Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen
Part 7
»Wirklich reizend! Sie werden meine Pariser bezaubern! Sie werden hier Ihr Glück machen!«
Endlich ließ er von ihr ab und ging ein paarmal durchs Zimmer, um die Fassung wiederzugewinnen. Dann blieb er vor Fossano stehen.
»Sie haben recht gehabt! Ich habe mich entschlossen, Ihre Schülerin anzunehmen! Sie wird sich hier machen. Wir werden gleich sehen, wie wir sie wirksam einführen!«
»Dürfte ich Eurer Hoheit vorschlagen, in meiner neuesten Pantomime --«
»Nein -- nichts Neues! Noch nicht! -- Die Oper von Rameau geht noch sehr gut! Wir sind dem Meister verpflichtet -- wir müssen sie weiter geben! -- Aber ich will mit ihm reden -- noch heute werde ich ihn kommen lassen -- er wird ein paar neue Tänze einfügen müssen -- extra für unsere Akquisition hier etwas komponieren! Ich bringe ihn dazu! -- Er wird entzückt sein! -- Nachher konferieren Sie selbst mit ihm, Fossano!«
»Wie Eure Hoheit befehlen!«
»Und dann vergessen Sie die Presse nicht -- sie muß vorbereitet sein! -- Na, das verstehen Sie -- Sie sind ja nicht zum ersten Male in Paris!«
»Ich weiß Bescheid!«
»Das muß eine Überraschung werden -- eine sensationelle Überrumpelung!«
»Wie eine Bombe wird es einschlagen!« rief der Kriegsminister begeistert.
»Wie soeben hier, so muß es kommen! Man weiß nichts -- man hat keine Ahnung -- und plötzlich ist das Ereignis da! Und man ist entzückt! So muß es kommen!«
Er ging wieder auf sie zu und betrachtete sie mit Kennermiene.
»Wirklich eine ganz aparte Erscheinung -- etwas ganz Seltenes! -- Exzellenz haben recht gehabt! -- Exzellenz sind Connaisseur!« lachte er. »Aber leider schon engagiert! -- Nun, das wird sich auch finden! -- Sie werden sich kaum wehren können! -- Ja, sagen Sie einmal, mein Kind -- haben Sie schon eine Equipage?«
»Nein!«
»Die müssen Sie haben! Wie wollen Sie in Paris vorwärtskommen? -- Equipage ist nötig -- Remisen, Stallungen, Pferde, Kutscher, Diener -- ein eigenes Hotel! -- Unumgänglich nötig! -- Man muß empfangen können -- kleine intime Diners geben -- Komponisten, Dichter, Journalisten bewirten und, vor allem, in der Gesellschaft eine Rolle spielen! Die elegante Welt bei sich sehen -- viel von sich reden machen! -- Das ist zum mindesten ebenso nötig wie das Talent!«
Babara blickte ihn groß an. -- Dann auf einmal platzte sie mit einem silberhellen Lachen heraus.
»Sie lachen? -- Das ist recht! -- So ist's gut! -- Das alles wird sich ja bei Ihnen ohne Schwierigkeit einstellen! Das ist selbstverständlich! Wer so viel Liebreiz hat!« -- Er kniff sie nochmals in die Wange. -- »Da habe ich gar keine Angst! Treten wir erst auf -- gewinnen wir erst den entscheidenden Sieg, zeigen wir, welch ein Juwel wir sind -- nachher findet sich schon die geeignete Fassung! -- Also morgen bei meinem Lever konferieren Sie hier mit Rameau, Fossano! Und Sie auch, Mademoiselle -- äh --«
»Barberini«, soufflierte Fossano.
»Barberini«, wiederholte Carignan, sich jede Silbe einprägend. »Nun, hoffentlich wird der Name bald so berühmt, daß man sich ihn ohne weiteres merkt! -- -=Au revoir=- denn, liebe Barberini -- -=au revoir=-, Fossano! -- Ich hab's eilig -- ich muß zu Hofe -- Sie müssen mich entschuldigen!«
Er streichelte ihr leicht die Wange, nickte ihr freundlich zu. Fossano ging und nahm seine Schülerin mit.
D'Argenson verabschiedete sich ebenfalls, und Carignan setzte sich noch hin, um seine, durch den Sprung Babaras etwas ramponierte Frisur vom Kammerdiener in ordnungsgemäßen Zustand bringen zu lassen.
Er wollte sich nach beendigter Reparatur wieder erheben, als sich plötzlich ein Paar weiche Hände vor seine Augen legten.
»Aber was soll das -- wer erlaubt sich? -- Kaum hat man Ordnung geschaffen, dann wird man wieder --«
»Ruhig Blut«, lachte eine silberhelle Stimme, »keine Aufregung, mein Ferkelchen! Ich frisiere dich nochmals, daß du mich nicht vergißt!«
»Marietta?« -- rief er und machte die Hände los. »Was machst du hier? -- Wie bist du hereingekommen?«
»Ich bin die ganze Zeit hiergewesen!«
»Wo denn?«
»Dort hinter der spanischen Wand! Ich habe alles gehört! Den sämtlichen Audienzen beigewohnt! Die große Sensation mitgemacht, die schnelle Wandlung in der allerdurchlauchtigsten Gesinnung bewundert. _=Mir=_ machst du keine solchen Anerbietungen, Treuloser! Mir richtest du kein Hotel ein! Mir versprichst du keine Equipagen --«
»Aber erlaube mal«, rief Carignan, »wem hab' ich etwas versprochen? Ich habe diese junge Gans vom Lande über alles, was zur Karriere gehört, unterrichtet -- weiter nichts!«
»Als ob man nicht hinter jedem Worte deine Lüsternheit gehört hätte! Du willst ihr ein Hotel einrichten, du selbst willst sie aushalten, leugne es nicht! Aber mich läßt du dir alles abbetteln! Tanze ich nicht ebensogut wie sie? Bin ich nicht die Mutter deiner Kinder?«
»Zum Tanzen bist du längst zu dick! Du warst einmal gut, das leugne ich nicht! Sonst wärst du nicht an der Oper! Und -- was die Kinder betrifft, so ist es durchaus nicht sicher --«
»Willst du vielleicht behaupten --?«
»Ich will nichts behaupten! Ich sage nur: wenn ich von allen den Damen Kinder hätte, die angeblich welche von mir haben, dann wäre Frankreich zu klein, sie sämtlich zu beherbergen!«
»Du willst dich also deinen Verpflichtungen entziehen?«
»Gott, ich vergöttere sie ja! Das Mädchen ist allerliebst und die beiden Buben auch! Ich sorge für sie wie ein Vater! Mehr kannst du doch nicht verlangen! -- Adoptieren kann ich sie aber nicht! Das würde meine Frau nicht erlauben!«
»Wenn du nur willst!«
»Ich bitte dich -- die Tochter eines Königs, wie meine Frau -- und -- die Kinder einer Ballettdame adoptieren! Du darfst nicht unbescheiden werden, Marietta, sonst setze ich dich ab!«
»_=Ich=_ und unbescheiden! -- Für wen plünderst du die Theaterkassen? -- Für _=mich=_ wohl? Kaufst du meinetwegen der Camargo Solitäre? -- Hab' ich dich gebeten, dem italienischen Fratz, der soeben hier war, zu versprechen, sie einzurichten, als ob sie eine Fürstin wäre?«
»Pst -- nicht so laut! Staatsgeheimnisse!«
»Wieso Staatsgeheimnisse? -- Du willst mir doch nicht einreden, du hättest den Auftrag --?«
»Solche Aufträge hat man nie! Als getreuer Untertan führt man sie eben aus! Man bemüht sich! Und wer da zur rechten Zeit die rechte Person zu präsentieren versteht, der ist ein gemachter Mann!«
»Und da meinst du, daß _=du=_ -- daß der König sich _=dir=_ anvertrauen würde?«
»Wozu hätte er sonst wohl einen Prinzen von Geblüt zum Generalinspekteur des Corps de Ballett gemacht! -- Nun eben, um sich mit ihm -=en camerade=- über alle einschlägigen Fragen unterhalten zu können! Er wird schon ungeduldig! Es ist Zeit, daß ich mich ein wenig eifriger zeige! -- Und diese Italienerin -- sie hat Rasse, sie hat Feuer -- sie scheint eine kluge Person zu sein! -- Eine draufgängerische Art, sich zu geben! -- Zum Entzücken! -- Sie wird nicht nur ganz Paris -- sie wird auch Versailles in Aufruhr versetzen! -- Du hast doch gesehen, mit welcher Fermeté sie mir den Hut vom Kopfe schlug?«
»Und nun, denkst du, wird sie dem König in derselben Weise die Krone vom Kopfe tanzen!«
»-=Mon Dieu=-, wie respektlos! Die Krone ist doch keine Nachtmütze! -- Der König wird aber gnädig sein -- sie wird Gnade vor seinen Augen finden, und wir auch! -- Der Kardinal ist schon alt -- der König muß einen neuen Staatsminister haben! Wer weiß, Marietta -- wenn uns das Glück hold ist -- vielleicht werde ich bald imstande sein, dir ein Marquisat zu besorgen!«
Er küßte ihre Stirn.
»Aber hübsch ruhig sein! -- Mir nie mit Eifersucht kommen, so sehr ich auch für andere inkliniere! -- Das geschieht alles nur wegen der Karriere! Laß mich meine Pläne verfolgen -- kümmere du dich um meinen Hausstand und die Kinder, und du sollst sehen, ich kaufe dir ein Marquisat! -=Parole d'honneur=-, ich tu's! Und von deinen Söhnen kriegt jeder ein Regiment! Deine Tochter verheirate ich mit einem Grafen! Inzwischen nimm -- nimm dies alles --«
Er zog das Fach seines Sekretärs auf, wo er den Erlös des gestrigen Spiels hineingetan hatte, und leerte den Inhalt in ihren Schoß.
»Nimm! Kauf dir alles, was du magst -- verschwende -- fühl dich reich, damit du einen Vorgeschmack bekommst! -- Wenn du mir nur nicht in die Quere kommst -- wenn du mir nur keine Szenen machst! -- Dann wirst du's staunend erleben, wie der alte Glanz hier wieder heimisch wird! Dann mache ich all die Holzbaracken draußen um den Garten herum dem Erdboden gleich und mache es wieder gut, daß ich dem Schwindler Law gegen schnödes Geld erlaubte, sie zu errichten! Geld, das er mir noch schuldig ist! -- Dann lasse ich die Gärten im alten Umfang und alter Herrlichkeit wieder auferstehen -- wie sie einst waren, als Katharina von Medici nach den Mühen des Tages drinnen lustwandelte! -- Dann jage ich die Spieler und Wucherer hinaus und fege das Pack in den Rinnstein! -- Dann, Marietta -- dann --! Aber jetzt gib mir einen Kuß! -- Und nun: -- still sein, lächeln -- was auch geschehen mag! -- Du verstehst? -- Du bist doch brav! -- Du wirst dich tapfer halten? -- -- Noch einen Kuß! -- Aber die Zeit eilt! Ich muß fort! -- -=Au revoir, ma chère! Au revoir!=-«
Er setzte kokett den Hut auf den Kopf und trippelte graziös auf seinen hohen Absätzen hinaus -- zwischen zwei Reihen gekrümmter Lakaienrücken zur wartenden Staatskarosse, um nach Versailles zu fahren und dem König von seiner neuesten Akquisition vorzuschwärmen.
Marietta blieb allein. Von Zeit zu Zeit nahm sie eine Handvoll Gold auf, ließ es durch die Finger auf ihren Schoß niederrieseln und freute sich der Musik des klirrenden Metalls, das die Welt beherrscht.
8
Es war die Zeit der ersten Mätressenschau im Leben des fünfzehnten Ludwig.
Das königliche Glücksschiff hatte, nach anfänglichem Zögern, den Hafen der ehelichen Treue verlassen und trieb noch etwas unsicher und ohne Führung auf dem Meere Kytheres umher.
Bange Ungewißheit hatte den Sinn der getreuen Untertanen ergriffen. Würde es, nach glücklicher Lustfahrt, mit Ehren und Ruhm reich beladen, in den schützenden Hafen zurückkehren oder, von ungeschickter Hand gelenkt, kläglich scheitern?
Jeder fühlte sich berufen, hier die Führerschaft an sich zu reißen! Ehrgeiz und Eigennutz waren am Werke; Neid und Verleumdung ebenso. Ein erbitterter Kampf im dunkeln wurde zwischen den verschiedenen Parteien geführt -- Kabalen wurden gesponnen -- Intrigen entlarvt. Denn die Frucht des Sieges war auch der Mühe wert. Wer es vermochte, die Lenkstange an sich zu reißen, dessen Wille beherrschte die Fahrt. Ein unmerklicher Druck der Hand war imstande, das Ziel zu verrücken und das allgemeine Interesse in die Bahn des Einzelvorteils zu steuern.
Das Schlafzimmer des Königs war die Brutstätte der allerhöchsten Entschließungen, denen Frankreich -- und, wenn's gelang, die ganze Welt -- zu gehorchen hatte. Wer da der Trägheit des Königs die Mühe des Entschlusses möglichst schmerzlos -- das heißt: möglichst unmerklich -- abzunehmen verstand, hatte gewonnenes Spiel.
Es galt also, die geeignete Person vorzuschieben, ohne den Argwohn des Königs zu wecken, und sie nachher, ohne Eklat, zu beeinflussen.
Der hohe Adel, dessen ausschließliches Prärogativ es gewesen war, das heiß umstrittene Amt einer königlichen Mätresse zu besetzen, hatte schon ausgespielt. Zu mächtig und einflußreich durch seine allumfassenden Familienverbindungen, hatte der Adel wohl nicht die nötige Vorsicht walten lassen und längst das Mißtrauen des Königs geweckt.
Durch Verschwendung und Vergnügungssucht geschwächt, hatte der Adel schon angefangen, einen Teil seiner Macht den der reich gewordenen Bürgerschaft entstammenden Generalpächtern, Armeelieferanten und anderen Finanzgrößen abzutreten, deren Töchter -- durch vollendete Erziehung den Damen der Gesellschaft gleich, durch adlige Heiraten hoffähig -- nun auch den Wunsch bemerkbar werden ließen, an dem Wettrennen um die königliche Gunst teilzunehmen.
Der Wunsch des Königs, sich dem Ränkespiel der Höflinge zu entziehen, und wohl auch eine gewisse Übersättigung und ein Drang nach Abwechselung kamen ihnen da entgegen.
Mit Schrecken nahm es der Hochadel wahr!
Die Erinnerung an die Zeit des vierzehnten Ludwig, wo die Witwe Scarron das Land zum Besten der Jesuiten geschröpft hatte, war noch in frischer Erinnerung!
Man war also sehr auf der Hut gegen Überraschungen und schöpfte beim geringsten Anlaß Verdacht.
Noch herrschte wohl die Hofgesellschaft durch die Gräfin von Toulouse und Mademoiselle du Charolais, die die Galanterie des Königs in ihre Interessensphäre hineinzudirigieren verstanden. Sie hatten die Liaison des Königs mit der Gräfin du Mailly herbeigeführt und begünstigt und ihr durch die klug bereit gehaltene Reserve ihrer beiden Schwestern eine gewisse Stetigkeit zu geben versucht.
Aber man war in maßlose Aufregung geraten durch die anscheinend nicht ganz erfolglosen Attacken der unternehmungslustigen »kleinen Poisson«, wie man immer noch Madame d'Etioles nannte.
Und der Eifer und der Aplomb, mit denen der Prinz von Carignan seinen neuentdeckten Schützling zu inszenieren verstand, brachte alles in Verwirrung.
Seit einer Woche redete ganz Paris nur von der Barberini.
D'Argenson machte sich ein Vergnügen daraus, die Hofgesellschaft zu mystifizieren. Der Umstand, daß Rameau selbst extra für sie Tanzeinlagen komponieren mußte und, was noch mehr besagte, daß dieser eigenwillige Meister es mit Begeisterung tat, brachte die Künstler, die mit Madame d'Etioles intime Beziehungen unterhielten, in hellen Aufruhr, und der wurde durch den Neid der anderen Tänzerinnen und ihrer Parteigänger noch mehr geschürt.
Als der Tag ihres ersten Auftretens kam, war auch der Saal der Oper gedrängt voll von allem, was Namen oder Geltung hatte.
Die Logen boten einen glänzenden Anblick dar.
Das vergoldete Schnitzwerk, das vom Boden bis zur Decke die Logen umrankte, hatte selten so viel Pracht und Schönheit auf einmal eingefaßt. Überall gepuderte Lockenköpfe, Perlen, Geschmeide und funkelndes Edelgestein, nackte Schultern, schwellende Busen und kokette Blicke hinter spielenden Fächern -- das vordere abgesperrte Parkett voll von eleganten Kavalieren des Hofes und der Aristokratie -- hohen Beamten und tapferen Kriegern, die mit den Insassinnen der Logen liebäugelten und verstohlene Zeichen austauschten. Auf der Bühne, rechts und links im Proszenium auf den bevorzugten »-=bancs du théâtre=-«, die Habitués aus allen Gesellschaftskreisen! Und hinten, im Parkett, die reiche Bürgerschaft, die Künstler und die ganze goldene Jugend des Seinebabels, hin und her gehend, plaudernd, kritisierend und kokettierend.
»Mademoiselle«, wie der offizielle Titel der Madame de Charolais lautete, hatte ausnahmsweise auch Zeit gefunden. Ihre Anwesenheit hier war heute wichtiger als die gewohnte Unterhaltung mit dem König, dem sie nachher, beim Souper, mit dem Verlauf des großen Ereignisses zu unterhalten gedachte.
Spöttisch blickte sie zur Loge der Madame d'Etioles hinüber, die, strahlend schön und ebenso reich wie geschmackvoll geschmückt, sich von den Künstlern und Finanzleuten den Hof machen ließ.
Das war ein Kommen und Gehen bei ihr. Bald tauchte das spitze Fuchsgesicht Voltaires im Hintergrund der Loge auf, bald die würdige Dichtermajestät Crébillons. Der Präsident Henault verschmähte es nicht, ihr die neuesten Bonmots aufzutischen, auch ein Prinz von Geblüt, der stolze Herzog de la Vallière, küßte ihr die Hand, während ihre Beschützer und Manager, die reichen Armeelieferanten Paris-Duvernois und der Generalpächter Le Normand-Tournehem, dem sie die Ehe mit seinem Neffen und dessen neugebackenen adligen Namen verdankte -- sich damit begnügten, sie aus der Ferne zu grüßen. Sie waren nicht wenig stolz auf ihre Schöpfung und träumten von ihrer zukünftigen Macht und Größe, auf den vielumstrittenen Platz an der Seite des Königs.
Aus einer Loge der zweiten Galerie blickte beglückt Mama Poisson zu ihrer unternehmungslustigen Tochter hinunter und tauschte Grüße mit den Herren von Paris aus, mit deren Geld sie Frankreich ihrer Tochter erobern wollte.
Der ehrgeizige junge Prinz von Croy -- die Mätressensprößlinge des vierzehnten Ludwig: die Herzöge von Chartres und von Nivernois -- der erste Kammerherr Herzog de Chesvres, und der berühmteste Herzensbrecher seiner Zeit, der elegante Herzog von Richelieu -- alle waren sie da -- vom Theater alles, was frei war -- die Minister d'Argenson und Maurepas -- der alte Literat Fontenelle, der junge Textdichter Rameaus, Louis de Cahussac, und alle die jungen Reimschmiede der Tagesereignisse! -- Alle waren sie herbeigeeilt -- die Damen der Aristokratie, um die mutmaßliche Konkurrentin um die allerhöchste Gunst mit eigenen Augen zu sehen und Konterminen zu legen -- die Dichter, um sich an ihrer Schönheit zu gut bezahlten Gedichten zu inspirieren, und die Kavaliere, um neuen Nervenkitzel zu suchen.
Aus seiner Loge musterte der Prinz von Carignan sein Publikum und schwelgte im Vorgefühl der Sensation, die er ihm heute bieten konnte. Er lächelte befriedigt, als er im Parkett eine ernste, würdige, einfach gekleidete Gestalt wahrnahm, deren Gegenwart sehr beachtet wurde, die sich aber um niemand kümmerte. Es war der erste Kammerdiener Ludwigs, Bachelier, den Carignan eigens gebeten hatte, sich heute einzufinden. Durch dessen Beihilfe hoffte er seine ehrgeizigen Pläne zu fördern und den anderen Aspiranten auf das Bett Frankreichs ein Schnippchen zu schlagen.
Im Orchester stimmten die Geiger ihre Instrumente und rückten die Pulte zurecht; die Holzbläser bliesen, um ihre Flöten und Klarinetten zu erwärmen; die Hornisten prusteten diskret, wie sich's gebührte, und leerten das Wasser aus den Hörnern; die Rampe wurde angezündet; hinter dem Vorhang klopften und hämmerten die Theaterarbeiter, aber das Dirigentenpult war noch leer.
Endlich kam er, der gefeierte Liebling der Musen, Rameau! Langsam schlängelte sich seine lange, biegsame Gestalt mit dem feingeschnittenen Kopf, leicht vorgeneigt, zwischen den Pulten hindurch. Er blieb hier und dort stehen, blätterte in den Noten und erteilte einige letzte Instruktionen an seine Leute. Zerstreut streiften seine Blicke durch die glänzende Versammlung, ohne zu sehen -- ganz erfüllt von den Bildern seiner Phantasie! -- Er lächelte in sich hinein und versank in Träumereien, aus denen er dann und wann erwachte, um dem Publikum einen spöttischen Blick zuzuwerfen.
Er hatte noch nie eine solche Genugtuung empfunden wie heute. Von der Natur mit einem unbändigen Schaffenstrieb begabt -- mit einer nie versiegenden Ader genialer Einfälle begnadet, hatte er sein Leben lang um ein einfaches Menschenrecht, sich nach seiner Veranlagung zu betätigen, kämpfen müssen. -- Erst mit der lieben Familie, die ihm das langsame und sichere Klettern nach dem täglichen Brote auf der gesellschaftlichen Himmelsleiter beibringen wollte, ihn ins Jesuitenkolleg steckte und ihm die Robe des Richters als Gipfel der Entwickelungsmöglichkeiten anwies. Und dann, nach erfolgter Empörung und persönlicher Befreiung -- nach dem geistigen Wachstum im Zigeunerleben der freien Kunst, als herumstreichender Musikant und Geiger bei den ambulierenden Theatergesellschaften -- das nochmalige Einkapseln als ruhiges, gesetztes Mitglied der göttlichen Weltordnung! Aber jetzt als beamteter musikalischer -=Maître de plaisir=- und Modekomponist der verschrobenen Gefühle jener tausendköpfigen Bestie Publikum, die da in Samt und Seide, von Gold und Geschmeiden strotzend, gepudert, geschminkt und mit Schmuck behangen, auch modisch empfinden und konventionell seufzen wollte! -- -- Eine noch schlimmere geistige Knechtung und Gefangenschaft der Persönlichkeit als die, in die die Familie ihn eingekerkert hatte! Und jetzt wie damals ums tägliche Brot! Aber jetzt nicht mehr aus Unkenntnis der eigenen Kräfte, sondern mit vollem Bewußtsein und aus beginnender Schwäche!
Er hatte sich gefügt -- seine menschlichen Empfindungen modisch ausgeputzt und verschnörkelte Allegorien statt den einfachen Ausdruck natürlichen Gefühls gegeben! Statt als Bringer und Spender höchster Lebensfreude an die Herzen zu pochen und ihnen den Himmel des reinsten Glückes zu öffnen, hatte er sich dazu hergegeben, als Oberpriester ihres faden Götzendienstes ihre Genußsucht und ihre hohle Leichtfertigkeit zu beweihräuchern.
Die Götter des Olymps, längst aus dem realen Leben verbannt, herrschten noch unbeschränkt auf den Brettern der Oper und harrten noch des musikalischen Molière, der ihnen zum Cancan aufspielen und sie in tollem Veitstanz nach dem Hades hinfegen sollte.
Nur in ihrem Namen und mit ihrer Hilfe durfte er zu den Menschen sprechen! Das brachte einen Mißton in seine Musik, aber auch eine unsagbare Sehnsucht, die einen jeden, auch den Oberflächlichsten, aufhorchen machte. -- Da war ein fremder Ton, ein einfacher Naturlaut, ein Widerhall längst verschwundener Einfachheit unter der modischen Verschnörkelung -- ein Hauch des in der Materie gefangenen ewigen Lebens, das dumpf nach Befreiung seufzte und kaum noch zu hoffen wagte. Und das sollte heute endlich Luft bekommen!
Wie ein jäher Lichtstrahl die Nebel durchdringt und das wonnetrunkene Auge die Höhe des Himmels und die Unendlichkeit des blauen Weltraumes schauen läßt, die einen da alle umgebende Kleinlichkeit vergessen macht, so durchschauerte es ihn, als er zum ersten Male Barberina gegenüberstand. Ihre Jugendfrische, ihre seelische Unberührtheit trotz aller Verdorbenheit, ihre Geisteshoheit, die Musik ihrer Bewegungen und ihres Mienenspiels berauschten ihn und machten sofort den Unwillen verstummen, den er, der gefeierte Meister, anfangs über die Zumutung empfand, jener unbekannten Namenlosen die zu ihren Pirouetten gehörige Musik zu komponieren!
Sein Herz tat sich weit auf, seine Seele flog ihr entgegen mit der herrlichsten Inspiration! -- Er lebte, die Götzen verblaßten -- das Göttliche selbst war ins Leben getreten, hatte sich erniedrigt, um wieder im beschwingten Flug den Weg nach oben zu zeigen und in alles aufwühlender Begeisterung die in süßer Selbstbeweihräucherung hindämmernden Sinne zu erlösen!
Und ihm war's gegeben, dazu aufzuspielen! Das war die Befreiung! -- Das war die Rache für unwürdige Knechtschaft!
Mit Feuereifer warf er sich auf die Aufgabe. Sein Genius war ihm hold, im Wonnegefühl des Schaffens berauschte er sich an dem seltenen Glück, in Barberina die leibliche Verkörperung seiner kühnsten Träume von Grazie und beseelter Rhythmik gefunden zu haben. -- Und die sollte er heute vor aller Welt ins Leben rufen dürfen! Sein Taktstock, der sonst dem verhaßten Göttergesindel zum Paradetanz aufklopfen mußte, war zum Zauberstab geworden, auf dessen Geheiß die Nebel weichen müßten, um die Krone der Schöpfung -- den Menschen in seiner ganzen gottbegnadeten Majestät -- in Erscheinung treten zu lassen.
Ob sie's auch begreifen würden, jene entmenschten Modepuppen, die da höchstens den Kitzel ihrer Trägheit oder Förderung ihres Ehrgeizes suchten?
Gleichviel, er würde das Glück -- das große, unermeßliche Glück des Gebens haben und der voll empfangenen Gegengabe, einer gleichwertigen Genialität, einer ursprünglichen, weil im vollen Menschentum wurzelnden Künstlerpersönlichkeit!
Hinter dem Vorhang erschollen die üblichen drei Keulenschläge, den Beginn der Vorstellung verkündend.
Noch einmal überflog sein Blick die glänzende Versammlung, noch lächelte er spöttisch über seine Naivität, dort offene Herzen finden zu wollen, dann klopfte er auf das Pult, das Spiel begann, und er war in einer andern Welt.
Der Vorhang hob sich. Die Bühne stellte eine freundliche Gegend am Fuße des Olymps dar.
Hebe, die Göttergeborene, schwebte herein, von Momus, dem Gotte des Spottes und des Lachens, des Erdgeborenen, verfolgt -- schmollend ob des Befehls ihres Vaters Zeus, die himmlischen Gefilde zu verlassen, um den Menschen göttliche Freuden zu spenden. -- Sie wehrt sich -- der lachende Gott versucht ihr den Himmel auf Erden finden zu helfen, ruft die Grazien herbei, die hold lächelnd einhertanzen, Amors Köcher und Bogen bringen und das Nahen des ungezogenen Göttersprößlings verkünden.