Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen

Chapter 2

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Wahrlich, was Sie da sagen, betrübt mich aufs äußerste, Graf Orlow. Mir ist, als sei ich bestohlen worden. Mir ist, als hätte man meine Brust durchwühlt, um ihr das Teuerste zu rauben, und als riefe man mir zu: du bewahrst es umsonst, denn die Hunde beschnüffeln es schon wie ein Aas.

_Orlow_

Schwer wird es mir, Ihnen zu widersprechen, Erlaucht.

_Rasumowsky_

Und wenn ich nun antworten würde: eine Ehe zwischen mir und der hochseligen Herrin Elisabeth Petrowna hat niemals stattgefunden?

_Orlow_

(beißt sich auf die Lippen; dann gleißnerisch)

So würde ich Ihre Beweggründe zu erforschen suchen.

_Rasumowsky_

Wenn ich Ihnen versichern würde, daß ich keine Dokumente besitze --? Wie, Graf Orlow?

_Orlow_

(düster)

Sie würden damit mein Leben zerstören, Erlaucht.

_Rasumowsky_

Und wenn ich den Besitz der Dokumente zugebe, warum soll ich sie ausliefern? Was könnte mich veranlassen, ein Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt gehaltenes Übereinkommen schmählich zu verletzen? Nur weil ein Jüngling, den die Jugend begehrlich und begehrenswert macht, in meinen Frieden tritt und die Hand ausstreckt nach meinem Gut?

_Orlow_

Es ist nichts in Ihren Worten, Alexei Grigorjewitsch, was ich mir nicht auch selbst schon ins Gewissen gerufen hätte. Doch erwägen Sie, Erlaucht: mein Glück ist auch das Glück der Kaiserin.

_Rasumowsky_

Ich werfe mich in den Staub vor Ihrer Majestät, aber sie hat keine Macht über die Geheimnisse meiner Seele.

_Orlow_

So flehe ich, Erlaucht, um Ihr Vertrauen ...

_Rasumowsky_

Mein Vertrauen zu den Menschen ist so gering, Graf Orlow, daß jeder Appell daran verschwendet ist. Ich habe zu viele Worte gehört und zu viele Taten gesehen. Ich bin meiner selbst kaum gewiß, um wie viel weniger eines andern. Ein Ozean von Geschwätz ertränkt die edelste Handlung, und die niedrigste versteckt sich nicht mehr, wenn ihr ein Vorteil winkt.

_Orlow_

Bedenken Sie, Alexei Grigorjewitsch, ein Mann, für den so Ungeheueres sich entscheiden soll, muß ein Verworfener werden, wenn es mißlingt.

_Rasumowsky_

Also ist es nur der Erfolg, der tugendhaft macht?

_Orlow_

Ein Held jedoch, wenn er ans Ziel gelangt.

_Rasumowsky_

Ein Held? Könnt ich dies glauben, Graf Orlow, dann! ja dann! Aber ich kann es nicht glauben. (Feierlich.) Zwei unschuldig Zertretene wehren mir's.

_Orlow_

Viel Blut liegt auf dem Weg der Helden, Erlaucht.

_Rasumowsky_

Blut von Kindern?

_Orlow_

Macht löscht den Makel aus.

_Rasumowsky_

(betroffen)

Furchtbares Wort!

_Orlow_

(erkennt seinen Fehler, einlenkend)

Als ich heranritt, Erlaucht, ich war betrunken von Freude; ich hatte die unheilvollste Meuterei erstickt, Rebellen hatte ich meiner Gebieterin in Anhänger auf Tod und Leben verwandelt, die Wirklichkeit zerrann mir vor den Augen, ich sah kein Hindernis mehr ... und als es geschehen war, hab ich nicht Buße getan vor allem Volk?

_Rasumowsky_

Doch haben Sie dem Volk eine unheilbare Wunde geschlagen.

_Orlow_

(mit dem letzten Aufwand seiner gleißnerischen Beredtsamkeit)

Als ich zwölf Jahre alt war, Erlaucht, trieb mich mein Vater mit der Peitsche vom Hof, weil ich für einen Leibeigenen, der die Todesstrafe erleiden sollte, um Gnade gebeten hatte. Ich liebe unser Volk. Ich weiß, wie sie leben, wie sie schmachten, wie sie Unrecht leiden, wie sie stumm sind, wie sie ihre Hoffnung unermüdlich von Jahr zu Jahr tragen, wie sie in ihrer Not die Herren preisen, die mit den Früchten ihrer Arbeit Feste feiern, und wie sie auf den warten, der sie erlösen wird. Ich weiß es und will ihrer nicht vergessen.

_Rasumowsky_

Ist mir doch, als ob ich Glocken hörte aus einem versunkenen Land, Graf Orlow. (Er steht versunken, von Orlow gespannt beobachtet; wie zu sich selbst) Ist es Rausch? oder Wahn? oder blinde Sucht der Jugend? Leidenschaft macht beredt den, der sie hegt, und stumm den, der sie begreift. (Laut) Sie führen eine ungewöhnliche Sprache, Graf Orlow, die mich irre werden läßt an meinem Vorsatz.

_Orlow_

Ich danke Ihnen, Erlaucht.

_Rasumowsky_

(geht zur Wand, wo er neben dem Kamin auf eine geheime Feder in der Täfelung drückt. Ein Türchen springt auf. Er entnimmt dem Schrein eine goldene Kassette, die er öffnet und einige in roten Atlas eingeschlagene vergilbte Papiere herauszieht)

Sieh da, wie viel Staub darauf liegt ... (Er stellt das Kästchen beiseite) Staub ... Staub. Pulver der Vergessenheit. Überreste von Träumen. (Er legt den Atlas in das Kästchen zurück und liest das oberste Papier aufmerksam durch.)

_Orlow_

(der sich am Ziel glaubt)

Väterchen Alexei Grigorjewitsch! (Er sinkt auf die Kniee.)

_Rasumowsky_

(ergriffen und ganz in die Vergangenheit verloren)

Frühling und Sommer meines Lebens! (Er küßt die Papiere und erhebt, sich bekreuzigend, die Blicke nach oben.)

_Orlow_

(packt in seiner Erregung mit beiden Händen die Papiere)

Geben Sie, Alexei Grigorjewitsch --!

_Rasumowsky_

(erschrocken)

Was für ein Ungestüm, Graf Orlow!

_Orlow_

(fast mit Wildheit, drohend)

Ich kniee vor Ihnen, Alexei Grigorjewitsch!

_Rasumowsky_

(beugt sich ein wenig vor und starrt in Orlows Gesicht)

Die Augen ... die Augen ...

_Orlow_

(springt empor)

Wollen Sie mich auf die Folter spannen, Graf Alexei? Ich ertrag's nicht länger.

_Rasumowsky_

(kopfschüttelnd)

Ei, es ist eine ganz andere Stimme, die jetzt zu mir spricht.

_Orlow_

Genug gesäuselt.

_Rasumowsky_

Also nur Verstellung? Und so schlecht verstellt? So schnell überdrüssig der Verstellung?

_Orlow_

Wollen Sie mir den Köder nur vorsetzen, um mich zappeln zu lassen?

_Rasumowsky_

Ach, Sie zeigen zu früh Ihr wahres Gesicht, Graf Orlow.

_Orlow_

Ich habe viele Gesichter, warum soll dies gerade mein wahres sein. Wozu das Getändel? Zu Großes liegt vor mir. (Er zeigt seine weißen Zähne, während sich die Worte stürmisch ergießen.) Von unten heraufgestiegen, wo die Sklaven wohnen, begrüßt mich endlich das Licht, und Welt und Kreatur schreit: Herr! Herr! Gnade! Gnade! Ja, Herr will ich sein und Gnade soll von mir träufeln für alle, die sich bücken. Wollust, zu befehlen, und mit einem Atemzug die Mächtigsten zum Schweigen bringen! Alles unter mir sehen, was jetzt noch verführerisch lockt, aus der Enge heraus, wo man horchen muß, ehe man spricht, und rechnen, bevor man zahlt. Ohne Bedachtsamkeit leben, planen ohne Angst und Maß! Unten gehört alles auch dem Nachbarn, was mir gehört, oben bin ich allein und fürchte keine Grenze. Keine Grenze fürchten, das ist's. Mit seinem Willen allein sein, frei mit jeder Tat und doch der Richtpunkt aller Aufmerksamen. Ein Reich übersehen, den Arm von Ozean zu Ozean strecken, die Willfährigen mit Provinzen lohnen, die Unzufriedenen hinschmettern, -- und eine Kaiserin umschlingen, eine Kaiserin, in den Mienen einer Kaiserin Unterwerfung lesen, -- das ist mein Spiel, Alexei Grigorjewitsch! Die Würfel liegen zwischen uns. Werfen Sie jetzt und zählen wir die Augen.

_Rasumowsky_

(kalt)

So spricht ein Spieler. Im Würfelspiel mögen Sie gewinnen, Graf Orlow, im Schicksalsspiel nicht.

_Orlow_

Auch das Schicksal kann man zwingen, alter Mann.

_Rasumowsky_

Wie den Teufel in der eigenen Brust.

_Orlow_

Wer würde anders handeln an meiner Stelle? Nur wenn ich zaudere, verliere ich.

_Rasumowsky_

Und Gott soll mit bei diesem ... Spiele sein?

_Orlow_

Gott ist auf meiner Seite, weil ich will. Ich fühle die Bestimmung.

_Rasumowsky_

Über Blutbestimmung und Gottes Wahl läßt sich nicht rechten.

_Orlow_

Lügendunst! Zar Peter war ein Narr, ein Verräter, Affe des Preußenkönigs, ein Schwächling. Herrliche Bestimmung!

_Rasumowsky_

Besser ein Schwächling als ein gewissenloser Emporkömmling.

_Orlow_

(hochmütig)

Die Brücke zwischen uns fängt an zu krachen, Erlaucht.

_Rasumowsky_

So mag sie bersten.

_Orlow_

Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.

_Rasumowsky_

Doch die Zeit wird Sie auffressen.

_Orlow_

Jetzt, da Sie mich überzeugt haben, daß Sie die Dokumente besitzen und sie in Ihrer Hand halten, kann ich Sie zwingen, Alexei Grigorjewitsch.

_Rasumowsky_

Sie wollen damit sagen, daß Ihre Helfershelfer mein Haus umstellt halten?

_Orlow_

Leute, die mir blindlings ergeben sind, ja.

_Rasumowsky_

Und wozu ich mich freiwillig nicht mehr entschließen würde, das glauben Sie mit Gewalt durchsetzen zu können. Mit eigener Faust oder mit dem Beistand fremder Fäuste.

_Orlow_

Wenn Sie mich zu dieser Notwendigkeit drängen, -- ja. Ich kann nicht zurück. Ich kann nur vorwärts.

_Rasumowsky_

Bis zum Abgrund. -- Sie vergessen nur eines, Graf Orlow. Sobald Ihre Leute diese Schwelle übertreten, oder sobald Sie selbst, von dieser Sekunde ab, eine Bewegung machen, die auf Gewalttat zielt, fallen die Dokumente hier in das Feuer. Sie sehen, es brennt loh genug, um ein paar Papiere rasch verzehren zu können. (Pause. Beide blicken einander schweigend ins Gesicht.)

_Orlow_

(mit verschränkten Armen)

So also steht es.

_Rasumowsky_

Ja.

_Orlow_

(langsam und mit Nachdruck)

Eines noch, Alexei Grigorjewitsch: ich könnte Sie belohnen, wie nie ein Sterblicher belohnt worden ist.

_Rasumowsky_

Lohn? Für mich? Welchen Lohn? Reichtum? Paläste? Titel und Würden? Für mich?

_Orlow_

(wie oben)

Wenn auch nicht für Sie, Erlaucht, so doch für einen Knaben ...

_Rasumowsky_

Einen Knaben --?

_Orlow_

Für Iwan, den Sohn Rasumowskys und der Kaiserin Elisabeth.

_Rasumowsky_

(schwankt einen Augenblick, hält sich am Rand des Sessels, sinkt dann darauf nieder).

_Orlow_

Der Pope Maximow hat mich zu ihm geführt.

_Rasumowsky_

Möge Gott ihm verzeihen. Es gibt keine Treue mehr.

_Orlow_

Fürchten Sie nichts mehr von der verräterischen Geschwätzigkeit dieses Priesters, Erlaucht. Ich habe dafür gesorgt, daß seine Zunge keinen Schaden mehr stiftet. Sie und ich, wir sind die beiden einzigen Menschen auf Erden, die um Iwan wissen ...

_Rasumowsky_

(dumpf)

Einer zu viel, Graf Orlow.

_Orlow_

Ich habe den Knaben gesehn. Es war eine weite Fahrt auf das Gut Domnina im Epifanskischen Kreis. Ein schöner, blonder Knabe. Welche Einsamkeit für einen Vierzehnjährigen. Wie durstig er in die Ferne blickte! Er wußte nichts von Vater und Mutter, die Leute, bei denen er ist, halten ihn für den Sohn von Euer Erlaucht verstorbenem Bruder. Er ahnt nicht, welche Versprechungen das Leben ihm schenken könnte, und wer nur sein Gesicht sieht (deutet auf das Bild der Kaiserin Elisabeth), braucht keinen andern Beweis seiner Abkunft. Grausam schien es mir, die junge Blüte in der Steppenwüste verkommen zu lassen. Ich habe ihn über seine Geburt aufgeklärt.

_Rasumowsky_

(springt auf)

Das haben Sie getan?

_Orlow_

Ich habe es getan.

_Rasumowsky_

(sinkt wieder auf den Sessel, umklammert krampfhaft die Dokumente vor der Brust.)

Großer Himmel! Sie hatten kein Mitleid mit dem arglos spielenden Geschöpf? Frevlerisch das Gift des Ehrgeizes und der ungenügenden Begierde in die junge Brust versenkt! Fruchtlose Erwartungen geweckt, die ein gläubiges Gemüt zerfleischen müssen! So war meine Entbehrung vergeblich, vergeblich, daß ich mein Herz von ihm entwöhnt habe, vergeblich das Opfer, vergeblich der Gram der Mutter, alles vergeblich!

_Orlow_

(mit leisem Spott)

Ist es nicht besser, wenn der Wissende sich bescheidet, als wenn der Getäuschte verkommt?

_Rasumowsky_

(die Worte tief aus seiner Brust ringend)

Zweiunddreißig Jahre, Graf Orlow, war ich mit Elisabeth Petrowna verbunden. Sie war eine musterhafte Christin und eine zärtliche Mutter Millionen Volks. Auch mich liebte sie, doch schien es mir so überflüssig wie sündhaft, meinen Ehrgeiz über das Maß dessen zu erheben, was sie mir als Weib gewähren konnte. Niemals in zweiunddreißig Jahren ist die Versuchung über mich gekommen, den geheiligten Glanz der Majestät für mich zu erborgen. _Sie_ war auserwählt zu herrschen. Von den Ahnen her war ihr die Gnade verliehen. Woran soll das Volk glauben, diese Zahllosen, von denen wir keine Namen wissen und die nur aufblicken in ihrer Verlassenheit, um nach dem gottbestimmten Führer zu suchen, woran sollen sie denn glauben, wenn nicht an das Mysterium, das um eine Krone webt? Das ist ja ihr Märchen, die Botschaft, das Gesetz! Gesalbtes Haupt weiht das Diadem, königliches Blut rauscht vom Vater zum Sohn, vom Gatten zur Gattin, von Geschlecht zu Geschlecht. Raubt ihnen diesen Glauben, und ihr stürzt sie in Gemeinheit und Verzweiflung, die Welt steht da, ohne Ordnung, ohne Herrn. (Er erhebt sich, bewegt.) Wenn es ein Verdienst in meinem Leben gibt, Graf Orlow, so ist es das eine, daß ich die Kaiserin zu überzeugen vermochte, unsere Ehe, für die sie den Segen der Kirche gewünscht hatte, müsse ein Geheimnis für das Volk bleiben. Und so wurde Iwan fern vom Hof und fern von den Menschen erzogen, denn es ziemt sich nicht für den Halbgebürtigen, von einem Thron auch nur zu träumen.

_Orlow_

Phantome, Erlaucht, Phantome! Die Zeit hat sich verändert. Es handelt sich nicht um die Gnade, es handelt sich um die Kraft.

_Rasumowsky_

Ich bin kein Starrkopf, Graf Orlow, nicht einer, der denkfaul an Vergangenem hängt. Ich kenne die Zeit. Vieles tragen die Eimer des Jahres herauf aus dem dunklen Schacht, und wer wirklich lebt, wandelt sich mit jedem Becher, den er an die Lippen führt. Das Blut wird auch in alten Körpern neu. War ich nicht bereit, Graf Orlow? Ich war bereit, mehr kann ich nicht sagen. Aber ich bin gewohnt, in Menschenaugen zu lesen, und mehr noch auf den Stirnen, Graf, auf den Stirnen. Sie sind so unbehütet, die Stirnen; man kann sie eine Walstatt der Dämonen nennen. (Den Arm mit ausgestrecktem Finger gegen Orlow, stark.) Ich sehe Schicksale auf dieser Stirn, die ungeboren bleiben sollten.

_Orlow_

Alexei Grigorjewitsch! Nicht auf meiner Stirn, -- in Ihrer Hand liegt jetzt ein Schicksal. Iwan ist in meiner Gewalt.

_Rasumowsky_

(scheu)

Iwan ... ist ...

_Orlow_

In meiner Gewalt und nur mir erreichbar.

_Rasumowsky_

(mit weiten Augen)

Sie wollen damit sagen: um Iwan ist's geschehen, wenn ich mich weigere ...

_Orlow_

Vielleicht ist es das, was ich sagen will.

_Rasumowsky_

(nähert sich Orlow mit gebeugtem Oberkörper und mit der Unterwürfigkeit eines Bauern, hält ihm mit beiden Händen die Dokumente hin)

Nehmen Sie, Graf Orlow ...

_Orlow_

(etwas überrascht von dem schnellen Erfolg, greift nach den Papieren).

_Rasumowsky_

(demütig)

Nicht weil ich für Iwan fürchte, Graf Orlow ... nicht weil ich mir sein Leben erkaufen will, ... nicht deshalb, Graf Orlow, nicht deshalb ...

_Orlow_

(hält die Papiere fest, mit finsterem Trotz)

Es wäre auch zu spät, Alexei Grigorjewitsch, Sie retten Iwan damit nicht. Er war zu gefährlich, als er seine Abstammung kannte. Er weilt nicht mehr unter den Lebenden.

_Rasumowsky_

(schmerzvoll)

Gott, dein Wille geschehe! Ich habe es geahnt!

_Orlow_

Und Sie geben mir trotzdem diese Papiere --?

_Rasumowsky_

(mit der Hoheit des Grames)

Ja, Graf Orlow! Ein Mann, der zu solchen Mitteln greift, den muß die eigene Tat vernichten. Und wenn es die Krone selbst wäre, sie hätte kein Gewicht mehr, wenn Sie sie halten. Nichts ... ein Schemen, ein Scheinbild. Nichts. Zeigen Sie die Dokumente der Kaiserin.

_Orlow_

(brütend)

Darum also ... Es ist zu viel ... (als wöge er die Papiere) es scheint mir zu viel Erniedrigung für das gewährte Almosen. Bin ich denn ein Bettler? Soll es einen Menschen geben, der mich _so_ einschätzen darf? (Aufflammend.) Nein, nein, nein! Die Schmähung greift ans Herz. Wenn ich diesem erbettelten, erschlichenen Wisch alles verdanken müßte, was mir das Leben gewähren soll, es fräße mir das Mark der Tat aus den Knochen. Ein Orlow, der alles Heil auf den Inhalt einiger vergilbter Papiere gründet? Bin ich verloren ohne diese Fetzen, so wie ich jetzt besudelt bin, wenn ich sie als billige Trophäe vor die Augen Katharinas bringe? Nein, Alexei Grigorjewitsch, nein! Die Genugtuung, daß es von Ihrer Gnade abhängig war, Rußland einen Zaren zu geben, kann ich Ihnen nicht überlassen. Jede Gegenwart wäre mir vergällt, und um Ihnen den Beweis zu liefern, daß ich diese Gnade verschmähe, daß ich sie verachte, nur darum tu' ich, was ich tue! (Er eilt zum Kamin und wirft die Dokumente ins Feuer.)

_Rasumowsky_

(mit seltsam entzückter, schreiender Stimme, die zugleich etwas wie physischen Schmerz enthält)

Ein Gottesurteil! Ein Gottesurteil!

(Durch Rasumowskys Schrei alarmiert, kommen Lassunsky und Chidrowo mit bestürzten Mienen.)

_Lassunsky_

(bleibt unter der aufgerissenen Türe stehen, hastig)

Was ist geschehen, Erlaucht?

_Chidrowo_

(tritt vor, zieht den Degen)

Wir werden Sie schützen, Erlaucht.

_Rasumowsky_

(ohne sie zu beachten)

So hat eine höhere Macht Ihren Arm gelenkt, Graf Orlow, und Sie haben nur den Beweis geliefert, daß es keinen Weg gibt aus Ihrer Menschentiefe zum Licht der Majestät. (Er bückt sich, als ob er bete.)

_Lassunsky_

(drängend)

Erlaucht ... die Blässe Ihres Gesichts ... Sie sind krank ...

_Rasumowsky_

(immer gebückt)

Ehrfurcht! Der Engel des Schicksals schwebt über uns!

_Orlow_

(reißt sich vom Anblick des Feuers los)

Verbrannt ... (Unheilvoll.) Und nun sei auch verbrannt alle Milde, vergessen alles Zögern feiger Rücksicht und wer mich aufhält, meinen Schritt oder den Schritt meines Pferdes, der möge zittern!

_Rasumowsky_

Verwirkt! Verwirkt! Wir wollen zittern, aber der Spruch ist gefallen.

_Chidrowo_

(fast jubelnd)

Gerettet, Mütterchen Rußland, gerettet!

_Orlow_

(im Abgehen)

Hütet euch!

_Rasumowsky_

(richtet sich wieder empor)

_Ich bin_ in meiner Hut, denn ich fürchte die Menschen nicht mehr.

(Vorhang)

Gentz und Fanny Elßler

Personen:

Friedrich von Gentz, Hofrat Felix Graf Reitzenstein Fanny Elßler Jean ) Martin } Diener bei Gentz Franz ) Lieferanten, Geldleute usw.

Spielt in Wien, Herbst 1830

Ein Zimmer der Villa Gentz in Weinhaus bei Wien. Kostbare Empiremöbel, Nippsachen, Kunstwerke, geblümte Tapeten. Auf einer Kommode stehen zwei Glasglocken mit eingemachten Früchten zum Naschen. Vom Kamin leuchtet eine goldene Stehuhr. Im Hintergrund zwei Fenster, zwischen ihnen eine hohe Glastüre in den Garten. Links Türe zum Vorzimmer, rechts in das Ankleidezimmer des Hofrats; diese Tür ist offen.

Hinter der Türe links wird lebhaft gesprochen. Gleich darauf _Jean_, livrierter Diener, von links durch das Zimmer nach rechts ab. Die Türe links wird geöffnet, und ein dicker Jude will herein, _Martin_, ein zweiter livrierter Diener, der im Zimmer damit beschäftigt ist, frisches Wasser in blumengefüllte Vasen zu gießen, eilt hin und schlägt dem Eindringling die Tür vor der Nase zu. Protestierende Rufe von draußen. _Martin_ steht Wache.

_Gentzens Stimme_

(von rechts)

Was erfrecht Er sich? Ich zahle nicht. Übermorgen. Die Schufte sollen Geduld haben.

_Jean_

(eilig wieder von rechts nach links ab).

_Gentzens Stimme_

Die geblümte Weste! Die geblümte!

_Lebhafte Stimmen_

(hinter der Türe links).

_Jean_

(kommt abermals mit verzweifelter Miene nach rechts).

_Martin_

(hält die Türklinke).

_Stimme Jeans_

Der Weinlieferant und der Parfümeur wollen partout mit dem Herrn Hofrat selber sprechen.

_Gentzens Stimme_

Ach was, Er Esel, Er hat ja gar keine Schneid. -- Die Ringe, Franz. Jetzt lauf Er zum Gärtner wegen frischer Blumen.

_Franz_

(ein alter Diener, durch die Mitte ab in den Garten.)

(Gleich darauf)

_Gentz_

(Mann von fünfundsechzig Jahren. Hohe schlanke Gestalt. Er hat einen müden, etwas gebückten Gang. Sein Gesicht ist höchst geistreich, die ganze Physiognomie hat einen feinen, lebhaften und verführerischen Ausdruck, und der Blick ist von intensiver Kraft. Kinn und Unterkiefer sind etwas schwer, um den Feinschmeckermund liegt bisweilen ein trauriger, bisweilen ein zynischer Zug. Er ist nach der letzten Mode gekleidet: brauner, langer Rock, gestickte Weste, Vatermörder, schwarze Binde)

War schon jemand vom Fürsten Metternich da?

_Martin_

Niemand, Herr Hofrat.

_Gentz_

(nach links ab, die Türe bleibt halb offen).

_Stimmen der Lieferanten_

Küß die Hand, Herr Hofrat! -- Wünsch guten Morgen, Herr Hofrat! -- Küß die Hand, Euer Gnaden.

_Gentzens Stimme_

Also, was soll's -- Was belästigt ihr mich?

_Stimme des Parfümeurs_

Halten zu Gnaden, Herr Hofrat, hab für siebenundachtzig Gulden Kölnisch Wasser geliefert.

_Stimme des Weinhändlers_

Ich für dreihundertzwanzig Gulden Sekt.

_Gentzens Stimme_

Geduld, ihr Leute. Morgen schick ich zum Rothschild hin. Der Rothschild zahlt alles, das wißt ihr doch. Jetzt schert euch friedlich nach Hause. (Er tritt ins Zimmer zurück, der dicke Jude folgt ihm.)

_Jude_

Euer Exzellenz, der Wechsel ist schon emal prolongiert.

_Gentz_

Fort, fort, fort!

_Der Schneider_

(hat sich schüchtern nachgedrängt)

Ich freu mich, daß der Herr Hofrat so gut ausschaut.

_Gentz_

Keine Konfidenzen! Ich hab' gern, wenn Lieferanten was liefern. Konfidenzen sind mir verhaßt. -- Hat der Gärtner schon was wegen der Rosen gemeldet?

_Martin_

Nein, Herr Hofrat.

_Gentz_

Ich will mal selber mit ihm reden. Wenn er frische Rosen hat, ist es besser, sie erst am Stock zu sehen. (Durch die Mitte ab.)

_Der Schneider_

Herr Hofrat! --

_Jean_

Na, was gibt's denn noch? Er hat doch gehört, daß wir heut nicht bei Kassa sind.

_Der Schneider_

Morgen ist die Trauung von meiner Tochter, und wenn mir halt der Herr Hofrat zwanzig Gulden geben tät ...

_Jean_

Laßt eure Töchter im ledigen Stand, wenn ihr kein Geld habt's.

_Martin_

(verächtlich)

Heiraten! Alle gemeinen Leute heiraten beständig.

_Jean_

Und jetzt allons! marsch! (Nimmt den Besen.) Hinaus! Es wird gelüftet.

_Der Jude_

Was wird sein? Wer ich den Wechsel zu Protest bringen. (Ab, desgleichen der Schneider, die Stimmen draußen verlieren sich.)

_Martin_

Was macht er denn heut für an Kramuri, der Hofrat?

_Jean_

Die Fanny war doch drei Tag am Land bei ihrer Schwester.

_Martin_

Ah so. Froher Empfang nach schmerzlicher Trennung.

_Jean_

Zu Mittag kommt s' mit der Extrapost, die Fanny.

_Martin_

Fahr'n jetzt die vom Theater auch schon mit der Extrapost?

_Jean_

Die Fanny is was man eine bessere Tänzerin heißt. Hast es schon tanzen seh'n am Kärntnertor? Die Leut' soll'n sich die Haxen abtreten hab'n.

_Martin_

(düster)

Der Hofrat g'fallt mir gar nicht mit seiner Verliebtheit. Das is ja schon ganz außer der Normalität. Wenn's nur keine Mesallianz gibt.

_Gentz_

(vom Garten, zwei Burschen folgen ihm, die einen kupfernen, mit Rosen gefüllten Kessel tragen.)

Dorthin, ins Eck, ... auf die Säule.

_Franz_

(von links)

Herr Graf Reitzenstein. (Ab, auch Jean und Martin, die Gärtnerburschen durch die Mitte ab.)

_Gentz_

(zur Tür)

Guten Morgen, lieber Felix. Ein schöner Herbsttag heute, warm wie im August.

_Graf Reitzenstein_

(fünfundzwanzig Jahre, elegante Erscheinung; er ist ein wenig Poet, und in seinen Zügen drückt sich die Schwärmerei eines vornehmen Müßiggängers aus, dessen Lieblingsautor Lord Byron ist)

Guten Morgen, Gentz. Wissen Sie, daß Fanny schon aus der Brühl zurück ist.

_Gentz_

Wie, schon zurück?

_Graf Reitzenstein_

Ich habe sie vor einer halben Stunde mit Stuhlmüller beim Theatereingang gesehen.

_Gentz_

Haben Sie mit ihr gesprochen?

_Graf Reitzenstein_

Nein, sie hat mich gar nicht bemerkt.

_Gentz_

Dann wird sie jeden Moment kommen. Stuhlmüller? Stuhlmüller? Wer ist das doch? Richtig, der Tänzer.

_Graf Reitzenstein_

Ein exzellenter Tänzer. Er geht jetzt nach Berlin.

_Gentz_

Ah, nach Berlin. -- Ich erinnere mich: ein hübscher Bursche.

_Graf Reitzenstein_

Ja. Beine wie ein Narziß.

_Gentz_

Wie sah meine Fanny aus?

_Graf Reitzenstein_

Entzückend wie immer. Wenn man sie anblickt, hat man das Gefühl, als sei man zu schlecht für die Welt, in der sie lebt.

_Gentz_

Sie waren ja am vorigen Sonntag mit ihr bei der Gräfin Fuchs? Ich konnte nicht hingehen, da mich der Fürst zu einem Conseil berufen hatte.

_Graf Reitzenstein_

Und am Abend zuvor fehlten Sie ja auch im Theater, Gentz --

_Gentz_

Die leidige Politik!

_Graf Reitzenstein_