Die Umsegelung Afrikas durch phönizische Schiffer ums Jahr 600 v. Chr. Geb.
Part 9
Es wird sich nun empfehlen, im einzelnen zu erwägen, welche Vortheile oder Nachtheile bei einer Ausfahrt im Spätherbst den Phöniziern Wind und Wellen boten. Bevor wir aber in die Untersuchung hierüber eintreten, muss ich vorausschicken, dass eine im Vergleich zur Gegenwart etwas andere Vertheilung der Wärme und der Wassermassen auf der Erdoberfläche, wie sie ums Jahr 600 v. Chr. möglicherweise bestanden hat, sowie eine dadurch bedingte geringe Abweichung der Luft- und Wasserströmungen hier, weil theilweise hypothetisch und jedenfalls unbedeutend, nicht berücksichtigt worden ist. Was nun den ersten Theil der Fahrt anbetrifft, so weit sie innerhalb des rothen Meeres stattfand, werden die Phönizier, wie oben angedeutet, wesentlich aufs Rudern angewiesen gewesen sein, da die Segelschifffahrt hier mancherlei Schwierigkeiten bietet[249]; von Bab-el-Mandeb bis Socotra hatten sie sogar entschieden ungünstigen Wind, nämlich NO-Monsun, dann aber für lange Zeit theils vortrefflichen, theils wenigstens leidlich guten. Bis zum Aequator wehte nämlich in der Jahreszeit, in welcher sie diese Gegenden passirten, der erwähnte NO-Monsun, der ihnen von Kap Guardafui ab gerade günstig war; nach dem Ueberschreiten der Linie gelangten sie dann gegen den nördlichen Frühling hin in die Zone des SO-Passates, welcher sie zwar nicht direkt begünstigte, aber als ein seitlich wehender Wind von geschickten Schiffern immerhin mit einigem Vortheil benutzt werden konnte. So erreichten sie das Kap und damit ihre erste Station. Indem ich hinsichtlich der weiteren Ausführung der hier und im Folgenden über die Rastorte der Phönizier und die Vertheilung der Zeit auf die einzelnen Jahre von mir ausgesprochenen Vermuthungen auf später verweise, bitte ich, zunächst die Einwirkung der Winde auf die phönizische Fahrt weiter mit mir verfolgen zu wollen. Meiner Ansicht nach werden sie vom Kap im Dezember des zweiten Reisejahres weiter gefahren sein und hatten bis zum Aequator höchst günstigen Wind, da der Südostpassat an der Westküste Südafrikas in Südwind abgelenkt wird. Sie werden also die erstere, kürzere Strecke ihrer zweiten grossen Tour – vom Kap bis zum Atlas, wo sie meiner Ansicht nach im November des nächsten Jahres, also nach zweijähriger Abwesenheit aus Aegypten, Halt machten – mit günstigem Winde gefahren sein; daher rechne ich bis zum Busen von Biafra etwa ein Drittel der ganzen Zeit – vom Dezember des zweiten bis zum November des dritten Reisejahres – die sie auf jene Tour mögen verwandt haben. Sie kamen in dem genannten Busen also Ende März an. In den nächsten Monaten hatten sie dann, an der Küste von Oberguinea und Kap Palmas vorbei fahrend, ziemlich konträren SW-Wind oder befanden sich im Gürtel der Kalmen[250], der ihnen, trotzdem er sie zum fleissigen Rudern zwang, doch weniger unangenehm gewesen sein mag, da sie seine hemmende Kraft in unmittelbarer Nähe der Küste wegen der durch die ungleiche Erwärmung von Land und Wasser hervorgerufenen Bewegung der Luft wohl nicht in ihrer vollen Stärke empfunden haben werden. Im weiteren Verlaufe der Fahrt stellte sich dann bis zum zweiten Rastplatze die Windrichtung für sie immer ungünstiger: je weiter sie kamen, desto mehr wehte ihnen der NO-Passat gerade entgegen. Diese Luftströmung blieb ihnen sogar noch bei ihrer Abfahrt, die ich in den Juni des dritten Reisejahres setze, bis zur Strasse von Gibraltar; von hier ab aber bis zu den Mündungen des Nil werden die durch die sommerliche Auflockerung der Luft über der Sahara aus dem mittelländischen Meere angezogenen Winde unsern Schiffern weder nennenswerthen Vortheil, noch Nachtheil gebracht haben, bis dieselben schliesslich wohl noch beim Wehen dieser Etesien ins Delta einliefen[251]. Wir können demnach behaupten, dass, abgesehen von den Strecken vom Ausfahrtsort bis Guardafui und vom Busen von Biafra bis zur Strasse von Gibraltar, die herrschenden Windrichtungen einer Fahrt um Afrika in der von den Phöniziern eingeschlagenen Richtung nirgends direkt ungünstig, meistens sogar förderlich waren und ein Gelingen des Unternehmens als höchst wahrscheinlich erkennen lassen.
Meeresströmungen.
Zu demselben Resultate werden wir auch bei Betrachtung der für die Umsegelung jedenfalls nicht minder wichtigen Meeresströmungen kommen, worauf schon Rennell hingewiesen hat. Eine Ausnahme macht freilich sogleich das rothe Meer, in welchem von Oktober bis April ein der Route unserer Reisenden entgegengesetzter Strom herrscht, der diese bei den wenig günstigen Windverhältnissen bestärken musste, sich der Ruder zu bedienen. Von Kap Guardafui an bis zur Nordspitze von Madagaskar hatten sie dann aber die periodische Strömung für sich, welche hier die Küste zur Zeit des südlichen Sommers begleitet. Ganz unverständlich ist mir, wie der sonst so sorgfältige Heffter dazu kommt, die Fahrt an dem östlichen Gestade Afrikas in der Richtung von Nord nach Süd für besonders schwierig zu erklären; Winde und Strömungen waren entschieden günstig, und es bleibt somit kaum etwas anderes übrig, als die Annahme, dass statt _West_küste durch ein Versehen _Ost_küste gesetzt ist. Die Bewältigung der nun folgenden Strecke bis zum Aequator auf der Westseite des Erdtheils wurde den Schiffern erleichtert zunächst durch die Mozambique-, später durch die Agulhas- und die atlantische Strömung, die ihnen alle von Vortheil waren. Die erste von diesen steigert sich im Kanal von Mozambique und weiter südlich zu bedeutender Schnelligkeit, so dass sie an einzelnen Stellen über 130 km in 24 Stunden zurücklegt, und von der gefürchteten Agulhas- oder Kapströmung wissen wir durch eine von Sandberg aus „Uitkomsten van Wetenschap en Ervaring, uitgegeven door het Koninklijk Nederlandsch Meteorologisch Instituut 1857“ ausgezogene Notiz von Andrau, dass sie für die in unmittelbarster Nähe der Küste Fahrenden viel von ihren Schrecken verliert[252]; der atlantischen Strömung aber kommt zwar an der Westküste ungefähr von 25-15° s. Br. dicht am Ufer ein nördlicher Strom entgegen, doch ist dieser nicht so stark, dass die Phönizier ihn nicht mit Hülfe des günstigen Windes leicht hätten überwinden können. Vom Aequator bis zur Strasse von Gibraltar hatten sie dann freilich gegen eine starke Strömung, die nordafrikanische, anzukämpfen – bei Kap Palmas legt diese ca. 50 km in 24 Stunden zurück –, doch vermindert sich später diese Schnelligkeit und beträgt bei Kap Blanco nur noch 20 km in derselben Zeit. Die Gewalt dieser Strömung, so bedeutend sie ist, wird unsern Schiffern aber keine Schwierigkeiten bereitet haben, deren sie nicht hätten Herr werden können; sind doch die Portugiesen unter Vasko da Gama im Kanal von Mozambique gegen die erwähnte bedeutend stärkere angefahren, und ihre Hülfsmittel zur Bekämpfung solcher Hindernisse waren doch schwerlich wesentlich andere als die der Phönizier. Der Vortheil, der sich den Portugiesen, als sie den südlichen Eingang zur Strasse von Madagaskar durchsegelten, durch den SO-Passat im Gegensatze zu den Phöniziern bot, welche bei Kap Palmas halb konträren Wind hatten, wird durch die fast dreimal stärkere Mozambique-Strömung aufgewogen. An der Nordküste Afrikas fuhren unsere Schiffer dann wieder bis zum Nil hin mit dem Strom[253]. So war also auch, was die Strömungen anbetrifft, der Theil der Fahrt vom Aequator an der Nordwestküste entlang bis zur Strasse von Gibraltar bei weitem der schwierigste[254]. Im allgemeinen lagen aber in dieser Beziehung, wie aus Vorstehendem erhellt, die Verhältnisse genau so, wie hinsichtlich der Winde: ein ernstliches Hinderniss für die Phönizier konnte aus ihnen nicht erwachsen, und Bähr hat Recht, wenn er sagt[255]: „cum navigatio hac ex parte (vom rothen Meere um das Kap nach der Strasse von Gribraltar) instituta totidem fere praebeat commoda, quot incommoda exsistunt, contraria a parte si navigationem instituere velis“.
Konstellation.
Wenden wir uns nun von der Luft und dem Wasser dem Firmamente zu! Einen der vielen Gründe zum Zweifel an der Fahrt der Phönizier hat man aus dem Umstande herleiten wollen, dass in dem Berichte über dieselbe garnicht von Veränderungen der Konstellation die Rede ist. Aber auch hierin kann ich nichts Auffallendes entdecken. Die Phönizier benutzten zwar, wie Strabo erzählt, als Leitgestirn, nach dem sie sich orientirten, den kleinen Bären[256], genauer gesagt, wohl den Polarstern[257], bekanntlich einen Bestandtheil jenes Sternbildes, nicht, wie Gosselin[258] wunderbarerweise aus der Notiz über den Stand der Sonne schliessen will, diesen Himmelskörper. Wenn aber der genannte Gelehrte fragt, ob es nicht einleuchtend sei, dass die Phönizier die Fahrt überhaupt nicht gemacht, da sie nichts davon verlauten liessen, dass sie diesen ihren Führer auf der südlichen Halbkugel nicht mehr erblickten, so werden wir, ohne mit der Wahrheit in Konflikt zu gerathen, ruhig antworten können: keineswegs. Selbstverständlich werden sie freilich das Verschwinden desselben bemerkt, vielleicht auch unangenehm bemerkt haben – denn es erinnerte sie ja an die grosse Entfernung von der Heimat –, aber eine nennenswerthe Bedeutung für sie hatte es nicht. Der Polarstern war ihnen, soweit er überhaupt zur Orientirung benutzt werden konnte, also nördlich vom Aequator, natürlich unentbehrlich, wenn es galt, sich auf hoher See zurechtzufinden und den richtigen Kurs innezuhalten; bei dieser Expedition aber würde er erst in zweiter Linie gestanden haben, selbst wenn sie ihn hätten sehen können; ihre Reise war ja eine Küstenfahrt und die Uferlinie der Ariadnefaden, der sie unter allen Umständen, im schlimmsten Falle durch Wenden der Schiffe, aus dem Labyrinth des unendlichen Meeres der Heimath wieder zuführen musste. Wer aber meint, sie würden erstaunt gewesen sein, den erwähnten Stern unter der Linie aus den Augen zu verlieren, irrt sicher; waren sie doch schon durch ihre Reisen auf dem rothen Meere gewohnt, ihn bei Fahrten in südlicher Richtung tiefer und tiefer sinken zu sehen. Wenn sie daher dieser Erscheinung nicht Erwähnung thaten, so liegt darin nichts Auffälliges, und es würde ganz verkehrt sein, hieraus einen Beweis dafür entnehmen zu wollen, dass die Reise überhaupt nicht von ihnen ausgeführt sei. Aber selbst in dem Falle, dass sie von dem Verschwinden jenes Himmelskörpers erzählt haben, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die ägyptischen Gewährsmänner Herodots davon nichts wussten; für ein Volk, welches der Seefahrt so fern stand, wie das der Pharaonen, hatte der Polarstern eine viel zu untergeordnete Bedeutung, als dass eine auf ihn bezügliche Bemerkung der phönizischen Schiffer besonderen Eindruck hätte machen können und wir erwarten dürften, die Erinnerung an dieselbe nach 150 Jahren noch lebendig zu finden. Für die Aegypter war die Sonne ungleich wichtiger, daher wandte sich ihr Interesse naturgemäss in erster Linie den auf sie bezüglichen Nachrichten zu, und das Wunder ihrer nördlichen Stellung wurde der Nachwelt überliefert, während eventuelle Nachrichten über das Verschwinden des Polarsterns der Vergessenheit anheimfielen.
Fehlen des Kompasses.
Genau so unüberlegt, wie die eben zurückgewiesene Ansicht, sind einige andere Behauptungen, durch die gezeigt werden soll, wie wenig Glauben der herodoteische Bericht verdiene. Ich rechne dahin diejenige, dass eine so weite Reise ohne Kompass garnicht hätte gemacht werden können. Dem gegenüber möchte ich fragen: Was nützte bei einer Fahrt am Ufer entlang ein solches Hülfsmittel? Rennell sagt mit Recht: „although it may be admitted as an unsurmountable obstacle to the discovery of America, in the way to which an extensive ocean was to be crossed, yet the voyage in question was a coasting voyage“[259].
Brandungen und Klippen.
Ich erwähne ferner die Bedenken, welche Andere, eben durch den Umstand veranlasst, dass die Expedition eine Küstenfahrt war, darauf gegründet haben, dass den Phöniziern Feinde erstanden, welche die Seeleute mehr fliehen als Sturm und Unwetter, nämlich Brandungen und Klippen. Aber, bemerkt hiergegen Junker sehr richtig[260], die Schiffer des Alterthums werden ihrer weit leichter Herr geworden sein als unsere Matrosen, da sie in Küstenfahrten eine ungleich grössere Uebung hatten.
Grund für die Aussendung mehrerer Schiffe.
Trotzdem war natürlich die Reise sehr gefahrvoll, und es lag nahe, die Möglichkeit eines Schiffbruches ins Auge zu fassen. So erklärt sich wohl, dass mehrere Fahrzeuge – die genauere Zahl kennen wir nicht – abgesendet wurden; hatte eins Unglück, so brauchte deshalb die Expedition noch nicht aufgegeben zu werden, sondern die Mannschaft konnte sich auf ein anderes retten. So fuhr auch Demokedes, als er seine Fahrt zur Erforschung Griechenlands unternahm, mit drei Schiffen aus[261]. Sataspes freilich hatte nur eins[262]; aus welchem Grunde, wissen wir nicht. Vielleicht war es ihm so vorgeschrieben, damit die Gefahr der Reise gesteigert würde. Möglich ist es, vielleicht wahrscheinlich, dass auf der langen Fahrt der Phönizier das eine oder das andere Schiff verloren gegangen ist. Man wird nach 150 Jahren bei dem vermuthlichen Mangel an schriftlicher Ueberlieferung schwerlich noch die Zahl der ausgesandten Schiffe gekannt haben; das Gros der Flotte war heimgekehrt und das Problem der Umschiffung gelöst, das genügte; der Verlust eines Schiffes oder auch mehrerer war dagegen so verschwindend, dass man sich begreiflicherweise nicht die Mühe gegeben hat, darüber der Nachwelt besondere Mittheilungen zu hinterlassen.
Art der Fahrzeuge.
Welcher Art diese phönizischen Fahrzeuge waren, werden wir aber mit ziemlicher Sicherheit feststellen können. Wheeler nimmt an, es seien Kauffahrteischiffe gewesen[263], eine Ansicht, der ich nicht zustimmen kann, denn unsere Expedition sollte, soweit wir ihren Charakter zu erkennen vermögen, wohl nicht selbst Handel treiben, sondern vielmehr zukünftigem kaufmännischem Verkehr die Wege ebnen. Wehrlose und schwerfällige Schiffe, wie die phönizischen Handelsleute sie häufig benutzten – der Name γαυλός, der etwa so viel wie „Wanne“ bedeutet, sagt schon genug –, konnte man auf einer so gefahrvollen Expedition nicht brauchen, zumal Tauschgegenstände, die man dem etwas unsicheren Geschick eines Transportes in völlig unbekannte Gegenden und zu voraussichtlich barbarischen Nationen hätte aussetzen müssen, schwerlich mitgenommen wurden. Man hat sich vielmehr höchst wahrscheinlich phönizischer Pentekontoren bedient, die, Ruder- und Segelschiffe zugleich, sich durch einen hohen Grad von Schnelligkeit auszeichneten[264]. Schon in den homerischen Gedichten lesen wir ja, dass Schiffe theils durch Ruder, theils durch Segel, die man bei günstigem Winde aufzog, bei ungünstigem herunterliess, getrieben wurden; im Laufe der Jahrhunderte, welche seit der Entstehung jener Lieder verflossen waren, hatten die Phönizier beide Arten der Fortbewegung aber in hohem Grade vervollkommnet. Das Urtheil Movers’, eines sehr gründlichen Kenners des phönizischen Alterthums, über die Pentekontoren lautet: „Für weite Seefahrten an unbekannten und gefährlichen Küsten, wozu weder die grossen und schwerfälligen Gauloi, noch auch die Triremen wegen ihres Tiefgangs taugten, war die leichtgebaute mit Rudern und Segelwerk versehene, dazu mit Kriegsmannschaft ausgerüstete Pentekontore ganz das geeignete Fahrzeug“[265]. Die Behauptung Vincents, die Phönizier hätten mit diesen kleinen Barken niemals ums Kap fahren können[266], ist leicht widerlegt. Zunächst kann man im allgemeinen annehmen, dass Schiffe, die von Syrien nach Indien und Britannien fuhren, auch gross genug gewesen sein werden, die Reise um Afrika zu machen trotz all der Schrecknisse und Gefahren, welche Vincent[267] anführt, und wenn auch vorauszusetzen ist, dass der Verkehr zwischen Phönizien und jenen Ländern hauptsächlich durch Kauffahrteischiffe, also durch Gauloi, vermittelt wurde, so wird doch schwerlich jemand bestreiten, dass auch Pentekontoren, sei es als Pfadfinder, sei es zur Bedeckung jener, dorthin gekommen sind. Als speziellen Beweis für die Möglichkeit, auch auf einem kleinen Fahrzeuge eine ähnliche Strecke wie die Phönizier zurückzulegen, erwähne ich aber noch, dass im Jahre 1539 Diego Botelho, ein Portugiese, sich zu Goa auf einem Boote von etwa 5 Meter Länge und 3 Meter Breite einschiffte und glücklich nach Lissabon gelangte[268]. Auch der in tausend Gefahren erprobte Muth phönizischer Seeleute mag die Zweifel derjenigen überwinden helfen, welche meinen, dass die benutzten Schiffe für eine solche Reise zu schwach gewesen seien. Es ist eine unleugbare Thatsache, dass die Erfahrung und Kühnheit der Bemannung in gewissem Grade die Schwäche ihrer Fahrzeuge zu kompensiren vermag; das zeigt uns das Beispiel der Normannen, die an allen Küsten Europas Schrecken verbreiteten, obgleich ihre Schiffe so klein waren, dass sie mit ihnen auch auf Flüssen fahren konnten, oder das der Malayen, die in ihren kleinen Barken um die halbe Erde gewandert sind[269]. Wir dürfen also annehmen, dass die Phönizier auf ihren Pentekontoren allen Eventualitäten der Reise, welche an die Leistungsfähigkeit ihrer Fahrzeuge appellirten, gewachsen waren, und werden schwerlich irren, wenn wir hinzufügen, dass der König Necho ihnen durchaus seetüchtige Schiffe zum Zwecke der Umsegelung auf dem rothen Meere wird haben bauen lassen.
Schnelligkeit der Schiffe des Alterthums.
Um uns aber ein richtiges Bild von der ganzen Expedition zu machen, werden wir diese Fahrzeuge auf das, was sie an Schnelligkeit leisten konnten, einer genaueren Prüfung unterziehen müssen; wir werden dann feststellen können, ob sie im Stande waren, in der angegebenen Zeit die ja immerhin bedeutende Strecke um Afrika herum zurückzulegen. Die Gegner haben auch dieses bezweifelt und zum Beweise für die Richtigkeit ihrer Ansicht ein naheliegendes aus Herodot entlehntes Beispiel, das des Skylax von Karyanda, angeführt[270], der zu einer Reise von Kaspatyros den Indus hinab bis zu der Stelle, von wo Necho seine Expedition ausgesendet hatte, also zu einer weit kürzeren Fahrt, etwa eben so viel Zeit gebrauchte, wie unser Gewährsmann den Phöniziern bewilligt, nämlich 30 Monate. Es ist nun die Behauptung aufgestellt worden, dass die Phönizier unmöglich ihre Reise in der angegebenen Zeit hätten vollenden können, wenn etwa hundert Jahre später Skylax zu der seinigen eben so viel aufwenden musste. Aber diese Behauptung ist nur scheinbar richtig. Wie es gekommen sein mag, dass Skylax so lange Zeit zum Durchsegeln einer verhältnissmässig geringen Entfernung brauchte, wissen wir nicht, vielleicht wird es sich aus öfterem Anlegen erklären lassen. Das aber wissen wir glücklicherweise, dass die Schiffe des Alterthums in Betreff ihrer Schnelligkeit weit leistungsfähiger waren, als es nach dieser Notiz Herodots scheinen könnte, und damit wird der von gegnerischer Seite angeführte Grund hinfällig. Den Beweis für meine Behauptung werde ich sogleich erbringen. In dem Periplus des Skylax findet sich eine Stelle[271] des Inhalts, dass im fünften Jahrhundert eine Küstenfahrt von Phönizien bis zu den Säulen des Herakles bei einer Entfernung von etwa 5300 km 80 Tage dauerte. Das würde auf den Tag 66 km ausmachen. Diese Angabe dürfen wir, da es sich um eine Reise nach Spanien handelt, wohl auf ein schweres, sogenanntes Tarsisschiff beziehen; leichte Fahrzeuge fuhren schon früher weit schneller. Bereits bei Homer[272] segelt ein phönizisches Schiff in sieben Tag- und Nachtfahrten von einer der Inseln nördlich von Delos bis Ithaka. Freilich wird gegen die Heranziehung dieses Beispieles geltend gemacht werden, dass die Angaben Homers in der Schilderung des Lebenslaufes des Eumäus, welche die angeführte Stelle enthält, soweit sie sich auf Lokales beziehen, jedes topographischen Untergrundes entbehren und reine Phantasiegebilde seien, sodann, dass es sowohl gewagt erscheinen dürfte, Dichterstellen zu benutzen zur Bildung geographischer Begriffe, als auch im besondern einen Epiker als Zeugen zu zitiren, dessen Existenz von der wissenschaftlichen Kritik längst als Sage hingestellt ist. Dem gegenüber mag es aber gestattet sein, darauf hinzuweisen, wie doch auch die Interpreten unserer deutschen Heldenlieder vielfach nicht nur den allgemeinen Schauplatz mancher Begebenheiten, sondern auch bestimmte ursprünglich sagenhaft erscheinende Lokalitäten mit Sicherheit als wirklich vorhanden festgestellt haben und kein Grund vorliegt, beim griechischen Epos auf die gleiche Möglichkeit zu verzichten, wie ferner gerade die letzten Jahrzehnte durch ihre überraschenden Resultate auf dem Gebiete der Ausgrabungen den Beweis geführt haben, dass bei Homer manches wörtlicher zu nehmen ist, als es früher den Anschein hatte, und also mit den in jener Erzählung aufgeführten Punkten in der That recht wohl Inseln des ägäischen Meeres gemeint sein können, vor allem aber, wie niemand – mag die homerischen Gedichte geschrieben haben, wer will –, dem Dichter oder den Dichtern gründliche Kenntniss aller nautischen Verhältnisse, also auch der Entfernung zwischen zwei durch Schifffahrt verbundenen Oertlichkeiten wird absprechen wollen. Der Weg von Delos bis Ithaka ist nun etwa 560 km lang, sie fuhren also in 24 Stunden ca. 80 km. Wer aber diesen Beweis aus Homer nicht gelten lassen will, den verweise ich auf Herodot. Er giebt an[273], dass ein Schiff in 24 Stunden weit über 200 km fährt, eine Stelle, die freilich nicht ganz unverdächtig ist wegen des Verhältnisses zwischen Tag- und Nachtfahrt, das schwerlich stimmen kann. Es soll nämlich das betreffende Fahrzeug unter ca. 41° n. Br. – das ist die Lage des südlichen Pontos, und von dieser Gegend ist die Rede – zur Zeit des Hochsommers bei Tage etwa 130, bei Nacht etwa 110 km – also im ganzen 240 – zurücklegen, und daher scheint es, dass hier ein Irrthum untergelaufen sei, da sich sonst in der erwähnten Jahreszeit unter jenem Breitengrade die Länge des Tages zur Länge der Nacht etwa wie 7 : 6 verhalten würde. Das ist aber nicht der Fall, sie verhält sich etwa wie 5 : 3[274]. Doch steht die Gesammtleistung, wenn der Bericht wahr ist, nicht vereinzelt da; bei Xenophon[275] legt eine unter Segeln und Rudern gehende Triere den Weg von Byzanz nach Heraklea Pontica – über 200 km – in einem Tage zurück, ohne die Nacht zu benutzen, ja, Graser[276] schätzt in seinem mustergültigen Werke die höchste Schnelligkeit der Schiffe zur Zeit des Xenophon auf 9-10 Knoten (Seemeilen) in der Stunde, das ergiebt auf 24 Stunden die erstaunliche Summe von 450 km. Interessant ist auch die Notiz in Arrians Periplus Ponti Euxini[277], wo an einem Vormittage, noch dazu bei zeitweise ungünstigem Wetter, über 90 km zurückgelegt werden, so dass auf 24 Stunden – gleiche Fahrgeschwindigkeit zur Nachtzeit vorausgesetzt – 360 km kommen würden. Diese Schnelligkeit unter erschwerenden Umständen ist so erstaunlich, dass der Herausgeber hier einen Irrthum vermuthet. Schliesslich sind noch einige Mittheilungen des Plinius erwähnenswerth[278]. Von der Strasse von Messina ging, wie er erzählt, ein Schiff bis Alexandria in 6 Tagen, das macht über 260 km auf den Tag, von Gades nach Ostia in 7 Tagen, das würde etwa eben so viel ausmachen, von Afrika nach Ostia aber in 2 Tagen, so dass auf den Tag gegen 300 km kommen. Nur bei solcher Schnelligkeit wird die Anekdote von der Feige des Cato glaublich, die den dritten punischen Krieg veranlasst haben soll[279], und nur so lässt es sich erklären, dass der alte Fanatiker die römischen Senatoren glauben machen konnte, die Epigonen Hannibals ständen vor den Thoren der Stadt, wenn sie in Afrika mit König Masinissa um ihre Grenzen haderten.
Leitung der Expedition.