Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen
Part 6
»Kann ich mir denken! Die kleine Poisson war auf einen so schnellen Erfolg ihres Wilderns nicht gefaßt! Sie wartet erst den gewöhnlichen Wochentag ab! -- Nun, sie kann warten! Sie kann noch lange warten, ehe ihr das Taschentuch zugeworfen wird! Sie wird's kaum erreichen, die ehrgeizige, kleine Person! Ein süßer Racker ist sie aber! Ein ganz pikantes Kerlchen! -- Witz, Geist, Charme und ein Exterieur! -- Wenn ich sie am Ballett hätte, ich würde sie schon durchsetzen! Ich würde ihr schon die richtige höfische Pirouette beibringen, die bis ins königliche Bett reicht! Aber so -=sans façon=- -- so draufgängerisch! Da macht sie die bürgerliche Extraktion nicht vergessen -- und wenn sie den halben Landadel heiratet!«
»Unser allergnädigster Herr ist ja auch erst beim Hochadel angelangt!«
»Überhaupt bei der allerersten Liaison! Noch nicht aus der Schwärmerei heraus! Und die gute du Mailly hat noch Schwestern!«
»Man spricht schon von der zweiten!«
»Man spricht erst? Dann hat's gute Weile! Der König ist ordnungsliebend! Die Familie du Nestle ist groß! Wenn er da durch ist, dann --«
»Wollen Hoheit prophezeien?« flüsterte der Friseur neugierig.
»Nein, du Schelm! Nimm aber die Börse da! Steck ein! Ich bin mit dir zufrieden! Bediene mich stets so gut wie heute!«
Der Friseur nahm die ihm zugeworfene Börse, verbeugte sich tief und ging. Der Kammerdiener räumte den Sessel und die Toilettengegenstände fort, und der Prinz, dem der Garderobier inzwischen den goldgestickten, blausamtenen Rock mit den großen brillantenen Knöpfen und dem Stern angelegt hatte, nahm den ihm gereichten Hut, ließ sich den Degen anschnallen und befahl die Karosse, um nach Versailles zum Lever des Königs zu fahren. Er hatte noch nicht den Hut aufgesetzt, als der Kriegsminister d'Argenson gemeldet wurde.
Der Minister, als echter Militär und Kavalier, war ein großer Connaisseur des Balletts, dessen Evolutionen ihm oft vertrauter waren als die der königlichen Armee. -- Er trat ein, den Hut unterm Arm, und wurde äußerst aimable begrüßt.
»Eure Exzellenz wollen die Ordre de Bataille der nächsten Zeit für das Corps de Ballet geben?« rief der Prinz aufgeräumt. »Es wäre mir ein Vergnügen, mit Ihnen zusammen gleich den Schlachtplan zu entwerfen! Sie sehen mich aber im Begriff, zu Hofe zu fahren. Ich darf heute beim Lever nicht fehlen!«
»Dann haben wir Zeit«, sagte d'Argenson und ließ sich in einen Sessel nieder. »Beim König wird es heute erst um vier Uhr Tag. Wegen später Heimkehr von La Muette ist das Lever erst um diese Stunde angesagt. Bei Ihnen doch auch bekanntgegeben?«
»Nein. Da sehen Sie eben, wie nötig meine Anwesenheit ist! Man benachrichtigt mich nicht mehr! Meine lange Absence fällt schon auf!«
»Beruhigen Sie sich, lieber Freund! Es gibt so viele andere Gründe zur Aufregung!«
»Sie bringen mir Neuigkeiten?! Was ist geschehen?«
»Sie wissen es noch nicht? Der Kardinal Fleury hat sich eine ganze Woche beim König entschuldigen lassen.«
»Seine Eminenz sind verstimmt?«
»Der Majestät des Königs gegenüber wird man nicht verstimmt, auch wenn man Kardinal Fleury ist und Frankreich regiert! Seine Eminenz bereiten sich nur, in stiller Zurückgezogenheit, auf eine schwere Entschließung vor. Er steht vor der Notwendigkeit, zu einer Staatsaktion ja und amen zu sagen, die mit den strengen Anschauungen, in denen er den König erzogen hat, wenig harmoniert! Er wird die Proklamierung der Madame du Mailly zur königlichen Mätresse, wenn nicht feierlich sanktionieren, so doch stillschweigend dulden müssen.«
»Also doch!«
»Ja -- es ist gestern, anscheinend beim Besuch des Königs bei >Mademoiselle< beschlossen worden, das Verhältnis, trotz der Verstimmung Fleurys, offiziell zu machen.«
»Ich bin neugierig, wie sich der alte Fuchs damit abfindet! Er läßt sonst in solchen Dingen nicht mit sich spaßen! Erinnern Sie sich noch, wie erzürnt er über den Empfang des Königs in Luneville war?«
»Wie sollte ich nicht! Der Begebenheit verdanke ich ja mein Amt!«
»Ja! Ihr Herr Vorgänger hat's schwer büßen müssen! Und doch war das eine sehr graziöse Idee von ihm! Das hätte eine bessere Belohnung verdient! Den vielgeliebten König von einer Eskadron berittener Stadtdamen empfangen und zu seinem Schwiegervater eskortieren zu lassen! Das war doch märchenhaft schön!«
»Ja. Hätte er nur nicht die Ungeschicklichkeit begangen, auch die Königin bei ihrem Einzug von denselben Berittenen eskortieren zu lassen, dann wäre er noch im Amt. Der Kardinal und die Königin sind ein Herz und eine Seele!«
»Deshalb schmollt er anstandshalber vierzehn Tage, ehe er die Sonne der heiligen Kirche wieder über die sündenvolle Welt scheinen läßt! Innerlich wird er mit der Erhebung der Gräfin du Mailly zufrieden sein! Er wird sich sagen -- wenn eine Grande Dame, wie sie, sich öffentlich als Mätresse proklamieren läßt, dann hat sie's auch nötig!«
»Sie meinen -- das wäre der Anfang vom Ende?«
»Sicher! Und so ist es auch! Sie teilt die Gunstbeziehungen des Königs bereits mit ihrer Schwester!«
»Mit Madame du Vintimille?«
»Ich habe es aus sicherer Quelle! -- Mein Friseur --«
»Arme Königin!«
»Werden wir nicht sentimental! Ihre Majestät kann sich nicht beklagen, solange der König -- wie's die Konvenienz gebietet -- unter den Damen des hohen Adels seine Wahl trifft. Leider scheint er aber schon seine Augen auf eine Bürgerliche oder -- was viel schlimmer ist -- auf eine gewesene Bürgerliche geworfen zu haben! Das endet nie gut! Die sind zu ehrgeizig!«
»Sie regen sich doch nicht darüber auf?«
»O doch! Es kränkt mich sogar sehr! Wenn der König solche Allüren hat, und gar auf eigene Faust vorgeht, da ist der Staat in Gefahr! Da bedarf es mehr denn je der Führung Sachverständiger! Statt sich von gewissenlosen Strebern Mätressen aufschwatzen lassen -- die eine dümmer als die andere -- könnte er sich wirklich -- --«
»Eurer Hoheit anvertrauen?«
»Ja -- ich bitte Sie -- wozu hat er mich? -- Wozu hat er das Corps de Ballett? Ich würde ihm vortanzen lassen, daß ihm die Beine nur so um den Kopf schwirren!«
»Apropos!« sagte d'Argenson, der sich nicht zu weit auf das heikle Gebiet hinauswagen wollte! »Apropos -- Hoheit wissen noch nicht, was alles draußen wartet! Der ganze Salon strahlt vor Jugend und Schönheit. Ich sah da unsere charmante Camargo. Die Sallé war auch da! Und dann etwas ganz Exquisites!«
»Exzellenz scheinen schon die Parade abgenommen zu haben! -- Darf ich nach dem Gegenstand des hohen Entzückens fragen?«
»Es war ein ganz neues Gesicht! Eine Venus von Gestalt! Ein rassiger Kopf -- schöne Augen -- und ein Lächeln! -- -- Mein Kompliment, Hoheit! Sie wissen ihre Truppen zu rekrutieren!«
Der Prinz schüttelte den Kopf.
»Ich weiß nicht, wen Exzellenz meinen!«
»Ich leider auch nicht. Es war nicht in Erfahrung zu bringen!«
Der Prinz faßte sich an den Kopf.
»Ich hab's! Das wird die neue italienische Tänzerin sein! Etwas ganz Unbedeutendes! Ich versichere -- eine ganz obskure Person, von der niemand etwas weiß! Fossano versucht sie mir aufzudrängen!«
»Ich sah ihn auch draußen!«
»Ja. Ich lasse ihn diesmal lange antichambrieren! Ich bin unzufrieden mit ihm!«
»Ein glänzender Tänzer!«
»Ja, aber ein störrischer Kopf! Es ist sehr unbescheiden von ihm, mir eine ganz Unbekannte, eine, die nicht den geringsten Namen hat, zu bringen! Ich erwarte eine Berühmtheit -- und er bedient mich mit einer Demoiselle Barberini! -- Haben Sie den Namen je gehört?«
»Nein. Ich muß gestehen --«
»Sehen Sie!«
»Wollen aber Hoheit nicht die Damen empfangen? Es wäre ja unrecht, sie meinetwegen warten zu lassen!«
»Sehr gütig! Wenn Exzellenz gestatten, bin ich dann so frei, sie Ihnen vorführen zu lassen. Auf welche belieben Eure Erzellenz zuerst die Augen zu werfen?«
»Ganz nach Ihrem Belieben, mein Prinz!«
»Auf einmal dürfen wir sie nicht besichtigen! -- Sie sind spinnefeind miteinander! Eure Exzellenz lieben ja mehr den seriösen Tanz, nicht wahr?«
»Allerdings! Ich bewundere die Majestät der Sallé! Aber die schönen Augen der Camargo versöhnen mich auch mit ihrer ausgelassenen Tanzart!«
»Exzellenz gefallen sich in der Rolle des Paris?!«
»Ich gesteh's! Ich wüßte aber nicht, wem ich den Schönheitspreis zusprechen sollte! Ob Juno, ob Minerva --«
»Also der Reihe nach! Ich lasse Madame Sallé bitten!«
Der Türsteher ging hinaus und machte gleich nachher beide Flügeltüren auf.
»Madame Sallé!«
Herein schwebte in üppiger Majestät die Prima-Ballerina der Oper, die weiten Reifröcke graziös wiegend -- die Spitzenmantille fest um den üppigen Busen zusammengenommen -- die Mimik in einem spöttisch-ironischen Lächeln kulminierend -- die Augen schmerzlich unter sanft zusammengezogenen Brauen blickend -- die ganze Erscheinung voll ebenso verletzter wie unnahbarer Würde.
Sie segelte an dem sich galant verbeugenden d'Argenson vorbei, beantwortete seinen Gruß mit einer sanften Biegung des Kopfes und blieb vor dem Prinzen stehen, öffnete wiederholt die Lippen, um zu markieren, daß sie keine Worte finden könnte, und schlug mit ihrem Fächer ein paarmal ungeduldig in ihre linke Hand. Sie war anscheinend aufs höchste empört!
»Blicken Sie mich nicht so ungnädig an, Madame« -- fing der Prinz an, ergriff ihre Hand und führte sie an die Lippen. »Sie sehen mich äußerst besorgt über die harte Notwendigkeit, die mich zwang, Sie warten zu lassen! Aber wir Großen der Erde sind geplagte Geschöpfe! -- Die Wünsche unseres Herzens müssen wir leider den Forderungen der harten Pflicht hintansetzen. Ich hatte mit Seiner Exzellenz Staatsgeschäfte von größter Wichtigkeit zu besprechen!«
Sie blickte den Kriegsminister von oben herab erstaunt an, als wollte sie fragen, welche Staatsgeschäfte wohl wichtiger sein könnten als die Affären des königlichen Ballettkorps -- dann öffnete sie die Lippen und fand jetzt Worte.
»Ich bedaure, in so hochwichtigen Geschäften gestört zu haben«, lispelte sie. »Ich werde aber Eure Hoheit nicht lange in Anspruch nehmen. Ich komme nur, um von Eurer Hoheit Gnade meine Entlassung zu erbitten.«
»-=Jamais! Jamais de la vie!=- Was denken Sie sich nur? Wo kämen wir ohne Sie hin! Wir müßten ja die Oper schließen! Ganz Paris würde Aufruhr machen!«
»Hoheit täuschen sich! Seitdem die Camargo ihre italienischen Tänze in Mode gebracht hat, kümmert sich ganz Paris nur um sie! Die hohe Kunst schleicht beschämt davon!«
»Die hohe Kunst, deren einzige Vertreterin Sie sind, Madame, wird nach wie vor in Ehren gehalten! Und sollten Sie anderer Ansicht sein, so wird Sie unser Freund, der Kriegsminister, der hervorragendste Kenner und Verehrer der hohen Schule, vom Gegenteil zu überzeugen wissen! Seine Exzellenz brennt vor Verlangen, heute bei Ihnen zu dejeunieren --«
Sie grüßte d'Argenson jetzt mit äußerster Liebenswürdigkeit, sie bemerkte die verstohlenen Zeichen nicht, die Carignan ihm hinter ihrem Rücken machte, und akzeptierte deshalb auch anstandslos die Deutung, die er der erschrockenen Miene des Ministers sogleich gab.
»Seine Exzellenz werden mir verzeihen«, lachte der Prinz, »daß ich Gefühle ausplaudere, die er Ihnen am liebsten selbst verraten hätte.«
»Ich werde mich glücklich schätzen«, stammelte d'Argenson.
»Nicht wahr -- und Sie haben dann die Güte, mit Madame Sallé das Programm zu vereinbaren, das wir demnächst Ihrer Majestät der Königin vorführen werden! -- Sie sehen, Madame, wir machen nichts ohne Sie -- Sie sind uns ganz unentbehrlich -- und Exzellenz, als -=persona grata=- bei der Königin, wird Ihnen da helfen, das Richtige zu finden. Tun Sie Ihr Bestes, Madame -- und lassen Sie mir bald Ihre Befehle zugehen!«
Er küßte ihre Hand -- die Audienz war zu Ende. Die Ballerina beantwortete äußerst aimable die tiefen Reverenzen der beiden Kavaliere und schwebte, jetzt jeder Zoll eine triumphierende Göttin, wieder an dem Kriegsminister vorbei. Sie flüsterte ihm dabei hold zu, daß sie sich ein Vergnügen daraus machen würde, ihn in einer Stunde bei einer trüffierten Ente wiederzusehen, und verschwand.
»Demoiselle Camargo!« meldete der Türsteher, die Flügeltüren wieder weit offenhaltend!! -- Und über die Schwelle rauschte jetzt eine Erscheinung, deren Glanz den der Sonne gewiß verdunkelt hätte, wenn dieser von plebejischen Neigungen angekränkelte Lichtklumpen jemals seine Schuldigkeit täte!
Es war eine hohe, schlanke Gestalt, mit fülligem, etwas süßlichem Gesicht und einer Lässigkeit in der Art, sich zu geben, die ebensosehr von verhaltenem Feuer wie von Neigung zur Bequemlichkeit zeugte -- ein Temperament, das bald lustig überschäumen, bald in Trübsinn hindämmern konnte -- etwas Ungewisses, Unausgeglichenes -- eine Persönlichkeit mit eigenem Gesicht und selbstbewußt, aber ohne Pose! Dem Prinzen war sie aber nur eine Frau unter den vielen, die man alle nicht ernst nehmen durfte! Sie beantwortete das Kompliment der beiden Kavaliere mit gemessener Würde und lächelte, aber nur so viel, wie die Konvenienz unbedingt erforderte.
»Monseigneur«, lispelte sie nonchalant, »wollen gütigst entschuldigen, daß ich wegen einer Kleinigkeit störe!«
»Ich freue mich immer, Sie zu sehen, Mademoiselle! Womit kann ich Ihnen gefällig sein?«
»Eure Hoheit sehen mich hier, um meinen Abschied zu verlangen!«
»-=Mon Dieu=-, Sie auch!« rief der Prinz mit komischer Verzweiflung. »Soeben teilte uns Madame Sallé ihre Demission mit -- weil Ihre Schönheit und Ihre Kunst die ihrige verdunkelt! Nicht wahr, Exzellenz?«
»Ganz recht!« lächelte d'Argenson.
»Sehen Sie, Madame! Und jetzt wollen Sie auf Ihren Triumph verzichten?! Sie scherzen wohl?«
»Es ist mein Ernst, Hoheit!«
»Aber warum? Sie werden doch hier vergöttert! Ganz Paris liegt Ihnen zu Füßen! Alle Welt buhlt um ein Lächeln Ihrer holden Lippen --«
»Und Hoheit sehen sich _=trotzdem=_ nach Ersatz um!«
»Madame, Sie wissen doch selbst am besten, wie unersetzlich Sie sind! -- Brauche ich Ihnen wohl noch zu sagen, wie sehr ich das Glück schätze, Sie als Zierde der Oper bei uns zu wissen! Ich denke ja über nichts anderes nach, als wie ich Ihnen das recht deutlich zum Ausdruck bringen könnte! Gestern noch habe ich mich bei allen Juwelieren der Stadt bemüht! Nichts war mir schön genug; nichts, was mir Ihrer würdig erschienen wäre! Immerhin gestatten Sie wohl?«
Und er ergriff rasch ihre Hand, schob ihr mit Aplomb den bereit gehaltenen Brillantring an den Finger und besiegelte seine Wertschätzung mit einem Kuß auf ihre rosigen Fingerspitzen.
»Als Zeichen unwandelbarer Treue, Madame! -- Hübsch, nicht wahr?« wandte er sich zu d'Argenson, auf den Solitär zeigend.
»Charmant! Ein seltenes Feuer!« antwortete der Krieger im Tone höchster Bewunderung -- und blickte der Tänzerin in die Augen, um ihr anzudeuten, daß kein noch so funkelnder Diamant mit deren Glut wetteifern könnte.
Einen Augenblick war sie vom Glanz des selten schönen Steines geblendet. Dann richtete sie sich auf, streifte den Ring vom Finger und legte ihn auf den Tisch.
»Nein, Hoheit«, sagte sie, »so war es nicht gemeint! Verletzte Eitelkeit dürfen Sie mir nicht zutrauen! Ich kenne meinen Wert und weiß, daß ich hier als Künstlerin etwas gelte! Wenn ich aber die neue Tanzkunst eingeführt und ihr zum Sieg verholfen habe, so will ich auch die Ehren davon haben. Ich gebe mich nicht dazu her, für andere zu arbeiten, nur damit sie nachher bloß heranzuhüpfen brauchen, um mit lächelnder Miene die Frucht meiner Mühe für sich zu ernten! Ich will keine Brillanten für meine Person. Ich will die gebührende Anerkennung für meine Kunst -- oder ich gehe!«
»Ich verstehe Sie nicht!«
»Hoheit verstehen mich nur zu gut!«
»Ich höre wohl, daß Sie sich beklagen. Aber ich sehe wirklich nicht den geringsten Anlaß!«
»Wäre es denn möglich, daß hier eine neue italienische Ballerina ohne Wissen Eurer Hoheit engagiert werden könnte?«
»Jetzt begreife ich! Sie meinen die, die da draußen wartet?! -- Die macht Ihnen Kopfschmerzen? Aber meine Liebe! Das ist ja etwas ganz Obskures -- etwas ganz Unbedeutendes -- ein Nichts, das ich nicht einmal bemerkt habe! Wenn das zu Ihrer Beruhigung beitragen kann, so hören Sie: ich werde sie überhaupt nicht empfangen!«
»Hoheit werden sie empfangen!«
»Mein Ehrenwort, Madame -- mein Ehrenwort als Kavalier, ich werde es nicht tun!«
»Ach, die Männer sind alle falsch! Hoheit werden sie empfangen! Hoheit werden sie auch tanzen lassen!«
»-=Mais non!=-«
»Warum auch nicht? Sie hat Geist -- sie hat Genie! -- Ich habe mit ihr geplaudert -- sie führt eine glänzende Konversation! Und wenn meine liebe Landsmännin ebenso gut tanzt, wie sie schön ist -- --«
»So braucht eine Camargo deswegen nicht besorgt zu sein! Oder wäre es möglich? -- Die Camargo selbst fürchtet sich!«
»Ich fürchte mich nicht!«
»So bleiben Sie denn! Nehmen Sie den Kampf auf! Wenn Sie vor der Schlacht fliehen -- _=dann=_ allerdings -- --«
Sie überlegte einen Augenblick.
»Wohlan denn! Ich bleibe! Ich nehme den Kampf auf!«
»Aber keine Feindseligkeiten! Ich bitte Sie -- ich flehe Sie darum an! Sie wissen: ich verabscheue nichts so sehr wie Aufregungen im Theater!«
»Hoheit können unbesorgt sein! Ich kämpfe nur durch meine Leistungen!«
»Bravo!« rief d'Argenson.
»Sie werden siegen!« beteuerte Carignan und griff nach dem verschmähten Ring. »Gestatten Sie mir, im Vorgefühl Ihres gewissen Triumphes Ihnen dies kleine Angebinde nochmals zu offerieren? Sie lehnen es doch nicht ab? Sie tun mir den Schmerz nicht an?«
Er schob ihr nochmals den Ring an den Finger, und sie ließ es jetzt zu.
»-=Merci!=- Ich werde ihn als Zeichen guten Einverständnisses behalten«, sagte sie gnädigst. »Und jetzt will ich nicht länger aufhalten! Meine Nebenbuhlerin wartet!«
»Aber ich sagte Ihnen ja -- -- ich werde sie nicht --«
»Ich weiß! Hoheit gaben Ihr Ehrenwort, sie nicht zu empfangen! Dann ist es eben höchste Zeit, daß ich Platz mache! -- -=Bon jour, messieurs!=- Ich wünsche gute Unterhaltung!«
Und hold lächelnd schwebte sie hinaus.
Die beiden Herren blickten sich an und lachten laut auf.
»Möchten Exzellenz nicht auch bei ihr frühstücken?«
»Es wird kaum noch not tun! Ich werde mir wohl bei der Sallé redlich den Appetit verderben! Sie haben ja bereits die Güte gehabt, Schicksal zu spielen -- --«
»Ich glaubte der Neigung Eurer Erzellenz entgegenzukommen! Oder -- wäre es noch zweifelhaft, welcher von den holden Göttinnen der Schönheitspreis gebührte?«
»Schön ist Minerva -- -- Juno verlockend -- --«
»Nicht wahr?«
»Aber Venus --«
»Was Sie sagen? Ist sie denn wirklich so hübsch, die --?«
»Blendend schön!«
»-=Sacré nom de Dieu!=-«
»Wie schade, daß Hoheit Ihr Ehrenwort gaben!«
»Nun, wenn auch Sie mich daran erinnern, dann muß ich wohl jenes Ehrenwort schleunigst aus der Welt schaffen!«
»Bravo!«
»Ich werde sie also empfangen!«
Carignan setzte den Hut auf und gab dem Türsteher einen Befehl; dieser öffnete den einen Flügel der Tür, und herein traten Fossano und die Barberina.
»Nun, Signore?« fing der Prinz von oben herab an und ignorierte die Barberina gänzlich, »wir sind ungeduldig?«
»Ich kann es nicht leugnen, Hoheit -- --«
»Ich höre es zu meinem Erstaunen! Ich hörte sogar von Drohungen?«
»Ich muß gestehen, Hoheit, ich war nicht darauf gefaßt -- --«
»Weiß schon! Sie waren entrüstet! Der Prinz von Carignan, Königliche Hoheit, hätte Ihnen, dem berühmten Tänzer, wohl den Wagentritt halten -- Sie, den Hut in der Hand, auf der Straße empfangen sollen -- --«
»Sie hätten mich hier empfangen sollen, wie ich's wohl beanspruchen könnte! Einen Künstler meines Ranges läßt man nicht acht Tage hintereinander antichambrieren.«
Der Prinz maß ihn mit einem Blick grenzenloser Verachtung.
»Sie irren sich, Signore! Es interessiert uns keineswegs, zu wissen, _=warum=_ Sie unzufrieden sind! Es interessiert uns nicht einmal, zu wissen, _=daß=_ Sie sich mokieren! Es interessiert uns höchstens, was wir selbst Ihnen gegenüber empfinden! Und wir sind mit Ihnen sehr unzufrieden! Verstehen Sie? _=Sehr=_ unzufrieden!«
»Dürfte ich fragen, warum?«
»Sie hatten von uns den bestimmten Auftrag bekommen, sich eine Partnerin auszusuchen! Die Camargo weigert sich ja, in Ihren Pantomimen aufzutreten! -- Ich hatte Sie gebeten, eine Tänzerin ersten Ranges zu engagieren! Der Bequemlichkeit halber ließen wir im Vertrag den Platz für den Namen offen. -- Und Sie mißbrauchen unser Vertrauen! Sie schreiben da einen Namen hinein, der kein Name ist -- von dem kein Mensch etwas weiß -- von dem kein Mensch je etwas gehört hat! Statt einer Künstlerin bringen Sie uns eine Anfängerin her.« -- Auch jetzt würdigte Hoheit Barberina keines Blickes. »Ja, mein Lieber, wir sind kein italienischer Duodezstaat, wir sind Paris -- wir sind am ersten Hofe der Welt! -- Wir suchen uns unsere Leute unter den allerersten Berühmtheiten aus! Wir haben es nicht nötig, uns eine obskure Null oktroyieren zu lassen!«
»Ich bin durchaus der Ansicht Eurer Hoheit!«
»Sehr gnädig!«
»Ich wage sogar zu behaupten, daß ich den Befehl Eurer Hoheit nicht nur mit der größten Gewissenhaftigkeit ausgeführt, sondern noch weit übertroffen habe!«
»Diese Kühnheit! -- Ich muß sagen -- -- da bin ich wirklich neugierig!«
Trotzdem aber würdigte er Barberina keines Blickes.
Fossano antwortete nicht. Er flüsterte Barberina nur schnell ein paar Worte zu, faßte sie bei der Hand, und im nächsten Augenblick wirbelte sie durchs Zimmer wie ein losgelassener Schmetterling und schloß ihr Extempore mit einem Luftsprung ab, wobei sie, ehe sie die Erde wieder berührte, die Füße wiederholt aneinanderschlug.
Der Prinz stand mit offenem Munde da.
»_=Acht=_mal«, sagte Fossano, »achtmal, Hoheit! -- Das macht ihr in der ganzen Welt keine nach! Die Camargo bringt es nur fertig, die Füße im Schweben _=vier=_mal aneinanderzuschlagen.«
»Nun, das wird wohl auch bloß viermal gewesen sein!«
»Vorwärts, Barberina!« rief Fossano, »noch einmal!«
Der Kriegsminister setzte sich, um besser zu sehen. Fossano faßte seine Schülerin wieder bei der Hand -- noch einmal wirbelte sie durchs Zimmer -- noch einmal machte sie den Sprung -- aber jetzt absichtlich so nahe an dem Prinzen vorbei, daß sie ihm mit dem Fuße den Hut vom Kopfe schlug. Der Prinz wankte und sank in den Sessel und blieb da mit offenem Munde sitzen.
»Bravo!« rief d'Argenson begeistert. »Es war mindestens achtmal! Ich habe gezählt!«
»Das hohe C der Tanzkunst!« stammelte Carignan verblüfft. »Ich gestehe -- ich bin konsterniert! Superb! -- Ja, sagen Sie mal, mein Kind -- wo haben Sie _=das=_ gelernt?«
Fossano verbeugte sich, die Hand auf dem Herzen.
»Alle Achtung, Signore! Alle Achtung! Das macht Eurem Unterricht alle Ehre! Das kann noch etwas werden!«
»Das wird eine Sensation!« rief d'Argenson begeistert. »Man wird das Theater stürmen!«
»Warten wir es ab -- warten wir ab! -- Exzellenz sind immer sehr leicht begeistert! -- Vergessen Sie nur nicht, bei wem Sie heute frühstücken!«
»So etwas macht einen alles andere vergessen! Das würde mich sogar der alten hohen Schule untreu machen können!«
»Da muß ich sagen! -- Da muß ich wirklich gratulieren!« sagte Carignan, stand auf, nahm den Hut von dem sich verbeugenden Fossano in Empfang und ging auf Babara zu. »Da haben Sie einen großen Sieg über die Camargo gewonnen! Sie müssen wissen: nicht einmal die Camargo hat es vermocht, Seine Exzellenz den Kriegsminister zur neuen Tanzkunst zu bekehren! Er war bis jetzt der überzeugteste Verehrer der seriösen Schule! Und jetzt, auf einmal --! Ja -- wenn Sie auf die Art gleich auch alle anderen Widerstände überwinden, dann wollen wir es mit Ihnen versuchen! -- Wie heißen Sie?«
»Babara!«
»Demoiselle Barberini!« beeilte sich Fossano zu korrigieren.
»Sag mal, Babara«, sagte Carignan, nachdem er mit einem Blick Fossano seine Mißbilligung für die Einmischung ausgedrückt hatte, »sag mir, mein Kind, wo haben wir das -- mit dem Hut -- gelernt?«
Sie lächelte schalkhaft.
»Famos! -- Wirklich exzellent!«
Er streichelte ihr gnädigst die Wange, und sie ließ es pflichtschuldigst zu.
»Und diese hübschen Augen -- diese reizenden Grübchen!« -- Er kniff ihr leicht die Wange, hochbefriedigt, nicht den leisesten Widerstand zu finden.