Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen
Chapter 10
Er muß auf der Stelle fort.
_Bienemann_
Ist bis jetzt etwas unternommen worden?
_Karinkel_
Kommissär Binder ist mit zwei Wachleuten ausgerückt. Hoffentlich gelingt es, den Kerl festzuhalten.
_Mettenschleicher_
Es ist eine entsetzliche Blamage.
_Karinkel_
Ich lasse ihn einsperren.
_Bienemann_
Überlegen wir die Sache gut, meine Herren, sonst kann's uns an den Kragen gehn.
_Karinkel_
(wild)
Lassen Sie mich in Frieden mit Ihrem Kragen, Sie, Sie ... Unerschütterlicher!
_Mettenschleicher_
Es gibt nicht viel zu überlegen, hier heißt es handeln.
_Bienemann_
Also handeln wir.
_Karinkel_
Tun Sie mir nur den Gefallen, lieber Professor, und empfangen Sie den Präsidenten. Der Zug muß ja jeden Moment eintreffen. Irgend ein Würdenträger muß ihn doch begrüßen. (Das Telephon klingelt.) Großer Gott, was ist denn das schon wieder? (Bienemann eilt zum Telephon.)
_Mettenschleicher_
Gut ich gehe. (Ab. Ein Polizist tritt unter die offene Tür.)
_Bienemann_
(am Telephon)
Ja? -- Ja! Eine Stunde früher? Danke. Schluß. (Läutet ab.) Der Hoftrain mit dem Prinzen trifft also um eine Stunde früher ein.
_Karinkel_
(der mit dem Polizisten gesprochen hat)
Also der Kommissär Binder hat den Hockenjos verhaftet und ihn gleich in einen Wagen setzen lassen. Er ist jetzt in der Wachtstube.
_Bienemann_
Dort kann er nicht bleiben.
_Karinkel_
Wie sagten Sie? Der Hofzug kommt um eine Stunde früher? Dann ist ja kein Augenblick mehr zu verlieren. Es ist elf Uhr. Mir ist ganz wirblig im Kopf. Wenn ich nur wüßte, wer an alledem schuld ist! (Ausbrechend.) Sie sind schuld, Bienemann! Sie haben seinerzeit die schwindelhafte Todesnachricht in die Zeitung gebracht.
_Bienemann_
Ich weise Ihre Anschuldigungen zurück. Meine Pflicht ist zu schweigen und zu schreiben, aber nicht den Sündenbock zu machen.
_Karinkel_
Sie sind ein ganz gefährliches Subjekt.
_Bienemann_
(verdrossen)
Ich bin kein Subjekt, ich bin ein Prinzip.
_Karinkel_
Großer Gott, warum hast du mir das angetan! Bienemann, liebster Herzensbienemann, laufen Sie schleunigst auf die Wache. Sehen Sie zu, daß keine Dummheit begangen wird. Keine Menschenseele darf dem Hockenjos nahe kommen. Niemand darf mit ihm sprechen. Nehmen Sie noch ein paar Polizeileute zu Hilfe. Nötigenfalls lassen Sie ihn binden --
_Bienemann_
In Ketten legen --
_Karinkel_
Was Sie wollen ... (Man vernimmt Glockenläuten.) Um Himmels willen, mir scheint, der Hofzug fährt schon ein. Ich komme zu spät. (Ab.)
_Bienemann_
Es ist am besten, wir lassen den Delinquenten hierher transportieren. Hier ist er am sichersten.
_Abendrot_
Da hawe Se recht, Herr Bienemann.
_Bienemann_
Rennen Sie hin und sagen Sie es dem Binder.
_Abendrot_
(zur Tür, lauscht, kehrt um)
Er bringt ihn schon von selber, der Kommissar ...
_Bienemann_
Na, der Mann denkt wenigstens. Denkende Menschen ersparen einem immer Laufereien. (Hockenjos und Kommissar Binder kommen.)
_Binder_
So, Meister Hockenjos. Jetzt habe ich Ihren Wunsch, Sie aufs Bürgermeisteramt zu führen, erfüllt, nun müssen Sie sich aber auch ganz ruhig verhalten.
_Hockenjos_
(großer, breitschultriger Mann. Haar und Bart sind stark ergraut. Er spricht schwer, aber nachdrücklich, in tiefem, meist humoristisch sordiniertem Baß; trägt vernachlässigte Kleider, einen breitrandigen Filzhut)
Der Teufel soll Sie holen, Mann! Können Sie auf eine anständige Art erklären, weshalb Sie mich wie einen Sträfling behandeln, he?
_Abendrot_
P--scht! p--scht!
_Binder_
Sie müssen sich den behördlichen Anordnungen fügen.
_Hockenjos_
Ich füge mich, weil es mir paßt. So steht die Sache. In die Suppe werd' ich euch schon spucken, darauf könnt ihr euch verlassen. Aber anders als ihr denkt. Wo ist denn der Oberkoch? Ah, Herr Bienemann! Freut mich, Sie zu sehen, Herr Redakteur. Sind Sie jetzt avanciert, weil Sie in der Bürgermeisterkanzlei sitzen?
_Bienemann_
(schmunzelnd, süßlich)
Sprechen wir nicht von mir, Meister Hockenjos. Die interessante Person sind Sie. Wie kommen Sie denn her? von wo? Sie erscheinen ja wie ... wie ...
_Hockenjos_
Wie das Gespenst am Hochzeitstag, jawohl. Aber ich fühle mich gar nicht gespensterhaft. Zunächst will ich mich mal -- unaufgefordert, Sie verzeihen schon -- hier niederlassen. So. Hier sitze ich, ich kann nicht anders.
_Bienemann_
Bitte sehr. Ruhen Sie sich nur aus. (Zu Abendrot, leise.) Suchen Sie den Bürgermeister auf und sagen Sie ihm, daß ich ihn hier in Gewahrsam halte. Aber Vorsicht! -- (Zu Binder.) Sie brauchen nicht hier zu bleiben. Es genügt, wenn Sie im Korridor einen Polizeidiener als Wache aufstellen. Es soll niemand hereingelassen werden. (Während Binder und Abendrot abgehen.) Wie ich aus Ihrem Verhalten schließen darf, ist Ihnen also die ganze Komplikation schon bekannt, Meister?
_Hockenjos_
Komplikation nennen Sie diese Schurkerei? Auch recht.
_Bienemann_
Nun, man meint es gut mit Ihnen. Man sorgt für Ihren Nachruhm.
_Hockenjos_
Hanswurste seid ihr.
_Bienemann_
Unterschreib ich unbesehen.
_Hockenjos_
Aber mit meinem Leichnam werdet ihr nicht so kurzen Prozeß haben wie mit meinem lebendigen Korpus.
_Bienemann_
Ich fürchte. Ich fürchte. Sie waren also in Aßmannshausen bei Ihrer Frau?
_Hockenjos_
Reden Sie meinetwegen von meinem Nachruhm, Herr, obwohl das ein Gemüse ist, das keinem mehr schmeckt, wenn man's ihm auftischt, aber von meinem Weib reden Sie nicht. Die Fäuste tun mir noch weh, und das ist alles, was ich an Erinnerung behalten will. Ich sage Ihnen, ein Vieh ist der Mensch. Allerwegen treibt's ihn zum Stall zurück. Und wenn draußen die beste Weide ist, er denkt bloß an den Stall. Das schönste Futter läßt er liegen, das ihm der Herrgott spendet, und rennt zur Krippe, wo der Bauer spart und mit der Peitsche knallt.
_Bienemann_
(echt)
Ja, zum Henker, warum sind Sie denn nicht dort geblieben in den wilden Gegenden, wenn es Ihnen schon nicht gefallen hat, das Zeitliche zu segnen? Es wäre besser für Sie und für uns. Jetzt haben wir bloß die Scherereien.
_Hockenjos_
Glauben Sie, ich hätte den Ehrgeiz, Ihnen Scherereien zu ersparen? Im Gegenteil. Sie werden Ihre blauen Wunder erleben.
_Bienemann_
(resigniert)
Na, wohl bekomm's.
_Hockenjos_
Wie flink ihr seid, einen Toten leben zu lassen, während ihr dem lebendigen Menschen die Haut abzieht!
_Bienemann_
Mein Gott, die Zivilisation bringt eben manchen Übelstand mit sich. Sind Sie denn nun eigentlich dort unten gewesen bei den wilden Völkern?
_Hockenjos_
Und ob, mein lieber Herr, und ob! War dabei, wie sechzig wackere Burschen aufgerieben worden sind von den braunen Satansbrüdern, und wäre nicht ein malaiisches Mädchen gewesen, das mich auf Gebirgswegen zur Küste führte, dann könnt ich heute eure Kirchweih dahier nicht stören.
_Bienemann_
Sie betrachten unsere Angelegenheit etwas zu vergnügt, scheint mir. Da haben Sie wohl große Strapazen erlitten? Aussehen tun Sie ja wie der leibhafte Odysseus.
_Hockenjos_
Was wollen Strapazen schließlich bedeuten? Ist eine Herrlichkeit, wenn einem die Sonne immerfort bis in den Magen leuchtet. Dort ist der Mann ein Mann. Von Polizei nirgends die Spur. Und Blumen! und Vögel! und Bäume! Da weiß man erst, was Gott der Herr erschaffen, und warum er am siebenten Tag ausgeschnauft hat. Hier guckt einer dem andern auf die Finger, und schockweis fressen sie aus demselben Tiegel. Und ein Eifer, und ein Fleiß, und eine Wichtigkeit, aber ist's denn irgend jemandem Ernst? Tinte schwatzen sie.
_Bienemann_
Ganz meine Meinung.
_Hockenjos_
Sie sind auch so ein Kalfakter.
_Bienemann_
Verurteilen Sie mich nicht. Ich diene dem Gemeinwohl.
_Hockenjos_
Gemeinwohl ... ein richtiges Tintenwort.
_Bienemann_
Durchaus nicht.
_Hockenjos_
Möchten Sie mir nicht erklären, was Sie unter Gemeinwohl verstehen?
_Bienemann_
(trocken)
Gemeinwohl ist das, was viele tun müssen, um einen einzelnen zu fördern.
_Hockenjos_
Der Tausend! Mensch, Sie sind ja ein Zyniker!
_Bienemann_
Gott sei Dank, das bin ich. Diese Eigenschaft hab ich mir im Umgang mit Leuten erworben, die sich dadurch von mir unterscheiden, daß sie den Begriff Gemeinwohl anders definieren. (Stimmenlärm von der Straße.)
_Hockenjos_
Jetzt geht's los da drunten.
_Bienemann_
Ja. Ich bin nur neugierig, was wir mit Ihnen da oben anfangen werden.
_Hockenjos_
Ich auch.
_Bienemann_
Sie haben also keine bestimmte Vorstellung über Ihre zukünftige Rolle bei dieser immerhin ungewöhnlichen Verwicklung?
_Hockenjos_
Ich? Nein. Ich habe nur nicht die Absicht, mir meinen Platz in der Welt so ohne weiters wegstibitzen zu lassen. Wenn's auch nur ein ganz lumpiger Platz war, so ein Fünfzigpfennigplatz, auf dem Olymp ...
_Bienemann_
Das kann ich Ihnen nachfühlen. Als deklarierter Toter lebt sich's nicht sehr bequem.
_Hockenjos_
Und noch dazu auf solche Manier deklariert ... (Erregt sich.) Wenn ihr wenigstens das Denkmal von einem anständigen Kerl hättet machen lassen. Aber von diesem Zuckerbäcker, dem Mettenschleicher! diesem Pfründner, der von der Kunst ungefähr so viel versteht wie ich vom Koloratursingen, diesem Eunuchen, der mit seiner Nase immer an den unanständigsten Gegenden prinzlicher Personen schnuppert, -- daß ihr mich von dem habt verewigen lassen, das wurmt mich.
_Bienemann_
Wir haben halt Pech mit Ihnen. Jetzt ist es zu spät.
_Hockenjos_
Mir wird schon übel, wenn ich das Zeugs da unter den Hüllen sehe. Wahrscheinlich so ein Marzipan-Engel, was?
_Bienemann_
Natürlich, was glauben Sie denn! Wir werden uns doch die Muse nicht entgehen lassen, die den Künstler auf die Stirne küßt!
_Hockenjos_
Und mit zwei Flügeln, was?
_Bienemann_
Zwei Flügel. Ganz richtig. Wie sich's gehört.
_Hockenjos_
O, du Schuft!
_Bienemann_
Achtung, jetzt hör ich den Bürgermeister kommen.
_Karinkel_
(stürzt in höchster Eile herein)
Das ist er also! (Starrt Hockenjos an.)
_Hockenjos_
(ironisch)
So echauffiert, Herr Bürgermeister?
_Karinkel_
Sie spotten wohl? Mir ist gar nicht spötterisch zumut.
_Hockenjos_
(brüsk)
Was steht dem Herrn zu Diensten?
_Karinkel_
(wischt den Schweiß von der Stirn)
Es wird Ihnen doch bekannt sein, daß wir eben im Begriff sind, die Enthüllung Ihres Denkmals zu feiern.
_Hockenjos_
Jawohl. Ist mir zu Ohren gekommen. Das ist auch der Grund, weshalb ich da bin.
_Karinkel_
(einschmeichelnd)
Sie werden doch einsehn, lieber Meister, daß Sie unmöglich in der Stadt bleiben können.
_Hockenjos_
Sehe ich ohne weiters ein.
_Karinkel_
(hocherfreut)
Das lob ich mir. Sie sind ein prächtiger Mensch.
_Hockenjos_
Gewiß. Man muß bei mir nur den Herzpunkt treffen.
_Karinkel_
Es wäre ja auch ein Mord, lieber Freund, ein moralischer Mord.
_Hockenjos_
Ei wieso denn?
_Karinkel_
Sehr einfach. Jeder, der über diesen Platz an diesem Denkmal vorübergehen wird, eifert Ihnen nach, schaut zu Ihnen hinauf, bringt ebenfalls Großes hervor und nützt so wieder seinen Mitbürgern und der Stadt.
_Hockenjos_
Das leuchtet mir beinahe ein.
_Bienemann_
Es ist so klar wie zweimalzwei.
_Karinkel_
(immer eifriger)
Sie sind heute ... wie alt sind Sie?
_Hockenjos_
Vierundfünfzig.
_Karinkel_
Vierundfünfzig. Wie alt wird der Mensch? Siebzig. Sagen wir fünfundsiebzig.
_Hockenjos_
Gut. Sagen wir fünfundsiebzig.
_Karinkel_
Wegen dieser erbärmlichen zwanzig Jahre wollen Sie Ihre Unsterblichkeit aufs Spiel setzen?
_Hockenjos_
Hm ... Finden Sie nicht, daß ein Sperling in der Hand besser ist --
_Karinkel_
Nein, nein, nein, vom idealen Standpunkt nein.
_Bienemann_
Durchaus nicht.
_Hockenjos_
Was habe ich also nach Ihrer Ansicht zu tun?
_Karinkel_
Sie müssen fort.
_Hockenjos_
Es haben mich aber doch einige Leute gesehen ...
_Karinkel_
Das macht nichts; wir geben Sie für Ihren Doppelgänger aus. Wir bringen in der Zeitung eine kleine scherzhafte Notiz. Nicht wahr, Bienemann? Wir nennen ihn Mister Koch aus Pennsylvanien. Hahaha!
_Bienemann_
Das geht, das geht. »Ein heiteres Spiel des Zufalls fügte es« -- und so weiter.
_Karinkel_
Sie müssen Deutschland verlassen.
_Hockenjos_
Mit Vergnügen.
_Karinkel_
Sie müssen Europa den Rücken kehren.
_Hockenjos_
Mehr kann ich aber unmmöglich für Sie tun.
_Karinkel_
(glücklich)
Sie sind ein Engel von einem Mann. Mit Ihnen kann man ja ausgezeichnet reden. Da sieht man erst, wie schlecht man im Leben einander kennen lernt.
_Hockenjos_
Langsam, langsam, bester Herr --
_Karinkel_
Sie fahren also nach Amerika. Sie benutzen den Schnellzug, der um drei Uhr hier hält. Die Reisekosten --
_Hockenjos_
Langsam. Jetzt komme ich.
_Karinkel_
Die Reisekosten zahlen wir selbstverständlich --
_Hockenjos_
So billig denken Sie mich loszuwerden?
_Karinkel_
Na ja, man kann noch ein Übriges tun ...
_Bienemann_
(aus dem Hinterhalt hetzend)
Ein kleines Douceur ...
_Hockenjos_
Ihre Propositionen haben Sie gemacht. Jetzt will ich die meinen machen.
_Karinkel_
(ängstlich)
So ... Sprechen Sie nur frei von der Leber weg.
_Hockenjos_
Wie viel hat Sie der Marmorhaufen da draußen gekostet?
_Karinkel_
Viel Geld; schändlich viel!
_Hockenjos_
Na ... dreißigtausend --?
_Karinkel_
Mehr!
_Hockenjos_
Also. Ich verlange nur so viel.
_Karinkel_
(wie mit der Nadel gestochen)
Was? Sie sind toll!
_Hockenjos_
Kommt denn das gegen die Unsterblichkeit in Betracht, verehrter Bürgermeister?
_Karinkel_
Mensch, es handelt sich ja um _Ihre_ Unsterblichkeit!
_Hockenjos_
Mit der _Sie_ ein Geschäft machen wollen. So viel wie Sie für mein Denkmal ausgegeben haben, lieber Herr, habe ich mein ganzes Leben lang mit meiner Hände Arbeit nicht verdient. Ich verkaufe Ihnen meinen Leichnam für weniger Geld als Sie für seine Glorifikation ausgegeben haben. Ist das nicht kulant? Sie haben ja eine Ausstellung meiner Bilder veranstaltet. Sie haben ja allen möglichen blumeranten Quatsch darüber schreiben lassen. Die Bilder gehören Ihnen. Bezahlen Sie sie mir, so daß ich endlich einmal leben kann, denn hierzulande hab ich bis jetzt kein Leben geführt.
_Karinkel_
(jammernd)
Aber, Mann! was kümmern mich Ihre Bilder!
_Hockenjos_
Endlich ein Wort aus dem Herzen. Also kurz und bündig, Herr: ist Ihnen meine Willfährigkeit so viel wert oder nicht? Den Hanswurst spiel ich nimmer länger.
_Karinkel_
(verzweifelt)
Wo soll ich so eine Menge Geld hernehmen? Bienemann helfen Sie mir doch! Überreden Sie ihn doch --
_Hockenjos_
(greift nach seinem Hut)
Genug geredet. Ich werde jetzt eine kleine Unterhaltung mit meinem -- Doppelgänger führen.
_Karinkel_
Halt! halt! Ich will ja ... genügt eine Sicherstellung des Kapitals?
_Hockenjos_
Die genügt. (Sehr ernst.) Wenn ich nur was Sicheres habe. Was Sicheres brauch ich jetzt. Brot! Und Frieden.
_Karinkel_
(das Folgende sehr rasch)
Man muß eine Anleihe aufnehmen.
_Bienemann_
Gibt es keine geheimen Fonds?
_Karinkel_
Wenn wir nur ein paar reiche Juden hätten ...
(Beißt sich in die Finger.)
_Bienemann_
Zu überlegen ist keine Zeit.
_Karinkel_
Ich habe eine Idee. Ich beantrage im Gemeinderat den Bau eines Hockenjos-Museums, und das Geld verwend' ich einstweilen, um den Mann zu befriedigen.
_Bienemann_
Vortrefflich. Rechnen Sie auf mich.
_Hockenjos_
(am Fenster, mit Blick gegen das Denkmal)
Da faseln sie von Kunst. Von Kunst faseln sie, die Hunde. Ruhm! Ha. Mich verlangt nach keinem Ruhm. Selbst wenn's ernst damit wäre. Alle Vorbehalte gehn dabei flöten. Ich will meine Vorbehalte haben. Will nicht von jedem Narren angesturt werden. Da ist man ja wie das Tor von einem Pfandhaus. Ich pfeif auf die Kunst. Sie ist viel zu groß für den schwachen Schädel. Kannst du den Großen groß sein? Die wandeln im Elysium, während du im Dreck kutschierst. Nützlich muß man sein. Und kaltblütig. Adieu, Städtchen! Dieses Amerika ist ja bloß ein paar Stunden weit von hier. Am Samstag, eh ich sterbe, komm ich mal übern Sonntag herüber.
_Karinkel_
(hat die Tür geöffnet, Abendrot hereingewinkt und mit ihm lebhaft geflüstert. Abendrot nickt mehrmals und geht wieder hinaus, Karinkel zu Hockenjos)
Vom Fenster weg, um aller Heiligen willen!
_Hockenjos_
(gemächlich)
Aber lieber Herr, wer denkt denn da drunten an mich!
_Karinkel_
Also, es wird alles geordnet. Nur noch eine Bedingung habe ich zu stellen.
_Hockenjos_
Die wäre --?
_Karinkel_
Sie müssen sich den Bart abrasieren lassen.
_Hockenjos_
Wenn es sein muß -- (Abendrot kommt mit einer Seifenschüssel, Pinsel und Rasiermesser.)
_Karinkel_
Es muß sein. Ich habe schon mit Abendrot gesprochen. Er versteht sich auf die Hantierung. Wir dürfen keinen Fremden mehr ins Vertrauen ziehn.
_Kommissär Binder_
(kommt)
Herr Bürgermeister, es ist die höchste Zeit. Der Herr Professor Mettenschleicher führt soeben Seine königliche Hoheit zum Festplatz.
_Karinkel_
Ich komme.
_Bienemann_
(am Fenster)
Das Volk ist schon versammelt.
_Karinkel_
Geben Sie mir das Konzept meiner Rede, Bienemann.
_Bienemann_
Jaso, die Festrede. Hier. (Reicht ihm das Manuskript.)
_Karinkel_
Wie seh ich aus?
_Bienemann_
Tadellos.
_Karinkel_
Ist es wahr, Binder? Keine Flecken?
_Binder_
Da am Knie ist ein Spritzer ... (Bückt sich, reibt.)
_Bienemann_
Von der Bratensauce.
_Karinkel_
Schnell, schnell. Kommen Sie, Binder. Und Sie Bienemann, bleiben hier und passen gut auf. (Ab mit Binder.)
_Abendrot_
Wolle Se gefälligst Platz nehme, Herr?
_Hockenjos_
(setzt sich; zu Bienemann)
Sie sind also der Verfasser der Festrede?
_Bienemann_
Jawohl. Ich bin des Bürgermeisters Tintenfaß. Er verschwendet geradezu meinen Geist. Eines Tages werde ich wegen Gehirnschwund der Armenkasse zur Last fallen. Vielleicht bekomm ich dann auch einen Denkstein. Die Inschrift wird lauten: Dem treuen Hohlkopf Bienemann sein väterlicher Blutegel Karinkel.
_Hockenjos_
Der Mann ist sehr strebsam.
_Bienemann_
Strebsam, ja; das ist er. Für mich ist er vorbildlich. Geradezu ein Gattungsbegriff. Er war ein einfacher Schneider.
_Hockenjos_
(bereits mit abgeschnittenem Bart)
Davon hat er was beibehalten.
_Bienemann_
Die ganze Stadt könnte man Karinkelei nennen. Der Schneider siegt auf der ganzen Linie.
_Hockenjos_
Sie sind bitter.
_Bienemann_
Bitter und (mit Blick auf Abendrot) unvorsichtig. (Musiktusch von draußen.) Aha, der Prinz!
_Hockenjos_
Na, Abendrot, was denken denn Sie bei dem Rummel?
_Abendrot_
(einseifend)
Ich hab mer nie Gedanke gemacht über meine vorgesetzte Behörde.
_Stadtrat Hannewickel_
(tritt ein; ein schlottriger, schwerhöriger Greis)
Entschuldige die Herre, ich möcht mir die Festlichkeit von owe ansehe. (Stutzt.) No, no, was isch denn das?
_Bienemann_
(ihm ins Ohr schreiend)
Ein berühmter Zeitungsberichterstatter aus Amerika, Herr Stadtrat. Hat Eile, will dem Prinzen vorgestellt werden. Muß sich hier rasieren lassen. Mister Koch -- Herr Stadtrat Hannewickel.
_Hannewickel_
Merkwürdig, merkwürdig ...
_Hockenjos_
#How do you do,# Sir?
_Bienemann_
(ihm ins Ohr)
Er erkundigt sich nach Ihrem Befinden.
_Hannewickel_
Dank schön. Dank schön. (Geht ans Fenster, öffnet es.)
_Stimme Karinkels_
Zum ersten Mal tritt die hohe Aufgabe an uns heran, dem Namen eines Mitbürgers zu huldigen, eines Mannes, der in unserem engsten Kreis gestrebt und geschaffen hat, eines großen, gottbegnadeten Künstlers.
_Abendrot_
Sie müsse den Kopf e bissele rechts halte ...
_Stimme Karinkels_
Wir sehen noch im Geist seine herrliche Gestalt durch unsere Gassen schreiten, wir können sein feuriges Auge nicht vergessen, wir spüren noch mit Ehrfurcht den Hauch seiner Gegenwart, die uns erhoben und über den Alltag entrückt hat ...
_Hockenjos_
Daß dich der Satan beiße ...
_Abendrot_
Nu müsse Se 'n Kopf e bissele links halte ...
_Hannewickel_
(zu Bienemann)
Wie heischt jetz der Künschtler, dem Se's Denkmal g'setzt hawe?
_Bienemann_
(schreit ihm ins Ohr)
Hockenjos!
_Hannewickel_
Richtig. Ich hab halt gar koi Gedächtnis mehr. Drei Sachen kann i mir überhaupt nimmer merke. Erschtens Zahlen. Zweitens Namen. Drittens ... Herrjeses, 's dritte haw' i vergessen.
_Karinkels Stimme_
Der Ruhm seines lichtstrahlenden Pinsels wird durch die Zeiten schimmern und unsern Söhnen ein Vorbild sein -- -- -- --
(Der Vorhang fällt.)
[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
S. 021: sind die Geschehnisse wie Träume .. -> ... S. 021: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ... S. 050: die um Iwan wissen .. -> ... S. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf) S. 076: Die schönste die vornehmste -> schönste, die vornehmste S. 098: Händen anf dem Rücken -> auf S. 099: konnt' es doch nicht durft' es doch nicht kommen -> nicht, durft' S. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig S. 174: Pünklichkeit -> Pünktlichkeit S. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit S. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersezt:
Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans of a first edition copy. The table below lists all corrections applied to the original text.
p. 021: sind die Geschehnisse wie Träume .. -> ... p. 021: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ... p. 050: die um Iwan wissen .. -> ... p. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf) p. 076: Die schönste die vornehmste -> schönste, die vornehmste p. 098: Händen anf dem Rücken -> auf p. 099: konnt' es doch nicht durft' es doch nicht kommen -> nicht, durft' p. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig p. 174: Pünklichkeit -> Pünktlichkeit p. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit p. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl
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