Die Uhr; Aufzeichnungen eines Hagestolzen

Part 6

Chapter 63,646 wordsPublic domain

Und nun sitze ich bei einer mit einem großen grünen Schirm verdeckten Lampe, im Halbdunkel, in meinem Ballstaat, die ängstlich hin- und herflackernde Flamme des mir theuersten Lebens bewachend. Welch' eine Neujahrsnacht! Daß Lüttow bei dem Unglück mit im Spiel gewesen, daß Elsa von einer dämonischen Macht angezogen, nur seinetwegen auf diesen Maskenball gegangen, stand bei mir fest, aber alle diese Nachgedanken, diese ohnmächtigen, leise zwischen den Zähnen gemurmelten Verwünschungen beseitigten das Uebel, verscheuchten das Schreckgespenst eines tödlichen Herzschlages nicht. In kurzen Pausen trat ich an ihr Bett, um zu sehen, ob das Pochen des Herzens sich mindere, ob die einschläfernden Mittel ihre Wirkung thäten. Halb aufgerichtet saß sie in den Kissen, mit geschlossenen Augen, gelblichweiß im Gesicht, aus der matt brennenden Lampe fiel nur wie verloren ein Lichtschimmer über sie hin. Endlich schien sich ein leichter Schlummer auf sie herabzusenken. Ich schlich in das Vorderzimmer zurück.

Die unglückliche Uhr mit ihrem lauten Pendelschlag hatte die Dienerin schon aus dem Schlafgemach fortgenommen, jetzt wollte ich auch den Pendel anhalten, nicht das leiseste Geräusch sollte Elsa's Schlaf stören. Erst da fiel mir ein, daß ich zum ersten Male das unselige, geheimnißvolle Werkzeug dieser ganzen Verwickelung mit Augen sah. Diese Uhr hatte mich zuerst peinlich und unangenehm auf meine Nachbarin aufmerksam gemacht, ihr gleichmäßiger, rauher, heiserer Schlag hatte alle Wandlungen unseres Verhältnisses begleitet. Gab es einen magischen Zusammenhang zwischen dieser Uhr und unserer Freundschaft? Endete die Freundschaft, wenn der Pendel der Uhr still stand?

Entschlossen streckte ich dennoch die Hand aus und hielt ihn an; niemals hatte mir sein Geräusch unheimlicher geklungen. Eine altmodische Uhr, von Gold, Elfenbein und Ebenholz in dem Geschmack des Empire, mit vergoldeten Säulchen und einem Giebelfeld darüber, an den Ecken Adler sitzend, auf der Spitze eine Figur mit fliegendem Gewande, die wohl den Genius der Zeit darstellen sollte -- Alles in strengen, harten Linien. Aber das Wunderlichste ist ein kleines auf Elfenbein gemaltes, in die Mitte des Giebels eingelegtes Bild. Ich nehme die Lampe, um es genauer zu betrachten: es ist in Miniatur ein Brustbild der Kaiserin Josephine. Ich will meinen Augen nicht trauen, ein Nebel täuscht mich, ein Lichtschein -- ein Schatten, der gerade so oder so fällt, bringt die Wirkung hervor. Allein wie ich auch die Lampe halte, hoch oder niedrig, nahe oder fern, wie ich auch meinen Platz ändere: es ist der Kopf, das Gesicht Josephinens. Und je länger ich nun die Uhr, die still, unbeweglich auf ihrer Konsole steht, betrachte, kommt sie mir bekannt und immer bekannter vor, die Adler, den Adlern auf den französischen Fahnenstangen nachgebildet, der davonfliehende Genius -- ich habe sie schon gesehen! Wo gesehen -- wie gesehen! Die Lampe zittert in meiner Hand, kaum daß ich sie auf den Tisch ungefährdet zurücksetzen kann. Ist es denn möglich! Ich nähere mich Elsa's Bett ... »Sie schläft,« flüstert mir die Zofe zu. Mit dem Gesicht der Wand zugewendet liegt sie da, ruhiger atmend. Es ist, als ob wir die Rollen umgetauscht hätten, als ob ihr Leiden jetzt in meinem Herzen wohne ... wie von einem unsichtbaren Schlage getroffen, sinke ich in den Sessel.

Eine Uhr aus der Napoleonischen Zeit ... es giebt hundert, tausend Uhren aus jenen Tagen. Auch wohl mit dem Bilde der Kaiserin Josephine. Muß die Uhr da vor mir gerade dieselbe sein, die ich vor vielen ... vor dreiundzwanzig Jahren gesehen, in einer Lage, der meine jetzige, hier auf dem Sessel, im Nachtwachen bei einer schwer Kranken, auf das Genaueste gleicht? Eine Uhr, deren grausamer Stundenschlag mir damals verkündigte, daß ich den Augenblick des Glücks für immer versäumt? Ja wohl für immer, wenn sie nicht durch einen Zufall in Elsa's Hände gekommen, wenn sie ein Erbstück ist -- das Erbe ihrer Mutter! Keinen Blick kann ich von der Uhr abwenden, es ist, als ginge jene ganze holde schmerzliche Vergangenheit noch einmal an mir vorüber, als tauchte in dem Halbdunkel des Gemaches ein vielgeliebter Schatten auf, den erst Elsa's liebliche Wirklichkeit aus meinem Herzen zu vertreiben vermochte, als gäbe die tiefe Stille und die ängstliche Spannung meines Geistes der Phantasie eine doppelte Gewalt. Halb träumte ich und halb erlebte ich ein unvergessenes Abenteuer noch einmal.

Ich sitze in einem prächtig ausgestatteten Zimmer, vor mir dieselbe Uhr auf einer marmornen Konsole, das große Fenster ist geöffnet, Lindenblütenduft haucht hinein, der süße Schauer einer Mondscheinnacht, durch die hohen Bäume des Gartens geht zuweilen ein sanftes Säuseln. Mir gegenüber liegt halb ausgestreckt angstvoll, übernächtig auf dem Sofa eine schöne blasse Frau, die Hände wie zum Gebet gefaltet -- zu einem Gebet ohne Worte. Daneben ruht ihr Kind in Todesgefahr, ihr einziges, zweijähriges Töchterchen ... Ein Schul- und Universitätsfreund, ein reicher Gutsbesitzer in der Rheinprovinz, hatte mich eingeladen, einige Zeit auf seinem Gute zu verweilen; bei einem Besuche in der Hauptstadt hatte den treuen Kameraden mein krankhaftes Aussehen erschreckt: du gehst zu Grunde, wenn du keine Unterbrechung in deinen Studien und Arbeiten eintreten lässest, hatte er ärgerlich ausgerufen. Ich hatte seinen Bitten nachgegeben und war zu ihm gekommen. Seit zwei Wochen wohnte ich nun bei ihm, in herrlichster Lage, in der Nähe des schönen Stromes, mitten in den Weinbergen des Rheingaus; dem Ufergelände entlang reihten sich in mäßiger Entfernung von einander Städtchen, Dörfer, Landhäuser; Dampfschiffe, Segelboote, Nachen belebten beständig den Fluß, überall ein munteres, geschäftiges, wie vom Weinduft angehauchtes Treiben. Landschaft und Leute wirkten wohlthuend, erfrischend auf mich ein. Nicht nur ins Gesicht, die Junisonne schien mir auch in das Herz. Am Fuß des Hügels, auf dem sich das Haus meines Freundes erhob, stand eine kleine Villa inmitten eines großen Gartens, die hellen Fenster auf den Strom gerichtet. Sie gehörte einem der reichsten Kaufleute in der Hauptstadt der Provinz, der in jedem Jahre den Septembermonat darin zuzubringen pflegte: jetzt hielt sich seine Gattin mit ihrem Töchterchen in dem Landhause auf. Zwischen der Familie meines Freundes und der Frau Friederike bestand ein höflicher nachbarlicher Verkehr, näher war man einander nicht gekommen. Die Gattin meines lieben Wirts hatte für die feine, verzärtelte Städterin etwas zu derbe Formen, sie war schnell mit der Zunge wie mit der Hand, während Frau Friederike an sich hielt und in ihrer vornehm lässigen Weise Dinge und Menschen mehr von sich entfernte, als sie eifrig in ihren Kreis zog. Wir Männer redeten auf unseren Spaziergängen oft von ihr: bald begegneten wir ihr, wenn sie im Wagen einherfuhr oder mit ihrem Kinde an der Hand unter den Bäumen ihres Gartens auf- und abwandelte, den nur eine Hecke und ein niedriges Gitter von der Fahrstraße schied. Und niemand konnte Frau Friederike sehen, ohne sich noch einmal, wenn sie ihm vorübergegangen, verwundert nach ihr umzuschauen. Sie war eine Frau von wunderbarer Schönheit, eine Raphaelische Madonnenfigur mit einem leisen Zuge des Leidens im Gesicht, der halb eine körperliche Schwäche anzudeuten, halb die ungestillte Sehnsucht des Gemüts nach einer schöneren Welt auszudrücken schien. Sanftmütig, nicht von schnellem und scharfem Geiste, aber voll tiefer Empfindung schilderte sie mir der Freund; was ich von ihr sah und hörte, denn ein und ein anderes Mal war sie in dem Hause auf dem Hügel, wir in ihrer Villa gewesen, ergriff mich weit über den Grad des Eindrucks, den bisher noch ein weibliches Wesen auf mich gemacht hatte. Sie stand etwa in meinem Alter und behandelte mich, für eine so reiche und ausschließliche Dame, wie sie es war, mit besonderer Güte. Von dem Freunde erfuhr ich, daß sie nicht glücklich verheiratet sei. Also unglücklich? An einen Mann, der sie nicht verdient, der sie peinigt, einen Tyrannen? fragte ich erregt. Von dem Allen war nicht die Rede. Der Mann, in der Mitte der vierziger Jahre, behandelte sie mit der größten Achtung und Freundlichkeit, und auch ihr entschlüpfte niemals ein Wort des Verdrusses oder der Klage über ihn; sie paßten eben nicht für einander: sie eine schwebende Natur mit ätherischem Anfluge, er fest und hart in der Welt der Thatsachen wurzelnd, ohne Neigung, sich daraus zu erheben. Bei ihrer Stille und sanften Anmut mochte er kaum bemerken, daß die Uebereinstimmung ihrer Seelen fehle; die Zärtlichkeit, die sie entbehrte, bedurfte er nicht. So beschrieb mir der Freund das Verhältniß der beiden Gatten, und er wird wohl das Richtige getroffen haben; ich selbst habe den Mann nie gesehen.

Ein Unglücksfall verband mich dann inniger mit Friederiken. Eines späten Abends kam atemlos einer ihrer Diener herauf geeilt: das Töchterchen der gnädigen Frau sei erkrankt, der Arzt im nahegelegenen Flecken über Land gefahren, ich möchte mich des kranken Kindes annehmen. »Rette es,« rief der Freund mir zu, »hier geht für dich der Weg zum Ruhm!« Was dachte ich in jenem Augenblick an den Ruhm, an die Zukunft! Ich hatte nur Sinn für Friederikens Angst und Verzweiflung, ich flog den Hügel hinunter. Als ich dann vor ihr stand, ihr in das thränenüberströmte, schmerzvoll zuckende Antlitz blickte, ergriff mich eine unbeschreibliche, so noch niemals empfundene Bewegung, als ob ein neues Element in meinen Körper gekommen. Es war eine furchtbare Nacht; das Kind war von einem gefährlichen Anfall der Diphtheritis ergriffen worden, und mehr als einmal schwebte der Todesengel dicht an ihm vorüber -- dicht, wie jetzt an Elsa! War ich in beiden Fällen die Hand, der sich das Schicksal bediente, ein und dasselbe Leben zu retten? Und beide Male zu meinem Verderben!

Diese Nacht mit ihren Schrecken hatte Friederike und mich einander mehr genähert, als eine langjährige gleichgiltige Bekanntschaft es gethan haben würde. In der gleichen Sorge enthüllte sich unabsichtlich das Innerste unseres Wesens, Jedes fand in dem Herzen des Andern etwas wie das Echo des eigenen. Die Krankheit des Kindes gestattete keine Trennung; kaum war der Anfall beseitigt, zeigten sich Spuren des Scharlachfiebers, das zwar nur leicht auftrat, aber die einmal in Angst versetzte Mutter nicht aus der erregten Spannung ließ. In ihrer freudlosen Ehe war die Tochter ihr einziger Trost, ihre einzige Freude; es schien ihr, als könnte sie den Verlust derselben nicht überleben. Ihr Gemahl befand sich gerade auf einer Geschäftsreise in England; er bat sie, ihm jeden Tag Nachricht von dem Befinden des Kindes zu geben, aber sie schalt es herzlos, daß er nicht ohne Zögern alle seine Geschäfte hatte fallen lassen und an das Lager der kleinen Elsbeth geeilt war. Mein Gastfreund nannte das eine Uebertreibung der Mutterliebe; ich aber stimmte ganz mit Friederike überein: wenn nicht des Kindes, doch einer solchen Mutter wegen hätte der Vater kommen müssen; wie konnte man diesem Weibe gegenüber nur den leidigen Gelderwerb in die Wagschale legen! So geschah es, daß Friederike sich immer lebhafter und inniger an mich anschloß. Wenn ich mit ihr zusammen den Schlaf der Kleinen überwachte, ihre Besorgnisse und Kümmernisse anhörte, zu zerstreuen suchte oder meinen Teil daran forderte, ihr ein Buch vorlas, dem Kind ein Spielwerk mitbrachte, erfüllte ich in ihren Augen die Pflichten eines wirklichen Vaters; unmerklich schob ich den wahren Vater, den Entfernten, aus seiner Stellung. Ich that, was er hätte thun sollen, und da mein Alter und meine Gemütsart besser zu Friederikens Jahren und Ansichten stimmten, als die seinigen, galt ich ihr bald als der vorzüglichere Mann. Meine Empfindung für sie war die der reinsten Verehrung; ich sah und betete etwas in ihr wie das Ideal des Weibes an, eine Mischung von Jungfräulichkeit und Mütterlichkeit, wie ich sie bisher nur in den Werken der großen Maler angestaunt hatte, ohne an ihre irdische Verkörperung glauben zu können.

Nicht wenig trug der Gegensatz, in dem Friederikens poesievolle Erscheinung zu der trockenen Prosa meiner gutmütigen Wirtin stand, dazu bei, diesen Glorienschein um ihr liebliches Haupt täglich zu erneuen. Wohl erkannte ich, daß die zugleich glänzende und reizende Umgebung Friederikens den Zauber ihrer Gegenwart verstärkte; nur zu gut wußte ich aus eigener trauriger Erfahrung, welche Feindin eines schönen Lebens, einer sich immer gleich bleibenden würdigen und anmutigen Haltung die Armut, die Dürftigkeit ist -- aber vielleicht, sagte ich mir, ist das Glück auch das größte Verdienst. Wenn es solche auserwählte Wesen nicht gäbe, denen die gemeine Sorge um das tägliche Brot, die Anstrengung und Mühe des Kampfes um das Dasein niemals den heitern Wechsel ihrer Tage und das gefällige Spiel der Erscheinungen stört oder trübt, wie armselig wäre die Erde! Sie sind in der Menschenwelt, was die schöne Landschaft in der Natur ist. Indem wir sie erblicken, fühlt sich unser Herz erfreut und erhoben, wie bei einem Blick von der Bergeshöhe in ein entzückendes Thal. Gemeine Seelen mögen sie beneiden, edlere begrüßen sie als den höchsten Ausdruck menschlicher Vollkommenheit. Ich konnte mir Friederike nicht anders als im Reichtum, inmitten wohlgeordneter Verhältnisse denken; der Harmonie ihres Wesens mußte die Ordnung und Sauberkeit des Aeußeren entsprechen.

»Du bist noch nicht weit und viel in der Welt umhergeschleudert worden,« meinte der erfahrene Freund bei meinem begeisterten Lob der schönen Frau, »und hast noch zu wenig Frauen in ähnlicher Lage kennen gelernt; du bist wie ein junger Mönch, der aus der Klosterschule seinen ersten Schritt ins Leben thut und überall Engel oder Teufel sieht.«

Nein -- der Freund hatte Unrecht; hundert und aberhundert reiche und vornehme Frauen habe ich seitdem in nächster Nähe, mit und ohne Schleier gesehen, aber eine Friederike habe ich nie wieder gefunden!

Wohin mein Gefühl mich führen könnte -- ich ahnte es nicht. Ohne Rück- wie ohne Vorgedanken überließ ich mich der Gegenwart. Ich weilte wie in einem verzauberten Garten. Gerade genug, daß die Sorge um das langsam genesende Kind noch an die Wirklichkeit erinnerte und mich immer wieder aus dem Labyrinth der Empfindungen zurückzog. So unendlich erhaben dünkte mich Friederike, daß ich fest überzeugt war, meine Augen würden nie anders als wie zu einem Heiligenbild zu ihr emporschauen. Und ahnungslos des Abgrunds, dem wir entgegentrieben, war auch sie in den ersten Tagen unserer Bekanntschaft. Sie hatte nach einem Retter ihres Kindes gerufen und ihn in mir gefunden. Die Dankbarkeit, die sie jedem andern an meiner Stelle ebenso gewidmet haben würde, erhielt durch die Einsamkeit, in der sie lebte, durch den Unmut über die Hartherzigkeit ihres Gatten, durch die Aehnlichkeit unseres Wesens, wie ich glaube, eine wärmere Färbung. Darüber hinaus dachte und sorgte sie nicht. Erst als es zu spät war, blickte sie auf den Weg zurück, den wir gewandelt. Und niemals waren zwei Menschen einen lieblicheren dahingegangen. Als die fortschreitende Genesung des Kindes meine täglichen Besuche und noch mehr mein stundenlanges Verweilen in Friederikens Hause unnötig machte, hatten wir uns schon so sehr in diese Gewohnheit hineingelebt, daß uns das Aufhören derselben mehr erschreckt haben würde, als das Fortsetzen. Nach wie vor erschien ich am Morgen in der Villa, nach wie vor blieb ich am Abend. Ich war der Hausgenosse, dessen Erscheinen zu jeder Zeit nicht einmal der Dienerschaft mehr auffiel, der Hausfreund, den der Gemahl in seinen kurzen Briefen nie zu grüßen vergaß. Eine Weile bildete noch das Kind, die um sein Wohl und Wehe ausgestandenen Aengste und Beschwerden den Mittelpunkt unserer Gespräche, aber allmählich suchten sie andere Stoffe und Ziele. Wir lasen zusammen in unseren Dichtern, neben einander schritten wir durch die schattigen Laubgänge des Gartens oder schauten von der Terrasse auf den im Abendrot schimmernden Strom und die gegenüberliegenden Berge.

Es war, wie man nun will, unser Glück oder unser Unglück, daß für mich wie für Friederike eine zärtliche, schwärmerische, romantische Neigung noch eine ungekostete Frucht vom Baume der Erkenntniß war: sie hatte ohne Liebe, aber auch ohne Widerwillen ihrem Gatten vor fünf Jahren die Hand gereicht und in ihrem Lebenskreise Keinen getroffen, der ihr ein wärmeres Gefühl erweckt, dem sie ein größeres Vertrauen hätte schenken können, als eben ihm; mir war in harter, unablässiger Arbeit der Umgang mit Mädchen und Frauen beinahe ganz verwehrt gewesen -- ich hatte mit der Welt um das Dasein ringend keine Muße für Liebeständeleien, nicht einmal für eine Schülerliebe gefunden. Den Naturtrieb kannten wir beide; aber was die Liebe ist, war uns unbekannt wie der Apfel der Hesperiden. Wir hatten von idealischen Gefühlen bisher nur gelesen und geträumt, jetzt erlebten und erlitten wir selbst sie.

Welche Stunden! Hätten sie ewig dauern oder wir doch mit ihnen schmerz- und schuldlos in die Unendlichkeit versinken können! Freilich damals freuten wir uns jedes neuen sonnigen Tages, der uns aufstieg. Dieselbe Uhr, die mir jetzt regungslos gegenübersteht, der einzige Zeuge jener Vergangenheit, der letzte Rest, der von ihr geblieben, wie oft gebot uns ihr Weiser Trennung. Ein Erbstück noch von der Großmutter her, schmückte die altmodische Uhr das Lieblingszimmer Friederikens im Erdgeschoß. Von unseren Wandelgängen durch den Garten zurückgekehrt, sagten wir uns hier, wenn die Uhr die zehnte Stunde verkündigte, Lebewohl. Wie berauscht stieg ich dann den Hügel hinauf, um noch lange am offenen Fenster stehend auf die dunklen Wipfel ihrer Bäume herabzuschauen, die in ihrem Schatten sie, ihr Kind und ihr Haus einschlossen und verbargen. Ich hatte ihr meine ganze Jugendgeschichte erzählen müssen, bis zu dem Tage, an dem ich sie zum ersten Male gesehen, der für mich einen neuen Lebensabschnitt bezeichnete. Es war im Vollmondschein; wir gingen unter den Platanen hin und wieder, zuweilen fiel das Mondlicht auf ihr Gesicht, daß es wundersam erglänzte; unsere Hände suchten und verschränkten sich in einander ... da entfloh mir das erste Liebeswort. Sie zuckte zusammen, sie erwiderte nichts, aber sie duldete doch, daß ich ihre Hände mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte. Ich wollte vor ihr niederfallen, ihre Kniee umfassen -- »Gotthold! Gotthold!« hauchte sie leise, und ihre Lippen berührten meine Stirn. Im nächsten Augenblick war sie entschwunden. Ich wagte ihr nicht zu folgen; glückselig irrte ich unter den Bäumen hinauf und hinab. Als ich endlich in den Salon zurückkam, Abschied zu nehmen und meinen Hut zu holen, saß sie am Tisch und blickte ohne zu lesen in ein Buch. Bei meinem Eintritt fuhr sie empor -- eine Sekunde standen wir uns so wortlos mit fliegenden Pulsen und glühenden Gesichtern gegenüber. »Gute Nacht, liebe gnädige Frau!« stammelte ich. Da warf sie sich heftig weinend an meine Brust, küßte mich unter Thränen und rief: »Nun gehe, gehe!« Und sie drängte mich zur Thür. Ein Klügerer oder ein Kühnerer würde geblieben sein und es auf eine nochmalige Abweisung haben ankommen lassen, aber ich war ein Neuling in der Liebe und zu gewohnt, jedem ihrer Winke zu folgen. Auch getraute ich mich in meiner Zaghaftigkeit gar nicht an mein volles Glück zu glauben und fürchtete, wenn ich fest danach griffe, würde es mir in leere Luft zerrinnen. Sie mich lieben! dies Götterbild sich zu mir herabneigen -- nicht im verwegensten Traume hätte ich es gefordert, und nun war es Wirklichkeit. Was wollte, was konnte ich noch mehr wollen?

In jener Nacht nichts mehr, das große unverdiente Glück hatte alle geringeren Wünsche verschlungen. Denn im ersten Rausch einer schwärmerischen Jugendliebe erscheint die Seligkeit, wieder geliebt zu werden, als der Inbegriff alles Höchsten und Begehrenswerten; das Herz wagt sich noch gar nicht an den Gedanken, die Geliebte zu besitzen, heran. Nichts trübte mir darum den Vollgenuß jener Stunden. Am nächsten Tage fiel freilich der Schatten des Irdischen wieder auf unsern Weg. Mit seltsamer Scheu, wie ich sie bisher an der ihres Wesens und ihrer Rede so sicheren Frau noch nicht wahrgenommen, begegnete sie mir; sie vermied es, mit mir allein zu sein, und behielt ihr Töchterchen um sich, es bald an der Hand fassend, bald es auffordernd, auf dem Teppich zu ihren Füßen zu spielen. Viel früher als sonst verabschiedete sie mich, unter dem Vorwande, daß sie noch Briefe zu schreiben habe, und als ich sie anschaute und »Friederike!« rief, erwiderte sie meinen Blick mit so bittendem, so herzrührendem Ausdruck ihrer Augen, daß ich nichts anderes zu thun vermochte, als zu gehen. Lange brauchte ich nicht nach der Ursache ihres Benehmens zu suchen: gerade als ich aus der Gartenpforte ging, übergab der Briefträger dem Hausdiener einen Brief -- »Ach! vom Herrn!« sagte der, nachdem er die Aufschrift angesehen. Und damit sank die Last, die ihre Seele bedrückte, auch auf die meinige. Sie war vermählt, einem andern hatte sie Treue gelobt -- wir standen vor einer Schuld. Eine quälende Unruhe ergriff mich. Ich war unter dem kategorischen Imperativ der Pflicht erzogen worden und hatte danach mein Leben eingerichtet. Wollte ich aufrichtig sein, konnte ich nicht einmal sagen, daß es mir seelisch schwer geworden, bis dahin alle meine Pflichten nach Kräften zu erfüllen. Hart hatte ich arbeiten müssen, Lieblingsplänen entsagt, auf den schönen Schein der Welt verzichtet, statt frei und ganz mich der Wissenschaft hinzugeben, als Tagelöhner gedient: aber ich hatte das alles wie eine Bestimmung auf mich genommen und mich nicht lange mit unnützen Gedanken aufgehalten. Jetzt zum ersten Male entbrannte in meinem Innern ein harter Kampf. Der Scheideweg des Herkules war da. Die eine Erkenntniß führte die andere herbei; waren wir schon zur Hälfte schuldig geworden, wie lange konnte es währen, und wir wurden es in jedem Sinne! Weil wir wußten, daß wir an eine verbotene Frucht gerührt, mußte sie bald doppelt verlockend für uns werden. Nur die Flucht konnte mich davor bewahren, sie zu brechen. Aber Friederike fliehen! Für immer mich von ihr losreißen, jeder Hoffnung, sie wiederzusehen, zu entsagen: es war zu viel! Und mußte denn gleich das Aeußerste geschehen, konnte unsere Liebe nicht auch ferner rein im reinen Gewande bleiben?

So war ich denn am nächsten Tage wieder in der Villa. Wie wir beide uns ansahen -- so hatten wir uns noch nie angesehen, auch damals nicht, als ich ihr meine Liebe gestanden.

»Sie wollten mich verlassen,« sagte Friederike nach den ersten in der Gegenwart der Dienerin und des Kindes gewechselten Begrüßungsworten, als wir allein waren, »ich habe die Nacht in schmerzlichen Gedanken durchwacht, und die Ahnung zerriß mir das Herz, daß Sie auf Flucht sännen, auf Flucht vor der Liebe und vor mir.«

»O Friederike, Sie allein haben über mich zu gebieten! Ein Wort von Ihnen heißt mich bleiben oder vertreibt mich. Sprechen Sie dies Wort; ich höre auf keine andere Stimme als die Ihrige, bei Ihnen liegt die Entscheidung meines Schicksals.«

»Kann ich dies Wort denn sprechen, Gotthold? Wie wäre ich darauf verfallen, daß Sie mich fliehen wollten, wenn ich nicht selbst den Gedanken unserer Trennung in mir erwogen hätte! Durch ein unlösliches Band bin ich mit einem Anderen verbunden -- und doch kann ich Ihnen nicht sagen: verlaß mich. Wenn Sie von mir gingen -- ich weiß nicht, was geschähe, aber selber mein Unglück zu vollenden, dazu fehlt mir die Kraft.«