Die Uhr; Aufzeichnungen eines Hagestolzen
Part 4
An der Wahrheit der Geschichte Elsa's gab es in keinem Punkte einen Zweifel; vielleicht, sagte mein Argwohn, ist sie nicht immer in ihrem Benehmen vorsichtig genug gewesen und hat Erwartungen erweckt, deren Nichterfüllung den hitzköpfigen Lüttow eine Beleidigung zu sein dünkte. Das ist aber auch Alles, ohne Schuld ist sie dem Verhängniß verfallen. Dennoch war es nicht dieser Teil ihrer Erzählung, der mich am meisten beschäftigte; ihr Vorleben, ehe sie die Bühne betreten hatte, die halb verlorenen Andeutungen, die sie darüber gemacht, nicht, wie ich es wohl gemerkt, ohne sich einen gewissen Zwang anzuthun, der schmerzliche Rückblick auf eine schönere Vergangenheit zogen meine Gedanken wie magnetisch an und verlockten meine Phantasie in den Irrgarten der Möglichkeiten. Dazu gesellte sich eine Art selbstgefälligen Stolzes über meine Menschenkenntniß; hatte ich doch gleich an dem ersten Abend, wo ich sie spielen gesehen, die Vermutung gehabt, daß sie ursprünglich einem anderen Lebenskreise als dem des Theaters angehört habe. Allein was gingen mich die Verhältnisse meiner Nachbarin an? Was hatte ich dieselben bis zu ihren tiefsten und geheimsten Wurzeln zu verfolgen? Wollte ich sie wieder von der Bühne entführen? Sie ihrem früheren Dasein zurückgeben? Gewiß, das wäre ein Weg gewesen, der sie für immer von Lüttow getrennt hätte. Zwischen einem unternehmenden Manne und einer Schauspielerin ist die Hälfte der Schranken gefallen, die sonst in der gebildeten Gesellschaft die beiden Geschlechter trennen. Aber ihre Eltern waren todt, ich kannte nicht einmal ihre Namen. Hatte sie noch Verwandte? Wußten, wollten sie noch etwas von der Schauspielerin wissen? Und dann erschien auf dem Hintergrund all dieser Hypothesen, sie alle vernichtend, ein ernstes, finsteres Antlitz: die Not. War es möglich, ihr durch einen Zauberspruch die eingebüßten Glücksgüter wieder zu verschaffen, sie wieder von dem Schlachtfeld des Daseins in die idyllische Behaglichkeit des Reichtums zu versetzen? Wenn sie einen reichen Mann heiratete -- ja, wohin verlor ich mich? Hatte ich für sie zu sorgen und in die Wahl ihres Herzens ein Wort mit darein zu reden, als Oheim, als Bruder, als Vater? Mitleid sollen wir mit allen Geschöpfen haben -- und wohin hatte mich das Mitleid für Elsa schon geführt, wohin drohte es mich noch zu führen! Ja, wenn sie dich lieben könnte -- noch hatte ich Kraft und verständige Ueberlegung genug, um diesen Einfall blitzschnell, wie er in mir aufgetaucht war, auch wieder zu verbannen.
Eine Weile war ich der Schönen und meinem eigenen Herzen gegenüber auf der Hut und glaubte, daß Alles zwischen uns in dem gewohnten Geleise bleiben würde. Der Unterschied des Alters, der Widerspruch der Stellung und der Lebensaufgabe, die Verschiedenheit des Empfindens machten sich oft so scharf und einschneidend geltend, daß ich in eine trügerische Ruhe gewiegt und über die Natur meines Gefühls getäuscht wurde. Wie es mit ihr in dieser Hinsicht stand, war für meinen geringen Scharfsinn nicht zu entdecken. Der Verkehr mit mir unterhielt sie und regte sie angenehm an. Eine Fülle von Dingen, die sie mit ihren Kameraden nicht besprechen konnte, ihre Vergangenheit, die Bildung, die sie genossen, der Drang, ihre Kenntnisse auszubreiten, wünschten sich zu offenbaren und forderten ein Ohr und ein Herz für sich. Vermutlich wäre ihr der jüngere Freund der willkommenere gewesen, aber einen gewissen Ersatz bot ihr doch auch der ältere Mann. Mit herzlichem Vertrauen, mit harmloser Heiterkeit trat sie mir entgegen, beinahe ganz streifte sie im Gespräch mit mir die Schauspielerin ab und zeigte sich als ein kluges, liebenswürdiges Mädchen, durch das Unglück geläutert und über viele Nichtigkeiten des gesellschaftlichen Treibens erhaben. Für mich hatte der Gegensatz ihres inneren und äußeren Lebens einen unbeschreiblichen Reiz. Niemals hatte das Komödiantische mich bisher anzuziehen vermocht; sorgfältig war ich einer persönlichen Bekanntschaft auch mit den berühmtesten Künstlern aus dem Wege gegangen; ich fürchtete das Unwahre in ihnen. Nun erschien mir unerwartet in Elsa eine Schauspielerin, an der das Herz wahr und nur die Maske eine Lüge war, deren echte Weiblichkeit sich halb wider Willen in eine phantastische Vermummung hatte hüllen müssen.
Wie lange die Dinge in dieser Weise ohne Entscheidung hätten fortlaufen können? Jetzt scheint es mir so, als hätte einzig der Zufall eine vorzeitige Krisis herbeigeführt, aber vielleicht war der Zufall nur der Drang und Trieb des Herzens. Auf die Dauer läßt sich ein sogenanntes Freundschaftsverhältniß zwischen einem Mann und einem Weibe, die beide keine Pflicht zurückhält und keine Neigung bindet, nicht aufrecht erhalten; der Unterschied der Jahre, der Stellungen wird mit jedem Tage im gemeinsamen Verkehr geringer; endlich tritt der entscheidende Augenblick ein, wo Beide einander in die Arme fallen oder das Eine erschrocken vor dem Anderen zurückflieht. -- Wie war es nur möglich, daß wir uns dahin verirrten? Zwei ganz veränderte Gesichter starren sich an. Und was ist im Grunde geschehen? In dem Einen ist die Skala der Empfindung um ein Kleines gestiegen, und diese Steigerung hat in den Gefühlen des Anderen eine hochgradige Abkühlung erzeugt. Dies aber ist doch immer von natürlichen Gesetzen abhängig, die darum, weil uns ihre Wurzeln verborgen sind, nichts von ihrer Folgerichtigkeit und Verständlichkeit verlieren. Zwischen Elsa und mir indessen that sich etwas Unerwartetes, Seltsames auf.
In den zwei Monaten unseres Verkehrs war sie schon so vertraut mit mir geworden, daß sie kaum ein Geheimniß vor mir hatte und mir all ihren Aerger und ihr Vergnügen vor und hinter den Coulissen erzählte. Ich meinerseits versäumte beinahe keine ihrer Vorstellungen; anfangs hatte ich mich geschämt, so oft das Theater zu besuchen -- ich glaubte, jeder im Saale müsse es mir ansehen, daß ich allein Elsa's wegen käme --, zuletzt nahm ich meinen bestimmten Platz mit gelassener Unbefangenheit ein. Der Reiz, sie zu sehen, war eben stärker, als der mögliche Verdruß, darüber geneckt zu werden. In Wirklichkeit achtete auch niemand sonderlich auf mich. Und wenn ich sie heiratete, dachte ich, würde es eben so wenig Anstand erregen. Ein halbes Dutzend Leute machten vielleicht ihre guten oder schlechten Witze über mich, nach vierzehn Tagen würde niemand mehr davon sprechen. Ist man einmal auf einem Abhang ins Gleiten gekommen, geht es immer schneller bergunter.
»Raten Sie, mit wem ich gestern zusammen war?« fragte sie mich eines Tages. »Sie merken mir nichts an, keine ungewöhnliche Aufregung, keinen stärkeren Herzschlag? Und dennoch -- gestern in der Gesellschaft bei unserem Direktor, die ich nothgedrungen mitmachen mußte, habe ich Herrn von Lüttow getroffen.«
»Lüttow!« fuhr ich auf. Wohl hatte ich beständig an ihn gedacht, aber wie es der Zufall so fügt -- in der großen Stadt waren wir uns Beide seit jenem Abend nicht wieder begegnet.
»Und nun wollen Sie wissen, wie Alles zugegangen,« sprach sie munter weiter. »Sie brennen vor Neugierde, lieber Freund. Ueber Erwarten gut und friedlich. Als ich seiner zuerst ansichtig wurde, glaubte ich in die Erde sinken zu müssen. Eine Weile glich ich einer Bildsäule, so starr und regungslos stand ich da. Es brauste mir vor den Ohren; ich war nicht im Stande, ein einziges Wort zu äußern, einen einzigen Schritt zu thun. Aber ganz gegen seine Gewohnheit verhielt sich Lüttow still und ruhig; er machte mir aus einiger Entfernung eine tiefe Verneigung und begnügte sich während des Abends ein paar gleichgiltige Worte an mich zu richten. Auch als ich ging, drängte er sich nicht an mich heran: er blieb noch in der Gesellschaft, nur seinen finstern Blick fühlte ich auf mich gerichtet, als ich das Zimmer verließ. Dieser Blick verfolgte mich, bis ich in meinem Wagen saß; erst da hatte ich das vollkommene Gefühl der Freiheit und Sicherheit, allein gegen meine Befürchtungen gehalten, war dies erste Zusammentreffen harmlos genug. Was meinen Sie, lieber Freund, sollte endlich bei Lüttow der Verstand gesiegt haben? Zeit wäre es,« setzte sie mit einem ein wenig gefallsamen Lächeln hinzu, »er und ich -- wir sind längst über die Kinderjahre hinaus.«
Ich weiß nicht -- etwas in ihrer Erzählung gefiel mir nicht, etwas, das nicht ausgesprochen wurde und das mir doch in den Worten zu liegen oder darüber zu schweben schien. »Herr von Lüttow geheilt?« sagte ich mit größerer Schärfe, als die Sache verdiente. »Sie können es nicht im Ernste glauben, meine Freundin. Unter so vielen auf ihn gerichteten Augen konnte er sich Ihnen wohl nicht anders als in den vorgeschriebenen Formen der Höflichkeit nähern. Nein, so leichten Kaufs werden Sie nicht von ihm befreit werden. Er Sie aufgeben, um die er so viel gelitten, um die er eine Blutschuld auf sich geladen!« Ich redete mich in einen solchen Eifer hinein, daß sie mich mit dem erstaunten Ausruf beruhigen mußte:
»Aber, lieber Doctor, ich erkenne Sie nicht wieder! Habe ich Ihren Gelehrtenstolz beleidigt, weil ich die Möglichkeit einer Heilung ausgesprochen, wo Sie schon das Todesurtheil gefällt haben? Ich bescheide mich, allein ich gestehe Ihnen aufrichtig, mir wäre es lieber, Lüttow würde ein vernünftiger Mensch und vergäße mich so völlig, wie man hienieden nur jemand vergessen kann, als daß er nach Ihrer Diagnose als Wahnsinniger vor meiner Thür sich erschösse.«
Mit einem Lächeln um ihre vollen Lippen hatte sie angefangen -- nun endete sie doch wider ihren Willen mit so herben und traurigen Worten. Sie war bleich geworden und streckte die beiden Arme abwehrend weit von sich, als sähe sie das schrecklich häßliche Bild leibhaftig vor sich.
»Wie nur ein solcher Einfall in uns aufsteigt!« sagte sie dann und schüttelte sich.
»Ich bin trostlos über meine Ungeschicklichkeit,« erwiderte ich, und ich war es in der That; »vergeben Sie mir, Fräulein Themar. In dem Manne muß wohl ein Dämon stecken, daß man gleich in Verwirrung geräth, wenn man nur von ihm redet. Welcher Arzt hörte aber auch gern von seinem Kranken, daß er wieder in der Gefahr eines Rückfalls gewesen? Und so oft Sie ihm begegnen, besorge ich ein Unglück.«
»Natürlich,« meinte sie abgebrochen, »-- als Arzt.« Plötzlich schaute sie mich groß an; es ging etwas in ihrer Seele vor, das nur als Wiederschein über ihr Gesicht blitzte und seinen Ausdruck erhöhte, dem sie jedoch keine Worte geben konnte oder mochte.
So blieben die drei Worte: »Natürlich, als Arzt« -- in der Luft hängen -- schwebende Fragezeichen, hinter einer Frage, die nur in einem Blicke -- noch weniger, die nur in einem Hauche bestand. Das Gespräch wollte nicht mehr recht in Fluß kommen; Elsa's Stimme hatte einen eigenen, leise zitternden Ton -- auf der Bühne sprach sie so, wenn ein Unerwartetes auf sie einstürmte, wenn sie sich mit einem plötzlichen Ereigniß, einer peinlichen Thatsache abzufinden hatte. Wie immer trennten wir uns mit freundlichem Händedruck; sie hatte eine starke, kleine Hand und eine besonders liebenswürdige Art, die des Anderen zu ergreifen -- heute zum ersten Male war in ihrer Bewegung etwas Zögerndes; ihre Hand war feucht und ihre Augen wie verschleiert.
Mir selbst war nicht weniger bänglich und unheimlich. Woraus entsprang denn mein Uebereifer gegen Lüttow, woher dies Geschrei über eine Begegnung, die mir vor einigen Wochen noch ganz in dem Lichte, wie ihr selbst, erschienen wäre? Aus Eifersucht, alter Narr, aus Eifersucht! Das Netz war über mir zusammengezogen -- das Netz ihres Liebreizes, ihrer Liebenswürdigkeit. Mit all meiner Klugheit saß ich gefangen. Weder die Jahre noch die Studien, weder die Erfahrungen noch die Erkenntniß von der Nichtigkeit und der Gefährlichkeit der Leidenschaft hatten mich vor dem Falle bewahrt. Und was wollte ich denn? Ihre Liebe gewinnen, sie heiraten, Lüttow den Zweiten spielen? Denn wie durfte ich Günstigeres hoffen als der jüngere, glänzendere Mann? Aber nicht diese Aussicht in die Zukunft war es, was mich zunächst bekümmerte und meinen Stolz auf das empfindlichste kränkte -- ich hatte mich Elsa gegenüber verraten. Daher ihre Verwirrung, das Beben ihrer Stimme. Es war noch eine Güte ihres Herzens, daß sie mich nicht ausgelacht. Ein älterer Mann, ein Gelehrter, der einem Mädchen seine Liebe erklärt -- wie lächerlich hatte ich das bisher gefunden; die Rache des Schicksals war gerecht -- ich mußte mich in eine Schauspielerin verlieben. Dahin hatten mich schließlich meine Weisheit, mein Junggesellentum, meine Sicherheit, daß mir die Pfeile Amors nichts mehr anhaben könnten, geführt. Ich irrte an diesem Tage trotz des schlechten Wetters in den entlegensten Teilen des Parks umher, um von niemand gesehen zu werden. Ich fürchtete in meiner Wohnung jeden Besuch, das Gesicht des gleichgiltigsten Bekannten. Alle müßten mir meine Thorheit von der Stirn ablesen. Gegen die Flamme, die in mir lohte, half freilich das Spazierengehen unter entlaubten Bäumen, auf feuchtem Boden, in Wind und Regen ebenso wenig, wie der Vorsatz, sie unter moralischen Betrachtungen zu ersticken. Nichts war leichter, als mich auszuschelten, als mir die unwürdige Lage, in die mich die Leidenschaft gebracht hatte, die Demütigung, die mir zweifellos noch vorbehalten war, in den schwärzesten Farben auszumalen; darum hörte die Hoffnung nicht auf, mir in das Ohr zu flüstern: wenn nun aber Elsa trotz alledem deine Hand annimmt, weniger aus Liebe -- so eitel wirst du doch nicht sein, an ihre Liebe zu glauben! -- als aus Freundschaft; wenn sie der Bühne und dieses unruhigen, unstäten Lebens müde, eine gesicherte Stellung, ein behagliches Dasein in Kreisen, die ihrer Bildung und Schönheit angemessen sind, einer ungewissen Zukunft und den mageren Lorbeern vorziehen sollte ... So hinüber und herüber, in einem wilden Durcheinander gingen Furcht und Zuversicht. Der heldenmütige Entschluß, sie die nächsten Tage zu vermeiden und auch das Theater nicht zu besuchen, der noch heldenmütiger ausgeführt wurde, änderte weder an dem Zustande meines Herzens noch an der Lage der Dinge das Geringste. Meine Bücher dünkten mich schal, meine Untersuchungen wertlos -- ich sehnte mich nach ihrem Lächeln, nach einem Wort von ihr; das ersetzte mir nicht nur den ganzen Galenus -- ich empfand zu meinem Schrecken, daß es mir schon zu meinem Leben notwendig geworden, wie der Sonnenschein meinen Palmen.
Uebrigens hatte ich mit meinem Enthaltungssystem die Rechnung ohne die Wirtin gemacht; ich hatte vergessen, daß ich nicht mehr allein im Kahne saß, sondern daß ein Zweites zu mir eingestiegen war. Als ich am dritten Tage nicht zu Elsa hinübergekommen war, ließ sie fragen: ob ich krank sei, ob mir ihr Besuch nicht ungelegen? Und da war sie schon, schöner als je. Ich schützte meine Studien vor, daß ich sie nicht besucht, eine schwierige Untersuchung. Sie nickte lächelnd mit dem Kopfe, als brauche ich ihr keine weitere Entschuldigung oder Lüge zu sagen. Neugierig schaute sie sich in den vorderen Zimmern um.
»Ich hatte mir die Wohnung eines Gelehrten nicht halb so freundlich und so prächtig gedacht,« sagte sie. »Welch' schöne Blumen! Echte alte chinesische Vasen?«
»Das Geschenk eines Engländers, der lange Jahre Konsul im Reich der Mitte gewesen.«
Nun fragte sie nach diesem und jenem; ich kramte die Seltsamkeiten, Kunstsachen und Kunsttrödel aus, die ich besaß. Und dann ein Gespräch, das nicht abriß, wie ich sie erworben, an welchem Orte, von meinen Reisen -- die Stunde flog nur so dahin. Sie hatte ihre frühere Harmlosigkeit wieder gewonnen und gab mir dadurch gleichfalls wenigstens den äußeren Schein der Ruhe und die gemessene Haltung.
»Und für wen haben Sie dies Alles gesammelt?« fragte sie plötzlich, ihren Kopf zurückwerfend »Für das Gewerbemuseum?«
Es lag so viel Schelmerei und Neckerei in der Frage, daß ich in demselben Ton antwortete: »Freilich, für wen sammelt ein Hagestolz, wenn nicht für das Allgemeine?«
Ein schräger Blick traf mich, und um ihre Mundwinkel zuckte es wie von einem verhaltenen Lächeln. »Da mögen Ihnen die Nachkommen Dank wissen.«
»Sie halten nicht viel davon, vom Nachruhm?«
»Eine mittelmäßige Schauspielerin und Nachruf! Spotten Sie nur! Ich bin eine Eintagsfliege und suche so viel Sonnenschein als möglich zu genießen. Bei Ihnen liegt die Sache anders; Sie leben nicht mit uns und für uns; die besten Gedanken und Stunden eines großen Gelehrten gehören den noch ungeborenen Geschlechtern. Ist es nicht eine Ironie des Weltgeistes, daß Darwin die Unsterblichkeit leugnet und für die Unsterblichkeit arbeiten muß? Für eine Zukunft, die er nicht absehen kann?«
Während sie so sprach, spielte sie mit einem japanischen Fächer, den ich einmal auf einer Auction in London gekauft hatte: zierlich in Elfenbein geschnitzt, mit phantastischen Drachenungetümen und Vögeln, sollte er ein hohes Alter besitzen.
»Wie hieß der Künstler, der ihn fertigte? Wo sind die Schönen hin, die sich mit ihm fächelten und ihn die Sprache der Liebe reden ließen?« meinte sie halb für sich hin, halb zu mir gewendet. »Niemand weiß von ihnen.«
»Aber die ursprüngliche Absicht des Künstlers,« entgegnete ich, »ist doch in Erfüllung gegangen und geht immer von neuem in Erfüllung; er wollte etwas Gefälliges für die Schönen schaffen, und seine Arbeit gelangt in Jahrhunderten immer wieder, nach den mannigfaltigsten Wechselfällen, aus einer schönen Hand in die andere; jede Nachfolgerin freut sich des zierlichen Werkes, wie die erste Besitzerin, und gedenkt unwillkürlich des Meisters und all ihrer Vorgängerinnen.«
Rasch wollte sie den Fächer in das Futteral zurücklegen, allein ich litt es nicht.
»Nun müssen Sie ihn schon behalten,« lachte ich und drückte ihn in ihre Hand.
»Muß ich?« scherzte sie, »dann bezahle ich ihn auch« -- und ihre Wange schmiegte sich an meine Lippen ... So empfängt ein junges Mädchen die Liebkosung eines alten Verwandten. Ein unschuldiger Kuß ... Wären nur ihre Augen nicht gewesen, die wie durch einen leichten Schleier mich anschauten, halb mit einer Frage, halb mit einer Aufforderung.
Seitdem setzte sich unser Verkehr wieder in der früheren Weise fort. Keines wollte dem andern deutlich merken lassen, daß trotz der scheinbaren Gleichmäßigkeit unseres Benehmens unser Verhältnisse eine tiefgehende Aenderung erfahren hatte. Nur ein verstohlener Blick Elsa's, ein kurzer Seufzer, gewisse Wendungen der Rede, ein zärtlicheres Eingehen auf meine Eigenheiten und Ansichten, dann wieder ein beredtes Schweigen, ein Zusammenschauern, wenn ich sie berührte, ließen mich glauben, daß sie gegen meine Liebe nicht unempfänglich wäre, daß sie meinen Wünschen keinen unbesiegbaren Widerspruch entgegensetzen würde. Es waren eben so viele Brände, um die Glut meines Herzens noch mehr zu entzünden. Du bist ja noch kein Greis, sagten die Eitelkeit und die Begierde in mir, daß du nicht nach dem Besitz eines schönen Mädchens streben könntest, und über die erste Jugend und den ersten Liebestraum ist doch auch sie schon hinaus. Bitter genug hat sie die Wechselfälle des Schicksals erfahren, um nicht den heiteren Lebensgenuß in würdiger Stellung nach seinem vollen Werte zu schätzen.
So kleinlaut ich noch vor Kurzem gewesen, so mutig wurde ich jetzt. Mutig und unternehmend -- wir waren in der Weihnachtszeit, und ich fühlte mich, mehr wie in der Jugend, zu abenteuerlichen Streichen aufgelegt. Unter so harten Entbehrungen und Kämpfen um das Dasein hatte ich die Jahre, die man die schönsten nennt, hinbringen müssen, daß ich kaum eine Jugend gehabt, wenigstens nichts von ihrem Sonnenschein genossen. Einmal hatte auch mir die Liebe gelächelt, einmal war auch ich in Arkadien gewesen -- aber ich hatte das Glück nicht zu benutzen verstanden. Jetzt war es unnütz, nachträglich darüber zu grübeln, ob ich wie ein Thor oder wie ein Held gehandelt, ob ich mich mit der Kraft des Willens vor der Schuld bewahrt hatte oder vor der Leidenschaft aus angeborener Schwäche geflohen war. Die einzige Ausbeute, die ich von allen Arbeiten, Nachtwachen und Entsagungen heimgebracht, war ein Name in der Wissenschaft und ein Vermögen -- zu spät erkannte ich, daß sie nicht im Stande sind, Glück zu gewähren. Nein, es sollte nicht zu spät sein! Ich wollte mich an die Tafel des Lebens setzen und seinen Wein kosten.
Das Weihnachtsfest bietet die leichteste und die ungezwungenste Annäherung auch denen, die sich bisher im Zwange der Gesellschaft ferner gestanden; unter dem Tannenbaum, im Glanz der Lichter, in dem Hauch der Kindheitserinnerungen, der mit dem Harzduft durch das Gemach zieht, finden sich Hände und Herzen gleichsam von selbst zusammen. In meiner Stube hatte freilich seit fünfunddreißig Jahren kein Weihnachtsbaum gestanden; ich pflegte mich jeden heiligen Abend, wenn die Pflicht mich nicht durch die feuchten Straßen, in Nebel und Regen, auf und ab von einem Krankenbett zum andern trieb, so tief ich konnte unter meinen Büchern zu vergraben. Hatte ich doch nicht einmal frohe Erinnerungen heraufzubeschwören. In Armut und Sorge war meine Mutter gestorben, ich hatte ihr keinen heiteren Lebensabend bereiten können; in weiter Ferne lebten mir die Geschwister -- nun auch, so viel ich wußte, in wohlhabenden Verhältnissen, aber jenseit des Oceans, im Westen der Union. So war mir der Christabend nur dadurch ein anderer als die übrigen Abende im Jahre, daß sich an ihm mein Mißmut und meine Melancholie steigerten und das Weltelend mich in den Abgrund der Verzweiflung hinabzustoßen drohte.
Heute sollte es anders sein. »Ich lasse mir meinen Weihnachtsbaum nicht nehmen,« hatte Elsa gesagt. »Der Direktor ist in der Gebelaune und will uns Allen eine feierliche Bescherung bereiten, allein um neun Uhr bin ich wieder daheim und zünde mir mein eigenes Christlicht an. Sie sind feierlich dazu geladen, mein lieber, mein verehrter Freund!« Mir war das eine Botschaft wie aus Engelsmunde. Wie dereinst der römischen Welt, so schien auch mir eine Zeit des Friedens und der Fröhlichkeit anbrechen zu sollen.
Ungeduldig erwartete ich die neunte Stunde -- ich glaube, mit klopfendem Herzen wie ein Kind. Und meine Hoffnung wurde nicht getäuscht. Nie habe ich einen schöneren Weihnachtsabend gefeiert, als diesen. Alles vereinigte sich, Elsa in die rosigste Laune zu versetzen. Ihre Kollegen, ihr Direktor hatten sie mit ausgesuchtester Liebenswürdigkeit behandelt; vor einigen Tagen war ein neues Schauspiel aufgeführt worden, und sie hatte darin einen so großen Erfolg gehabt, daß ihr Spiel und die Kunde, die sich davon in der Stadt verbreitet, der Neuigkeit während mehrerer Wochen volle Häuser zu versprechen schienen. Die Kleinigkeiten, die sie verschenkt, hatten den anderen eben so viele Freude bereitet, als ihr die Gaben, die sie empfangen. In ihrer Wohnung strahlte bald der bunt aufgeputzte Tannenbaum im hellen Lichterglanz. Mir schimmerte ihr Gesicht wie Frühlingssonnenschein. Sie trug ein blauseidenes Kleid, die blonden Haare fielen ihr lang ausgekämmt über Schultern und Rücken. In ihrer Heiterkeit und Geschäftigkeit hatte sie niemals bestrickender den ganzen Zauber ihrer Anmut entfaltet. Nachdem wir Beide uns an dem gegenseitigen »Aufbau« erfreut und satt gesehen, sie in jeder Kleinigkeit noch eine besondere Zierlichkeit entdeckt hatte, saßen wir dicht neben einander. Aus ihrer munteren Laune war sie allmählich ernsthafter geworden, unwillkürlich hatten sich unsere Hände zusammengefunden. »Heute komme ich mir wirklich wie die arme Schäferin vor,« sagte sie, »der ihre Pate, die Fee, einen ganzen Korb köstlicher Geschenke in den Schooß schüttet. Denken Sie nur, ich habe einen Gastspielantrag von dem Burgtheater in Wien erhalten -- ich, armes Ding! Wer mir das vor einem halben Jahre geweissagt hätte! Ich muß aber seitdem eine vortreffliche Schauspielerin geworden sein, wenn ich dem Publikum und meinem Direktor glauben soll. Und wem verdanke ich dies glänzende Resultat? Wem anders als Ihnen, lieber Freund, Ihren Ratschlägen, Ihren Lehren!«