Part 40
Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten Teil dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der Traumgedanken ohne vermittelnden Übergang aneinander gereiht werden. So verläßt der Satz: _Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer_ usw. das Thema, aus dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproduziert getreulich die Umstände, unter denen ich dem Vater meine eigenmächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will mich also an die vornehme Uneigennützigkeit mahnen, die der alte Mann damals bewies, und diese in Gegensatz zu dem Benehmen eines anderen, einer neuen Person bringen. Ich merke hier, daß der Traum darum den Vater verspotten darf, weil er in den Traumgedanken in voller Anerkennung anderen als Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Zensur, daß man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher sagen darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert, _einmal betrunken und darum eingesperrt_ gewesen zu sein, enthält nichts mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht. Die von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der große -- _Meynert_, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung gefolgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum erinnert mich an seine eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren einmal der Gewohnheit gefrönt, sich mit _Chloroform zu berauschen_, und habe darum die _Anstalt aufsuchen_ müssen, und an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz vor seinem Ende. Ich hatte einen erbitterten literarischen Streit mit ihm geführt in Sachen der männlichen Hysterie, die er leugnete, und als ich ihn als Totkranken besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte er bei der Beschreibung seiner Zustände und schloß mit den Worten: »Sie wissen, ich war immer einer der schönsten Fälle von männlicher Hysterie.« So hatte er zu meiner Genugtuung _und zu meinem Erstaunen_ zugegeben, wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich aber in dieser Szene des Traumes _Meynert_ durch meinen Vater verdecken kann, hat seinen Grund nicht in einer zwischen beiden Personen aufgefundenen Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig zureichende Darstellung eines Konditionalsatzes in den Traumgedanken, der ausführlich lautet: Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn eines Professors oder Hofrates, wäre, dann wäre ich freilich _rascher vorwärts gekommen_. Im Traume mache ich nun meinen Vater zum Hofrat und Professor. Die gröbste und störendste Absurdität des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl #1851#, die mir von #1856# gar nicht verschieden vorkommt, _als würde die Differenz von fünf Jahren gar nichts bedeuten_. Gerade dies soll aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht werden. _Vier bis fünf Jahre_, das ist der Zeitraum, während dessen ich die Unterstützung des eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber auch die Zeit, während welcher ich meine Braut auf die Heirat warten ließ, und durch ein zufälliges, von den Traumgedanken gern ausgenutztes Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich jetzt meinen vertrautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse. »_Was sind fünf Jahre?_« fragen die Traumgedanken. »_Das ist für mich keine Zeit, das kommt nicht in Betracht._ Ich habe Zeit genug vor mir, und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr auch nicht glauben wolltet, so werde ich auch dies zu stande bringen.« Außerdem aber ist die Zahl #51#, vom Jahrhundert abgelöst, noch anders und zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt darum auch mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich habe sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren einige Tage vorher zum Professor ernannt worden war.
Der absurde _Goethe_-Traum.
V. Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt.
_Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem Geringeren als von Goethe in einem Aufsatze angegriffen worden, wie wir alle meinen, mit ungerechtfertigt großer Heftigkeit. Herr M. ist durch diesen Angriff natürlich vernichtet. Er beklagt sich darüber bitter bei einer Tischgesellschaft; seine Verehrung für Goethe hat aber unter dieser persönlichen Erfahrung nicht gelitten. Ich suche mir die zeitlichen Verhältnisse, die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig aufzuklären. Goethe ist 1832 gestorben; da sein Angriff auf M. natürlich früher erfolgt sein muß, so war Herr M. damals ein ganz junger Mann. Es kommt mir plausibel vor, daß er 18 Jahre alt war. Ich weiß aber nicht sicher, welches Jahr wir gegenwärtig schreiben, und so versinkt die ganze Berechnung im Dunkel. Der Angriff ist übrigens in dem bekannten Aufsatze von Goethe »Natur« enthalten._
Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn dieses Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer _Tischgesellschaft_ kenne, hatte mich unlängst aufgefordert, seinen Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von _paralytischer Geistesstörung_ bemerkbar machten. Die Vermutung war richtig; es ereignete sich bei diesem Besuche das Peinliche, daß der Kranke ohne jeden Anlaß im Gespräche den Bruder durch Anspielung auf dessen _Jugendstreiche_ bloßstellte. Den Kranken hatte ich nach seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu kleinen Berechnungen veranlaßt, um seine Gedächtnisschwächung klarzulegen; Proben, die er übrigens noch recht gut bestand. Ich merke schon, daß ich mich im Traume benehme wie ein Paralytiker. (_Ich weiß nicht sicher, welches Jahr wir schreiben._) Anderes Material des Traumes stammt aus einer anderen rezenten Quelle. Ein mir befreundeter Redakteur einer medizinischen Zeitschrift hatte eine höchst ungnädige, eine »_vernichtende_« Kritik über das letzte Buch meines Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen, die ein recht _jugendlicher_ und wenig urteilsfähiger Referent verfaßt hatte. Ich glaubte ein Recht zur Einmengung zu haben und stellte den Redakteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik lebhaft bedauerte, aber eine Remedur nicht versprechen wollte. Daraufhin brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und hob in meinem Absagebriefe die Erwartung hervor, _daß unsere persönlichen Beziehungen unter diesem Vorfalle nicht leiden würden_. Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals frische Erzählung einer Patientin von der psychischen Erkrankung ihres Bruders, der mit dem Ausrufe »_Natur, Natur_« in Tobsucht verfallen war. Die Ärzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lektüre jenes schönen _Aufsatzes von Goethe_ und deute auf die Überarbeitung des Erkrankten bei seinen naturphilosophischen Studien. Ich zog es vor, an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die Mindergebildeten bei uns von der »Natur« reden, und daß der Unglückliche sich später an den Genitalien verstümmelte, schien mir wenigstens nicht unrecht zu geben. _18 Jahre_ war das Alter dieses Kranken, als jener Tobsuchtsanfall sich einstellte.
Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch meines Freundes (»Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist man es selbst«, hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit den _zeitlichen Verhältnissen_ des Lebens beschäftigt und auch _Goethes_ Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die Biologie bedeutsamen Zahl zurückführt, so ist es leicht einzusehen, daß ich mich im Traume an die Stelle meines Freundes setze. (_Ich suche mir die zeitlichen Verhältnisse . . . ein wenig aufzuklären._) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker und der Traum schwelgt in Absurdität. Das heißt also, die Traumgedanken sagen ironisch: »_Natürlich_, er ist der Narr, der Verrückte, und Ihr seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht aber doch umgekehrt?« Und diese _Umkehrung_ ist nun ausgiebig im Trauminhalt vertreten, indem _Goethe_ den jungen Mann angegriffen hat, was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch noch heute den unsterblichen _Goethe_ angreifen könnte, und indem ich vom _Sterbejahre Goethes_ an rechne, während ich den Paralytiker von seinem _Geburtsjahre_ an rechnen ließ.
Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum von anderen als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit muß ich es rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache meines Freundes zu der meinigen mache und mich an seine Stelle setze. Meine kritische Überzeugung im Wachen reicht hiefür nicht aus. Nun spielt aber die Geschichte des 18 jährigen Kranken und die verschiedenartige Deutung seines Ausrufes »_Natur_« auf den Gegensatz an, in den ich mich mit meiner Behauptung einer sexuellen Ätiologie für die Psychoneurosen zu den meisten Ärzten gebracht habe. Ich kann mir sagen: So wie deinem Freunde, so wird es auch dir mit der Kritik ergehen, ist dir zum Teil auch bereits so ergangen, und nun darf ich das »Er« in den Traumgedanken durch ein »Wir« ersetzen. »Ja, Ihr habt recht, wir zwei sind die Narren.« Daß »mea res agitur«, daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen, unvergleichlich schönen Aufsatzes von _Goethe_, denn der Vortrag dieses Aufsatzes in einer populären Vorlesung war es, der mich schwankenden Abiturienten zum Studium der Naturwissenschaft drängte.
»Geseres und Ungeseres«.
VI. Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen Traume, in dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, daß er egoistisch ist. Ich erwähnte auf p. 202 einen kurzen Traum, daß Professor M. sagt: »_Mein Sohn, der Myop . . ._« und gab an, das sei nur ein Vortraum zu einem anderen, in dem ich eine Rolle spiele. Hier ist der fehlende Haupttraum, der uns eine absurde und unverständliche Wortbildung zur Aufklärung bietet:
_Wegen irgend welcher Vorgänge in der Stadt Rom ist es notwendig, die Kinder zu flüchten, was auch geschieht. Die Szene ist dann vor einem Tore, Doppeltor nach antiker Art (die Porta romana in Siena, wie ich noch im Traume weiß). Ich sitze auf dem Rande eines Brunnens und bin sehr betrübt, weine fast. Eine weibliche Person -- Wärterin, Nonne -- bringt die zwei Knaben heraus und übergibt sie dem Vater, der nicht ich bin. Der ältere der beiden ist deutlich mein Ältester, das Gesicht des anderen sehe ich nicht; die Frau, die den Knaben bringt, verlangt zum Abschied einen Kuß von ihm. Sie zeichnet sich durch eine rote Nase aus. Der Knabe verweigert ihr den Kuß, sagt aber, ihr zum Abschied die Hand reichend: #Auf Geseres# und zu uns beiden (oder zu einem von uns): #Auf Ungeseres#. Ich habe die Idee, daß letzteres einen Vorzug bedeutet._
Dieser Traum baut sich auf einem Knäuel von Gedanken auf, die durch ein im Theater gesehenes Schauspiel »_Das neue Ghetto_« angeregt wurden. Die Judenfrage, die Sorge um die Zukunft der Kinder, denen man ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie so zu erziehen, daß sie freizügig werden können, sind in den zugehörigen Traumgedanken leicht zu erkennen.
»_An den Wässern Babels saßen wir und weinten._« -- Siena ist wie Rom durch seine schönen Brunnen berühmt; für Rom muß ich im Traume (vgl. p. 146) mir irgend einen Ersatz aus bekannten Örtlichkeiten suchen. Nahe der Porta romana von Siena sahen wir ein großes, hell erleuchtetes Haus. Wir erfuhren, daß es das Manicomio, die Irrenanstalt sei. Kurz vor dem Traume hatte ich gehört, daß ein Glaubensgenosse seine mühselig erworbene Anstellung an einer staatlichen Irrenanstalt hatte aufgeben müssen.
Unser Interesse erweckt die Rede: _Auf Geseres_, wo man nach der im Traume festgehaltenen Situation erwarten müßte: Auf Wiedersehen, und ihr ganz sinnloser Gegensatz: _Auf Ungeseres_.
_Geseres_ ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schriftgelehrten geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von einem Verbum »goiser« und läßt sich am besten durch »anbefohlene Leiden, Verhängnis«, wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes im Jargon sollte man meinen, es bedeute »Klagen und Jammern«. _Ungeseres_ ist meine eigenste Wortbildung und zieht meine Aufmerksamkeit zuerst auf sich, macht mich aber zunächst ratlos. Die kleine Bemerkung zu Ende des Traumes, daß Ungeseres einen Vorzug gegen Geseres bedeute, öffnet den Einfällen und damit dem Verständnis die Pforten. Ein solches Verhältnis findet ja beim Kaviar statt; der _ungesalzene_ wird höher geschätzt als der _gesalzene_. Kaviar fürs Volk, »noble Passionen«: darin liegt eine scherzhafte Anspielung an eine der Personen meines Haushaltes verborgen, von der ich hoffe, daß sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht nehmen wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines Haushaltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) vom Traume wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem Paar _gesalzen-ungesalzen_ und _Geseres-Ungeseres_ fehlt es aber noch an einem vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in »_gesäuert_ und _ungesäuert_«; bei ihrem _flucht_artigen Auszug aus _Ägypten_ hatten die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig gären zu lassen, und essen zur Erinnerung daran noch heute ungesäuertes Brot zur Osterzeit. Hier kann ich auch den plötzlichen Einfall unterbringen, der mir während dieses Stückes der Analyse gekommen ist. Ich erinnerte mich, wie wir in den letzten _Oster_tagen in den Straßen der uns fremden Stadt Breslau herumspazierten, mein Freund aus Berlin und ich. Ein kleines Mädchen fragte mich um den Weg in eine gewisse Straße; ich mußte mich entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse, und äußerte dann zu meinem Freunde: Hoffentlich beweist die Kleine später im Leben mehr Scharfblick bei der Auswahl der Personen, von denen sie sich leiten läßt. Kurz darauf fiel mir ein Schild in die Augen: _Dr. Herodes_, Sprechstunde . . . Ich meinte: Hoffentlich ist der Kollege nicht gerade _Kinderarzt_. Mein Freund hatte mir unterdessen seine Ansichten über die biologische Bedeutung der _bilateralen Symmetrie_ entwickelt und einen Satz mit der Einleitung begonnen: »Wenn wir das eine Auge mitten auf der Stirn trügen wie der _Kyklop_ . . .« Das führt nun zur Rede des Professors im Vortraume: _Mein Sohn, der Myop_. Und nun bin ich zur Hauptquelle für das _Geseres_ geführt worden. Vor vielen Jahren, als dieser Sohn des Professors M., der heute ein selbständiger Denker ist, noch auf der _Schulbank_ saß, erkrankte er an einer Augenaffektion, die der Arzt für besorgniserweckend erklärte. Er meinte, solange sie _einseitig_ bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber auch auf das _andere Auge_ übergreifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden heilte auf dem einen Auge schadlos ab; kurz darauf stellten sich aber die Zeichen für die Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die entsetzte Mutter ließ sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres Landaufenthaltes kommen. Der schlug sich aber jetzt _auf die andere Seite_. »_Was machen Sie für Geseres?_« herrschte er die Mutter an. »Ist es auf der _einen Seite_ gut geworden, so wird es auch auf der _anderen_ gut werden.« Und so ward es auch.
Und nun die Beziehungen zu mir und den meinigen. Die _Schulbank_, auf der der Sohn des Professors M. seine erste Weisheit erlernt, ist durch Schenkung der Mutter in das Eigentum meines Ältesten übergegangen, dem ich im Traume die Abschiedsworte in den Mund lege. Der eine der Wünsche, die sich an diese Übertragung knüpfen lassen, ist nun leicht zu erraten. Diese Schulbank soll aber auch durch ihre Konstruktion das Kind davor schützen, _kurzsichtig_ und _einseitig_ zu werden. Daher im Traume _Myop_ (dahinter _Kyklop_) und die Erörterungen über _Bilateralität_. Die Sorge um die Einseitigkeit ist eine mehrdeutige; es kann neben der körperlichen Einseitigkeit die der intellektuellen Entwicklung gemeint sein. Ja, scheint es nicht, daß die Traumszene in ihrer Tollheit gerade dieser Sorge widerspricht? Nachdem das Kind nach _der einen Seite hin_ sein Abschiedswort gesprochen, ruft es nach _der anderen hin_ das Gegenteil davon, wie um das Gleichgewicht herzustellen. _Es handelt gleichsam in Beachtung der bilateralen Symmetrie!_
So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten erscheint. Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten und es nicht gefahrlos sagen konnten, gern die Narrenkappe aufzusetzen. Der Hörer, für den die untersagte Rede bestimmt war, duldete sie eher, wenn er dabei lachen und sich mit dem Urteil schmeicheln konnte, daß das Unliebsame offenbar etwas Närrisches sei. Ganz so wie in Wirklichkeit der Traum, verfährt im Schauspiel der Prinz, der sich zum Narren verstellen muß, und darum kann man auch vom Traume aussagen, was _Hamlet_, wobei er die eigentlichen Bedingungen durch witzig-unverständliche ersetzt, von sich behauptet: »Ich bin nur toll bei Nord-Nord-West; weht der Wind aus Süden, so kann ich einen Reiher von einem Falken unterscheiden(167).«
(167) Dieser Traum gibt auch ein gutes Beispiel für den allgemein gültigen Satz, daß die Träume derselben Nacht, wenngleich in der Erinnerung gesondert, auf dem Boden des nämlichen Gedankenmaterials erwachsen sind. Die Traumsituation, daß ich meine Kinder aus der Stadt Rom flüchte, ist übrigens durch die Rückbeziehung auf einen analogen, in meine Kindheit fallenden Vorgang entstellt. Der Sinn ist, daß ich Verwandte beneide, denen sich bereits vor vielen Jahren ein Anlaß geboten hat, ihre Kinder auf einen anderen Boden zu versetzen.
Keine Urteilsleistung im Traume.
Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin aufgelöst, daß die Traumgedanken niemals absurd sind -- wenigstens nicht von den Träumen geistesgesunder Menschen -- und daß die Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen absurden Elementen produziert, wenn ihr in den Traumgedanken Kritik, Spott und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausdrucksform vorliegt. Es liegt mir nun daran zu zeigen, daß die Traumarbeit überhaupt durch das Zusammenwirken der drei erwähnten Momente -- und eines vierten noch zu erwähnenden -- erschöpft ist, daß sie sonst nichts leistet als eine Übersetzung der Traumgedanken unter Beachtung der vier ihr vorgeschriebenen Bedingungen, und daß die Frage, ob die Seele im Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur mit einem Teile derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen Verhältnissen abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren Inhalt geurteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung über ein einzelnes Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche gemacht und Argumentationen angestellt werden, muß ich die Einwendungen, die aus solchen Vorkommnissen sich ableiten, an ausgewählten Beispielen erledigen.
Meine Erwiderung lautet: _Alles, was sich als scheinbare Betätigung der Urteilsfunktion in den Träumen vorfindet, ist nicht etwa als Denkleistung der Traumarbeit aufzufassen, sondern gehört dem Material der Traumgedanken an und ist von dorther als fertiges Gebilde in den manifesten Trauminhalt gelangt._ Ich kann meinen Satz zunächst noch überbieten. Auch von den Urteilen, die man _nach dem Erwachen_ über den erinnerten Traum fällt, den Empfindungen, die die Reproduktion dieses Traumes in uns hervorruft, gehört ein guter Teil dem latenten Trauminhalt an und ist in die Deutung des Traumes einzufügen.
I. Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt. Eine Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er _zu unklar_ ist. Sie hat eine Person im Traume gesehen, und weiß nicht, _ob es der Mann oder der Vater war_. Dann folgt ein zweites Traumstück, in dem ein »Misttrügerl« vorkommt, an das folgende Erinnerung sich anschließt. Als junge Hausfrau äußerte sie einmal scherzhaft vor einem jungen Verwandten, der im Hause verkehrte, daß ihre nächste Sorge die Anschaffung eines neuen Misttrügerls sein müsse. Sie bekam am nächsten Morgen ein solches zugeschickt, das aber mit Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum dient der Darstellung der Redensart »Nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen«. Wenn man die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es sich in den Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend gehörten Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, von dem es _unklar war, wer eigentlich der Vater sei_. Die Traumdarstellung greift also hier ins Wachdenken über und läßt eines der Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen gefälltes Urteil über den ganzen Traum vertreten sein.
II. Ein ähnlicher Fall: Einer meiner Patienten hat einen Traum, der ihm interessant vorkommt, denn er sagt sich unmittelbar nach dem Erwachen: _Das muß ich dem Doktor erzählen._ Der Traum wird analysiert und ergibt die deutlichsten Anspielungen auf ein Verhältnis, das er während der Behandlung begonnen, und von dem er sich vorgenommen hatte, _mir nichts zu erzählen_(168).
(168) Die noch im Traume enthaltene Mahnung oder der Vorsatz: Das muß ich dem Doktor erzählen, bei Träumen während der psychoanalytischen Behandlung entspricht regelmäßig einem großen Widerstand gegen die Beichte des Traumes und wird nicht selten vom Vergessen des Traumes gefolgt.
Übergreifen der Traumarbeit ins Wachen.
III. Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung:
_Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser und Gärten vorkommen, ins Spital. Dabei die Idee, daß ich diese Gegend schon mehrmals im Traume gesehen habe. Ich kenne mich nicht sehr gut aus; er zeigt mir einen Weg, der durch eine Ecke in eine Restauration führt (Saal, nicht Garten); dort frage ich nach Frau Doni und höre, sie wohnt im Hintergrunde in einer kleinen Kammer mit drei Kindern. Ich gehe hin und treffe schon vorher eine undeutliche Person mit meinen zwei kleinen Mädchen, die ich dann mit mir nehme, nachdem ich eine Weile mit ihnen gestanden bin. Eine Art Vorwurf gegen meine Frau, daß sie sie dort gelassen hat._
Beim Erwachen fühle ich dann große _Befriedigung_, die ich damit motiviere, daß ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was es bedeutet: _Ich habe schon davon geträumt_(169). Die Analyse lehrt mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, daß die Befriedigung zum latenten Trauminhalt und nicht zu einem Urteile über den Traum gehört. Es ist die _Befriedigung darüber, daß ich in meiner Ehe Kinder bekommen habe_. P. ist eine Person, mit der ich ein Stück weit im Leben den gleichen Weg gegangen bin, die mich dann sozial und materiell weit überholt hat, die aber in ihrer Ehe kinderlos geblieben ist. Die beiden Anlässe des Traumes können den Beweis durch eine vollständige Analyse ersetzen. Tags zuvor las ich in der Zeitung die Todesanzeige einer Frau _Dona A. .y_ (woraus ich _Doni_ mache), die im _Kindbett_ gestorben; ich hörte von meiner Frau, daß die Verstorbene von derselben Hebamme gepflegt worden sei wie sie selbst bei unseren beiden Jüngsten. Der Name _Dona_ war mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in einem englischen Roman zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß des Traumes ergibt sich aus dem Datum desselben; es war die Nacht vor dem Geburtstage meines ältesten, wie es scheint, dichterisch begabten Knaben.
(169) Ein Thema, über welches sich eine weitläufige Diskussion in den letzten Jahrgängen der Revue philosophique angesponnen hat (Paramnesie im Traume).