Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen
Chapter 3
Es war ein Triumph. Die Galerien haben geheult, das Parkett hat sich die Handschuhe zerrissen. Sogar in der kaiserlichen Loge sah man leuchtende Augen, und zwei Hofdamen, die vor lauter Gewöhnung an Feierlichkeit alles Fett an ihrem Leibe verloren hatten, wackelten mit ihren Köpfen, als ob das Theater eine Glocke und sie die Schwengel darin wären.
_Gentz_
(lacht)
Ja, diese Zauberin gleicht alle Gegensätze der sozialen Welt aus, und gekrönte Häupter werden -- Publikum.
_Graf Reitzenstein_
Als sie auftrat, ging ein glückliches Seufzen durch das Haus. Da stieg die ganze Venus aus dem Meer. Dieser Nacken, diese Schultern, dieser Hals, die Bewegung, die anmutvolle Hingabe, dies Sichverlieren in süßester Heiterkeit! Ich sah Männer zittern und Frauen bleich werden. Jede Miene will ihre angeborne Trägheit vergessen, doch ihr selbst nahen keine Wünsche, nur Vergötterung umfängt sie. Ahnungslos und unergriffen wandelt sie durch die gesammelte Bewunderung hindurch, wie wenn ihr der Traum der letzten Nacht als Schleier um die Seele gehüllt wäre, -- und lächelt.
_Gentz_
Sie haben recht, Felix. Ihr Lächeln ist das Wunderbarste. Es scheint aus einer tiefen Quelle aufzusteigen, wo die Genien wohnen, die den Menschen wohlwollen. Keine Heiterkeit deutet so viel Schicksal wie ihre.
_Graf Reitzenstein_
Zur Fuchs kam sie spät, erst nach der Vorstellung. Man war schon ein wenig müde. Aber als sie eingetreten war, begann der Tag von neuem. Sie setzt sich neben die Hausfrau und blickt sie zärtlich und vertrauensvoll an. Sie plaudert, und Worte sind plötzlich edel. Die Luft, die sie atmet, mitzuatmen, macht glücklich.
_Gentz_
Wenn man Sie hört, Felix, sollte man glauben, ein Verliebter spricht.
_Graf Reitzenstein_
Und wenn ich's wäre?
_Gentz_
Sie scherzen.
_Graf Reitzenstein_
Keineswegs.
_Gentz_
Armer Felix, wie ist Ihnen das passiert?
_Graf Reitzenstein_
Das Mitleid, Gentz, sollten Sie mir aus Großmut ersparen.
_Gentz_
Nehmen Sie denn um Gottes willen Ihren Zustand ernst?
_Graf Reitzenstein_
Seh ich aus wie ein Libertin?
_Gentz_
Es gibt keinen lebendigen Mann, der Fanny gesehen hat und sie nicht liebt. Bei Ihnen allerdings --
_Graf Reitzenstein_
Sie sprechen, Gentz, als ob Fanny Ihr Eigentum auf Leben und Tod wäre ...
_Gentz_
Lieber Felix, Sie überraschen mich. Wahrlich, ich weiß nicht mehr, was ich von der menschlichen Natur halten soll. Waren Sie es nicht, der mich im Glauben an die Möglichkeit einer Liebe zwischen mir und Fanny befestigt hat? Ich habe gezweifelt, und Sie waren verschwenderisch mit Beispielen aus Leben und Geschichte, die mich beruhigen sollten. Sie waren der einzige, der verstehend in mein Herz drang, der meine Jahre auf die Rechnung der Zeit und nicht zu Lasten der Seele gesetzt hat. Ich war eifersüchtig, damals, als ich noch eifersüchtig sein mußte, und Sie lachten mich aus. Wenn ich mich quälte, ob ich würdig sei, Fanny zu gewinnen, sahen Sie darin die Koketterie eines Mannes, der wenig verspricht, um viel zu halten. Sie haben für mich Sonette an Fanny gedichtet, und in einem Brief, den ich nie vergessen werde, schrieben Sie: Wehe dem Herzen, dem die Jahre alle Blüten rauben, und wehe der Lehre, die ein Vertrocknen vor der Zeit für Würde oder Weisheit ausgibt. So dachte Anakreon nicht, schrieben Sie, erinnern Sie sich? »So dachte Anakreon nicht.«
_Graf Reitzenstein_
Waren Sie nicht glücklich mit Fanny?
_Gentz_
Nur ein junger Mann darf glücklich _gewesen_ sein.
_Graf Reitzenstein_
Ich kannte mein Gefühl nicht.
_Gentz_
So hätte der geheimnisvolle Drang in Ihnen, Felix, einen Greis beseelen wollen, und was dunkel in Ihrer jungen Brust wohnte, übertrugen Sie mutlos und edelmütig auf mich? Ist es so?
_Graf Reitzenstein_
Nicht ganz so.
_Gentz_
Und ich hätte sechzig Jahre unter Menschen gelebt, mit _meinen_ Augen, und habe nicht das Spiel eines Jünglings durchschaut?
_Graf Reitzenstein_
Nein, nein, nein --
_Gentz_
Sie haben nicht bedacht, daß kein Feuer so wütend brennt, wie das in einem alten Haus.
_Graf Reitzenstein_
Ich wußte und weiß es. Fanny kam aus einer Welt, die tief unter uns liegt, aus einer kleinen, armen Welt, in der man noch an Ehren und Titel glaubt, wo von Luxus und Lebensgenuß erzählt wird wie von Märchen. Als Fanny Sie kennen lernte, als sie Ihre Protektion erfuhr, da war ihr das Tor zur großen Welt geöffnet und in Ihrer Person verehrte sie den Ruhm und die Macht, nach denen sie sich sehnte und wofür sie auch bestimmt ist. Sie trat Ihnen mit der bebenden Andacht entgegen, mit der die jungen Mädchen aus dem Volk einen Prinzen aus seiner Karosse steigen sehen.
_Gentz_
(unterbricht)
Und aus diesem Äußerlichsten wollen Sie etwas so Geheimnisvolles erklären, wie es mein Bund mit Fanny ist?
_Graf Reitzenstein_
Sie lernte Sie näher kennen, sie wurde bezaubert von Ihrem Geist, von Ihrer Kunst des Umgangs -- welche Frau von Instinkt und Kraft würde nicht diese Atmosphäre von Leben, von Abenteuer, von Bildung und Welt spüren, in der Sie atmen? Für sie, die Unerfahrene, waren Sie ein Gott an Erfahrungen. Sie konnten ihr die Tore aufriegeln, die sie fest verschlossen wähnen mußte, und Sie haben es getan. Sie sah in Ihnen einen Gebieter des Schicksals, einen, der erfüllt ist von Schicksalen und dem sie Vertrauen schenken durfte, weil er Liebe dafür gab. Sie fühlte Ihre Vergangenheit, sie begriff Ihr Leben, Gentz, dieses Leben, hingebracht in Schwärmerei und Leidenschaften, in den Verführungen der Städte wie im blutigen Dampf der Schlachtfelder, unter Königen und großen Damen, in Arbeit wie in Genuß, in der Melancholie der Einsamkeit und in der Unruhe unter den Menschen. Sie war behütet und geführt, wissend und gefeit an Ihrer Seite, und die Dankbarkeit unterwarf Ihnen ihr Herz.
_Gentz_
Nur die Dankbarkeit? Das wäre also der #punctum saliens?# Soll ich zweifeln, nur weil andre zweifeln?
_Graf Reitzenstein_
Nicht zweifeln; aber Sie sind allzu sicher, Gentz.
_Gentz_
Fannys allzu sicher, meinen Sie?
_Graf Reitzenstein_
Ja, Fannys allzu sicher.
_Gentz_
Was gibt Ihnen Grund zu solcher Warnung? Ist die Medisance am Werk? Hat man in den Salons und in den Kaffeehäusern die Mäuler zu Guillotinen meines Glücks gemacht?
_Graf Reitzenstein_
Man ist darüber einig, daß Gentz ein beneidenswerter Mann ist.
_Gentz_
(mehr überlegen als bitter)
Gentz, ein Zittergreis, ein ausgebrannter Krater, und Fanny Elßler, das blühende Wunder einer morbiden Welt. Der seufzende Diplomat und die spöttisch lachende Nymphe, das lächerliche Podagra und ein feuriger Czardas. Lassen Sie hören, Felix, das war der Text. Die Melodie dazu -- pfeifen die Drosseln.
_Graf Reitzenstein_
Nein.
_Gentz_
Aber Sie wenigstens haben die Überzeugung gewonnen, daß über einen Abgrund von siebenundvierzig Jahren hinweg die Leidenschaft eines Weibes gefriert und ein Mann sich aus seiner Dummheit und Leichtgläubigkeit eine Gloriole webt. Sagen Sie's nur.
_Graf Reitzenstein_
(wehmütig lächelnd)
Sie scheinen es also für unmöglich zu halten daß Fanny -- (Er stockt, da Gentz mit scharf markierten Schritten auf ihn zugeht.)
_Gentz_
Ja, Felix! Unmöglich! Unmöglich kann Sie Fanny lieben!
_Graf Reitzenstein_
Ich dachte nicht an mich. Offen gestanden, lieber Gentz --
_Gentz_
(ergreift die Hand des Grafen)
Hören Sie mich an, Felix. Ich sage unmöglich, nicht, weil ich Ihren Wert nicht kenne. Die schönste, die vornehmste, die stolzeste Frau muß sich glücklich schätzen, Sie zu besitzen. Aber die schönste, die vornehmste, die stolzeste Frau, was tut sie am Ende, wenn sie liebt? Sie opfert Ihnen ihre Jugend. Ihre Schönheit ist nur dazu da, um von Ihnen, dem Geliebten, begehrt und genossen zu werden. Und sei sie lasterhaft wie Messalina oder eine Lucretia an Tugend, sie ist ein Weib und zwischen ihr und Ihnen ist nichts als die kleinen und großen Gefahren und Lockungen der Liebe. Fanny hingegen ist eine Tänzerin. Eine wirkliche, gottbegnadete Tänzerin. Verstehen Sie, was das heißt?
_Graf Reitzenstein_
Ich denke ... warum sollt ich nicht?
_Gentz_
Als ich Fanny zum ersten Male tanzen sah, da verteilten sich mir die Gewichte des Irdischen, und mein Schicksal war mir nicht mehr so lästig nahe. Ich hatte Spielraum in mir selbst, die Vergangenheit stand nicht mehr wie ein Leichnam hinter mir, die Philosophie nicht mehr wie eine Erinnye über mir, ich fühlte mich einer höheren und leichteren Ordnung der Dinge verwandt, und alles, was von schlechtem Gewissen in mir war, wurde von einer heiteren Macht beschwichtigt und zerstreut. Dem Philister ist dieser Tanz nur ein Vergnügen, an dem er vorübergeht, dem Jüngling mag er die Sinne befeuern, den reifen Mann erheben, erfreuen, doch nur der Alte, der wahrhaft Erfahrene, einer, der durch das ganze Fegefeuer der Geister- und Körperwelt gegangen ist, die ganze Hölle von Niedertracht und Stumpfsinn und alles erlebt hat, Untreue und Verrat, selbst treulos und ein Verräter war, an allem versucht worden ist, durch Leiden schamlos, durch Abwehr kalt, durch versteckte Armut listig, durch Triumphe gleichgültig geworden ist, -- nur der kann die Tänzerin lieben, wie sie geliebt werden muß, so wie man eine Idee liebt, wie man Gott auf dem Sterbebett liebt.
_Graf Reitzenstein_
Das klingt groß, aber die Wahrheit des Lebens verteilt sich im Kleinen.
_Gentz_
Ein Aperçu beweist nichts, kaum für den, der es macht. Wie könntet ihr jungen Menschen diese Reinheit verehren, ohne sie herabzuziehen? Diese beschwingte Leichtigkeit, ohne sie zu lähmen? Wie könnt ihr besitzen, ohne mehr und immer mehr zu fordern? Man muß durstig sein können und nur vom freiwillig gereichten Becher trinken wollen. Man muß vergöttern können, indem man ein Wissen gibt, von dem ein Händedruck so voll ist wie eure erzählten Aventüren. Die Tänzerin ist in irgend einer Art heilig zu nennen, Felix, denn es ist etwas an ihr, was nie erobert werden kann und nie berührt werden darf, in den feurigsten Umarmungen nicht. Fanny opfert alle Leidenschaft ihrer Kunst. Nicht nur ihr Gliederspiel, auch ihr Seelenleben ist von dem Gesetz maßvoller Schönheit beherrscht. Man kann nicht weniger emotionsbedürftig sein als sie es ist, die sich von allem Stürmischen und Heftigen geradezu beängstigt fühlt. Der Adler wird in der Gefangenschaft traurig und verliert seine Majestät; will man sie ganz besitzen, so muß sie frei bleiben wie der Adler.
_Graf Reitzenstein_
Und doch dachten Sie einst an eine Heirat --
_Gentz_
Es war, als ich sie noch zu wenig liebte. Was bin ich heute? Der entlassene Kammerdiener großer Herren. Was besitze ich? Nichts. Schulden über Schulden. Sollte die Frau Hofrätin tanzen? Kann man einen Stern vom Himmel reißen, um ihn zum Schmuckstück für die Wohnstube eines Literaten zu machen? Das heißt die Ewigkeit zum Augenblick erniedrigen, und wer so handelt, dem versagt der Augenblick. Und so lang ich dem Augenblick genug tue, bin ich jung. Alt bin ich einen Augenblick vor meinem Tod.
_Graf Reitzenstein_
Wie sonderbar Sie mir erscheinen, lieber Gentz. Ich möchte bewundern und muß doch trauern --
_Gentz_
Trauern? Worüber? Sie suchen umsonst den frivolen Höfling in mir, dessen geprägte Malicen noch gestern halb Europa zum Lachen brachten. (Er nimmt ein mysteriöses Wesen an.) Ich bin fromm geworden. Ja, ich bete, Felix, ich bete zuweilen. Besonders in der Nacht.
_Graf Reitzenstein_
Armer Freund, kaum will mir das Wort über die Lippen ...
_Gentz_
Was für ein Wort? Gegen Worte bin ich gewappnet. Das ist mein Beruf.
_Graf Reitzenstein_
Fanny ist nicht nur eine Tänzerin, sie ist auch ein Weib.
_Gentz_
Ich gratuliere Ihnen zu dieser Entdeckung. Wollen Sie mir damit sagen, daß Sie ein Mann sind? Ich habe nie daran gezweifelt.
_Graf Reitzenstein_
Nicht um mich handelt sich's. Es tut mir leid, daß ich mich zu einem Geständnis meiner Empfindungen für Fanny habe hinreißen lassen. Es geschah, weil ich Ihnen Offenheit schuldig zu sein glaubte. Es ist von meiner Seite nichts geschehen, was mit dem Gebot der Freundschaft unvereinbar wäre, und da Sie keinen Anlaß haben, diese Freundschaft zu beargwöhnen --
_Gentz_
Nicht den geringsten, teurer Felix.
_Graf Reitzenstein_
-- so dürfen Sie meiner Mitteilung keine falschen Motive geben. Neigung und Freundschaft haben mein Auge geschärft, das ist alles.
_Gentz_
Nun, Sie machen mich neugierig.
_Graf Reitzenstein_
Jener Stuhlmüller --
_Gentz_
Was ist mit ihm?
_Graf Reitzenstein_
Fanny liebt ihn.
_Gentz_
Oh! Oh! Oh! Stuhlmüller! Felix, Sie sind gar zu treuherzig.
_Graf Reitzenstein_
Sie befinden sich, lieber Gentz, in einem Rausch von Täuschung und Illusion. Ich habe die beiden beieinander gesehen, und nicht nur heute.
_Gentz_
Was noch?
_Graf Reitzenstein_
Ich habe Blicke gesehn, Gebärden gesehn ... O, ich kenne Fanny. Wo ihr Herz spricht, ist sie ehrlich bis zur Selbstvergessenheit.
_Gentz_
Und wäre in dieser Ehrlichkeit betrügerisch gegen mich? Felix! Felix!
_Graf Reitzenstein_
Ich wiederhole: sie ist ein Weib.
_Gentz_
Komischer Refrain. Mann -- Weib. Ist die Natur eine Maschine und sind die gröbsten Gegensätze der Begriffe nur erfunden, damit man aus einem Engel im Handumdrehen eine Dirne machen kann?
_Graf Reitzenstein_
Sie beleidigen die Natur, Gentz.
_Gentz_
Da sieht man, wie ihr jung seid, ihr jungen Leute. Ihr stolziert in abgestempelten Anschauungen herum wie ein Hahn auf einer Grammatik. Stuhlmüller? wer ist Stuhlmüller für mich? Was ist er für meine Welt, für mein Gefühl, was er nicht auch zugleich für Fanny wäre?
_Graf Reitzenstein_
Ein Bursche wie aus Blut und Stahl, Gentz.
_Gentz_
Ihr wißt nichts von Fanny, keiner. Ihr kennt nur eine Liebenswürdigkeit, bei der das Herz abwesend ist ... (Er lauscht.) Horch! Sie kommt, Felix! (Entzückt.) Ich höre ihren Schritt ...
_Graf Reitzenstein_
Dann wird es Ihnen wohl bequemer sein, wenn ich mich jetzt verabschiede.
_Gentz_
(mit leichtem Spott)
Sie müssen ihr wenigstens in die Augen schauen, Felix. (Er lauscht angestrengter, mit geneigtem Kopf.)
_Graf Reitzenstein_
Sie könnte mich glauben machen, daß ich ihr etwas bedeute, und um so weniger könnt ich sie vergessen.
_Gentz_
Ist sie's? -- Ja, sie ist's.
_Graf Reitzenstein_
Vielleicht feiern wir heute abend noch ein kleines Fest zu dreien, lieber Gentz. Am Sonntag reis' ich nach Paris.
_Gentz_
(vorwurfsvoll, doch ein wenig zerstreut)
Felix!
_Jean_
(tritt ein, reißt die Türe auf)
Demoiselle Elßler.
_Fanny Elßler_
(folgt dem Diener. Sie trägt ein helles, schottisches Kleid und einen blumengeschmückten Spitzenhut mit Band und seitlich herabgebogenen Bändern. Gestalt und Bewegungen sind von vollendeter Schönheit. Die ursprüngliche Naivität, Heiterkeit und Frische kämpft bisweilen gegen eine erworbene, anmutige Würde)
Grüß Gott, lieber Gentz! Endlich bin ich wieder bei dir.
_Gentz_
(fast erschüttert bei ihrem Anblick)
Fanny! Teuerste! Wie lang waren diese drei Tage!
_Fanny_
Ei, der Graf Felix! Guten Morgen, Felix, wie geht's Ihnen? Habt ihr ernste Gespräche gehabt? Es liegt so was in der Luft.
_Gentz_
Du siehst blühend aus, Fanny. Tu doch den Hut herunter ...
_Fanny_
(nimmt den Hut ab, streicht mit den Händen das schwarze gescheitelte Haar glatt, das rückwärts zu einem griechischen Knoten geknüpft ist)
Gemütlich ist's bei dir, Gentz, und ich freu mich, daß ich wieder da bin. Die schönen Rosen!
_Gentz_
Findest du nicht, daß Rosen auch Schwermut erwecken können? Es gibt eine gewisse Fülle des Lebens, die traurig macht.
_Fanny_
(streicht ihm über die Stirn)
Laß das, Gentz. Wenn du von der Traurigkeit sprichst, krieg ich gleich ein schlechtes Gewissen. Warum so schweigsam, Felix? Ihr Männer seid komische Leute. Wenn ihr miteinander gesprochen habt, tut ihr furchtbar geheimnisvoll, und doch weiß man alles, wenn man euch nur anschaut.
_Gentz_
Wie steh ich armer Diplomat nun da!
_Graf Reitzenstein_
(lächelnd)
Die Traurigkeit unseres Freundes hat also schon gewirkt?
_Fanny_
(lacht)
Auf das schlechte Gewissen, meinen Sie? So stehn die Sachen, Gentz?
_Gentz_
Er ist ein gar zu grüblerischer Geist, der Felix. Denke dir, er hat mir Vorwürfe über meine leichtsinnige Wirtschaft gemacht. Er ist der Meinung, daß ich zu verschwenderisch gegen dich bin --
_Graf Reitzenstein_
Gentz! Gentz!
_Fanny_
Sie haben ganz recht, Felix. Neulich wollte er mir partout eine diamantene Agraffe kaufen --
_Graf Reitzenstein_
Es hieße Sie beleidigen, Fanny, wollte man Edelsteine für köstlicher halten als die Freude, Sie damit schmücken zu können.
_Fanny_
Wie galant!
_Gentz_
Galant und wahr zugleich. Ich habe ihm gesagt, wenn man in meinem Alter zum Harpagon wird, gleicht man einem Soldaten, der nach dem Krieg desertiert.
_Graf Reitzenstein_
Der Geizige hat vor dem Verschwender das eine voraus, daß er alle seine Wünsche erfüllen kann. (Greift nach seinem Hut.)
_Fanny_
Gehen Sie schon, Felix? Wie schade!
_Gentz_
Leben Sie wohl, lieber Freund.
_Graf Reitzenstein_
Ich darf doch darauf rechnen, daß Sie heute abend mit Fanny bei mir soupieren?
_Fanny_
Das wäre reizend.
_Gentz_
Heut abend kann ich unmöglich, 's ist ein Diner beim Fürsten und der französische Gesandte kommt hin. Der Fürst legt Wert auf meine Anwesenheit. Aber morgen, wenn dir's recht ist, Fanny? Gut, wir kommen morgen.
_Graf Reitzenstein_
Auf Wiedersehen denn. (Ab.)
_Fanny_
(die ihm nachgeschaut hat)
Er ist ganz anders als sonst, der Felix ...
_Gentz_
Bist du nicht eifersüchtig auf dich selbst, da deine besten Freunde eifersüchtig auf deine besten Freunde werden?
_Fanny_
Ist es so, dann tut er mir herzlich leid.
_Gentz_
Nun, die Dinge liegen so einfach nicht. Du steigst empor, du richtest die Blicke der Menschen auf dich, die Männer, wie sie einmal sind: eifersüchtig selbst da, wo sie nicht lieben ...
_Fanny_
Oft denk ich mir, es wäre Zeit, dem Wiener Boden Valet zu sagen --
_Gentz_
Sprich's nicht aus, Kind.
_Fanny_
(schüchtern)
Jetzt grade könnt ich's tun, Gentz. Ich hab einen Antrag nach Berlin; soll an der königlichen Oper tanzen.
_Gentz_
Also doch! Wie hab ich den Moment gefürchtet.
_Fanny_
Ich tu's ja nicht, Gentz, tu's keinesfalls.
_Gentz_
Hat man dir den Kontrakt schon vorgelegt?
_Fanny_
Ja, ich hab ihn dabei. (Zieht das Dokument aus ihrem Pompadour und übergibt es Gentz.)
_Gentz_
Laß sehn ... (liest) Ballette »Blaubart«, »die Fee und der Ritter«, »Ottavio Pinelli«, »die Stumme von Portici« ... für drei Monate ... die Summe von fünfzehnhundert Talern nebst Spielhonorar ... (laut) Das ist nicht übel. Das wäre ja durchaus nicht von der Hand zu weisen.
_Fanny_
(versucht gleichgültig zu erscheinen)
Nicht wahr? Verlockend ist es.
_Gentz_
Du hast also Lust, zu den Berlinern zu gehen?
_Fanny_
(rasch)
Nein, Gentz; eigentlich ganz und gar keine Lust.
_Gentz_
Den Antrag abzuweisen wäre nicht klug von dir.
_Fanny_
Man kann's ja aufs nächste Jahr verschieben.
_Gentz_
Nein. Die Welt verlangt nach dir. Dein Bezirk ist Europa, der Erdball.
_Fanny_
Ist denn Berlin schon Europa?
_Gentz_
Für jeden beginnt Europa, beginnt die Welt da, wo er seine Heimat verläßt.
_Fanny_
(mit sehnsüchtigen Blicken, trotz des entschiedenen Tons)
So gern ich's möchte, Gentz, ich kann nicht von dir weg. Bei dir weiß ich, daß ich behütet bin. Du hast alles aus mir gemacht. Du warst alles für mich, mein Vater, mein Bruder, mein Freund, mein Lehrer. Du hast mich aufgeweckt, ich hätte keinen Ehrgeiz ohne dich, ich wüßte nichts von mir ...
_Gentz_
Doch kann ich dir den Ruhm nicht geben, der dich fern von mir erwartet.
_Fanny_
Was soll mir der Ruhm, wenn ich ihn nicht bei dir vergessen kann.
_Gentz_
Je länger ich überlege, je unverantwortlicher erscheint es mir, dich zurückzuhalten.
_Fanny_
(mit unwillkürlich hingerissener Gebärde)
Hinaus ins Unbekannte --! Eines ist ja wahr: zu eng wird's mir hier. Sie glauben mir nicht ganz, ich bin ihnen nicht fremd genug.
_Gentz_
Kehrst du zurück, so gebietest du denen, die dich jetzt nur dulden.
_Fanny_
Und doch ... nein, 's ist unmöglich. Schau, Lieber, mit Berlin ist's ja nicht abgetan. Da muß ich dann weiter. Da lockt's mich weiter. Nach Paris, wo die Taglioni tanzt.
_Gentz_
Sie ist kalt, sie ist blutlos, ein Schatten gegen dich.
_Fanny_
Aber dort wissen sie, was tanzen heißt. Man ist stärker, wenn's um den höheren Preis geht. Die Franzosen, siehst du, die möcht ich behexen, und wenn die Taglioni ein Engel ist, wie sie sagen, will ich zum Teufel werden. O, ich fühle, daß ich's kann! Ich hab's neulich gespürt im Blaubart, das ganze Theater war so still wie eine leere Kirche, und alle Augen waren so feurig in der Dunkelheit. Ach, Gentz! Paris! Paris!
_Gentz_
(der sich immer mehr in heroische Entsagung hineinlebt)
Warum nicht? Paris ist nur eine Domäne des Glücksreichs, das du gründen wirst.
_Fanny_
Und von Paris nach London, und von London nach Amerika. Die Amerikaner sollen ja so reich sein, da könnt ich mir viel Geld verdienen, herrliche Kostüme kaufen, die Dichter und die Komponisten bezahlen, daß sie mir wunderbare Texte und schöne Musik machen. O, ich hätte Mut. Das Meer fürcht ich nicht und die Wildnis nicht.
_Gentz_
So gefällst du mir. So gärt der Most, aus dem edler Wein wird.
_Fanny_
(enthusiastisch)
Und lernen, lernen, lernen, Gentz! Weißt du, was man von der Taglioni und ihrem Vater erzählt? Als sie in London war, wohnte unter ihr ein Mann, der ließ ihr sagen, sie möchte sich durch die Rücksicht auf seine Nachtruhe nicht in der Arbeit stören lassen. Und was hat der alte Taglioni geantwortet? Sagen Sie diesem Herrn, hat er dem Diener zugerufen, daß ich noch nie den Schritt meiner Tochter gehört habe, und daß ich sie verfluchen würde an dem Tag, wo es geschähe. Das find ich groß!
_Gentz_
Du hast Gaben, um die dich eine Taglioni beneiden wird.
_Fanny_
(stockt, seufzt)
Das ist's ja eben. Es ist einem oft zu Mut, als ob die Menschen voll Haß wären gegen die Kunst. Der Neid, die Mißgunst, wie soll ich's ertragen, wenn du mir nicht hilfst? Du bist klug, bist mächtig, sie beugen sich vor dir, und wenn ich bei dir bin, vergeß' ich die hämischen Gesichter. Nein, ich will nicht fort.
_Gentz_
Ich kann dich nur bis dahin führen, wo dir der Sinn des Daseins verständlicher wird, Fanny. Wir sind allein und müssen allein bleiben, ein jeder. Vielleicht ist es deine Aufgabe, dieses Gefühl der Einsamkeit, von dem die Menschen erfüllt sind, in Schönheit zu verwandeln. Uns beide hat das Geschick nur in einer Laune zusammengeworfen, mich am Ende, dich am Anfang eines Wegs. Es ist mehr als Liebe, was uns bindet. Du warst für mich geschaffen und fühlst es. Daß die Zeit sich in unserer Geburt verrechnet hat, kann uns nicht beirren. Nichts wird uns trennen, -- weshalb so viel Wesens machen um die paar Meilen von hier bis Berlin?
_Fanny_
Und unsere Gespräche, unsere Ausflüge, unsere gemütlichen Abende, wo wir das »Buch der Lieder« zusammen gelesen haben ...
_Gentz_
(scherzhaft)
Bst! Willst du wohl? Daß du mich nicht verrätst, denn dieser Heine ist ein Erzliberaler.
_Fanny_
Doch liebt er die Tänzerinnen, so viel ich weiß.
_Gentz_
Ja, das tun die Liberalen sonst nicht. Und nun setz dich an den Schreibtisch, nimm den Federkiel und schreib deinen Namen unter den Kontrakt.
_Fanny_
(schalkhaft)
Das heißt so viel, als du schickst mich fort? (Sie setzt sich.)
_Gentz_
In dieser Minute schreibst du deinen Namen ins Firmament der Unsterblichkeit.
_Fanny_
Noch ist's nicht geschehen, Gentz. Soll ich? Soll ich wirklich?
_Gentz_
(legt seine Hand auf ihre Schulter, sie blickt zu ihm empor)
Ich bin stolz darauf, deinen vollen Wert, von dem deine Schönheit und deine Kunst nur Teile sind, erkannt zu haben, und die Freundschaft, mit der du meine Liebe belohnst, schätze ich höher als Güter der Erde. Ich lebe nur in dir, Fanny; sterben hat keinen andern Sinn für mich als eine Welt verlassen müssen, in der du atmest. Ich habe den Mut zu glauben, daß mich nichts aus deinem Herzen reißen kann. Wenn du mich durch einen einzigen Händedruck versicherst, daß ich mich nicht irre, so bleibt mir nichts mehr zu wünschen übrig.