Die Uhren: Ein Abriß der Geschichte der Zeitmessung

Part 11

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Noch augenfälliger wird diese Tatsache, wenn man sich die schwingende Unruhe als ein beständig in derselben Richtung fortrollendes Rad denkt und den Weg berechnet, welchen dasselbe in dem Zeitraum eines Jahres zurücklegt. Der äußere Durchmesser der Unruhe in einer Herren-Ankeruhr gewöhnlicher Größe ist ungefähr 18 ~mm~, der Umfang derselben somit 56,5 ~mm~. Bei jeder Schwingung macht die Unruhe einer solchen Uhr ca. 1½ Umgänge, was einem Weg von 84,75 ~mm~ an ihrem Umfang entspricht. Da die Uhr nun in jeder Sekunde fünf Schwingungen macht, so beträgt der vom Umfang der Unruhe in dieser kurzen Zeit zurückgelegte Weg schon 423,75 ~mm~, also nahezu ½ ~m~. In der Stunde erhöht sich dieser Betrag auf 1520,5 ~m~ oder rund 1½ ~km~. In einem Tag legt die Unruhe also einen Weg von etwa 36,5 ~km~ Luftlinie zurück. Wenn die Uhr 365 Tage lang ununterbrochen fortgegangen ist, so hat ihre Unruhe einen Luftweg von 13320 ~km~ oder 1795 geographischen Meilen zurückgelegt, das ist reichlich ⅓ des Erdumfanges.

Wenn diese Tatsachen im großen Publikum mehr bekannt wären, als es leider der Fall ist und entsprechend gewürdigt würden, so würde wohl ein größerer Teil desselben Verständnis dafür besitzen, daß ein so kleiner und dabei so viel leistender Mechanismus mindestens alle zwei Jahre der gründlichen Reinigung und mitunter auch eines Ersatzes abgenützter Teile bedarf. Während jedermann es ganz begreiflich findet, daß eine viele Zentner schwere Lokomotive z. B., die nur mit entsprechenden Pausen in Dienst gestellt ist, alle drei Monate gründlich revidiert und nötigenfalls ausgebessert wird, sind sehr viele Leute darüber erstaunt, wenn ein winziges Maschinchen im Gewichte von 50 bis 60 Gramm, wie es die Taschenuhr ist, die zudem Tag und Nacht in ununterbrochenem Betriebe steht, alle 12-14 Monate dasselbe nötig hat. -- Daraus ersieht man, was eine Uhr eigentlich in der angegebenen Zeit geleistet hat, ohne -- um beim Vergleich der Lokomotive zu bleiben -- in dieser ganzen Zeit auch nur für einen einzigen Pfennig Heiz- oder Schmiermaterial beansprucht zu haben. So weit unser Gewährsmann.

Wenn wir noch nach dem Nutzen der Uhren fragen, so wird es vielleicht manchem scheinen, das sei überflüssig, der Zweck sei doch ganz einfach Angabe der Zeit! Gewiß, aber damit ist die Frage lange nicht erledigt. Sie leistet und nützt weit mehr!

Welche Bedeutung der Uhr zukommt im modernen Verkehrswesen braucht hier nicht erst dargelegt zu werden, wir alle erfahren das täglich; wer glaubt, das habe nicht viel auf sich, lasse z. B. einmal seine Uhr stehen, wenn er den Fahrtenplan studiert! Den Nutzen, welchen die Schifffahrt aus dem Chronometer zieht, lernten wir oben kennen; auch die Kriegsführung könnte heute wohl kaum mehr auf genaue Uhren verzichten, man denke an die Granaten, Shrapnells und Torpedos, die zu einem gegebenen Momente ihre verderbliche Wirkung äußern müssen. Durch Beobachtungen an genauen Uhren messen wir die Höhe eines Tones, bestimmen wir den freien Fall der Körper, die Schallgeschwindigkeit u. s. w. Auch dem kranken Menschen nützt die Uhr in der Hand des beobachtenden Arztes. Und in welchem Zustande befände sich wohl noch heute die Königin der Wissenschaften, die Astronomie, ohne genaueste Zeitmesser? Wie wir früher sahen, bemühten sich Tycho Brahe und andere vergeblich, genaue Zeitbestimmungen zu machen, unter Aufwand des größten Scharfsinnes; kämen sie heute wieder, es würde ihnen sicherlich eine Lust sein, „zu leben,” d. h. mit unsern vervollkommneten Mitteln zu beobachten. Ohne in weitern Einzelheiten einzugehen, möchten wir nur noch dem Leser raten, sich einmal vorzustellen, was geschehen würde, wie unser modernes Leben sich gestalten müßte, beim plötzlichen Verschwinden aller Uhren! Eine Revolution ohne gleichen auf fast allen Gebieten menschlicher Tätigkeit wäre die unausbleibliche Folge. So sehr stehen wir im Banne der Uhr!

Nun noch ein Wort über die Auswahl und Behandlung unserer Zeitmesser. -- Für den gewöhnlichen Laien ist die Wahl, bezw. der Ankauf einer Uhr in besonderem Maße Vertrauenssache. Daraus ergibt sich als erste Regel: Kaufe nur in einem soliden Geschäfte, bei einem Uhrmacher, dessen Solidität wirklich Gewähr leistet für etwas dem Preise Entsprechendes. Heute, in der Zeit schwindelhaftester Reklame gilt das ganz besonders. Der Verfasser erinnert sich hier eines Vorfalles, welcher manchem zur Lehre dienen könnte: irgendwo schrieb eine Firma zweifelhafter Güte viele nützliche und schöne Dinge aus zu einem erstaunlich billigen Preis; als Lockspeise diente „eine genau gehende Uhr mit Kette,” die sozusagen darein gegeben wurde. Ein Käufer, der richtig hereinfiel, zeigte mir die Uhr, es war eine „gehende” winzige Uhr, in Schwarzwälderstil, mit drei Rädern und -- Kette -- für das Gewicht! Aehnliche Beispiele gibt es in Menge. Hier gilt gewiß der Grundsatz: das Teuerste ist das billigste! Sehr flache kleine Uhren haben auch selten einen guten Gang. Wer sich eine wöchentliche Differenz von einigen Minuten gefallen lassen will, mag mit einer soliden Zylinderuhr auskommen, besonders wenn sein Beruf ihm zu viel Bewegung verpflichtet. Eine feine, aber entsprechend teure Ankeruhr, die gut abgezogen und reguliert ist, bietet die gleiche Differenz erst in einem Monat. Ein „Chronometer” im richtigen Sinne, welcher die Zeit bis auf Zehntel Sekunden genau zeigt, ist wohl nur für wenige Börsen erschwinglich, die übrigen unter diesem Namen angebotenen Uhren sind meist Dutzendware. Erfahrene Uhrmacher behaupten auch, daß Taschenuhren, die über 40 Stunden gehen, selten genau zeigen.

Wer aber eine wirklich gut gehende Uhr hat und sie schätzt als solche, wird sie auch richtig behandeln. Wir sahen soeben, daß alle zwei, höchstens drei Jahre, gründliche Reinigung not tut; auch sonst will eine Uhr sorgfältig behandelt sein. Viele behaupten, es sei am besten, sie abends vor Schlafengehen aufzuziehen, andere, und dies mit mehr Recht, wie uns scheinen will, morgens. Denn während der Nacht leidet die Uhr viel weniger durch Erschütterungen, Stöße etc., sie wird also auch bei wenig gespannter Feder doch richtig gehen. Am Morgen jedoch beginnen diese Störungen wieder, welche von der frisch gespannten Feder aber leichter überwunden werden. Die Gefahr des Ueberziehens ist wohl morgens auch geringer, da wir dann ruhiger sind als nach der Arbeit des Tages. Ein Springen der Feder tritt auch weniger ein, wenn die Uhr unaufgezogen auf den kalten Tisch gelegt wird am Abend, was übrigens ein Fehler ist; sie geht am besten in der Lage, in welcher sie unter Tags getragen wird, also nachts hängend, auf einer Unterlage von Tuch etc. Die gewöhnlichen Uhren gehen etwa 30 Stunden; wird eine solche nun morgens aufgezogen, so läuft sie bis zum andern Mittag; sie bleibt also stehen zu einer Zeit, wo man sie leicht wieder richten kann. Wurde sie aber gegen Abend aufgezogen, so kann es sich leicht treffen, daß der Ablauf der Feder in eine Nachtstunde fällt. Eine allzuschwere Kette beeinträchtigt den Gang der Uhr durch die fortwährenden, wenn auch kleinen Erschütterungen, die sich von ihr auch auf das Werk übertragen. Das Gleiche gilt vom Tragen der Uhr in der Tasche des Beinkleides. -- Eigene Beobachtung wird hier am besten das richtige finden lassen, so daß eine gute Uhr auch wirklich gut bleibt, ein Gegenstand der Freude für den Besitzer, nicht eine Quelle beständigen Aergers.

~VI.~

Die fabrikmäßige Herstellung der Uhren.

Als Abschluß der vorliegenden Ausführungen über die Geschichte der Uhren im allgemeinen möge ein kurzer Ueberblick über deren Massenherstellung dienen. Es ist leicht einzusehen, daß bei einem Gegenstande wie die Uhr, welche so rasch sich überall Eingang verschaffte und bald jedem unentbehrlich wurde, schon frühe das Bedürfnis nach billiger Erstellung sich geltend machte. So wäre ein wenn auch nur gedrängter Ueberblick über die Geschichte der Zeitmesser notwendig unvollständig, wenn dieser Punkt übergangen würde, ganz abgesehen von der nationalökonomischen Bedeutung, welche der Uhrmacherkunst in vielen Ländern zukommt.

Im folgenden wird von den Zünften abgesehen, denn hier kann von einer fabrikmäßigen Ausübung des Uhrmacherhandwerkes nicht die Rede sein, es beruhte vielmehr die ganze Produktion auf Handarbeit. Wir bemerken nur noch, daß unter den ersten Städten, in welchen die Uhrmacherei in größerem Maßstabe ausgeübt wurde, Genf und Nürnberg zu nennen sind. Wie wir schon gesehen, waren anfangs des 16. Jahrhunderts die Uhrmacher noch Mitglieder der Schlosserzunft, von der sie erst später sich abtrennten; in Genf 1589, in Nürnberg dagegen schon im Jahre 1565. Der Nürnberger weltbekannte Kunstfleiß hatte sich schon frühe auch dieses Zweiges bemächtigt, wie die lange Liste von Uhrmachern, welche Speckhart aus alten Urkunden veröffentlichte, zeigt. Sie werden dort als „Orelmacher, Orlemacher, Ormacher, Hormacher” etc. aufgeführt. Aehnlich war auch in Frankreich unter Franz dem Ersten (1515-1547) die Uhrmacherei schon in Blüte, und gegen Ende des 18. Jahrhunderts schätzte Pierre le Roy die Zahl der Meister in der Pariser Uhrmachergilde auf 400.

Eigentliche fabrikmäßige Herstellung von Uhren dagegen treffen wir zuerst in der Schweiz und auf dem Schwarzwald; bald folgten auch andere Länder; heute ist die Uhr fast ganz ein Erzeugnis der Maschine geworden.

1. Die Uhrenindustrie in der Schweiz.

Eine der bekanntesten Oertlichkeiten in der ganzen Welt ist das durch seine Uhrenfabrikation berühmte La Chaux-de-Fonds. Gegenwärtig über 25000 Einwohner zählend, die sich meist mit Uhrmacherei beschäftigen, war dieser Ort im 15. Jahrhundert ein einsamer Weiler mit nur 5 Familien. Bis gegen Ende des 17. Jahrhunderts blieben die Uhren daselbst unbekannte Dinge; erst 1679 brachte ein Pferdehändler in das benachbarte La Sagnethal eine Taschenuhr mit, die als Wunderwerk angestaunt wurde. Da die Uhr reparaturbedürftig war, zeigte der Besitzer sie einem geschickten Schmied des Dorfes, bei welcher Gelegenheit er mehrere Arbeiten des erst 15jährigen Daniel Jean Richard, eines Sohnes des Meisters, sah. Gefragt, ob er sich wohl getraute, das Werk wieder herzustellen, bejahte er dieses und wirklich gelang das Wagnis. Der Schmiedelehrling wurde auf diese Weise mit dem Mechanismus einer Taschenuhr vertraut, und faßte den Plan, ebenfalls eine solche zu konstruieren. Mit den Werkzeugen seines Vaters ging die Sache natürlich nicht, es mußten also zuerst neue hergestellt, d. h. ersonnen werden. Darüber verstrich ein Jahr; sechs Monate später war die erste Taschenuhr im Neuenburger Jura fertig, 1681. Die Sache erregte gewaltiges Aufsehen und Aufträge liefen zahlreich ein, welche gewissenhaft erledigt wurden. Große Schwierigkeiten bereitete dem angehenden Künstler, der sich in den Mußestunden auch mit Gravieren beschäftigte, die Einteilung und das Schneiden der Zähne. Er erfuhr, daß man in Genf sich zu diesem Zwecke einer Maschine bediene; sofort reiste er dorthin, um sie zu sehen, was jedoch nicht gelang, weil der Bau derselben geheim gehalten wurde. Nur einige Räder wurden ihm gegeben. An ihnen studierte er die Konstruktion der Maschine und erfand sie so selbständig wieder und noch besser. Nun war der Grund gelegt. Richard machte sich bald auch an die Herstellung von Standuhren, die er mit Repetierwerk versah. Es strömten Scharen junger Leute herbei, um sich unterrichten zu lassen und dann selbst Werkstätten zu gründen. Der erste von ihm ausgebildete Schüler war Jakob Brandt von La Chaux-de-Fonds, welcher später als Mitbegründer der Uhrenindustrie segensreich wirkte.

Um 1705 siedelte Richard mit seinen 5 Söhnen, sämtlich Uhrmacher, nach Le Locle über. Er starb 1741 im Alter von 75 Jahren. Wie rasch der neue Erwerbszweig sich ausbreitete, ersieht man daraus, daß 1752 in den Neuenburger Bergen schon 466 Uhrmacher beschäftigt waren.[88] 1781 waren es bereits über 2000; 1802 fast 4000. Im Jahre 1868 wurden laut einer Berechnung allein im Kanton Neuenburg 800000 verschiedene Uhrteile im Werte von 35 Millionen Franken geliefert; 13000 Arbeiter fanden dabei Beschäftigung. Es war also nicht mehr als billig, daß Le Locle seinem Mitbürger Richard ein Denkmal errichtete, welches ihn als 15jährigen Knaben darstellt, wie er die erste Taschenuhr voll Eifer ansieht (1888).

Berühmte Uhren gingen auch aus der Werkstätte des Jean Jacques Richard in der Montagne hervor; seine Uhren trugen Schalen aus Kristall, das Werk ist also sichtbar. Die Familie Benoit in Les Ponts verlegte sich besonders auf die Fabrikation von Zifferblättern, sowie auf Emailmalerei (Louis Benoit starb 93 Jahre alt im Jahre 1825). Früher bezog man emaillierte Zifferblätter vorzugsweise aus England und Frankreich, sie waren jedoch sehr teuer. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts führten Othenin-Girard und L. Nicolet in den Neuenburger Bergen die Guillochiermaschine ein zur Herstellung verzierter Uhrgehäuse.

Neuenburg zählt noch viele berühmte Uhrmacher unter seinen Söhnen. Wir nennen Daniel Vaucher, ein Schüler Richards, der in Val de Travers 1730 die Uhrmacherei einführte; Abraham Robert und Daniel Perrelet, Erfinder mehrerer nützlicher Uhrmacherwerkzeuge; Houriet, ein sehr geschickter und berühmter Graveur; Jakob Droz (1721-1788); der besonders berühmt war durch seine kunstreichen Automaten.

Aus dem Kanton Neuenburg stammte auch _Abraham Louis Breguet_ (Fig. 64), geboren zu Neuenburg im Jahre 1747, dessen Vorfahren schon frühe aus der Picardie nach der Schweiz eingewandert waren. Bei seinem Stiefvater lernte er die Uhrmacherei, aber erst in Versailles, wohin er mit 15 Jahren kam, entfaltete sich sein Talent, das durch mannigfaltige mathematische und physikalische Studien immer größere Erfolge errang. Er hat u. a. die sogenannten Perpetualuhren (Uhren, die sich durch die geringen Erschütterungen beim Gehen selbst aufziehen) wenn nicht erfunden, so doch vervollkommnet. Die Uhrenwerkstätte, welche von ihm in Paris gegründet wurde, trug seinen Namen in alle Welt. Seine Chronometer und astronomischen Uhren waren sehr geschätzt. Bei der Ausführung des Chappeʼschen Telegraphen leistete Breguet ebenfalls wertvolle Dienste. Bekannt sind auch seine Metallthermometer. Hoch geehrt starb er, als Mitglied der Akademie zu Paris im Jahre 1823.

Es scheint überhaupt, daß natürliche Begabung und örtliche Verhältnisse in den Bergen dieses Kantons (Armut der früheren Bevölkerung, schlechte Beschaffenheit von Grund und Boden, rauhes Klima u. s. w.) die Entwicklung der Uhren-Industrie besonders begünstigt haben. Dazu kommt noch das schon sehr frühe geübte Prinzip der Arbeitsteilung. Jede unserer Uhren ist durch sehr viele Hände gegangen, bevor sie zu ihrem Dienste tauglich war.

Die rohen Werke (~ébauches~) werden in Fabriken erstellt; es sind die Platinen, in welche die Radachsen eingelassen sind, die Räder u. s. w. Jeder Fabrikant hält davon einen Vorrat. Der Hauptleiter des Geschäftes, der Visiteur, gibt diese Teile aus und erhält das fertige Werk wieder. Er muß also die gesamte Arbeit von Grund aus verstehen, da er auch entscheidet über Annahme oder Verwerfung des Gelieferten. Nun werden von den Arbeitern (~finisseurs~) die Tragsäulen der Bodenplatten eingesetzt, die Räder bearbeitet, die Wellen gedreht und eingepaßt, kurz alle Teile so eingefügt, daß die Uhr allenfalls gehen könnte. Die Hemmungen der Zylinder- und Ankeruhren sind besonders geübten und entsprechend gut bezahlten Arbeitern übergeben. Die Uhr kehrt nun zum Visiteur zurück, wird auseinander genommen und geprüft. Diejenigen Uhrteile, welche das Gerüste der Uhr bilden, kommen zum Gehäusemacher (~monteur de boîtes~); das übrige wird von neuem in Arbeit genommen und endgültig instand gesetzt; worauf es zum Zeigerfabrikanten, zum Zifferblattmaler, Vergolder, Polierer etc. kommt. Das Gehäuse wandert zum Guillocheur, der es verziert, wenn es eine gewöhnliche Uhr aufnehmen soll; andernfalls wird es der Hand des geschickten Graveurs, meist in Genf, übergeben, um dessen Werkstätte als Kunstwerk zu verlassen und die eigentliche Uhr endgültig aufzunehmen. Hier liegt die Hauptbeschäftigung der Genfer Uhrmacher; die Werke kommen aus den Bergen, die Gehäuse werden in der Stadt vollendet.

Im Val de Travers (Neuenburg) werden fast ausschließlich Instrumente aller Art für Uhrmacher verfertigt; daneben noch Ketten, Federn u. s. w. Auch in den einzelnen Dörfern wird meist nur ein bestimmter Zweig der Uhrmacherei betrieben, oder es werden nur Uhren erstellt, die dem Geschmacke eines bestimmten Landes angepaßt sind. In dieser Beziehung zeichnet sich besonders das savoyische Städtchen Cluse aus, wo nur Rohwerke verfertigt werden. „Die Bauern fabrizieren nicht während des Sommers, weil verschiedene Feldarbeiten und die Ernte sie zu dieser Jahreszeit in Anspruch nehmen; aber sobald der Monat September heranrückt und die ersten Schneeflocken in der Luft wirbeln, dann schließen sie sich in ihren Häusern ein, greifen zur Feile und Drehbank und gewinnen durch Herstellung der leichter auszuführenden Teile der Uhr ihren Lebensunterhalt.

Die Arbeit am Tage genügt diesen emsigen Bergbewohnern nicht. Sobald die Dämmerung hereinbricht, sieht man die Lampen der Uhrmacher an allen Fenstern der Häuser vom Erdgeschoß bis zur Dachkammer hinauf wie Sterne glitzern. Bis spät in die Nacht hinein dauert oft ihre Arbeit. In den kleinen bäuerlichen Werkstätten machen sich auch die Frauen nützlich. Neben ihrer Hausarbeit lehren sie ihren Kindern schon in früher Jugend die Kunst, die ihre Väter frei machte und die ihnen Wohlstand und Bürgerglück, die natürlichen Folgen einer segensreichen Industrie, brachte” (Saunier, a. a. O. S. 741).

Nach dem Kanton Waadt gelangte die Uhrmacherei anläßlich der Aufhebung des Ediktes von Nantes. Dadurch wurden französische Uhrmacher veranlaßt, nach der Schweiz auszuwandern. Hauptsitz der Uhrenmacherei ist das Städtchen St. Croix, welches über 1000 Uhrmacher zählt. Im Kanton Bern wird die Uhrenfabrikation namentlich von den Bewohnern des St. Immertales ausgeübt. Lange Zeit war die Herstellung von Spindeluhren eine Spezialität, die hier besonders gepflegt wurde, während jetzt das Geschäft sich auch auf andere Zweige ausgedehnt hat.

Ziemlich jung ist die Uhrenfabrikation in Biel, welches jetzt Hauptsitz dieser Industrie im Kanton Bern geworden ist. Vorzüglich werden Gehäuse, vom gewöhnlichen bis zur feinsten Goldschale hier angefertigt. Auch eine gut besuchte Uhrmacherschule hat in Biel ihren Sitz.

Einen hervorragenden Platz in der schweizerischen Uhrenindustrie nimmt endlich noch Genf ein. Es ist neben La Chaux-de-Fonds der größte Markt für Uhren, wohl auf der ganzen Welt. Seine günstige Lage machten es frühe zu einem Mittelpunkte der Uhrenfabrikation. Hier finden wir schon vom Ende des 18. Jahrhunderts ab eine weitgehende Spezialisierung der Arbeit. Das bedeutendste Haus in Genf dürfte gegenwärtig Patek, Philippe u. Co. sein. Die Uhrmacherschule in Genf ist die älteste überhaupt, ihre Gründung fällt in das Jahr 1824 und umfaßt einen 2½jährigen Kurs; außerdem werden noch höhere Vorlesungen erteilt für Spezialisten. Neben der hier genannten Schule und der schon erwähnten in Biel zählt die Schweiz noch solche zu Fleurier, St. Immer, Locle, La Chaux-de-Fonds, Neuenburg, Solothurn und Pruntrut.

Die Wichtigkeit der schweizerischen Uhrenindustrie mögen zum Schlusse noch einige statistische Angaben dartun. Wir entnehmen dieselben dem Statistischen Jahrbuch der Schweiz, 1902 und 1904.

1903 wurden _eingeführt_:

Taschenuhren 13309 Stück im Werte von 176000 Fr. Stand- u. Wanduhren 1754 „ „ „ „ 756000 „ Musikdosen 106 „ „ „ „ 89000 „ Werke u. Bestandteile 202965 „ „ „ „ 2523000 „

Die Gesamteinfuhr betrug 3544000 Fr. Die wichtigsten Herkunftländer sind Frankreich, besonders für Taschenuhren und Bestandteile; für Stand- und Wanduhren Deutschland und Amerika.

Im gleichen Jahre erreichte die _Ausfuhr_ einen Totalwert von 118515000 Fr. Die Stückzahl belief sich auf 8432048. Davon waren:

Goldene Taschenuhren 824576 Stück, im Werte von 44404000 Fr. Silberne „ 2686503 „ „ „ „ 32202000 „ Metallene „ 3046048 „ „ „ „ 23199000 „ Stand- und Zimmeruhren im Werte von über 200000 Fr. Musikdosen „ „ „ „ 2071000 „ Werke u. Bestandteile 1874921 Stück; Wert: 16434000 „

Zu den wichtigsten Absatzgebieten zählen Deutschland (26½ Millionen), Oesterreich (11,2 Mill.), England (19 Mill.), während der Absatz nach Amerika früher viel bedeutender war als jetzt (Vereinigte Staaten: 7½ Mill.).

Nach der gleichen Quelle (Jahrb. 1902) belief sich im Jahre 1901 die Anzahl der Arbeiter im Bijouterie- und Uhrenfach auf 24858 in zusammen 645 Betrieben mit 3737 Motoren, deren Gesamtstärke 3274 ~P.S.~ betrug. 7594 Arbeiter betreiben Hausindustrie. Bezüglich des letzteren Punktes ist jedoch zu bemerken, daß diese Zahl in Wirklichkeit viel bedeutender anzunehmen ist, da ja in solchen Betrieben meist die ganze Familie arbeitet, während die Statistik nur das Oberhaupt der Familie zählt, respektive denjenigen, welcher mit der Fabrik in geschäftlicher Verbindung steht.

Während früher die Uhrenindustrie ihre Arbeiter vorzüglich daheim beschäftigte, geschieht dies jetzt mit zunehmender Einführung aller Art Arbeitsmaschinen immer mehr in den Fabriken, so daß die Hausindustrie in beständigem Rückgang begriffen ist. Trotzdem ist sie noch bedeutend; so waren z. B. 1902 allein im Kanton Neuenburg 9000 Arbeiter zu Hause beschäftigt. Gewisse Zweige der Fabrikation sind auch jetzt noch meistens Hausindustrie: Polieren, Vergolden, Oxydieren, Füßesetzen u. s. w. und werden meistens von Frauen ausgeübt, einerseits wegen der leichten Hand, anderseits wegen den geringen Lohnansprüchen. Die Fabriklöhne schwanken bei 10stündiger Arbeit zwischen 1 bis 3½ Fr.; während der Hauslohn durchschnittlich um 20-30% geringer ist, bei längerer Arbeitszeit. Angesichts vieler Uebelstände, welche die Hausarbeit für die ganze Familie gar oft im Gefolge hat, ist es schwer zu sagen, ob man sich über die Abnahme dieses Erwerbszweiges freuen, oder sie bedauern soll.

Aus der Weltausstellung in Paris im Jahre 1900 waren die Schweizeraussteller in Klasse 96, Uhrmacherei, am zahlreichsten vertreten; auch die große Anzahl Auszeichnungen (10 große Preise, 14 goldene, 122 silberne und 17 bronzene Medaillen nebst 7 ehrenvollen Erwähnungen) beweisen, daß die Schweiz immer noch auf der Höhe steht und ihrer Aufgabe gewachsen ist.

2. Die Schwarzwälder Uhrenfabrikation.