Die Uhr; Aufzeichnungen eines Hagestolzen

Part 7

Chapter 73,731 wordsPublic domain

»Und warum sollte ich Sie fliehen,« entgegnete ich in der Selbstbethörung der Leidenschaft, »da ich Sie wie eine Heilige verehre, da ich keinen andern Wunsch hege, als Sie glücklich und ruhig zu sehen« ... und was uns in solcher Lage noch weiter der Wahn, Meister unsers Willens zu bleiben, und die Hoffnung, daß die Seele so wie jetzt immer über die Begierden der Sinnlichkeit triumphiren werde, auf die Lippen legen -- eitle, fadenscheinige Gründe, wenn sie nicht an eine Frau gerichtet würden, deren Herz nichts weiter verlangt, als bethört zu werden. So viel schwärmten wir einander von hingebender Freundschaft, von unentweihter Seelensympathie und platonischer Liebe vor, daß wir an jenem Abend überzeugt waren: wir würden am Absturz nicht straucheln. »Wir haben einen Engel, der uns beschützen wird,« sagte Friederike und schloß ihr Töchterchen in ihre Arme, »ich habe es geboren, du hast es gerettet, lege deine Hand auf dies unschuldige Haupt, daß wir niemals vor diesem Kinde zu erröten brauchen.«

Mein Gastfreund mochte sich das Seinige von meinen Besuchen in der Villa denken, er gehörte in Liebessachen nicht zu den strengen Moralisten, sondern eher zu denen, die mutig ein gutes Glück erhaschen und festhalten, wo und wie es sich ihnen bietet. Unsere Gefühlsentzückungen würde er einfach als überwundene Romantik zurückgewiesen haben. So gab es niemand, der uns hätte raten können -- als ob wir noch Rat angenommen! Wir waren eben in der Gewalt einer übermächtigen Leidenschaft, die mit uns ihr grausames Spiel trieb und uns bald mit heftigem Anreiz, bald mit dem Martyrium der Entsagung quälte. Eins nur war gewiß, in diesen vier Tagen war trotz aller guten Vorsätze unser Handdruck zärtlicher und unser Lebewohl länger geworden. Immer, wenn die Stunde des Aufbruchs schlug, hatten wir uns noch etwas zu sagen, immer schwerer wurde die Trennung. Wir hüteten uns wohl, unsere Stimmung in ein Wort zu fassen, aber statt dessen redeten die Blicke. Stumm und doch verständlich leuchtete in ihnen Frage und Antwort, ein schüchternes Verlangen, ein halbes Gewähren auf. Eines Abends war sie besonders erregt, in stürmischer Hast, voll wechselnder Launen -- ich schob es auf die Schwüle der Luft, ein Gewitter zog von Süden her den Strom hinunter. Von den verschiedensten Dingen hatten wir gesprochen, wie wir uns einander schreiben wollten, daß ich aus der Hauptstadt nach ihrem Wohnsitz ziehen sollte, daß mir ihr Einfluß und der ihrer Verwandten bald eine auskömmliche Praxis dort verschaffen würde, von der Schönheit des Sommers, von der Kürze des Lebens, von der Bedürftigkeit des Menschen und der Unsterblichkeit der Seele, wie das Loos der Armen an Geist und Herz auf Erden das glücklichste wäre -- alles wirr und kraus durcheinander, wie Menschen, die den Gegenstand, der sie einzig beschäftigt, nicht zu berühren wagen. Endlich faßte sie Mut: »Gotthold, am Sonntag trifft mein Mann hier ein --« und ihrer Gefühle nicht mehr Herrin, brach sie in ein wildes Schluchzen und Weinen aus.

»Dein Mann?« fragte ich zurück, nicht weniger entsetzt, als sie: das Unerwartete schlug mich nieder.

»Er ist heute in Ostende, morgen wird er in Köln sein -- er will das Kind sehen.«

»Und du?«

»Und ich!« brach sie leidenschaftlich aus. »Ich bin das unglückseligste Weib. Einem Mann verbunden zu sein, sich ihm versprochen zu haben für Tod und Leben, den man nicht liebt, ist ein Elend, aber es ist erträglich, so lange man nicht liebt. Aber ich liebe dich -- dich allein und kann nicht länger die Seine sein. Der bloße Gedanke erregt mir einen tödlichen Schauer, ich bin entwürdigt in seinen Armen.«

Mit entfesselten Haaren stürmte sie durch das Gemach, in dem Sturm, der ihr Innerstes aufwühlte, hatte sie all ihre sonstige Gemessenheit verloren. Zu der Spannung unserer Gemüter stimmte das Rollen des heranziehenden Gewitters und der Widerschein des fernen Blitzes.

»Giebt es etwas Bejammernswerteres als ein Weib?« fuhr sie heftig fort. »Sie ist die Sklavin, die Puppe, die Beute des Mannes, der sie erworben. Es fällt ihm nicht ein, nach den Bedürfnissen ihres Herzens zu fragen -- genug, wenn er für sie sorgt, er ist dann schon der beste Gatte, dem sie Gehorsam und Treue schuldet.«

»Denke nicht mehr an ihn,« unterbrach ich sie, »wir sind beisammen, Friederike, ich liebe dich, keine Macht soll dich jetzt mir entreißen; die Liebe ist das höchste Gefühl, das uns gegeben ward, sie allein hat Recht vor allen anderen Gesetzen und Pflichten.«

Sie hatte eine Weile am Fenster gestanden und in das Blitzgefunkel hineingestarrt, jetzt umschlang ich sie mit meinen Armen.

»Durch dich lebe ich erst und soll dich nun aufgeben, Friederike, dich für immer verlieren, ohne dich je besessen zu haben, und dabei zu wissen, daß du mich liebst -- sei mein! sei mein!« flehte ich.

In ihren Thränen war sie widerstandslos; das lange, seidene, sie umflutende Haar, das unter der Berührung meiner Hand leise knisterte, wie elektrische Funken, die Unordnung ihrer Kleidung machten sie noch verführerischer und begehrenswerter. »Mutter! Mutter!« rief es da nebenan -- die Stimme des Kindes, das ein stärkerer Donnerschlag aus seinem Schlafe geschreckt hatte. Ich werde nie den Blick vergessen, mit dem mich Friederike bei diesem Rufe anschaute. Sie riß die Glasthür, welche den Salon von dem Nebenzimmer trennte, auf und kniete neben dem Bette Elsbeth's nieder. Und in demselben Moment hob die Uhr -- dieselbe Uhr, die mir jetzt wieder gegenübersteht, aus und schlug die zwölfte Stunde. Die Glasthür stand offen, mit ihren Liebkosungen und tröstenden Worten hatte die Mutter das schlaftrunkene Kind bald wieder eingewiegt, das Wetter, das einen Augenblick über unsern Häuptern gestanden, schien sich fernab von uns nach dem jenseitigen Ufer hinüberzuziehen -- noch hatte der Zeiger auf dem Ziffernblatt nicht zehn Minuten zurückgelegt, aber in uns beiden hatte sich ein Umschwung vollzogen. Schon damals wäre es mir nicht möglich gewesen, was in mir vorging, genau zu schildern, wie vermöchte ich es jetzt nach dreiundzwanzig Jahren! Ihre rührende Schönheit, die Schuldlosigkeit ihres bisherigen Lebens -- und dagegen eine schuldvolle, ungewisse Zukunft, das Versprechen, das wir uns gegeben, die dunkle Furcht, daß der Augenblick des Glückes durch viele Stunden des Grames und der Reue gebüßt werden müßte, die letzte Regung der Tugend, die sich noch einmal, halb besiegt im Kampf mit der Leidenschaft, aufrichtet -- alles drängte sich mir wie auf einen Punkt, wie in einen Strahl zusammen, der mein Herz durchbohrte. Es war mir, als gingen auf dem Ziffernblatt der Uhr gespenstisch alle Stunden, die ich schon gelebt und die ich noch leben würde, vorüber -- die ersten mit ernst ruhigem Gesicht, leicht beflügelte Gestalten, die andern, das Auge am Boden oder scheu sich umblickend, die Hände ringend, blaß und verstört, als wären die verfolgenden Furien auf ihren Fersen.

»Gotthold!« sagte da leise hinter mir ihre Stimme, und ihre Hand legte sich sanft auf meine Schulter. Ich hatte es nicht gemerkt, daß sie wieder aus dem Nebengemach hereingetreten war. »Das Kind schläft --«

Wie es nun auch gekommen, ob durch Zufall, ob durch unser Verdienst -- das, was die Mehrzahl der Menschen in diesem Falle Glück genannt hätte, war verpaßt. Der unerbittliche Weiser der Uhr war über die Schicksalsminute hinweggeschritten und nicht wieder zurückzustellen.

»Friederike!« rief ich und fiel vor ihr nieder. Sie hatte die Haare aus der Stirn gestrichen und hob mich empor.

»Es ist besser so, Gotthold,« flüsterte sie, »glaub' es mir. Wir gehören nicht zu denen, welche die Reue nicht kennen oder sie doch zu ersticken wissen. Lass' uns schuldlos scheiden. Dann war alles wie ein Traum, aber ein seliger Traum, an den wir ohne Bitterniß zurückdenken können.«

Was sollte ich ihr entgegnen? Wie wild und ungestüm auch etwas im Innersten meines Herzens ihr widersprach, ich fand ihr gegenüber nicht mehr die überredenden, die siegreichen Worte. Aus mir selbst war das Dämonische der Leidenschaft gewichen; was übrig blieb, leuchtete wohl noch wie Abendrot, aber es wärmte nicht und zündete kein Feuer mehr an. Friederike war für mich wieder die Madonna unserer ersten Bekanntschaft geworden; kein sinnliches Begehren wagte sich an sie heran.

So sind wir von einander gegangen, glücklos und reuelos. Denn ich kann nicht behaupten, daß ich jemals später meine Entsagung, Schwäche, Dummheit oder Blödigkeit, wie man es nun nennen mag, bedauert oder dem Abenteuer ein anderes Ende gewünscht hätte. Am wenigsten in jener Neujahrsnacht, wo mir im plötzlichen Anblick der Adleruhr mit Josephinens Bildniß die Vergangenheit wieder lebendig wurde. Was damals mit der Schnelle des Gedankens und doch in hellsten Farben vor mir vorüberflog, habe ich manche Tage nachher hier niedergeschrieben. Blaß und matt das Ganze -- ein rechtes Abbild meines Lebens. Am andern Tage reiste ich entschlossen ab. Auf meinen Abschiedsbrief schrieb sie mir einmal nach der Hauptstadt, es ist einer meiner theuersten Schätze; aber einen innigeren Briefverkehr lehnte sie ab. Drei Jahre nachher meldete mir der Freund, daß sie in Nizza gestorben sei.

Und ich mußte nach einer so langen, so wechselvollen Zeit, unter so veränderten Umständen ihrer Tochter wieder begegnen und wie von einer magischen Gewalt an sie gefesselt werden! Noch ehe ich eine sichere Bestätigung hatte, zweifelte ich schon nicht mehr, daß Elsa jenes Kind sei, das ich damals gehütet, bewacht und gebettet, dem ich, wie die Mutter in ihrer dankbaren Freude ausgerufen, ein zweiter Vater gewesen. Die unerklärliche Macht der Sympathie verband uns beide und wirkte zwischen uns mächtiger als die Verwandtschaft des Blutes. Uns unbewußt gab es einen geheimen Zusammenhang zwischen unseren Schicksalen und unseren Herzen, weil wir an einem dritten, an Friederikens Leben gleichen Teil gehabt. Mit einem Dasein, das vorübergegangen, mit einem Wesen, das ausgelöscht, waren wir verwachsen, und diese Gemeinsamkeit trieb uns trotz aller Hindernisse der Wirklichkeit zu einander. Zu einander und zugleich ach! aus einander! Wie durften die Lippen, die der Mutter Liebe zugeschworen, der Tochter dieselben Beteuerungen wiederholen! Die Neigung meines alten Herzens zu Elsa dünkte mich wie eine Verirrung des natürlichen Gefühls. Väterliche, freundschaftliche Empfindungen waren in dem farbenschillernden Theaterdunstkreis, der Elsa umgab, in eine Art phantastischer Leidenschaftlichkeit umgeschlagen -- und wenn das Herz solche Deutung auch nicht zugeben wollte, der Verstand, die Pflicht, die Seele forderten sie gebieterisch. Einer, der als Jüngling die Mutter geliebt, konnte nicht in grauen Jahren die Tochter zum Traualtar führen -- konnte vor allem nicht, weil er durch eine traurige Erfahrung wußte, daß er nicht geliebt wurde. Das Glas voll Wein ist wieder aus deiner Hand gefallen -- da liegen die Scherben!

Inmitten dieses Gedankensturms, der mir im Gehirn tobte, hatte ich nur ein festes, unerschütterliches Bewußtsein: das meines Berufes. Ich war wieder an Elsa's Bett gegangen, die Fieberhitze hatte ein wenig nachgelassen. Einmal, als ich ihr den Eisumschlag zurechtrückte, schlug sie die Augen auf. »Sie sind es, mein Freund,« wimmerte sie, »wenn Sie bei mir stehen, verschwinden die Schreckbilder. Lassen Sie mich nicht sterben, ich bin die Ihre!«

Gutes Kind, deine Entscheidung kam zum Glücke schon zu spät -- ein Schatten hatte sich zwischen uns aufgerichtet, den wir nicht verscheuchen durften.

Es dämmerte bereits, der trübe Morgen eines Wintertages, als ich, da jede unmittelbare Gefahr beseitigt war, in meine Wohnung hinüberging. Beinahe wäre ich zurückgefahren -- wie vor einem Gespenst: in meinem Lehnstuhl saß Lüttow, im grauen Mantel, den Hut auf dem Kopfe.

»Ich erwarte Sie schon mehrere Stunden, Herr Medicinalrat,« sagte er zwischen Beben und Knirschen, »ich habe Ihrem Diener verboten, Sie zu rufen -- Sie waren nebenan viel nötiger als bei mir.«

Der unheimliche Ausdruck des Mannes hatte jetzt noch die Zugabe des Verwahrlosten und Nachtschwärmers bekommen, so daß ich beinahe zweifelhaft war, ob er nicht ebenso sehr wie Elsa die Hilfe des Arztes bedürfe.

»Was begucken Sie mich von oben bis unten?« brach er aus, Hut und Mantel von sich schleudernd, »bin ich ein Todeskandidat -- was liegt an mir!«

»Ein Todeskandidat,« antwortete ich gereizt -- wie viele Ursachen hatte ich nicht, ihn zu hassen! -- »nein, aber einer für das Irrenhaus.«

»Ich habe es auch schon gedacht. Was ich in dieser Nacht gelitten, würde auch einen besseren Verstand als den meinen außer Fassung gebracht haben. Erst als ich Sie eintreten sah, wurde mir leichter. Sie lebt, sie wird leben -- ich habe nicht die Last eines doppelten Totschlages auf dem Gewissen. Aber seit Mitternacht jagte ich wild und unstät durch die Gassen, ich unter all' den Fröhlichen ein zwiefacher Mörder, der Mörder meines Jugendfreundes und meiner Geliebten. Hätte ich einen Revolver bei mir gehabt -- Wetter! ich würde jetzt nicht das Vergnügen haben, Ihnen ein fröhliches Neujahr zu wünschen!«

Die Antwort ersparte mir der Diener, der mich die Thür hatte öffnen hören und nun in klugem Verständniß menschlicher Bedürftigkeit den Kaffee hereinbrachte. Mein seltsamer Gast hatte den erwärmenden Trank gewiß so nötig wie ich. »Nicht wahr -- Sie verschmähen eine Tasse nicht?« sagte ich. Er trank hastig, in schnellen Zügen -- in seine fahlen Wangen kam ein Schimmer von Farbe.

»Und Elsa -- und Fräulein Themar,« verbesserte er sich, »ist außer Gefahr?«

»Ich hoffe es, aber schließlich würde auch ein stählerner Körper solchen wiederholten Erschütterungen nicht Stand halten, und Sie haben nun schon zum zweiten Male das Fräulein in Todesgefahr gestürzt. Trotz des Verbotes, das ich Ihnen als Arzt gegeben, sich ihr zu nähern, trotz Ihrer eigenen Versicherung, die Sie mir vor einigen Tagen machten, daß Sie jeder Hoffnung entsagt hätten. Ich habe weder Veranlassung noch Recht über Ihre Leidenschaft abzusprechen, aber Ihre Handlungen sind nicht die eines Mannes, der wahrhaft liebt.«

Nach dem Opfer, das ich in meinem Herzen gebracht, fühlte ich mich stark und hatte wieder die Stelle in diesem Drama gefunden, die meinen Jahren und meinem Stande geziemte. Ingrimmig, die geballte Faust auf dem Tische, schaute er mich von der Seite an; allein er merkte, daß seine Mienen, sein Zorn mich nicht einschüchterten.

»Nicht wahrhaft liebt? Weil ich eben anders liebe, als Sie? Weil ich kein Fischblut in den Adern habe? Weil ich nicht girre und seufze, sondern zugreife?«

»Nein,« entgegnete ich, »sondern weil Sie nicht achten, was Sie zu lieben vorgeben, und nur Ihre Befriedigung suchen, unbekümmert um die Empfindung der Geliebten.«

»Wollen Sie mich anhören?« fragte er darauf. »Der Gang zu Ihnen war mir nicht leicht; ich unterwerfe meine Handlungen nicht gern dem Urteil anderer, aber ich bin in Verzweiflung -- zwischen Selbstmord und Irrenhaus.«

»Die Aufregung wird sich legen, Herr von Lüttow; sprechen Sie sich aus, vielleicht werden wir dann klarer sehen, was zu Ihrer, was zu Elsa's Heilung führen kann; ein Richter bin ich in der Sache nicht, nur ein Arzt.«

»Sie sind unter anderen Verhältnissen groß geworden als ich, haben nur mit Büchern und mit Kranken gelebt -- alle Ihre Ansichten und Gefühle werden sich darum von den meinigen unterscheiden; aber Sie sind ein Mann und werden mich begreifen.«

»Ich will's versuchen, wenn auch nicht, um alles zu entschuldigen.«

»Als ob ich mich nicht selbst für einen ganz unseligen Menschen hielte! In meiner Familie sind der Jähzorn und das aufbrausende Wesen erblich. Und in einem solchen Charakter, der einer Pulvertonne gleicht, fällt nun der Funke der Liebe. Da muß wohl Würde, Haltung, Verstand in die Luft fliegen! Ich habe das Fräulein in Wiesbaden kennen gelernt, in glänzendster Umgebung, recht auf der Höhe des Lebens. Sie bewohnte mit ihrem Vater, dem Kommerzienrat Asser« --

»Asser!« nickte ich ... sie war Friederikens Tochter!

»Kannten Sie den Mann?«

»Ich habe gelegentlich von ihm gehört.«

»Sie bewohnten eine kleine, in der Nähe der Stadt reizend gelegene Villa, mit Dienerschaft, Wagen und Pferden. Welche Rolle Fräulein Elsbeth in der Badegesellschaft spielte, brauche ich Ihnen nicht zu schildern. Sie war voll Geist und Leben, immer in der geschmackvollsten Kleidung, überreich mit allen gesellschaftlichen Talenten begabt, zu Pferde sah sie entzückend aus. Ich verliebte mich in sie, blindlings, kopfüber. In dem Schwarm der Verehrer, der Freunde, der ernsthaften Bewerber, die sich um das reiche und schöne Mädchen drängten, kostete es einige Mühe, einen ersten Platz zu erringen. Aber es gelang mir, von ihr bemerkt und wenigstens durch Neckereien ausgezeichnet zu werden. Sie glauben mir, daß unser Verhältniß damals nichts von der Spannung und der Pein hatte, die es seitdem angenommen.«

»Ich glaube es gern, die Frage ist nur, durch wessen Schuld es sich verändert.«

»Schicksal! Schicksal! Ich hatte dem Mädchen gegenüber die redlichsten Absichten; wir standen in dem passenden Alter zu einander, sie brauchte, schön wie sie war, nicht zu fürchten, nur ihres Vermögens wegen geheiratet zu werden -- ich bin reich, und wenn ich Schulden hatte, konnte ich sie allein bezahlen.«

»Aber was half das Ihnen, wenn Sie nicht geliebt wurden?«

»Wurde ich nicht geliebt? Das eben hat mich toll gemacht. Es hat Augenblicke gegeben, wo ich das Gegenteil glauben durfte, wo auch die anderen überzeugt waren, daß Elsbeth sich für mich erklären würde. Eine unüberwindliche Scheu hielt sie indessen zurück, mir ihr Jawort zu geben. Man mag ihr von meiner Unbändigkeit und Wildheit erzählt haben, und sie empfand eine Art Schrecken vor mir, der das Gefühl der Liebe nicht aufkommen ließ. Es lag tief vergraben, wie unter einem Alp, den es nicht von sich abschütteln konnte. Und ich bin ein schlechter, ein zu ungeduldiger Schatzgräber. Manche meiner Aeußerungen und Handlungen verstärkten die schlimme Meinung, die sie von mir hatte: ich habe einmal gesagt, daß ich es wohl verstände, wenn einer in Liebesraserei die Geliebte töte. Hm! das war nicht vielverheißend für eine, die meine künftige Gattin werden sollte, um so weniger, da sie einen starken Eigenwillen und einen harten Trotzkopf hatte. So hab' ich Wiesbaden verlassen, ohne ihr Herz, ohne ihre Hand zu erhalten: die Nachricht von der gefährlichen Erkrankung meines Vaters rief mich nach meiner preußischen Heimat. Dort hörte ich von dem Fallissement des Kommerzienrats Asser -- gerade sechs Monate waren seit unserm lustigen Badeleben vergangen -- daß er aus Kummer darüber gestorben, daß die Tochter ihr eigenes Vermögen daran gegeben, um den Makel von dem Namen ihres Vaters zu löschen, und fern zu Verwandten, bald hieß es nach Holland, bald in die Schweiz, verzogen sei. Genug, für mich war Elsbeth Asser verschollen. Nun malen Sie sich mein Erstaunen, den Wirbelsturm von Gedanken und Gefühlen aus, als ich dies Mädchen auf der Bühne meiner Garnisonstadt als Emilia Galotti wiedersehe! Die Flamme meiner Leidenschaft war noch nicht niedergebrannt, sie schlug bei diesem Anblick mit erneuter Glut auf. Alles diente ihr zur Nahrung: Elsa's Unglück, ihr Talent, ihre neue Stellung, die verschiedenen Rollen, die sie spielte, die Selbständigkeit und Einsamkeit ihres Lebens -- ach! Sie haben es ja selber durchgemacht, diese Hölle, dies Fegefeuer und Paradies, was man eine Schauspielerin lieben heißt.«

Eine Weile saß er, den Kopf in beide Hände gestützt, schweigend, in sich hinein brütend, da. »Das Uebrige,« fuhr er dann fort, »wissen Sie wohl, sie wird es Ihnen erzählt haben. Ich habe meinen liebsten Freund erschossen -- aus Verblendung, Eifersucht, Jähzorn, Wahnsinn ... immer bleibt es doch bestehen: ich bin ein Mörder. Zuweilen, während der Festungshaft, hoffte ich, daß ich sie, die unschuldige Ursache meiner Unthat, hassen und fortan fliehen, daß der Schatten des Getöteten neben ihr einhergehen würde ... Es war thörichte Gespensterfurcht. Ich liebe sie heftiger als je: mein Freund ist dieser Leidenschaft zum Opfer gefallen, ihre Liebe ist mir den Ersatz für ihn schuldig. Das Blut, das vergossen wurde, kittet uns an einander -- vergebliche Mühe, dies Band zu zerreißen. Manchmal regt sich die verständige Ueberlegung und sagt mir, daß Elsa mit mir und ich mit ihr unglücklich werden würde -- kann sein! zischelt der Dämon dazwischen, aber zuerst werdet ihr glücklich sein. Seit Tagen suchte ich eine Unterredung mit ihr, ich wollte ihr noch einmal mein Herz ausschütten, noch einmal mich bemühen, ihren Starrsinn zu brechen -- ich hatte mich hinter eine ihrer Kameradinnen gesteckt und das gutmütige Mädchen für mich gewonnen. Allein Elsa verweigerte mir den Zutritt zu ihrer Wohnung, sie mochte einen Zusammenstoß zwischen mir und Ihnen besorgen. Da machte die Vermittlerin den Vorschlag, wir alle drei sollten uns auf dem Maskenballe treffen; ich würde Muße und Gelegenheit finden, mich auszusprechen, und zugleich gäben die Oeffentlichkeit des Ortes und die Menge der Gäste Elsa Sicherheit gegen meine etwaige Heftigkeit. Daß sie einwilligte, bestätigte mir wieder den Glauben, der mich noch nicht verlassen, daß eine leise Stimme in ihrem Herzen für mich spricht.«

»Ich glaube es beinahe auch,« sagte ich unwillkürlich; seine Erzählung hatte mir ein gewisses Mitleid mit ihm erweckt.

»Sie auch!« schrie er auf. »Viktoria!« Und er umarmte mich stürmisch. »Es wird doch noch gut werden, sie wird sich umstimmen lassen und endlich erkennen, daß all mein Thun nur aus Liebe zu ihr entspringt.«

»Aber ich weiß noch immer nicht, was in der Nacht vorgefallen ist und Elsa in diesen Zustand versetzt hat,« unterbrach ich ihn.

Er rieb sich die Stirn und zog die buschigen Augenbrauen noch dichter zusammen.

»Was soll ich Ihnen sagen? Ein Wort gab das andere -- man hatte mir zugeflüstert, sie dächte daran, die Bühne zu verlassen und eine reiche Heirat zu schließen -- mit Ihnen, natürlich,« lachte er halb spöttisch, halb hämisch dazwischen. »Und als sie auf meine Frage, ob das Gerücht die Wahrheit spräche, nicht so antwortete, wie ich es gehofft, wogte es wie eine Blutwolke vor meinen Augen. ›Hüte dich!‹ rief ich, ›es ist schon einer um dich gestorben!‹ Gerade mußte da Mitternacht schlagen und der Jubel im Nebensaal ausbrechen -- sie fiel besinnungslos nieder, mich rissen die Menschen fort oder jagten die Furien hinaus!«

»Und nun?« fragte ich nach einer längeren Pause, da er nicht Willens schien, unaufgefordert seine letzten Gedanken zu äußern, »was soll, was kann nun geschehen?«

»Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, Herr Medicinalrat, Ihnen eine Beichte abzulegen: ich kam, ein von Angst Gefolterter, der von Ihnen Tod oder Leben erwartet; das Gespräch hat mich weiter geführt, als ich beabsichtigte. Sie wissen jetzt, wie diese Geschichte begonnen und sich verwickelt hat, wie es um mein -- wie es um Elsa's Herz steht. Wir sind Nebenbuhler, und wir müßten uns eigentlich die Hälse brechen, aber Sie sind ihr Retter und Arzt, Sie haben selbst vorhin zugegeben, daß Elsa's Herz sich zu mir neige -- seien Sie großmütig, werden Sie mein Fürsprecher. Mir ist es immer, als wäre alles, was uns trennte, nur Schein und Mißverständniß, als bedürfte es nur einer ruhigen und glücklichen Hand, diese Scheidewand zu entfernen. Ich besitze eine solche Hand nicht, aber Sie« ...

Bei all' seiner Wildheit lag etwas Bestechendes in seinem Benehmen, und in der Entsagungsstimmung, in der ich war, konnte ich seine Bitte nicht abschlagen. Vielleicht versprach ich ihm mein Fürwort auch nur, ohne mir recht klar darüber zu werden, um mich und Elsa eine Weile von ihm zu befreien.

»Sie werden nichts unternehmen, Herr von Lüttow, bis ich Ihnen Nachricht gegeben,« sagte ich beim Abschiede.

»Auf Ehrenwort.«

»Und sich der Entscheidung des Fräuleins fügen?«

»Auch das. Es soll der letzte Versuch sein« -- dabei griff er mit beiden Händen in den rötlich blonden Bart und bemühte sich, hell auf zu lachen. Aber es kam nur ein heiserer Ton und eine Gesichtsverzerrung heraus. Der Wolf in ihm stritt beständig mit dem Menschen.