Die Umsegelung Afrikas durch phönizische Schiffer ums Jahr 600 v. Chr. Geb.

Part 13

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Wir gehen daher über ihn hinweg und treten der Frage näher: Ist die Nachricht, wie viele wollen, ein unumstösslicher Beweis dafür, dass die Phönizier wirklich ums Kap gefahren sind? Die Antwort wird lauten: Nein. Zwar ist nicht nur von älteren Gelehrten darauf hingewiesen, dass bei dem damaligen Standpunkte der astronomischen Geographie, die zur Zeit der Umsegelung noch in den Windeln lag, Schiffer, um den Glauben an eine Fahrt zu erwecken, die sie garnicht gemacht, unmöglich auf die Erscheinung hätten verfallen können, die selbst dem erfahrenen und durch seine Reisen vielseitig gebildeten Herodot nicht glaublich erschien[381], sondern auch einer der bedeutendsten neueren, Karl Ritter, äussert: „Leute, die keine astronomisch-geographische Theorie besassen, aus der sich ergiebt, dass dies (der nördliche Standpunkt der Sonne in der Mittagsstunde) nur auf der südlichen Halbkugel stattfinden kann, konnten dies nicht erzählen, ohne es wirklich gesehen zu haben“; aber doch scheint mir der hieraus für unsere Untersuchung gezogene Schluss, dass damit die Wahrheit des Berichtes unumstösslich bewiesen werde, etwas voreilig. Unbestreitbar ist freilich auch meiner Ansicht nach, dass wir Kenntniss der einschlägigen Gesetze und Verhältnisse anderthalb Jahrhunderte vor Herodot keinenfalls bei phönizischen Schiffern voraussetzen dürfen, die sich wohl mit Astronomie zum praktischen Gebrauche für die Seefahrt beschäftigen mochten, denen aber das Studium wissenschaftlicher Probleme der Sternenwelt sicherlich nicht zuzutrauen ist. Aber – werden wir fragen müssen – konnten nicht unsere Seeleute, auch ohne die Gesetze der astronomischen Geographie zu kennen, bei den auf früheren Fahrten gemachten Erfahrungen und den damals landläufigen Ansichten über die geringe Süderstreckung Afrikas auf die Vermuthung eines nördlichen Sonnenstandes für die jenen Erdtheil Umsegelnden mit Leichtigkeit verfallen? Ich glaube, unbedingt. Seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, gingen phönizische Schiffe südlich bis Bab-el-Mandeb; so war es den Phöniziern jedenfalls bekannt, dass das Tagesgestirn für diese Gegend unter gewissen Umständen um Mittag nördlich stehe. Gesetzt nun, sie nahmen an – und dass sie es wahrscheinlich thaten, ist oben gezeigt –, die Südküste Afrikas liege etwa unter gleicher geographischer Breite wie jene Pforte des rothen Meeres, so konnten sie leicht die aus ihren Beobachtungen bei Bab-el-Mandeb gewonnenen Resultate auf die mittäglichen Gestade jenes Erdtheils übertragen und, wenn sie eine Umsegelung fingiren wollten, auch ohne wirklich dort gewesen zu sein, von dem in jenen Breiten, wo sie die Südküste vermutheten, wahrzunehmenden nördlichen Standpunkte der Sonne sprechen, ohne Furcht, damit irgend etwas Unmögliches zu behaupten. Einen vollgültigen Beweis für die Wahrheit des Berichtes der Phönizier liefert dieser Theil ihrer Erzählung also keineswegs; ja, Beurtheilern, die zum Zweifel neigen, wird sich noch die Frage aufdrängen, ob nicht, wenn auch nicht die ganze Mittheilung, so doch wenigstens jener Herodot so sehr mit Bedenken erfüllende Zusatz über die Sonnenstellung als eine Erfindung anderen Ursprungs, nämlich der ägyptischen Priester, zu betrachten sei. Um hierüber zu einem Schlusse zu kommen, werden wir zunächst den Umfang ihres Wissens auf dem Gebiete der astronomischen Geographie feststellen und fragen müssen: Berechtigte dasselbe sie zur Annahme eines nördlichen Sonnenstandes? So weit wir vermuthen dürfen, war es so wenig wie das der Phönizier aus irgend welchen Theorieen geschöpft, sondern rein der Praxis des Lebens entnommen. Zwar hat man behauptet, die Schiefe der Ekliptik und ihre Wirkungen seien den Priestern bekannt gewesen und dies durch Zeugnisse aus dem Alterthume zu bekräftigen versucht, so des Strabo, der als Gewährsmann dafür angeführt zu werden pflegt, dass sie über die Bewegung und Stellung der Himmelskörper eingehende Kenntniss besessen hätten[382]. Aber er sagt nur ganz allgemein, sie seien sternkundige Männer gewesen, wie weit ihr Wissen im einzelnen ging, erfahren wir durch ihn nicht. Der andere ist Diogenes Laertius in seiner Vita des Thales[383]. Daraus, dass dieser für das Jahr 610 v. Chr. eine Sonnenfinsterniss vorherzusagen vermochte, hat man geschlossen, dass er sich über die Bewegung von Erde und Mond schon völlig klar gewesen sei. Knös[384] folgert demgemäss nach dem Vorgange von Gosselin: Wenn Thales eine Sonnenfinsterniss vorhersagen konnte, musste er die Schiefe der Ekliptik kennen. Thales, ein Zeitgenosse des Necho, hatte aber, wie in seiner Vita steht, bei den ägyptischen Priestern Geometrie, also wahrscheinlich auch Astronomie, studirt. Demnach werden diese Priester schon zur Zeit des Necho die Schiefe der Ekliptik gekannt und gewusst haben, dass die Sonne bald über dem einen, bald über dem andern Wendekreise senkrecht steht.

Diese Beweisführung aus der Prophezeiung des Thales ist nicht stichhaltig, und die Schlüsse, welche aus ihr auf die astronomischen Kenntnisse der ägyptischen Priester gezogen werden, sind unrichtig. Zunächst folgt aus dem Umstande, dass Thales jene Sonnenfinsterniss vorhersagte, noch keineswegs, dass er die Schiefe der Ekliptik und überhaupt die Gesetze, nach denen sich die Erde um die Sonne und der Mond um die Erde bewegen, kannte. Eine genauere Prüfung des herodoteischen Berichtes über jene Prophezeiung wird dies ergeben. Er erzählt[385], Thales von Milet habe den Joniern diese Finsterniss vorher verkündigt und als Zeit das Jahr angegeben, in dem sie sich wirklich zutrug. Nun ist aber Folgendes über jeden Zweifel erhaben: Kannte Thales in der That die vorhin bezeichneten Gesetze der Bewegung der Erde und des Mondes, also unter anderm auch die Schiefe der Ekliptik, so war er im Stande, nicht nur das Jahr, sondern auch den Tag und die Stunde der Finsterniss vorherzusagen und hätte dies sicherlich gethan; daraus, dass er sich auf die Angabe des Jahres beschränkte, können wir ohne Bedenken entnehmen, dass ihm die Kenntniss der betreffenden Gesetze abging und er die Kunde von dem zu erwartenden Eintritt jenes Naturereignisses andern Umständen verdankte. Ueber diese dürfte es gestattet sein, folgende Vermuthung auszusprechen. Bekanntlich sind die Sonnenfinsternisse an bestimmte Perioden gebunden, und es ist leicht denkbar, dass sich viele Jahrhunderte vor Thales, als noch niemand an eine wissenschaftliche astronomische Geographie dachte, schon Männer gefunden haben, welche durch Tradition überlieferte Erfahrungen über die Wiederkehr solcher Erscheinungen mit den Beobachtungen ihres eigenen Zeitalters zusammenstellten und der Nachwelt gewisse Formeln überlieferten, nach denen man die Jahre berechnen konnte, welche in Zukunft ähnliche Ereignisse mit sich bringen würden. Wer sich im Besitze dieser Formeln befand und durch sie die Perioden kannte, in denen die Finsternisse wiederkehren, war nun natürlich in der Lage, auch ohne irgend etwas von den Bewegungen der betreffenden Himmelskörper zu wissen, das Jahr einer solchen Erscheinung vorher zu verkünden. Derartiger Formeln wird sich auch Thales bedient haben. Dass er nur auf diese Weise zu seiner Prophezeiung befähigt sein kann, ist unbestreitbar; es geht das klar daraus hervor, dass Diogenes ihn zum Schüler der ägyptischen Priester in der Geometrie macht, womit ja zugegeben wird, dass er noch weniger mathematische Kenntnisse besass, als jene Männer, und das will viel sagen. Man hat die Höhe, bis zu welcher sich wissenschaftliche Leistungen im Lande der Pyramiden schon frühe aufgeschwungen haben sollten, ehedem weitaus überschätzt, wie ja lange Zeit hindurch die ganze altägyptische Kultur in unsern Augen mit dem Nimbus des Wunderbaren umkleidet war; jetzt sind wir besser unterrichtet und wissen sicher, dass im alten, und können mit grosser Wahrscheinlichkeit behaupten, dass auch im neuen Reiche die Kenntnisse der Aegypter in der Mathematik so ausserordentlich dürftig waren, dass jede Vermuthung, sie hätten den Lauf von Himmelskörpern berechnen können, als völlig absurd zurückgewiesen werden muss. Die ersten Anfänge einer wirklichen Astronomie – doch auch nur diese – hatte man zwar im alten Aegypten[386], aber die Mathematik diente dort rein der Praxis des Lebens; wie die Grösse eines Ackers berechnet, wie als Besoldung dienende Esswaren unter eine Anzahl berechtigter Empfänger angemessen vertheilt wurden, derartige Aufgaben wusste man annähernd richtig zu lösen[387], was darüber hinauslag, war den Leuten am Nil ein Buch mit sieben Siegeln, und mit wohl begründetem Erstaunen erkennt man die unglaubliche Schwerfälligkeit, mit der die einfachsten Aufgaben, welche bei uns jeder Knabe vor seinem Eintritt in die Sexta gewandt im Kopfe zu lösen weiss, schriftlich ausgerechnet werden. Und die Verfasser der Rechenbücher, welche solcher Umständlichkeit zur Bewältigung der leichtesten Operationen bedurften, sind doch jedenfalls nicht beliebige Leute aus der grossen Masse, sondern sicher die Gebildeten der Nation, d. h. die Priester gewesen. Wer aber noch mit den vier Spezies im Kampfe liegt, wird selbstverständlich nicht an die Lösung von Aufgaben aus der höheren Mathematik denken, und somit muss die Vermuthung, welche Knös äussert[388], die Priester hätten die Gesetze von der Bewegung der erwähnten Himmelskörper zwar wohl gekannt, aber dem Herodot als einem Manne, „cui facta historica, non astronomiam discendi desiderium fuit“ vorenthalten, für hinfällig erklärt werden; sie konnten nicht lehren, was sie selbst nicht wussten. Wenn nun Thales nach Aegypten ging, um bei diesen Männern Geometrie und allenfalls Astronomie zu studiren, wenn er also glaubte, von ihnen noch lernen zu können, wie ausserordentlich gering muss dann der Umfang seines eigenen Wissens gewesen sein! Geradezu Lachen erregend wirkt der Gedanke, ein Mann, der die Schiefe der Ekliptik kannte, habe in den Tempeln des Nillandes sich weiter bilden wollen. Es darf nach diesen Erwägungen als ganz unmöglich bezeichnet werden, dass er – gesetzt auch, er habe die in Aegypten eingeheimsten Kenntnisse später selbständig fortentwickelt und seine Lehrer an Gelehrsamkeit weit übertroffen – jemals auch nur annähernd auf den Standpunkt gekommen sei, die Bahnen von Himmelskörpern berechnen zu können; genau eben so wenig wird aber die Annahme gestattet erscheinen, seine ägyptischen Lehrer hätten dies vermocht.

Im Vorstehenden ist nachgewiesen: aus wissenschaftlichen Gründen konnten die Gewährsmänner Herodots den nördlichen Stand der Sonne nicht erklären; damit ist aber keineswegs gesagt, dass sie die Thatsache selbst für undenkbar hielten. Denn sicherlich haben sie, da sie das innerhalb der Tropen gelegene Meroe kannten[389], und auch in Folge der ägyptischen Züge nach Aethiopien, wie der Fahrten nach Punt – also aus der Praxis des Lebens – gewusst, dass nicht allzu weit südlich von ihrer Heimath Gegenden lägen, wo es unter gewissen Umständen möglich sei, die Sonne mittags im Norden zu erblicken. Also auch von ihrer Seite erscheint eine Täuschung nicht absolut ausgeschlossen. Die Sache wird so gelegen haben, dass es beiden, den Phöniziern, wie den Priestern möglich war, von der auffallenden Stellung des Tagesgestirns zu erzählen, ohne dass jemand die Fahrt gemacht hatte. Es fragt sich nur, ob wir es auch für wahrscheinlich halten dürfen, dass sie es thaten. Und das glaube ich nicht. Denn was zunächst die Phönizier betrifft, so konnten sie durch die Erwähnung einer Thatsache, die sie, wie die Priester ohne Zweifel wussten, leicht durch Kombination hatten zurecht konstruiren können, ihren eventuellen Zweck, die Aegypter von der Ausführung der Umsegelung zu überzeugen, schwerlich erreichen. Es lag sehr nahe, zu vermuthen, dass in den Gegenden, die sie durchsegelt haben wollten, die Erscheinung der nördlich stehenden Sonne so gut zu beobachten sei wie im südlichen rothen Meere; darum hätten sie, wenn es galt, den Bericht über eine nicht gemachte Reise mit Wahrscheinlichkeitsbeweisen auszustatten, dazu sicher irgend etwas anderes gewählt, als dieses im Kreise ihrer Zuhörer seit Jahrhunderten bekannte Faktum. Die Phönizier sind also meiner Ansicht nach von einer auf Grund dieser Nachricht beabsichtigten Täuschung unbedingt freizusprechen; was sie erzählten, haben sie wirklich erlebt. Wenn aber der Bericht von der Fahrt ein Märchen war, das den Priestern seinen Ursprung verdankte, wenn diese wussten, dass die Phönizier weder jemals die fragliche Reise unternommen, noch, heimgekehrt, von dem Stande der Sonne erzählt hatten, wie sollten sie dann dazu gekommen sein, an ihre schmucklose Erzählung, die sie, wie oben gezeigt, so leicht durch allerhand märchenhaften Aufputz hätten interessanter färben können, schliesslich noch die Erwähnung eines Ereignisses anzufügen, das bei Ausführung der Reise nicht nur faktisch so eingetreten wäre, sondern auch nach ihrem eigenen Ermessen gerade so eintreten musste, wie sie es darstellten? Die Lüge verfügte doch über einen zu reichen Schatz phantastischer Vorstellungen, als dass sie bei der Wahrheit hätte zu borgen brauchen. Ich glaube also, auch den Priestern dürfen wir böswillige Erfindung nicht zutrauen; sie haben wahrheitsgetreu überliefert, was ihren Vorgängern im Amte durch die heimkehrenden Phönizier berichtet worden war.

So bleibt nur noch die Frage zu beantworten, was diese, nachdem sie die Reise wirklich gemacht hatten, veranlasst haben mag, die nördliche Stellung der Sonne, die sie während ihrer Fahrt zu finden jedenfalls erwartet hatten, und die auch den Aegyptern nicht überraschend erscheinen konnte, noch ausdrücklich zu erwähnen. Die Antwort ist bald gegeben: Die Phönizier haben einen Sonnenstand beobachtet, der alles, was sie bislang in dieser Hinsicht gesehen oder wovon sie gehört hatten, weit hinter sich liess. Wenn sie nun auch noch so verschwiegen waren in Betreff aller Erfahrungen, die sie bezüglich der Verwirklichung ihrer kolonialen Pläne gemacht hatten, diese interessante Erscheinung zu verheimlichen, lag kein Grund vor. Worin aber das Wunder bestand, das sie so anstaunten, ist leicht gesagt. Mochten die Phönizier das südliche rothe Meer befahren und selbst Bab-el-Mandeb passirt haben, mehr als etwa 10° entfernte sich die Sonne hier nie vom Zenith. Nun wird zwar für den, der um die Zeit des längsten Tages der nördlichen Halbkugel in diesen Gegenden sich von Osten nach Westen bewegt, der eigene Schatten zur Linken fallen, und wir müssen annehmen, dass die Phönizier dies so gut beobachtet haben, wie wir wissen, dass das spätere Alterthum es beobachtet hat. Aber die Abweichung der Sonne vom Zenith erscheint so gering, dass ein unbefangener Beurtheiler immer noch mehr den Eindruck haben wird, sie stehe ihm zu Häupten als zur Seite. Jeder, der den Versuch machen, einen Punkt am Himmel, 10° vom Zenith, suchen und sich dort die Sonne denken wird, dürfte mir Recht geben, und auch die Phönizier werden bei Bab-el-Mandeb diesen Eindruck gehabt haben. Wenn sie aber um die Südspitze Afrikas fuhren – und es traf sich ja so, dass sie dies zur Zeit des nördlichen Sommers thaten, wo für jene Gegenden die Sonne zur Mittagszeit möglichst tief stand –, hatten sie natürlich ein ganz anderes Schauspiel; passirten sie im Mai das Nadelkap, so erblickten sie die Sonne um Mittag etwa 50° vom Zenith entfernt. Sie sahen das Tagesgestirn also dem nördlichen Horizonte etwa eben so nahe, wie es zur Zeit des ägyptischen Winters dem südlichen stand. Aehnliches war ihnen noch nicht vorgekommen, und da sie eine Erklärung dafür nicht kannten, wird es ihnen als ein Wunder erschienen sein, das sie, zurückgekehrt, als das seltsamste Erlebniss ihrer langen Reise den staunenden Aegyptern verkündeten, die ihrerseits das, was die kühnen Schiffer erzählten, bei dem bisherigen Mangel aller Nachrichten aus südlichen Breiten für interessant genug hielten, um es der Nachwelt zu überliefern. So blieb die Erinnerung an diese seltsame Erscheinung anderthalb Jahrhunderte lang in Aegypten lebendig, und um so mehr, weil sie eine der wenigen Einzelheiten war, die man über die Reise erfahren hatte.

Es scheint mir nach diesen Erwägungen gänzlich ausgeschlossen zu sein, dass die Phönizier zu einer wesentlich andern Jahreszeit als der angegebenen, etwa gar um den _südlichen_ Sommeranfang das Kap passirt haben; in letzterem Falle wäre die Abweichung der Sonne vom Zenith kaum grösser gewesen, als sie dieselbe bei Bab-el-Mandeb oftmals gesehen, und hätte schwerlich Veranlassung gegeben, ihrer besonders zu gedenken. Je weiter nördlich unsere Schiffer das Gestirn erblickten, um so auffallender und bemerkenswerther musste dies ihnen erscheinen; wenn sie nun etwa im Mai an der Südspitze des Erdtheils entlang fuhren, um in der Nähe der heutigen Kapstadt zur ersten Saat und Ernte zu landen, so hatte die Sonne ihren nördlichsten Standpunkt für diese Gegenden beinahe erreicht. In der Annahme, dass die Phönizier um die Zeit, wo dies geschah, das Nadelkap umsegelten, finden wir aber auch den Schlüssel dafür, dass die ganze Erscheinung nicht als eine zweimalige erwähnt wird, obgleich sie sich doch an der Nordguineaküste den Schiffern zum zweiten Male gezeigt haben muss. Denn, wie oben erwähnt, werden sie an dieser zu einer Zeit entlang gefahren sein, als die Sonne in der Nähe des Wendekreises des Krebses senkrecht stand, und etwa um den nördlichen Sommeranfang Kap Palmas passirt haben. Hier erschien ihnen in dieser Jahreszeit das Gestirn mittags etwa 20° vom Zenith entfernt, was sie sicher nach den bei Bab-el-Mandeb gesammelten Erfahrungen mit dem grössten Staunen erfüllt haben würde, wenn sie nicht am Kap einen weit grösseren Zenithabstand kennen gelernt hätten. Nach dem, was sie dort erlebt hatten, imponirte ihnen der Stand der Sonne in Oberguinea jedenfalls nur noch wenig, und so werden sie den Priestern nach ihrer Rückkehr wohl von einer auffällig sich dem nördlichen Horizonte nähernden Stellung jenes Weltkörpers, schwerlich aber auch von derselben im zweiten Jahr mit weit geringerer Intensität auftretenden Erscheinung gesprochen haben. Daher berichtet Herodot einfach, sie hätten die Sonne im Norden gesehen, oder, wie er sich ausdrückt „zur Rechten gehabt“, macht aber durch diese kurze Notiz, wenn auch – wie gezeigt – ein absoluter Wahrheitsbeweis damit nicht erbracht wird, die Umsegelung jedenfalls ohne sein Wissen und vielleicht auch gegen seinen Willen in hohem Grade wahrscheinlich.

Geben wir nun einen Ueberblick über die Stellung der Sonne zu den Phöniziern an den verschiedenen Punkten ihrer Reise! Wenn sie etwa Ende November abfuhren und Mitte Februar den Aequator erreichten, hatten sie dieselbe natürlich während dieser ganzen Zeit mittags südlich gesehen. Bald nachdem sie die Linie gekreuzt hatten, passirten sie dann, so zu sagen, jenen Himmelskörper, welcher der Stellung der Tag- und Nachtgleiche entgegen eilte. Nun begann allmählich das Auffällige. Je weiter die Phönizier südwärts fuhren, und je mehr die Sonne zugleich sich ihrer Stellung zur Zeit des nördlichen Sommeranfangs näherte, desto intensiver mussten Erscheinungen eintreten, welche die Aufmerksamkeit der Schiffer in steigendem Masse in Anspruch nahmen. Am meisten wird dies selbstverständlich der Fall gewesen sein, als sie die Südspitze des Erdtheils erreicht hatten, während zugleich das Tagesgestirn über den Gegenden in der Nähe des nördlichen Wendekreises senkrecht stand. Zur Zeit der ersten langen Rast, die sie hielten, stieg dann die Mittagssonne von Tag zu Tag höher, und im Dezember sahen sie dieselbe bei ihrer Abfahrt in nördlicher Richtung mit geringer Abweichung vom Zenith vor sich; als sie aber im März in der Gegend der Nigermündung anlangten, stand sie ziemlich senkrecht über ihnen. Vom Kap bis hierher wird also nichts für Ophirschiffer Merkwürdiges sich ergeben haben. Auf der folgenden Strecke bis zum Kap Palmas erblickten sie dann die Sonne mittags wieder zur Rechten, doch der grösste Abstand vom Zenith betrug noch nicht 20°, und das war nach dem, was sie in Südafrika erlebt hatten, nicht der Rede werth. Je mehr sie aber, den letzten Theil ihrer Fahrt zurücklegend, sich den heimathlichen Breiten näherten, desto bekannter mussten ihnen die Vorgänge am Firmament erscheinen, und desto weniger auffallend war ihnen natürlich der Sonnenstand.

Schlussbetrachtung.