Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen

Part 3

Chapter 33,693 wordsPublic domain

Sie erwacht voll Entsetzen, flieht von ihrem Lager, wankt, von Angst und Grausen gepackt, durch die jetzt dunkle Halle -- findet die verhüllte Lampe und den Dolch und schleicht dann, mit ihrer immer mehr zunehmenden Angst kämpfend -- die Lampe hoch in der ausgestreckten Hand haltend, das Gesicht abgewandt, den Dolch an den keuchenden Busen gedrückt -- zurück zum Lager, wo Amor wieder schlummernd liegt, schaudernd zögert sie und bricht halb zusammen! Und dann der schnelle Entschluß -- der sich aufbäumende Trotz -- der jähe Wille zur befreienden Tat -- das Aufraffen der letzten Kraft -- das zaghafte Hinblicken -- die Überraschung -- das Staunen beim Anblick des schlafenden Gottes -- das Fallenlassen des Dolches -- die Zerknirschung, die Gewissensbisse -- die wuterfüllte Drohung gegen die unsichtbaren Traumschwestern, deren Hohnlachen sie um sich zu hören glaubt! Dann das schrankenlose Aufgehen in diesem ungeahnten Glück -- die Bewunderung, die Anbetung -- das zaghafte Nahen -- das Erhaschen und Fallenlassen seiner herabhängenden Hand -- die Betastung seiner Flügel -- das Auffinden seiner Waffen, das Spiel damit, die Verwundung an seinen Pfeilen und dann das sofort einsetzende Auflodern der Leidenschaft, die sie alles vergessen macht -- das Hinsinken auf die Knie neben dem Schlafenden -- das Aufgehen in einem namenlosen Glücksgefühl -- und schließlich das Besitzergreifen des Glückes -- das Zusammenbrechen über dem Geliebten und der Kuß, der ihn halb erweckt. Dann das Aufschrecken ob ihrer Dreistigkeit -- die Flucht, die Wiederkehr, das unwiderstehliche Hingezogenwerden -- das leichte Hinschleichen auf den Fußspitzen, um sich wieder an seinem Anblick zu weiden -- das Zittern der Hand, die die Lampe hält, und dann die Katastrophe -- der Tropfen brennenden Öls, der ihm auf die Schulter fällt und ihn jäh erweckt -- das Zusammenbrechen unter seinem Zorn -- ihr vergebliches Flehen, ihr Schluchzen, ihr Haschen nach seiner Hand, seiner Kleidung -- ihr Versuch, ihn gewaltsam zurückzuhalten, und dann die Verzweiflung, als sie sich verlassen sieht und ohnmächtig zusammenbricht -- das waren alles Momente der höchsten Kunst, die Babara mühelos geben konnte, weil sie's im Moment des Gebens sah und erlebte. Sie weilte in einer anderen Welt, hoch über allem Irdischen, und als der Vorhang fiel und der tosende Beifall der aufs höchste aufgeregten Menge draußen einsetzte, da erwachte sie mit einem heftigen Schrecken aus ihrem Traum. Sie war wieder auf der Erde, aus allen Himmeln gefallen; und mehr tot als lebendig ließ sie sich von Fossano an die Rampe schleppen, um die begeisterte Huldigung des Publikums anzunehmen.

»Nie mehr werde ich's können -- nie mehr werde ich so voll darin aufgehen und alles vergessen«, jammerte sie, als der Vorhang zum letztenmal fiel und Fossano sie umarmte und beglückwünschte.

»Du _=kannst=_«, erwiderte er, »wenn du nur mir folgst! An meiner Hand, unter meiner Führung wirst du das und noch viel mehr lernen! Aber -- du mußt dich führen lassen -- du mußt mir unbedingt gehorchen. Willst du?«

»Ja«, antwortete sie ohne Bedenken, aber auch ohne ihn zu verstehen.

Er war sich auch nicht ganz klar über die Tragweite seiner Worte, aber er folgte seinem Instinkt. Aus der Kulisse hatte er ihr Spiel verfolgt, sie innerlich Szene für Szene vorwärts getrieben; mit seiner ganzen Geisteskraft war er dabei gewesen, hatte alles miterlebt, jede ihrer Empfindungen voraus empfunden und sie so gestützt. Und jetzt, als es aus war, war er ebenso erschöpft wie sie. Und so sehr er sich auch über den Sieg freute -- er empfand nur, wie sie, Angst, daß das alles verloren gehen könnte, daß es nie wiederkehren würde; aber auch, daß es seine Aufgabe sein würde, dafür zu sorgen, daß nicht dies echte schlackenfreie Talent, dem kein Mißerfolg je etwas anhaben könnte, durch den Triumph hochmütig gemacht und so zugrunde gerichtet werde.

»Demütigen, demütigen!« war sein erster Gedanke. Und so fing er, noch ehe sie die Bühne verlassen hatte, an, sie zu kritisieren und sagte ihr alle Fehler, die sein scharfes Auge, trotz seines Entzückens, gesehen hatte. Ernst und sachlich setzte er ihr auseinander, wie weit sie von der Vollendung entfernt sei -- wieviel sie noch zu lernen hätte -- wie wenig die Leute im Zuschauerraum begriffen, und wie wertlos ihre Beifallsäußerungen seien! So nahm er ihr sorgsam jedes eigene Verdienst, schon ehe sie sich ihres Sieges bewußt worden war und sich daran berauschen konnte. Er hatte sie wieder unterjocht -- er hatte sie in der Gewalt und gewann damit auch seine eigene Sicherheit wieder.

Der Mutter spendete er, als sie, im Überschwang ihres Glückes, sich in Lobeshymnen erging, herablassend einige kühl bemessene Worte der Anerkennung für das unzweifelhafte Talent ihrer Tochter.

Es würde schon was aus Babara werden! Er glaubte es schon! -- Aber -- man könnte ja nicht wissen! Das Leben hinge von soviel Zufälligkeiten ab! Jedenfalls wollte er sich ihrer annehmen und mit ihr weiterarbeiten! -- Sooft seine »Psyche« gegeben würde, sollte sie darin spielen dürfen, vorläufig ohne Gehalt, denn man könne nicht anders -- wegen der anderen Tänzerinnen! Man müsse ihre Gefühle schonen! Sie wären schon ohnehin ärgerlich, daß er nicht einer von ihnen die Rolle gegeben hatte!

Er wolle aber mit aller Energie an ihrer Vervollkommnung arbeiten! Er wolle nichts dafür haben! -- Aber sie müsse sich ganz seiner Führung anvertrauen! Das wäre die Bedingung!

Das sagte ihm die Domina auch zu, ehe sie beglückt dem Ausgang zuschritt, wo Tausende von Menschen sich gestaut hatten, um dem neuaufgegangenen Stern ihre Huldigung darzubringen. Begeisterte Zurufe flogen Babara entgegen, als sie sich zeigte -- schüchtern blickte sie Fossano an, wie um Erlaubnis zu fragen, ob sie auch das alles auf sich beziehen dürfe! Er verzog keine Miene. Er gab ihr nur den Arm und führte sie ironisch lächelnd zu seinem Wagen, um sie nach Hause zu bringen und sie so ihren Verehrern zu entziehen!

Das gelang ihm freilich nicht. Ein Dutzend junge Leute nahmen den Wettlauf auf und folgten dem wegen des Gedränges nicht übermäßig schnell fahrenden Wagen.

Kaum waren sie in der bescheidenen Behausung der Campanini angelangt, so sammelte sich schon eine ganze Menschenmasse unter den Fenstern. Bald erklangen die Gitarren, und liebegirrende Stimmen schmetterten ihre sehnsüchtigsten Töne in die Nacht hinein. Die Passanten blieben stehen und nahmen an der Kundgebung teil. Und bald war an kein Durchkommen mehr zu denken.

Die Domina schwelgte in Wonne. Babara wurde auch freudig bewegt. Die Geschwister waren außer sich vor Freude über den Triumph -- das ganze Haus in größter Aufregung.

Nur Fossano blieb ruhig. Seine Züge verfinsterten sich mehr und mehr.

Schließlich konnte er nicht an sich halten.

»Höre nicht hin!« rief er. »Bei allem, was dir heilig ist, höre nicht hin! Wenn es dir ernst um die Kunst zu tun ist, dann höre nicht hin! Erst wenn du eine große Künstlerin bist, darfst du's wagen! Heute bist du nur eine große Hoffnung! Ein Versprechen, das nur durch emsige Arbeit in strenger Abgeschiedenheit einzulösen ist! Erst das! Dann tu, was du willst!«

Sie blickte ihn groß an. Sie verstand ihn nicht -- hörte kaum zu. Draußen lockte das Leben -- von dort drangen liebliche Klänge herein und schmeicheltem ihrem Ohr mit süßem Wohllaut! In ihr jauchzte es von Glück und Stolz! Das Leben brauste durch ihre Adern und rief sie hinaus zum Genuß und zum Glück! -- Und er, der ihr den Weg in dieses Leben gezeigt hatte -- er hielt sie zurück!? Er zeigte ihr das Ziel -- und verbot ihr, es im Flug zu nehmen?!

»Wer etwas werden will«, sagte er noch eindringlicher, »darf sich nicht von den Freuden der Welt verlocken lassen! Nicht hinsehen! Nicht hinhören! Alle Sinne nur auf das Ziel richten, mit allen Trieben ganz und voll in der Kunst aufgehen! -- Dein ganzes Sehnen, dein gesamtes Trachten mußt du nur darauf richten, die Schwierigkeiten des Weges zu überwinden! Nur so kannst du den höchsten Gipfel erklimmen! Und dazu bist du unter Tausenden ausersehen, _=wenn du treu bleibst=_! Einmal oben, dann entfalte die Schwingen -- dann heb an zum Flug und bewege dich frei -- aber erst dann! -- Willst du's so halten?«

»Ja!«

»Dann bringe ich dich auch so weit! Aber du mußt geloben, blind meiner Führung zu folgen. Du mußt mir unbedingten Gehorsam versprechen! Willst du das?«

»Ja.«

»Du darfst nie einen jungen Mann mit liebenden Augen ansehen, nie den Worten der Verführung lauschen -- streng darauf achten, deinen Sinn rein von aller Betörung zu halten! Schwöre es bei allem, was dir heilig ist -- bei der Madonna -- --«

»Bei der Himmelfahrt im Dom«, sagte sie und lächelte inbrünstig -- »dabei schwöre ich -- --«

»Stets so zu bleiben, wie's die heilige Kunst von mir verlangt --« sprach er ihr vor.

»Stets so zu bleiben, wie's die heilige Kunst von mir verlangt«, wiederholte sie feierlich.

Aber es genügte ihm nicht.

»Und brichst du den Eid«, sagte er, und es funkelte drohend in seinen Augen, »so jage ich dich auf der Stelle fort. Dann bist du nicht mehr meine Schülerin! Dann mußt du selbst sehen, wie du dich durchschlägst!«

Große Tränen drangen ihr in die Augen.

»Ich bleibe treu«, sagte sie fast schluchzend. »Die Madonna wird mir helfen! Alle Tage will ich ihr Blumen opfern.«

Draußen klangen noch die Lieder ihr zu Ehren. Sie hielt sich die Ohren zu.

»Ich will gehen und sie fortjagen!« sagte Fossano. »Lebe wohl -- morgen in der Probe sehen wir uns wieder.«

Er ging. Draußen versuchte er die Sänger zum Schweigen zu bringen. Aber sie lachten ihn aus. »Er ist eifersüchtig -- er will sie selbst für sich behalten. Der Schwerenöter! Das Schleckermaul! Don Juan du!« riefen sie. »Psyche hat schon ihren Amor gefunden! Fossano -- evviva! Fossano -- amoroso! Evviva!«

Lachend nahm er die Huldigung an und bestritt es mit keinem Worte, daß er ihr Liebster sei. Mochten sie's nur glauben -- dann würden sie sie in Frieden lassen! Sie würden sich hüten, es mit ihm aufzunehmen!

Sie mochten dasselbe gedacht haben. Denn sie zogen lachend und johlend ab und widmeten im Gehen schnell noch ein Spottlied der spröden Schönen, die sich zum Dank für das Ständchen nicht einmal gezeigt hatte.

Fossano schickte seinen Wagen fort und ging zu Fuß nach Hause.

Er kam sich in der Rolle eines Sittenpredigers sonderbar vor! Weiß der Teufel, was in ihn gefahren war! Sonst hielt er es in der Beziehung nicht streng mit seinen Schülerinnen! -- Sonst war er eben für jede Freiheit! Aber diese -- -- um die war ihm bange! Sie war ein seltenes Juwel, das ihm das Glück in die Hände gespielt hatte und das er nicht herausgeben wollte, ehe er ihm den besten Schliff und die schönste Fassung gegeben hätte, damit es über alle Welt leuchten könnte.

Und das war nur so möglich! Ihr ganzes Triebleben mußte ganz folgerichtig und mit vollem Bewußtsein auf den Ehrgeiz gerichtet werden, in der Kunst das Höchste zu leisten, bis sie ganz Meisterin geworden wäre! Da würde er sie auf das Leben loslassen!

Aber _=er=_ -- er selbst mußte das tun -- kein anderer durfte es, und vor allem keine Minute zu früh!

Solange wollte er die eigene Leidenschaft, die schon jetzt in ihm loderte, zurückzudämmen suchen! Und wenn er selbst als Lohn für seine Mühe die Blume gepflückt hätte, dann wollte er ihre Leidenschaft in die richtige, die für die Karriere einzig mögliche Bahn leiten, ins Vergnügen, zum Rausch! Aber sie nimmermehr zur großen Passion oder gar zur hingebenden Liebe werden lassen. _=Die=_ mußte gründlich abgetötet werden, sonst würde sie die Kunst töten.

Das sollte der Gipfel seiner Erziehung sein! Denn nur so könnte er ihrer Kunst die letzte Weihe geben, die der _=bewußten=_ Sinnlichkeit, die ihr jetzt mangelte und auch noch lange nicht zur Entfaltung kommen durfte -- ehe sie auch als Künstlerin reif genug wäre, zu begreifen, wie in dieser Welt der Sinne die Selbstherrlichkeit des Fleisches herrscht und wie der Geist Fleisch werden muß, um hier zu gebieten -- --

Er lächelte befriedigt bei dem Gedanken, schlug selbstgefällig den Mantel um die Schultern, drückte den Hut in die Stirn und ging halblaut summend nach Hause.

Babara aber verbrachte eine schlaflose Nacht voll unruhiger Gedanken. Und als der Morgen kam und alles noch in Schlaf versunken lag, schlich sie hinaus nach dem Dom, mit Blumen für die Madonna, und kniete da lange inbrünstig betend und in Betrachtung des Meisterwerks von Correggio versunken.

4

Sie machte so schnelle Fortschritte, daß er nicht aus dem Staunen herauskam. Sie bewältigte alles spielend leicht. -- Es gab für sie keine Schwierigkeiten! Ihr Körper, elastisch wie eine Stahlfeder, war von der höchsten Harmonie der Formen, der größten Ausgeglichenheit der Glieder und einer fabelhaften Leichtigkeit der Bewegung. Der Tanz auf den Fußspitzen machte ihr gar keine Schwierigkeiten. In Sprüngen hatte sie nicht ihresgleichen. Sie hatte Rasse, Temperament und einen sprudelnden Humor, der sie für die burlesken Tänze ebenso geeignet machte wie für die seriösen. Aber bei allem Tempo und allem Übermut war über dem Ganzen doch eine Keuschheit und eine Unberührtheit, als tanze sie im Traum.

Es wurde bald Zeit, sie ins wache Leben zu führen, ihr die Schleier von den Augen zu reißen. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, jeden Morgen vor Beginn der Probe in den Dom zu gehen. Es zog sie immer wieder hin. Es war ihr, als hole sie sich von dort die rechte Weihe und die Sicherheit, der sie bedurfte, um, ohne nach rechts und links zu sehen, vorwärts zum Ziel ihres Ehrgeizes zu kommen.

»Dir zu Ehren -- nur dir zu Ehren«, seufzte sie reuig, als ihr der Ehrgeiz zusetzte, und beugte ihr Köpfchen im Gebet. Und sie zwang sich mit Gewalt, an gar nichts als an ihre Pflicht zu denken! Keine Wünsche durften aufkommen, wie sehr das Leben ihren jungen Sinn auch lockte! Alles rang sie heldenmütig nieder, treu ihres Eides eingedenk!

Fossano sah es. Aber er sah auch, daß es nicht mehr lange so gehen durfte! Denn sonst wäre sie _=auch so=_ für die Kunst verloren! -- Sonst würde ihr eines Tages klar werden, daß ihre Kunst eben die Kunst der höchsten Sinnenlust und also verwerflich wäre! Und eine Heilige zu züchten, lag ihrem Lehrmeister ganz fern!

Eines Tages holte er sie aus dem Dom zur Tanzstunde ab. Er fand sie unter der Kuppel wie das erstemal, verzückt in den offenen Himmel Correggios schauend.

»Weißt du noch, Baberina, wie du mir das erstemal, als wir uns hier trafen, davonliefst?«

Sie nickte.

»Hinauf zu wollen und hier unten bleiben zu müssen -- -- das ist der Tanz! So sagte ich dir damals -- und versprach, dich durch die Kunst damit zu versöhnen! Ich wollte dir die Welt in ihrer ganzen Schönheit zeigen und sie dir erringen helfen! Weißt du noch?«

Sie nickte wieder, ohne ihren Blick von ihm zu wenden.

»Jetzt ist's Zeit für mich, mein Versprechen zu halten! Jetzt ist dein Wille _=hinauf=_ stark genug, um nicht im Rausch des Lebens verlorenzugehen! -- Jetzt wirst du dich mit der Welt aussöhnen, in der du doch leben mußt -- sie in Besitz nehmen und über sie gebieten!«

»Ich versteh nicht!«

»Du bist eben noch blind! Ich will dich sehend machen! Was siehst du da oben? -- Die Befreiung -- nicht wahr?«

»Ja.«

»Aber auch die Gefangenschaft ist da! Und die siehst du nicht.«

»Nein.«

»Sie ist aber da. Und du siehst sie nicht, weil du immer noch Psyche bist, von deiner unbewußten Sehnsucht gehoben -- ebenso gefangen wie sie, _=aber ohne es zu wissen=_. Werde wissend -- werde Maria! Tauche unter ins Leid! Nimm das Märtyrertum des Weibes auf dich! Steig hinab in die Welt der Sinne, aber _=ohne dich selbst zu verlieren=_! Tauche unter in Lust, aber ohne die Reinheit einzubüßen! Töte das Fleisch ab, _=indem du es befriedigst=_! Blicke nur nach oben, aber _=lebe=_ hier unten, solange du lebst! Sieh, da oben, wie hat er -- Meister Correggio -- da das Fleisch in seiner ganzen göttlichen Majestät zu schildern gewußt, von Sehnsucht nach Liebe verklärt! -- Sieh all die schönen Körper, wie sie sich umschlingen -- wie sie drängen -- wie sie sich gegenseitig heben -- und hinabziehen im ewigen Kampf, im ewigen Spiel der höchsten Lust! Es ist ein Ringen, ein Drängen, ein gemeinsames Aufgehen der Körper in Wolken, ein Auflösen der Wolken in Licht! Der Kampf mit der Erdenschwere wird da ausgefochten! Ohne den gibt's keine Bewegung! Ohne Bewegung keine Freiheit, und deshalb zeigt jene Gestalt, die in der Mitte als Wegweiser schwebt, wohl den Weg nach oben, drängt aber nach unten! -- Denn nur der Geist kann hinauf! Der Leib darf nicht mit! -- Er muß erst im Sturme der Leidenschaft vergehen -- im Tanze der Lebenslust sich befreien -- im Fegefeuer der Passionen geläutert werden -- --«

»Hör auf«, rief sie und hielt sich die Ohren zu, »fälsche mir nicht das Heiligste, was ich habe! -- Laß es mir so, wie ich's immer gesehen habe! -- -- Ich will nicht -- will nicht mit deinen Augen sehen!«

»Mit _=deinen=_, aber nach _=meiner=_ Art«, antwortete er. »Denn die ist die wahre, weil ich die Erfahrung habe und das Leben kenne -- das Leben, das auch du zu leben hast!«

»Ich will nicht -- ich will nicht«, schrie sie und wollte ihm wieder entlaufen.

Er hatte es aber erwartet und hielt sie fest.

»Jetzt läufst du mir nicht davon«, lachte er, »jetzt halte ich dich. Komm, gehen wir an die Arbeit! Heute wirst du wieder die Psyche studieren -- den zweiten Teil ihrer Sage wollen wir jetzt inszenieren -- wo sie allmählich sehend und wissend wird!«

Und er zog sie mit aus der Kirche und führte sie am Arm nach dem Theater hin.

Unterwegs erzählte er ihr die Geschichte Psyches, wie er sie weiter zu gestalten dachte -- wie sie, allmählich durch Leiden zur Einkehr gebracht, sich ihres eigenen Wesens bewußt wird und so Tatkraft gewinnt -- wie sie durch Beharrlichkeit und vertrauensvolle Demut das Unmögliche möglich macht, jede, auch die schwerste Prüfung besteht, vergebens an das Mitleid der göttlichen Mächte sich wendet, sich selbst überlassen, ihr Leid auf sich nimmt und mit ihrem Schicksal ringt, wie sie endlich geläutert und verklärt in den Kreis der ewigen Götter aufgenommen wird und an deren heiterem Leben teilnehmen darf. Und schließlich, wie sie selbst Göttin und Mutter wird, nachdem sie würdig befunden wurde, dem Gott der Liebe Gattin zu sein!

»Die Sehnsucht -- der ewig unbefriedigte Trieb über sich selbst hinaus -- _=Psyche=_, die so die Liebe beseelt und belebt, gebiert dann -- die _=Wollust=_, die höchste Blume des Lebens! Denn Wollust nannten die Götter ihr Kind, das sie dem Amor gebar! Die Wollust ist nichts Irdisches! -- Die Wollust ist etwas, was nur in der Phantasie lebt! -- Der höchste Rausch des Geistes, das letzte Mysterium der Berufenen! Nur die Frau, die sich jenem holden Wahn ganz hinzugeben versteht und in der Hingabe ganz aufgeht, nur _=die=_ ist wert, als segenspendende Priesterin hier im Leben zu walten, über dem Leben zu stehen und vor allen anderen geehrt zu werden.

Bloß geben, ohne an den Empfänger zu denken -- so gibst du allen, weil du dich keinem weihst. Und entweihst die Gabe nicht durch selbstsüchtigen Vorbehalt. Opfern in tiefster vollster Bedeutung der Tat -- ganz und ohne Nebengedanken im Opfern aufgehen, das ist die Gottheit Psyches!«

So drang er Schritt für Schritt in die Unberührtheit ihrer Seele ein und wühlte sie auf. Fliegenden Atems hörte sie zu. Die Augen halb geschlossen, ging sie an seiner Seite und sog Wort für Wort ein, ohne den Sinn noch ganz zu fassen, aber ihm mit ihrer Ahnung entgegenschwellend, bis die Spannung ganz unleidlich wurde und alles in ihr nach Erlösung drängte.

Da zur rechten Zeit hörte er auf und fing an, nachdem er die Grundstimmung gegeben hatte, Szene für Szene den Leidensweg der Psyche zu schildern, und wie er ihn darstellen wollte -- wie sie zu Pan kommt -- wie sie in den Tempel der Ceres, der Göttin der Fruchtbarkeit, flüchtet und, von dort vertrieben, in den Tempel Heras, der Göttin der Ehe -- wie sie, von dort vertrieben, in die Hände der rachsüchtigen Göttin Venus fällt, von ihr und ihren Helfershelferinnen: »Angst und Verlassenheit« durch den Schmutz geschleift, geschlagen und geschunden wird, und wie sie doch ihre Liebe zu Amor rein im Herzen behält und, aller Erniedrigung zum Trotz, ihrem hehren Ideal treu bleibt und endlich als Lohn ihrer Treue gegen sich selbst unter die ewigen Götter aufgenommen wird.

So wurde bei seiner Erzählung das Wort zum greifbaren Bild -- die Empfindung zum wirklichen Geschehnis -- immer näher brachte er sie dem Kern der Sache, immer klarer begann sie zu sehen, und doch war da ein Letztes, das ihr verschlossen blieb. Da konnte ihr nur noch _=ein Erlebnis=_ helfen, da nützte keine noch so geschickte Erklärung.

Und das Erlebnis kam.

»Die letzte Szene wollen wir heute einstudieren, die Szene, wo Psyche, in den Kreis der Götter hineingeführt, ihnen den Tanz der Schleier tanzt, den letzten verhüllenden Erdenrest abstreift, um im Glanz ihrer Schönheit und Anmut zu siegen und sich die Gottheit zu erobern. Denn darauf kommt es an. Kannst du das bewältigen, dann wirst du mir helfen, die Sage der Psyche zu gestalten, und dann wird dein Triumph tausendmal größer werden als beim ersten Teil.«

Im Probesaal des Theaters angelangt, fing er gleich an mit ihr zu arbeiten, und er brauchte sich nicht viel Mühe zu geben.

Wie sie da, tief in Schleier gehüllt, die Arme über der Brust gekreuzt, den Kopf leicht geneigt und ehrerbietig grüßend, in den Kreis hineinschreitet, stehenbleibt und, zaghaft beschämt, kaum ihr liebliches Gesichtchen zu entschleiern wagt -- wie sie, erstarrt über den Glanz, stehenbleibt -- wie von der Musik gestreichelt die Starrheit sich löst -- die Glieder sich recken, dem ganzen Leib so allmählich Bewegung einflößend -- das zaghafte Schreiten -- das scheue Zurückweichen, das allmählich in rhythmisch bewegte Biegungen und Drehungen übergeht -- und dann ein Vorwärtsstürmen, daß der, die ganze Gestalt bis jetzt verhüllende, erste Schleier sich löst -- davonflattert und liegenbleibt -- das Zusammenraffen des zweiten Schleiers, das allmählich einsetzende neckische Spiel damit, bis er auch halb zufällig, halb absichtlich fällt und noch mehr enthüllt -- -- die mit der allmählichen Befreiung immer schneller werdenden Rhythmen, das Umherwirbeln im aufjauchzenden Gefühl, das jähe Abwerfen des einen Schleiers nach dem andern -- bis der letzte fiel -- das kam alles heraus mit einer ungezwungenen Natürlichkeit, mit einer Naivität, die ihn entzückte -- bis eben der letzte Schleier fiel. Dann war's aus -- dann war sie wieder die kleine Baberina, die in ihrem kurzen Tanzrock vor ihm stand und ihn fragend anblickte. Und er ließ sie nicht auf Antwort warten.

»Was fühltest du, als der letzte Schleier fiel?« rief er aufgeregt.

»Ich weiß nicht!«

»Fühltest du nicht, daß du nackt warst?«

»Nein«, sagte sie kopfschüttelnd und blickte ihn fragend an. Wie kam er nur darauf?

»Das mußt du aber -- darauf zielt der ganze Tanz -- -- das hast du auch ausgezeichnet angedeutet und vorbereitet. Du mußt dich nackt fühlen!«

»Aber ich bin's ja nicht!«

Er lachte auf.

»Das ist es eben. Du mußt dann jenen Tanz -- _=nackt=_ vor mir tanzen!«

Sie wich zurück und erhob die Hände zur Abwehr.