeben, die ihren Vorteil suchen.

_Birnkoch_

Eine solche Verdächtigung muß ich mit aller zukömmlichen Entschiedenheit repoussieren.

_Anna_

(zwischen beide tretend, sehr sanft)

Warum soll denn der Turm nicht wieder aufgebaut werden, Karl Heinrich?

_Lang_

(barsch)

Misch du dich nicht in die Affären, Kind.

_Frau von Hänlein_

(nimmt sie am Arm, leise)

Er hat recht. Er muß wissen, was er tut.

_Lang_

Ist dem Minister auch wahrheitsgemäß angegeben worden, was der Wiederaufbau des Turmes kostet?

_Birnkoch_

(in seinen Papieren blätternd)

Der Baurat Österlein hat vierhundert Gulden in Voranschlag gebracht.

_Lang_

Dann ist der Baurat Österlein ein ganz gemeiner Schwindler, der einen Auftrag will und eine Versprechung leistet, die er nicht halten kann. Das sag ich ihm auf den Kopf zu.

_Birnkoch_

Sie erschrecken mich, Herr Domänenrat --

_Lang_

Das Vierfache reicht nicht hin. Aus meinen genauen Berechnungen geht hervor, daß bei aller Sparsamkeit achtzehnhundert bis zweitausend Gulden nötig sind.

_Birnkoch_

#Eh bien,# wenn die Bauern dafür aufkommen wollen und die Regierung einen Beitrag gibt --?

_Lang_

Die Bauern, die sich ohnehin unterm Steuerdruck winden? Und die Regierung, die kann das teure Geld förderlicher verwenden.

_Birnkoch_

(spitz und kalt)

Inwiefern förderlicher, wenn ich bitten darf?

_Lang_

Herr, in Frommetsfelden ist keine Schule!

_Birnkoch_

(heuchlerisch bekümmert)

Ei, ei, ei ...

_Lang_