Die Traumdeutung

Part 47

Chapter 473,171 wordsPublic domain

E. T. A. _Hoffmann_, der dem Traum und ähnlichen Zuständen größte Beachtung schenkte, schreibt im »Kater Murr« (I, 1): »Ewig unerforschlich bleibt uns das erste Erwachen zum klaren Bewußtsein! -- Wäre es möglich, daß dies mit einem Ruck geschehen könnte, ich glaube, der Schreck darüber müßte uns töten. Wer hat nicht schon die Angst der ersten Momente im Erwachen aus tiefem Traum, bewußtlosem Schlaf, empfunden, wenn er sich selbst fühlend, sich auf sich selbst besinnen mußte! -- Doch, um mich nicht weit zu verlieren, ich meine, jeder starke psychische Eindruck in jener Entwicklungszeit läßt wohl ein Samenkorn zurück, das eben mit dem Emporsprossen des geistigen Vermögens fortgedeiht, und so lebt aller Schmerz, alle Lust jener Stunden der Morgendämmerung in uns fort und es sind wirklich die süßen, wehmutsvollen Stimmen der Lieben, die wir, als sie uns aus dem Schlafe weckten, nur im Traum zu hören glaubten, und die noch in uns forthallten.«

Und _Jean Paul_ sucht diese Traumregel, die _Hebbel_ in die Formel faßt: »Alle Träume sind vielleicht nur Erinnerungen«, zu begründen: »Die weiter rückwärts liegende Vergangenheit, in welche sich so viel nachherige eingesponnen, besucht und reizt uns Träumer mehr als die Leere des vorherigen Tages.« -- »Der Traum setzt uns nach _Herders_ schöner Bemerkung immer in Jugendstunden zurück; -- ganz natürlich, weil die Enge der Jugend die tiefsten Fußtritte in dem Felsen der Erinnerung ließ, und weil eine ferne Vergangenheit schon öfter und tiefer in den Geist eingegraben wird als eine ferne Zukunft.«

Das diesem Infantilstreben zu Grunde liegende Problem der Regression hat _Hebbel_ wenigstens geahnt: »Diejenigen Träume, welche etwas ganz Neues, wohl gar Phantastisches bringen, sind in meinen Augen bei weitem nicht so bedeutend als diejenigen, welche die ganze Gegenwart bis auf die leiseste Regung der Erinnerung töten und den Menschen in das Gefängnis eines längst vergangenen Zustandes zurückschleppen. Denn bei jenen ist doch nur dasselbe Vermögen wirksam, worauf die Kunst und alles, was mehr oder weniger annähernd zu ihr heranführt, beruht und was man Phantasie zu nennen pflegt; bei diesen aber eine ganz eigentümliche, rätselhafte Kraft, die den Menschen im eigentlichsten Verstande sich selbst stiehlt und die ausgemeißelte Statue wieder in den Marmorblock einschließt.« (Tgb. 6. August 1838.)

Und _Nietzsche_ (Menschl. II, 27 ff.) hat es deutlich erkannt: »Im Schlafe und im Traume machen wir das ganze Pensum früheren Menschtums durch . . . . Der Traum bringt uns in ferne Zustände der menschlichen Kultur wieder zurück und gibt ein Mittel an die Hand, sie besser zu verstehen.«

Die Traumfunktion in dichterischer Auffassung.

Erfreulich ist auch, zu sehen, wie die Dichter gewisse hartnäckige Vorurteile, die jeder tieferen Traumerkenntnis im Wege standen, durch ihre kühne antithetische Auffassung zu tiefen Einsichten ummünzen. So hat _Hebbel_ die scheinbare Unverständlichkeit der Traumbilder daraus erklärt, daß wir die Sprache des Traumes nicht verstünden, und auf seine Zusammensetzung aus einzelnen, den Buchstaben vergleichbaren Elementen, hingewiesen. (»Tagebuch« 1842): »Wahnsinnige, verrückte Träume, die uns selbst im Traume doch vernünftig vorkommen: die Seele setzt mit einem Alphabet, das sie noch nicht versteht, unsinnige Figuren zusammen, wie ein Kind mit den 24 Buchstaben; es ist aber gar nicht gesagt, daß dies Alphabet an und für sich unsinnig ist.«

Die Auffassung des _Traumes als Schlafhüter_, die gerade beim Erwachen infolge eines Reizes dem subjektiven Empfinden so sehr zu widersprechen scheint, hat bereits _Jean Paul_ vertreten: »Sobald der Geist sogar zu stärkeren Angriffen von außen nur eine Traumgeschichte zu erfinden weiß, die jene motiviert und einwebt: _so verlängert gerade der Traum den Schlaf_.«

Auch der uralte, wohl am tiefsten eingewurzelte Aberglaube von der divinatorischen Kraft des Traumes ist durch _Hebbel_ im wahren Sinne des Wortes umgewertet worden: »Die Alten wollten aus dem Traum weissagen, was dem Menschen geschehen würde. Das war verkehrt! Weit eher läßt sich aus dem Traum weissagen, was er tun wird.« Und in anderer Form:

»_Der Traum als Prophet_.

Was dir begegnen wird, wie sollte der Traum es dir sagen? Was du tun wirst, das zeigt er schon eher dir an.«

Angst- und Wunschträume in der Dichtung.

Nach diesen Proben wird es uns nicht wundern zu erfahren, daß die Ausnahmemenschen, deren geistiges Leben in einem hohen Grade der Selbstbeobachtung und Selbstdarstellung dient, im Verständnis des Traumes zu den tiefsten Einsichten gelangten. Ist die Konstatierung der Tagesanknüpfung und der Kindheitsreste nur eine -- wenn auch scharfsichtige -- Deskription des _manifesten_ Trauminhaltes, so weisen einzelne feine Bemerkungen auf das Wirken _latenter Traumfaktoren_ und die ihnen entsprechende Dynamik des Trieblebens hin. Wenn _Goethe_ einmal (12. März 1828) zu Eckermann sagt: »Ich habe in meinem Leben Zeiten gehabt, wo ich mit Tränen einschlief; aber in meinen Träumen kamen nun die lieblichsten Gestalten, mich zu trösten und zu beglücken, und ich stand am anderen Morgen wieder frisch und froh auf den Füßen«, so kommt darin neben dem Wunschcharakter besonders der von der Traumarbeit bewirkte _Stimmungswechsel durch Affektverkehrung_ zur Geltung.

Ganz Ähnliches berichtet _Gottfried Keller_ in seinem Traumbuch (Baechtold I, 307): »Auffallend ist es mir, daß ich hauptsächlich, ja fast ausschließlich in traurigen Zeiten . . . . heitere und einfach liebliche Träume habe.«

Mit voller Deutlichkeit ist die _wunscherfüllende Tendenz des Traumes_ ausgedrückt in _Lenaus_ »Savonarola«, wo der Dulder, nachdem er die Qualen der Folter erlitten hat, von Paradieseswonnen träumt. Den gleichen Traumcharakter kennt E. T. A. _Hoffmann_, der noch die infantile Herkunft der tröstenden Traumbilder betont: »Wenn ich als ein Armer, Elender, ermüdet, zerschlagen von der mühseligen Arbeit nachts auf dem harten Lager ruhte, dann kam der Traum und goß, mir in lindem Säuseln die heiße Stirn fächelnd, alle Seligkeit irgend eines glücklichen Moments, in dem mir die ewige Macht die Wonne des Himmels ahnen ließ und dessen Bewußtsein tief in meiner Seele ruht, in mein Inneres« (»Doge und Dogaresse«).

Die hier ausgesprochene Überzeugung von einer dem manifesten Inhalt oft entgegengesetzten Traumregung scheut auch nicht vor der äußersten Konsequenz der Anwendung auf den _Angsttraum_ zurück, der mit _unterdrückten erotischen Regungen_ in Beziehung gebracht wird. So sagt der nach einem genußreichen Leben asketisch gewordene _Zacharias Werner_:

»Selbst in der sieben Hügel Schoß War das Gelüst mein Taggenoß, Mein Nachtgesell das Grauen!«

In sehr hübscher symbolischer Einkleidung ist der Angsttraum eines Mädchens in einem Gedicht aus »Des Knaben Wunderhorn« dargestellt(188):

Wenn ich den ganzen Tag Geführt hab' meine Klag', So gibt's mir noch zu schaffen. Bei Nacht, wann ich soll schlafen Ein Traum mit großen Schrecken Tut mich gar oft aufwecken.

Im Schlaf seh ich den Schein Des Allerliebsten mein, Mit einem starken Bogen, Darauf viel Pfeil' gezogen, Damit will er mich heben Aus diesem schweren Leben.

Zu solchem Schreckgesicht Kann ich stillschweigen nicht, Ich schrei mit lauter Stimmen: »O Knabe laß dein Grimmen, Nicht wollst, weil ich tu' schlafen, Jetzt brauchen deine Waffen!«

(188) Mitteilung von _Winterstein_ im »Zbl. f. Ps.-A.« II, 616.

Das dem Angsttraum zugeordnete Alpdrücken hat _Shakespeare_ an der bereits erwähnten Stelle direkt auf den Sexualakt bezogen:

This is the hag, when maids lie on their backs, That presses them, and learns them first to bear, Making them women of good carriage.

(Dies ist die Hexe, welche Mädchen drückt, Die auf dem Rücken ruhn, und ihnen lehrt, Als Weiber einst die Männer zu ertragen.)

(_Schlegel-Tieck_.)

Ein moderner Lyriker endlich, J. R. _Becher_, hat direkt die psychoanalytische Auffassung des Angsttraumes in Verse gebracht (Gedichte, Berlin 1912):

»Die Wünsche, die ich tags gedacht, Sehnsüchte, die ich tags nicht stillen konnte, werden die Ängste meiner Nacht. Sie glühen Wahn, den ich nicht fliehen kann, daß ich in Feuer rings und Flammen steh', in der Geliebten meine Mutter seh', meinen Vater wie einen Fraß der Hunde . . .«

Die in der Angsttheorie angedeutete dynamische Auffassung, wonach das _Unbefriedigte_, _Unterdrückte im Seelenleben_ sich im Traum durchzusetzen sucht, hat ebenso häufig poetischen wie erkenntnismäßigen Ausdruck gefunden. In _Schillers_ »Wallenstein« ist die stolze Gräfin Terzky überzeugt, daß des Feldherrn Unternehmen glücken müsse und erstickt alle trüben Ahnungen im Entstehen: »Aber,« klagt sie, »wenn ich wachend sie bekämpft, sie fallen mein banges Herz in düstern Träumen an.« Ähnlich heißt es in _Grillparzers_ bekannten Versen:

»Was die Brust im Wachen enget, aber treu verschließt der Mund, hat der Schlaf das Band gesprenget, tut es sich in Träumen kund«,

die der Dichter an anderer Stelle im Sinne der Wunschtheorie ergänzt:

». . . . Die Träume, Sie erschaffen nicht die Wünsche, Die vorhand'nen wecken sie; Und was jetzt verscheucht der Morgen, Lag als Keim in dir verborgen.«

Gleiches findet sich wieder in Dichtungen moderner, der Psychoanalyse näherstehenden Autoren wie _Arthur Schnitzler_:

»Doch Träume sind Begierden ohne Mut, sind freche Wünsche, die das Licht des Tags zurückgejagt in die Winkel unsrer Seele, daraus sie erst bei Nacht zu kriechen wagen.«

(»Der Schleier der Beatrice«)

oder _Viktor Hardung_:

. . . . . . . . . Im Traum, Den wir doch zeugen aus geheimer Lust, Begehren, Angst, Verlangen ungestanden, Aus Süchten, unbekannt dem hellen Tag, Und unser eigen doch, wo wir sie leugnen.

(»Godiva«(189).)

(189) Mitteilung im »Zbl. f. Ps.-A.«

Ähnliche Gedanken haben _Jean Paul_ und _Hebbel_ geäußert; dieser im »Silvesternachtstraum«, wo es ganz allgemein heißt: »[Der Schlaf] verhilft auch den unterdrückten Elementen in der Menschennatur, ja der Natur überhaupt, zu ihrem Rechte . . . . . und wenn er sich an das Gesetz, das uns im wachen Zustand beherrscht, nicht kehrt, wenn er unser gewöhnliches Maß und Gewicht zerbricht und alle unsere Anschauungs- und Aneignungsformen durcheinander wirft, so geschieht das nur, weil er selbst der Ausdruck eines viel höheren Gesetzes ist.« -- Jener an einer Stelle, die speziell die asozialen, vom Kulturmenschen mit Mühe unterdrückten Regungen betrifft: ». . . . . das weite Geisterreich der Triebe und Neigungen steigt in der zwölften Stunde des Träumens herauf und spielt dicht verkörpert vor uns. Fürchterlich tief leuchtet der Traum in den uns gebauten Epikurs- und Augiasstall hinein, und wir sehen in der Nacht alle die wilden Grabtiere oder Abendwölfe ledig herumstreifen, die am Tage die Vernunft in Ketten hielt.«

Die weitestgehende intuitive Vorwegnahme der psychoanalytischen Traumlehre aber müssen wir einem »Erleben und Erdichten« überschriebenen Abschnitt aus _Nietzsches_ »Morgenröte« zugestehen, wo der Traum als Mittel der halluzinatorischen Triebbefriedigung erkannt ist: »Vielleicht würde diese Grausamkeit des Zufalles (bei der Triebbefriedigung) noch greller in die Augen fallen, wenn alle Triebe es so gründlich nehmen wollten wie der _Hunger_: der sich nicht mit _geträumter Speise_ zufrieden gibt; aber die meisten Triebe, namentlich die sogenannten moralischen, tun gerade dies, -- wenn meine Vermutung erlaubt ist, _daß unsere Träume eben den Wert und Sinn haben, bis zu einem gewissen Grade jenes zufällige Ausbleiben der ›Nahrung‹ während des Tages zu kompensieren_ . . . . . . Diese Erdichtungen (des Traumes), welche unseren Trieben . . . . . Spielraum und Entladung geben, -- und jeder wird seine schlagenderen Beispiele zur Hand haben, -- sind Interpretationen unserer Nervenreize während des Schlafens, _sehr freie_, sehr willkürliche Interpretationen. . . . . . Daß dieser Text, der im allgemeinen doch für eine Nacht wie für die andere sehr ähnlich bleibt, so verschieden kommentiert wird, daß die dichtende Vernunft heute und gestern so verschiedene _Ursachen_ für dieselben Nervenreize _sich vorstellt_: das hat darin seinen Grund, daß der Souffleur dieser Vernunft heute ein anderer war, als er gestern war, -- ein anderer _Trieb_ wollte sich befriedigen, betätigen, üben, erquicken, entladen, -- gerade er war in seiner hohen Flut, und gestern war ein anderer darin(190).«

(190) Diese Auffassung zeigt die wesentlichste Übereinstimmung mit der der typischen Träume.

Träume in Dichtungen.

Alle diese Einsichten in das Wesen des Traumes, die sich uns zu einer der psychoanalytischen Auffassung nahestehenden Traumtheorie zusammenschlossen, sind eigentlich nur gelegentliche Abfallsprodukte der intuitiven Seelenkenntnis, die der Dichter in seinen Schöpfungen künstlerisch darstellt. Er ist zu diesem Wissen weder auf empirischem noch auf spekulativem Wege gekommen, und es zeigt nur von der Echtheit und Unmittelbarkeit seiner Erfahrung, wenn in den poetischen Werken selbst die Träume eine praktische Verwendung finden, die ihrer geschilderten Schätzung und Würdigung durchaus entspricht.

Vor allem fällt die Häufigkeit auf, mit der seit jeher die Volks- wie die Kunstdichtung den Traum im Dienste der Schilderung komplizierter Seelenzustände verwertet hat. Die Werke der schönen Literatur -- Epen, Romane, Dramen und Gedichte --, in denen Träume bedeutsam in die Handlung und das Seelenleben der Figuren eingreifen, sind unzählbar. Von den homerischen Gedichten bis zum Nibelungenlied und den Kunstepen _Miltons_, _Klopstocks_, _Wielands_, _Hebbels_, _Lenaus_ u. a., vom Roman gar nicht zu sprechen, der in manchen Richtungen, wie beispielsweise der weit in unsere moderne Literatur hineinreichenden romantischen, Traumerscheinungen zum unentbehrlichsten Requisit zählte. Ist doch bekannt, mit welcher Vorliebe Dichter wie _Tieck_, E. T. A. _Hoffmann_, _Jean Paul_ ihre Personen träumen und diese Träume entscheidend auf den Gang der Handlung einwirken lassen. Selbst im Drama finden sich, wenn auch bei weitem seltener und bedeutungsloser, Träume verwertet, während anderseits die Einkleidung der ganzen Handlung in einen Traum sich gerade der Form des Schauspieles am ehesten anpaßt, wie die bekannten Stücke von _Calderon_, _Shakespeare_ (Widerspenstige), _Holberg_ (Jeppe paa Bierget), _Grillparzer_, _Hauptmann_ (Schluck und Jau), in noch höherem Maße aber die modernen, von der wissenschaftlichen Traumforschung nicht ganz unabhängigen Traumdichtungen von _Strindberg_ (Traumspiel), _Paul Apel_ (»Hans Sonnenstößers Höllenfahrt«), _Franz Molnar_ (»Das Märchen vom Wolf«) u. a. zeigen. Gelegentlich wird übrigens die Traumeinkleidung auch in den epischen Dichtungsformen mit Erfolg verwendet, wie beispielsweise in _Dickens_' »Christmas Carol« oder in dem einzigartigen Werk des Zeichners _Alfred Kubin_ (»Die andere Seite«), dessen psychoanalytische Bedeutung Dr. _Hanns Sachs_ (Wien) dargelegt hat (»Imago«, I, 1912, p. 197). Endlich sind noch in der Lyrik, die in ihrem innersten Wesen dem Traum sehr nahe steht, derartige Einkleidungen immer sehr beliebt gewesen. Insbesondere Minne- und Meistergesang haben in Traumbildern geradezu geschwelgt und den Traum direkt als Wunscherfüller gepriesen. Am schönsten ist dies in manchen Liedern _Walters von der Vogelweide_, auf die bereits _Riklin_ hingewiesen hat. Die zahlreichen Traumgedichte des alten _Hans Sachs_ würden eine eigene Bearbeitung erfordern; zur Charakterisierung sei nur die ergötzliche Darstellung angeführt, wie der Traum einem Krämer eine Dorfkirchweih mit glänzendem Erlös vorspiegelt in dem Moment, wo ihm spitzbübische Affen alles zerstört und besudelt hatten(191). Die Lyrik der Romantik und der ihr nahestehenden Richtungen ist hier noch besonders zu nennen: _Heine_, _Chamisso_, _Mörike_, _Uhland_, die _Droste_, _Keller_, _Hebbel_, _Byron_ (The dream) und andere mehr haben Traumgedichte geschaffen; C. G. _Meyers_ »Lethe«, _Hebbels_ »Geburtsnachttraum«, _Spittelers_ Balladen »Der Vater«, »Das Begräbnis«, »Das Gastmahl« und Ähnliches in des »Knaben Wunderhorn« gehören zum Eindruckvollsten, was die Lyrik zu bieten hat.

(191) Über andere Traumgedichte Hans Sachsens vergleiche man die Literatur bei _Hampe_; zahlreiche Beispiele von Träumen in der epischen Literatur bei _Nagele_; für die Lyrik besonders _Klaiber_; eine interessante Zusammenstellung von »Träumen in Dichtungen« »Kunstwart« XX, 4.

Verwendung der Symbolik in gedichteten Träumen.

Besonders reizvoll wird es für den Psychoanalytiker, sich davon zu überzeugen, wie die als Dichtung oder in der Dichtung dargestellten Träume nach den empirisch ermittelten Gesetzen gebaut sind und sich der psychologischen Betrachtung wie wirklich erlebte Träume darbieten. Ja, manche Regeln sind als Nebenprodukt philologischer Forschung unmittelbar aus dem Studium der _gedichteten_ Träume erschlossen worden. So zeigt _Mentz_ an den französischen Volksepen, »wie _Träume, welche von einer Person in derselben Nacht geträumt werden, immer zusammengehören und ein Ganzes, Einheitliches darstellen_« (p. 45). Oder _Jaehde_ findet in den englisch-schottischen Volksballaden, in denen Träume aus zwei zeitlich aufeinanderfolgenden Bildern bestehen, daß »_das erste nur symbolisch und unklar andeutet, was das zweite klar und unverhüllt erkennen läßt_«. Dies bezieht sich, wie wir wissen(192), insbesondere auf die Symbolik, die ja dem Dichter als poetisches Ausdrucksmittel geläufig ist. So hat _Ovid_ im 3. Buche der »Amores« als 5. Elegie in ausführlicher Weise einen Traum geschildert, in dem die Hitze als Liebesglut, die Kuh als Geliebte, der Stier als der liebesbegierige Träumer gedeutet wird(193). Eine andere, uns gleichfalls aus dem Traumstudium geläufige Sexualsymbolik verwendet _Byron_ im VI. Gesange des »Don Juan«, wo der Held als Frau verkleidet das Lager der Dudu teilt, die aus einem symbolisch dargestellten Sexualtraum, der sich an den Sündenfallmythus anlehnt, mit Angst erwacht(194). Daß gelegentlich einem Dichter die eigentliche Bedeutung gewisser typischer Symbole ganz klar werden konnte, beweist die Schilderung der eleusinischen Mysterien in der XII. römischen Elegie _Goethes_(195), wo es heißt:

»Wunderlich irrte darauf der Eingeführte durch Kreise Seltner Gestalten; im _Traum_ schien er zu wallen; denn hier _Wanden sich Schlangen_ am Boden umher, _verschlossenes Kästchen_, _Reich mit Ähren umkränzt_, trugen hier Mädchen vorbei: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erst nach mancherlei Proben und Prüfungen ward ihm enthüllet, Was der geheiligte Kreis seltsam in Bildern verbarg. Und was war _das Geheimnis_, als _daß Demeter, die große_, _Sich gefällig einmal auch einem Helden bequemt_, Als sie dem Saoon einst, dem rüstigen König der Kreter, Ihres unsterblichen Leibs _holdes Verborgne_ gegönnt, Da war Kreta beglückt! _Das Hochzeitsbette der Göttin_ _Schwoll von Ähren und reich drückte der Acker die Saat_.«

(192) Vgl. oben p. 249.

(193) Näheres in der Mitteilung _Abrahams_ im »Zentralblatt für Psychoanalyse« II, p. 160.

(194) Den Text hat _Rosenstein_ ebenda p. 161 mitgeteilt.

(195) Vgl. die Mitteilung von _Winterstein_, ebenda p. 291 f.

Wie ein moderner Autor den typischen Geburtstraum in vollkommen korrekten Symbolen darzustellen weiß, möge schließlich ein Beispiel aus allerneuester Zeit illustrieren:

In _Moritz Heimanns_ Tragödie »Der Feind und der Bruder«(196) erzählt eine junge Frau ihren Traum, der von einer älteren, die bereits Mutter war, als Schwangerschafts- resp. Geburtstraum gedeutet wird; wir dürfen dies als intuitive Bestätigung der typischen psychoanalytisch eruierten Symbolik von Wasser (Geburtswasser) und Kästchen -- hier Glocke -- (Mutterleib) ansehen:

_Pallas_.

Vergangne Nacht sah ich im Meer mich schwimmen; und vor mir schwamm auf der _lichtblinden_ Bahn ein schimmerndes Gebilde, eine _Glocke_ von _rosenfarbnem Blut_, ätherisch leuchtend, daß sie zu klingen schien, -- da regte sich, an einem Fels empört, das glatte Wasser, und jäh zerschlug der Sturz der Nereïde dort vor mir die Gestaltung, daß _sie riß_ und ich davon in meinem _Weiberleib_ -- sieh: hier -- den heißen Stich des Schmerzes so empfing --

_Maddalena_.

Erwachtest du?

_Pallas_.

Noch nicht. Es hob mich nur aus tiefem Traum zu minder tiefem Traum, und wieder schwamm ich, und vor mir, fast schon am Horizont, doch immer sichtbar, schwebten _zwei Glocken_, eine wie die andre, zart und feurig doch, und zogen her vor mir bis in den uferlosen luft'gen Gischt von Licht, darin ich dann erwachte, müd und mit dem wunderlichen Schmerz, der jetzt beim Steigen wieder mich erinnerte an meinen Traum und an -- ich weiß nicht was.

_Maddalena_.

Wo saß der süße Schmerz?

(Sie legt eine Hand auf Pallas Brust.)

_Und fühlst du etwa_ _auch schon die zarten Brüstchen leise tickend_ _sich dir entfremden, einem andern zu?_ Zwei wird zu eins; und daß die Rechnung stimme, wird danach eins zu zwei, du junge Frau.

(196) Berlin, S. Fischer, 1911.

Die Analyse gedichteter Träume.

Detaillierte Untersuchungen über die in poetischer Darstellung verwendeten Träume sind leider erst vereinzelt unternommen worden, doch haben sie bereits wertvolle Einblicke in die dichterische Seelenkenntnis und das Wesen der künstlerischen Schöpfung gewährt. Es ist erfreulich, daß die erste derartige auf psychoanalytischer Grundlage ruhende Studie von einem Literarhistoriker herrührt, der die Bedeutung der analytischen Traumpsychologie frühzeitig erkannte und erfolgreich für sein Fachgebiet zu verwerten suchte. Es stand ihm allerdings das denkbar günstigste Material zu Gebote: »die Träume in _Gottfried Kellers_ ›Grünem Heinrich‹.« Aus der kleinen Schrift von _Ottokar Fischer_, die im einzelnen eine Reihe von Bestätigungen der psychoanalytischen Traumlehre liefert, sei nur eine Stelle zur Probe angeführt:

»Dem Träumenden gibt sich, ihm selber unbewußt und unerwartet, ein gutes Stück seiner Ideenwelt und nicht zuletzt der eigentliche Inhalt seiner verborgenen, selbst uneingestandenen Wünsche kund. Im Traum erst bemächtigt sich Heinrichs grenzenloses Heimweh, da er im Wachen nicht Zeit gefunden hat, sich den Gefühlen hinzugeben. Im Traum erst tritt alles das in den Vordergrund, was bei Tage übertönt und nicht beachtet wurde, und was sich in seiner wahren Gestalt darstellen mußte als Vorwurf, Schmerz oder Sehnsucht. Ja, Sehnsuchtsträume sind so gut wie alle im »Grünen Heinrich« geschilderten Träume.«

»Der Roman ist aufgebaut auf dem Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. Im Mittelpunkte von Heinrichs Träumen befindet sich der Gedanke an die Mutter, Sehnsucht nach ihr, Sorge um sie und doch Scham, sich zu dergleichen Gefühlsduseleien zu bekennen. Wieder trifft die allgemeine Bemerkung zu, in den Träumen stellen sich Ideen ein, die im Wachen unwirsch bei Seite geschoben wurden. Heinrich macht sich in der Tat eines argen Vergehens schuldig, indem er an die Mutter nicht schreibt, ja er will an sie kaum denken und ist sich selber seiner wahren Gefühle ihr gegenüber gar nicht bewußt. Erst der Schlaf klärt ihn über das eigene Empfinden auf« (p. 17 ff.).