Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen

Part 25

Chapter 253,624 wordsPublic domain

Er nahm Keyserlingk unter den Arm und ging mit ihm zu Fuß nach der Oper, von wo er, nachdem er sich gezeigt hatte, unbemerkt fortgegangen war, um seinen kranken Freund zu besuchen.

In seinem kleinen Salon hinter der Proszeniumsloge angekommen, legte er Domino und Maske an. Keyserlingk folgte dem Beispiel, und sie mischten sich unter die Schar der Tanzenden, die das Parkett und die Szene füllten.

Das Menuett hatte eben begonnen. In feierlich graziösem Reigen wogte die Menge hin und her.

Auf einer Erhöhung stand eine glänzende Gesellschaft und sah sich das Treiben an. Eine Menge von eleganten Masken umdrängte eine reich kostümierte, mit kostbaren Brillanten geschmückte Hirtin, in der unschwer die gefeierte Königin des Balles, die Barberina, zu erkennen war.

Friedrich, von Keyserlingk begleitet, näherte sich der Gruppe. Da trat aus der Menge eine in einen schwarzen Domino gehüllte Gestalt vor und richtete in reinstem Italienisch einige Worte an Barberina. Sie stutzte, blickte ihn scharf an, zögerte einen Augenblick, reichte ihm dann aber die Hand und trat zum Menuett mit ihm an. Die Menge machte Platz und hielt im Tanzen inne, um Barberina zuzusehen, denn ein jeder erkannte sie. Die kleine Halbmaske verbarg nur Stirn und Augen.

Noch niemals hatte Friedrich sie so tanzen sehen. Ein Feuer war auf einmal über sie gekommen, ein Schwung der Linien, eine Poesie des Ausdrucks! Der halboffene Mund atmete lauter Hingabe -- sie schien von einem fremden Willen getrieben, von dem sie die Bewegung empfing! Nicht auf dem Maskenball in der Oper tanzte sie -- fern, in einer anderen Welt, die ihre Phantasie erschlossen, schwebte sie -- eine Elfe, ein Wesen aus Mondschein und Nebel, flatterte sie über feuchtgrüne Wiesen hin -- leicht, luftig, kaum noch imstande, mit dem Druck ihres Fußes einen Grashalm zu biegen!

»So ist's recht, Psyche!« sagte die Maske plötzlich mitten im Tanze und lachte kurz auf. »Nun laß noch den letzten Schleier fallen!«

Mit einem Ruck blieb sie stehen und griff sich keuchend an die Brust. Dann, schnell wie der Blitz, streckte sie die Hand aus und versuchte ihrem Partner die Maske vom Gesicht zu reißen. Er aber war schneller als sie, er entrann dem Griff und verschwand schnell in der Menge, die sie jetzt aufgeregt umwogte.

Friedrich aber verlor ihn nicht aus den Augen.

»Wir wollen uns jenen Zauberer näher ansehen!« sagte er und zeigte ihn Keyserlingk. »Nimm du ihn fest, aber möglichst unbemerkt, und bring ihn in unsere Loge!«

Keyserlingk winkte einigen maskierten Dienern, die dem König in respektvoller Ferne folgten, drang, von ihnen begleitet, zu dem Unbekannten vor, der sich jetzt unbemerkt glaubte und an der Brüstung einer Loge lehnte. Sie nahmen ihn, wie zum Scherz, in ihre Mitte und drängten ihn nach der Tür der königlichen Loge, die aufging und sich dann sogleich hinter ihnen schloß.

Friedrich wollte zu Barberina -- aber er kam nicht rasch genug durch die aufgeregte Menge. Ehe er bis zu ihr gelangte, sah er, wie sie den Arm einer Maske nahm, in der er unschwer Rothenburg erkannte, und, auf ihn gestützt, den Saal verließ, um sich nach ihrer Garderobe zu begeben.

Er wartete noch die Rückkehr Rothenburgs ab und ließ ihn dann zu sich befehlen.

»Nichts Schlimmes!« antwortete Rothenburg auf die Frage des Königs nach ihrem Befinden. »Sie wird bald wieder erscheinen!«

»Was hat sie denn so aufgeregt?«

»Wohl weiter nichts als einer der üblichen Maskenscherze! Eine Mystifikation, der sie zum Opfer fiel!«

»Erkläre dich näher!«

»Wir standen im heiteren Gespräch mit ihr und belustigten uns über die grotesken Krummsprünge der Masken. Da trat ein Domino an sie heran und bekomplimentierte sie im reinsten Italienisch für ihren schönen Schmuck! >Wären Sie aber auch vom Scheitel bis zur Sohle mit Brillanten bedeckt, Mademoiselle -- so könnten Sie meine Blicke doch nicht blenden, daß ich nicht imstande wäre, Ihren allerschönsten Schmuck zu sehen, den Sie darunter verbergen!< -- >Welchen Schmuck?< fragte sie. >Den einzigen, den Sie -- in Fontainebleau als Venus trugen!<«

Friedrich lachte.

»Wir kennen die Geschichte jenes Leberfleckens! Unser braver Chambrier versäumt es niemals, uns von derartigen weltbewegenden Begebenheiten zu berichten!«

»Ein Schönheitspflästerchen war's nur! -=Parole d'honneur!=-« rief Rothenburg schnell!

»Du wirst es am Ende wissen!« antwortete Friedrich ruhig. »Und sie -- wie nahm sie jene delikate Anspielung auf?«

»Sie blickte den Fremden stechend an. -- >Die Stimme kenne ich!< rief sie, >wer sind Sie?< -- >Wenn Mademoiselle mir die Ehre eines Tanzes geben wollen, werden Sie's wissen!< lachte er. Kurz entschlossen nahm sie seine Hand. Das Weitere haben Eure Majestät gesehen!«

»Wir werden bald zur Demaskierung blasen lassen«, sagte der König. »Dann wird sich das Geheimnis aufklären. Geh zu ihr, sag ihr das von mir. Und auch, daß ich sie bitten lasse, nach dem Ball mit mir zu soupieren!«

Rothenburg ging, und der König begab sich nach seiner Loge.

Im kleinen Salon erwarteten ihn Keyserlingk und sein Gefangener, immer noch maskiert. Friedrich legte Maske und Domino ab und nahm in dem Sofa Platz.

»Wir haben Sie kommen lassen, um Sie zu bitten, uns aufzuklären«, sagte er, sich an die Maske wendend: »Wir bekomplimentieren Sie übrigens! Sie tanzen ganz ausgezeichnet! Und -- noch mehr -- Sie verstehen es exzellent, Ihre Partnerin in den Rausch der Rhythmen zu versetzen, ohne den der Tanz kein Tanz ist!«

»Eure Majestät überschätzen meine Wenigkeit! Die Signorina Barberina ist eine der ersten Künstlerinnen unserer Zeit!«

»Ohne Zweifel! Sie hat viel Charme, eine unnachahmliche Grazie, viel Kunstfertigkeit -- das geben wir zu! Ihr Tanz hat aber etwas Kaltes, Kühles, Überlegenes -- in jeder Beziehung vollendet, aber stets ihrem Willen untertan! So eruptiv -- so in Ekstase sahen wir sie -- seit ihrem ersten Auftreten nicht!«

»Majestät -- wenn's so ist, dann muß auch ich selbst annehmen, einigen Einfluß auf sie ausgeübt zu haben! Ich war selbst in Ekstase -- war selbst von ihr berauscht!«

»Ich kenne wenige, die das nicht wären«, sagte der König langsam, »aber keinen einzigen, dem es gelungen wäre, sie aus ihrer Reserve herauszuholen! Wie haben Sie das bewirkt?«

»Die Erklärung ist nur bei ihr zu finden! Sie ist eine Frau im vollsten Sinne des Wortes! Und eine Frau -- wenn sie wirklich eine ist -- öffnet ihre Seele nur dem einen Auserwählten, der von der Natur für sie bestimmt ist!«

»Wenn sie eine Frau ist?«

»Ja. _=Ehe=_ sie aber eine wird und vollbewußt als Frau empfindet -- dann _=vielleicht=_ öffnet sich die Knospe ihrer Seele dem _=ersten=_, der es versteht, sie mit der Wärme des Lebens anzuhauchen!«

Friedrich schwieg. Einen Augenblick hielt er die Hand vor die Augen.

»Pygmalion!« flüsterte er leise vor sich hin. »Am Ende habe ich da den Pygmalion gefunden, der imstande wäre, meiner steinernen Galathée Leben einzuhauchen!«

Er blickte rasch auf.

»Wir sind weit entfernt«, sagte er, »die Gesetze des Mummenschanzes aufheben zu wollen, obwohl wir uns in unserem eigenen Hause befinden. Noch ist die Demaskierung nicht geboten! Wenn es Ihnen gefällt, bitten wir Sie jedoch, die Maske abzunehmen!«

Der Fremde gehorchte, und Friedrich blickte in ein unbekanntes Gesicht. Er stand auf.

»Wer sind Sie? Ihr Name?«

»Fossano!«

Friedrich blieb vor ihm stehen und blickte ihn scharf an.

»Unser Gesandter in London hat uns den Namen genannt! Sind Sie jener Chevalier Fossano -- jener Spielbankhalter -- jener ehemalige Tänzer, der uns seine Dienste angeboten hat, nur um uns an der Nase herumzuführen?! Sie haben noch die Dreistigkeit, uns unter die Augen zu treten?!«

»Ich bitte Eure Majestät, Gnade walten zu lassen! Jener Brief schien mir zu kostbar, um ihn in eine dritte Hand zu geben! Ich bin gekommen, um ihn selbst Eurer Majestät zu Füßen zu legen!«

Er zog ein zusammengefaltenes Billett hervor.

»Geben Sie her!«

Fossano überreichte den Brief. Friedrich öffnete ihn und erkannte die Handschrift des Grafen Brühl.

»-=Très bien!=-« sagte er. »Es ist vielleicht besser so! Geben Sie Ihre Wohnung an! Mein Schatzmeister wird Ihnen eine angemessene Belohnung auszahlen!«

»Ich danke alleruntertänigst für die große Gnade! Ich muß es aber ablehnen, Geld anzunehmen für etwas, was ich aus Ergebenheit für Eure Majestät getan habe!«

Friedrich blickte ihn an.

»-=Eh bien!=-« sagte er kurz. »Wir lassen uns aber nichts schenken! Wenn Sie nicht Geld wollen -- so bitten Sie sich eine andere Gnade aus!«

»So bitte ich alleruntertänigst darum, an der Oper in Berlin tanzen zu dürfen!«

Friedrich lachte kurz auf.

»Wir glauben schon«, sagte er, »daß Sie in unserem -=Corps de ballet=- Ihren Mann stellen würden! Wenn Sie aber auch die Gabe haben, die Tänzerinnen derartig in Aufregung zu versetzen, wie wir es heute gesehen haben, so sind wir nicht sicher, daß die Damen nicht plötzlich fahnenflüchtig werden! Und das wollen wir vermeiden! Nach Ihrer eigenen Erklärung des soeben Geschehenen müssen wir annehmen, daß Sie im Leben der Dame Barberina entweder die Rolle des >Auserwählten<, wie Sie sagen -- oder die des >Ersten< gespielt haben. Und auch, daß Ihre Rolle in diesem Sinne beendigt ist! Denn sonst -- wenn es ihr angenehm wäre, wären Sie wohl längst hier?«

»Eure Majestät haben nicht so unrecht!«

»Wollen Sie uns also über jene Beziehungen näher aufklären?«

»Gern!«

Und Fossano erzählte, wie er sie gefunden und unterrichtet, wie er sie in die Welt eingeführt hatte -- er erzählte von Psyche, Hebe, Venus und all den anderen Etappen ihrer Karriere. Und Friedrich, in die Ecke seines Sofas zurückgelehnt, lauschte gespannt, und lachte nur dann und wann kurz vor sich hin.

»-=Eh bien!=-« sagte er dann, als Fossano geendet hatte. »Sie sind das, was wir suchen! Wir wollen Sie engagieren -- aber für die Oper in Dresden!«

Fossano blickte ihn erstaunt an.

»Gehen Sie nach Dresden, melden Sie sich beim schwedischen Gesandten am dortigen Hofe, Wulffenstjerna! Wir wollen ihn benachrichtigen. Er wird das Weitere veranlassen! Suchen Sie das Vertrauen Brühls zu gewinnen, schimpfen Sie auf uns! Wir pardonieren Sie im voraus -- nehmen Sie nur kein Blatt vor den Mund! Wenn Sie sich als der verschmähte Geliebte Barberinas ausgeben, wird er Ihnen Glauben schenken! Spielen Sie Ihre Rolle gut. Bedienen Sie uns mit Fleiß. Wir wollen alles wissen. Halten Sie sich dann bereit, hier an unserer Oper zu tanzen, wenn wir Sie rufen lassen! Aber kein Wort davon im voraus! Ihr Auftreten hier behalten wir uns vor -- als Surprise!«

Fossano verbeugte sich.

»Ich stehe Euer Majestät zu Diensten und werde mich bemühen, das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen!«

»Wir glauben es! Reisen Sie also morgen früh nach Dresden. Zeigen Sie sich heute nicht mehr auf dem Ball!« Er lachte kurz auf. »Apropos!« sagte er. »Da Sie doch nach Hause gehen, brauchen Sie Ihren Domino nicht mehr! Sie können ihn hier lassen!«

Fossano blickte Friedrich verständnisvoll lächelnd an, legte dann Domino und Maske auf das Sofa, küßte ehrerbietig die ihm gnädigst gereichte Hand des Königs, empfahl sich und ging.

Draußen im Saal wogte das Treiben der Masken hin und her. Der Trubel hatte seinen Höhepunkt erreicht.

Da auf einmal schmetterten die Trompeten eine Fanfare, die Masken drängten sich nach der königlichen Loge, vor der sie sich in einem Halbzirkel aufstellten.

Allen voran, am Arm des Grafen Rothenburg und von unzähligen Verehrern umschwärmt, die Barberina.

An der Brüstung der königlichen Loge erschien Friedrich, unmaskiert -- an seiner Seite jener schwarze Domino, der mit Barberina getanzt hatte.

Auf einen Wink des Königs schmetterten die Trompeten noch einmal, und sämtliche Masken fielen -- auch die des schwarzen Dominos an seiner Seite.

»Keyserlingk!« rief die Barberina enttäuscht und blickte zu dem pausbäckigen, lebenslustigen Grafen hinauf, dessen Augen ihr lustig entgegenlachten. »_=Er=_ war's? -- Nicht möglich!«

Und sie wollte sich nicht davon überzeugen lassen, so viel Mühe Rothenburg sich auch gab, als er sie langsam durch das Gedränge führte, um sie nach dem Speisesaal des Königs zu begleiten, wo das Souper sie erwartete.

Friedrich aber war sehr aufgeräumt und gab Keyserlingk den Auftrag, schon am nächsten Tage seinem Freund Jordan zu berichten, die schwerste Schlacht in dem zu eröffnenden Feldzuge wäre bereits halb gewonnen!

21

Hohenzollernwetter in Berlin! Strahlender Sonnenschein, kalte, klare Winterluft mit Frostkristallen und Rauhreif über Baumstämmen und Ästen -- einer der seltenen herrlichen Wintertage mit klarblauem Himmel und rosig-goldenen Wolken, mit weißem Schnee auf gefrorenem Boden, glitzernden Fensterscheiben und hastendem Hin und Her von aufgeräumten, lustig der Kälte trotzenden, siegesfrohen Menschen, die ihre Freude austobten und vor Begeisterung aufjauchzten, weil sie endlich den schweren Alp los waren, der seit Beginn des nun über ein Jahr dauernden Krieges auf den Gemütern gelastet hatte.

Der Sieg war da! Und heute hielt er seinen feierlichen Einzug in Berlin.

Alles, was Leben und Atem hatte, jung und alt, drängte sich auf den »Linden« zusammen, um den Einzug des Hofes zu sehen und den Siegern von Hohenfriedberg und Soor zuzujubeln.

Pomphaft nahte der Zug in der Mitte der Straße vom Brandenburger Tor her, dessen beide Zollhäuser mit Fahnen und Girlanden von Tannengrün geschmückt waren.

Zuerst die Eskorte -- Dragoner in glitzernden Kürassen auf prächtig aufgezäumten Pferden, die, wie heraldische Wappentiere aufgeputzt, stolz einherschritten und ihren heißen Atem mit Kraft in die kalte Luft bliesen, wo er gleich zu weißem Dunst wurde, der sich wollig weich seitwärts ringelte, den ganzen Zug von Rossen und Reitern mit einer einzigen, vorwärts gleitenden Wolke umschloß, aus der nur die Köpfe der Pferde, die bunt gestickten Schabracken und die darauf paradierenden Sieger emportauchten.

Hinter ihnen her die königlichen Karossen, mit Spitzenreitern und Läufern in prachtvollen Livreen -- die Pferde mit bunten Troddeln und silberbeschlagenem Geschirr geschmückt --, hinter den von goldenem Schnitzwerk eingefaßten Spiegelscheiben gepuderte, diademgeschmückte Köpfe, am Wagentritt Pagen in großer Gala und auf dem Brett zwischen den hoch geschwungenen Wagenfedern goldbetreßte Lakaien in königlichen Livreen!

Dann ein Wald von mächtig wallenden Fahnen, deren schwere, buntseidene Pracht sich majestätisch im Sonnenschein entfaltete und auf ihren Tüchern und Fahnenbändern, stolz flatternd, die Wappenzeichen der Besiegten zeigten -- die Ehrenzeichen der österreichischen und sächsischen Regimenter, im heldenhaften Kampf erbeutet und jetzt als Trophäen vom Sieger in seine Residenz eingebracht.

Und hinter ihnen, zu Pferde, an der Spitze einer glänzenden Schar von Generalen und Obersten, die kleine, jugendlich schlanke Gestalt des Königs in seinem blauen Uniformrock mit den roten Aufschlägen, den Stern auf der Brust, den Dreimaster auf dem hocherhobenen Kopf, die wundervollen, tiefen Augen strahlend vor Siegesglück! Immer wieder mußte er, mit dem Degen salutierend, für die begeisterten Zurufe der Menge danken, die sich in Huldigungen nicht genug tun konnte und ihren jugendlichen Helden stürmisch feierte -- ihren »alten Fritzen«, wie sie ihn schon mit dem ihm von seinen Kriegern beigelegten Ehrennamen liebkosend nannten.

Die Menge drängte sich dicht um sein Pferd -- allen voran die Straßenjungen, die ihre Mützen in die Luft warfen! »Hoch!« und »Hurra!« und »Vivat, Fritze!« schrien sie und sangen die Melodie mit, die er selbst gemacht hatte -- die die voranziehenden Trompeter in die Luft hinausschmetterten, und die fortan, für alle Zeiten, nach der schönsten Viktorie Fritzens benannt, die Preußen zum Siege führen sollte.

_=Hohenfriedberg=_ -- wundervolles Aufjauchzen jugendlichen Draufgängertums -- Frühlingssieg altpreußischen Heldentums -- unwiderstehliches Aufbäumen unbezwinglichen Kraftbewußtseins -- unverwelklicher Ruhmeskranz aufgehender Sonne, in den kurzen Stunden eines herrlichen Hochsommermorgens glorreich errungen! -- -- Wem schwillt nicht die Brust, wem klopfen die Pulse nicht höher -- wer wird nicht wieder jung bei den Gefühlen, die der bloße Klang deines stolzen Namens in der Brust eines jeden Deutschen wachruft! -- -- Da knüpfte sich für immer der Sieg an Preußens Fahnen -- da weihte der Herr der Schlachten Preußens Schwert zum steten unbeugsamen Kampf ums Dasein -- da stählte sich die Manneskraft zum Machtbewußtsein -- da keimte zuerst die Ahnung von der großen Aufgabe Preußens, zu einigen, zu reinigen, zu befreien -- da hob sich zuerst das Banner im vollen Siegesglanz, das einst das ganze Deutschtum zum Siege führen sollte!

In Nacht und Nebel, in Demütigung und Niederlagen, in tiefster Bedrängnis fremden Knechttums -- wo auch die Schicksalsschläge am schwersten fielen -- tief im innersten Herzenswinkel bliebst du als unentreißbarer Besitz -- als kostbares Juwel! Und wo die Töne deiner Jubelfanfaren schmetterten, da wallten wieder Siegesfahnen in den Lüften, und ihnen voran zog wieder der jugendliche Held, vorwärts zum Kampf, und der Wille zum Sieg war wieder wach, der Furor teutonischer Kraft unbezwingbar am Werke!

»Ich will meine Machtstellung behaupten oder untergehen und alles, selbst den Namen Preußen, mit ins Grab nehmen! -- -- Entweder ich werde keinen einzigen Mann nach Berlin zurückführen, oder wir werden Sieger sein!«

So schreibt nur, wer den festen Glauben an sein Glück und die Schwungkraft seines Genies hat, die Überlegenheit seiner Führung kennt und den unbeugsamen Mut seiner Krieger!

Der Sieg gab ihm recht.

Und als er da am schönen Novembertag an der Spitze seiner Helden in seines Reiches Hauptstadt einzog, wo er auch -- »wie sich's schickte« -- hatte »tedeumieren« lassen -- da mochten seine Gedanken wieder zurückeilen zu dem schönen Junimorgen am Striegauer Wasser, wo der Feind, trotz dem glänzenden Patrouillenritt Zietens und der dadurch bewirkten Wiedervereinigung des Heeres des Markgrafen Karl mit der Hauptarmee, ihn im Rückzug auf Breslau wähnte -- wo die feindlichen Führer ruhig auf dem Galgenberge bei Hohenfriedberg tafelten und Fritz wie ein losbrechendes Gewitter auf sie niedersauste, sie mit einer noch in der Entwicklung begriffenen Schlachtordnung angriff -- erst den rechten Flügel, dann das Zentrum, dann trotz schwierigen Flußübergängen im Kampfe auch den linken Flügel warf -- wo der in den Annalen des Krieges einzig dastehende Ritt der Bayreuther Dragoner unter Keßler Dutzende von Bataillonen wie eine Windsbraut vor sich herfegte, zusammenhieb und jene stolzen Siegeszeichen erbeutete, die ihm jetzt unter den Klängen des Hohenfriedberger Marsches voranflatterten bis ans Zeughaus, wo die Ruhmeszeichen von Fehrbellin auf sie warteten!

Dort wurde Halt geboten, zur Parade angetreten und dann die Trophäen am König vorbei, und von ihm, dem Hofe und der Suite gefolgt, in den Ehrenhof eingebracht.

Vor den Fahnen nahmen die Generale und Obersten Aufstellung, allen voran der alte Fürst von Anhalt-Dessau und der bravouröse Reiterführer und Günstling des Königs, Winterfeldt.

In kurzen, kernigen Worten dankte ihnen Friedrich, wies auf die Bedeutung des Tages hin, an dem die Trophäen erbeutet wurden, und auf den glorreichen Frieden, der mutmaßlich bald daraus resultieren würde! Und bestimmte, in welchen Kirchen die Siegeszeichen aufgehängt werden sollten.

Dann empfing er die Gratulationen der fremden Gesandten, auch Englands, das sich jetzt als Friedensvermittler hervortat, nachdem es sich nach Kräften bemüht hatte, vorher den Brand zu schüren, um auch so im trüben fischen zu können.

Den Gesandten Schwedens, Rudenskjöld, dem er besonders zugetan war, zog er dann in ein Gespräch, das sich zum Erstaunen der Anwesenden sehr in die Länge zog und, ohne Rücksicht auf Zeit und Ort und den wartenden Hof, immer eifriger und aufgeregter wurde.

Schließlich faßte ihn der König am Knopf seiner Weste und sagte so laut, daß alle es hören konnten:

»Die Kugel, die mich treffen soll, ist noch nicht gegossen! Er hat sich düpieren lassen! Und Sein Freund Wulffenstjerna auch!«

Er ließ ihn los, machte ein paar Schritte gegen das Gefolge, kehrte dann um und sagte noch halblaut zu Rudensköld:

»Ich will Ihm etwas sagen -- aber es bleibt unter uns: der Kerl, vor dem Er mich warnt, _=tanzt heute im Ballett mit=_! Will Er in meinem Gefolge sein, so kann Er sich die Pirouetten meines Quasimörders aus nächster Nähe mit ansehen! Für die politischen Nachrichten, die Er mir gab, danke ich Ihm -- wenn auch sie nicht sehr erfreulicher Natur waren!«

Darauf wandte er sich zu den Generalen.

»Messieurs!« sagte er laut. »Wir feiern hier Viktorien und gebärden uns, als wäre das Spiel schon gewonnen und weiter nichts zu tun, als die Friedenstraktate auszutauschen! Das ist ein Irrtum! Den Hauptschlag müssen wir noch führen, schnell und mit Wucht, sollen sich unsere Viktorien nicht in Niederlagen verwandeln! -- Wir bitten Euer Liebden«, fuhr er fort, sich an den Fürsten von Anhalt-Dessau wendend, »uns sofort ins Schloß zu folgen, um mit uns und unserem Staatsminister die zu ergreifenden Maßnahmen zu beraten! Messieurs --!«

Und er lüftete den Hut und begab sich, von der nächsten Umgebung gefolgt, nach dem Schloß.

Die Generale und Würdenträger sahen sich an! -- Die Mitteilungen, die der König vom schwedischen Gesandten empfangen hatte, waren also ernstester Natur! -- Und äußerst dringlich -- da er ganz gegen alle Gewohnheit eine Beratung zusammenberief! Er, der seine Pläne sonst stets selbst in größter Verschlossenheit auszuarbeiten und sie niemand anzuvertrauen pflegte, ehe die Ausführung heranreifte!

Im Schlosse ließ Friedrich noch vor der Tafel die beiden Herren und auch den Generaladjutanten Winterfeldt in sein Arbeitszimmer bitten.

Zuerst trat der »Alte Dessauer« ein. Beim ersten Blick auf die alte, knorrige Kerngestalt sah Friedrich, was ihm bevorstand, und bereute fast, ihn gerufen zu haben.

Der eigenwilligste Mensch in der ganzen preußischen Armee -- ein Querkopf und Rechthaber, auf langjährige Diensterfahrung pochend, auf alten, wohlerworbenen Kriegsruhm und unvergängliche Verdienste um die preußische Armee gestützt, neidisch auf die alles überstrahlende Glorie des Jüngeren und gekränkt durch -- wie er fand -- unverdiente Zurücksetzung!

Beim Vater des Königs von allmächtigem Einfluß, von Friedrich aber sofort beim Regierungsantritt auf den rein militärischen Dienst beschränkt und auch da kaltgestellt -- das waren Erfahrungen, die seines Erachtens in keinem Verhältnis zu seinen langen und treuen Diensten standen und die den Groll immer noch wachhielten! Der Erste Schlesische Krieg wurde unternommen, ohne ihn um Rat zu fragen oder seine Erfahrung in Anspruch zu nehmen! Der zweite ebenso! Und erst, als es schief ging, wurde er berufen, um alles wieder einzurenken! Und jetzt wollte man gar seinen so lange verschmähten Rat haben! -- Auf den Augenblick hatte er gewartet!

Er nahm stillschweigend den ihm gebotenen Sessel ein und wartete ohne ein Zeichen der Neugier ab, welche Mitteilungen der König ihm machen würde.

»Wir hätten Euer Liebden gern vergönnt, nach dem langen Feldzug Dero -=otium=- in Dessau zu pflegen! Noch vor Weihnachten werden wir aber Euer Durchlaucht Dienste wiederum in Anspruch nehmen müssen! Wir haben heute überraschend schlimme Kunde bekommen!«

Der alte Fürst räusperte sich, sagte aber nichts.

»Der schwedische Botschafter überbrachte uns heute Nachrichten -- --«

Da hakte der Alte Dessauer ein.

»Nachrichten, Majestät, sind für gewöhnlich wie Spatzen! Sie flattern hin, und sie flattern her und machen ein groß Geschrei! Gelingt es aber, eine zu packen, so ist meistens nicht viel daran! Mir schien die Jagd nach solchem Wild immer wenig lohnend!«

Der König richtete sich auf und blickte den Redner scharf an.

»Wenn wir aber trotzdem Euer Liebden dahin informieren, daß Sachsen und Österreich im Begriff sind, uns meuchlings zu überfallen und ihre Armeen über Nacht auf Berlin marschieren lassen werden -- --«