Die Uhr; Aufzeichnungen eines Hagestolzen

Part 8

Chapter 82,973 wordsPublic domain

Wie nach Elsa's erstem Unfall, stellte sich auch diesmal, nachdem die Kraft des Uebels gebrochen war, die Besserung und Genesung schnell wieder ein. Ihre gute Natur rückte alles bald in das Gleichgewicht; sie schrak leicht zusammen, wie die Mimose, allein die Gesundheit und glückliche Beschaffenheit ihres Körpers, verbunden mit ihrer Jugend, tilgten eben so rasch die Spuren des Schreckens. Nur aus ihrem Gemüt schien er diesmal nicht weichen zu wollen. Ihre Stimmung hatte eine düstere Färbung angenommen, kein Mittel, sie zu erheitern, schlug durch. Die Unmöglichkeit, auf der Bühne während der nächsten Tage aufzutreten, der Gram, durch eigene Unvorsichtigkeit sich den Fortgang ihrer Triumphe verscherzt zu haben, mochte mit an ihrem Herzen nagen.

»Dieser eine Maskenball,« sagte sie bitter, »hat mich von der Laune geheilt, je einen zweiten zu besuchen. Ich habe meine Thorheit theuer bezahlt, aber ich hoffe, daß es Ihrer Frau zu gute kommen wird.«

Sie glaubte oder gab sich den Anschein zu glauben, daß unsere Verbindung eine fest beschlossene Sache sei, und daß es nach allem, was geschehen, kaum noch ihrer besonderen Einwilligung bedürfe. Zunächst widersprach ich ihr nicht; die Enttäuschung, die ihrer wartete, bereitete ihr schwerlich einen ernsthaften Schmerz, die Empfindungen der Dankbarkeit und Freundschaft erlitten durch die Enthüllungen, die ich ihr zu machen hatte, keinen Eintrag, sondern erfuhren dadurch nur eine Reinigung und Läuterung; alle Schlacken eines falschen Gefühls, einer im tiefsten Grunde halb unfreiwilligen Zärtlichkeit fielen von ihnen ab, fortan brauchten sie ihren Glanz nicht von dem Namen der Liebe zu borgen, in dem Licht ihrer eigenen Schöne konnten sie strahlen. Ich allein hatte einen unersetzlichen Verlust zu beklagen, ich allein sah einer freudlosen Zukunft entgegen. Es war nur menschlich, mich eine kurze Frist noch in dem holden Wahn eines erträumten Glückes zu wiegen und dabei zugleich die Anzeichen aufzusuchen und zu finden, daß dies Glück sich niemals hätte verwirklichen lassen -- so viel Selbstquälerei darin lag, so viel Stärke der Entsagung schöpfte ich doch auch daraus.

Eines Abends begann sie von ihren Eltern zu erzählen; ich müsse doch ihre Herkunft wissen, ehe ich sie heimführe. --

»Ach! Elsa, ich kenne Sie längst -- länger als wir beide es bis jetzt geglaubt,« antwortete ich. »In jener Neujahrsnacht -- die Uhr dort hat mir alles verraten.«

»Die Uhr? Wie merkwürdig! So altmodisch und wunderlich sie aussieht, ich habe mich nie von ihr trennen können. Schon als Kind hatte ich sie lieb, wohl des hübschen Bildes willen. Sie ist ein Erbstück aus dem Hausrat meiner Urgroßmutter, und bei dem Zusammenbruch unseres Hauses habe ich sie als eine der wenigen Reliquien einer glücklicheren Zeit gerettet. Und Sie wollen sie kennen?«

»Beinahe so genau wie Sie« -- sagte ich und konnte vor Bewegung eine Thräne nicht unterdrücken.

»Um Gottes willen, was ist Ihnen, mein Freund? Sie weinen! Habe ich eine so schmerzliche Erinnerung erweckt?«

»Die traurig süßeste meines Lebens, Elsa, die Erinnerung an Ihre Mutter!«

»An meine Mutter!« Sie stand vor mir und schaute mir tief in die Augen. »Ich war noch ein Kind, als ich sie verlor, und habe nur eine ganz undeutliche Vorstellung von ihr. Sie haben sie gekannt? O sie war gut und schön, erzählen Sie mir von ihr. Ich weiß so wenig von ihrem Sein und Denken, ich bin unter fremden Leuten groß geworden. Der Vater sprach nur selten von der Vergangenheit, und ich wagte nicht oft, als ich wieder aus der Erziehungsanstalt in sein Haus zurückgekehrt war, nach der Verstorbenen zu fragen; Sie aber haben ihr ein gutes Angedenken bewahrt« ...

»Ich habe sie geliebt, Elsa« --

»Meine Mutter!« Und mit einer unbeschreiblichen Bewegung, in der sich Staunen, Scheu und geheime Freude ausdrückte, griff sie mit ihren beiden Händen nach ihrem Herzen, als müsse sie es hindern, sich durch sein lautes Pochen zu verraten.

»Und vielleicht entspringt aus dieser Liebe die Sympathie, die mich mit Ihnen verbindet,« setzte ich rasch hinzu.

Sie saß auf einem niedrigen gestickten Stuhl halb zu meinen Füßen, die Hände im Schooß verschränkt, zuweilen zu mir aufblickend, zuweilen träumerisch in die rotglühenden Kohlen des Kamins schauend. So erzählte ich ihr die Geschichte meiner ersten Liebe. Es gab nichts darin zu verschweigen oder zu übertünchen, weder hatte ich vor ihr noch hatte sie über ihre Mutter zu erröten; es war eben eine deutsche Liebe, kein Abenteuer, wie sie es in ihren französischen Komödien zu spielen pflegte. War es nun die Rührung, die mich überwältigte, oder hatte die Einfachheit und Unschuld des ganzen Vorgangs eine solche Gewalt -- thränenüberströmt legte sie ihr Haupt, als ich geendet, auf meine Kniee. Ich mußte ihr den vergilbten Brief Friederikens herüberholen, und sie las ihn mit dem Ausdruck tiefster Erregung.

»Warum mußte ich sie verlieren, ehe ich sie recht hatte lieben lernen!« schluchzte sie. »Ja, mein verehrter Freund, in der Erinnerung an sie werden wir immer vereinigt bleiben!«

»Ja wohl, in Freundschaft verbunden, liebe Elsa,« sagte ich und schloß sie in meine Arme. »Jedes unklare Gefühl ist aus meiner Brust gewichen, die Verwirrung hat sich gelöst -- ich liebte ahnungslos in Ihnen die Mutter, ich glaubte mich berufen, Sie zu beschützen, als Ihr Gatte Sie zu vertheidigen -- es war nur die letzte Nachwirkung jenes Dranges, der mich damals trieb, das Leben des Kindes vor dem Tode zu schirmen. Vergeben Sie mir die Irrung meines Herzens, wenn sie, wie ich fürchte, Ihnen schwere Stunden bereitet hat, und vertrauen Sie fortan in jeder Lage und zu jeder Zeit Ihrem Freunde!«

»Wie mein Leben, schulde ich Ihnen nun auch meine Freiheit,« brach sie aus, »so kann ich denn ganz, ungeteilt und ohne quälende Rückgedanken mich meiner Kunst widmen, es überkommt mich aus Ihrem, aus meiner Mutter Beispiel etwas wie eine Reinigung aller Leidenschaften, zum ersten Male fass' ich den Glauben an meine Künstlerschaft!«

Aus ihren Augen leuchtete ein Feuer, wie es mir so hell und strahlend noch nicht daraus entgegengeglänzt, eine edle Begeisterung beseelte und erhöhte ihr ganzes Wesen. Es war Unrecht, diese getragene Stimmung zu stören und, statt die eine Saite voll ausklingen zu lassen, eine andere zu berühren, die aller Wahrscheinlichkeit nach einen schrilleren Ton von sich gab. Aber wenn ich diese Gelegenheit gegenseitiger Offenbarungen versäumte, ihr von Lüttow zu sprechen, wer wollte sagen, ob ich sie bald wiederfand? Welche Ueberwindung es mich auch kostete, ich war entschlossen, ihm mein Wort zu halten. Ueberlegte ich ihr Benehmen gegen ihn, so konnte auch ich nicht daran zweifeln, daß sich das Seltsame und Widerspruchsvolle darin am besten durch eine von mancherlei Einwänden und Bedenken bekämpfte, über sich selbst ungewisse Neigung erklärte.

»Sie kennen meine Ansichten über das Schauspielertum und das Bühnenleben,« sagte ich darum nach einer Weile, an ihre letzten Worte anknüpfend. »Ich begreife sein Berauschendes, die Verklärung der ganzen Persönlichkeit auf den Brettern, im Schein der Lampen. Die Kunst selbst, wer schätzte, wer bewunderte sie nicht! Ob aber ihre Ausübung den Künstler glücklich macht? Niemand kann Ihnen eine glänzendere Zukunft wünschen, als ich, der ich frei von allen eigensüchtigen Hoffnungen und Eitelkeiten bin, dennoch dürfen Sie es der Weisheit meines Alters nicht verargen, wenn sie danach forscht, ob hinter diesem bunten Glanz sich auch wirklich Zufriedenheit und Herzensruhe verbirgt?«

Der Ausdruck ihres Gesichts veränderte sich, sie runzelte die Stirn und entfernte sich einige Schritte von mir.

»Herr von Lüttow hat mit Ihnen gesprochen,« sagte sie dann hart und scharf.

»Ja.«

»Er hat Ihnen unser Zusammentreffen auf dem Maskenballe erzählt?«

»Ich fand ihn am Neujahrsmorgen in meiner Wohnung als einen Verstörten; es war natürlich, daß ich Aufklärungen von ihm forderte, und daß er sie gab.«

»Er kann Ihnen nicht gesagt haben, warum ich in sein Begehren einwilligte und ihm die Unterredung gestattete. Ihre Freundschaft für mich war in Theaterkreisen bekannt geworden; ich verhehlte meine Achtung, meine Dankbarkeit nicht, und da ich entschlossen war, Ihre Hand anzunehmen, wollte ich dem Gerücht zuvorkommen und Herrn von Lüttow selbst meine Absicht ankündigen --«

»Und sich dem Ausbruche seines Jähzornes aussetzen?«

»Lieber mich als Sie!« Sie stand während des ganzen Gesprächs, hochaufgerichtet, mit finsterem Gesicht, wie zur Abwehr eines Angriffes bereit.

»Liebe Elsa,« bat ich, »beruhigen Sie sich. Lüttow bereut seine Heftigkeit, seine Eifersucht -- er ist mehr ein Unglücklicher als ein Schuldiger.«

»So sprechen Sie, weil Sie ihn nicht kennen.«

»Nein, gerade weil ich einen Einblick in sein Herz gethan zu haben glaube. In seinem Schmerz war er aufrichtig und verringerte weder noch entschuldigte er seine Wildheit; er liebt Sie.«

»Und weil er mich liebt, darum scheinen Sie nun auch, wie er, zu verlangen, daß ich ihn wieder liebe! Als ob wir Frauen nur dazu da wären, uns hinzugeben, weil es einem der Herren der Schöpfung einfällt, heftiger nach uns zu begehren. Alle Männer denken in diesem Falle gleich, alle fühlen sich in der Person des einen Zurückgewiesenen verletzt.«

»Doch nicht, Elsa; ich nehme nur an, daß solch wildloderndes Feuer nicht ohne Wirkung auf ein Frauenherz bleiben kann; etwas entzünden diese Funken, Haß oder Gegenliebe, und ich zweifle, ob Sie Lüttow hassen.«

»Er hat Ihnen eingeredet, daß ich ihn lieben müsse?«

»Mich kümmern die Worte eines Verstörten nicht, aber so weit meine ich herzenskundig zu sein, um sagen zu dürfen, daß er Ihnen nicht gleichgiltig ist.«

»Nicht gleichgiltig,« wiederholte sie halblaut und ging unruhig im Gemach auf und nieder. »Warum soll ich es läugnen, daß Lüttow im Anfang unserer Bekanntschaft mir liebenswert erschien? Sein Ungestüm, seine Verwegenheit hatten einen romantischen Zug, es lockte mich, an dem Löwen meine Zähmungskunst zu versuchen; es war schmeichelhaft, einen so unbändigen Mann meinen Winken gehorsam zu sehen. Hinter der gesellschaftlichen Schranke fühlte ich mich vor seiner Heftigkeit sicher; ich stand unter dem Schutze eines strengen Vaters und war ihm ebenbürtig. Aber schon damals warnte mich etwas davor, ihm näher zu treten und mich durch ein Versprechen, eine Gunstbezeugung an ihn zu binden. Urteilen Sie selbst, wie dies innere Unbehagen, das mich schon damals in seiner Gegenwart überfiel, sich steigern mußte, als ich ihm wieder begegnete -- eine arme kleine Schauspielerin, die er nun beschützen, in die Höhe bringen, für die er Sonnenschein oder Regenwetter machen konnte! Da hat sich mein Herz gewandelt. Schelten Sie es Stolz oder Eitelkeit -- das Fräulein Elsbeth Asser, die reiche Tochter eines reichen Vaters, hätte wohl die Frau des Herrn von Lüttow werden und in leidlicher Ehe mit ihm leben können, aber die Schauspielerin Elsa Themar -- niemals!«

»Dies ist nur eine Grille von Ihnen, ein übertriebenes Zartgefühl. Nie würde Ihnen Lüttow Ihre Künstlerschaft als einen -- wie sag' ich nur -- als einen Makel vorhalten, im Gegenteil!«

»Und wollen Sie vergessen, was alles aus dieser ersten notwendigen Entfremdung zwischen uns hervorgegangen ist? Seine zunehmende Wildheit, meine wachsende Furcht vor ihm, der Tod seines Freundes -- eine Blutschuld, die mich immer von Neuem schaudern läßt! Sind das Mißverständnisse, die wir mit gutem Willen heben können? Wenn mein Herz zehnmal lauter für ihn spräche -- ich würde es doch bezwingen und schweigend mein Leid tragen. Der lärmt mit seinen Schmerzen, dem sie nicht tief gehen. Sagen Sie ihm dies, es ist mein unabänderlicher Entschluß. Ich will endlich einmal frei sein, mir selbst und der Kunst leben, keinem Manne -- da ich es Ihnen nicht kann. Sagen Sie ihm das!«

»Sage es ihm selbst, wenn du es wagst!« rief da eine heisere Stimme, und die Thür ward aufgerissen.

Im Mantel auf der Schwelle stand Lüttow. Noch heute ist es mir unerklärlich, wie er in Elsa's Wohnung gekommen; ob ich, als ich hinübergegangen war, Friederikens Brief zu holen, in der Hast die Korridorthür offen habe stehen lassen, ob er die Hilfe der Dienerin Elsa's erkauft und sie ihm heimlich die Thür erschlossen hat.

»Es dauert mir zu lange, ehe ich mein Urteil aus Ihrem Munde höre, Herr Medicinalrat -- ich will es mir aus schönerem holen,« sagte er, aber er that keinen Schritt weiter in das Zimmer hinein.

»Das ist wider die Abrede, Herr von Lüttow,« entgegnete ich. »Sie lassen es mich bald genug bereuen, für Sie gesprochen zu haben.«

Bei dem ersten Ton seiner Stimme hatte Elsa gezittert, aber sei es nun, daß sie diesen Zusammenstoß im Voraus geahnt, oder daß ihr die Erregung des leidenschaftlichen Gesprächs, das sie mit mir über Lüttow geführt, ungewohnte Stärke verlieh -- sie zuckte nicht, die Hand auf den Marmorsims des Kamins gestützt, stand sie, mit bleichem Gesicht und bebenden Lippen.

»Herr von Lüttow, Sie entehren sich durch diesen Ueberfall. Was wollen Sie von mir? Soll ich Ihnen wiederholen, daß ein Abgrund zwischen uns gähnt?«

»Ein Abgrund? Soll ich ihn vielleicht noch durch die Leiche des Herrn da überbrücken?« meinte er spöttisch, auf mich zeigend. »Höre mich, Elsa! Ich liebe dich wie ein Rasender, und du warest nicht immer so unempfindlich und unnahbar wie jetzt! Ich fordere Wahrheit, warum stößest du mich zurück?«

Ich wollte mich zwischen Beide werfen, denn ein Unglück schien unvermeidlich bei der Wut, die aus seinen Blicken und Worten sprach, aber Elsa drängte mich zurück.

In diesem Augenblicke schlug die Uhr mit ihrem dröhnenden Klange die neunte Stunde.

»Sie wollen es wissen?« rief sie wie außer sich. »Sagt Ihnen diese Stunde nichts? So wie heute sind Sie um diese Abendstunde in mein Zimmer gedrungen, um mir zu sagen, daß Sie am Morgen Ihren Freund erschossen hätten. Da wußt' ich, was mein Loos -- da wußt' ich, daß Sie mein Mörder werden würden. Sehen Sie denn nicht den Schatten, der neben Ihnen steht -- er winkt mir! er winkt!« Und mit einem erstickten Schrei warf sie sich an meine Brust.

Lüttow hatte beide Fäuste geballt -- er drang auf mich ein, als ob er mit einem Schlage mich und sie niederstrecken wollte. War es ein Zufall, daß er daran stieß oder traf sein erhobener Arm im Niederfallen die Konsole, auf der die Uhr stand -- mit lautem Gekrach stürzte sie auf den Teppich des Gemachs. »Verfluchtes Gespenst!« schrie er und stampfte mit dem Fuße auf die Trümmer. Von dem Lärm und dem Geräusch der fallenden Uhr erschreckt, öffnete die Dienerin die Thür des Nebenzimmers.

»Es ist nichts!« sagte er. »Eine Uhr ist zerbrochen. Ich bin nicht so schlimm, wie ich aussehe, Fräulein Themar. Ohne Sorge, ich werde nicht Ihr Mörder werden. Gute Nacht, ich werde Sie nicht wiedersehen.«

Und den Mantel dicht zusammenschlagend, war er hinaus. Alles so schnell, gespenstisch fast, daß ich ihn, Elsa im Arme, weder festhalten noch ihm in den Weg treten konnte.

»Er ist fort!« sagte sie, sich von mir losreißend. »Mein Gott! was hab' ich gethan?«

Das lang verhaltene, halb bekämpfte Gefühl sprengte alle Bande, und wie von einer höheren Gewalt wider Willen fortgerissen, breitete sie die Arme gegen die Thür aus, durch die er entschwunden war: »Egon! Egon! ich liebe dich!« und fiel wie tot nieder.

Zu ihrem Heil! Denn so in ihrer Besinnungslosigkeit hörte sie den Schuß nicht, der ihr Antwort auf ihren Ruf gab. Unten in der Flur des Hauses hatte sich Lüttow mit einem Revolverschuß getötet, gerad' ins Herz hinein. Mit unheimlichen Gedanken war er gekommen, nun hatte er sich selbst für immer beruhigt. --

Was ist unser Leben! Von welchen Mächten hängt es ab? Diese zwei Menschen schienen für einander bestimmt zu sein, und es genügte, daß die Empfindung um wenige Atemzüge zu spät die halb physische, halb psychische Hülle, unter der sie lag, durchbrach, um das Glück Beider zu vernichten. Oder wußte es das Unbewußte besser? Hatte Elsa's Seele die richtige Vorahnung, daß sie in der Liebe zu Lüttow niemals zur Ruhe kommen würde, und fand sie darum erst das entscheidende Wort, als es zu spät war? Die Leidenschaft macht nicht glücklich, aber ach! wenn ich mich selber betrachte, auch die Entsagung nicht. Auf anderem Wege, als Lüttow, war ich zu demselben Ziele gelangt. Sein keckes Zugreifen hatte ihm so wenig genützt, wie mir mein bescheidenes Zurücktreten.

Und wenn nun wenigstens sein Tod und mein Schmerz ihr eine reine und heitere Zukunft bereitet hätten! Aber ihr Sinn ist düster und ihr Herz herbe geworden. Nur die Kunst hat von all unserem Elend Vorteil gezogen. Elsa Themar ist eine große tragische Schauspielerin. Fern von unserer Stadt, die sie nach der schrecklichen Katastrophe verlassen hat, feiert sie Triumphe.

Ob ich sie noch einmal im Leben sehen werde? Ich hoffe es kaum. Je zuweilen in langen Zwischenräumen schreiben wir uns freundliche, ja zärtliche Briefe, wie zwischen Vater und Tochter, aber mir ist es oft, als starre aus den lieben Worten ein finsteres Auge fragend mich an: hast du vielleicht doch durch deine Dazwischenkunft und deine voreilige Geschäftigkeit den unseligen Ausgang mit herbeigeführt?

Sind das nur Wahngebilde eines einsamen Träumers, der zu tief über die Vergangenheit und das Rätsel des Lebens nachgrübelt, oder ist es die unklare Stimme des Gewissens, das eine Schuld empfindet und sie doch nicht bezeichnen kann? Ich wühle in der alten Wunde, aber die Kugel finde ich nicht -- den Punkt nicht in dieser Geschichte, wo ich mit meinem Wesen und Charakter anders hätte handeln können und müssen, als ich es gethan.

Eines der alltäglichsten Dinge, eine Uhr, bildete den Einschlag dieses Gewebes, in dem sich für mich so wundersam Vergangenheit und Gegenwart, Diesseits und Jenseits verbanden. Sorgfältig bewahre ich die dürftigen Scherben jenes Ziffernblattes und die Reste des Werkes -- sie werden sich niemals zu jenem Ganzen wieder zusammenfügen, das sichtbarlich meiner Freuden wie meiner Schmerzen unvergessene Minuten zeigte. So behalten wir von all' unseren Geschicken, Empfindungen und Erfahrungen gleichsam auch nur Trümmer in der Hand und wundern uns dann, daß sie, wie wir sie auch wenden und drehen, nicht mehr recht zusammenstimmen wollen, weil sie den Klang verloren haben, der einst in ihnen war und sie verband.

Ende.

Frenzel, Erzählungen (Das Abenteuer. Der Hausfreund. Die Uhr.) Zus. in einem Geschenkband 2 Mark

Druck und Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Darstellung abweichender Schriftarten: =Antiqua=.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Not" -- "Noth", "Wert" -- "Werth",

mit folgenden Ausnahmen,

Seite 8: "," eingefügt (am Ostende unserer Stadt liegt, in den französischen Komödien)

Seite 10: "Kömödie" geändert in "Komödie" (In einer französischen Komödie hatte sie die Rolle)

Seite 23: "«" eingefügt (die man in der Gesellschaft von ihm erzählt.«)

Seite 80: "neben an" geändert in "nebenan" (»Mutter! Mutter!« rief es da nebenan) ]