Die Uhr; Aufzeichnungen eines Hagestolzen

Part 2

Chapter 23,580 wordsPublic domain

Sie hatte meinen erstaunten Blick nicht bemerkt und fuhr, ausschließlich mit ihren Gedanken und Erfahrungen beschäftigt, in nervöser Heftigkeit fort: »Die Stunde schlägt, wo eine verhaßte Gestalt sich mir nähert, drohend, ihr Recht fordernd. Zuweilen weiß ich nicht, ob nur das Spiel meiner aufgeregten Phantasie sie herbeibeschwört, ob es Wirklichkeit ist. Was ist überhaupt Wirklichkeit? Eine Weile lassen mich die schrecklichen Bilder in Ruhe, aber es ist ein trügerischer Friede, unerwartet stehen sie wieder vor mir da.«

War es nun die sichtliche Angst des schönen Mädchens, die rührende Bitte um Hilfe, die eben so beredt aus ihren Augen wie aus dem Tone ihrer Stimme sprach, oder das immerhin merkwürdige Problem, unter welchen Bedingungen Traumbilder, Phantasie-Vorstellungen eine scheinbare Realität und Körperlichkeit unsern Sinnen gegenüber erhalten können, was mich fesselte -- genug, ich blieb und fing an zu fragen, halb als Arzt, halb als Beichtiger. So weit war in wenigen Minuten mein Wille vom Zufall umgestimmt worden.

»Allein dies Unerwartete,« sagte ich auf ihre letzte Aeußerung, »kann sich doch nicht ohne einen äußeren Anstoß ereignen. Ihre Phantasie muß eine Anregung, einen Eindruck von außen her empfangen, der jene halb entschwundene Reihe von Vorstellungen wieder in den Vordergrund treten läßt und dem Einzelnen wieder feste Formen und helle Farben giebt. Erinnern Sie sich nur genau, was Ihnen gestern Abend geschehen ist. Ich will Ihrem Gedächtniß zu Hilfe kommen. Da wir Nachbarn sind und einzig eine dünne Wand uns trennt, hörte ich Sie in der Nacht in heiterer Stimmung Ihr Zimmer betreten.«

»O mein Gott!« Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. »Was hab' ich da gemacht? Sie waren noch wach, Sie haben gehört -- ich muß einen Schrei ausgestoßen haben« ...

»Ja -- und ich möchte Sie als Arzt fragen, was die Ursache Ihres Schreckens war« ...

»Ein Brief, der mir eine Ankunft ankündigte« --

»Eines ehemaligen Liebhabers?« fuhr es mir heraus. Ich fühlte mich wieder ernüchtert und erkannte die Sphäre, in der ich mich befand -- ein abenteuerliches, phantastisch aufgeputztes Komödiantenthum.

»Warum nicht?« fragte sie zurück. »Glauben Sie nicht, daß man sich vor der Liebe fürchten kann?«

»Ich bin so fest davon überzeugt wie Sie, nur meine ich« -- und ich deutete auf meine grauen Haare -- »daß für mich kein Platz in dieser Geschichte sein dürfte. Was der Arzt Ihnen sagen konnte, hab' ich Ihnen gesagt. Ihr Körper bedarf der Ruhe, des Schlummers -- das Uebrige, was allerdings das Wichtigere ist, liegt außerhalb des Bereiches meiner Wissenschaft. Unruhige Seelen zu beruhigen, giebt es in der Apotheke kein Mittel.«

»Sie wollen mich in Unmuth verlassen, als ob das Opfer einer tollen Leidenschaft Ihres Rathes und Ihrer Hilfe weniger würdig wäre, als jede andere Kranke« ...

Sie kam nicht weiter; draußen wurde ungestüm an der Klingel gerissen und zugleich hob im Nebenzimmer die Uhr zum Stundenschlage aus -- zwölf Schläge. Der hellste Mittagssonnenschein eines freundlichen Herbsttages schaute, so weit es ihm die niedergelassenen weißen Fenstervorhänge gestatteten, in das Gemach. Mit dem Schrei: »Er ist es!« war die Schauspielerin bewußtlos rücklings niedergesunken. Wenn dies schon Komödie war, so wurde sie zum mindesten gut gespielt. Um die Ohnmächtige beschäftigt, achtete ich des heftigen Gezänkes nicht, das sich auf der Vorflur zwischen der Dienerin und dem ungeberdigen Besucher entspann. Gerade als ihr die Besinnung zurückkehrte, stürzten die Zankenden ins Zimmer, voran der Fremde, hinter ihm die Dienerin, die ihn zurückzuhalten suchte. Aergerlich drehte ich mich um und richtete mich dem Störenfried gegenüber in meiner ganzen ärztlichen Würde auf.

»Wer erlaubt Ihnen hier einzudringen? Bei einer Kranken! Wenn man Ihnen den Eintritt weigert« ...

»Und wer sind Sie?« fuhr er grimmig heraus, »der« ...

»Das möcht' ich Sie fragen. Ich bin der Arzt und im Augenblick der Herr hier.«

Ich stand zwischen ihm und dem Mädchen, auf der Schwelle der Thür, den Arm abweisend erhoben. Offenbar hatte ihn diese unerwartete Begegnung außer Fassung gebracht; er maß mich mit einem halb geringschätzenden, halb mißtrauischen Blicke, aber diese Prüfung mochte insofern zu meinen Gunsten ausfallen, da er nichts von einem Liebhaber an mir entdeckte. Zögernd that er einen Schritt rückwärts. »Ich bitte um Entschuldigung,« sagte er, mit den Zähnen seine Unterlippe beißend.

Da klang es wie das Zuschieben eines Riegels hinter mir. Ich drehte mich um, das Gemach war leer. Man ist nicht unbetrogen bei einer Schauspielerin. Während meiner Verhandlung mit dem ungebetenen Gaste hatte das Fräulein die günstige Gelegenheit ergriffen, sich mit ihrer Zofe in ein anderes Zimmer zu retten. Um den Mund des Fremden flog ein boshaftes Lächeln, das eben so gut der schönen Entflohenen wie mir gelten konnte.

»Ich werde mir ein anderes Mal erlauben, bei Fräulein Themar vorzusprechen, wenn sie allein ist,« sagte er und rückte an seinem Hute, wie einer, der sich entfernen will.

»Das werden Sie nicht, mein Herr, so lange sich das Fräulein in meiner Behandlung befindet. Es ist gleichgiltig, was Sie mit der Dame zu verhandeln haben -- und wenn es das Wichtigste wäre, es muß vor der Sorge um ihre Gesundheit zurücktreten. Einem Gentleman brauche ich nichts mehr zu sagen.«

Während meiner Rede hatte ich ihn genauer ins Auge fassen können. Eine kräftige, gedrungene Gestalt mit einem ausdrucksvollen Kopfe, stechende Augen unter buschigen Brauen, eine Adlernase in dem breiten Gesicht, das von einem dichten röthlichen Vollbart umrahmt wurde -- das Ganze herrisch und raubthierartig, aber nicht häßlich im gemeinen Sinne -- der Mann, etwa im Ausgang der zwanziger Jahre, war ohne Zweifel Soldat gewesen, Offizier, Rittergutsbesitzer.

»Ich danke Ihnen für die Mittheilung,« entgegnete er. »Mein Geschäft kann in der That warten, meine Anwesenheit in der Stadt genügt. Zugleich freut es mich, gleich am Tage meiner Ankunft eine so interessante Bekanntschaft ... Ah, verzeihen Sie -- ich bin der Freiherr Egon von Lüttow« --

»Und ich der Geheime Medicinalrath Gotthold Werben.«

»Noch einmal Entschuldigung und guten Morgen.«

Er trat in den dämmerigen Corridor zurück; die Außenthür stand noch halb offen; hinausgehend drückte er sie leise ins Schloß. Auf der Vorflur verweilte er einen Augenblick. Er mochte an der gegenüber liegenden Thür meinen Namen auf dem Messingschilde gelesen haben. Mir war es, als hörte ich sein unterdrücktes kaustisches Gelächter. Dann ging er schwer auftretend die Treppe hinunter. Unbeweglich verharrte ich in meiner Stellung, hinaushorchend -- ich hatte eine Besorgniß, als könne er wieder umkehren und den peinlichen Auftritt von vorn beginnen. Erst als ich von seiner Entfernung überzeugt war, trat ich in das Zimmer zurück. Wenig hätte gefehlt, so wäre mir meine Schöne zu Füßen gefallen. Sie fand keine Worte, nur Thränen und Schluchzen, mir ihre Dankbarkeit zu betheuern. Aber ich hielt ihr nicht lange Stand, befahl ihrem Mädchen, sie zu Bett zu bringen, und ging in meine Wohnung hinüber. Das kommt von der Nachbarschaft, brummte ich verdrießlich in mich hinein. Die Dame hatte mir offenbar eine Scene vorgespielt, um mich als Blitzableiter zu verwenden gegen einen eifersüchtigen, einen abgedankten, einen betrogenen -- ja, was wußte ich, zu welcher Art von Liebhabern der Rothbart gehörte! Nur das Eine schien mir gewiß, daß er mich für einen Gecken halten mußte, der sich zum Vertheidiger einer Schauspielerin aufwirft, der wohl gar darauf ausgeht, die Rolle des Seelenretters zu übernehmen. Besann ich mich dann auf das Einzelne zurück, was ich seit einer Stunde gethan und gesagt, konnte ich freilich nichts entdecken, was ich anders hätte machen, was unterlassen können, ohne gegen die Pflichten eines Arztes zu verstoßen. Das Fräulein war krank: dies mußte schließlich alle Einwendungen und Vorwürfe niederschlagen. Die Stellung eines Arztes ist eben so peinlich, eben so hundertfältigen Verdächtigungen, der Reue und der Selbstanklage ausgesetzt wie die eines Beichtigers. In der Welt, wie sie ist, büßen wir nicht nur unser Wesen, sondern auch die Zufälligkeiten unseres Standes, unseres Glücks oder Unglücks.

Es traten aber im Verlaufe dieses Tages so viele andere Angelegenheiten und Beschäftigungen an mich heran, daß ich nicht lange dem Abenteuer nachhängen oder mir wohl gar seine möglichen Folgen ausmalen konnte. Als ich am Abend bei meiner Nachbarin noch einmal vorsprach, fand ich ihren Zustand in der Besserung, ihre Aufregung im Sinken begriffen. Um ihr die Nachtruhe, so weit es bei mir lag, zu sichern, gelobte ich ihr, für die nächsten Tage ein achtsames Auge auf ihre Thür zu haben und alle ungelegenen Besuche von ihr fern zu halten. Sie dankte mir gerührt, noch mehr mit ihren schönen, schmachtenden Augen als mit ihren Worten. Ganz ohne Bestrafung für meine mitleidige Regung kam ich freilich nicht davon. Spät am Abend störte mich nämlich wieder die verwünschte Uhr, die Dienerin hatte sie aus dem Schlafzimmer der kranken Herrin an ihren früheren Platz zurück gestellt. Ich hatte mich ja so gutmüthig und menschenfreundlich bewiesen, daß man mir dies auch noch anthun konnte. Je rücksichtsvoller wir sind, desto mehr wird gegen uns gesündigt. Allein wenn der Dame die Uhr so lästig fiel, wie mir -- wenn gerade der Glockenschlag dieser Uhr ihr eine unheimliche Erinnerung wieder erweckte, ein gespenstisches Gesicht heraufbeschwor, warum hatte sie sich derselben nicht längst entäußert? Ein Spukhaus sucht der Besitzer selbst mit Verlust zu verkaufen, und eine Uhr wird man leichter los als ein Haus. Wie sie nur aussehen mochte, diese abscheuliche Uhr! Ich war überzeugt, daß es ein Erbstück sein mußte, aus dem vorigen Jahrhundert; moderne Uhren, redete ich mir ein, hätten einen ganz anderen Schlag. Und was der phantastischen Tollheiten mehr waren. Der Gespenster- und Automaten-Hoffmann hätte an mir seine Freude gehabt. Welch höhnisches Koboldlachen würde er ausgestoßen haben, wenn er am nächsten Vormittag mein langes dummes Gesicht gesehen! Ich trete bei meiner Kranken ein -- viel mehr mit der Uhr als mit ihr beschäftigt, in der gewissen Hoffnung, nun endlich einmal meinen unsichtbaren Gegner zu Angesicht zu bekommen. Ja, wer nicht da ist, das ist die Uhr. Sie hat wieder ihren Platz gewechselt, und ich getraue mich nicht nach ihr zu fragen. Wie ich erwartet, haben die Tropfen eine gute Wirkung geübt. Die Augen des Fräuleins haben einen hellern Glanz, ihre Wangen färbt ein leichtes, feines Roth. Sie ist nicht im klassischen Sinne schön, ihre Formen sind ein wenig zu voll, ihre Züge zu stark dafür, aber die Anmuth ihrer Bewegungen und die Bescheidenheit ihrer Haltung lassen diese Mängel dem Betrachter nicht zum rechten Bewußtsein kommen. Der Reiz des Gesammtbildes verführt, mögen die Einzelheiten sein, wie sie wollen. Um sie in guter Stimmung zu erhalten, lenkte ich das Gespräch von den gefährlichen Klippen ab, an die es gestern gestreift. Das Theater bot sich als der geeignetste Unterhaltungsgegenstand dar, zunächst die Rolle, in der ich sie gesehen.

»Nicht wahr, ich bin eine schlechte Schauspielerin?« unterbrach sie mich.

Mit schonendem Freimuth, ohne ein starkes Wort des Tadels gegen sie, setzte ich ihr meine Ansichten über die Rolle auseinander. Aufmerksam hörte sie mir zu, immer unverkennbarer sprachen sich Erstaunen und Theilnahme in ihren Zügen aus.

»Nie hätte ich von einem hochberühmten Arzt eine so feine Kenntniß der Schauspielkunst erwartet,« meinte sie, »wie viel könnte eine bessere Künstlerin als ich von Ihnen lernen!«

»Warum sollte ein Arzt nichts von der Kunst, Menschen auf der Bühne darzustellen, verstehen?« entgegnete ich. »Genauer als Andere kennt er -- muß er die Gesetze unseres Organismus kennen; auch unsere Gefühle, die Bewegungen, durch die wir sie zum Ausdruck bringen, unterliegen unabänderlichen Gesetzen.«

Und so weiter. Das Thema war umfassend und anregend und bot nach keiner Richtung einen Anstoß. Ich erfuhr, daß sie erst seit drei Jahren der Bühne angehöre, nur eine kurze Lehrzeit durchgemacht habe und über ihr Verdienst vom Glück begünstigt worden sei.

»Die Leute sagen, ich sei hübsch,« lachte sie, »und hat man dann nur einen starken Willen und eine laute Stimme, kann man es auf den Brettern weit bringen.«

»Sie lieben die Kunst?« wagte ich mich heraus: erst, als ich sie gethan, fiel mir die Dummheit der Frage ein. Konnte sie anders als mit einem Ja darauf antworten?

»Oh, Sie fragen mich mit so strengen Augen, als ginge es um Seele und Seligkeit. Ich liebe schon die Kunst und möchte gern eine berühmte Schauspielerin werden,« antwortete sie. »Aber ich will Ihnen nichts vorspiegeln. Die verzehrende Liebe, die Sie meinen, die Begeisterung und Hingabe, die Sie für Ihre Wissenschaft hegen -- ich habe sie nie für die Bühne gehabt. In der Welt, wie sie ist, kann eine Frau trotz aller schönen Redensarten nur in der Kunst vorwärts kommen. Von Jugend auf war mein Sinn auf das Bunte und Glänzende gerichtet; ich darf mit Recht sagen, ich spiele mit Lust Komödie, ich liebe das Handwerk.«

Zum Mindesten, dachte ich bei mir, ist dies ein aufrichtiges Wort, sie will leben und genießen und wirft über den derben Realismus ihrer Wünsche keinen idealischen Mantel. So schieden wir als gute Freunde, und es war eben so herzlich wie natürlich, als sie mich zur Thüre geleitend plötzlich meine Hände faßte und sagte:

»Sie haben sich heute selbst verrathen und dürfen mir es nicht verargen, wenn ich künftig nicht nur den Arzt, sondern auch den Kunstkenner um Rath frage, =noblesse oblige=!«

»Hexe!« rief etwas in mir, und ich ging hinüber.

Am Abend dieses Tages saß ich im Kaffeehause in vergnüglichster Stimmung; ich hatte eben meinem alten Freunde und Collegen, dem Doctor Bastian -- wenn es je einen Materialisten und Cyniker ohne Feigenblatt gegeben, war er es -- eine Partie Domino abgewonnen und ließ ihn, meinen Kaffee schlürfend, noch einmal alle seine Spielfehler nachdenklich überlegen, als ein anderer Gast, der dem Ausgang zuschritt, meinen Sessel streifte. Ich sah auf.

»Guten Abend, Herr Medicinalrath,« sagte mein Rothbart. »Wie geht es Ihrer Kranken? Noch immer Clausur?«

Den Spott, der noch mehr in seiner Stimme als in seinen Worten lag, überhörte ich und erwiderte nur:

»Nicht für immer, Herr von Lüttow. Wenn Sie wollen, können Sie übermorgen Ihr Heil versuchen. Ich bin kein Argus.«

»Danke für die Mittheilung« -- rückte am Hute und war in drei Schritten an der Thür. Wie er sie öffnete, schaute er sich noch einmal nach mir um. Wollte er mich mit seinen scharfen Blicken durchbohren oder sich lustig über mich machen? Zur Klarheit darüber konnte ich nicht kommen, denn Bastian, der es aufgegeben hatte, die Augen seiner Dominosteine zum dritten Male zu zählen, fragte mich mit einem merkwürdig gedehnten Ton:

»Kennen Sie den Herrn?«

»Seinen Namen und seinen Bart. Wir haben uns neulich in einem Krankenzimmer getroffen. Sie aber scheinen mehr von ihm zu wissen, Werthester?«

»Nichts als die Geschichte, die man in der Gesellschaft von ihm erzählt.«

»Männer- oder Frauenverleumdung?«

»Bewahre, eine Thatsache. Er hat einen seiner Freunde, die einen behaupten: seinen besten, im Zweikampf erschossen, seine Festungshaft abgesessen und treibt sich nun in der Hauptstadt herum.«

»Seit längerer Zeit?«

»Weiß ich nicht; hier im Saale habe ich ihn einige Male gesehen. Mir fiel auch nur auf, daß Sie mit ihm sprachen, Herr Collega.«

»Ist dabei etwas Verwunderliches?«

»Hm! Nichts für ungut, Bester; Sie sind ein Spiritualist, nicht frei vom Unsterblichkeitswahn -- vermuthe sogar, daß Sie den Ahnungen, Träumen, der Seelenwanderung gewisse Rechte in Ihren Urtheilen und Vorstellungen einräumen, und erstaunte darum, daß Sie an jenem Manne nicht den Blutgeruch gewittert.«

»Er hat doch nicht gemordet,« unterbrach ich ihn. »Leider sind Zweikämpfe unter Offizieren« ...

»Blut ist Blut. An sich ist es freilich sehr gleichgiltig, ob es einen Menschen mehr oder weniger giebt, ob er durch einen Schuß vorn in die Brust oder durch einen Beilschlag auf den Kopf von hinten her getödtet wird, aber ich dachte, Ihrer sensitiven Seele müßte auch die oberflächlichste Berührung mit einem Todtschläger einen Schmerz bereiten und Ihre Herzmuskel sich dabei zusammenkrampfen.«

Das war deutlich, Bastian wollte sich für die verlorene Partie rächen und mich ärgern. Letzteres gelang ihm nun zwar nicht, allein nachdenklich hatte er mich doch gestimmt. Im Duell sollte dieser Mann einen Freund erschossen haben? Warum? Aus Eifersucht; wenn sich junge Männer zu einem solchen Kampfe gegenseitig reizen, pflegt immer ein Weib die Ursache zu sein. Und dies Weib wohnte neben mir, Thür an Thür. Hatte sie den Mörder oder den Ermordeten begünstigt? Aengstigte sie das Gespenst des Todten oder das Auftreten des Lebendigen? Es war thöricht, aber ich vermochte den Gedanken nicht abzuweisen, daß mich von Anfang an das Unbewußte, der Instinkt oder der Dämon, vor dieser Bekanntschaft gewarnt. Die Unruhe, in die mich der Schlag der Uhr gestürzt, war nur der Ausdruck dieser scheinbar grund- und gegenstandslosen Stimmung gewesen.

... Wozu dies gewaltsame Erwecken heftiger und schmerzlicher Gefühle, welche die Zeit allmählich in einen dumpfen Halbschlummer gewiegt hatte? Wem erzähle ich eine Geschichte, die vermuthlich nur mir bedeutsam und räthselhaft erscheint -- mir selber! Als ob ich nicht genug daran hätte, sie erlebt und erlitten zu haben, sondern sie schwarz auf weiß mit mir herumtragen müßte, um sie nicht zu vergessen. Warum wühle ich in dem Staube des vergangenen Jahres, in dem Haufen welker Blätter? In der Hoffnung, doch noch eine Perle darin zu finden? Ich weiß wohl, welche Empfindung mir nach langem Zögern die Feder in die Hand drückte -- ein seltsam verschlungenes Schicksal hatte sich auf meine Brust gewälzt und lastete darauf, als wäre ich der erste Schuldige; es trieb mich an, niederzuschreiben, wie Alles gekommen, meine Unschuld und die Verwickelungen des Zufalls vor mir selbst klar darzulegen. Allein zu diesem ersten Drange gesellte sich bald eine andere Regung. Ich fand eine eigene Freude daran, halberloschene Bilder in ihrem ursprünglichen Farbenton wiederherzustellen, mein Ich im Spiegel zu betrachten; zuweilen war es mir, als hätte ich sie noch nicht ganz verloren, wenn ich von ihr erzählen konnte, als schwebte etwas wie ein Schatten um mich, der dem Schatten ihrer Gestalt gliche, als würde durch meine Schreiberei die Verbindung zwischen uns, wenn auch nur durch den dünnsten Faden, erhalten -- genug, die Lust überwog die Unlust. So verwandelt sich unmerklich die Gewohnheit des Elends in einen erträglichen Zustand. Ob der Bettler, der plötzlich seiner Noth entrückt wird, sich nicht manchmal nach seinem Betteln zurücksehnt? --

Als ich am andern Morgen meinen ärztlichen Besuch bei meiner Nachbarin machte, wurde ich schon wie der erwartete und gern gesehene Hausfreund empfangen. Die eigenthümlichen Umstände, unter denen wir einander näher getreten, hatten schnell eine Art Vertraulichkeit erzeugt, die im gewöhnlichen Verlauf des Verkehrs wahrscheinlich niemals oder nur in langer Zeit, nach mancherlei Erfahrungen und Prüfungen sich zwischen uns gebildet hätte. Mein Alter, mein Stand, die fest und streng geregelten Formen meines Lebens, die sie im Nebeneinanderwohnen leicht erkundet, flößten ihr Vertrauen ein und gaben ihr zugleich eine Sicherheit, deren sie einem jüngeren Manne gegenüber entbehrt haben würde. Was ihr körperliches Leiden betraf, so war es im Schwinden; sie fühlte sich stark genug, an einem der nächsten Tage wieder aufzutreten. Meine Einwände wies sie zurück: »Die Erregung von der Bühne her ist die stärkste, die es giebt,« behauptete sie, »das Lampenlicht, der Souffleurkasten, der Anblick der Zuschauermenge, die Furcht, ausgelacht und verhöhnt zu werden, bändigen alle anderen Leidenschaften; vor dem einen Gefühl, gut vor dem Publikum zu bestehen, treten Liebe und Eifersucht, Zorn und Haß zurück. Das ist Beelzebub, der die kleinen Teufel zum Schweigen bringt.«

»Vortrefflich,« sagte ich dagegen, »wenn nur nicht aus dem Zuschauerraume Gesichter blicken könnten --«

»Sein Gesicht, das unheimliche,« unterbrach sie mich. »Freilich, er ist im Stande, in einer Prosceniumsloge Platz zu nehmen und mich mit seinen Blicken unablässig zu verfolgen. Ich habe auch daran gedacht und hin und her gesonnen. Aber was hilft's? Einmal muß ich doch wieder auf der Bühne erscheinen und, wenn es mein Unstern will, wird von allen Gesichtern seines mir zuerst entgegenstarren, ob ich morgen oder nach vierzehn Tagen den Schritt wage. Wer draußen steht, Herr Doctor, malt sich die Sache auch ärger und gefährlicher aus, als sie ist.«

»Nun, vielleicht ist Herr von Lüttow auch so ritterlich, Ihnen die Aufregung eines solchen Wiedersehens zu ersparen.«

Mit einem unbeschreiblichen Blick betrachtete sie mich, so von der Seite, halb erstaunt, halb mitleidig über meine Harmlosigkeit. »Ist es denn wahr,« fragte sie lächelnd, »daß die Gelehrsamkeit vor der Raserei der Liebe schützt?«

Es war lächerlich, daß ich alter Narr darüber erröthete.

»Herr von Lüttow würde mich am liebsten erwürgen, wie Othello Desdemona. Ich weiß nicht, was an oder in mir es ihm angethan hat, aber mein Anblick hat ihn mit einer wilden und unbändigen Leidenschaft erfüllt. Er ist hinter mir her, wie der wilde Jäger hinter dem fliehenden Reh. Nichts hält ihn auf; meine Gleichgiltigkeit zuerst, dann meine Abneigung, die seine beständigen Nachstellungen, seine Anträge in mir hervorgerufen, der Widerspruch seiner Verwandten, denn er wollte mich heiraten -- Alles bestärkt ihn in seiner Tollheit. Daß ich die Auftritte, die Sorgen, die Unruhe, die Thränen vergessen könnte, die er mich schon gekostet hat! Ich schöpfte Athem, als ihn eine unselige That --«

Sie hielt plötzlich inne und bedeckte ihr Antlitz mit den Händen.

»Ich habe davon gehört, daß er eines Zweikampfes wegen eine längere Festungshaft zu verbüßen hatte,« sagte ich, um uns Beiden über das peinliche Schweigen hinwegzuhelfen.

»Unschuldiges Blut hat er vergossen, seinen Freund getödtet, als gälte es ein Hinderniß aus dem Wege zu meinem Herzen zu räumen!« seufzte sie. »Es ist eine entsetzliche Erinnerung, denn mich nennt er die Ursache der Unthat, als hätte ich ihm und nicht seine Eifersucht die Pistole in die Hand gedrückt. Mich ängstigen die Träume, die ihm den Schlaf rauben sollten.«

Hier weiter vorzudringen, war nicht gut, ich wandte meine ganze Rednergabe auf, wieder aus diesen Untiefen auf festeren Boden zu gelangen. Ich schlug ihr vor, eine Ausfahrt zu machen -- eben fuhr mein Wagen vor das Haus, und ich bat sie, denselben zu benutzen.

»Wenn ich Sie dadurch nicht in Ihren Geschäften störe --«

»Keineswegs, ich steige bei dem Hause des Grafen Waldheim aus, es liegt auf dem Wege nach dem Park.«

Wir saßen keine zehn Minuten lang neben einander im Wagen, und doch reichten sie hin, meine Gedanken in toller Jagd dahinstürmen zu lassen. Als hätte es sich um ein ganz besonderes Ereigniß gehandelt! Zum Glück forderte der Zustand des kranken Grafen meine ganze Kaltblütigkeit und meinen Scharfsinn heraus; noch war der Arzt stärker in mir als der Narr.