Die Uhr; Aufzeichnungen eines Hagestolzen
Part 3
Wer am dritten Tage danach, als sie zum ersten Male wieder die Bühne betrat, nicht im Theater fehlte, war ich. Schon aus Pflicht hätte ich nicht wegbleiben dürfen. Irgend ein Zufall konnte ihr zustoßen, bei dem ihr meine Hilfe vielleicht von Nutzen und Werth war. Dicht an der Bühne, in einer der unteren Logen, hatte ich einen Sitz genommen. Weil mir all' diese Verhältnisse und Dinge so ungewohnt waren, lebte ich in der Erwartung eines tragischen Abenteuers. Darum ärgerte ich mich anfangs, als ich einen Bekannten in der Loge traf, mit seiner Frau, die gleich ein endloses Gespräch mit mir begann, während ich mich am liebsten in den dunkelsten Winkel zurückgezogen hätte, um ungestört beobachten zu können. Nachher aber erwies sich der Zufall doch als ein glücklicher. Der Vorhang war eben in die Höhe gegangen, da trat der unheimliche Mensch in die mir gegenüberliegende Loge des ersten Ranges; unsere Blicke, der seine von oben herab, der meine von unten herauf, begegneten sich durch die Operngläser. Nicht einmal, zehnmal sagte ich es mir, daß mein Urtheil über ihn durch Bastian's und Elsa's Mittheilungen eine Trübung erfahren, und daß ich ihn nur wie durch einen grauen Schleier sähe -- es half nichts, er kam mir wie ein Mörder vor, wie einer, von dem man immer eine Gewaltthat zu befürchten hat, dem gegenüber man sich beständig in der Nothwehr befindet. Errieth er meine Gedanken? War es ihm unbehaglich, daß ich seine Vergangenheit kannte? Meine Anwesenheit im Theater, unser Gegenüber ärgerte ihn und schien ihn außer Fassung zu bringen. Wenigstens schenkte er der Bühne und dem Spiel der Schauspieler nur je zuweilen seine Aufmerksamkeit; kaum daß er sein Glas eine Minute lang auf Elsa richtete, als sie, von dem Beifall ihrer Verehrer begrüßt, aus der Coulisse trat. Und so verhielt er sich während des ganzen Abends still, gleichgiltig gegen Alles, was auf den Brettern vorging, nur unsere Loge ließ er nicht aus den Augen. Die Gattin meines Bekannten, neben der ich saß, ist eine schöne Frau, nicht mehr in der ersten Blüte, aber eine rechte Abendschönheit, die sich mit dem feinsten Geschmack zu kleiden versteht und, wo sie sich zeigt, bald der Gegenstand bewundernder Aufmerksamkeit wird. Natürlich entging ihr der eigenthümlich geschnittene Kopf nicht, dessen Augen unablässig hinüber starrten; sie -- und wahrscheinlich Alle, die darauf achten mochten -- legten sich dies Anschauen zu Gunsten ihrer Schönheit aus. -- »Ein merkwürdiger Mensch da drüben,« sagte sie in einer Pause zu mir, »der dort mit dem rothen Bart und der Adlernase. Offenbar ein Fremder, ich sehe ihn zum ersten Male im Theater. Was er nur an uns findet?«
»Er hat etwas von einem Byron'schen Helden, Conrad der Corsar --«
»Oder wohl gar Montechristo! Liebster Doctor, das ist altmodisch. Mir kommt er wie einer unserer neuesten adeligen Gründer vor. Wenn er einen vornehmen Namen trägt, könnte er glänzende Geschäfte machen.«
»Im Ernst?«
»Sehen Sie ihn nur genauer an, der wird nicht allein den Frauen, sondern auch den Männern gefährlich.«
Im anderen Sinne, als sie es meinte, war die Bemerkung nur allzu richtig. Also hatte ich mich doch nicht ganz getäuscht, etwas Dämonisches oder Magnetisches war um diesen Herrn von Lüttow. Blutgeruch, würde mich Bastian unterbrochen haben, wenn er die dumpfe Sprache meines Innern hätte vernehmen können, gar keine Schwebelei und Mystik, sondern ein realer Todtschlag. Im Uebrigen ging die Vorstellung ohne jede Störung vorüber; ich glaube nicht einmal, daß Elsa ihren schrecklichen Liebhaber erblickte: in ihrem Spiel wurde weder eine Spur ihres Leidens noch irgend einer Angst oder Sorge sichtbar. Beruhigten Gemüths verließ ich das Theater; es war mir sogar nicht unangenehm, daß er mich draußen unter dem Portal erwartete. Ich hatte eine solche Begegnung vermuthet, und es dünkte mich das geringere Uebel, daß ich mit ihm zusammengerieth, als daß er Elsa aufs Neue erschreckte. Gerade unter einer Laterne standen wir uns gegenüber, unsere Gesichter hell beleuchtet.
»Mein Herr Medicinalrath,« sagte er nach höflichem Gruß halblaut, zwischen Zischen und Knirschen, wie einer, der mit Spott und Wut kämpft, »nicht das Alter noch die Wissenschaft schützen vor gewissen Thorheiten, vielleicht thut es die Erkenntniß der Gefahr, die zuweilen mit Narrenstreichen verbunden ist. Nichts für ungut darum, wenn der jüngere Mann den älteren warnt. Verbrennen Sie sich nicht an diesem Feuer, es kostet mehr als die Finger.« Nun aber schäumte doch der Zorn über das Wehr scheinbar kühler Ironie: »Dies Weib gehört mir,« brach er mit bebender Stimme aus, die in ihrem Flüsterton noch unheimlicher klang, »mir allein, Niemand darf daran rühren! Bedenken Sie's wohl!«
Und fort war er, in dem Gedränge der Menschen, der heran- und hinwegfahrenden Wagen, in der Dunkelheit der Straße entschwunden -- er mochte gefürchtet haben, bei meiner Antwort seiner selbst nicht mehr Herr zu bleiben, und hatte die Entfernung einem ärgerlichen Auftritte vorgezogen.
Ich hatte Muße vollauf, über den Vorfall während der Fahrt nach meiner Wohnung nachzudenken. Ein wunderlicher Kauz, wenn nicht gar ein wahnsinniger. Die Festungshaft hatte in keiner Weise seine Eifersucht abgekühlt. Neu war mir nur die Beobachtung, daß sich die Wut nicht gegen Elsa richtete. Wenn es sich um ein Liebesabenteuer handelte, konnte ich ihm schwerlich bei seiner Schönen hinderlich werden, selbst mit meinem besten Willen nicht, und wenn ihn die Schöne zurückwies, was half es ihm, daß er mich gewaltsam von ihr entfernte? Freilich, wer wird bei einem Verliebten nach Verstandesgründen suchen? Der Trieb stößt den Bewußtlosen vorwärts; ein Priester hat einmal in solcher Raserei alle Bewohner des Hauses getödtet, in dem sich die Person, die er liebte, aufhielt. Das ist keine angenehme Aussicht für die Arme, die eine solche Leidenschaft entzündet hat; sehr begreiflich, daß dieser Herr von Lüttow bei meiner Nachbarin mit seiner Werbung kein Glück gehabt hat. Um so mehr war es die Pflicht eines Mannes, eines Arztes, sie zu beschützen. Ihm gehörte sie? Nach welchem Rechte? Sie war doch weder seine Sklavin noch seine Frau. Und wie die Dinge lagen, konnte er nicht einmal die Gewalt des Stärkeren geltend machen. Ihm gehörte sie? Oder hatten die Worte einen verborgenen Sinn? Gleichviel -- ihr Widerstand war hier das einzig Entscheidende, und ich that recht, sie darin zu bestärken und vor seinen Nachstellungen zu schirmen. So scharf ich auch Einblick in meine Empfindungen hielt, ich konnte keinen selbstsüchtigen Beweggrund meines Handelns entdecken; was mich bestimmte, war das Mitleid, höchstens empfing es von dem Zauber, den Elsa's Stimme auf mich ausübte, eine wärmere Färbung.
An jenem Abend und noch in den nächsten Tagen hätte ich für die ungetrübte Reinheit meines Gefühls einstehen wollen, es war kein unlauterer Zusatz darin. Aber wie lange kann die Empfindung des Mitleids einem schönen Mädchen gegenüber sich frei von Wünschen und Hoffnungen bewahren? Zuerst stellte sich das Verlangen ein, über die Freundschaft hinaus ein vollgiltiges, von Allen anerkanntes Recht zu Elsa's Schutze zu haben. Denn verhielt sich auch Lüttow, im Widerspruch zu seinem ersten Auftreten, ruhig, an vielen Zeichen war zu erkennen, daß er uns beobachtete. Nicht allein, daß er jeder Vorstellung Elsa's beiwohnte: auf der Promenade begegnete er ihr; fuhr sie aus, erschien er zu Pferde und ritt in gemessener Entfernung neben oder hinter ihrem Wagen einher. Er versagte es sich, sie anzureden, er grüßte nur: allein dieser Gruß war hinreichend, um die Arme zu beunruhigen. Was du auch thust, schien er zu sagen, ich weiß darum, ich bin da. Es giebt nichts Peinlicheres, als unter dem Zwang einer geheimen Aufsicht zu stehen, die man kennt, von der man sich nicht zu befreien vermag, und über deren Dasein man immer von neuem erschrickt. Der einmal nervös erregten Elsa schien Lüttow allgegenwärtig zu sein; wenig half es, daß ich ihr vorstellte, wie alle diese Begegnungen zufälliger Art sein könnten, daß vielleicht in dem Zusammenhang der Dinge gerade ihre Furcht, mit ihm zusammenzutreffen, ihn herbeiriefe. Die Ahnung der Unfreiheit peinigte sie mehr, als irgend eine Besorgniß vor einer gewaltthätigen Handlung des seltsamen Menschen. Auf den Brettern, in der Bewegung und Hast des Spieles, inmitten ihrer Kameraden war sie unbekümmerter und gelassener; »bin ich aber allein in meinem Zimmer, mit meinen Gedanken, ergreift mich die Angst,« gestand sie mir. »Plötzlich, wenn ich lese oder eine Rolle lerne, glaube ich die Thür sich öffnen, die Vorhänge sich auseinanderschieben zu hören -- eine Weile wage ich nicht aufzublicken, der Schrei des Schreckens bleibt mir in der Kehle stecken, bis der Schauer vorüber ist.«
Es war an einem ihrer freien Abende, und sie hatte mich bitten lassen, eine Tasse Thee bei ihr zu trinken. Sie ging selten in Gesellschaften, sei es, weil sie eifrig studierte oder ihre angegriffene Gesundheit schonen wollte; Wenige kamen zu ihr -- die Collegen, ein und ein anderer junger Poet, einige Damen. Bei ihrer Jugend mußte ihr da wohl zuweilen die Einsamkeit lästig fallen und auf ihre Phantasie einen nicht günstigen Einfluß ausüben. Nichts war darum natürlicher, als daß sie bei mir Unterhaltung und Zerstreuung suchte. Ich war eine neue Bekanntschaft, aus einem anderen Lebenskreise, überdies eine ungefährliche. -- Also wir saßen zusammen, das Zimmer war hell erleuchtet, sie liebte viel Licht; draußen fegte der Herbstwind durch die stille Straße und trieb den Regen in bestimmten Zeiträumen klatschend gegen die Fensterscheiben.
»Aber wie hat sich nur diese unglückselige Verbindung angeknüpft?« fragte ich im Laufe des Gespräches. »Nicht, daß ich mich in Ihr Leben eindrängen will, aber man löst den Knoten leichter, wenn man weiß, wie er sich schürzte.«
»Warum sollten Sie es nicht wissen, mein verehrter Freund,« entgegnete sie. »Giebt es doch nichts, was ich zu verbergen hätte. Ohne den Charakter des Herrn von Lüttow wäre es die einfachste Geschichte, die jeder Schauspielerin passirt. Vor zwei Jahren spielte ich in Königsberg. Ich gefiel meinem Direktor und einem Teil des Publikums, aber es gab auch eine starke Partei, die mir nicht wohl wollte. Ich, die Anfängerin, hatte die Kühnheit, eine erfahrene Künstlerin aus ihrem Rollenfache zu verdrängen -- einzig, weil ich jünger und hübscher war. Ach! Sie haben nie erfahren, was Theaterneid und Theatereifersucht bedeuten. So oft ich mit meiner Nebenbuhlerin spielte, hatte sie den Beifall und die Kränze; meine Freunde wurden von ihren Anhängern überstimmt. Sie war seit Jahren in der Stadt ansässig, mit vielen Familien bekannt; ich kam aus einer anderen Provinz, aus anderen Lebensgewohnheiten und hatte zunächst keinen Umgang und keine Stütze als bei einigen meiner Genossen. So verdrießlich und peinlich waren diese Verhältnisse, so viel Thränen hatte ich schon darüber vergossen, daß ich den Beschluß gefaßt, meinen Kontrakt zu lösen und auf einer anderen Bühne mein Heil zu versuchen, als ein Abend mein Schicksal änderte. Damals hielt ich es für eine Wendung zum Glück! Was sind wir doch für kurzsichtige Eintagsgeschöpfe mit unendlichen Plänen und Hoffnungen! Emilia Galotti wurde aufgeführt, ich war die unglückliche Emilia. Man hatte mir gesagt, daß meine Gegnerin gerade in dieser Rolle ein Meisterstück geleistet hätte, daß es thöricht und übermütig von mir wäre, gerade hier den Kampf mit ihr aufzunehmen -- ich wußte im Voraus, daß mir an diesem Abend nichts gelingen würde. Das Haus war dichtgedrängt voll von Zuschauern; mich dünkte es, als wären die meisten aus boshafter Absicht gekommen, meinen Fall mit anzusehen. Den Schrecken Emiliens, bei ihrem Auftreten, hat vielleicht nie eine Schauspielerin natürlicher dargestellt als ich, nur floh ich den Feind nicht, sondern mußte ihm entgegengehen. Ein Zischen empfing mich, das nur mühsam zur Ruhe gebracht wurde, die Versammlung war aufgeregt; als ich mich nach einer tödtlichen Viertelstunde endlich zum Abgehen wandte, das Schlimmste erwartend, erhob sich ein lauter Beifall, ein anhaltendes Händeklatschen, in dem das Gezisch verhallte, ich wurde hervorgerufen -- ein-, zweimal, mit thränenfeuchten Augen blickte ich umher. In einer der vordersten Logen, hart an der Bühne, saßen mehrere Offiziere der Garnison: einer war aufgestanden und klatschte wie toll, es war Herr von Lüttow. Es war natürlich, daß ich bei meinem Auftritt im anderen Akte dankbar nach meinem Ritter hinüberschaute. Wie eine Erinnerung dämmerte es in mir auf, daß ich ihn schon einmal gesehen hätte -- es war eine schmerzliche Erinnerung. In der Leidenschaft des Spieles bekümmerte ich mich nicht um das unangenehme Gefühl, aber um so stärker kehrte es mir zurück, als ich in einer schlaflosen Nacht die Ereignisse des Abends überdachte. Wohl war ich stolz und glücklich über meinen Erfolg, er hatte nicht nur über meine Stellung an diesem Theater, sondern überhaupt über meine künstlerische Laufbahn entschieden. Manche Zweifel, die in mir aufgestiegen waren, hatte der Beifall verstummen lassen. Sie würden mich auslachen, verehrter Freund, wenn ich Ihnen meine damaligen ehrgeizigen Gedanken beichten wollte, da so wenig von ihnen in Erfüllung gegangen ist. In meine Freude mischte sich indeß ein Tropfen Wermut; es verdroß und ängstigte mich, daß Herr von Lüttow einen so großen Anteil an meinem Triumphe gehabt hatte. Nicht, daß ich jemand zu Dank verpflichtet war -- daß ich es ihm war, beunruhigte mich. War es schon eine Ahnung von dem Unheil, das er mir bereiten würde, die sich in mir regte? Ich suchte mir damals jene Empfindung aus einer Art von Scham zu erklären. Vor zwei Jahren hatte mich Herr von Lüttow unter anderen, unter glänzenderen Verhältnissen kennen gelernt. Es war in einem Badeort gewesen, mein Vater lebte noch. Ich galt für eine reiche Erbin und gab in meinem Kreise den Ton an. Es ist bitter, dann als arme Schauspielerin einem früheren Verehrer zu begegnen; Sie müßten ein Weib sein, um mich ganz zu verstehen, lieber Doctor -- ein Weib, das plötzlich einem Manne Dankbarkeit schuldet, dessen Huldigung sie bisher übermütig zurückgewiesen hat, das von den Höhen des Reichthums in die Unsicherheit eines zweideutigen Standes hinabgestürzt, dem vornehmen Manne gegenübersteht. Daß mir gerade das Künstlerthum einen romantischen Zauber in seinen Augen geben könnte, fiel mir nicht ein. Ich fand mich durch das Unglück meines Vaters in meinen Augen gedemütigt, ich fürchtete mich vor der Erzählung unseres Sturzes, vor dem Aufreißen kaum vernarbter Wunden. So mischte sich von vornherein in mein Verhältniß zu Herrn von Lüttow ein Element der Pein und des Unbehagens, das zu verbannen vermutlich selbst der zärtlichsten Liebe schwer geworden wäre.«
Erst nach einer Pause, in der sie still vor sich hin auf den Teppich geblickt hatte, fuhr sie fort: »Und ich liebte ihn nicht. Nein,« wiederholte sie mit Heftigkeit, als ob ich oder eine geheime Stimme ihres Herzens ihr widersprochen hätte, »ich liebte ihn nicht. Seine Gegenwart drückte mich, seine Blicke, die mich unablässig verfolgten, schüchterten mich ein. Mir fiel immer der Jäger ein, der auf dem Anstand das arglose Thier erwartet, bis es ihm in den Schuß kommt. Nun bin ich freilich nicht ohne Schuld, ich hätte auch als Schauspielerin ihm gegenüber die Rolle weiter spielen sollen, die ich als Weltdame gegen ihn angenommen. Mein Herz hatte sich in den zwei Jahren nicht zu seinen Gunsten gewandelt, aber ich hatte meinen Trotz, meinen Uebermut verloren. Arm geboren, in den Entbehrungen der Not, in den Kämpfen um das armselige Leben groß geworden sein, mag den Charakter stählen und dem Menschen durch Willenskraft ersetzen, was es ihm an anmutigen Formen raubt. Aber durch einen einzigen Wetterschlag aus der Sorglosigkeit des Wohlstandes auf das Schlachtfeld des Daseins geworfen werden, der Armut ins hohle Antlitz sehen, Entbehrungen erleiden und Forderungen sich fügen müssen, vor denen wir in unserem Glücke zurückgeschauert wären, wie vor der Berührung des Todes -- das kann wohl den Mut auch des Stärksten herabstimmen. Und ich war ein Mädchen; froh genug, daß ich mich so weit emporgekämpft, ohne den Stolz der Seele eigenwillig ganz zerbrochen, ohne ihn ganz durch das Verhängniß verloren zu haben! Wie hätte ich die Hand eines Freundes in meiner Lage zurückstoßen können? Auch vermied er in der ersten Zeit nach der Wiederanknüpfung unserer Bekanntschaft jede heftigere Annäherung und jede Anspielung auf die Vergangenheit, die mich hätte verletzen können. Er war voll ritterlicher Zurückhaltung und schien die schiefe Stellung, in die ich durch das Unglück zu ihm gerathen war, achten zu wollen. Wäre ich ein Theaterkind oder eine echte Schauspielerin gewesen, die nicht nur auf der Bühne Komödie spielt, sondern unwillkürlich und unbewußt ihr ganzes Leben zu einer Reihe von Komödienscenen ausbildet, wie leicht, wie angenehm hätte sich mein Verhältniß zu Lüttow gestaltet. Er war ganz der glänzende Kavalier, mit dem eine Schauspielerin gern eine Weile ein Liebesabenteuer hat. Ich aber hatte wohl aus dem Drange der Not und in einem dunklen Triebe die Bühne betreten, doch Schauspielerblut hatte ich nicht in den Adern. Noch immer betrachtete ich die Welt mit den Augen eines gebildeten, sittsam erzogenen Mädchens, einer jungen Dame der besten Gesellschaft -- damals noch mehr wie heute, mein verehrter Freund, muß ich leider hinzusetzen. Meine Colleginnen beneideten mir die Eroberung des reichen Offiziers; sie begriffen nicht, daß ich nicht mit beiden Händen zugriff oder ihn nicht, wenn ich nun einmal einen unbesieglichen physischen Widerwillen gegen ihn empfände, entschlossen von mir entfernte. Der ersten Entscheidung widersprachen mein Herz und meine Lebensanschauung, zu der anderen fehlte mir der Muth. Denn inzwischen hatte sich Lüttows Benehmen gegen mich in einer Weise geändert, die mir die lebhaftesten Besorgnisse einflößte. Er war zudringlich und herausfordernd geworden, seine Huldigung äußerte sich in so auffälligen Zeichen, daß bald die ganze Stadt von seiner Leidenschaft sprach. Diese Ständchen, diese Blumen, diese Geschenke trieben mir die Schamröthe in die Wangen und brachten mich außer Fassung. Es half nichts, daß ich sie ihm verbot, daß ich ihm drohte, jede Beziehung zu ihm abzubrechen: er lachte darüber. Ich sei eben eine Festung, die regelrecht belagert und bestürmt werden wolle, das sei ihm neu und unterhalte ihn, behauptete er. Wie lange sich der kleine Krieg zwischen uns hätte hinziehen können? Ich weiß es nicht; die spöttischen Reden seiner Kameraden über die Nutzlosigkeit seiner Bemühungen erregten schließlich einen so großen Zorn in ihm, daß er ein Ende zu machen beschloß. Ich hatte einige leidenschaftliche Auftritte zu erdulden, aber ich beugte mich nicht. Seiner Verfolgungen und Liebeserklärungen müde, schloß ich ihm meine Thür und forderte von meinem Direktor meine Entlassung. Es war mir nicht möglich, mit diesem Wilden in derselben Stadt zu wohnen. Nun legte er sich auf das Bitten und Schmeicheln; einsehend, daß ich niemals seine Geliebte werden würde, bot er mir seine Hand an. So groß war seine Leidenschaft, oder seine Eitelkeit so blind, daß er meine Abneigung gegen seine Person nicht für möglich hielt und meinen Widerstand einzig aus moralischen Gründen erklärte. In denkbar maßvollster Weise antwortete ich ihm; nachdem ich ihm die Hindernisse auseinandergesetzt, die sich seiner Verbindung mit mir widersetzten, deutete ich leise die Verschiedenheit unserer Charaktere an, die auch innerlich eine dauernde glückliche Verbindung zwischen uns ausschlösse, und bat ihn, nicht ferner meine Ruhe zu stören und mich ziehen zu lassen. Große Hoffnungen hegte ich freilich nicht von meiner Vernunftpredigt, aber ich war doch weit entfernt, den leidenschaftlichen Ausbruch zu ahnen, den sie hervorbrachte. Mit zweien seiner Freunde erschien er plötzlich in meiner Wohnung und erklärte mir vor ihnen, als seinen Ehrenzeugen, daß er mich heiraten wolle, ich müsse einwilligen. Nur mit Mühe konnten die Herren den Tobenden beschwichtigen. In meiner Herzensangst, eben so sehr um ihn wie um mich besorgt, that ich jetzt einen Schritt, der die Qual und der beständige Stachel meines Lebens geworden ist -- er hat den Tod eines Unschuldigen verursacht.«
»Sie Aermste!« suchte ich zu trösten. Ich empfand in diesem Augenblick, wie ich sie so aufgeregt von den schmerzlichsten Erinnerungen sah, einen tödtlichen Haß gegen diesen Lüttow und wünschte mir Riesenkräfte, ihn zu bändigen.
»Ich schrieb,« nahm Elsa ihre Erzählung wieder auf, »einen Brief an einen der Herren, die Zeugen jenes Auftrittes gewesen waren, einen Jugendfreund Lüttows und seiner ganzen Familie, und ersuchte ihn, mir eine Unterredung mit der Schwester Lüttows zu vermitteln, die einen großen Einfluß auf ihn ausübte und in der Nähe der Stadt mit einem Gutsbesitzer verheiratet war. Herr von Sternberg kannte mein ganzes Verhältniß zu seinem Freunde; ich hatte ihm gestanden, daß ich Lüttow nicht lieben könnte -- ich rief ihm in dem unglückseligen Briefe Alles, was zwischen uns verhandelt worden war, ins Gedächtniß zurück: so wie er mich kennen gelernt, möchte er mich der edlen Frau, deren Schutz ich anflehte, schildern. War es ein tückischer Zufall, war es eine Unvorsichtigkeit Sternbergs -- Lüttow erhielt Kunde von diesem Briefe; um sich zu rechtfertigen, übergab ihm Sternberg meine Zeilen -- die Folge war ein Duell. Lüttow glaubte sich von dem Freunde verraten und betrogen; er traf ihn ins Herz. Was ich dabei gelitten, erlassen Sie mir Ihnen zu sagen. Mein Aufenthalt in der unseligen Stadt dauerte zum Glück nicht lange mehr. Von Lüttows Verfolgungen war ich befreit, er saß auf der Festung, aber unablässig verfolgte mich das Bild des unschuldig Gemordeten. Noch jetzt sehe ich es vor mir, die treuen, guten Augen vorwurfsvoll auf mich gerichtet -- nie wird es mich zur Ruhe kommen lassen.«
Neunmal -- hart und scharf schlug im Nebenzimmer die abscheuliche Uhr. Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und weinte bitterste Thränen.
An dem Abend sprachen wir noch lange über die Launen des Schicksals, über das dämonisch Unerklärliche der Leidenschaft in kühler Verständigkeit und kamen darin überein, daß es für die Heiterkeit und Ruhe des Daseins am besten sei, sich früh bescheiden zu lernen. Da selbst die Befriedigung der Leidenschaft wohl entzücke, aber nicht beruhige und nur Unlust und Ermüdung zurücklasse, wozu diese Qual? Ob es aber überhaupt dem Menschen möglich sei, sein Herz zu bändigen? fragte sie dazwischen. Ob der dunkle Trieb nicht stärker sei, als der bewußte Wille, und sogar denjenigen fortrisse, der in lichten Augenblicken das Gefährliche und Selbstmörderische eines überwältigenden Dranges der Liebe oder des Ehrgeizes erkenne? Ich war nahe daran, ihr eine Geschichte aus meinen jungen Jahren zu erzählen, in der sich, wie ich wenigstens glaube, meine Entsagungsfähigkeit der Versuchung gegenüber heroisch bewährt hatte -- aber eine innere Stimme sprach dawider, mit meinen fünfzig Jahren erschien es mir beinahe geckenhaft, von einem sentimentalen Liebesabenteuer zu sprechen. Noch dazu einer Schauspielerin gegenüber! Auch war es über unseren philosophischen Betrachtungen spät geworden und wünschenswerth, daß jeder die Gedanken, die in ihm aufstiegen, still für sich und in sich ausklingen ließe.