Die Tugend auf der Schaubühne oder: Harlekins Heirath; Ein Nachspiel in einem Aufzuge

Part 1

Chapter 13,548 wordsPublic domain

E-text prepared by David Starner, Louise Hope, and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team

Transkriptionsnotiz: Die folgenden Unregelmäßigkeiten wurden wie im Original beibehalten:

"Harlekin's Heirath" tritt sowohl mit als auch ohne Apostroph auf; ähnlich "Möser's Leben" in der Fußnote _Funfzehnter_ hat keinen Umlaut; "Siebenzehnter" ist so geschrieben

"jetzt" ist üblicherweise, aber nicht durchgehend, "itzt" geschrieben.

Das gedruckte Buch ist in Fraktur ("Gothic") gesetzt. Fremdsprachliche Wörter oder Phrasen sind in Antiqua gesetzt und werden hier mittels *Asterisken* wiedergegeben.

Transcriber's Note: The following irregularities are present in the original text:

"Harlekin's Heirath" appears both with and without the apostrophe; similarly "Moeser's Leben" in the footnote.

"Funfzehnter" has no umlaut; "Siebenzehnter" is written that way.

"jetzt" is usually but not always written as "itzt".

The printed book is in Fraktur ("Gothic") type. Four foreign words or phrases are in Roman type and are denoted in this transcription by being placed between *asterisks*.

DIE TUGEND AUF DER SCHAUBÜHNE

oder: Harlekins Heirath

Ein Nachspiel in Einem Aufzuge

von

J. MÖSER

Berlin und Stettin, bey Friedrich Nicolai

1798

Personen des Nachspiels:

_Herr Barthold_, Principal der Bühne. _Kolombine_, seine Tochter. _Harlekin_, Schauspieler. _Scapin_, Schauspieler. _Isabelle_, Schauspielerin. _Valer_, Schauspieler. _Peter_, Lichtputzer.

Der Schauplatz ist auf dem Schauplatze.

Die Tugend auf der Schaubühne;

oder:

HARLEKIN'S HEIRATH

Ein Nachspiel in einem Aufzuge*.

[Fußnot: Man sehe über dies scherzhafte Stück die Nachricht, welche ich in _Möser's Leben S. 81 f._ davon gegeben habe. Da es in seiner Art merkwürdig ist, habe ich es auch besonders abdrucken lassen. R.]

Erster Auftritt.

Herr _Barthold_, _Harlekin_.

_Harlekin._ (macht drey tiefe Verbeugungen).

_Barthold._ Was will Er, mein guter Freund?

_Harl._ (Macht wieder einige Verbeugungen).

_Barth._ Bücke Er sich so lange bis Er müde wird, und dann kann Er mir sagen was Er zu sagen hat. Die jungen Leute gewöhnen sich das itzt so an, daß sie einem die Zeit mit tausend Komplimenten verderben. Wenn man in meiner Iugend zu einem Mann im Amte ging: so machte man ihm einen einzigen Bückling, und kam dann zur Sache. Das war eine gute Mode; dabey sollte man es lassen.

_Harl._ (in fremdem Ton) Hochedelgeborner und Gestrenger--

_Barth._ Damit geht schon wieder eine Minute hin.

_Harl._ Sie erlauben großgünstig--

_Barth._ Wieder eine Minute.

_Harl._ Daß ich mir die Freyheit nehme--

_Barth._ Noch _ein_ Wort von solchem Schlage, und ich prügle Dich zum Dinge hinaus.

_Harl._ (im gewöhnlichen Ton) Ich komme, Herr Barthold, wegen Ihrer jüngsten Tochter Kolombine; sie gefällt mir--

_Barth._ Gehorsamster Diener, gehorsamster Diener, mein werthester Herr Harlekin! Verzeihen Sie, daß ich Sie sogleich nicht gekannt habe. Meine Augen vergehen mir allmählich, und Sie redeten mir in einem solchen Candidatenstil, den ich an Ihnen nicht gewohnt bin.

_Harl._ Ich _kann_ heirathen, ich _muß_ heirathen, und ich _will_ heirathen.

_Barth._ Nun, das ist kurz. Das sind drey Hauptursachen, die nicht von allen Leuten so recht verstanden und empfunden werden. Was gedenken Sie denn aber Ihrer künftigen Witwe zum Leibgedinge auszusetzen?

_Harl._ Erstlich, gedenke ich nicht vor ihr zu sterben.

_Barth._ Das ist freilich ein guter Vorsatz; allein Ausführung kommt bisweilen gar sehr auf die Frau an: diese hat vielerley Mittel, einen ehrlichen Mann in die Grube zu bringen, ohne Gift und Messer. Der meinigen habe ich es, Gott sey Dank, abgesessen. Es war ein heller Gast; aber sie wurde so eingetrieben, daß sie sich aus dem sieben und zwanzigsten Kindbette nie wieder erholen konnte. Sie sehen, ich habe mich wohl gehalten.

_Harl._ Das merke ich. Zweytens, hat sie, so lange ich lebe, ein reichliches Auskommen. Meine Kunst als Harlekin hat einen goldenen Boden, und Kolombinchen hat gewiß auch eine Kunst worauf sie sich verlassen kann.

_Barth._ Ach, die Künste verlassen einen mit der Zeit, und wenn man alt wird, so ist nichts bequemers als von seinen Renten zu leben. Da ist ein Haufen Mühe und Sorge erspart.

_Harl._ Freylich, und ich denke eben deswegen ein Capital zurück zu legen, wovon zweytausend Thaler auf den Witwenstuhl kommen sollen, Nota Bene: wenn er keinen Haarbreit verrückt wird.

_Barth._ Das ist etwas hart; eine Witwe ist zu beklagen. Ich fühle, mein lieber Harlekin, wie sauer es mir in meinem sieben und siebenzigsten Iahre wird, mich nicht bisweilen auf einen hübschen weichen Witwenstuhl zu setzen.

_Harl._ Ich will es aber nun so; und darum gebe ich meiner Witwe einen Stuhl mit vier Beinen, damit er recht feste stehe. Zweytausend Thaler, wenn ich sie habe, sind, zum Henker, Geld. Was Kolombine erspart, soll sie zu ihrem Nadelgelde behalten, und wenn sie vor mir verstirbt, werde ich sie in ihrem besten Hemde begraben lassen.

_Barth._ Aber Sie vergessen die Morgengabe.

_Harl._ Das bin ich selbst: Morgen- und Abendgabe. Bringt mir aber Kolombine einen Sohn, wohl zu verstehen, wenn er mir ähnlich sieht; denn das fordere ich ausdrücklich: so soll er auch Barthold Harlekin heißen.

_Barth._ Ich dachte in der That, Sie wollten ihr sodann ein neues Kleid aufs Kindbette legen. Hören Sie, Herr Harlekin, ich habe der Mädchen viele, und schaffe sie mir gern vom Halse, weil sie auf ihren spitzen Absätzen leicht einmal unvorsichtiger Weise zu Falle kommen können. Ich will also nicht lange handeln. Kolombine ist die Ihrige; und zwar diesen Abend, wenn Sie wollen. Das bitte ich mir aber aus, daß Sie sie nicht heimlich entführen; ich würde sonst auf Ihrer Hochzeit nicht trinken können.

_Harl._ So weit sind wir noch lange nicht. Ich habe mich nur erst vorläufig erkundigen wollen, ob Sie mir Ihre Tochter wohl geben wollten, wenn ich *in forma* darum anhielte. Itzt ist noch ein kleiner oder großer Punkt übrig. Sie wissen, mein werthester Herr Barthold, daß man von den Comödiantinnen mancherley sagt. Kolombinchen hat ein Paar so allerliebste Tauben-Aeugelchen, sie hat so etwas, so etwas--ach, Herr Barthold, ich kann es nicht sagen, aber was sie hat, das sagt so viel--so viel--

_Barth._ Nun, wie viel denn?

_Harl._ Wenn eine Nuß leicht aus der Hülse fällt, ist sie denn auch wohl schon vom Wurme gestochen?

_Barth._ Ist das eine Frage für eine klugen Mann? Die Wurmstichigen sitzen allemal fest in der Hülse.

_Harl._ Ach, Herr Barthold, sollte sie es nicht schon wohl versuchet haben?

_Barth._ Sie mag versucht haben was sie will, so hat sie allzeit nur ihre Rolle gespielet. Ein Mädchen auf der Bühne muß oft verliebt thun, oft küssen, oft lachen, und was dergleichen mehr ist. Das bringt aber die Comödie so mit sich. Wenn Kolombine die verschmitzte Buhlerinn vorstellt, so würde es sich ja nicht schicken, daß sie die Mine einer Matrone behielte. Wie oft hat sie nicht auch geweint! Meynen Sie aber, daß sie um deswillen, sie zu Hause gekommen, immer betrübt gewesen?

_Harl._ Ich habe allzeit gehört, die Unschuld soll so etwas Süßes, so etwas Körnichtes, so etwas von der braunen Kruste seyn, daß ich nicht gern eine Frau nehmen mögte, welche diesen Leckerbissen bereits verschenket hätte.

_Barth._ O mein lieber Harlekin, sind Sie da verbrannt: so rathe ich Ihnen gar keine Frau--anders als meine Kolombine zu nehmen.

_Harl._ Aber sehen Sie einmal Selbst, Herr Barthold, alle diese schönen Herrn, welche hier vor unsrer Bühne sitzen. Ihre Augen scheinen meinem lieben Kolombinchen das Mark aus den Knochen zu ziehen; und wenn sie tanzt; ach, wenn sie tanzt: so--so--tanzen alle Herzen mit ihr.

_Barth._ Sollten sie das wohl thun?

_Harl._ Wenn sie es _nicht_ thäten, so mögte ich Kolombinchen nicht; und nun, _da_ sie es thun, so traue ich Kolombinchen nicht recht. Denen Mädchen, die so hoch springen wenn sie tanzen, kann leicht ein Blümchen entfallen; und wenn das auch nicht wäre: so rühmt sich doch ein jeder, vielleicht selten mit Recht, daß er eines aufgenommen habe. Herr Barthold, Herr Barthold! eine hübsche Comödiantinn ist wohl selten, selten, selten eine Kirsche woran nicht schon ein Vogel gebissen hat.

_Barth._ Possen! es ist _kein hübsches_ Mädchen in der Welt, wovon man nicht eben diese Vermuthung hat. Nicht, weil sie geschwinder Feuer fängt, als eine andere, sondern weil sie Tag und Nacht verfolgt und also leicht einmal im Schlummer überrumpelt wird. Wer sich aber daran stößt, der mag zu seiner Strafe eine Häßliche nehmen, und versichert seyn daß sie vor dem ersten Loche gefangen werde. Sie wird die Ehre, das Glück und das Vergnügen, in ihrem sterblichen Leben _auch_ einmal angebetet zu werden, so verliebt erkennen; sie wird so besorgt seyn den Vogel nicht zu verscheuchen; sie wird so bange seyn, die einzige Gelegenheit zu verlieren; sie wird so fertig seyn, ihre vergängliche Waare an den Mann zu bringen, daß ich nicht Eines auf sie, aber wohl hundert auf ein hübsches Mädchen verwetten wollte, das die Wahl unter tausend Käufern hat. Und dann, mein lieber Harlekin, ist es eine bestialische Sache, eine garstige Hexe und _doch_ keine braune Kruste zu bekommen. Für Kolombinen will ich allenfalls Bürge seyn.

_Harl._ Die Bürgschaft ist in der That etwas bedenklich. Ich hätte für meine Mutter nicht einstehen mögen.

_Barth._ Ich mag die Grillen nicht länger anhören. Kurz und gut, Sie nehmen sie, oder nehmen sie nicht; einige Gefahr werden Sie allemal laufen. --Doch, warten Sie, wir wollen heute einmal den Freyer vorstellen. Sie sollen der Bräutigam, und meine Tochter Kolombine Ihre Braut seyn. Sie können sie dabey auf die Probe stellen; und wenn es Ihnen dann nicht gefällt, so sind Sie am Ende wieder frey, und Sie haben nur eine verliebte Rolle gespielet.

_Harl._ Der Einfall ist wirklich gut. Ein jeder Freyer spielt doch nur eine Rolle; und wenn am Schlusse des Stücks die Heirath vollzogen wird, so hat die Rolle nur gar zu früh ein Ende.

_Barth._ Holla! Kolombine!

Zweyter Auftritt

_Die Vorigen_, und _Kolombine_.

_Barth._ Kolombine, Du sollst heute einmal die Braut seyn.

_Kolombine._ Ach, Papa, das bin ich gerne. Ich spiele nichts lieber als Braut und Bräutigam.

_Harl._ (Vor sich) O Du-- Sie wissen aber doch, meine schöne Kolombine, daß die Freyerey mit der Comödie ein Ende hat.

_Kolombine._ Nun, so können wir ja dasselbige Stück noch einmal spielen. Ich wollte, daß wir gar kein anderes auf unsrer Bühne hätten; und fast mögte ich das Heirathen verreden, um allzeit Braut zu bleiben. Ach, es ist so allerliebst Braut zu seyn.

_Barth._ Man kann heirathen, und doch noch immer die Braut spielen. Eine gute Partey kann man immer auf Abschlag nehmen; und die jungen Mädchen thun übel, wenn sie die Hand eines ehrlichen Mannes ausschlagen, um allzeit flattirt, adorirt, courtisirt, carressirt, und endlich meprisirt zu werden. Bist Du denn, meine Tochter, sonst noch nie die Braut als auf der Schaubühne gewesen?

_Kolombine._ Nein, Papa.

_Barth._ Hören Sie wohl, Herr Harlekin?

_Harl._ Ich höre und sehe, Herr Barthold.

_Barth._ Wo ist Scapin und Peter? Sie sollen auch herkommen, und den Freyer mitspielen. Isabelle, welche schon oft die Braut vorgestellt, und erfahrner ist als Du, Kolombine, soll Dir die rechte Manier zeigen.

_Kolombine._ O, Papa, ich will schon fertig werden, ich verstehe es schon.

_Barth._ Nun, so macht Ihr Beyde den Anfang. Ich will herumgehen, und den Uebrigen ihre Rollen ankündigen.

Dritter Auftritt

_Harlekin_ und _Kolombine_.

_Kolombine._ Nun, Sie fangen an.

_Harl._ Nein, fangen Sie an.

_Kolombine._ Ach, nein! so habe ich es nicht gelernt. Der Bräutigam fängt zuerst an, und sagt: Ach, meine theuerste Schöne, wie lange habe ich mir nicht schon das Glück gewünscht, Ihnen mein Herz zu eröffnen.

_Harl._ Und was sagt denn die Braut?

_Kolombine._ Sie antwortet: O! Sie schmeicheln mir zu viel; ich weiß, es ist nur Ihr höflicher Scherz.

_Harl._ Und was antwortet denn Er wieder?

_Kolombine._ Er nimmt dann ihre Hand, küßt solche, und sagt: Ach, mögten Sie in dieses Herz sehen; da würden Sie lesen, daß mein aufrichtiger Wunsch niemals ein anderer gewesen, als das Glück Ihnen zu gefallen, und diese schöne Hand zu küssen.

_Harl._ Und läßt sie das so geschehen?

_Kolombine._ O ja, sie läßt ihm die Hand, und er küßt sie noch hundertmal; und seufzet dann, bis endlich die Braut solche nicht mehr zurückziehen kann, und mit ihrer ganzen Person folget.

_Harl._ Die Rolle mag ich nicht spielen.

_Kolombine._ Auf welche Art wollen Sie dann?

_Harl._ Ich sage: Kolombine, mein englisches Magentröpfchen, wenn _Sie_ will, ich will wohl.

_Kolombine._ Und was muß sie denn sagen?

_Harl._ Sie spricht: Nun, ich will--

_Kolombine._ Nun ich will--

_Harl._ Fallen Sie mir doch nicht in die Rede. Sie muß sagen: Nun, ich will nicht.

_Kolombine._ Die Rolle mag ich nicht spielen.

Vierter Auftritt

Die _Vorigen_, und _Barthold_.

_Barth._ Nun, meine Kinder, habt Ihr angefangen?

_Kolombine._ Nein, Papa! In der Sache sind wir eins; wir können uns nur über die Rolle nicht vergleichen. Herr Harlekin will es besser wissen als ich, und mich dünkt, in diesem Stück könnte ich lange sein Meister seyn. Ich bin von Iugend auf bey dem Schauspiele erzogen; bin so mannichmal Braut gewesen, und muß es vermuthlich besser wissen als er.

_Barth._ Nun, Harlekin, so sollten Sie sich auch weisen lassen. Kolombine führet Sie gewiß keinen unbekannten Weg.

_Kolombine._ O nein! Ich dachte es eben so zu machen wie die selige Mama.

_Barth._ Wie ich meine selige Frau heirathete, folgte ich ihr blindlings, und unsere Ehe würde nicht so gesegnet gewesen seyn, wenn ich minder folgsam gewesen wäre. Sie war allzeit fertig mich zu unterweisen, und ihr Exempel that bisweilen die besten Dienste. Oft war mir ihr Unterricht sehr ungelegen; aber das war, der Himmel weiß, ihre Schuld nicht.

_Harl._ Das Schlimmste sind meine Scrupel; und ich begreife noch nicht, Herr Barthold, wie solche durch unsre Comödie werden gehoben werden. Stellt Kolombine die Braut gut vor, so werde ich denken: sie versteht ihre Rolle; und stellt sie solche nicht gut vor, so werde ich denken, sie versteht _noch_ eine Rolle. Und der Himmel weiß, ob sie nicht noch eine dritte versteht. Es ist doch schlimm, daß man das Ding nicht auf die Goldwage bringen kann.

_Barth._ Die beste Goldwage ist ein gutes Vertrauen; wer das nicht hat, der ist schon wirklich betrogen; und wer es hat, der ißt seinen Salat, schluckt eine Schnecke mit hinunter, und findet ihn noch schmackhafter.

_Harl._ Ich mögte darauf Ihr Gast nicht seyn. Wer heiraten will, muß nicht Blinde-Kuh spielen, sondern wohl zusehen was er greift.

_Kolombine._ Oho! Herr Harlekin! itzt verstehe ich das Ding mit der Goldwage. Auf ein Paar Aeßchen können Sie gewiß rechnen, die ich schon verloren habe. Denn der Schneider hat mir gar kein Eisen in meine neue Schnürbrust gemacht. Indeß, da die Comödie aus ist, habe ich die Ehre mich Ihren Scrupeln zu empfehlen.

_Barth._ Ich meyne es auch so. Beschlafen Sie die Sache! Ein guter Traum ist im Heirathen oft die beste Entscheidung.

(Sie gehn Beyde ab.)

Fünfter Auftritt.

_Harlekin_. _Scapin_ und _Peter_.

_Harl._ (vor sich) O weh! der erste Versuch ist nicht zum Besten abgelaufen. Itzt mögt' _ich_ wohl, nun will _sie_ nicht.

_Scapin._ Wird denn heute nicht gespielt? Herr Barthold hat mich herbestellt, um den Freyer mit vorzustellen. Ich sehe aber keine Anstalten.

_Peter._ Ich sollte auch einen vorstellen--

_Harl._ Ha, mein guter Peter, magst Du es denn gern thun?

_Peter._ O ja. Ich muß sonst immer nur die Lichter putzen; wenn aber der Freyer gespielet wird, so--so küsse ich, wollt' ich sagen, Cathrinchen.

_Harl._ Und Du, Scapin?

_Scapin._ Meine Rolle in diesem Stück ist immer nur ein Puckel voll Schläge, und ich könnte eben nicht sagen, daß ich solche jetzt nöthig hätte.

_Harl._ Hör' einmal, mein lieber Scapin! Ich weiß, Du bist schlauer als mancher Dieb, der gehangen wird; ich muß Dir eins im Vertrauen sagen.

_Peter._ Ich hoffe doch nichts von Cathrinchen?

_Harl._ Ich wäre wohl gesonnen, des Herrn Bartholds jüngste Tochter Kolombinchen in allen Ehren zu heirathen--

_Peter._ Giebt es denn auch Heirathen in Unehren?

_Harl._ Allein, ich besorge, sie mögte schon--

_Peter._ Was mögte sie schon?

_Scapin._ Schweig, Peter, ich verstehe schon was Harlekin meynt. Er besorgt, sie mögte schon einnal in Unehren geheirathet haben.

_Peter._ Nun verstehe ich es auch--

_Harl._ Was meynst Du nun? Wie fange ich es an, um hinter die Wahrheit zu kommen?

_Scapin._ Du mußt sie vorher probiren.

_Peter._ Bey meiner Treu, das ist vernünftig.

_Harl._ Allein, wie mache ich das?

_Peter._ O, das will ich wohl thun, wenn Sie es nicht verstehen.

_Scapin._ Ich weiß was zu thun ist. Wolltest Du wohl, Harlekin, ihr zu gefallen, eine Tracht Schläge vorlieb nehmen?

_Harl._ Die Schläge wohl, aber den Schimpf nicht.

_Scapin._ Nun da ist Rath zu. Höre, ich will Dir das Kleid meines Herrn verschaffen. Du weißt, er ist Hauptmann, und eine Uniform hat heut zu Tage viele Freyheiten; damit sollst Du diesen Abend zu ihr gehen. Läßt sie Dich nun zum Hause hinaus prügeln, so kannst Du glauben, daß sie die Krone von allen ehrlichen Mädchen ist. Nimmt sie Dich aber an, küßt und umarmt Dich, so nimmst Du das auf dem Marsche vorlieb, und weißt wie viel die Glocke geschlagen.

_Harl._ O mein lieber Scapin, das ist unvergleichlich. Ich danke Dir tausendmal für Deinen guten Rath. Mache mich nur geschwind zum Hauptmann. Ich brenne vor Verlangen, jene glückliche Tracht Schläge zu empfangen.

_Peter._ Ich wahrhaftig nicht. In meiner Heimath probirt man die Mädchen ganz anders.

_Scapin._ In meiner auch. Aber man bekömmt zuweilen etwas, was einem noch weit unangenehmer ist, als eine Tracht Schläge. Nicht wahr, Harlekin?

_Harl._ O Scapin, Du bist der klügste Schelm, den ich in meinem Leben gekannt habe. Mache nur geschwind, daß ich das Kleid von Deinem Herrn bekomme. Ich hoffe doch nicht, daß er es übel nehmen wird, wenn der Schimpf hiernächst darauf sitzen bleibt?

_Scapin._ O im geringsten nicht. Eben das Kleid, was ich Dir verschaffen will, hat schon mehrmal herhalten müssen. Ich will hingehen um es Dir zu bringen. Du mußt mir aber auch einmal wieder zu gefallen seyn, wenn Du nun ein Ehemann seyn wirst.

(Scapin geht ab)

Sechster Auftritt

_Harlekin_ und _Peter_.

_Harl._ Du sagtest ja erst, Peter, man hätte in Deiner Heimath eine andere Probe, um zu erfahren, ob die Braut noch ächt sey.

_Peter._ O ja, das haben wir auch.

_Harl._ Wie macht Ihr denn das?

_Peter._ Da kommen wir her und suchen uns eine aus, die uns gefällt.

_Harl._ Das kann ich wohl denken.

_Peter._ Dann nehme ich mein Spinnrad, und gehe des Abends zu ihr ins Haus, setze mich neben ihr hin und wir spinnen denn alle Beyde.

_Harl._ Nun, spinnt Ihr denn immer fort?

_Peter._ Von ungefähr geht dann einmal die Lampe aus.

_Harl._ Das kömmt der Sache näher--

_Peter._ Spinnt die Braut nun im Finstern fort, ohne den Faden zu verlieren, so ist das ein gutes Zeichen.

_Harl._ Das ist wirklich so dumm nicht--

_Peter._ Steht aber das Rad stille, bricht der Faden und die Schnur schlägt wohl gar ab: so hohle es der Henker!

_Harl._ Wahrhaftig, die Leute sind klug; und wer hat euch das so gelehret?

_Peter._ Ich glaube, es muß so von Vater auf Sohn gekommen seyn. Denn wie unser Pastor einmal das Zusammenspinnen abschaffen wollte, so sagten die Aeltesten im Dorfe: ihre Väter hätten es gethan, ihre Großväter hätten es gethan, und ihre Kinder sollten auch thun.

_Harl._ In dem Dorfe mögte ich wohnen!

Siebenter Auftritt.

_Scapin_ mit einem Kleide unterm Arme, und die _Vorigen_.

_Scapin._ Stille! stille! wir wollen einen rechten Aufzug haben. Isabelle und Valer kommen daher, um ihre Rolle zu spielen. Es geht ihnen wie mir. Sie meynen, der Freyer werde gespielet, und weil an ihnen die Reihe ist, aufzutreten, wenn ich zum andernmale abgehe: so will ich itzt ganz ernsthaft herausgehn. Ihr aber geht auf die Seite so lange. Hier ist das Kleid, Harlekin, welches du immittelst anziehen kannst.

_Harl._ Vortrefflich!

_Peter._ Das ist des Henkers Comödie.

(Gehn ab.)

Achter Auftritt.

_Isabelle_ und _Valer_.

_Isabelle._ Nein, mein werthester Graf, so schmeichelhaft es mir auch ist von Ihnen geliebt zu werden, und so sehr ich von Ihren rechtschaffenen Absichten überzeuget bin, so wenig finde ich mich vermögend Ihnen meine Hand zu geben. Mein Schicksal hat mich einmal auf die Schaubühne geführt; ich bin der Welt nichts mehr als eine Comödiantinn; und ich müßte Sie, mein werthester Graf, minder hochschätzen und minder lieben, wenn ich in Ihre Verbindung einwilligen und uns Beyde beschimpfen sollte: Sie, daß Sie Sich so weit herablassen und mich, daß ich einen Mann genommen, der so wenig Empfindung und so wenig Zärtlichkeit gegen seine eigne Ehre gehabt hatte.

_Valer._ Großmüthige Isabelle, je edler Sie Sich zeigen, je weniger ist es mir möglich Ihren Befehlen zu gehorchen. Ich kann ohne Sie nicht leben. Mein ganzes Glück beruhet auf unsre Verbindung. Das Recht ist auf der Seite der Tugend, der Schönheit und der Liebe. Vorurtheile dürfen uns nicht irre machen.

_Isabelle._ O! es giebt ehrwürdige, heilige Vorurtheile; und die Wahrheit muß sich oft erst in unsre eigne Meynung, in unser Vorurtheil verwandeln, ehe sie ihr Recht behaupten kann.

_Valer._ Aber Ihre Geburt ist der meinigen nicht ungleich. Sie sind von guter Familie, und daß das Schicksal Sie auf die Bühne geführt--

_Isabelle._ Nichts mehr hievon. Sie wissen, wie die Welt denkt. Sie wissen, mit welchen übeln Vermuthungen sie diejenigen verfolgt, welche sich der Bühne widmen, und es sollte mir ewig leid seyn, als Comödiantinn einen Mann zu beschimpfen, den ich als Prinzessinn glücklich zu machen wünschte.

_Valer._ Göttliche Isabelle! (Er will ihre Hand nehmen.)

_Isabelle._ Auch diese Hand nicht, mein werthester Graf. Ich bin stolz, stolz auf Sie, stolz auf mich; und da ich Muth genug habe, meine Liebe Ihrer Ehre aufzuopfern, so müssen Sie auch so billig seyn, und der meinigen schonen.

_Valer._ Sie sind grausam. Sie handeln ungerecht mit Sich, ungerecht mit mir. Ich und mein Unglück bleibt zu Ihrer Verantwortung.

_Isabelle._ Ich kenne diese Sprache; aber ich weiß was ich mir von Ihrer Vernunft zu versprechen habe. Ueberlegen Sie nur einmal Selbst, wie empfindlich es Ihnen und mir seyn würde, wenn man in allen Gesellschaften vor uns fliehen, wenn jeder Blick Ihnen einen Vorwurf und mir eine Verachtung zeigen, wenn Ihre ganze Familie Sie hassen und mich verfolgen, wenn jedermann argwohnen würde--

_Valer._ Quälen Sie mich wenigstens nicht, wenn Sie mich nicht glücklich machen wollen. Ich habe das alles, und noch ein mehrers überlegt; ich habe mir alle diese Wahrheiten so deutlich vorgestellt, daß ich glauben konnte, unparteyisch zu urtheilen; und doch, schönste Isabelle, fiel der Schluß dahin aus, daß das Glück unsrer Vereinigung Alles das unendlich überwiegen würde.

_Isabelle._ Sie wissen, Herr Graf, daß ich gegen dieses Glück nicht unempfindlich bin. Sie wissen, daß mein ganzer Stolz durch diese Verbindung befriedigt werden würde. Verzeihen Sie mir aber, daß ich Sie auf eine zärtlichere Art liebe, und meinem Vorsatze getreu bleibe.

_Valer._ Sie begegnen einem Ieden sonst so gütig, Sie--