Die Umsegelung Afrikas durch phönizische Schiffer ums Jahr 600 v. Chr. Geb.

Part 12

Chapter 123,108 wordsPublic domain

Es wird nun unsere Aufgabe sein nachzuweisen, wie sich die Zeit genauer auf die einzelnen Abschnitte der Reise vertheilt. Ich weiss recht wohl, dass die bisherigen Rekonstruktionsversuche heftigen Angriffen von Seiten derer, welche die Wahrheit der ganzen Erzählung bezweifeln, ausgesetzt gewesen sind; sehr mit Unrecht. Auch dem meinen wird es, obgleich er in einigen wesentlichen Punkten von den früheren abweicht, schwerlich besser gehen. Das kann mich aber nicht abhalten, ihn anzustellen. Ob ein solcher Versuch das Richtige trifft, darüber kann man ja freilich verschiedener Meinung sein, im Prinzip muss er aber gebilligt werden, denn solche Rekonstruktionen tragen nicht nur wesentlich dazu bei, ein klares Bild der Reise in uns zu erzeugen, sondern verhelfen uns auch in Folge davon zu einem sichern Urtheile über die Möglichkeit, bezw. die Wahrscheinlichkeit der Umsegelung und damit über die Frage, ob der Bericht eines zuverlässigen Schriftstellers einem Phantasiegebilde gleich zu achten oder als Mittheilung über ein historisches Faktum zu begrüssen sei. Was nun zunächst das gesammte Zeitmass von zwei bis drei Jahren anbetrifft, so musste dies unserm Gewährsmanne Herodot schon deswegen völlig ausreichend erscheinen, weil er sich Afrika nicht mal bis zum Aequator reichend dachte; dass es aber auch zur Umsegelung des Erdtheils in seiner wirklichen Gestalt genügte, glauben wir beweisen zu können. Mannerts und anderer Ansicht[360], dass die Zeit zu kurz sei, wird nach allem, was früher über die Schnelligkeit der Schiffe des Alterthums gesagt ist, keinen Anspruch auf Berücksichtigung mehr erheben dürfen, und eben so wenig kann die oben erwähnte, oft zitirte Fahrt, die Skylax von Karyanda auf Befehl des Darius Hystaspes von Kaspatyros, dem heutigen Kabul[361] aus, nach der Stelle unternahm, von wo Necho die Phönizier ausgeschickt hatte – also doch wohl nach dem nördlichen Theile des rothen Meeres –, und die trotz der verhältnissmässigen Kürze des Weges 30 Monate dauerte, gegen die Wahrheit der phönizischen Umsegelung als Beweis herangezogen werden, da es ganz ungewiss ist, ob jener Seeheld Phönizier als Matrosen hatte. Es ist leicht möglich, dass – ganz abgesehen von anderen früher erörterten Gründen für diese Langsamkeit – seine Mannschaft aus Persern bestand, die der Seefahrt unkundig waren. Eben so wenig sind Schlussfolgerungen aus den Fahrten nach Ophir gestattet, denn diese waren ausgesprochene Handelsreisen, auf denen selbstverständlich die Händler oft anhielten, um zu kaufen oder zu verkaufen[362], während unsere Umsegelung nicht selbst eine Handelsexpedition war – sonst wäre die Zeit ja freilich zu kurz bemessen –, sondern nur die Gelegenheit, Verbindungen merkantilen Charakters anzuknüpfen, auskundschaften sollte. Bei der Vertheilung der Zeit auf die einzelnen Jahre wird es nun nöthig sein, die Länge der Küstenlinie zu berechnen. Es genügt natürlich für unsern Fall, diese ganz allgemein anzugeben, da wir nicht wissen können, ob jede kleine Biegung wirklich ausgefahren ist; vermuthlich hat man dies nicht gethan. Ich rechne daher rund bis zum Kap 10000, von dort bis nach Marokko abermals 10000 und weiter bis zur Nilmündung 5000, also im Ganzen 25000 km. Als Rastpunkte liegen auf dieser Strecke fest das westliche Kapland und Marokko. Man könnte nun vielleicht hoffen, die Länge der einzelnen Tagfahrten sei durch einen Vergleich mit dem Periplus des Hanno zu bestimmen, aber bei der Unklarheit, in welcher wir uns hinsichtlich der in diesem Berichte erwähnten Lokalitäten befinden, erweist sich die Unmöglichkeit, einigermassen Sicheres aus ihm herauszulesen, nur gar zu bald. Versuche dieser Art, wie sie von Seiten Rennells und anderer gemacht worden sind, führen zu nichts. Ausserdem dürfen etwaige Resultate doch nur unter einem gewissen Vorbehalte zum Vergleiche mit unserm Fall herangezogen werden, da die Flotte des Hanno, welche zum Zwecke der Kolonisation mit 30000 Männern und Weibern an Bord von 60 Schiffen ausgeschickt war, erheblich schwerfälliger gewesen sein wird als die phönizische Expedition, für welche Agilität erste Bedingung war, da ihr Gelingen bei eventuellen Fährlichkeiten auf der weiten Fahrt leicht von möglichster Schnelligkeit der Bewegung abhängen konnte. Pentekontoren freilich hat Hanno so gut verwendet, wie es wahrscheinlich unsere Phönizier thaten[363]. Hinsichtlich der Vertheilung der Fahrzeit auf die einzelnen Tage sind wir also auf ziemlich willkürliche Kombinationen angewiesen. Sehen wir zunächst, wie Rennell sich mit der Frage abfindet! Er schätzt den Küstenumfang auf 3360 deutsche Meilen = 25200 km[364] und berechnet als kleinstes Mass für die Tagfahrt 6 d. M. = 45 km; so würde eine Zeit von 560 wirklichen Reisetagen nöthig gewesen sein, das sind 18⅔ Monate. Dann nimmt er 12 Monate für Saat und Ernte, für Erholung, Ausbesserung der Schiffe usw. an und erhält somit für die ganze Fahrt 2 Jahre 6⅔ Monate. „Doch“ – sagt Rennell – „wollen wir diese bestimmten ökonomischen Angaben nicht so zuversichtlich angenommen wissen“. Will man überhaupt solche Berechnungen, die ja einer sichern Grundlage entbehren, gelten lassen, so wird sich gegen die vorstehende nicht allzu viel einwenden lassen. Diejenige, welche ich mir aufgestellt habe, weicht daher von der Rennell’schen nur in wenigen Punkten ab. Wenn die Phönizier von Kosseir Ende November abfuhren und Ende Mai am Kap landeten, hatten sie 10000 km in etwa 180 Tagen gesegelt, das macht auf den Tag ca. 55 km. Sie stachen dann vom Kap ungefähr Anfang Dezember des zweiten Jahres wieder in See, landeten in Marokko wegen ungünstiger Strömungen und Winde aber erst gegen das Ende des folgenden November; auf dieser Tour legten sie also eine Strecke von 10000 km in 12 Monaten, rund 360 Tagen, zurück, das würde für den Tag etwa 28 km ergeben. Nach meiner Berechnung hat die ganze Reise also etwas länger gedauert als Rennell annimmt, nämlich 8 Monate Fahrt + 6 Monate Aufenthalt + 12 Monate Fahrt + 6 Monate Aufenthalt = 32 Monate, und dann noch so viel, wie sie brauchten, um von Marokko nach Hause zu gelangen. Hierzu genügte jedenfalls sehr wenig Zeit, da sie von den Säulen an sich in völlig bekanntem Fahrwasser bewegten. Die drei Jahre werden also auch bei dieser Eintheilung nicht überschritten. Das im Verhältniss zu der oben besprochenen Leistungsfähigkeit der Schiffe des Alterthums ausserordentlich langsame Segeln während des grössten Theiles der Strecke erklärt sich leicht aus dem Kurs in völlig unbekannten Gegenden, in denen die grösste Vorsicht geboten war. Auch müssen wir annehmen, dass nachts wohl selten gefahren wurde und die Nähe der Küste zum öfteren Rasten verlocken mochte. Häufiges Landen war ja, abgesehen von der Befriedigung mancher Bedürfnisse, schon durch den nächsten Zweck der Expedition geboten. Ein kurzer Ueberblick über die Zeitvertheilung auf der ganzen Fahrt würde demnach etwa Folgendes ergeben. Wenn sie mit dem Schluss der Schifffahrt auf dem Mittelmeer sich zu der Reise nach dem Süden zu rüsten anfingen, können sie sicher etwa Ende November mit ihren Vorbereitungen fertig gewesen sein. Nun rechnet Herodot 40 Tage auf die Fahrt von der Nordspitze des rothen Meeres bis Bab-el-Mandeb, und er konnte in Aegypten, wo man in Folge der Fahrten nach Punt über die Erstreckung dieses Busens jedenfalls gut unterrichtet war, wohl Gelegenheit gehabt haben, sich genügend zu informiren. Da die Phönizier aber nicht aus dem äussersten Norden abfuhren, rechnen wir nicht ganz 40 Tage bis Bab-el-Mandeb[365] und von da gegen den Wind halb so viel bis Guardafui, das sie also etwa Mitte Januar werden umsegelt haben. Ende Mai landeten sie dann in der Nähe der Kapstadt, von wo sie Anfang Dezember des zweiten Jahres wieder abfuhren, um, nordwärts haltend, Ende März in den Busen von Biafra zu gelangen und von hier, gegen Wind und Strömung ringend, Ende Juni Kap Palmas zu passiren, worauf sie im Kampfe mit dem schwächer werdenden Strom Ende September am Wendekreise und im Laufe des November im heutigen Marokko angekommen sein werden. Im Juni des dritten Jahres setzten sie dann die Reise fort, segelten durch die Säulen des Herakles und gelangten, bei völlig bekanntem Fahrwasser ihr Tempo beschleunigend, jedenfalls in kürzester Zeit nach Hause.

Länge des Aufenthalts an den Rastorten.

Die Wegstrecken, welche laut vorstehender Eintheilung auf die einzelnen Segeltage gerechnet sind, werden keinenfalls zu lang erscheinen, eher könnte dem Verfasser der Vorwurf gemacht werden, bei dem Aufenthalt auf den beiden Stationen hinsichtlich der Zeit zu freigebig gewesen zu sein, und da möchte ich wenigstens den Einwurf Vincents[366] zurückweisen, die Phönizier hätten während der Rastzeit mehr Getreide verzehrt, als bei der Ernte gewonnen. Sobald wir annehmen, dass sie beim Eintreffen auf ihrer ersten Station ausser dem, was sie während des Aufenthalts daselbst zum Leben brauchten, eine genügende Menge Saatkorn hatten, um reichlich, d. h. so viel zu säen, dass sie mit der gewonnenen Frucht bis zur nächstjährigen Ernte auskamen und doch noch Korn für die zweite Saat übrig behielten, wird dies Bedenken hinfällig. Dass sie aber so wohl versehen waren, dürfte kaum einem Zweifel unterliegen. Die Phönizier werden selbst bei ihrer verkehrten Ansicht über die Süderstreckung Afrikas schwerlich angenommen haben, binnen Jahresfrist wieder daheim zu sein, und eben so wenig konnten sie, da ihnen die zu befahrenden Küsten gänzlich unbekannt waren, bei ihrer Abreise mit Sicherheit darauf rechnen, unterwegs Gelegenheit zur Saat und Ernte zu finden. Jedenfalls werden sie sich also einen grossen Vorrath Korn mitgenommen haben, und es kann kein Bedenken erregen, die nothwendige reichliche Verproviantirung als einen der Gründe dafür anzusehen, dass mehrere Schiffe ausgerüstet wurden, in denen, da sie Waren zum Tausch oder Handel schwerlich enthielten, für reichliche Versorgung mit Getreide genügender Raum blieb. Kamen sie nun während des Mai im Kaplande an, so hatten sie von ihren Vorräthen erst sechs Monate gelebt und gewiss noch so reichlich Korn, dass sie ein grösseres Areal bestellen und doch noch bis zur Ernte von dem Rest des Mitgebrachten leben konnten. Was sie aber von der umfangreichen Fläche einheimsten, wird mit etwaigen Ueberbleibseln des alten Getreides nicht nur für die marokkanische Saat, sondern auch zum Lebensunterhalt bis zur dortigen Ernte gereicht haben. Konnten sie am Atlas nicht mehr so ausgiebig säen – denn sie waren ja zwischen der ersten und zweiten Rast ein volles Jahr (Dezember bis November) unterwegs und mussten noch für 6 Monate Korn zum Unterhalte zurückbehalten (Dezember bis Mai) –, so schadete das nichts, da sie an der kleineren hier gewonnenen Ernte doch gewiss bis zur Rückkehr in die Heimath genug hatten.

Der Einwurf Vincents dürfte damit als erledigt betrachtet werden, aber auch abgesehen von ihm könnte man an der Länge des Aufenthaltes Anstoss nehmen, da die Alten Weizen kannten, den δίμηνος und τρίμηνος, der schon zwei oder drei Monate nach der Saat in jenen wärmeren Gegenden reif wurde, ja sogar eine auf Euboea heimische Abart, welche nur 40 Tage dazu brauchte. Lassen wir nun dahin gestellt, ob die Phönizier zufällig eine von diesen Sorten mit sich führten, ob sie Sommer- (ἠρινός) oder Winterweizen (χαιμερινός)[367], ob sie sechszeilige Gerste – wahrscheinlich die einzige, die man in Altägypten kannte[368] – oder endlich irgend eine andere Weizen- oder Gerstenart gebaut haben, immerhin können wir auf einen jedesmaligen halbjährigen Aufenthalt rechnen, denn ausser dem Säen und Ernten des Getreides, dessen Vegetationsperiode in Südafrika, wie oben gezeigt, im allgemeinen 5-6 Monate beträgt[369], blieb ihnen noch genug andere landwirthschaftliche Arbeit, wie Dreschen und Ausworfeln; sodann werden aber auch vor allem die Schiffe einer gründlichen Reparatur bedürftig gewesen sein. Sie hatten wohl zu viel Tiefgang, als dass sie an jeder beliebigen Stelle ohne grosse Mühe aufs Land gezogen werden konnten; um so nöthiger wird dies nach monatelanger Fahrt an den beiden Hauptruhestätten gewesen sein.

Sind Störungen seitens der Eingeborenen bei Saat und Ernte anzunehmen?

Aber nicht nur die Frage nach der Länge des Aufenthaltes hat Veranlassung zu Erörterungen gegeben; es finden sich auch in einigen Beurtheilungen dieser Expedition Zweifel darüber ausgesprochen, ob das Säen und Ernten seitens einer verhältnissmässig kleinen Schar von Männern in fremdem Lande inmitten barbarischer Völkerschaften ungestört habe von statten gehen können[370]. Diese Bedenken sind um so unbegreiflicher, als bekannt ist, mit welch’ ehrfurchtsvoller Scheu gerade einfache Naturvölker zivilisirteren Fremdlingen entgegenzutreten pflegen, falls sie von ihnen nicht gerade gereizt werden. Der Respekt, den die eingeborenen Küstenbewohner vor Männern gehabt haben werden, die mit gewaltigen Schiffen über das weite Meer gewissermassen aus einer andern vollkommneren Welt zu ihnen kamen, mochte, auch wenn jene in geringer Anzahl erschienen, doch wohl die paar Monate vorhalten, welche die Phönizier sich an ihren Ruheplätzen aufhielten. Man denke nur an den Eindruck, den Cortez’ Spanier auf die Bewohner des Plateaus von Anahuac machten. Und ohne Zweifel werden die Phönizier sich nicht nur aufs äusserste gehütet haben, mit den Eingeborenen in Konflikt zu gerathen, während ihr Korn auf dem Halme stand, sondern sie werden sogar, wenn sie Gelegenheit fanden, sicher bemüht gewesen sein, durch kleine Aufmerksamkeiten – und wie leicht ist das kindliche Gemüth solcher Wilden zufriedengestellt! – ein gutes Einvernehmen zu erkaufen, was freilich nicht gehindert haben mag, dass sie beim Absegeln, getreu ihrer alten Piratenart, die erwiesene Gastfreundschaft lohnten, indem sie mitnahmen, was nicht niet- und nagelfest war. Nach dem, was wir über Sataspes’ Fahrt wissen, ist übrigens kaum anzunehmen, sie seien mit den Eingeborenen persönlich in Berührung gekommen. Herodot erzählt[371], dass dieselben beim Nahen jener Expedition, ihre Städte preisgebend, auf die Berge flohen, so dass die Matrosen ihnen ihr Vieh ungehindert nehmen konnten. Und solche Leute sollten die Phönizier bei Saat und Ernte gestört haben? Schwerlich. Es kann nach diesen Auseinandersetzungen wohl nicht mehr zweifelhaft erscheinen, dass die Versorgung der Expedition mit Getreide in der von Herodot angedeuteten Weise vor sich gegangen ist und Wheeler irrt, wenn er meint[372], König Necho habe den Phöniziern zunächst am Gestade des rothen Meeres Stationen zur Verproviantirung errichtet, später aber hätten sie auf ihrer Fahrt an der Ostküste Afrikas entlang durch irgend welche Beziehungen zu den südlicher wohnenden Völkern Nahrungsmittel erhalten. Sie bedurften sicherlich keiner Zufuhr, bis sie das Kap, und später, bis sie das Atlasgebiet erreicht hatten.

Der Stand der Sonne.

Ich komme jetzt zu demjenigen Punkte des herodoteischen Berichtes, der seit alten Zeiten mehr als alles andere von sich hat reden machen, zu dem unsern Reisenden so auffälligen Stande der Sonne. Die Phönizier erzählten bekanntlich, sie hätten, als sie Libyen umsegelten, diese zur Rechten gehabt. Fragen wir zunächst, wie das zu verstehen ist. Einige Forscher glauben, es sei die _Morgen_sonne gemeint[373], ohne jedoch Gründe für ihre Ansicht anzugeben. Mir scheint es, da die Worte τὸν ἥλιον ohne irgend einen diese Anschauung rechtfertigenden Zusatz stehen, näher zu liegen, an den gesammten täglichen Lauf, speziell an den Höhepunkt desselben, die Stellung zur Mittagszeit, zu denken, und ebenso wird augenscheinlich die Sache von der Mehrzahl der kompetenten Beurtheiler aufgefasst. Demnach würden die Phönizier, als sie um die Südspitze Afrikas fuhren, die Sonne um Mittag im Norden gesehen haben. Welche Beweiskraft nun diese Mittheilung für die Wahrheit der ganzen Erzählung habe, darüber ist heiss gestritten worden. Die einen behaupten, es sei hierdurch unumstösslich dargethan, dass die Reise ums Kap wirklich gemacht sei, die andern wollen darin nicht die Spur eines Beweises erblicken. Meiner Ansicht nach haben beide Parteien unrecht.

Ich muss darauf verzichten, wenn ich dem Vorwurfe zu grosser Weitschweifigkeit entgehen will, einen Ueberblick über alles zu geben, was geschrieben ist, um der einen oder der andern Behauptung grösseren Nachdruck zu verleihen, aber dieser Verzicht wird mir nicht allzu schwer. Neben wenigen guten Körnern findet sich unendlich viel Spreu, und man erinnert sich bei manchem der vielen Versuche, auf Grund der erwähnten Ueberlieferung einerseits die Wahrscheinlichkeit, andrerseits das Fabelhafte der Umsegelung nachzuweisen, der Worte Bredows: „Quo maior ars, eo minor fides“.

Erwägen wir zunächst den Werth des Zweifels, den Herodot dieser Sache gegenüber äussert! Er war in allen Fragen, welche die mathematisch-astronomische Geographie betreffen, ein reines Kind. Erst zu seiner Zeit fing ja das Dunkel, welche diese Geheimnisse der Natur bedeckte, allmählich an, sich zu lichten. Parmenides von Elea nahm zuerst aus bessern Gründen die Kugelgestalt der Erde an und unterschied die Zonen[374], aber dessen unteritalische Heimath lag für die damaligen Verkehrsverhältnisse und bei der Langsamkeit, mit der sich in alter Zeit geistige Errungenschaften verbreiteten, zu weit ab von der Reiseroute Herodots, als dass man annehmen könnte, diese Wahrheiten, die ca. 460 ausgesprochen wurden, seien bald zu seinen Ohren gedrungen. Als er aber später sein Heim nach Thurii verlegte, wo er leicht Gelegenheit haben konnte, die neue Anschauung kennen zu lernen, brachte er wahrscheinlich mancherlei Ausarbeitungen über seine Reisen schon fertig mit und mochte der frisch auftauchenden Theorie nicht genug Vertrauen entgegenbringen, um danach seine früheren Aussprüche zu modifiziren. Jedenfalls erkannte er die Lehre von der Kugelgestalt der Erde nicht an, und dass ihm auch die Gesetze, nach denen sich die wichtigsten Himmelskörper bewegen, nicht klar waren, geht aus mehreren Stellen seines Werkes deutlich hervor[375]. Demnach hatte er auch keine Ahnung von der Schiefe der Ekliptik und ihren Ursachen und Folgen[376]; die Worte Her. II, 19: τροπέων τῶν θερινέων verbürgen, wie längst nachgewiesen ist, nicht etwaige Kenntniss jener Verhältnisse[377]. Es kann auffallend erscheinen, wenn Herodot, der weit gereiste und wissensdurstige, in dieser Beziehung so ganz im Dunkeln tappte, aber dass er es that, steht fest, und vielleicht war es gut so, er hätte sonst wohl das wichtige Faktum des nördlichen Sonnenstandes als etwas Alltägliches und Bekanntes garnicht registrirt und dadurch eine für die Wahrscheinlichkeit der Umsegelung in hohem Grade überzeugende Thatsache unserer Kenntniss vorenthalten. Wie Herodot aber nicht im Stande war, aus wissenschaftlichen Gründen einen nördlichen Sonnenstand zu erklären, so hat er auch keinenfalls Gelegenheit gehabt, sich auf andere Weise von der Möglichkeit eines solchen zu überzeugen; denn er ist weder selbst jemals über den Wendekreis des Krebses hinausgekommen, noch wird er glaubwürdige Leute gesprochen haben, welche aus eigener Anschauung ihm versichern konnten, dass eine derartige Stellung in der That möglich sei. Selbst in Elephantine, das nicht mal 60 km vom Wendekreis des Krebses entfernt lag, und wo doch sicher Menschen lebten, die einmal innerhalb der Tropen gewesen waren, hat er augenscheinlich dazu keine Gelegenheit gefunden. Er dachte sich die Erde als eine Art Scheibe, über welcher das Firmament als eine hohle Halbkugel ruhe, eine Anschauung, die nicht wunderbar, im Gegentheil vielen Naturvölkern, welche die Himmelserscheinungen nur nach der sinnlichen Wahrnehmung beurtheilen, geläufig ist. Dass das scheinbare Himmelsgewölbe eine Hohlkugel sei und sie von ihm nur die eine Hälfte kennen, ahnen diese so wenig, wie etwa die Menschheit vor Magelhans berühmter Reise wusste, dass ihr erst die halbe Oberfläche der Erde bekannt war. An diesem Gewölbe geht die Sonne dem Herodot von Osten nach Westen[378], aber nicht in der Mitte, sondern mehr südlich. Da er sie mittags stets im Süden sah, stand sie seiner Ansicht nach zu dieser Tageszeit über den dort liegenden Erdräumen senkrecht[379]. Dass es jenseits jener Gebiete Länder oder Meere gäbe, wo man sie nördlich sähe, konnte er nicht annehmen, am allerwenigsten aber, dass dies der Fall sei in den Gegenden, wo er die Südküste Afrikas vermuthete, d. h. weit nördlicher, als sie wirklich liegt. So kommt es denn, dass Herodot über die ganze phönizische Expedition im Tone des Gläubigen berichtet und ihm nur dies eine, der nördliche Standpunkt der Sonne, Bedenken erregt[380]. Dieser Zweifel wird bei seinen mangelhaften Kenntnissen berechtigt erscheinen; uns, die wir mit fortgeschrittenerem Wissen ausgestattet sind, braucht er an der Wahrheitsliebe der Phönizier nicht irre zu machen.