Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen
Part 5
Er ließ sie nie wieder den Schleiertanz tanzen, so sehr sie es sich auch wünschte. Die Fortsetzung von Psyche wurde auch nicht einstudiert. Fossano dichtete keine Pantomimen mehr. Sein ganzes Dichten, sein ganzes Trachten hieß fortan Baberina.
Sie wurde die große Passion seines Lebens, der Feuerbrand, in dem er als Mensch und Künstler rettungslos vergehen sollte -- mit der Windeseile einer Katastrophe.
Bis jetzt war er von Blume zu Blume geflattert, feil für jede Gunst des Augenblicks -- Künstler bis zu dem Fanatismus, der überzeugt alles opfert, auch das Höchste, der das Liebesleben der Kunst unterordnet und als Mittel zum _=Herrschen und Glänzen=_ benutzt.
Daran hatte er geglaubt und danach gehandelt, auch als er ihre Erziehung in diese Richtung leitete.
Dann kam die Wandlung, so jäh, daß er sie erst gewahr wurde, als es zu spät war.
Das herrliche Weib, das sich ihm in einem Augenblicke heroischen Opfermuts entschleiert hatte, liebte er jetzt mit einer tiefen, wahren Leidenschaft, die ihn ganz erfüllte und die ihm das höchste Glück hätte bringen können, wenn er es nicht vorher selber mit leichter Hand zerbrochen hätte.
Er fluchte seiner Dummheit, er war außer sich ob seiner Kurzsichtigkeit, aber -- es war zu spät!
Psyche war ihm für immer entflattert, ihm blieb die allzu gelehrige Schülerin, und auch sie entglitt nur zu bald der Führung eines Meisters, der sich eifersüchtig gebärdete, obwohl er ihr unbedingte Freiheit zur Pflicht gemacht hatte.
Schon in den ersten acht Tagen betrog sie ihn mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre das ganz in der Ordnung. Er erwischte sie in flagranti mit einem jungen Choristen, der ein pflaumenweiches Gesicht und leidliche Beine hatte. Diesen Adonis schlug er grün und blau und kurierte ihn so gründlich von seiner Liebeskrankheit, daß er in den nächsten vierzehn Tagen weder zum Tanzen noch zum Stelldichein kommen konnte. Und Baberina überhäufte er mit Vorwürfen.
Sie war höchst erstaunt, daß er sich über die Kleinigkeit überhaupt aufregte, sah ihn mit weit offenen Augen an und sagte mit der größten Naivität von der Welt:
»Warum hätte ich es nicht tun sollen?! Ich hatte dich ja so über alles gern! Und davon hast du mich selber kuriert. Das darf doch nicht überhandnehmen! Wie könnte ich sonst eine Künstlerin werden? Ich _=soll=_ doch frei sein, insbesondere in der Liebe! Das hast du doch selber gesagt!?«
Sie schlug ihn mit seinen eigenen Worten. Und er konnte nichts dagegen sagen.
Er verbiß seinen Ingrimm und suchte Mama Campanini auf, um ihr klarzumachen, daß sie auf ihre Tochter besser aufpassen müsse. Da erlebte er die größte Überraschung.
»Passe ich vielleicht nicht auf?! Ich tue ja nichts anderes! Ich denke ja nur an sie! Tag und Nacht bin ich um ihr Glück bemüht! Ich ermahne sie stündlich, auf ihren Vorteil bedacht zu sein und sich ja nicht an einen Unwürdigen fortzuwerfen!«
»Das tut sie aber!«
»Unsinn! Das hat _=sie=_ gewiß nicht nötig! -- Sie braucht nur die Hand auszustrecken, dann hat sie alles, was sie will. Die reichsten Leute buhlen um ihre Gunst! Der ganze Adel von Parma macht mir ihretwegen den Hof! Ja -- wir sind auf einmal begehrt! Sogar der Bischof selbst hat -- --«
»Was hat er? -- Hat er gewagt?« rief Fossano heftig.
»Nur ruhig, Signore! Wenn Seine Ehrwürden etwas gewagt hat -- _=Ihr=_ habt den Vorteil davon!«
»Der Teufel auch!«
»Denkt Ihr, das bedeutet nichts, daß er die Vorstellungen von Psyche besucht hat?! Fast jeden Abend, als Babara tanzte, war er da! -- Das hat Euch wenigstens zehn volle Häuser eingebracht! Da erst strömte auch der hohe Adel Abend für Abend ins Theater! Nun ja! Die Leute sind fromm! Und wo Seine Ehrwürden selbst hingingen, obwohl sie das Manifest der hohen Geistlichkeit mit unterschrieben hatten, in dem die Tänzerinnen und Sängerinnen für die größte Gefahr erklärt wurden, und worin empfohlen wurde, nur Jünglinge tanzen zu lassen, damit man weder das Ballett entbehre noch Schaden an der Seele nähme! Und nun geht er doch hin und sieht sich die Baberina an! Abend für Abend! Und mit ihm ganz Parma! Ihr müßtet ein Einsehen haben und ihr ein anständiges Honorar aussetzen!«
Fossano machte eine unwillige Bewegung.
»Nun«, rief sie dann schnell, »wenn Ihr's nicht wollt -- ich rede Euch nicht drein! Was abgemacht ist, ist abgemacht! Babara macht auch so ihr Geschäft!«
Er horchte auf.
»Was meint Ihr damit?«
»Was soll ich meinen? Sie wird ja mit Geschenken überhäuft! Sie kann sich kaum noch wehren! Täglich kommen welche! Oh -- es sind auch große Kostbarkeiten darunter! Seht hier diesen Solitär!«
»Von wem hat sie den?«
»Den hat ihr Ehrwürden geschenkt!«
»Du lügst!«
»Lies selbst! Der Brief war dabei!«
Sie reichte ihm ein rosafarbenes Billett, das er schnell las und fortwarf.
»Er will sie sehen?!«
»Ja -- sobald er von Mailand zurück ist, wohin er auf einige Tage gereist ist, will er sie sprechen!«
»Das geschieht nicht. Sie darf nicht hingehen!«
»Warum soll sie nicht hingehen? Was ist denn dabei? Sie ist ein frommes Kind -- sie wird hingehen -- sie wird ihn sprechen -- sie wird ihm beichten -- er wird sie segnen -- er selbst!«
»Wie der Segen beschaffen sein wird, läßt sich denken!«
Die Signora nahm den Brief auf und reichte ihn ihm noch einmal.
»Ihr habt ihn gelesen, lest ihn nochmals. Steht da ein Wort von Liebe drin? Nein!«
»Und das Parfüm?« rief Fossano und hielt ihr den Brief unter die Nase. »Ist das der Geruch der Heiligkeit, wie?! Das duftet auf zehn Schritte nach Billetdoux, was auch drin geschrieben steht! Und der Ring spricht auch deutlich genug. Sie wird nicht hingehen!«
»Warum sollte sie nicht? Ihr könnt ihr doch nicht verwehren, um ihr Seelenheil besorgt zu sein!«
»Ihr Seelenheil soll fortan _=meine=_ Sorge sein! Da hat kein Bischof dreinzureden!«
»Aber -- --«
»Kein Aber! Entweder es bleibt dabei -- oder ich gehe ohne sie nach Paris und nehme eine andere mit!«
»Eine andere wollt Ihr mitnehmen!? Ihr habt aber versprochen --«
»Wenn sie aber nicht _=will=_ -- wenn sie lieber zum Bischof geht, um nachher als seine Konkubine hierzubleiben!? Da kann sie doch nicht nach Paris mitgehen! Da muß ich ja eine andere mitnehmen. Seht hier -- hier habe ich den Vertrag mit der Königlichen Akademie der Musik über mein Gastspiel dort. Seht nur -- bereits unterschrieben -- vom Prinzen Carignan, dem Generalinspekteur, selbst! Für mich und eine Partnerin, die ich mir nach Belieben aussuchen kann. Ich brauche nur den Namen auszufüllen. Nun, ich werde mir eben eine aussuchen -- eine, auf die ich mich verlassen kann! Es gibt so viel Tänzerinnen -- alle schön, alle talentvoll -- ich werde nicht lange zu suchen brauchen!«
»Und Baberina?«
»Warum sollte ich ihrem Glück im Wege sein? Wenn sie den Bischof von Parma dem König von Frankreich vorzieht, dann mag sie eben ihren Willen haben!«
»Ihr habt _=mir=_ aber versprochen -- Signore!«
»Du hast mir versprochen, daß sie meine Geliebte sein sollte!«
»Das ist sie doch!«
»Eine Dirne ist sie, die mit aller Welt buhlt! Soeben habe ich sie mit einem anderen überrascht -- einem dummen Jungen, der nichts ist -- der nichts hat als ein fades Gesicht und ein paar hübsche Beine -- einem ganz gewöhnlichen Tänzer! Ich habe ihn aber krumm und lahm geschlagen!«
»Daran habt Ihr recht getan, Signore! Hättet Ihr ihr nur auch ihren Teil gegeben! Aber dem entgeht sie nicht, die Nichtswürdige! Ich werde ihr schon den Text lesen!«
»Ich kann mir das denken! Alte Kupplerin!«
»Das sagt Ihr mir? Das muß ich mir von Euch bieten lassen! Das ist zuviel! _=Ich=_ -- eine Kupplerin! Und mein Kind -- mein eigenes Kind werde ich wohl verkuppeln? Habe ich das nötig?«
»Nein. Dafür scheint sie schon selbst sorgen zu können! Du hast aber nötig, auf sie aufzupassen! Und das mußt du mir bei allen Heiligen schwören! Sonst gehe ich geradeswegs von hier zu der Bandolini und schreibe ihren Namen in den Vertrag, und Babara geht nicht mit nach Paris. Sie mag dann selbst sehen, wie sie vorwärts kommt! Wenn sie glaubt, auf den Schutz Fossanos verzichten zu können -- mir ist's recht! -- -- Will sie aber mit, so mußt du schwören! --«
»Ich schwöre ja -- ich schwöre ja! -- Habe ich mich denn geweigert? Ich werde schon auf sie aufpassen! Wie ein Drache werde ich sie bewachen! Alles tue ich, was Ihr nur wollt!«
»Nun, dann werde ich Gnade für Recht ergehen lassen!«
Fossano setzte sich an den Tisch, nahm einen Federkiel und kratzte ein paar Worte in das Papier hinein.
»Demoiselle Barberini«, sagte er -- »so wird sie künftig heißen! -- Das >r< fügen wir hinzu! -- Das macht sich besser als Künstlername! Sie wird Furore machen, Demoiselle Barberini. -- Sie wird es unter meiner Führung! Leicht wird's nicht werden. Die ersten Tänzerinnen der Welt sind da, an der Pariser Oper, die Camargo -- die Sallé -- die Mariette -- da wird sie einen schweren Stand haben! Wenn ich aber will, fallen alle Hindernisse! Und ich will! Aber Ihr kennt die Bedingung!«
»Verlaßt Euch nur auf mich -- -- das könnt Ihr -- -- wirklich, das könnt Ihr!« sagte die alte Domina und geleitete ihn unter tausend Komplimenten zur Tür! Das könnte er auch.
-- Wenn sie auch entschlossen gewesen wäre, ihrer Tochter bei einem Vergnügen, das _=keins=_ wäre -- einem Vergnügen aus Gewinnsucht --, durch die Finger zu sehen -- denn man mußte ja auf seinen Vorteil bedacht sein --, so würde sie ihr doch nie und nimmer ein Vergnügen aus bloßer Liebe gestatten, und gar zugunsten eines Unwürdigen, der nichts hatte als sein liebendes Herz und ein Paar hübsche Beine!
-- Da würde sie schon aufpassen -- dazu gäbe sie nie und nimmer ihren Segen!
Das brachte Mama Campanini ihrer hoffnungsvollen Tochter denn auch handgreiflich bei.
Aber -- den Ring des Bischofs machte sie schleunigst zu Geld und stattete mit dem Erlös Babara prächtig für Paris aus.
Zweites Buch
Hebe
7
Der Prinz Carignan, Königliche Hoheit, ältester Prinz aus dem Hause Savoyen, Generalleutnant, Generalinspekteur der Königlichen Akademie der Musik, hatte sein Lever beendet und war bei der Morgentoilette.
In einen wattierten Schlafrock von chinesischer Seide gehüllt, saß er in einem bequemen Sessel, ließ sich die Haare kräuseln und wickeln und sie hinten zu einem koketten Beutel zusammennehmen, lauschte zerstreut auf die Erzählungen seines Friseurs und nippte dann und wann an einer Tasse Schokolade, die ihm der Kammermohr auf einem silbernen Tablett darbot. Der Kammerdiener schnallte ihm dabei die Schuhe.
Durch die offenen Balkontüren flutete der Sonnenschein; die hohen Baumwipfel draußen bewegten sich leise, ein lauer Wind trug die Düfte des Rosenparterres herein -- es war ein herrlicher, stiller Sommertag.
Im durchlauchtigsten Schädel brummte und summte es wie ein ganzer Bienenschwarm. Das gestrige Souper hatte lange gedauert. Man hatte deshalb den ganzen Morgen sorgfältig vermieden, Seiner Hoheit Anlaß zum Zorn zu geben, und jede Äußerung, die als Widerspruch hätte ausgelegt werden können, ängstlich unterlassen.
Niemand, der ein Anliegen vorzubringen hatte, war gemeldet worden, ehe der Retter in der Not, der Friseur, mit den Neuigkeiten des Tages erschienen war. Zum Glück hatte der Haarkünstler heute eine besonders leichte Hand gehabt. Er war auch von den interessantesten Anekdoten geschwollen. Die Stirn Seiner Hoheit erhellte sich sichtbar. Er hatte sogar geruht, wiederholt und huldvollst zu lächeln! Das fluchwürdige Verbrechen des Garderobiers, eine Rosette des linken Hosenbeins abzureißen, wurde gnädigst übersehen und das Annähen des illustren Gegenstandes in Geduld ertragen. Der Augenblick war günstig. Auf einen Wink des Kammerdieners wagte sich der Türsteher herein und meldete, daß unter den vielen Supplikanten draußen im Vorzimmer auch der berühmte Tänzer Signore Fossano warte, um die neue italienische Tänzerin Demoiselle Barberini vorzustellen.
»Sollen morgen wiederkommen!« antwortete der Prinz und wandte sich zum Friseur. »Weiter! Das interessiert mich sehr! Seine Majestät war also gestern wieder in La Muette?«
»Ja -- zum zweitenmal in einer Woche!«
»Was?!« rief der Prinz. »Zweimal in einer Woche? Das ist gegen alle Gewohnheit! Das ist noch nicht dagewesen! Da ist sicher etwas Besonderes passiert! Hast du etwas erfahren?«
»Ja!«
»Schnell! Ich brenne vor Neugierde!«
»Beim ersten Besuch Seiner Majestät unseres allergnädigsten Königs in dieser Woche in La Muette« -- begann der Friseur wieder und setzte mit Grazie seine Zange an, so daß ein leichtes Wölkchen verbrannter Pomade duftend emporwirbelte, wie um die Erzählung mit Weihrauch zu versüßen.
»Hoheit wollen gnädigst entschuldigen«, wagte der Türsteher mit wahrer Todesverachtung zum zweiten Male einzuwerfen, »aber der italienische Tänzer --«
»Er soll sich zum Teufel scheren!«
»Hoheit wollen gnädigst verzeihen -- aber -- damit droht er eben --«
»Das auch noch! Der Kerl droht? Man werfe ihn hinaus!«
»Zu Befehl!«
»Warten! Wie sagtest du? Womit drohte er?«
»Eben damit, sich hinauswerfen zu lassen!«
»Nicht schlecht!« lachte Se. Hoheit, »gar nicht übel! Da, nimm, du Spaßvogel!« -- Er warf dem Türsteher ein Geldstück zu. »Was soll das aber heißen? Was meint er damit?«
»Er meint, daß er heute abreisen will, wenn er nicht empfangen wird!«
»Ich empfange, wann ich will und wen ich will!«
»Das habe ich ihm auch deutlich zu verstehen gegeben! Ich habe ihm gesagt, daß Hoheit mit Geschäften überladen sind -- ich habe ihn gebeten, morgen wiederzukommen. Acht Tage hintereinander ist er auch wiedergekommen. Nun will er aber nicht mehr. Noch heute reist er nach London, sagte er. Und das glaubte ich Hoheit nicht vorenthalten zu dürfen -- --«
»Hierbleiben soll er! Ich werde ihn arretieren lassen, sag ihm das von mir! Wenn er nur den Versuch macht, sich ohne Urlaub zu entfernen -- -- acht Tage -- -- acht Tage antichambriert er nur? Das genügt noch lange nicht! Und du hast ihn nicht gemeldet? Du hast ihn ruhig gehen lassen? Das ist sehr gut -- sehr brav von dir! Diese Künstler müssen kurz gehalten werden! Verwöhntes Volk! Muß sich ducken lernen! Geh jetzt, laß ihn noch warten -- vielleicht empfange ich ihn später!«
Der Kammerdiener ging.
»Wo waren wir denn mit dem König stehengeblieben?«
»Ich wollte eben vom ersten Besuch Seiner Majestät in dieser Woche in La Muette erzählen -- --«
»Ganz richtig! Was ist denn dabei geschehen?«
»Seine Majestät ritten, wie immer, durch das Bois nach Madrid zum gewohnten Besuch bei Mademoiselle, der Marquise du Charolais -- --«
»Allwo er sehnsüchtigst von Madame du Mailly erwartet wurde -- --«
»Zu Befehl! Und auch von ihrer Schwester, Madame de Vintimille -- -- und von der Gräfin von Toulouse -- --«
»Wissen schon! -- -- Überspringen! -- Der ganze >kleine Rat< Seiner Majestät war, wie immer, versammelt! Das war aber sicher kein Grund für den König, sich, gegen alle Gewohnheit, zweimal in einer Woche hinzubemühen!«
»Sicher nicht! Aber unterwegs -- im Bois -- hatten Seine Majestät eine Begegnung --«
»Was du sagst!«
»Mitten im Walde, bei einer Kreuzung des Weges, sauste ein Phaëton dicht an das königliche Pferd heran! Majestät mußten anhalten -- -- und als das Gefährt vorbeiflog, haben Majestät geruht, noch allergnädigst zu grüßen --«
»-=Sacré nom de Dieu!=- Wer saß denn drin, in jenem Phaëton?«
»Eine Dame --«
»Eine --?«
»Eine _=sehr schöne=_ Dame -- in Blau und Rosa gekleidet! -- -- Sie kutschierte selbst! -- Statt der Peitsche hatte sie eine silberne Lanze in der Hand -- am Hut einen Halbmond von Brillanten!«
»Wohl Diana selbst, die auf Königshirsche pirschte?«
»Majestät schienen es wenigstens anzunehmen! Wie gebannt blieben Majestät auf demselben Flecke und starrten mit allerhöchst aufgerissenen Augen der Erscheinung nach, bis sie an der nächsten Biegung des Weges verschwand! Dann erst gaben Majestät dem Pferde die Zügel und galoppierten davon, so schnell, daß das Gefolge kaum mit konnte --«
»Diana scheint eine glückliche Jagd gemacht zu haben! Weiß man, wer sie war?«
»Man vermutet -- --«
»Man _=vermutet=_ nicht! Man hat zu wissen, wenn man was erzählt!«
»Zu Befehl -- ich habe auch schon in Erfahrung gebracht --«
»Schnell -- ich muß es wissen! Ihr Name?«
»Es war --«
Aber ehe der allwissende Haarkünstler den Namen ausgesprochen hatte, flog die Tür zu den inneren Zimmern auf, und der Intendant des Prinzen stürzte herein, mit verstörter Miene, eine Schatulle in der Hand.
»Hoheit verzeihen -- aber -- ich muß bitten -- wollen Hoheit geruhen, jetzt gleich die Kasse selbst an sich zu nehmen?«
»Was ist denn?«
»Es ist höchste Eile! Bei mir ist sie nicht mehr sicher!«
Der Prinz stand mit Mühe auf und wankte nach dem Schreibtisch.
»Gib her!«
Er schloß ein Fach auf.
»Wieviel ist drin?«
»Der Kassenzettel liegt obenauf; es ist der ganze gestrige Erlös der Rouletten!«
Hoheit flog schnell den Zettel durch.
»Miserabel! Die Pariser sind undankbar! Ich selbst erweise ihnen die Gnade, ihr Spiel zu protegieren! Sie haben die Ehre, im Palais Soissons selbst -- in meinen schönsten Räumen -- ihr Geld zu verlieren und schätzen es so gering ein!«
Er klappte verächtlich den Deckel der Kassette zu.
»Der Pächter bestiehlt mich aber! Es ist nicht anders möglich! Die Räume sind ja stets gedrängt voll! -- Der Mob wird doch nicht so frech sein, noch zu gewinnen! Er stiehlt also! Oder er taugt nichts -- versteht seine Sache nicht! Wieviel hat er uns im vorigen Jahre abgeliefert?«
»Knappe hunderttausend Livres!«
»Sag ihm, ich werde ihm die Spielerlaubnis entziehen, wenn ich nicht in diesem Jahre auf mindestens zweihunderttausend komme!«
»Zu Befehl!«
»Hast du auch den Diamanten bekommen, den ich gestern für die Camargo aussuchte?«
»Melde gehorsamst: ja!«
Er reichte dem Prinzen ein Etui. Der prüfte den Inhalt mit Kennermiene.
»Sehr schön! Wirklich magnifik! Das Geld soll sich der Juwelier in der Oper holen.«
»Die Kassen der Oper sind leer! Die Gagen wurden gestern bezahlt und auch die Wechsel der Gebrüder Paris.«
»So soll er nach der Komödie gehen!«
»Ich habe ihn bereits hingeschickt!«
»Es ist gut!«
Der Prinz leerte den Inhalt der Schatulle in die Schublade seines Schreibtisches, schloß ab und steckte den Schlüssel zu sich.
»So! Und darf ich nun wissen, warum du mich so früh und in dieser höchst unmanierlichen Weise mit dem Gelde bemühst? Meines Wissens hatte ich dich noch nicht rufen lassen!«
Der Intendant hatte nicht Zeit, zu antworten.
Es klopfte an die Tür, und alles war starr.
Beim Prinzen von Carignan selbst, im eigenen Palais Seiner Königlichen Hoheit -- im Palais Soissons, das von Bedienten, Lakaien und Türstehern wimmelte, hatte man die Keckheit, ohne weiteres und unangemeldet anzuklopfen! Und gar noch, -=sans façon=-, einzutreten!
Zwei Gestalten in richterlicher Kleidung, die Hüte auf den Köpfen, standen auf der Schwelle.
»Im Namen des Königs -- --«
»Ridicule!« sagte der Prinz gelassen. »Seit wann tritt man so -- legère bei mir ein? Ich bin allerdings auch Chef der Theater! Aber -- ich muß sagen -- -- diese Komödie! Zum mindesten geschmacklos!«
»Im Namen des Königs«, sagte die eine Gestalt und reichte dem Prinzen ein Dokument mit anhängendem Siegel. »Laut Urteil des Parlaments sind wir auf Antrag des Bilderhändlers Gersaint bevollmächtigt und haben den Befehl, hier im Palais Eurer Hoheit alles Geld und alle Kostbarkeiten an uns zu nehmen und, sofern es nicht ausreicht, um die Forderung nebst Zinsen, Kosten und unserem Salär zu decken, die Meubles und den Schmuck zu versiegeln und zur öffentlichen Versteigerung zu bringen!«
»Ja, bin ich denn diesem Ehrenmann, diesem Gersaint, etwas schuldig --? Wann habe ich ihm überhaupt etwas abgekauft --? Es ist doch wenigstens zwei Jahre her --«
»Ganz richtig! Zwei Jahre sind es bereits, daß Eure Hoheit die gekauften Gemälde nicht bezahlt haben!«
»Das ist ein Irrtum! Das muß ein Irrtum sein! -- -- Und wenn sie nicht bezahlt sein sollten -- -=mon Dieu=-! -- warum hat man sich nicht das Geld von meinem Intendanten geholt? -- Wie kann man sich denn beklagen?! -- Ja, sagen Sie, meine Herren, für wen halten Sie mich denn! -- _=Ich=_, der Prinz von Carignan, muß mich mit derartigen inferioren Dingen persönlich befassen! -- Bin ich dazu von Seiner Majestät, unserem allergnädigsten König, zum Generalintendanten der Akademie ernannt, damit man mir meine Zeit mit den Angelegenheiten eines obskuren Bilderhändlers stiehlt?!«
Beim Nennen des Königs hatten die Gerichtsbeamten ihre Hüte gelüftet und wollten sie wieder aufsetzen.
»Behalten Sie die Hüte in der Hand!« schrie ihnen der Prinz mit Donnerstimme zu. »Und verlassen Sie das Haus!«
»Wir sind auf Befehl des Parlaments hier -- --«
»Verlassen Sie das Haus, Messieurs, oder ich lasse Gewalt anwenden!«
»Dürften wir Hoheit auf die Folgen eines gewaltsamen Widerstandes gegen eine amtliche Handlung aufmerksam machen -- --«
»-=Mais non!=- -- Sie dürfen mich auf nichts aufmerksam machen! Sie dürfen in meiner Gegenwart den Mund nicht auftun! Man werfe sie hinaus! Geschwind! Man schaffe sie mir aus den Augen!«
Die Lakaien und Türhüter griffen zu und beförderten die unwillkommenen Gäste auf dem kürzesten Wege auf die Straße.
»Sapperment!« rief der Prinz, »wie werde ich hier bedient! Das ganze Haus habe ich gedrängt voll von Tagedieben, die nicht wissen, was sie tun sollen -- die mich vor lauter Langeweile bestehlen -- die mich kahl fressen, bis ich wie ein entlaubter Baum dastehe! Nicht mal so viel können sie tun, mir derartigen Besuch vom Leibe zu halten! Aber ehe ich befehle, rührt sich keiner! Ich muß mich selbst bemühen! Ich muß mich echauffieren! Ich muß mich, in höchsteigener Person, bis auf die Knochen blamiert fühlen! -- Ich muß mir wie'n Gauner -- wie'n Betrüger -- weiß Gott, wie'n Strauchdieb vorkommen! Und ihr steht alle dumm da und gafft und laßt den Tort zu und -- -- wer weiß -- lacht euch noch ins Fäustchen! -- Ich werde euch mit Ruten streichen lassen! Ich werde euch allesamt in die Bastille werfen! -- -- Ah -- ah! -- Das überlebe ich nicht! -- Das wird mein Tod! Ich fühle schon, wie mir die Galle zurücktritt! -- Luft -- Luft -- --!«
Erschöpft sank er auf den Sessel nieder, der Friseur benutzte die Gelegenheit, ihm den Pudermantel umzuhängen und setzte seine Quaste mit einer Fermeté in Bewegung, daß der ganze Prinz in einer Wolke weißen Staubs verschwand -- wischte dann schnell den Puder aus dem Gesicht -- schwärzte die Augenbrauen, klebte zwei Mouchen auf ihre Plätze und hielt, als er fertig war, dem Prinzen ein silbernes Flakon mit Riechsalz unter die Nase.
Der halb Ohnmächtige sog gierig den scharfen Duft ein, seufzte leicht auf, geruhte dann kokett zu niesen, öffnete die Augen und flüsterte matt: »Darf ich nun _=endlich=_ wissen, wer jene Dame war, die einen solchen Eindruck auf die Majestät, unseren allergnädigsten König, machte?«
»Madame le Normand d'Etioles«, flüsterte der allwissende Haarkünstler ihm ins Ohr, und der Prinz fuhr auf wie von einer Tarantel gestochen.
»Madame d'Etioles?! -- Die kleine Poisson?! -- Eine Diana bürgerlicher Extraktion?!«
»Ganz recht, Hoheit!«
»-=Sacré nom de Dieu!=- -- Das ist keck! Und der König hatte die Gnade, sie zu bemerken?«
»Seine Majestät waren hingerissen! Seine Majestät haben von nichts anderem gesprochen die ganze Zeit! Und schon gestern sind Majestät dann, ganz unvermutet, wieder in La Muette eingetroffen!«
»Und gleich durch den Wald nach Madrid galoppiert?!«
»Ja!«
»Und er ist ihr wieder -- --?«
»Nicht begegnet!«
Der Prinz lachte.