Die ungleichen Schalen: Fünf einaktige Dramen
Chapter 1
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Die ungleichen Schalen
Fünf einaktige Dramen
von
Jakob Wassermann
S. Fischer, Verlag, Berlin
1912
Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript. Das Recht der Aufführung ist allein durch S. Fischer, Verlag, Berlin W., Bülowstr. 90 zu erwerben.
Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin.
Inhalt
Rasumowsky 9 Gentz und Fanny Elßler 59 Der Turm von Frommetsfelden 107 Lord Hamiltons Bekehrung 171 Hockenjos 237
Rasumowsky
Personen:
Graf Alexei Grigorjewitsch Rasumowsky Rodion, sein Diener Michael Jefimowitsch Lassunsky, Kapitänleutnant der Leibgarden Fedor Alexandrowitsch Chidrowo, Rittmeister der Garde-Kavallerie Graf Grigorij Orlow
Spielt in Petersburg im Jahre 1763.
Ein altertümlich ausgestatteter großer Raum im Hause des Grafen Rasumowsky. An der Rückwand links ein großer Kamin, in welchem ein Holzfeuer brennt. Über dem Kamin das Porträt der Kaiserin Elisabeth Petrowna. Rechts ein erkerartiger Vorbau mit Fenstern gegen die Straße. In der rechten Seitenwand Türe in die übrigen Gemächer, in der linken der Ausgang zum Flur.
Rittmeister _Fedor Chidrowo,_ ein junger Mann von 23 Jahren, geht aufgeregt umher. Nach kurzer Weile tritt Kapitänleutnant _Michael Lassunsky_ ein, von _Rodion_ geführt, einem alten Kleinrussen.
_Lassunsky_
(etwa im gleichen Alter wie Chidrowo)
Sag meinem Oheim, daß ich ihn dringend sprechen muß.
_Rodion_
Eure Erlaucht werden gebeten zu warten. Seine gräfliche Gnaden ist noch bei der Morgenandacht.
_Lassunsky_
Sag dem Grafen --
_Rodion_
Es ist der strenge Befehl Seiner gräflichen Gnaden, ihn nicht bei der Morgenandacht zu stören.
_Lassunsky_
Kerl, die Wichtigkeit --
_Rodion_
Hab strengen Befehl von Seiner gräflichen Gnaden --
_Lassunsky_
Scher dich zum Henker. (Rodion wirft Scheite in den Kamin, dann ab.) Du hier, Fedor Alexandrowitsch?
_Chidrowo_
Grüß dich, Michael Jefimowitsch. Mußt dich gedulden, warte ebenfalls schon lang.
_Lassunsky_
Orlow ist auf dem Weg hierher.
_Chidrowo_
(bestürzt)
Das kann nicht sein.
_Lassunsky_
Orlow ist auf dem Weg hierher.
_Chidrowo_
Ist das eine Vermutung?
_Lassunsky_
Eine Gewißheit; wenigstens beinahe.
_Chidrowo_
Beinahe ist keine Gewißheit. Aber du bist so erregt ...
_Lassunsky_
Hab Grund dazu. Der Großkanzler Woronzow ist an der Kasan-Kathedrale überfallen worden.
_Chidrowo_
Bei Gottes Güte, was sagst du da!
_Lassunsky_
Erwartet Alexei Grigorjewitsch nicht den Großkanzler?
_Chidrowo_
Ja, Graf Woronzow hat mich geschickt, damit ich seine Ankunft melde. Aber --
_Lassunsky_
Ich und Anenkow ritten als Eskorte hinter dem Wagen des Großkanzlers. Eine Horde betrunkener Soldaten drängt sich zwischen uns und die Karosse, und auf einmal sind wir abgeschnitten. Wir sehen nur noch, daß der Kanzler gezwungen wird, auszusteigen, dann haben sie ihn in ein Haus geschleppt.
_Chidrowo_
Und ihr habt nicht dreingehaut?
_Lassunsky_
Zwei gegen fünfzig?
_Chidrowo_
Das ist ja Aufruhr, Michael Jefimowitsch.
_Lassunsky_
Anenkow ist in den Palast zurückgeeilt, ich hierher.
_Chidrowo_
Und du glaubst --?
_Lassunsky_
Ich glaube, daß Orlow hier sein wird, eh dort die Uhrzeiger gestreckt stehen.
_Chidrowo_
Das sollte Orlow wagen?
_Lassunsky_
Orlow wagt alles. (Zur Türe, ruft hinaus.) Rodion!
_Rodion_
(kommt)
Erlaucht befehlen?
_Lassunsky_
Ihr seid nicht an Besuch gewöhnt, Alter?
_Rodion_
Nein, Erlaucht, wir leben sehr zurückgezogen.
_Lassunsky_
Nun wohl, ihr werdet binnen kurzem Besuch erhalten, noch dazu sehr unwillkommenen. Sperr die Tore zu.
_Chidrowo_
Sperr die Tore zu, Alter.
_Lassunsky_
Ja, sperr die beiden Tore zu, das nach der Gasse und das nach dem Garten.
_Rodion_
Ist Gefahr für Seine gräfliche Gnaden?
_Chidrowo_
Schwatz nicht, Alter, tu, was man dir befiehlt. (Rodion ab.)
_Lassunsky_
(wirft sich in einen Sessel)
Ich bin hin.
_Chidrowo_
(ungestüm auf und ab gehend)
Wie glaubst du, daß Alexei Grigorjewitsch die Nachricht aufnehmen wird?
_Lassunsky_
Kann mich nicht erinnern, ihn je sonderlich erstaunt gesehen zu haben.
_Chidrowo_
Das ist böse.
_Lassunsky_
Bah! wer viel staunt, handelt wenig.
_Chidrowo_
So viel sag ich dir: wenn die Kaiserin den Orlow heiratet, nehm ich meinen Abschied.
_Lassunsky_
Nach Sibirien.
_Chidrowo_
Einem Orlow huldigen? Eher nach Sibirien.
_Lassunsky_
Was können wir dagegen tun?
_Chidrowo_
Die Fürstin Chilkow hat geweint, als sie davon erfuhr.
_Lassunsky_
Die flennt, wenn man einem Huhn den Hals abdreht. Als Rakitin mit ihrem Wissen ihren Mann erschlug, hat sie keine Träne vergossen. (Man hört Waffenlärm von der Straße.) Horch --! (Beide lauschen.)
_Chidrowo_
(nähert sich dem Erker)
Nein -- nichts. (Stellt sich vor Lassunsky; ungestüm.) Michael Jefimowitsch! Wir sollten hingehen und die Kaiserin bitten, es nicht zu tun. Haben wir ihr nicht auf den Thron geholfen? Wir alle? Wir sind bereit, für sie zu sterben, nur das, das eine, das nicht! Sie kann sich unsern Gründen nicht verschließen.
_Lassunsky_
Sie wird aus deinen Gründen einen Strick für den Henker drehen.
_Chidrowo_
Herrgott, Michael Jefimowitsch, sie ist doch eine kluge Frau!
_Lassunsky_
Sie ist verliebt.
_Chidrowo_
Was ist denn an einem Orlow zu lieben?
_Lassunsky_
Was wir an ihm hassen.
_Chidrowo_
Sein Ehrgeiz macht ihn verrückt.
_Lassunsky_
Er ist schön, und stark wie ein Bär.
_Chidrowo_
Er hat keine Erziehung.
_Lassunsky_
Umso weniger ist er gehemmt.
_Chidrowo_
(leise durch die Zähne)
Ich sage dir: er wird sie ermorden, so wie er den Zaren ermordet hat.
_Lassunsky_
Dummkopf! Er war nur die Hand. Katharina ist tausendmal schlauer als er. O, das ist ein Weib, mein Lieber, die steckt uns alle in den Sack.
_Chidrowo_
Wo ist da die Schlauheit? Die Mariage ist projektiert. Es muß ein Mittel gefunden werden, sie davon abzubringen.
_Lassunsky_
Du bist Soldat und mußt schweigen.
_Chidrowo_
Schweigen kostet Herzblut.
_Lassunsky_
Ich meinerseits will nicht Politik treiben, da hast du's.
_Chidrowo_
Aber die Zähne knirschen? Das ist auch eine Art von Politik und eine schlechte. Wie stumpf du bist!
_Lassunsky_
Stumpf?
_Chidrowo_
Oder du weißt mehr als du sagen willst.
_Lassunsky_
Wohl möglich. Vielleicht wirst du heute noch alles erfahren.
_Chidrowo_
Wie ist's? warum wollte der Großkanzler mit Rasumowsky verhandeln?
_Lassunsky_
Ist dir nicht bekannt, daß Alexei Grigorjewitsch heimlich vermählt war mit der verstorbenen Kaiserin Elisabeth Petrowna?
_Chidrowo_
Dies ist mir wohl bekannt, allein -- wie hängt das zusammen?
_Lassunsky_
(sieht sich um)
Schweig, schweig.
_Chidrowo_
Im Hause Rasumowskys sind die Wände taub.
_Lassunsky_
Nicht um die Wände handelt sich's. (Steht auf.) Aber er! Er! Dieser furchtlose Mann! Der furchtloseste, der in Rußland lebt. Wie ich ihn verehre, Fedor Alexandrowitsch! Wüßtest du wie ich ... In wunderbarer Verschwiegenheit ist er der Geliebte einer Kaiserin gewesen. Niemals hat ihn eine Miene, nie ein Lächeln verraten. Nie hat er Schacher getrieben mit seinem Glück. Nie war er ungerecht. Und jetzt (schmerzlich) jetzt soll er sich ausliefern. Weil ein Orlow mit der Vergangenheit dieses gerechten Mannes seine Zukunft gründen will!
_Chidrowo_
Ausliefern? Ich verstehe dich nicht, Michael Jefimowitsch. Kein Wort verstehe ich von allem was du sagst.
_Lassunsky_
(kummervoll)
Und er wird Grigorij Orlow empfangen. Er wird ihn einlassen, ich weiß es.
_Chidrowo_
Du meinst, weil er sich nicht getrauen wird, den ersten Günstling der Krone von seiner Türe zu weisen?
_Lassunsky_
Nicht deshalb, Fedor Alexandrowitsch, nicht deshalb. Sondern eben, weil er so gerecht ist. Und wenn Orlow vor ihm steht, dieser Sturmwind, dieser Leopard, kannst du ermessen, was dann geschieht? Mich jammert's, Fedor Alexandrowitsch, und ich fühle mich machtlos. Die Dinge geschehen, und wir sind machtlos.
_Chidrowo_
Du schwaches russisches Herz! So will ich dir sagen: Rasumowsky wird Grigorij Orlow nicht empfangen.
_Lassunsky_
(aufmerksam)
Schon vorhin hast du angedeutet, daß Orlow es nicht wagen würde ... Da steckt was dahinter.
_Chidrowo_
Weißt du nicht, was sich am Ostertag auf der Morskaja zugetragen hat?
_Lassunsky_
Kein Sterbenswort.
_Chidrowo_
Wahrlich, in unserm Leben sind die Geschehnisse wie Träume ... (Faßt sich an die Stirn.) So kurz die Zeit, so weit entrückt. (Besinnt sich.) So war's ...
_Lassunsky_
Erzähle, Fedor Alexandrowitsch ... mir ist jetzt selbst als hätten sie in der Wachtstube davon berichtet. Zuviel drängt sich in einen Tag.
_Chidrowo_
So war's ... (Mit Gesten, als ob er auf einen Plan wiese.) Da ist die Morskaja. Da ist die Gasse von den Kasernen. Da ist eine enge Gasse zum Newski-Prospekt. Orlow hatte die Regimenter Astrachan und Ingermanland zum Gehorsam gezwungen. Mit seinen zwanzig oder dreißig Getreuesten stürmt er zum Winterpalast, um es der Kaiserin zu melden. Rast auf seinem Gaul an der Spitze der Schar mitten durch die Stadt. Die Funken spritzen, das Pflaster dröhnt. So gelangen sie auf die Morskaja. Da spielen zwei Kinder auf der Straße, schöne, blonde Kinderchen, ein Mädchen und ein Knabe, sitzen friedlich da und spielen. Denken offenbar, die Reiter werden ausweichen, denn die Straße ist ja breit, und so staunen sie dem Schauspiel entgegen und freuen sich. Orlow aber sprengt mittenwegs auf sie zu, als könnt er nicht, wollt er nicht aus der Bahn, zu spät rufen Leute aus den Fenstern, strecken die Arme, zu spät erkennen die Kleinen die Gefahr und starren, gütige Unschuld, wie wenn ihr Schutzpatron sie geblendet hätte. Orlow fletscht die Zähne, spornt noch das Roß, starrt gerade vor sich hin, als sähe er nichts, Weiber kreischen, Männer stürzen aus den Häusern ... alles umsonst, die beiden Mäuschen sind unter den Hufen verschwunden, eh' man's denkt, zerrissen, zertreten, und man schaut nur noch blutige Klumpen.
_Lassunsky_
O Menschheit!
_Chidrowo_
Im selben Augenblick kommt Alexei Rasumowsky aus der engen Gasse, wohin die Reiter wollen, und vor der sie sich stauen wie Wasser vor einem Wehr. Rasumowsky blickt hin über die Luft, blickt hin auf die blutige Erde und ruft: Graf Orlow! Orlow reißt den Zügel und hält. Die hinter ihm sind, vom tollen Ritt noch, mit ihren Gäulen dicht an ihn gedrängt. Ganz stille wird's auf einmal. Graf Orlow! ruft Alexei Grigorjewitsch und hebt den Arm, die gemordeten Seelchen werden sich um deine Füße klammern, wenn du vor Gottes Thron gehst. Mit nichten wirst du schreiten können, mit nichten.
_Lassunsky_
Und Orlow? hat er geantwortet?
_Chidrowo_
Nun geschah das Sonderbare. Orlow zieht den Dolch, beugt sich vor, schließt wie im Krampf die Augen und stößt seinem Pferd von oben her den Stahl mitten in die Brust. Während das Tier zusammenbricht, springt er ab, geht an Rasumowsky vorüber, grüßt ihn schweigend und setzt schweigend und bleich seinen Weg zu Fuß fort.
_Lassunsky_
Rätselhaft.
_Chidrowo_
So hat mir's der Hauptmann Woropanow erzählt, der an Orlows Seite ritt.
_Lassunsky_
Was war der Zweck solcher Tat?
_Chidrowo_
Sicherlich trägt er glühenden Haß gegen Alexei Grigorjewitsch.
_Lassunsky_
Das dünkt mich unwahrscheinlich.
_Chidrowo_
Wie ... unwahrscheinlich --?
_Lassunsky_
Es sieht wie Demut und Buße aus, was er getan.
_Chidrowo_
Hohn ist's, sag ich dir, Hohn und Bosheit. Seine Blutgier wollte noch ein Opfer haben.
_Lassunsky_
Warum sollt es nicht Scham und Reue gewesen sein?
_Chidrowo_
Willst du Orlow verteidigen? Schönfärben den wüsten Mord?
_Lassunsky_
Fast könnt ich Mitleid haben mit ihm.
_Chidrowo_
So seid ihr alle, lammsherzig und matt.
_Lassunsky_
Acht' auf deine Worte.
_Chidrowo_
Acht' du auf deine Freiheit, auf deine Männlichkeit!
_Lassunsky_
Stünden wir nicht hier, Fedor Alexandrowitsch --
_Chidrowo_
(wild)
Hier oder anderswo. Wer gut von Orlow redet, spricht schlecht von mir.
(Graf Alexei Rasumowsky tritt langsam von rechts ein. Er ist mit einem langen, schwarzen Sammetgewand bekleidet und hat eine goldne Kette um den Hals. In der Hand trägt er die Kasansche Bibel. Er erscheint zunächst häßlich mit seinem eingefallenen, alten, mißtrauisch finstern Gesicht, an dem die Backenknochen stark hervortreten und die schneeweißen Brauen wie dicke Wülste hängen, indes der Kinnbart schütter und zottig ist. Aber sein Wesen hat eine bewundernswerte Würde, und wenn er, um zu schauen, die Lider hebt, was nicht häufig geschieht, ist sein Blick strahlend rein und von seltsamer, kindlicher Wehmut. Die beiden Offiziere wenden sich von einander und begrüßen ihn mit schweigender tiefer Verbeugung.)
_Rasumowsky_
Streit in meinem Hause? (Langes Schweigen.) Was ist geschehen, Rittmeister Chidrowo, daß Ihre Augen so funkeln?
_Chidrowo_
(finster)
Üble Neuigkeiten, Erlaucht.
_Rasumowsky_
Nichts Schlimmeres in der Welt als Neuigkeiten. Weshalb sind Sie hier, zu so früher Stunde?
_Chidrowo_
Ich sollte den Großkanzler Woronzow anmelden.
_Lassunsky_
Graf Woronzow ist auf der Fahrt hierher von Soldaten überfallen worden.
_Rasumowsky_
Hat Rußland keinen Zaren mehr?
_Chidrowo_
Es hat eine Zarin.
_Rasumowsky_
Gott schenke ihr Weisheit. (Kopfschüttelnd.) Woronzow auf dem Weg zu mir ... Was hat das zu bedeuten?
_Lassunsky_
Die Zarin hat den Kanzler wegen der neuen Mariage zu Euer Erlaucht geschickt.
_Rasumowsky_
Wegen der neuen Mariage? Bin ich ein Pope?
_Lassunsky_
Der Kanzler sollte eine geheime Erkundigung einziehen.
_Rasumowsky_
(läßt sich auf dem Armsessel vor dem Kamin nieder und legt die Bibel auf seinen Schoß)
Das gehört auch zu den Neuigkeiten der Welt, daß mit lauter Geheimnissen regiert wird.
_Lassunsky_
Die Sache verhält sich so, Erlaucht: Da ganz Petersburg gegen die projektierte Heirat der Zarin mit Orlow gestimmt ist, so hat man endlich ein Mittel gefunden, um die Geister zu beschwichtigen, man hat auf die Ehe Euer Erlaucht mit der verstorbenen Kaiserin Elisabeth Petrowna hingewiesen.
_Rasumowsky_
Wie? So weit hätte man sich vermessen? Und wem ist dieser schamlose Gedanke gekommen?
_Lassunsky_
Offenbar stammt er von den Brüdern Orlow. Was ihr für unmöglich haltet, sagten sie, ist ja schon einmal geschehen, ohne daß die Welt eingestürzt ist. Graf Rasumowsky ist ja da, gehen wir hin zu ihm.
_Chidrowo_
Die Narren!
_Rasumowsky_
Und was sagte die Kaiserin dazu?
_Lassunsky_
Die Kaiserin soll gesagt haben: von dieser Ehe weiß die Welt nichts, aber wenn ihr mir den schriftlichen Beweis erbringt, daß zwischen dem Grafen Rasumowsky und der hochseligen Zarin eine Heirat wirklich stattgefunden hat, will ich mich fügen.
_Chidrowo_
Das hat die Kaiserin gesagt?
_Lassunsky_
Doch als die Orlows sich anheischig machten, zu Euer Erlaucht zu gehen, wollte die Kaiserin plötzlich nichts davon wissen. Sie gebot, daß Graf Woronzow den Auftrag übernehmen sollte, vielleicht weil sie den Ungestüm der Brüder Orlow fürchtete, vielleicht, weil sie in Wirklichkeit gar nicht wünscht, was sie zu wünschen scheint. Heut um die achte Stunde befahl der Kanzler seinen Wagen, und vor der Kasan-Kathedrale geschah es dann --
_Chidrowo_
(am Fenster, mit ausgestreckter Hand)
Da sind Orlows Leute! (Stimmen und Waffenlärm vor dem Haus.)
_Rasumowsky_
(steht auf)
Und du vermutest, daß der Überfall vom Grafen Orlow angestiftet worden ist? (Schaut gegen den Erker.)
_Lassunsky_
Ja, Erlaucht.
_Rasumowsky_
So wäre es augenscheinlich, daß Orlow dem Befehl der Kaiserin zuwidergehandelt hat --? (Man hört heftiges Klopfen am Tor.)
_Chidrowo_
Sie begehren Einlaß.
_Rasumowsky_
(erstaunt)
Einlaß begehren sie? Das Tor ist offen. War's denn nicht auch für euch geöffnet?
_Lassunsky_
(zögernd)
Ich habe die Tore schließen lassen.
_Rasumowsky_
Die Tore _meines_ Hauses?
_Chidrowo_
Ich denke, Erlaucht, man kann nicht mehr daran zweifeln, daß Orlow den Kanzler überfallen ließ, um ihn dingfest zu machen.
_Rasumowsky_
Die Tore _meines_ Hauses? (Lassunsky senkt schweigend den Kopf.) Soll Orlow glauben, daß ich vor ihm zittere?
_Chidrowo_
Wie, Erlaucht, Sie wollen Orlow empfangen? (Erneutes Pochen von unten.)
_Rasumowsky_
Geh, Michael Jefimowitsch, und sag, daß das Tor aufgesperrt werde.
_Lassunsky_
(flehend)
Erlaucht --
_Rasumowsky_
Klang es doppelzüngig, was ich gesagt?
_Lassunsky_
(geht schweigend ab --)
_Chidrowo_
(verschränkt die Arme; vor sich hin)
Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...
_Rasumowsky_
Eure Großmäuligkeit, was ist sie nutze? Ist euer Nein Vernunft, euer Ja Überlegung? Ich will sehen. Sehen und hören will ich, dazu gab mir Gott Augen und Ohren. Und wenn ich gesehen und gehört habe, dann will ich wägen, dazu hat mir Gott die Erfahrung eines langen Lebens zuteil werden lassen.
_Lassunsky_
(kommt zurück)
Major Nischinski ist es, man hat ihn vorausgesandt, um Euer Erlaucht den Grafen Orlow zu melden.
_Rasumowsky_
Ich bin bereit.
_Chidrowo_
(noch leiser als oben)
Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...
_Lassunsky_
Ich sagte ihm, daß ich die Meldung übernehmen will.
_Rasumowsky_
(wie mit sich selber redend)
In ein Antlitz zu schauen, das heißt, Entschlüsse vom Schicksal selbst empfangen. Läufst du hinauf die steile Bahn, Orlow, ohne daß dein Herz klopft, so will ich prüfen, was für ein Ruf dich ereilt, was dich zaudern macht, was dich feurig macht, was dich grausam macht, was dich weckt. (Ekstatisch bewegt.) Nicht richten will ich, nur Werkzeug eines Richters sein und handeln -- wie ich muß. (Mit der früheren Stimme.) Michael Jefimowitsch!
_Lassunsky_
(der das Gesicht abgewandt und die eine Hand über die Augen gelegt hatte)
Erlaucht --?
_Rasumowsky_
Wie geht es meiner Nichte Sofia?
_Lassunsky_
Wir erwarten täglich ihre Niederkunft, Erlaucht.
_Rasumowsky_
Bete für einen Knaben. Gott schenk uns Helden. (Man hört Schritte, Stimmengesurr, Säbelklirren.)
_Rodion_
(reißt die Türe auf, feierlich)
Der General-Adjutant Kammerherr Graf Orlow.
_Orlow_
(tritt säbel- und sporenklirrend ein. Er trägt die Uniform der Preobraschenskyschen Leibwachen. Seine Gestalt ist äußerst schlank, sein Gesicht kalt, bleich, hochmütig und etwas verwüstet. Die Züge verraten eine kaum zu bändigende Leidenschaftlichkeit. Er weiß um seine Schönheit, ist eitel darauf und verachtet sie zugleich. Seine Hände sind fein und lang. Er verbeugt sich tief vor Rasumowsky, die beiden Offiziere scheint er zu übersehen.)
Ich komme hoffentlich nicht zu ungelegener Stunde, Graf Alexei?
_Chidrowo_
(kaum hörbar)
Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...
_Rasumowsky_
Michael Jefimowitsch, du wirst die Güte haben, drüben im gelben Zimmer zu warten.
_Lassunsky_
Wir wollen keinesfalls stören.
_Rasumowsky_
Auch Sie, Fedor Alexandrowitsch, mögen warten, wenn es Ihnen gefällig ist.
_Chidrowo_
Wenn es erlaubt ist, will ich warten. (Ab mit Lassunsky nach rechts.)
_Rasumowsky_
Nehmen Sie Platz, Graf Orlow. (Er setzt sich, legt die Bibel aus der Hand.)
_Orlow_
(setzt sich gleichfalls)
Daß ich nicht mit einer langen Vorrede lästig falle, Erlaucht: Wie Ihnen bekannt sein dürfte, hat sich Ihre Majestät, die Kaiserin, entschlossen zu heiraten.
_Rasumowsky_
(bedächtig)
Wieder zu heiraten.
_Orlow_
Zar Peter ist tot.
_Rasumowsky_
Doch war er gekrönter und gesalbter Zar von Rußland.
_Orlow_
Ihm folgte von Gottes Gnaden Katharina.
_Rasumowsky_
Ich unterwerfe mich demütig ihrem mächtigen Willen.
_Orlow_
Ihre erhabene Majestät hat ihr Herz an einen Unwürdigen verschenkt, den sie aus dem Staub zu sich auf den Thron erheben will. Dieser Unwürdige befindet sich vor Ihnen, Erlaucht.
_Rasumowsky_
Und schaudert Ihnen nicht vor solcher Erhebung, Graf Orlow? Daß Sie mit Worten der Bescheidenheit davon sprechen, steht Ihnen wohl an. Ich hatte es nicht erwartet.
_Orlow_
Daß ich endlich einen Mann finde, dem ich mein volles und bedrücktes Gemüt eröffnen kann! (Emphatisch.) Warum hat uns das Geschick nicht früher einander näher kommen lassen!
_Rasumowsky_
Mein Los ist Einsamkeit seit langem, Graf Orlow. Fast kenne ich die Welt nicht mehr, und fremd ist mir geworden, was sich außerhalb dieser Schwelle begibt.
_Orlow_
So dacht ich mir's, Erlaucht, und nur mit frommen Empfindungen bin ich genaht.
_Rasumowsky_
Unheilig war stets, was mir von draußen kam, das ist wahr. Doch liebe ich die Jugend, wenn schon vieles mir unbegreiflich an ihr ist.
_Orlow_
(geschmeidig und beredt)
Wie Sie leicht ermessen können, Erlaucht, begegnet die edle Absicht der Kaiserin dem Widerstand aller Großen des Reichs. Man beneidet mich, man legt mir Fallstricke, man zettelt Verschwörungen an, ja man schreckt nicht vor offenbaren Beleidigungen zurück, denen mein Gleichmut unmöglich gewachsen ist.
_Rasumowsky_
Ja, ja, ja. Es ist geblieben, wie es immer war.
_Orlow_
Ich habe mich beherrschen gelernt, Erlaucht. Mein Vater hat mich in Demut und Gehorsam erzogen. Niemals, in meinen verwegensten Träumen nicht, konnte ich ahnen, daß der Blick meiner gnädigen Herrscherin auf mich fallen würde. Wer kann es mir verargen, Erlaucht, daß mein ganzes Blut sich in Hingebung für diese Frau entflammte, daß ich bereit bin, meine Seligkeit für sie zu opfern, daß mir nichts mühevoll, nichts unerreichbar mehr erscheint, seitdem sie mich erwählt hat?
_Rasumowsky_
Wohl kann ich dies verstehen, Graf Orlow.
_Orlow_
(schwärmerisch)
O, ich wußte es, Erlaucht, ich wußte es. Dank, allen Dank meines armen Herzens.
_Rasumowsky_
Ein Herz wie das Ihre ist nicht arm, Graf Orlow.
_Orlow_
Doch scheint mir's so in Ihrer Nähe. Aber hören Sie weiter, Erlaucht. Vor wenigen Tagen wurde die Zarin, deren Geist in quälender Unschlüssigkeit irgend einen Weg suchte, von einem ruchlosen Ratgeber auf Ihre Ehe --
_Rasumowsky_
(unterbricht hastig)
Ich weiß, ich weiß ...
_Orlow_
Sie wissen, Erlaucht? Ich atme auf. Dies mindert die Schwierigkeit meiner Sendung.
_Rasumowsky_
Ich bin erstaunt, daß Ihre Majestät ein solches Mittel nötig zu haben glaubt. Jede Handlung ist gerechtfertigt, die sie gutheißt.
_Orlow_
Ganz meine Meinung, Erlaucht. Aber Katharina ist gewissenhaft und dankbar, zwei Eigenschaften, die den Fürsten das Regieren erschweren.
_Rasumowsky_
Und Ihre Mission ist also --
_Orlow_
Der Plan war, den Großkanzler zu schicken --
_Rasumowsky_
(nickt)
Auch dies ist mir bekannt.
_Orlow_
Ich wollte es um jeden Preis verhindern, selbst auf die Gefahr, ungehorsam gegen meine Wohltäterin zu sein. Der Kanzler Woronzow ist ein vortrefflicher Diener, aber er ist nur ein Diener. Seine Rauheit, sein mürrisches Wesen, seine Unfähigkeit, zarte Dinge zart zu packen, hätte Sie unbedingt verletzt, Graf Alexei. Ich begriff das Ungeheuerliche des Auftrags wie die Delikatesse, mit der er behandelt werden mußte, vom ersten Augenblick an. Ich habe tief mit Ihnen gefühlt, Erlaucht, ich fürchtete die Dazwischenkunft des Kanzlers, und -- ich habe ihn gefangen setzen lassen.
_Rasumowsky_
Was Sie getan haben, ist höchst tadelnswert, Graf Orlow, doch kann ich dem Edelmut, der Sie antrieb, meine Bewunderung und meinen Dank nicht versagen.
_Orlow_
Und so bin ich gekommen -- (zaudert.)
_Rasumowsky_
Gekommen --?
_Orlow_
(leise, als schäme er sich)
Sie um die Dokumente Ihrer Ehe mit der Zarin Elisabeth Petrowna zu bitten.
_Rasumowsky_
Mein Erstaunen wächst, Graf Orlow. Wie kann man mit einer Tatsache rechnen, mit der die Öffentlichkeit niemals behelligt worden ist, die niemals zugegeben worden ist und die daher niemals Gegenstand weder einer politischen, noch einer privaten Aktion werden kann?
_Orlow_
Ich ehre diese Entrüstung, Erlaucht, und finde sie gerecht. Aber es gibt Dinge, die so lange verschwiegen werden bis jedes Kind um sie weiß.
_Rasumowsky_