Die Träger des deutschen Idealismus

Part 11

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Unter den Nachfolgern Kants hat auf das Ganze des Geisteslebens niemand größeren Einfluß geübt als Hegel (1770--1831), zeitweilig hatte er auch Kant in den Hintergrund gedrängt; rasch ist dann ein jäher Rückschlag gekommen, aber wenn Hegel längere Zeit überwiegend Widerspruch und Ablehnung fand, so hat er niemals aufgehört, auf das Kulturleben stark zu wirken; das wird neuerdings immer mehr anerkannt, und es wächst zugleich das Verlangen nach einer unbefangenen Würdigung des zweifellos hervorragenden Denkers.

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Hegel ist im Kreise der deutschen Denker vornehmlich der Logiker und Systematiker, in sicherem und ruhigem Fortgang hat er seine Gedankenwelt herausgearbeitet und seine Art der Betrachtung über alle Gebiete ausgedehnt. Man muß bis Aristoteles zurückgehen, um ein System zu finden, das so sehr alle Verzweigung des Lebens in seine Beleuchtung gestellt hat; ja in der Straffheit der Anordnung dürfte Hegel selbst Aristoteles übertreffen. Dagegen fehlt ihm dessen ruhige, alle Fülle des einzelnen liebevoll aneignende und in ihrer Eigentümlichkeit anerkennende Art, eine starke Gewaltsamkeit ist bei Hegel nicht zu verkennen. Aber es bleibt die Größe und der Reiz der Gestaltung der gesamten Gedankenwelt aus einem einzigen Guß, dazu erhalten in dieser Gestaltung Bewegungen eine philosophische Verkörperung und Steigerung, welche dem Ganzen der modernen Kultur eigentümlich und wesentlich sind. Hegel selbst ist ein wichtiges Glied der allgemeinen Kulturbewegung, schon deshalb verlangt und verdient er eine eingehende Würdigung.

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[Randnotiz: Hegel und Kant]

Auch Hegel läßt sich nur von Kant aus verstehen. Kant hatte das Denken und mit ihm das Erkennen über die bloßen Individuen hinausgehoben, er hatte ihm eigne Gesetze und Kräfte zuerkannt, ja er hatte in ihm das Vermögen eines Weltbildens aufgedeckt. Aber nach seiner Überzeugung blieb bei Entwicklung dieses Vermögens das Denken an einen fremden Stoff gebunden, bei Ablösung davon schien es in völlige Leere zu fallen. Allem Streben des Menschen, die letzten Tiefen der Wirklichkeit zu ergründen, ward damit eine unüberwindliche Schranke gesetzt. Hegel glaubte, diese Schranke überschreiten, das Denken von der Bindung an den Stoff befreien, es ganz auf sich selber stellen und in ein Erzeugen der Wirklichkeit verwandeln zu können. Es schien ihm das dadurch erreichbar, daß er das Denken nicht als eine geschlossene Größe, sondern als ein Werdendes, als ein Sichselbersuchen und -vollenden, als einen aus sich selbst fortschreitenden Prozeß verstand, einen Prozeß, der im Hindurchgehen durch Satz und Gegensatz immer mehr Gehalt gewinnt und schließlich die ganze Welt als sein eignes Werk erkennt. Die Philosophie wird hier zur Beschäftigung des Denkens mit sich selbst, von allgemeinsten Umrissen beginnend scheint es dadurch fortzuschreiten, daß es Widersprüche sowohl aus sich hervortreibt als sie überwindet, daß es somit auseinander geht und sich wieder zusammenfaßt; die Logik, welche seine Gesetze ermittelt, scheint nicht neben der Wirklichkeit zu stehen, sondern ihre innerste Seele und ihre treibende Kraft zu bilden; »es ist ihr nicht um ein Denken über etwas, das für sich außer dem Denken zugrunde läge, zu tun, um Formen, welche bloße Merkmale der Wahrheit abgeben sollten, sondern die notwendigen Formen und eignen Bestimmungen des Denkens sind der Inhalt und die höchste Wahrheit selbst.«

Von der Welt aus angesehen hat die Philosophie die Aufgabe, die Zerstreuung des ersten Anblicks zu überwinden, alle Mannigfaltigkeit aus der Entfaltung eines Ganzen zu verstehen, alles scheinbar Ruhende in Fluß zu bringen, die verschiedenen Seiten und Beziehungen der Dinge als gegenseitig bedingt und aufeinander angewiesen zu begreifen, die bloße Tatsächlichkeit in Notwendigkeit zu verwandeln. In dem »bunten Spiel der Welt, als des Inbegriffs des Existierenden, zeigt sich zunächst nirgends ein fester Halt, alles erscheint hier nur als ein Relatives, bedingt durch anderes und ebenso anderes bedingend.« Die Philosophie gewährt diesen Halt, sie läßt vom Ganzen her sehen und aus seiner Bewegung alles einzelne verstehen. »Das Wesen ist das Ganze, das Ganze aber ist nur das sich durch seine Entwicklung vollendende Wesen.«

Daher ist Wahrheit des Erkennens hier nicht eine Übereinstimmung mit der Welt, wie sie um uns liegt, sondern zu ihrer Erreichung bedarf es einer Umwandlung und Durchleuchtung dieser Welt; die Welt denken heißt hier »ihre empirische Form umändern und sie in ein Allgemeines verwandeln«.

Dies Allgemeine bedeutet hier nicht eine bloße Gemeinschaft gewisser Eigenschaften, sondern ein unendliches Gesamtleben, das die Welt in sich trägt und sie aus sich heraus entwickelt. »Das wahrhafte unendliche Allgemeine ist schöpferische Macht.« Daß dieses Unendliche, das Ganze und Allgemeine, als das wahrhaft Seiende anerkannt werde, nicht aber das Endliche als solches gelte, da es in Wahrheit nur in jenem ist, darin wird hier der Idealismus der Philosophie gesetzt.

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[Randnotiz: Denken und Wirklichkeit]

Indem so das Denken bei sich selbst eine Geschichte gewinnt, es zugleich aber als der Kern aller Wirklichkeit gilt, trägt es in alle Gebiete eine geschichtliche Bewegung hinein, und zwar eine Bewegung, die sich nicht in ruhigem Aufstieg allmählich, sondern durch Gegensatz und Kampf hindurch in großen Umwälzungen vollzieht. Aus dem Ja wächst alsbald ein Nein hervor, über These und Antithese treibt es hinaus zu einer überlegenen Synthese, aber aus dieser entsteht bald wieder ein Gegensatz, und so geht es weiter und weiter, bis endlich das Denken sich völlig durchgebildet und sich zugleich des ganzen Umfangs der Wirklichkeit bemächtigt hat und in ihr sein eignes Werk erkennt.

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Diese Fassung des Denkens muß auch Hegels Verfahren gegen das Kants aufs wesentlichste verändern. Kant beginnt von Gesamtleistungen, vornehmlich der Bildung einer Erfahrung, als unbestreitbaren Tatsachen, und ermittelt dann, was an geistigem Vermögen in diesen Tatsachen steckt, seine Methode ist daher analytisch-regressiv; die Hegels dagegen ist synthetisch-progressiv, sie hat ihre Stärke darin, die Begriffe einander zu verketten, alles Starre in Fluß zu bringen, vom einen zum andern überzuleiten, an jedem Punkt die Bewegung des Ganzen gegenwärtig zu halten.

Dieses Selbständigwerden des Denkens und sein weltbildendes Schaffen aus eignen Gesetzen und Kräften stellt an den Menschen eigentümliche Forderungen. Er hat sich jener Bewegung unbedingt unterzuordnen und ihren Notwendigkeiten willig zu folgen, er muß sich hüten, seine eignen Meinungen und Zwecke in sie hineinzutragen und dadurch ihr Bild zu verzerren. In solcher freien Unterordnung unter den Lauf des Ganzen besteht alle echte Moral. Hat aber der Mensch die Unterordnung vollzogen und sich ganz in die Bewegung des Denkens versetzt, so darf er volles Vertrauen daraus haben im Reiche der Wahrheit zu stehen. Denn die in uns waltende Vernunft ist Vernunft überhaupt, ist das Göttliche im Menschen, nicht etwas Bloßmenschliches. »Der Geist, sofern er Geist Gottes ist, ist nicht ein Geist jenseits der Sterne, jenseits der Welt, sondern Gott ist gegenwärtig, allgegenwärtig und als Geist in allen Geistern.« So dürfen wir nicht nur guten Mutes bei der Erforschung der Wahrheit sein, wir müssen es sein, um unsere Kraft voll einzusetzen: »Der Mut der Wahrheit, Glaube an die Macht des Geistes ist die erste Bedingung des philosophischen Studiums, der Mensch soll sich selbst ehren und sich des Höchsten würdig achten. Von der Größe und Macht des Geistes kann er nicht groß genug denken. Das verschlossene Wesen des Universums hat keine Kraft in sich, welche dem Mut des Erkennens Widerstand leisten könnte; es muß sich vor ihm auftun und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen und zum Genusse bringen.«

[Randnotiz: Größe und Macht des Geistes]

»Was im Leben wahr, groß und göttlich ist, ist es durch die Idee; das Ziel des Philosophen ist, sie in ihrer wahrhaften Gestalt und Allgemeinheit zu erfassen. Die Natur ist darunter gebunden, die Vernunft nur mit Notwendigkeit zu vollbringen; aber das Reich des Geistes ist das Reich der Freiheit. Alles was das menschliche Leben zusammenhält, was Wert hat und gilt, ist geistiger Natur, und dies Reich des Geistes existiert allein durch das Bewußtsein von Wahrheit und Recht, durch das Erfassen der Ideen.«

In diesem Zusammenhange stellt sich das Geschick alles einzelnen, des Individuums, eines Volkes, eines Zeitabschnittes, höchst eigentümlich dar. Sie sind bloße Stücke der Bewegung, die durch sie hindurch sich vollzieht, sie dürfen davon abgesondert nichts sein und bedeuten wollen; über sie geht mit Unerbittlichkeit der Lauf des Ganzen hinweg, eben in dem Augenblick, wo etwas seine höchste Reife erreicht, beginnt sein Untergang; nachdem es sein Werk getan, hat es kein Recht weiter fortzubestehen. So verknüpft sich Werden und Vergehen, und es wird das Leben ein unablässiges Sterben. Aber dies Sterben ist keine völlige Vernichtung, das äußere Verschwinden kein gänzlicher Untergang. Denn was »aufgehoben« d. h. vernichtet wird in seinem besonderen Sein, das wird »aufgehoben«, d. h. bewahrt als ein Stück und eine Stufe des Ganzen, innerhalb seiner wirkt es zeitüberlegen fort. So brauchen wir uns nur in das Ganze zu versetzen, um eine Auferstehung des Gestorbenen zu erleben und in einen bleibenden Besitz zu verwandeln, was äußerlich vorüberzog und scheinbar als Vergangenheit hinter uns liegt. So ist die altgriechische Welt äußerlich untergegangen aber sie ist darum nicht gänzlich erloschen, sie wirkt mit ihrer Wahrheit und Schönheit innerhalb unseres eignen Lebens fort und ist ihm gegenwärtig zu halten, sie ist die unentbehrliche und die beharrende Voraussetzung aller weiteren geistigen Arbeit. So gewiß demnach die geistige Bewegung innerhalb der Zeit verläuft, sie wird keineswegs der bloßen Zeit ausgeliefert, sie erhebt sich immerfort über sie und erreicht eine Betrachtung der Welt »unter der Form der Ewigkeit« (~sub specie aeternitatis~).

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[Randnotiz: Die Vernunft der Wirklichkeit]

Wie hier durchgängig ein fester Glaube an die Vernunft der Wirklichkeit waltet, so wird zur Hauptaufgabe der Philosophie, diese Vernunft zu voller Klarheit herauszustellen; sie soll nicht belehren, wie die Welt sein soll, sondern sie soll sich in sie versetzen, die Dinge aus sich selbst und ihren Zusammenhängen verstehen und dadurch eine Versöhnung mit dem Ganzen der Wirklichkeit vollziehen. Das vor allem bildet die Stärke der Hegelschen Art, die Welt mit ihrem Geschehen bei sich selbst zu erfassen und in sich selbst zu vertiefen, überall geistige Inhalte, eigne Triebkräfte, innere Notwendigkeiten aufzudecken, dem Menschen durch das Teilgewähren daran eine Befreiung von kleinmenschlicher Art und eine innere Größe zu verleihen, zugleich aber bei allem Ernst eine feste und freudige Lebensstimmung zu erzeugen.

Dabei erhält die Philosophie ein eigentümliches Verhältnis zur Gesellschaft und zur Geschichte. Die Philosophie ist nicht das Erzeugnis eines bloßen Individuums, sondern sie ist »ihre Zeit in Gedanken gefaßt«; sie bildet in der Entwicklung der Zeiten nicht den Anfang, sondern den Abschluß, »als der Gedanke der Welt erscheint sie erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß vollendet und sich fertiggemacht hat«. »Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.« Ein aufrüttelndes und erneuerndes Wirken wird der Philosophie damit abgesprochen, sie hat nur zum Bewußtsein zu bringen und damit zu vollenden, was im Grundbestande schon vorliegt. Wir dürfen sagen, daß das mehr dem Bilde der alten als dem der neueren Philosophie entspricht.

Schon dies Wenige zeigt das Hegelsche System als ein gewaltiges Werk von großer Kraft und Geschlossenheit, als eine geistige Bewegung, welche die ganze Wirklichkeit ergreift und nach ihren Maßen gestaltet. Ob die Größe nicht durch eine starke Einseitigkeit erkauft wird, ja ob das Gesamtunternehmen nicht überkühn, nicht ein gefährlicher Ikarusflug ist, das läßt sich sehr wohl fragen. Verkürzt nicht das hier waltende Sehen aus dem Ganzen unbillig die Individualität der einzelnen Bildungen? Ist es nicht eine Überhebung der Menschheit, ihr Geistesleben ohne weiteres als absolutes zu behandeln? Ist Geistesleben nicht weit mehr als Denken, ja kann das Denken lediglich aus eigner Kraft überhaupt einen Inhalt erzeugen? Würde es nicht, streng auf sich selbst beschränkt, in ein Reich bloßer Schatten und Schemen führen? Und entgeht Hegel dieser Gefahr nicht bloß dadurch, daß den logischen Größen unablässig und unvermerkt aus dem Reichtum der Überlieferung und Umgebung Leben und Inhalt zuströmt?

Auch die Sprache Hegels verrät, daß seine Gedankenwelt verschiedene Schichten enthält. Ihre durchgehende Art ist sehr abstrakt, bloße Neutra »das Allgemeine«, »das Unendliche«, »das Einzelne« spielen z. B. in ihr eine große Rolle, sie kann in solcher Abstraktheit ermüden, ja zum Unwillen reizen. Aber dann kommen immer wieder Stellen, wo kräftigere Töne aus dem Innern der Seele zum Durchbruch kommen, die Gedanken erhalten dabei oft eine so anschauliche Verkörperung, eine so treffende Zuspitzung, eine so durchschlagende Kraft, daß sie in dieser Form zu weitester Verbreitung gelangt sind. Deutlich erkennen wir hier, daß Hegels Gedankenwelt einen tieferen Hintergrund hat, den sie selber nicht erklärt. -- Solche Bedenken seien nicht gering genommen, aber sie lassen alle miteinander eine gewaltige Größe des Mannes unangefochten. Sehen wir auch von den vielfachen Wirkungen ab, die er auf das Ganze des Kulturlebens ausgeübt hat, seine energische Verwandlung der ganzen Wirklichkeit in einen einzigen aus eigner Kraft bewegten und weitergetriebenen Gedankenprozeß unternimmt eine Lösung des Wahrheitsproblems, mit der sich jedes tiefergehende Streben auseinanderzusetzen hat.

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[Randnotiz: Der Staat]

Unsre Durchwanderung des hier gebotenen weiten Gedankenreiches muß sich auf die Gebiete beschränken, wo die Stärke des Mannes liegt, und von wo fruchtbare Anregungen auf das gemeinsame Leben ausgegangen sind. Dahin gehört vor allem das geschichtlich-gesellschaftliche Zusammensein. Zunächst ist es der Staat, der Hegel eine höhere Schätzung verdankt. Gewiß war er nicht der einzige und nicht der erste, der nach dieser Richtung gewirkt hat, die Abwendung von dem bloßen Rechtsstaat, der das Wirken des Staates auf den Schutz der individuellen Kreise beschränkte, den Lassalle später als einen »Nachtwächterstaat« verspottet hat, lag im Zuge der Zeit. Aber Hegel hat diesen Zug energisch vertieft und aus dem Ganzen einer Gedankenwelt begründet; es wirkte dahin namentlich seine Überzeugung von der unmittelbaren Gegenwart des Geistes in unserer Welt. Auf das Staatsleben zunächst bezieht sich sein Wort, daß das Wirkliche vernünftig und das Vernünftige wirklich sei; so hat er hier diese Überzeugung auch mit besonderer Gründlichkeit durchgebildet.

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Mit großer Entschiedenheit verwirft er die übliche Neigung, am Staate herumzumäkeln und einzelne mißliebige Erscheinungen sein Gesamtbild bestimmen zu lassen, das dann natürlich arg verzerrt wird. Dem setzt er die Erwägung entgegen: »Der Staat ist kein Kunstwerk, er steht in der Welt, somit in der Sphäre der Willkür, des Zufalls und des Irrtums, übles Benehmen kann ihn nach vielen Seiten defigurieren. Aber der häßlichste Mensch, der Verbrecher, ein Kranker und Krüppel ist immer doch ein lebender Mensch; das Affirmative, das Leben, besteht trotz des Mangels, und um dieses Affirmative ist es hier zu tun.« Wir verkennen das Große, was der Staat für uns bedeutet, leicht deshalb, weil »die Gewohnheit das unsichtbar macht, worauf unsre ganze Existenz beruht«. Um gerecht gegen einen Staat zu sein, müssen wir seinen Gesamtcharakter zu erfassen suchen und von ihm her die einzelnen Äußerungen als notwendig verstehen, nicht aber unsere Sondermeinungen und Sonderwünsche das Urteil bestimmen lassen. Der Staat ist es nach Hegel, in dem sich der Geist zu wirklicher Gestalt und Organisation entfaltet, in ihm erst kommt die sittliche Idee zur Wirklichkeit, er erst gewährt einen festen Boden für geistige Kultur, für Wissenschaft, Kunst usw. So kann es nicht befremden, wenn Hegel verlangt, man solle den Staat wie ein »Irdisch-Göttliches« verehren.

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Hegels »Grundlinien der Philosophie des Rechts« entwickeln den Grundgedanken bis ins einzelne hinein und stellen die Verhältnisse überall in ein eigentümliches Licht. In sicher aufsteigendem Zuge führt das Werk von Stufe zu Stufe bis an den Punkt, wo der einzelne Staat ein Glied der weltgeschichtlichen Bewegung wird. Auch dieses Gebiet zeigt eine Bewegung durch den Gegensatz hindurch, im besonderen hat bei Hegel hier wie auch in der Behandlung der Geschichte der Gedanke größten Einfluß, daß der Ausgangspunkt der Entwicklung eine noch ungeschiedene Einheit von Subjekt und Objekt zeige; auf der zweiten Stufe reißt das Subjekt sich los und stellt sich dem Objekt entgegen; auf der dritten wird eine Versöhnung erreicht, indem das Objekt selbst in die geistige Tätigkeit aufgenommen und aus ihr gestaltet wird.

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[Randnotiz: Das Recht]

Als die Hauptstufen des gemeinsamen Lebens unterscheidet Hegel Recht, Moralität, Sittlichkeit. Das Recht steht im Dienste der Freiheit, es gibt dem freien Willen zuerst ein Dasein, aber es gibt ihm das im Bereich des Äußeren und enthält daher die Möglichkeit eines Zwanges. Beim Strafrecht hat namentlich Hegels Versuch, die prinzipielle Berechtigung des Strafens zu erweisen, viel Beachtung gefunden, obwohl er mehr in der Form als in der Sache Neues bringt. Hegel bezeichnet die Strafe als die Negation der Negation, der Verbrecher hat die Rechtsordnung negiert, nun negiert diese ihn durch die Strafe und stellt dadurch ihre erschütterte Macht wieder her.

Vom Rechte, das als strenges Recht nicht nach dem Grundsatze und der Absicht des Handelnden fragt, scheidet Hegel die Moralität, welche die Frage nach der Triebfeder des Willens wie nach dem Vorsatze stellt; sie bringt eine Schätzung des Wertes des Menschen nach seiner inneren Handlung. Damit entsteht das Recht der subjektiven Freiheit, ihr Hervortreten bildet nach Hegel den Wendepunkt zwischen Altertum und moderner Welt. »Dies Recht in seiner Unendlichkeit ist im Christentum ausgesprochen und zum allgemeinen wirklichen Prinzip einer neuen Form der Welt gemacht worden.« Es entsteht aber auf der Stufe der bloßen Moralität die Gefahr, daß das Subjekt sich dem Objekt entgegensetze und in der Absonderung seine Befriedigung suche, auch sein eigenes Vermögen überspanne; auch das liegt hier nahe, große Taten der Weltgeschichte aus bloß subjektiven Beweggründen zu erklären und sie damit herabzuwürdigen; über dem Subjektiven das Substantielle zu übersehen, das sei die Ansicht »der psychologischen Kammerdiener, für welche es keine Helden gibt, nicht weil diese keine Helden, sondern weil jene nur die Kammerdiener sind«.

Die Probleme des Gewissens und der Pflicht, auch des Bösen und der Schuld werden hier mit weitem Blick und aus großer Tiefe behandelt.

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[Randnotiz: Die Sittlichkeit]

Eine Einigung des Guten im subjektiven und im objektiven Sinne bringt die Sittlichkeit, Form und Gehalt des Willens stimmen hier zusammen, hier erst erreicht das Leben einen festen Grund. »Das Rechtliche und das Moralische kann nicht für sich existieren, sie müssen das Sittliche zum Träger und zur Grundlage haben, denn dem Rechte fehlt das Moment der Subjektivität, das die Moral wiederum für sich allein hat, und so haben beide Momente für sich keine Wirklichkeit.« In der Sittlichkeit wird die Stufe erreicht, wo die Freiheit zu fester Gestaltung gelangt, das Leben beharrende Zusammenhänge bildet und dadurch den Menschen sicher über das kleine Ich hinaushebt; solche Zusammenhänge sind aber Familie, Gesellschaft, Staat. Bei der Familie findet Hegel zum Preise der Liebe hohe Werte, sie sei ein Gewinnen des Selbst in einer anderen Person, die wiederum dasselbe in mir erreicht. Damit erscheint die Liebe als der »ungeheuerste Widerspruch, den der Verstand nicht lösen kann«, aber wie das Hervorbringen, so ist sie auch die Auflösung des Widerspruchs, dieses aber als sittliche Einigkeit. Gesellschaft und Staat hat Hegel mit aller Deutlichkeit voneinander geschieden, jene erscheint als der Inbegriff der Verhältnisse, welche die einzelnen im gegenseitigen Verkehr zueinander ausbilden können; fiele der Staat mit der bürgerlichen Gesellschaft zusammen, so wäre das Interesse der einzelnen als solcher der letzte Zweck. Der Staat dagegen enthält eine feste Organisation des gemeinsamen Willens und hat damit seinen Zweck in sich selbst. Er baut sich in den Stufen des inneren Staatsrechts, des äußeren Staatsrechts, der Weltgeschichte auf. In der inneren Verfassung verficht Hegel die konstitutionelle Monarchie, da in der Person des Monarchen die Persönlichkeit und Souveränität des Ganzen erst voll zum Ausdruck komme und hier die notwendige Umsetzung des gemeinsamen Strebens in bestimmte Willensentscheidung erfolge. Auf die Individualität des Monarchen komme es dabei weniger an. »Es ist bei einer formellen Organisation nur um die Spitze formellen Entscheidens zu tun, und man braucht zu einem Monarchen nur einen Menschen, der ›Ja‹ sagt und den Punkt auf das i setzt; denn die Spitze soll so sein, daß die Besonderheit des Charakters nicht das Bedeutende ist.« So erscheint auch hier die Geringschätzung des Individuellen, die Hegel eigentümlich ist; überhaupt erklärt er für das politische Gebiet den öffentlichen Zustand für um so vollkommener, »je weniger dem Individuum für sich nach seiner besonderen Meinung zu tun übrig bleibt«. Es stimmt dazu die Art, wie Hegel das Verhältnis des großen Mannes zu seiner Umgebung faßt. Daran zweifelt er nicht, daß die großen Wendungen der Weltgeschichte keine Wirkungen der Masse sind, sondern sich in einzelnen hervorragenden Individuen vollziehen, aber diese Individuen sind groß nicht durch das, was sie an Besonderem haben, sondern durch das, was sie an Bewegungen der Gemeinschaft zum Bewußtsein bringen. »In der öffentlichen Meinung ist alles Falsche und Wahre, aber das Wahre in ihr zu finden, ist Sache des großen Mannes. Wer, was seine Zeit will, anspricht, ihr sagt und vollbringt, ist der große Mann der Zeit.«

Hegel will eine Volksvertretung, aber sie soll weniger in den Gang des Staatslebens eingreifen als dahin wirken, es auf eine höhere Stufe des Bewußtseins zu heben. Sein Ideal ist die Herrschaft der Intelligenz, und eine solche scheint ihm in unserer Zeit am ehesten ein philosophisch gebildetes Beamtentum zu bieten. Augenscheinlich schweben ihm dabei die damaligen Verhältnisse des preußischen Staates vor, die er in verklärendem Lichte sah, gemäß seiner Neigung, das Wirkliche als ein Vernünftiges zu verstehen.

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[Randnotiz: Der Krieg]