Die Träger des deutschen Idealismus
Part 14
Wie der deutsche Idealismus die Moral eigentümlich gestaltet, so hat er auch ein eigentümliches Verhältnis zur Religion. Sie ist ihm ein wesentliches Stück, ja der innerste Kern des Lebens. Denn wie könnte der Mensch den Aufbau einer neuen Welt unternehmen und sie in einen unerbittlichen Kampf mit der ganzen Umgebung führen, wüßte er sich nicht von überlegener Macht getragen und geleitet, empfände er nicht alles, was in seinem eigenen Leben wahrhaft groß und edel ist, als ihr Werk, ihre Gabe und Gnade? Ohne Religion findet die dem Deutschen unentbehrliche Innerlichkeit nicht den Weg zu einer Innenwelt und zugleich keine Befestigung, all sein Streben zur Höhe schwebt dann haltlos in leerer Luft. Aber eben weil der deutsche Idealismus die Religion so eng mit dem Leben verbindet, muß er darauf bestehen, daß sie sich von diesem aus entwickele und sich in seiner Förderung erweise. Der deutsche Idealismus verlangt eine Begründung der Religion auf das, was jedem unmittelbar gegenwärtig ist und sich von ihm erleben läßt, er bindet die Religion nicht starr an die Satzungen der Vergangenheit, er verlangt eine Gestaltung aus lebendiger Gegenwart, einer Gegenwart freilich nicht des wechselnden Augenblicks, sondern eines zeitüberlegenen Schaffens. So gewiß der deutsche Idealismus ferner die unsichtbare Welt der Religion über die sichtbare Welt hinaushebt, er will keine Absonderung von ihr, die Weltüberlegenheit bedeutet ihm nicht eine Flucht vor der Welt; nach seiner Überzeugung gilt es, das Göttliche auch in dieser Welt kräftig zur Wirkung zu bringen und »Ewigdauerndes zu verflößen in das irdische Tagewerk«.
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[Randnotiz: Der Reichtum des deutschen Idealismus]
Wenn in dem allen der deutsche Idealismus eine durchaus eigentümliche Lebensgestaltung verficht, so verleiht er der gemeinsamen Grundüberzeugung recht verschiedene Gestalten, er bildet sie nach sehr verschiedenen Richtungen aus: die einen finden den Schwerpunkt des Lebens in der Richtung der Gesinnung und der moralischen Haltung der Persönlichkeit, die anderen beim Kulturaufbau mit seiner sachlichen Arbeit; der eine stellt das praktisch-politische Leben, der andere die Kunst, der andere die Religion voran; jeder einzelne aber hat in sein Werk seine ganze Persönlichkeit hineingelegt und gibt seiner Arbeit die Wucht einer geistigen Selbsterhaltung. Jeder hat dabei seine Eigentümlichkeit auch seiner Sprache mitgeteilt, ihr einen hohen Schwung und einen ausgeprägten Charakter gegeben, jeder einzelne spricht zu uns in einer unvergleichlichen Weise, jeder vermag zu uns ein persönliches Verhältnis zu gewinnen. Dieser Reichtum ist ein großer Vorzug des deutschen Idealismus, er behütet die Gemeinschaft der Grundüberzeugung vor aller Enge und Einseitigkeit.
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So ist das Ganze des deutschen Idealismus ein kostbarer Besitz unseres Volkes, ein Besitz freilich, der als ein geistiger sich nicht mühelos übertragen läßt, sondern den es immer wieder neu zu erringen gilt. Aber wie er aus deutschem Wesen geboren ist, so kann deutsches Wesen besonders leicht den Weg zu ihm finden, sich an ihm verjüngen und erhöhen.
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Solches verjüngende und erhöhende Wirken vermag er namentlich in einer Zeit großer Gefahr und höchster Spannung zu üben, wie es die Gegenwart ist. Eine solche Zeit wirft mit ihren Aufgaben, Gefahren und Nöten den Menschen auf sein innerstes Wesen zurück, sie rüttelt ihn zwingend auf aus dem stumpfen Dahintreiben des Alltags, sie hält ihm eindringlich das große Entweder--Oder vor Augen, das alles menschliche Leben durchdringt, sich ihm sonst aber leicht verdunkelt, sie treibt ihn zu einer klaren Entscheidung über dieses Entweder--Oder. Es handelt sich nämlich darum, ob der Mensch ganz und gar darin aufgeht, sinnliche Natur zu sein, bloß einer sinnlichen Welt anzugehören und daher auch nur sinnliche Güter zu schätzen, oder ob sich seinem Innern eine Geisteswelt offenbart, ein neues Leben in ihm pflanzt, ihn zu einem neuen Sein emporhebt, ihm zugleich auch alle Größen und Güter verwandelt. Sich für das erstere entscheiden, das heißt allen Sinn des Lebens zerstören, das heißt auch das Große unerklärlich machen, was heute in Kampf und Opfer alltäglich um uns geschieht. Das zweite ist unbedingt notwendig, da der Mensch unmöglich sich selbst vernichten kann; aber seine Bejahung hat ungeheure Schwierigkeiten draußen und drinnen zu überwinden, sie fordert geistige Stärke, sie fordert Heroismus der Gesinnung. In solchem Heroismus aber können uns jene großen Denker stärken, stärken nicht nur durch ihre Lehren, sondern durch ihr ganzes Leben und Wesen. Auch sie waren tapfere Helden, auch sie haben einen harten Kampf zu führen gehabt und haben ihn siegreich bestanden; so sind sie uns Zeugen der Macht und der Gegenwart jener Welt, die sich mit mächtigen Wirkungen auch in der Gegenwart offenbart.
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[Randnotiz: Die Aufgaben unserer Zeit]
Wenn wir mit ihrer Hilfe die Aufgaben unserer Zeit in dem großen Zusammenhange einer Weltüberzeugung sehen, so verheißt das eine Vertiefung des Lebens und eine Steigerung der Kraft. Denn der Kampf für das Vaterland erscheint dann zugleich als ein Kampf für die idealen Güter der Menschheit, für eine Aufrechterhaltung einer höheren Welt in unserem Bereich; Kämpfende sowohl als leidende erscheinen dann als Mehrer des Reiches des Geistes. Trägt eine unsichtbare Welt unser menschliches Leben, und gibt erst die Beziehung auf sie unserem Handeln und unseren Schicksalen einen Wert, so verändert und vertieft sich wesentlich auch der Anblick dessen, was wir heute erfahren: auch was äußerlich untergeht, kann für eine ewige Ordnung der Dinge unmöglich verloren sein, und auch schwerste Verluste können nicht zur Verzweiflung treiben, wenn aus dem Leid eine seelische Vertiefung hervorgeht, und im Schmerze selbst sich eine höhere Welt mit lebendiger Gegenwart offenbart. So muß die Verknüpfung mit den letzten Überzeugungen zur Veredlung der Arbeit, zur Heiligung des Schmerzes wirken, und wenn uns alle dabei die Gemeinschaft einer geistigen Welt zusammenhält und miteinander fühlen läßt, so werden wir aufrichtige Ehrfurcht den Helden, aber vielleicht noch größere Ehrfurcht denen zollen, die im Leide sich tapfer erweisen und ihren Glauben wahren. Sie fördern und heben damit unser aller Leben.
Der Idealismus des Gedankens hatte höchste Schätzung für die Tat, ja er wollte das ganze Leben in eine fortlaufende Tat verwandeln; jetzt hat das Geschick das ganze deutsche Volk dazu aufgerufen, einen Idealismus der Tat zu erweisen; es hat einen solchen in Wahrheit erwiesen, es hat dieselbe Gesinnung in lebendige Wirklichkeit umgesetzt, aus der jene Denker unsterbliche Werke schufen. Gehen Idealismus des Gedankens und Idealismus der Tat bei uns zu einem festen Bündnis zusammen, so liegt vor unserem Volke eine herrliche Zukunft, und alles Schwere des gegenwärtigen Kampfes erleichtert sich, wenn er uns zur Pforte einer solchen Zukunft wird.
Sachregister
Ullstein & Co Berlin SW 68
Sachregister
+Bildung+, Entstehung dieses Begriffs: Romantik 118, Schleiermacher 172.
+Böses+, sein Ursprung und seine Ausdehnung: J. Böhme 19, Kant 55, Fichte 82, Schelling 149 ff., Schopenhauer 230.
+Charakter+, näher bestimmt durch Kant 37.
+Christentum+, Fassung seines Wesens: Schelling 140 ff., Schleiermacher 177 ff., Hegel 220.
+Denken+, verschiedene Fassung seines Vermögens: Kant 44, Hegel 192.
+Deutsches Volk und deutsche Art+, eigentümliche Größe: Fichte 104 ff., Romantik 121, Schelling 144 ff., Schleiermacher 186 ff.
+Entwicklungslehre+: Schelling 134, Hegel 194, 197, 210, 222.
+Erkennen+: deutsche Schätzung 21, Schelling 139, Hegel 192 ff.
+Ewiger Friede+, erstrebt: Kant 62, Fichte 96, 99; abgelehnt: Fichte 108, Hegel 207.
+Fortschritt der Menschheit+: Kant 63, Fichte 91, Hegel 210 ff.
+Freiheit+, Fassung und Schätzung dieser Idee: Kant 35, allgemeine deutsche Art 38, 243, Fichte 86, Schelling 153, Schleiermacher 166 ff., Hegel 210.
+Gefühl+, verschiedene Fassung und Schätzung: Romantik 115, Schleiermacher 172, Hegel 219.
+Gegenwart+, ihre Beurteilung: Fichte 91, Schelling 151, Schleiermacher 179, Hegel 215, 222.
+Geschichte+, ihre Fassung und Bedeutung: Kant 63 ff., Fichte 91, 97, Romantik 120, Schelling 129, 140, Hegel 197, 202, 209, 213.
+Geschichte, unterschieden von Historie+: Schelling 140.
+Geschichtliche Denkart+, ihr Aufkommen 119 ff.
+Geschichtliches in der Religion+, verschiedene Schätzung: Kant 57, Fichte 89 ff., Schelling 140 ff., Schleiermacher 177 ff., Hegel 218, 221.
+Gesellschaft und Individuum+: Fichte 97 ff., Schleiermacher 168 ff., 175, 183, Hegel 206.
+Gesellschaft und Staat+, ihr Verhältnis: Fichte 84, Hegel 205 ff.
+Gleichheit der Menschen+: verteidigt von Fichte 85, verworfen von der Romantik 114.
+Gottesidee+, Fassung und Begründung: Kant 47, 51, 52, Fichte 88, Schelling 154, Schleiermacher 180, Hegel 194, 196, 218.
+Handeln+, Kern des Lebens: Fichte 80, 92.
+Historische Kunst+: Schelling 142.
+Idealismus+, seine Fassung: Kant 69, Fichte 81, Hegel 194, gemeinsame deutsche Art 238, Unterschied von indischen und vom griechischen Idealismus 241.
+Individualität+, ihre Hochschätzung: Romantik 114, Schleiermacher 175.
+Krieg+: verworfen von Kant 62, Fichte 96, 99; anerkannt von Fichte 107, Schelling 147, Schleiermacher 186, Hegel 207.
+Kultur+, definiert von Fichte 82.
+Kulturstaat+: Fichte 97.
+Kunst+, ihre Stellung und Bedeutung: Kant 64 ff., Schelling 137 ff., 143, Hegel 215 ff.
+Lebensalter+: Schleiermacher 170.
+Mensch+, sein Auszeichnendes: Kant 36 ff., Schelling 128, 139.
+Moral+, ihre Fassung und Schätzung: Kant 35, 48 ff., Fichte 81 ff., Schelling 138, Schleiermacher 182 ff., Hegel 195; gemeinsame deutsche Art 242 ff.
+Moral und Politik+, ihr Verhältnis: Kant 62, Fichte 88, Hegel 208, 212.
+Moral und Religion+: Kant 57, Fichte 88, Schleiermacher 173 ff.
+Moral+, unabhängig vom Zustand der Menschen: Kant 54, Schiller 70, Fichte 90.
+Nationale Idee+, ihre philosophische Begründung: Fichte 101.
+Nationalerziehung+: Fichte 100 ff.
+Naturphilosophie+, Schelling 129 ff.
+Organische Auffassung+: der Geschichte: Romantik 120; der Natur: Schelling 132 ff.; des Staates: Schelling 142.
+Persönlichkeit+, Fassung und Bedeutung: Leibniz 25, Kant 36, Schelling 154.
+Pflicht+, ihre Größe: Kant 31 ff., Fichte 81, 88.
+Phantasie+, ihre befreiende Kraft: Schleiermacher 169.
+Philosophie+, ihre Aufgabe: Schelling 139, Hegel 197 ff., 198 ff., 222 ff.
+Recht+: Kant 60, Fichte 83 ff., Hegel 203.
+Religion+, ihre Fassung und Schätzung: gemeinsame deutsche Art 18 ff., Kant 56, Fichte 87 ff., Schelling 138, 148, Schleiermacher 171 ff., Hegel 214 ff., 217 ff., Deutscher Idealismus überhaupt 243.
+Sinnliches+, seine Bedeutung anerkannt: Schelling 136.
+Soziale Aufgaben+: Fichte 85.
+Staat+, als Rechtsstaat: Kant 60, Fichte 83 ff.; als sozialer Staat: Fichte 93; als Kulturstaat: Fichte 100 ff.; als »Darstellung des absoluten Organismus«: Schelling 142; als absoluter Staat: Hegel 201 ff.
+Unbewußtes+, geschätzt: Romantik 115, Schelling 137.
+Unsterblichkeit+, Stellung zu diesem Problem: Kant 47, 51, Fichte 92, Schleiermacher 167, 176.
+Volk und Menschheit+: Fichte 96, 99, 107, Schleiermacher 184 ff., Hegel 208.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Die Schlagwörter der Seitentitelzeile wurden in Randnotizen umgewandelt und passend zugeordnet.
Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.
Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
S. 222: Einfäle → Einfälle bloße Meinungen und {Einfälle} der Individuen