Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen
Part 24
»Mein lieber Zeremonienmeister«, sagte Friedrich, und es kam etwas Straffes in seine Haltung und Festigkeit in seinen Blick, »frage Er mich danach -- in der nächsten Schlacht, wenn die Kugeln uns um die Ohren pfeifen und _=nicht treffen=_! Wenn Er mich _=dann noch=_ fragt -- da werde ich Ihm auch zu antworten wissen!«
Es wurde still in der Runde. Aller Blicke senkten sich vor der Majestät, die aus den Worten sprach. Barberina wagte zuerst die Stille zu brechen.
»Und der Graf Rothenburg? -- Wenn Sankt Peter nach seinen Meriten fragt -- was werden Sie sagen?«
Pöllnitz lachte boshaft auf.
»Da habe ich gar keine Angst! Wenn auch der Torhüter des Himmels beim Lesen des Namens Rothenburg seinen silbernen Bart schüttelt und mich unter buschigen Brauen barsch anglotzt und sagt: >Wie? Dieser Sybarit -- dieser lockere Gesell bemüht sich auch um Eintritt? Ich sah ihn noch nie auf dem schmalen Pfad der Tugend!< -- >Exzellenz<, werde ich sagen, >der Graf hat sich zwar in Worten mit seinem Unglauben gebrüstet, aber nur weil es Mode war! Seine eigene Tugend hat er stets so gut zu verbergen gesucht, daß kein Mensch sie je in Gefahr bringen konnte! Sein Leben lang lag er stets in inbrünstiger Anbetung auf den Knien. Aus ganzer Seele verehrte er die Schönheit, die Anmut und den Geist, die der Schöpfer in das Vollkommenste seiner Schöpfungen niederlegte! Stets machte er die schönsten der Frauen zu Altären seines Gottesdienstes! Sein Gebet war Poesie -- seine Beichte atmete beseligende Liebe. -- -- Ehren, Auszeichnungen, Reichtum -- allem entsagte er und legte es den Frauen zu Füßen! Gesundheit, Leben -- alles opferte er ihnen in zahllosen Duellen, und was hatte er davon? Undank, Neid, Verleumdung, die grausamsten Qualen der Eifersucht! -- Kein Heiliger war öfter in Versuchung als er! Kein Heiliger wurde je so schwer geplagt -- kein Heiliger fiel öfter als er -- und lernte die Sünde so gut aus eigener Erfahrung kennen!< -- >Laß den braven Mann eintreten!< wird Petrus sagen. >Als abschreckendes Beispiel -- als bußfertiger Schlemmer -- als Prediger für die Wüstlinge wird er das rechte Wort zu finden wissen!<«
»Fürwahr!« lachte Rothenburg, »wenn ich mit Sicherheit darauf rechnen dürfte, daß Pöllnitz mir als Fürsprecher dienen würde -- mir wäre es um die Seligkeit nicht bange! Denn er hat mehr und bessere Ausreden als tausend Priester! Ich befürchte aber, daß er seine Gewandtheit in höfischen Künsten mitsamt seiner übrigen Leiblichkeit hienieden lassen wird, um im Stande der Unschuld da oben zu erscheinen!«
»Da wird nicht viel von ihm übrigbleiben!« lachte Friedrich.
»Er wird jedenfalls so viel Geist damit verbrauchen müssen, uns andere hineinzuschmuggeln, daß er selbst nachher dumm draußen stehen muß!« sagte Jordan.
»Mit Ihnen werde ich nicht viel Mühe haben, Jordan!« rief Pöllnitz. »Bei Ihnen wird der Hinweis genügen, daß Sie Pastor waren und aufhörten es zu sein! Die Tatsache, daß Sie schon bei Lebzeiten aufhörten, mit dunklen Rätseln die Geister hienieden zu verwirren und so, wenn auch negativ, zur Aufklärung beitrugen, wird beredter für Sie sprechen als ich! Und wenn das nicht genügen sollte -- ich brauchte bloß darauf hinzuweisen, daß Sie sich bei jedem Gewitter bekreuzigen und Ihre lästerlichen Reden bei Tag durch allabendliche Gebete vor dem Zubettegehen wieder gutmachen! -- Mit Ihnen werde ich es also leicht haben! Weit mehr Sorge macht es mir, wie ich einen anderen, der hier nicht anwesend ist, hineinbringe, denn er wird sicherlich zunächst dem Könige auf meiner Liste stehen! Ich meine Voltaire! Ich wüßte nicht, was ich Gutes über ihn vorbringen könnte!«
»Da wäre ich auch in Verlegenheit!« sagte Barberina, die auf die in den Augen des Königs alles überragende Bedeutung Voltaires auch eifersüchtig war. »Was würden Sie zum Beispiel antworten, wenn Petrus Ihnen vorhielte, daß er durch Sklavenhandel Reichtümer sammelte?«
»Ich will Ihnen helfen, Pöllnitz«, rief Rothenburg.
»Ach bitte, tun Sie das!«
»Sagen Sie nur: wenn er sich mit Sklavenhandel befaßte, so tat er's nur, um das Leben in seiner grausamsten und scheußlichsten Form kennenzulernen. Denn das _=mußte=_ er als Sittenschilderer! Und wenn er dadurch Reichtümer sammelte, so tat er's -- um frei und unabhängig zu werden! -- Denn nur als freier Mann wird er sich den Luxus leisten können, für die Rechte des Menschen einzutreten und aufklärend zu wirken!«
»Wenn aber Petrus mir dann vorhält, Voltaire hätte das Heiligste verspottet, da er sagte: >Wenn jener Jude mit seinen zwölf Aposteln die christliche Religion zu stiften vermochte -- warum sollten nicht _=ich=_ und zwölf ebenso gescheite Leute eine weit bessere Religion machen können?< -- Denn das hat er gesagt!«
»Er hat aber keine gemacht!« sagte Friedrich ruhig. »Und wenn Sie darauf hinweisen, wird es genügen! Denn schon die Tatsache, daß er der Welt _=nicht=_ noch eine neue Religion bescherte, ist ein so ungeheures Verdienst um den Frieden auf Erden, daß das allein da oben all seiner Bosheit und seinem Spott zur Entschuldigung dienen würde!«
»Sire, wenn Eure Majestät da oben so gut Bescheid wissen -- dürfte ich dann alleruntertänigst bitten, mir gnädigst zu sagen, unter welchem Vorwand ich selbst hineingelangen würde?« fragte Pöllnitz. »Ohne allerhöchst Dero Protektion geht's sicherlich nicht! Es gibt wohl keinen Erdenwurm, der so viel Pech hat, wie ich -- -- keinen, dem so viel Schlechtes nachgesagt wird! Wenn ich mit all dieser Sündenlast da oben ankomme -- und überdies noch für Eure Majestät und die gesamte Suite von Philosophen aufkommen muß -- dann wird man mir zu guter Letzt sagen: >Pöllnitz, in die Hölle mit dir! -- Du verseuchst uns den Himmel mit all den Freigeistern! Wenn unsere Leute hier oben zu viel Aufklärung erhalten, dann glauben sie nichts mehr, dann werden sie zu gescheit -- dann werden sie sagen, die Seligkeit hier oben _=ist=_ keine Seligkeit, und was weiß ich noch!«
»Sei Er unbesorgt, lieber Pöllnitz!« sagte Friedrich und leerte sein Glas. »Dann wird Seine Flatterhaftigkeit und Sein loses Maul da oben erst recht als Kontrast gebraucht, um das Gleichgewicht gegen uns andere herzustellen. Und wenn Er wirklich all die Schlechtigkeit mit heranschleppen würde, die man Ihm, mit Recht oder mit Unrecht, hienieden nachsagt, und alle die Flüche, die Er in dem langen Lotterleben auf Seinem sündigen Haupt angesammelt hat -- dann wird der Herrgott, _=sofern=_ ich _=ihn kenne=_, laut auflachen und sagen: >Geh, Pöllnitz, Er ist ein Schaf! Tret Er her und stelle Er sich zu meiner Rechten!<«
Worauf er Barberina die Hand küßte, aufstand, den Hut lüftete und ging, wie er gekommen war, von Jordan gefolgt und von Rothenburg unter vielen tausend alleruntertänigsten Komplimenten bis an den Wagen geleitet.
20
Das Opernhaus lag hell erleuchtet da, dicht umstanden von glänzenden Equipagen, Dienern mit lodernden Fackeln und Hunderten von Neugierigen, die der Winterkälte trotzten, um etwas von dem Glanz und der Pracht zu sehen.
Der König war nach sechsmonatigem Aufenthalt im Felde wieder nach Berlin zurückgekehrt und hatte einen Maskenball ansagen lassen. Und alle, die irgendwie berechtigt waren, zugelassen zu werden, drängten sich, ihn zu sehen und am Feste teilzunehmen.
Die Auffahrt des Hofes war beendigt, der Ball in vollem Gange. Da trat aus einer Tür der dem Schlosse zugewandten Seite des Hauses eine Gestalt heraus, den Hut tief in die Stirn gedrückt, den weiten Mantel dicht zusammengezogen, drängte sich schnell durch die Schar der Gaffer und entfernte sich nach dem Schlosse zu. Über die lange Brücke ging ihr Weg und dann am Ufer des Flusses entlang, an dessen anderer Seite die riesige Silhouette der Hohenzollernburg hoch zum Nachthimmel ragte.
Kein Licht war im ganzen Hause zu sehen, außer in der offenen Wasserpforte, durch die dunkle Schatten heraus und hinein huschten, schwere, verhüllte Gegenstände trugen und sie auf einen langen Spreekahn verluden.
Der Wanderer blieb an der Brüstung stehen und schaute neugierig dem geheimnisvollen Treiben zu, bis die Fackeln verloschen, das Tor verschlossen wurde und der Kahn sich langsam in der Richtung nach der Münze zu in Bewegung setzte. Dann ging der Wanderer weiter durch die dunklen Straßen, stieg die Treppen eines alten Patrizierhauses hinauf und trat in das geräumige Schlafzimmer im ersten Stock ein, das nur schwach erleuchtet war.
Er trat an das Bett, aus dem beim Öffnen der Tür ein schwacher Husten hörbar wurde.
»Du hast mich rufen lassen, Jordan! So geht es dir schlimmer?«
»Nicht schlimmer als sonst -- aber doch schlimm genug! Ich konnte meiner Unruhe nicht Herr werden! Der Gedanke, daß ihr Feste feiert, wenn um uns herum alles in Trümmer zu fallen droht, peinigte mich. Um so mehr, da ich hier ohnmächtig liege und kein Wort der Warnung am rechten Ort und zur rechten Zeit laut werden lassen kann! Den König durfte ich nicht stören! Und so rief ich dich!«
Keyserlingk, denn er war es, schlug den Mantel zurück und setzte sich in den Sessel am Bett.
»Wie du siehst, bin ich deinem Rufe gleich gefolgt! Ich mußte mich aber beim König beurlauben und sagte ihm also von deinem Wunsch! Er läßt dich grüßen und will selbst nach dir sehen! Ihm wird es auch darum zu tun sein, des Freundes Stimme zu hören!«
»Wäre das der Fall, so würde er sich nicht mit Festen zu betäuben suchen!«
»Andere will er betäuben, nicht sich! Er will keine Beunruhigung aufkommen lassen, deshalb zeigt er sich der Menge froh und vergnügt! Du kennst den Fritz doch ebensogut wie ich!«
»Ich _=kannte=_ ihn vielleicht besser als irgendeiner! Ich erkenne ihn aber nicht wieder, seitdem er die großen Enttäuschungen dieses so glorreich begonnenen Feldzuges erlebt hat! Kein Wort spricht er darüber, er, der mir sonst alles anvertraute!«
»Du bist krank, und er will dich nicht beunruhigen!«
»Dann müßte er mir eben reinen Wein einschenken! Er fürchtet aber meine Kritik! Voll Übermut zog er hinaus in den Krieg! Jetzt schämt er sich!«
»Du fieberst, sonst wärest du der letzte, solche Worte zu sprechen! Wann ging er je einem offenen Wort aus dem Wege?! Er _=bedarf=_ deiner Kritik nicht! Er steht mitten in seiner Tat und kennt sie besser als irgendeiner! Alles, was du ihm sagen könntest, hat er sich selbst gesagt -- und mehr noch dazu!«
»Mir ist es darum zu tun, zu helfen, nicht zu tadeln! Vier Augen sehen mehr als zwei! Und jetzt, wo alles von ihm abfällt, wo er nicht mehr weiß, auf wen er sich hier im eigenen Hause verlassen kann, täte es ihm not, daß auch andere die Augen für ihn offen halten!«
»Wennschon, so bedarf er vor allem, daß man ihn nicht verstimme. Dem geht er aus dem Wege, und da hat er recht!«
»Das tat er aber früher nicht!«
»Die sechs Monate haben ihn eben um Jahre der Erfahrung reicher gemacht. In der Not lernt man die Menschen kennen! Wer was taugt, entnimmt der Niederlage die Lehre für den Sieg! Anderer Lehren bedarf er dann nicht!«
Jordan schwieg. Ein heftiger Husten erschütterte die kleine, dürre Gestalt! Keyserlingk reichte ihm den auf dem Nachttisch bereit stehenden Labetrunk und setzte sich wieder.
Jordan betrachtete ihn lächelnd.
»Ewiger alter Sausewind, der du bist! Wenn man dich so aufgeräumt, heiter und lebenslustig dasitzen sieht, wäre man in Versuchung, zu glauben, daß uns nichts etwas anhaben könnte! Leider sind nicht alle so!«
»Das sind Schafsköpfe!« rief Keyserlingk übermütig. »Wo sie den Fritze haben und wissen, wie er gleich dem Blitz dreinfahren kann, wenn's gilt, müßten sie sich freuen, wenn sich recht schöne Gewitterwolken am Horizont zusammenballen! Was schadet es, daß der Kaiser jetzt plötzlich starb und die Süddeutschen abfallen und wieder die Kaiserkrone an Österreich verschachern wollen! Preußen macht den Schacher nicht mit -- und wir sind die Rücksicht auf die Verbündeten los! _=Die=_ Rücksichtnahme hat uns den Feldzug gekostet! Fritze hat am eigenen Leibe gelernt, daß Bündnisse unter Menschen nur so weit reichen wie der eigene Vorteil, und daß offene Feindschaft besser ist als hinterhältige und säumige Verbündete! Wenn auch der Bund mit Frankreich noch hält -- Fritze wird auf die Wünsche Frankreichs keine Rücksicht mehr nehmen! Er wird, wie er es selbst für gut findet, handeln! Hätte er das gleich getan, hätte er nicht Böhmen wieder aufgeben müssen! Dann stünde er jetzt vor Wien und hätte es nimmer nötig gehabt, noch mitten im Winter zu kämpfen, um die Österreicher aus Schlesien herauszuwerfen!«
»Allein kann aber auch er nicht gegen eine ganze Welt an! England, Holland, Sachsen, Österreich haben sich gegen ihn verbündet! Rußland ist unsicher! Die Armee ist von Krankheiten dezimiert und immer noch schwer heimgesucht. Die Magazine sind leer, das grobe Geschütz ist vor Prag gänzlich verlorengegangen! Wir sind arm! Wo nehmen wir das Geld her, um Soldaten, Munition, Ausrüstung und Proviant zu beschaffen?«
»Das -- Federikus Jordan -- laß nur ruhig meine Sorge sein!« sagte eine Stimme an der Tür.
Keyserlingk sprang aus dem Sessel auf. Jordan richtete sich im Bett empor.
»Sorge du nur dafür, daß mein lieber alter Jordan wieder gesund wird, damit mir _=die=_ Sorge genommen wird. Dann ist alles andere auch gut!«
Der König trat an das Bett und nahm in dem Sessel Platz. Er ergriff die Hand Jordans.
»Ein wenig Arzenei bringe ich dir mit, alter Querkopf!« sagte er und ergriff seine Hand. »Über den Feldzug will ich nicht mit dir rechten! Da genügt's, wenn wir einsehen, daß wir Fehler gemacht haben, und sie bloß nicht wiederholen! Wenn's dich ansonsten beruhigen kann, so höre: England, das mit den andern gegen uns verbündet ist, fängt an, mit uns zu liebäugeln! Carteret, unser Feind, ist nicht mehr Minister! Die Pelhams sind am Ruder! Sie sind uns wohlgesinnt! Und wenn auch England noch an seine Traktate mit der Gegenpartei gebunden ist -- das Doppelspiel verstanden die Krämer drüben immer gut! -- -- Aber setze dich, Keyserlingk! Du wirst heute noch das Tanzbein zu schwingen haben! Du bist wohl den Weg zu Fuß gegangen wie ich? Ich sah keinen Wagen vor dem Hause!«
Keyserlingk bejahte die Frage -- und erwähnte dabei die geheimnisvollen Vorgänge am Schloß, die er unterwegs beobachtet hatte, in der Hoffnung, daß Friedrich seine Neugier befriedigen würde.
»Du hast wohl Gespenster gesehen!« sagte der König lächelnd. »Sonst pflegst du deine Augen nur zu benutzen, wenn schöne Weiber im Fahrwasser sind! Sollten wohl die Nixen eine Invasion gemacht haben?!«
»Das sah mehr nach Heiducken aus!« sagte Keyserlingk eifrig.
»Wenn's nur keine Russen waren, wie es Jordan geträumt hat!« lachte der König. »Sei ruhig, Jordan -- nicht die Russen -- _=ich selbst=_ habe da ein bißchen geplündert! Nicht, weil ich's nötig hätte -- nur damit du wahr träumst! Denn -- auf die Plünderung kam's dir bei dem Traum wohl an!«
Und er erzählte den Freunden, wie er all die silbernen Tischplatten, Kandelaber und anderes Gerät, auch den großen silbernen Musikantenchor aus dem Rittersaal, den sein Großvater, der erste König von Preußen, hatte anfertigen lassen, nach der Münze schaffen ließ, um die Schätze in harte Taler umzuprägen.
»Nicht aus Zwang der Not«, sagte er nochmals eilig, als er die erschrockene Miene Jordans sah. »Wir haben Geld genug, den Krieg weiterzuführen. Sechs Millionen Taler haben wir dem Schatz entnommen, anderthalb Millionen haben die Stände hergegeben! Wir benutzen nur die Gelegenheit, den alten geschmacklosen Plunder im Schlosse loszuwerden und nutzbringend anzulegen. Wir verwandeln ihn in Soldaten, Pulver und Blei, die uns in den Stand setzen, Viktorien zu gewinnen! Nachher lassen wir ihn wieder auferstehen -- aber in veredelter, künstlerisch wertvollerer Form! Die Künstler kriegen zu tun, und wir haben den Gewinn! Jordan aber, dessen Traum von der Plünderung des Schlosses uns auf den Gedanken brachte, hat die Verantwortung für den Schaden -- wenn's ein Schaden sein sollte!«
Er lachte kurz.
»Ich werde mich in acht nehmen«, sagte Jordan, »Eurer Majestät nochmals meine Träume mitzuteilen! Reliquien sind Heiligtümer --«
»So viel Wert haben sie nimmermehr wie das Blut eines einzigen meiner Grenadiere, das auch für die Sache fließen muß! -- -- Sag einmal, Jordan, du Allerweltsbesserwisser -- was hältst du von den Tanzmeisters?« fragte er dann, plötzlich auf ein anderes Gebiet überspringend.
»Eure Majestät wollen gnädigst den Grafen Keyserlingk darüber interpellieren! Er versteht sich auf das Ballett besser als ich!«
»Sicherlich!« lachte Friedrich. »Auch ich traue mir einiges Urteil auf dem Gebiet Terpsichores zu. Nun fragte ich aber nicht wegen des Tanzes! Ich möchte nur wissen, was du von denen Tanzmeisters -- _=als Politikern=_ hältst!«
»Eure Majestät belieben zu scherzen!«
»Auch im Scherz suchen wir den Ernst! Diplomaten sind oft gute Tänzer, aber zu weiter nichts zu gebrauchen! Warum sollte denn nicht ebensogut ein Tanzmeister Pirouetten in der Diplomatie machen können? -- Da kam uns jedenfalls neulich einer herangehüpft mit einer guten Idee, die unserer Politik nützlich werden konnte! Wir griffen sie auf! Wir nahmen die Invitation zum Tanz an -- wir streckten die Hand aus -- da macht der Teufelskerl ein Salto mortale und läßt uns die Tour solo beendigen!«
»Wollen Eure Majestät die Gnade haben, zu erklären, um was der Tanz ging?«
»Wenn wir mittanzen, geht's immer um die Krone, Jordan!«
»Um die -- --?«
»Um die Kaiserkrone, -=mon ami=-! Um eine andere wird hier im Lande nicht getanzt! Die will man jetzt wieder dem Hause Österreich zu tanzen! Wir wollen es aber nicht! Wir sehen sie lieber auf dem Haupte des Kurfürsten von Sachsen -- obwohl er, als König von Polen, eigentlich nicht in Frage käme! Rußland teilt unseren Wunsch und bietet dem Grafen Brühl ansehnliche Summen, um ihn dazu zu bewegen, die Kandidatur Augusts aufzustellen! Österreich, England -=e tutti quanti=- haben ihm aber schon erhebliche Summen für das Gegenteil bezahlt! Und Brühl hat also das Angebot Rußlands zu dem Versuch benutzt -- England mehr Geld abzupressen!«
»Abscheulich!«
»Was willst du! Ohne Bestechung wird in der Politik nichts erreicht! Brühl hat noble Passionen -- teure Passionen! Er verkauft aber auch seinen erlauchten Herrn nur zu den höchsten Preisen! Seine Briefe in dieser Sache an Carteret kannten wir dem Inhalt nach! Wir brauchten aber die Originale, um sie in Petersburg vorlegen zu lassen und so das Doppelspiel Brühls aufzudecken. Können wir das, dann wird sich Rußland ruhig verhalten, wenn wir nicht ganz so sanft mit Sachsen umspringen!«
»Und die Originale?« fragte Keyserlingk.
»Die wurden unserem braven Klinggräff von einem ehemaligen Tänzer, Chevalier Fossano, angeboten, dem sie -- da er auch Spielbankhalter war -- als Pfand für eine Spielschuld einer der Kreaturen Charterets in die Hand gegeben waren. Unser braver Klinggräff aber griff nicht gleich zu! Der Preis war hoch -- er glaubte erst unsere Erlaubnis einholen zu müssen! Und inzwischen tanzte der Ballettmeister mit seinem interessanten Raub in die weite Welt hinaus! So wenig Wagemut haben unsere Diplomaten! Sie sind unfähig oder ängstlich, hüben wie drüben! Wir müssen alles selbst tun! Auch im Felde! Unsere besten Generale sind gefallen, oder sie kehren uns schmollend den Rücken!«
»Wollen Majestät den General Einsiedel nicht pardonieren?«
»Nimmermehr! Er hat uns durch seine miserablen Manövers schon eine halbe Armee gekostet!«
»Wenn aber dann der Feldmarschall Schwerin wiederkehrt?«
»So wird Schwerin nicht wieder angenommen! Wer seinem König Bedingungen macht, wenn Not am Mann ist, den kann der König nicht gebrauchen! Schwerin war unser bester Mann! Das mit dem Einsiedel hat er uns krumm genommen und ist gegangen, weil wir ihm seinen Willen nicht tun! Wir lassen uns aber nicht zwingen! Überdies ist ja Winterfeldt noch da! Und den Alten Dessauer haben wir wieder ins Kommando berufen!«
»Eine harte Nuß!« lachte Keyserlingk.
»Aber doch noch zu knacken!« meinte der König. »Er ist ein Querkopf wie Jordan -- aber ein General wie wenige! Schlesien hat er uns bereits gesäubert! Er wird auch noch weiter gut funktionieren, wenn sein Eigensinn mit dem Feinde so viel zu tun bekommt, daß er uns damit ungeschoren lassen kann! Und dafür wollen wir sorgen! Wir sind aber nicht gekommen, um über unsere Generale mit dir zu räsonieren! Es gibt Leute, die uns weit schwierigere Probleme stellen!«
»Dürfte ich fragen, welche?«
»Wir sagten bereits -- die Tanzmeisters! Und auch die Tänzerinnen!«
Jordan warf sich im Bette zurück und blickte den königlichen Freund lächelnd an.
»Nun«, sagte Friedrich, »du zeigst mit deinem Lächeln, daß du recht geraten hast! Wir meinten die Barberina! Die Dame hat Ehrgeiz! Sie schien mir nicht nur in der Kunst eine Rolle spielen zu wollen! Wir haben sie auf die Probe gestellt! Wir haben versucht, ob sie imstande wäre, auch nur in der Kunst -- also auf ihrem eigenen Gebiet -- unseren Intentionen Leben zu verleihen! Wir hofften das! Sie hat uns aber enttäuscht! Wir waren mit ihrer Galathée sehr übel zufrieden! Du hast sie doch auch gesehen?«
»Allerdings!«
»Wie gefiel sie dir?«
»Gut!«
»Wir fanden sie miserabel! Gekünstelt, gemacht, gewollt, berechnet! Keine Spur von der unmittelbaren Natürlichkeit, die _=wir=_ wollten! Die Poesie des ersten, zum Bewußtsein erwachenden Lebens empfand sie nicht -- sie _=verstand=_ sie nur! Und deshalb gab sie nur Theater -- gut gemachte Pantomime -- aber keine wahre Kunst! Wir haben uns da in der Kunst auch eine Niederlage geholt, Jordan! Und keine kleine! Das Weib ist eben ein schwer zu behauptendes Schlachtfeld!«
»_=Das=_ Schlachtfeld verlangt eben eine ganz besondere Strategie!« sagte Jordan lächelnd. »Wer vom Weib Empfindung haben will, muß sie zu erwecken verstehen!«
»Und das meinst du, könnten wir nicht?«
»Das könnten Eure Majestät wohl auch! Eure Majestät haben es aber vorgezogen, zu ihrem Verstand zu sprechen! Da kann sie sich doch nicht herausnehmen, mehr zu geben, als von ihr verlangt wird! Nur das, was man dem Weibe gibt, gibt es wieder heraus!«
»Sie ist aber nicht nur Frau, sondern auch eine große Künstlerin! Die Aufgabe selbst muß zu ihrer Empfindung sprechen -- nicht der Auftraggeber!«
»Ein echter Künstler empfängt vom Leben allein seine Aufgaben! Ein königlicher Befehl löst keine Kunst aus, nur dienstliche Verrichtung!«
»Du kannst uns doch nicht zumuten, selbst bei ihr den Pygmalion zu agieren?!«
»Im gewissen Sinne -- ja -- wenn Eure Majestät mehr als den bloßen Dienst von ihr sehen wollen!«
»Die bloße künstlerische Anregung genügt da also nicht?«
»Vielleicht -- wenn sie richtig gegeben wird! Sie ist vor allem ein Weib -- da liegt der Schlüssel zu ihrer Kunst! Sie ist nicht mehr jung, sie hat das Leben schon ausgekostet! Sie ist vor allem _=als Künstlerin=_ nicht mehr jung! Ihr Ehrgeiz hat alle gewünschte Befriedigung gehabt, alle Triumphe gefeiert! Die Kunst _=allein=_ gibt ihr nicht mehr den nötigen Reiz, um ihre Seele in Schwung zu versetzen! Ihr Ehrgeiz richtet sich _=auf das Leben selbst=_, um da neue Nahrung zu finden! Und da das Leben sie auf eine so hohe Stufe gestellt hat -- -- --«
Friedrich begann zu verstehen. Er blickte Jordan scharf an.
»Du hörst: wir haben sie auf die Probe gestellt! Wir sind aber nicht Ludwig von Frankreich! Wir werden also dem Ehrgeiz der Damens, die auch nach unserer Macht schielen, nur wenig Befriedigung bescheren! Unser Tun ist unser Tun! Da teilen wir mit niemand. Uns kann sie nichts als das Amüsement bieten! Da aber verlangen wir alles und echtes -- auch wenn es sich nur um eine künstlerische Leistung handelt! Sie _=hat=_ das, was wir von ihr wollen! Und sie soll es hergeben -- -- wir zwingen sie noch! Auch _=die=_ Schlacht gewinnen wir!«
»Wie wollen Eure Majestät das anstellen?«
»Frage mich, wie ich die Schlachten, die ich noch mit Österreich auszukämpfen habe, gewinnen werde! Ich weiß, daß ich sie gewinne! Wann, wo und wie, das ist Sache des Augenblicks! Ich lasse die Gelegenheit an mich herankommen und benutze sie! -=Enfin!=- Gute Nacht, Jordan! Ruhe dich aus! Morgen sehe ich noch nach dir!«