Die Uhr; Aufzeichnungen eines Hagestolzen

Part 5

Chapter 53,729 wordsPublic domain

Darauf wußte ich kein Wort zu erwidern, ich hatte auch nur die erste Hälfte ihrer Aeußerung deutlich vernommen. Einen Antrag nach Wien! »Also wollen Sie uns verlassen?« rief ich aus.

»So weit ist es noch lange nicht,« erwiderte sie. »Ein Gastspiel ist noch kein Engagement -- und wenn ich auch hier an einem zweiten Theater gefalle, werde ich auf einer ersten Bühne auch nur genügen? =Tel brille au second rang, qui s'éclipse au premier.=«

Nun mochte ihr doch wohl mein unruhiges Hin- und Herrücken auf dem Sopha auffallen; der Verschluß unserer Hände hatte sich gelöst, sie blickte zur Erde, zupfte an den Schleifen ihres Kleides und sagte endlich: »Oder verbieten Sie mir jeden Ehrgeiz? Meinen Sie, daß ich trotz alledem nur eine Mittelmäßigkeit bin und wohl daran thue, mich keiner schärferen Beurteilung auszusetzen?«

»Lästern Sie doch Ihr Talent nicht, Elsa,« brach ich ungestüm aus, in irgend einer Weise mußte sich meine Erregung Luft schaffen. »Warum sollte Ihnen das Höchste unerreichbar bleiben? Ich dachte, bei dem Gedanken, daß Sie fortgehen könnten, nur an unseren, an meinen Verlust.«

»Würde ich Ihnen fehlen?« fragte sie zurück und wandte mir plötzlich ihr Gesicht voll und ganz zu. Es war, als vereinigte sich der Glanz aller Kerzen und Lichter, so viel ihrer im Zimmer brannten, auf diesen schönen rosig überhauchten Zügen. Ihre Augen forschten in den meinen, und ihre halb geöffneten Lippen schienen eine Frage flüstern zu wollen, wenn ich ihnen nicht mit der Antwort zuvorkam.

»Wenn Sie wieder gingen, Elsa, warum es verschweigen? Ein schöner Stern würde mir damit unwiederbringlich von dem Lebenshimmel entschwinden. Und ich bin nicht mehr in den Jahren, wo man mutig das Erscheinen neuer Meteore erhofft. Ein Dunkel würde über mich hereinbrechen, doppelt so finster und trostlos als das vorangegangene, da ich mich an die Schönheit des Lichtes gewöhnt. Was uns zusammengeführt hat, ist mir mehr als ein bedeutungsloser Zufall. Sie haben mir eine Seite des Lebens erschlossen, die ich nicht kannte, deren Duft und Farbenschimmer mich nun entzückt -- die ich ewig entbehren würde, wenn ich jetzt in mein Einsiedlertum zurücktreten müßte. Aber es ist selbstsüchtig, nur von mir und meinem Verluste zu reden, während Sie nichts verlieren, nichts einbüßen werden.«

»Glauben Sie?« sagte sie und stand auf. Sie ging einmal durch das Gemach, wie mit sich selbst kämpfend und nach Worten ringend, dann trat sie dicht vor mich hin, in einem prächtigen Schwunge flossen ihre Haare um sie. »Nein, Sie können mich nicht für so gleichgiltig und herzlos halten! Ich sollte einen Freund, einen so treuen, redlichen, uneigennützigen Freund nicht entbehren? Mich nicht nach seinem Umgang, seiner Belehrung, seiner Liebenswürdigkeit zurücksehnen? Warum spielen die stolzesten Männer so gern die bescheidenen? Denn Sie fühlen es so gut wie ich, daß Sie nicht zu der großen Schaar der Alltagsmenschen gehören, denen man ohne Neigung begegnet, und die man bis auf die Erinnerung vergißt.«

Vielleicht wurde nun doch, je länger sie sprach, die Schauspielerin in ihr mächtig, aber ihre Erregung, das höhere Rot ihrer Wangen, der lebhaftere Blick ihrer Augen gaben ihr etwas Unwiderstehliches. Wie hätte sie mich nicht hinreißen sollen, den das heimliche Feuer schon seit Wochen verzehrte? Wenn es je einen günstigen Augenblick für die Liebeserklärung eines älteren Mannes gegeben, so war es dieser, wo die gegenseitige Leidenschaftlichkeit den Unterschied der Jahre verwischte und in uns Beiden die Empfindung stärker sprach als die Ueberlegung. »Müssen Sie denn von uns gehen, Elsa?« begann ich. »Ist das Glück Ihres Lebens an die Verfolgung Ihrer künstlerischen Laufbahn gebunden? Reizt Sie die Unruhe des Kampfes mehr als die Heiterkeit des Friedens? Es mag ja eine tolle Aufforderung sein, einer jungen glänzenden Schauspielerin zu sagen: tritt vom Schauplatze deiner Triumphe zurück; und ich würde der Letzte sein, Ihnen einen solchen Vorschlag zu machen, wenn Sie mir nicht selbst gestanden, daß bisher Ihre Thätigkeit Ihr Herz nicht ganz ausgefüllt hätte, wenn ich nicht annehmen dürfte, daß Ihnen ein anderes Loos nicht auch wünschenswert erschiene --«

»O!« unterbrach sie mich, »ich habe Ihnen nicht verschwiegen, was mich auf die Bühne führte, aber ein erster Schritt auf den Brettern ist verhängnißvoll, allmählich wird zur Neigung, was anfänglich nur Notwendigkeit und dann Gewohnheit war, um so mehr, wenn die Verhältnisse, die unsern Entschluß bestimmten, dieselben bleiben und noch fortwährend ihren Einfluß ausüben.«

»Aber diese Verhältnisse sind nicht unüberwindlich, sind nicht unwandelbar,« rief ich. Was ich ihr nun weiter sagte, in welchen Worten ich ihr die Entstehung, das Wachsen meiner Neigung zu ihr, die Kämpfe, die ich mit meiner Leidenschaft bestanden, das Glück, das sie mir schenken, die Ruhe und die sichere Stellung, die ich ihr bereiten würde, aus meinem Herzen heraus schilderte, vermag ich nicht mehr niederzuschreiben. Ich kam mir selbst wie ein Besessener vor, eine höhere Macht oder mein erhöhtes Ich redete und handelte aus mir. Elsa atmete nur schwer, sie erwiderte nichts, bald sah sie von mir weg auf die Lichter des Tannenbaumes, bald blickte sie mich wieder freundlich an, als wolle sie mich dadurch ermuntern, weiter zu sprechen. Einmal entfuhr mir der Name Lüttow -- daß es nur eine Sicherheit für sie gegen seine Verfolgungen gäbe, eine Heirat, die sie für immer von ihm trennen würde.

»Für immer!« murmelte sie halblaut und nickte, wie meine Meinung bestätigend, mit dem Kopfe; dann fuhr sie mit der Hand über die Stirn, als wolle sie einen bösen Gedanken verscheuchen. »Es ist wahr, ich muß mit ihm enden.« Und wieder versank sie in ihr Schweigen, wortlos und entschlußlos.

Sie mochte vielleicht eine Liebeserklärung, aber nicht eine Bitte um ihre Hand erwartet haben. Als ich nun aber, durch ihr Schweigen kühn gemacht, sie umfassen wollte, entzog sie sich mir hastig, sprang auf und eilte zum Fenster. Sie drückte ihr Gesicht gegen die Scheiben und starrte hinaus. Hier und dort hell erleuchtete Fenster, gleichsam die Freude, die drinnen in den Zimmern herrschte, nach außen strahlend, im Gegensatz zu dem unheimlichen Schneegestöber, das der pfeifende Wind durch die Straße jagte. Ich war ihr gefolgt und an ihre Seite getreten. »Zürnen Sie mir?« fragte ich leise. Statt der Antwort gab sie mir ihre Hand. Ihre Augen waren wie umflort; war es tiefe Bewegung oder eine heimliche Angst -- etwas hielt das Wort in ihrem Munde zurück.

»Daß Sie mich liebten, mein Freund,« brachte sie endlich wie mühsam hervor, »war nicht schwer zu erraten, nun aber --«

»Sie finden, daß ich ein Geck sein müsse, Ihnen in meinem Alter einen solchen Antrag zu machen.«

»Als ob ich ein Kind wäre, das die Jahre seines Freundes abzählt. Nein, ich bin bestürzt, verwirrt. Hand in Hand gingen wir in der Dämmerung einen uns nur halb bekannten Weg, allein ich vertraute sorglos Ihrer Führung, und statt mich zu fürchten, gefiel ich mir sogar in dem Halbdunkel. Ach, warum konnten wir nicht immer wie im Traum neben einander hergehen! Nun ist ein grelles Licht auf den Pfad gefallen und zeigt mir das Ziel.«

»Ein Ziel, das Ihnen unfreundlich und unwohnlich erscheint --«

»Das mich nur zögern läßt, es zu betreten. Sie verlangen nicht in dieser Stunde eine Entscheidung über mein Schicksal. Ich bin eben kein Mädchen, die mit einem Ja oder Nein Alles abgethan glaubt und die weiteren Folgen dem Vater oder dem Vormunde überläßt -- ich stehe allein da, und Sie fordern den Beginn eines neuen Lebens von mir. Was könnte ich Ihnen für die Sicherheit unserer beiderseitigen Zukunft bieten, zöge ich jetzt blindlings einen Strich unter meine Vergangenheit und Gegenwart?«

»Sie halten nur gutmütig den bittern Trank zurück, den mir Ihre Hand doch kredenzen muß.«

»Würde ich sie dann in der Ihrigen lassen?« fragte sie sanft zurück und lehnte ihren Kopf an meine Brust. Ihren Haaren entströmte ein feiner, berauschender Duft, heftiger preßte ich sie an mich und bedeckte ihre Stirn mit meinen Küssen. Augen und Lippen hielt sie fest geschlossen. »Und nun genug mit der Ernsthaftigkeit!« rief sie sich schüttelnd und hatte sich mir schon entwunden. »Wir wollen uns den Abend nicht durch Nachdenken und Grübeln stören, lieber Freund. Ich hatte einmal als Kind eine so prächtige Puppe zum Weihnachtsfeste bekommen, daß ich sie gar nicht anzufassen wagte. ›Nimm sie doch,‹ lachte die Mutter und wollte sie mir in den Arm legen. Aber ich blieb bei meiner Weigerung. So lassen Sie mich noch eine Weile Ihr kostbares Geschenk von ferne betrachten, es ist nicht der Geber, es ist die Gabe, die mir ein wenig Angst macht.«

Mit der Leichtigkeit und Anmut, in denen sich nun doch wieder die Schauspielerin verriet, wußte sie das Gespräch nach anderen Punkten zu lenken, ihre Stimmung und allmählich auch die meine zu verwandeln. Aus ihrem Wesen und Betragen glänzte mir ein Hoffnungsschimmer entgegen. Und hatte sie nicht Recht? Ich forderte nicht allein ihre Freundschaft, sondern auch ihre Zukunft, nicht nur ihre Hand, sondern auch ihre Freiheit und ihren Ruhm. In der That -- ich hätte sie geringer schätzen müssen, wenn sie, ohne sich zu besinnen, in meine Bitte eingewilligt.

Freilich -- als ich nicht mehr unter dem Zauber ihrer Gegenwart stand, nahm die Sache eine dunklere Färbung für mich an. Wohl mußte ich ihre Bedenken gelten lassen, aber -- würde sie danach gefragt haben, hätte sie mich geliebt? So ungerecht sind wir; ich hatte mir Tage und Wochen zur Ueberlegung und zum Austrag meiner Herzenskämpfe gestattet und wollte ihr nicht die kürzeste Frist gönnen. Gern oder unwillig, schließlich mußte ich mich darein ergeben. Die nächsten Tage schlichen in Hangen und Bangen, im Wechsel von Furcht und Hoffnung dahin; sie war viel beschäftigt, jeden Abend auf der Bühne, ich wurde von einer russischen Fürstin in Anspruch genommen, die mich zu konsultiren nach der Stadt gekommen war, ehe sie ihre Winterreise nach dem Süden antrat. So sahen wir uns nur flüchtig, zum Aussprechen war keine Muße gegeben. Und derselbe Drang, der mich zu meiner Erklärung fortgerissen, hielt mich jetzt zurück, ungestüm die ihrige zu verlangen. Zeit zu gewinnen, schien mir plötzlich in meiner Lage das Wünschenswerteste. Mindestens blieb mir dadurch das Herbste erspart, ihr Nein zu vernehmen, den Schmerz zu verbeißen und in der Entfernung von ihr nicht Vergessenheit, doch Trost zu suchen. Der Ernst ihres Gesichtes, ein gewisser träumerischer Zug, den ich in solcher Stärke noch nicht an ihr bemerkt, bewiesen mir hinlänglich, daß sie mit sich selbst nach einer Entscheidung rang. Wenn ich des Abends im Theater dem stürmischen Beifall zuhorchte, der ihre Darstellung begleitete, die Kränze und Blumensträuße zählte, die man ihr zuwarf, fühlte ich wohl, daß ich da einen ungreifbaren, kaum zu überwindenden Gegner hatte. Alle stimmten darin überein, daß sie noch nie so vortrefflich gespielt habe. Und dem Allen, ihrem Talente, diesen Triumphen sollte sie entsagen, um einem älteren Manne den Abend seines Lebens zu verschönen und ihre eigene Zukunft vor Stürmen und Schicksalsschlägen sicher zu stellen! Welche Thorheit, welche Dürftigkeit der Phantasie, welche Leere des Herzens mußte ich bei ihr voraussetzen! Sie aus diesem Glanz, aus diesem bacchantischen Taumel herausreißen zu wollen -- ich hätte meine Werbung zu keiner ungelegeneren Zeit vorbringen können!

Gleichsam, um die Aussichtslosigkeit meiner Wünsche mir grell vor das Bewußtsein zu führen, mußte mir da eines Nachmittags bei meinem Spaziergange durch die Siegesallee des Parkes Lüttow entgegenkommen und mich anreden. Er war in Gesellschaft, schlank und hoch und trotzig wie immer, aber er ließ, wie er mich erkannte, die Herren stehen, eilte auf mich zu und bot mir die Hand.

»Haben uns lange nicht gesehen, Herr Medicinalrat,« sagte er in seiner lauten, aber dennoch gewinnenden Weise. »Sie haben eine Wunderkur an Fräulein Themar vollbracht. Das ist jetzt all' ein Leben und ein Feuer in ihrem Spiel. Schauen Sie mich nicht so fragwürdig von der Seite an; ich rede im Ernst. Dies Mädchen ist eine große Künstlerin, es wäre ein Unrecht, sie der Kunst zu entführen und prosaisch zu heiraten. Ihr Genius hat sie richtig geleitet. Wollen Sie ihr sagen, daß ich aufrichtig alle meine Sünden gegen sie bereue?«

Zum Glück hatten sich jetzt seine Begleiter genähert, und ich konnte mit einigen allgemeinen verbindlichen Redensarten und mit der Zustimmung in sein Lob Elsa's mich losmachen. Was vor Wochen mich sowohl ihret- wie meinetwegen gefreut hätte, Lüttows Einkehr in sich selbst, wie ich es damals genannt hätte, ängstigte mich jetzt. Hoffte ich zu siegen, wo dieser Hartnäckigste der Menschen sein Spiel verloren gab? Wenn er den Triumph und den Rausch der Bühne für mächtiger hielt als seine Leidenschaft, was hatte ich dagegen einzusetzen? Dennoch teilte ich meine Begegnung mit Lüttow Elsa mit: es wäre mir unmöglich gewesen, ihr eine solche Mitteilung zu verschweigen. Sie wurde blaß, als ich seinen Namen nannte -- wie ich dann zu Ende war, griff sie nach ihrem Herzen, und ein schwermütiges Lächeln spielte um ihren Mund: »Er ist ja sehr ruhig geworden!«

Irgend etwas in seiner Aeußerung hatte sie verletzt. »Wenn mein Spiel eine so beruhigende Wirkung auf erregte Nerven ausübt,« meinte sie, »sollten Sie es Ihren Kranken als Heilmittel empfehlen, werter Freund. Im übrigen hat mich Herr von Lüttow niemals verstanden, weder meine Empfindungen noch meine Handlungsweise; er würde sonst wissen oder doch ahnen müssen, daß mich nie mehr als gerade in meinem Triumph das Gefühl meiner Unzulänglichkeit und die Sehnsucht nach der Stille beschlichen hat.«

Wie hoffnungsvoll klang das für mich! Und endlich mußte doch auch die Entscheidung fallen. Wie alle Spieler und unglücklich Liebende war ich in diesen acht Tagen abergläubisch geworden und hatte mir fest eingeredet, am Neujahrstage würde Elsa ihr Ja oder Nein sprechen. Mein Erstaunen, meine Verwirrung war darum nicht gering, als sie mir am Morgen des Sylvestertages sagte:

»Schelten Sie mich nur gleich tüchtig aus, als Arzt und als Freund. Wenn es noch Ablaßzettel gäbe, kaufte ich mir einen im Voraus. Ich will heut' Abend eine Thorheit begehen und das alte Jahr auf einem Maskenball beschließen. Meine Kollegen haben mir so viele lustige Geschichten von dem Balle erzählt, den das Balletcorps heute giebt, daß ich nicht habe widerstehen können. Ich werde im Domino hingehen und hoffentlich einen guten Tänzer finden. Nun, da sitz' ich, was muß ich thun, um die Sünde zu büßen?«

Anfangs war ich so betroffen, daß ich sprachlos vor ihr dastand, bis ihr helles Gelächter mich zur Besinnung brachte.

»Bin ich eine rückfällige Ketzerin, für die Sie gar keine Buße und Strafe wissen? Wollte ich nun meine Hexenmacht gebrauchen, müßte ich darauf bestehen, daß Sie mich begleiteten und mit mir in dieselbe Schuld verfielen. Bekennen Sie, daß ich großmütig bin, wenn ich allein die Verdammniß auf mich nehme.«

Wie verstimmt ich auch über ihre so unerwartet auftauchende Laune war, durch ein schroffes Dareinreden wagte ich meine Lage nicht noch mehr zu verschlimmern. Mein Mißvergnügen war gewiß kein vernünftiger Grund gegen den Besuch eines Balles, und wenn schon der Liebhaber Einspruch gegen ihre Vergnügungen erhob, welche Beschränkungen ihrer Freiheit und ihrer Neigungen mußte sie erst von dem Gatten befürchten. Nach Kräften suchte ich einzulenken und riet ihr nur, sich nicht zu erhitzen, nicht zu heftig zu tanzen -- Albernheiten, über die ich vor mir selbst errötete. Wie es nicht anders sein konnte, schieden wir ein wenig kühl und frostig. Wider meinen und ihren Willen war nun doch der Unterschied zwischen einer lebenslustigen, munteren Schauspielerin und einem alternden Gelehrten zur unerfreulichen Erscheinung gekommen. Ich pflegte sonst den Sylvesterabend im Kreise langjähriger Freunde, Wittwer oder Hagestolze, zuzubringen: heute lehnte ich ab, ich war zu verdrießlich und unzufrieden, um einen halbwegs erträglichen Gesellschafter abzugeben. Aber was nun mit dem langen Abend beginnen? Zu Hause bleiben, lesen, schreiben, die Rechnung des Jahres ziehen? Ein Alpdruck lastete auf mir, als müßten in der nächsten Sekunde die Mauern über mich hin zusammenstürzen. Vielleicht fiel es Elsa gar ein, im Domino und mit der Larve vor dem Gesicht Abschied von mir zu nehmen, ehe sie in den Wagen stieg. Ich glaubte das Rollen der Räder zu hören -- jeder Schlag versetzte meinem Herzen einen Stoß. Ich blickte auf die Uhr -- die neunte Stunde ging eben zu Ende, und sie spielte noch im Theater. Nein, ich wollte, ich konnte sie nicht erwarten; jetzt schalt ich sie herzlos, eitel, vergnügungssüchtig, und dann spottete ich mich aus, einen Gecken, einen Eifersüchtigen, wie es noch nie einen größeren und traurigeren gegeben. Unmöglich, in den engen, überheizten Zimmern auszudauern. Wenn auch ich auf den Ball ginge und sie beobachtete? Unsinn, ich auf dem Maskenball des Corps de Ballet! Wollte ich die lustigen Streiche der Jugend mit fünfzig Jahren nachholen? Inzwischen, inmitten all dieser Anklagen, Ausrufungen, ironischen Betrachtungen kleidete ich mich gesellschaftsmäßig an. Ich getraute mich dabei nicht, meinem Diener ins Gesicht zu sehen, aber der Gute vermutete meine bösen Gedanken nicht und wunderte sich nur, daß ich mich so früh schon auf den Weg zu meiner Sylvester-Gesellschaft machte. Auf der Straße war ich bald, aber mein Wille blieb zwiespältig wie zuvor. Als ich um die Ecke unserer stillen Straße in die belebtere Hauptstraße einbog, fuhr ein Wagen dicht an mir vorbei. Ich wußte, daß es der Wagen war, der sie aus dem Theater heimbrachte, und ich empfand eine gewisse Genugthuung, ihr entgangen zu sein. Sie sollte merken, daß ich auch ohne sie zu leben vermöchte. Und dabei schmachtete ich armseliger Thor nach ihrer Gegenwart, ihrer Rede und ihrem Lächeln. Nein -- fahrt dahin, Stolz des Weisen und Würde des Alters, dahin ihr Entschlüsse der Entsagung! Ich bin ein Mensch von Fleisch und Blut. Sehr wahrscheinlich werde ich morgen einen Thorenstreich zu bereuen haben, aber der Drang des Herzens will seine Befriedigung, gleichviel, um welchen Preis. Ein Maskengarderobe-Laden war leicht gefunden, ein dunkelblauer Domino, eine Maske erstanden -- ich ließ eine Droschke kommen und fuhr nach dem im Parke gelegenen Ballhause. Der Pförtner schaute mich verwundert an, ich war der erste Ballgast. Von dem Kellner, der mir eine Flasche Wein brachte, erfuhr ich, daß die rechte Lustigkeit und das bunteste Maskengewühl erst kurz vor Mitternacht seinen Anfang nähme. Eines vor Allem that mir not: Gelassenheit, ich war sonst nahe daran, die auffälligste Erscheinung des Balles zu werden.

Allmählich füllten sich die Säle mit Charaktermasken und Dominos. Mir waren diese wie jene gleichgiltig, ich suchte nur die Eine zu entdecken. Unter Tausenden hätte ich geglaubt, ihren Wuchs, ihre Haltung, ihren Gang heraus erkennen zu müssen -- nun zeigte sich die Sache doch schwieriger, die Stimme des Herzens schwieg. Hinauf und hinab drängte ich mich durch das Gewühl, wiederholt angeredet von Stimmen, die mir unbekannt waren, und mit einer Stimme antwortend, die den Anderen so fremd klang, wie ihnen die meine. Ohne Absicht war ich so in die Nähe zweier schwarzen Dominos gekommen, die Hand in Hand mit einander gingen. Leise streifte ich die Eine, sie achtete nicht darauf, aber im nächsten Augenblick hörte ich sie halblaut zu ihrer Begleiterin sagen: »Da ist er!« Die Musik übertönte das Uebrige, allein mir genügten die drei kurzen Worte. Es war Elsa, offenbar mit einer befreundeten Schauspielerin. Da ist er -- nur sie konnte mit diesem eigentümlich zitterndem eindringlichen Tone reden. Da ist er -- wen hatte sie gemeint? wen konnte sie meinen? Hatte sie mich eher entdeckt als ich sie? Hatte die unwillkürliche Berührung ihres Gewandes mich verraten? Oh, oh! grollte es dagegen in mir, täusche dich doch nicht länger! Nicht von dir war die Rede, nicht deinetwegen ging sie auf diesen Ball. Herunter die Maske und betrachte dein runzeliges, häßliches Gesicht in einem der vielen Spiegel, welche die Wände zieren. Und dann entfliehe diesem Raum, wohin du nicht gehörst, vergrabe dich in deine Höhle, vertrinke deinen Gram wie ein alter Satyr, oder noch besser, hänge dich auf, Medicinalrat, ehe du eine Figur für die Posse wirst!

Und nun fing eine tolle Jagd an. Ich suchte ihr auf den Fersen zu bleiben und zugleich den Unbekannten zu entdecken, den sie ihrer Begleiterin bezeichnet hatte. Einmal war ich dicht hinter ihr, dann schob sich wieder eine Menschenwelle zwischen uns. Zuweilen blickte sie sich um, als hätte sie die Empfindung, daß sie verfolgt würde. Aber sie beschleunigte ihren Schritt darum nicht. Sie anzureden wagte ich nicht, meine Stimme würde mich verraten haben. Plötzlich, als die Paare sich zum Tanz ordneten und das Ganze zu einem buntschimmernden, in einander wirrenden, rasenden Wirbel wurde, war sie mir entrückt. Weder unter den Tanzenden noch unter denen, die zuschauten, vermochte ich sie zu entdecken. Eine geraume Weile verlief so, mir stand die Zeit still. Ich lehnte mich an eins der hohen Fensterkreuze des Saales und starrte beinahe gedankenlos in das jubelnde, lachende, walzende Gewühl. Der Wein, die Hitze im Saal, die rauschende Musik, das Drehen hin und her vor meinen Augen hatten mir einen dumpfen Schmerz im Kopf, Ohrensausen und Schwindel verursacht: ich war in der That auf einen Hexensabbat verschlagen worden. Zu Ende -- die Musik schweigt. Was ist das? Alle drängen sich zusammen, zischeln mit einander, rücken an ihren Masken, ziehen ihre Uhren. -- Und da -- zwölf laute, dröhnende, weithin hallende Schläge. Neujahr! Prost Neujahr! schreien sie wie die Besessenen. Champagnerpfropfen knallen -- und Hurrah! Hoch! Das Orchester bläst einen Tusch. Trink, Brüderchen, trink! Das neue Jahr soll leben! Und die alten Flammen! Was wir lieben, rosa Domino! Die Masken werden abgenommen, überall lachende, grinsende, erhitzte Gesichter, flatternde Locken, funkelnde Augen -- Bacchanten und Mänaden! Was soll ich unter ihnen? In ihren Lärm und Taumel mit einstimmen? Mich von ihnen foppen lassen? In diesem Tumult Elsa suchen und sie am Arme eines Andern finden? Nein, ich rette mich ... Da entsteht ein Laufen, ein ängstliches Durcheinander, ein herzzerreißender Schrei ... ich kenne diesen Schrei! Und zugleich der Ruf: »Zu Hilfe, ein Arzt, ein Arzt!« »Hier! hier!« schreie ich, reiße mir die Larve, den Domino vom Leibe und arbeite mich durch das Gedränge. Alle machen mir Platz, ich komme aus dem Tanzsaal in den Nebensaal. -- »Sie stirbt mir unter den Händen!« jammert eine Frauenstimme aus einer der Nischen. -- Auf dem Divan liegt Elsa besinnungslos in Krämpfen, ein junger Arzt ist schon um sie beschäftigt, der den älteren, ihm bekannten Kollegen mit Freuden begrüßt. An ein Fragen, wie Alles gekommen, ist hier nicht zu denken, es gilt zu helfen. Unseren Bemühungen gelingt es, mit krampfstillenden Mitteln die Gewalt des Anfalls zu brechen. In einer halben Stunde ist es möglich, Elsa mit ihrer Begleiterin in einen Wagen zu schaffen, ich fahre sie nach Hause. Gesprochen wird kein Wort zwischen uns, obgleich sie mich erkannt hat, schlaff ruht ihre Hand in der meinen. Während sie mit Hilfe ihrer Zofe und meines Dieners hinaufgebracht wird, eile ich in die nächste Apotheke, um noch einige Medicamente herbeizuschaffen. Die Bereitung dauert länger, als ich gehofft; als ich zurückkehre, finde ich Elsa schon im Bett, unruhig, in Fieberphantasien. Ihre Zofe ist bei ihr. -- »Ich werde mich im Salon in einen Lehnstuhl setzen,« sage ich, »und mit Ihnen wachen. Weinen Sie nicht, wenn der Krampf nicht wiederkehrt, ist es noch nicht gefährlich. Ruhe und Eisumschläge.«