Die Umsegelung Afrikas durch phönizische Schiffer ums Jahr 600 v. Chr. Geb.
Part 5
Mögen wir aber den Muth der phönizischen Schiffer noch so hoch stellen, mögen wir uns ihren Drang nach Abenteuern so unwiderstehlich wie möglich ausmalen, wir dürfen uns doch bei sorgfältiger Erwägung der Sachlage nicht verhehlen, dass sie sich die Umsegelung wahrscheinlich weit leichter vorstellten, als sie wirklich war, und ihnen vor allem die weite Süderstreckung Afrikas nicht bekannt gewesen sein wird. Hätten sie von letzterer eine Ahnung gehabt, möchte auch dem Kühnsten von ihnen wohl der Muth entsunken sein. Wie weit die Kenntnisse der Phönizier in der Geographie Afrikas und der dasselbe umgebenden Meere ums Jahr 600 v. Chr. gingen, können wir nur annähernd feststellen. Da uns direkte Nachrichten darüber nicht zu Gebote stehen, sind wir auf Rückschlüsse angewiesen, und auf Grund derselben dürfen wir wohl annehmen, dass das Wissen des Herodot in dieser Beziehung auch etwa das jener Phönizier gewesen sein mag, denn einmal ist der Zeitraum, der beide von einander trennt, nicht so erheblich, dass er bei der verhältnissmässig langsamen Erweiterung der Länderkunde während des Alterthums ins Gewicht fallen könnte, und zweitens waren sowohl phönizische Schiffer, wie auch Herodot weit umhergekommen, und die Vermuthung, dass beide Theile das, was die damalige Welt überhaupt von den Oberflächenverhältnissen der Erde kannte, etwa in gleicher Weise ihr geistiges Eigenthum nannten, scheint wohl berechtigt. Wenn wir also feststellen, was Herodot von afrikanischer Geographie wusste, so werden wir damit zugleich auch ungefähr den Kreis der phönizischen Kenntnisse umschrieben haben. Herodot weiss aber im ganzen von Afrika – oder wie er sagt, von Libyen – nicht viel. Was das Innere des Erdtheils anbetrifft, so ist ihm nicht fremd, dass sich die Wüste von Theben bis zu den Säulen des Herakles erstreckt, sonst aber wird er in den Aegypten ferner liegenden Theilen, wie jenseit Karthagos, schon ziemlich unsicher. Wie weit aber hinsichtlich der Gestadeländer seine und der Phönizier Kenntniss ging, darüber sind wir nicht durchweg genügend unterrichtet. Bis zu welchem Punkte ihnen z. B. die Ostküste bekannt war, ist unmöglich genau zu sagen; es herrscht wohl einige Uebereinstimmung, dass sich nur Vermuthungen darüber aufstellen lassen. Herodots mehr oder weniger gründliches Wissen ging wahrscheinlich bis Bab-el-Mandeb[158]; davon, dass den Phöniziern die südlicheren Gegenden bekannt gewesen seien, haben mich die aus Strabo und einigen anderen Schriftstellern von verschiedenen Gelehrten gezogenen Schlüsse nicht überzeugen können. Fest steht dagegen, dass Herodot und zweifellos auch schon den Phöniziern viel früherer Zeit die Nordküste im ganzen und grossen wohl bekannt war; in Betreff der Westküste sind die Nachrichten, welche er den Sataspes von seiner Fahrt mitbringen lässt[159], zu ungenau, als dass wir darauf irgend welche sichere Vermuthung gründen könnten. Die Frage nach seiner Kenntniss der Länder jenseits des Kap Soloeis[160] können wir wohl, ohne ihm zu nahe zu treten, dahin beantworten, dass er nur eine unklare Vorstellung von ihnen hatte; hinsichtlich dieses Vorgebirges dürfen wir aber mit grosser Sicherheit annehmen, er habe darunter das heutige Kap Spartel verstanden. Wenn nun das, was die Phönizier wussten, sich in einem Punkte mit der Kenntniss Herodots vielleicht nicht deckte, so war es eben in Betreff der Westküste, wo ihnen wahrscheinlich weiter nach Süden gelegene Gegenden nicht unbekannt waren. Es lässt sich dies aus einigen Stellen alter Schriftsteller folgern[161]. Isaak Vossius in seinen: Observationes ad Pomponium Melam de situ orbis[162] meint sogar, dass die Nachricht des Strabo, die Phönizier hätten bald nach dem trojanischen Kriege jenseit der Säulen des Herakles auf der libyschen Küste Kolonieen angelegt, mit dem Periplus des Hanno in Verbindung zu setzen sei; demnach hätten also wenigstens die karthagischen Stammesgenossen der Phönizier lange vor Necho einen grösseren Theil des westlichen Gestades befahren. Doch geht die Ansicht der meisten Forscher dahin, dass dieser Periplus weit später, erst nach der Umsegelung durch die Phönizier (etwa 470) angenommen werden dürfe. Nach Junker[163], der für seine Ansicht einen geistvoll erdachten Grund anführt, hätten die Karthager den von Herodot erwähnten Tauschhandel an der Goldküste betrieben, woraus wir schliessen könnten, dass wohl auch den verwandten Phöniziern das westliche Gestade Afrikas bis hierher bekannt gewesen sei, doch haben sich andere wichtige Stimmen erhoben, welche ihn nach Senegambien an den Rio do Ouro verlegen[164]. Auf alle Fälle ging aber die Kenntniss der Karthager – und damit wohl auch der Phönizier – über Kap Soloeis hinaus. Die dreieckige Südhälfte des Erdtheils war natürlich gänzlich unbekannt, und in Folge davon hat das Alterthum die für die projektirte Umschiffung so wichtige Frage nach dem Zusammenhange der Meere in jener Gegend sehr verschieden beantwortet; noch die Späteren stehen hierin in direktem Widerspruch unter einander. Hipparch[165] z. B., in der Mitte des zweiten Jahrhunderts v. Chr., und Ptolemäus[166], etwa 150 Jahre n. Chr., leugneten eine südliche Verbindung des Ost- und des Westmeeres, Strabo und andere[167] glaubten, dass sie vorhanden. Aus früherer Zeit ist die Ansicht Alexanders des Grossen interessant; auch er, dem auf seinen weiten Zügen sich manche Gelegenheit geboten haben mochte, der Lösung geographischer Streitfragen näher zu treten, war von der Einheit der Weltmeere überzeugt, wie wir aus einer Stelle Arrians ersehen, wo er sagt: „Das grosse Meer umgiebt die ganze Erde“[168], Worte, aus denen einige schliessen, er habe von der Umsegelung gewusst und den Bericht über sie für wahr gehalten. So gern ich dieser Ansicht als einem für meine Auffassung sprechenden Beweise beistimmen möchte, vermag ich es leider nicht. In Alexanders Worten spricht sich eine uralte griechische Anschauung aus; wer dieser huldigte, konnte an die Möglichkeit einer Umschiffung Libyens glauben, auch wenn er die That der Phönizier bezweifelte, und wenn der macedonische Welteroberer, wie man meint, wirklich daran gedacht hat, Afrika umsegeln zu lassen, so ist sein Heldenmuth vor einer solchen Expedition schwerlich zurückgeschreckt, auch wenn der Glaube fehlte, dass andere ihm die Pfade geebnet hätten. Herodot selbst vertheidigt die Ansicht von dem Zusammenhang der Meere[169], wenn auch seine fortgeschrittenere Bildung ihn den homerischen Ozeanusfluss belächeln lässt[170]; aber dieser Zusammenhang ist ihm erst durch die phönizische Fahrt festgestellt[171]. Schwerlich werden also die Phönizier, als sie absegelten, gewusst haben, ob wirklich ein Wasserweg ganz um den Erdtheil herum führte; es wird eben – wie vorhin schon angedeutet – ein Versuch gewesen sein, den sie machten. Waren doch zu Herodots Zeit in Aegypten noch wunderbare Märchen über manche Theile des erythräischen Meeres verbreitet, wie wir daraus entnehmen können, dass die Priester gläubig erzählten, Sesostris sei bei seiner See-Expedition an eine Stelle gekommen, die er wegen der Untiefen nicht habe befahren können[172]. Dass freilich auch die Phönizier an die Unwegsamkeit der Meere unter gewissen Himmelsstrichen geglaubt – Phantasieen, wie sie uns vor der Zeit der grossen Entdeckungen im Mittelalter wieder begegnen – wird nicht überliefert. Aber waren sie auch zu aufgeklärt, um solche Märchen für Wahrheit zu nehmen, die Gestalt Afrikas – das dürfen wir aus den vorstehenden Auseinandersetzungen schliessen – war sowohl ihnen, wie Herodot in tiefes Dunkel gehüllt. Der letztere spricht dies offen aus, wo er von dem Oberlaufe des Nils redet[173]; ebenso geht es hervor aus der Stelle III, 114, die Sandberg zitiert[174]. Herodot sagt hier, dass Aethiopien – d. i. Südafrika – sich von Arabia felix nach Südwesten erstrecke, als das letzte der bewohnten Länder; wie weit aber, das lässt er dahin gestellt. Wenn wir uns nun gar daran erinnern, wie noch Strabo über diese Frage dachte[175], dem die Südgrenze Libyens etwa bei 10° n. Br. liegt, so wird uns nicht länger zweifelhaft sein, dass die Phönizier 600 v. Chr. keinenfalls von dem wirklichen Sachverhalt eine Ahnung hatten, und diese Täuschung, in der sie sich über die wahre Gestalt des Erdtheils befanden, den sie umsegeln sollten, wird für sie ein neuer Antrieb gewesen sein, die Fahrt kühnen Muthes zu unternehmen, für uns aber ist sie ein Grund mehr, an ihr nicht zu zweifeln.
Genauere Zeitbestimmung der Fahrt.
Ein anderer Punkt, der ins Auge gefasst werden muss, ist eine genauere Zeitbestimmung der Fahrt. Nun ist es meiner Ansicht nach zwar ganz unmöglich, bestimmte Jahre dafür anzusetzen, wie Wheeler es thut, der die Reise auf die Zeit von 613-610 fixirt; aber wir werden doch vielleicht entscheiden können, ob sie in die erste, kriegerisch gefärbte Regierungsperiode Nechos zu setzen oder der zweiten, friedlichen zuzutheilen sei. Die Untersuchung dieser Frage ist um so wichtiger, als wir aus ihr die Grundlage zur Beantwortung einer anderen gewinnen werden, nämlich der, ob wir die Phönizier des Mutterlandes oder die in Aegypten ansässigen als Vollender der kühnen Fahrt ansehen dürfen. König Necho hat nun wahrscheinlich von 609-594 regiert[176] und die Schlacht von Karchemisch im Jahre 604 stattgefunden. Demnach ist etwa das erste Drittel der Herrschaft dieses Fürsten auf die Züge in Syrien zu rechnen. Wenn wir nun die Umsegelung nicht in diese Periode, sondern in die folgende setzen, werden wir schwerlich einem Irrthum anheimfallen. Es ist undenkbar, dass Necho; als er im Felde stand, Zeit und Sinn für eine derartige Unternehmung gehabt habe; seine Absicht war, wie sein Zug an den Euphrat zeigt, nach Syrien das babylonische Reich zu erobern – ein Riesenplan, der in seinem Kopfe sicher für nichts anderes Raum liess –, und erst nachdem Nebukadnezars Schwert ihm nach dieser Richtung hin Entsagung aufgezwungen hatte, wird er äussere und innere Ruhe für die Werke des Friedens gefunden haben[177]. Auch aus einer Prüfung der Notizen des herodoteischen Werkes über den Kanalbau können wir in Verbindung mit einer anderen Ueberlieferung Schlüsse ziehen auf die Zeit der Umsegelung. Herodot erzählt an einer Stelle[178], Necho habe den Kanal vor seinem Kriegszuge gebaut und zu bauen aufgehört, als er nach Syrien gezogen sei. Diese Nachricht ist schwerlich richtig; denn wenn wir bei demselben Schriftsteller lesen[179], dass durch jenen Bau 120000 Menschen ihr Leben verloren, so musste er sich doch über einen längeren Zeitraum erstrecken. Lehrreich kann ein Vergleich mit dem Verluste an Menschenleben bei dem Bau des Mahmudiehkanals wirken. An ihm arbeiteten 250000 Mann ein Jahr lang, von denen 20000 gestorben sein sollen; eine erschreckend hohe Ziffer, aber immer doch nur der sechste Theil von dem, was Herodot als Opfer des Nilkanals anführt[180]. Nun hat Necho aber seinen Kriegszug, wie feststeht, sehr bald nach seinem Regierungsantritt begonnen; in einer ganz kurzen Spanne Zeit müsste also jene gewaltige Menschenmenge umgekommen sein. Das ist einfach unmöglich, selbst wenn wir die Zahl als etwas zu hoch gegriffen ansehen wollen und daneben noch in Betracht ziehen, dass in den Augen von Pharaonen der Werth von Menschenleben ein sehr geringer gewesen sein mag. Sicher ist also an dem Kanal mehrere Jahre geschafft worden; dann kann der Bau aber nicht vor den syrischen Feldzug gefallen sein, sondern nur in dieselbe Zeit mit jenem oder in die nach ihm. Dass letztere Annahme die wahrscheinlichere, ist oben nachgewiesen. Die Ereignisse werden demnach wohl folgendermassen zu ordnen sein: etwa ein Drittel seiner Regierungszeit war Necho in Syrien; als er dann nach Hause kam, begann er den Kanal, und als er – jedenfalls erst nach Jahren, wie man sagt, infolge eines Orakels[181] – aufhörte zu bauen, sandte er nach einer andern Mittheilung Herodots[182] die phönizische Expedition aus. Die Vermuthung, dass unser Gewährsmann sich in der eben angedeuteten Weise hinsichtlich der zeitlichen Aufeinanderfolge der Dinge geirrt, liegt also, wie die voraufgegangenen Auseinandersetzungen zeigen, nahe und würde sich uns aufdrängen auch ohne die Kenntniss einer Nachricht, die Strabo hinterlassen hat, und die in direktem Gegensatze zu Herodots Mittheilung steht. Dieser Schriftsteller giebt nämlich an, erst der Tod des Königs habe die Arbeiten am Kanal unterbrochen[183]; ein Widerspruch, den völlig zu lösen auf den ersten Blick nicht möglich scheint. Doch werden wir schwerlich fehl gehen, wenn wir auf Grund des oben Gesagten und an der Hand der erwähnten Zeugnisse annehmen, dass der Kanalbau erst _nach_ dem syrischen Feldzuge begonnen und bis gegen das Lebensende des Necho gedauert hat, wo er vielleicht infolge eines Orakelspruches aufgegeben wurde. Dann aber, also in der letzten Zeit jenes Königs, ist die phönizische Expedition entsendet worden. Dass diese Anschauung die richtige sein dürfte, zeigt auch ein Vergleich mit dem, was über die Regierung des Sesostris erzählt wird; auch er soll friedliche Aufgaben zu seinem Ruhme und zur Sicherung Aegyptens, Tempelbau, Kanalanlage und anderes derart, erst nach Beendigung seiner Feldzüge[184] begonnen haben. Wenn nun auch jener König, wie erwähnt, eine ganz fabelhafte Figur ist, so zeigt doch diese Vertheilung seiner Thaten über sein Leben, wie man selbst bei dem mächtigsten Herrscher Aegyptens es nicht für möglich hielt, dass er Kriege und Grossthaten des Friedens zu gleicher Zeit unternommen und ausgeführt habe. Die Sage ist in solchen Dingen aber so feinfühlig, dass der Beurtheiler geschichtlicher Verhältnisse sehr wohl von ihr lernen kann, und was einem Sesostris, der Verkörperung ägyptischer Fürstengrösse, nicht möglich war, dürfen wir auch dem Pharao Necho schwerlich zutrauen.
Abfahrtsort der Expedition.
Haben wir uns im Vorstehenden über die Zeit, in welche die Expedition fällt, Rechenschaft gegeben, so wird es nun nicht minder wichtig sein, den Ort festzustellen, von wo die Phönizier aussegelten. Trotzdem übergehen die meisten Forscher diesen Punkt mit Stillschweigen; doch kann man hie und da aus beiläufigen Bemerkungen den Schluss ziehen, dass sie der Ansicht sind, die Fahrt sei von der Nordspitze des rothen Meeres ausgegangen. Und in der That hat diese Vermuthung auf den ersten Blick etwas Bestechendes, denn da die Phönizier wohl hauptsächlich im Delta sassen, war ihnen der nordwestliche Ausläufer jenes Meerbusens nahe genug. Auch hatten, wie wir gesehen haben, die Saïten, zu denen ja Necho, der intellektuelle Urheber des ganzen Planes, gehörte, im Delta, also in der Nähe des heutigen Busens von Suez, ihre Residenz. Nichts desto weniger kann ich der bezeichneten Ansicht nicht beipflichten; denn der Verkehr Aegyptens mit den südlichen Ländern ist, wie ich gleich nachweisen werde, in älterer, wie in neuerer Zeit meist nicht von hier ausgegangen. Eine auffällige Vermuthung verfechten zwei Gelehrte in trefflichen Abhandlungen, Junker und Sandberg; sie sprechen sich mit Entschiedenheit für den Golf von Aden als Abfahrtsort aus[185]. Untersuchen wir, mit welchem Rechte! Herodot sagt: „οί Φοίνικες ἐκ τῆς Ἐρυθρῆς θαλάσσης ἔπλεον“; was haben wir nun unter den Worten „ἐκ τῆς Ἐρυθρῆς θαλάσσης“ zu verstehen? Sandberg – es mag genügen, einen von Beiden zu widerlegen – erwähnt mehrere Stellen, wo jener Schriftsteller ausdrücklich den arabischen Busen vom erythräischen Meere unterscheidet, und will damit beweisen, dass an ein Absegeln aus ersterem nicht zu denken sei. Zweitens führt er als Beleg für seine Ansicht das an, was Herodot über den Skylax überliefert[186], der auf der Rückkehr von seiner Entdeckungsreise nach Indien zuletzt nach Westen gefahren und so an dem Orte gelandet sei, von wo Necho die Phönizier ausgesandt hatte, während der Berichterstatter, wenn diese aus dem rothen Meere abgesegelt wären, ihn doch schliesslich nach Norden steuern lassen müsste. Mir scheinen beide Gründe nicht ganz einwandsfrei zu sein. Was den ersten anbetrifft, so nennt Herodot an einer Stelle das rothe Meer einen Busen – und das heisst doch so viel wie einen Theil – des erythräischen Meeres, wie er denn überhaupt unter dem letzteren augenscheinlich den ganzen indischen Ozean mit dem persischen und dem arabischen Meerbusen[187] versteht; wenn er also sagt: „Die Phönizier fuhren aus dem erythräischen Meere ab“, warum sollte es nicht erlaubt sein, an jenen Theil zu denken? Das zweite Zitat aber, in dem von Skylax die Rede ist, heranzuziehen halte ich für bedenklich, gerade wo es sich um Feststellung der Himmelsgegenden handelt, denn in dieser Beziehung ist Herodot hier sehr ungenau; den Indus, der doch nach Südwesten fliesst, lässt er nach Osten münden! Dazu kommt, dass König Necho wohl schwerlich am Busen von Aden Landbesitz hatte, wo er Vorbereitungen zu der phönizischen Expedition hätte treffen können, wohl aber besass er am rothen Meere dazu geeignetes Terrain – die Reste der dortigen Schiffswerfte sah ja Herodot noch[188] –, und schliesslich können wir behaupten, dass den Phöniziern das rothe Meer viel zu bekannt gewesen sein wird, als dass sie eine Fahrt auf demselben hätten zu scheuen brauchen. Sehen wir also von der Nordspitze des Meeres und vom Golf von Aden ab und suchen eine andere Stelle ausfindig zu machen, die mit grösserer Wahrscheinlichkeit den Ruhm für sich in Anspruch nehmen kann, der Abfahrtsort dieser denkwürdigen Expedition gewesen zu sein. Etwa unter 26° n. Br. liegt am Nil an einer Stelle, wo der Fluss sich dem rothen Meere auf 150 Km. nähert, die Stadt Keneh, ein wenig nördlicher, als im Alterthum Koptos lag. Von dieser Stadt führte, wie heute von Keneh, eine Strasse durch das Thal, welches jetzt Wadi Hamamat heisst, zum Meere[189] in der Gegend, wo Kosseir liegt, der Leukos Limen der Griechen[190]. Von diesem Hafen oder von seiner nächsten Umgebung wird die Expedition der Phönizier wahrscheinlich ausgegangen sein. Den Beweis für die geäusserte Ansicht wird ein Ueberblick über die Rolle geben, welche diese Stätte in der Geschichte des ägyptischen Handels und Verkehrs gespielt hat. Bereits vor und während der Pyramidenzeit war der Weg von hier aus an den Nil eine Hauptstrasse des Weihrauchhandels; jedenfalls schon in den Tagen der elften Dynastie, vielleicht noch früher, ist von Seiten der Regierung der Versuch gemacht worden, von hier aus direkte Beziehungen zu dem Lande Punt, der Heimath des Weihrauchs in Arabien, anzuknüpfen. Ob den Endpunkt der Strasse am Meer Kosseir oder ein nur wenig weiter nördlich gelegener Hafen bildete, mag dahin gestellt bleiben[191]; zur Zeit der zwölften Dynastie, wo der Handel auf dem rothen Meere in voller Blüthe steht, ist sein Ausgangspunkt jene andere Stelle. In den nächsten Jahrhunderten scheint der Verkehr mit Punt bald unterbrochen gewesen zu sein, bald aber lesen wir, dass er einen neuen Aufschwung nimmt, so besonders nach der Vertreibung der Hyksos, wo in Aegypten dasselbe geschah, was sich 3000 Jahre später in Spanien nach der Besiegung der Mauren wiederholte: das Selbstgefühl, gehoben durch die in schweren Kämpfen wieder errungene Freiheit, äusserte sich in kühner Seefahrt, und die Königin Hatasu, das Spiegelbild der kastilischen Isabella, beschloss wieder Schiffe ins Weihrauchland zu entsenden. Leider fehlen über den Abgangsort derselben alle positiven Angaben; erst das wissen wir wieder sicher, dass unter Ramses III. in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts die Expeditionen den alten Weg von Koptos zur Küste gehen, ja dass Ramses IV., der unmittelbare Nachfolger jenes Königs, sich durch Anlegung einer neuen Verbindungsstrasse besonders verdient gemacht hat. Nicht geringere Bedeutung hat der Verkehrsweg zur Zeit der 26. Dynastie, der saïtischen, eben der des Necho. Diese umfasst eine Periode der Restauration; im Kultus, in der Sprache, in der Schrift kommt man auf das Alte zurück. Das Staatsleben sucht man durch das Hervorholen archaistischer Titulaturen mit der Würde verflossener Jahrtausende zu umkleiden und tritt mit einer gewissen Ostentation auch auf anderen Gebieten in die Fussstapfen der älteren Königshäuser. Schon aus diesem Grunde würde es uns leicht glaublich erscheinen, dass man auch bei der Wiederaufnahme eines regeren überseeischen Handelsverkehrs hinsichtlich des Ausgangspunktes der alten Tradition nicht untreu wurde; aber wir haben sogar ausdrückliche Beweise dafür. An einer Felswand des Wadi Gasus auf dem Wege vom Nil zu dem alten Hafenplatze am rothen Meere finden sich nämlich aus der Zeit der 26. Dynastie die Namen mehrerer „Gottesweiber“ – das sind Königinnen, welche zugleich Gattinnen des Gottes Amon zu Theben waren –; Beweis genug, dass die Strasse von Koptos an die Küste damals wieder erhöhte Bedeutung gewann. Und wie zur Zeit der alten Pharaonen hatte auch unter den Ptolemäern der ägyptische Handel auf dem rothen Meere seinen Ausgangspunkt neben dem nördlicher gelegenen Heroopolis[192] hauptsächlich in Kosseir, ja, noch für die Periode um Christi Geburt schildert uns Strabo Koptos als den Stapelplatz für indische, arabische und äthiopische Waren, wenn auch die Verbindungsstrasse mit der Küste etwas weiter südöstlich lief, als früher, nämlich nach Berenice[193], und selbst in der Neuzeit bis zur Eröffnung des Suezkanales spielte Kosseir, über das auch eine wichtige Route für die afrikanischen Mekkapilger führte, als Verkehrsmittelpunkt dieser Gegenden seine Rolle. So liegt in der That die Vermuthung nahe, dass dieser Platz oder ein benachbarter Hafen, wie so vieler anderen Fahrten, auch der phönizischen Ausgangspunkt gewesen, und es dürfte nicht zu gewagt sein, unter Zurückweisung der oben erwähnten Ansichten für diese die grössere Wahrscheinlichkeit in Anspruch zu nehmen.
Wo waren die ausgesandten Schiffer zu Hause?