Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen
Part 21
Das genügte, um zu bewirken, daß alles sich nach der Vorstellung drängte.
In den Logen sah man, außer einigen distinguierten Fremden, deren gepuderte Lockenköpfe und modische Trachten das Aufsehen weckten, die ganze offizielle Welt.
Der Staatsminister Podewils war da, und mit ihm die meisten seiner Amtsbrüder. Die Herren vom Generaldirektorium, die hohen Justizbeamten und, sehr vornehm und distinguiert in den Sesseln ihrer Loge thronend, die Herren Akademiker. _=Die=_ hatten aber oft das Pech, weder gesehen zu werden, noch sehen zu können.
Vor ihrer Loge weitete sich das Parterre, und das war gedrängt voll von Soldaten, die hier das Vorrecht hatten, und die ihre Weiber mitnahmen und sie sich gelegentlich auf die Schulter setzten, damit sie besser sehen könnten. Wobei es nicht immer ohne derbe Späße zuging und Gekreisch und Lachsalven einander ablösten.
Endlich kam der König, von seinem Freunde Keyserlingk, dem Grafen Algarotti und Chevalier Chazot begleitet.
Am Vormittag war er aus Potsdam angelangt, hatte das Diner bei der Königinmutter, Sophie Dorothea, im Schlosse Monbijou eingenommen und sich von dort in die Komödie begeben.
Man spielte das Hirtenspiel irgendeines modischen Franzosen. Als Zwischenspiel kam dann die große Sensation des Tages, das erste Auftreten Barberinas, um deren Haupt Fama schon den Schimmer der Romantik gegossen hatte, und über deren Person zahlreiche galante Legenden kursierten.
Sie hatte einen rauschenden Erfolg mit ihren wilden Bauerntänzen -- nicht zum mindesten bei dem Parterre, wo die Begeisterung wohl nicht mit Zuhilfenahme der geschniegelten Salonmythologie, aber um so urwüchsiger und derber laut wurde.
»Dunnerschlag -- _=die=_ Schenkel!« rief ein bärtiger Musketier, als sie ihre Luftsprünge machte.
»Een Paradetritt jibt se her!«
»Beene hat se wie'n Pandur!« bemerkte ein anderer.
»Schwerenot -- wenn _=das=_ dem Fritze nich jefällt!«
»Der macht se noch zum Flügelmann bei de Jrenadiere!«
»Der Fritze wird wissen, wo er se läßt! Hab man keene Sorge nich!«
Immer und immer wieder mußte sie vortreten, um die Huldigung des Publikums zu empfangen. Und nachher wurde sie in die königliche Loge befohlen.
Sie hatte mit der ganzen Wut getanzt, die sie über die ihr angetane Gewalt empfand, und dabei -- trotz aller Grazie -- eine Verve entwickelt und ein Temperament bewiesen, das alles bezwang! Man hatte etwas anderes erwartet -- eine Explikation ihrer Meisterschaft in der hohen Tanzkunst -- und stand vor einer entfesselten Naturgewalt, die frappierte und jede Regung einer Opposition unmöglich machte! Sie hatte gehofft zu verletzen -- hatte aber nur angenehm überrascht und fand schrankenlose Bewunderung in allen Blicken der lächelnden Gesichter.
Bei einem einzigen aber war diese Bewunderung mit solch überlegener Ironie gepaart, daß sie unwillkürlich den Trotzkopf beugte und von einer Anwandlung von Reue beschlichen wurde.
Eine unwiderstehliche Gewalt ging von der kleinen, eleganten, in reiche französische Tracht gekleideten Gestalt aus, die vor sie hintrat. Der große Kopf mit dem ausdrucksvollen Gesicht, das sarkastische Lächeln -- die Freiheit von jeder Pose und, vor allem, das unergründliche tiefe Blau der großen Augen machte sie alles andere vergessen. Der Genius einer Zeit lebte in dieser unscheinbaren Gestalt! -- Vor ihm versank alles andere und wurde zu nichts! -- Ihre Kunst, und erst recht ihre persönlichen Wünsche, schienen ihr so unsagbar klein! Und als die Erscheinung mit einer menschlichen Stimme menschliche Worte an sie richtete -- da war Staunen die erste Empfindung. Bis sie antworten mußte. Da regte sich ihr eigenes Genie, und sie gewann ihre Keckheit wieder.
»Nun, Mademoiselle, Sie hatten den Wunsch geäußert, mich zu sprechen! Was hatten Sie mir zu sagen?«
»Ich habe mich bemüht, Sire, es nach bestem Können in der mir gnädigst anbefohlenen Sprache vorzubringen!«
»Sehr gut!« lachte Friedrich.
»Hatten Eure Majestät auch die große Gnade, meine Dissertation so, wie sie gemeint war, aufzufassen?«
»Sie haben -- mit den Beinen -- _=sehr entgegenkommend=_ gesprochen«, sagte Friedrich, der wohl das Zielen ihrer Entrechats nach seiner Loge bemerkt hatte. »So wollen wir es auch gern auffassen! Wir haben es wohl verstanden, daß Sie das Bedürfnis empfanden, Ihr Temperament in der neuen und ungewohnten Umgebung auszutoben -- sich sozusagen Luft zu machen -- sich Platz zu bereiten! Das nächste Mal hoffen wir Sie in der seriösen Kunst bewundern zu können! Sie werden uns bald in der Pantomime Pan und Syrinx vortanzen!«
Er gab ihr die Hand, die sie ehrerbietigst küßte.
»Mein Kompliment, Mademoiselle«, sagte der König noch gnädig. »Mit einem Charme haben Sie die Ketten zerrissen, mit denen sie der Faun zu fesseln versuchte -- mit einem Furor, daß man denken müßte: da halten keine Ketten stand! -- Es gibt aber Ketten, die nicht zu zerreißen sind! -- -=Bon soir, mademoiselle!=-«
Und damit war die Audienz zu Ende.
Noch ganz wirr von dem überwältigenden Eindruck der ersten Begegnung, ging sie auf die Bühne zurück und folgte ihrer Mutter nach dem Wagen, ohne überhaupt daran zu denken, nach ihrem Beß zu sehen. Sie fragte nicht einmal nach ihm, als beim Souper sein Platz leer blieb.
Am folgenden Tage wurde ihr ein hoher Ministerialbeamter gemeldet, der ihr einen definitiven Vertrag vorlegte. Der Vertrag enthielt die ausdrückliche Bestimmung, daß sie während dessen Dauer, vorläufig drei Jahre lang, nicht heiraten dürfte -- ließ aber den Platz für das Gehalt leer, denn sie sollte ihn nach Belieben ausfüllen dürfen. Sie schrieb 5000 Taler hinein -- eine Summe, die der König sofort auf 7000 erhöhte.
Außerdem wurde ihr, im Auftrage des Königs, bedeutet, sie möge in der Komödie tanzen, wann es ihr beliebe. Nur in den Opern oder im Ballett sei sie an das Repertoire gebunden.
Und -- so ließ der König gnädigst ansagen -- bei Gelegenheit ihres nächsten Auftretens wollte er sich das Vergnügen geben, in ihrer Garderobe den Tee einzunehmen.
18
Man durfte des Königs Hunde nur per »Sie« und mit dem Hut in der Hand anreden. Die königlichen Lakaien hatten den exzellenten Vierfüßlern gegenüber einen schweren Dienst und konnten auf keine Gnade rechnen, wenn sie es an Aufmerksamkeit fehlen ließen.
Wenn der König spazieren fuhr, folgten ihm die Hunde oft in einer zweispännigen Karosse, sie selbst auf dem Hauptsitz, die aufwartenden Lakaien auf dem Rücksitz. So auch eines schönen Sommermorgens, als der König von Charlottenburg, wo er bis zur Beendigung der Hochzeitsfeierlichkeiten für seine Schwester Ulrike residiert hatte, nach Berlin hineinfuhr.
An seiner Seite im vierspännigen Wagen saß der Generaladjutant Winterfeldt. Sie kamen im tiefen Sande der Charlottenburger Chaussee nur langsam vorwärts. Das schöne Sommerwetter machte indessen die sonst einförmige Fahrt erträglich. Der König war gut gelaunt. Und als sie beim königlichen Tiergarten anlangten, wo er eine Menge neue Spazier- und Fahrwege hatte aufnehmen lassen, befahl er, vom »Großen Stern« nach dem »Zirkel« an den Zelten einzubiegen, wo die elegante Welt sich um diese Zeit Rendezvous zu geben pflegte.
An dem Ufer der Spree hatte der König dort einen freien Platz abholzen lassen. Im weiten Bogen zog sich der breite Fahrweg hin, von Promenaden umfaßt, wo unter schattigen alten Bäumen die Spazierenden sich ergehen konnten, während auf dem Damm in doppelter Kavalkade Fuhrwerke und Reitende sich in beiden Richtungen bewegten.
Am Wasser hatten einige, in Bereitung von Erfrischungen aller Art kundige französische Emigranten, von denen es seit den Religionsverfolgungen in Frankreich in Deutschland wimmelte, die Konzession erhalten, ihre Waren in Zelten feilzubieten.
Von den Wiesen jenseits der Spree wehte der laue Sommerwind die Düfte der Blüten herüber; durch das Laub der hohen Bäume rieselte der Sonnenschein herunter auf die bunten Farben der Trachten. Das goldene Schnitzwerk der zwischen hohen Federn aufgehängten Karosserien glänzte und glitzerte. Drinnen, auf schwellenden Kissen schaukelten schöne Damen in rauschenden Gewändern, lieblich grüßend, lächelnd, nickend. Die Augen glühten unter sauber gepinselten Brauen -- die gepuderten Locken erhöhten durch ihr Mattweiß das duftige Rot der schön geschminkten Wangen, deren Reiz durch die Kontrastwirkung der schwarzen »Mouches« eine erhöhte Wirkung bekam.
Zwischen den Wagenreihen tummelten die Offiziere stolz ihre mit goldbestickten Schabracken verzierten Pferde, schlossen sich öfters an, um mit ihren in den Wagen thronenden Göttinnen verstohlen verliebte Gespräche zu führen. Auf dem Flusse glitten langsam Kähne vorüber, die Segel geschwellt -- an den Zelten wehten Wimpel und Flaggen im bunten Spiel -- Flöten und Geigen ließen ihre zarten Tonwellen steigen und hinsterben -- das Lachen der silberhellen Stimmen -- das Gesumm der Gespräche, das Wiehern der Rosse -- alles floß zusammen zu einer Symphonie der Lebenslust -- leise, zart, graziös und liebenswürdig --, die die Sinne der Teilnehmer bestrickend umfing, ihre Gedanken zerstreute und ihren Seelen Erholung brachte.
Berlin holte Atem. Als die königlichen Equipagen in die Kavalkade einschwenkten, ging eine Bewegung durch die Reihen. Aber nur für einen Augenblick. Weit entfernt, das Getriebe zu lähmen, spornte die Gegenwart des Königs die Fröhlichkeit an und hob die Stimmung noch mehr.
Friedrich unterhielt sich mit seinem Adjutanten, grüßte nach allen Seiten, schaute sich einmal nach dem Wagen seiner vierbeinigen Lieblinge um, winkte dann gnädigst einen vorbeireitenden Offizier an den Wagenschlag heran und richtete einige kurze Fragen an ihn. Er freute sich des luxuriösen Treibens seiner aufblühenden Hauptstadt, das, unter seinem Vater in strenge Zucht zurückgedämmt, sich jetzt wieder ans Licht wagte.
Plötzlich kam etwas Scharfes in seinen Blick, und seine Haltung straffte sich etwas.
In die Reihe der Entgegenfahrenden war eine prachtvolle, schön verzierte Karosse eingeschwenkt, von vier Schimmeln mit Vorreitern gezogen. Das vergoldete Schnitzwerk der Karosserie glänzte und glitzerte; die schön gedrechselten Speichen der hohen Räder drehten sich wie die Blitze des Sonnenrades; hinten auf dem Tritt, zwischen den hohen, schön geschwungenen Federn, standen in prachtvollen hellblauen und silbernen Livreen zwei Lakaien, stolz die Dreimaster auf den gepuderten Perücken balancierend. Ein fast königlicher Aufzug! Und im Wagen, auf schwellenden Kissen ausgestreckt, eine Königin der Anmut und der Schönheit -- die Barberina! Neben ihr ihre Mutter, von Stolz gebläht und freundlich lächelnd den Gruß Friedrichs auf sich beziehend, als die Wagen sich begegneten.
Drüben, auf der anderen Seite des »Zirkels«, schloß sich ein Reiter ihnen an -- es war der Gesandte Englands, dem die schnell intim gewordenen Beziehungen Barberinas zum König wohlbekannt waren, und der sich als Macher der Sache jetzt großtat und sie umschmeichelte, um vielleicht so etwas politisch Wertvolles durch sie zu erfahren.
Friedrich sagte rasch einige Worte zu seinem Adjutanten. Dieser winkte einen der Läufer, die dem königlichen Wagen voranschritten, herbei und erteilte ihm einen Befehl, den der Läufer dem folgenden Wagen übermittelte.
Dann schwenkte der königliche Wagen aus der Reihe und setzte die Fahrt nach Berlin fort.
Als aber der Wagen Barberinas, immer noch den englischen Gesandten am Schlage, nochmals vorbeikam, da bog der Wagen der königlichen Hunde dicht vor ihrem Wagen in die Reihe ein, und sie mußte ihm auf Schritt und Tritt folgen. So ging's einmal die Runde herum, als hätte der König dem Publikum das Rangverhältnis unter seinen Lieblingen recht deutlich -=ad oculus=- demonstrieren wollen. Dann setzten auch die Hunde ihre Reise nach der Stadt fort -- Berlin hatte seinen Gesprächsstoff, die Neider der königlichen Favoritin bekamen Nahrung für ihre Schadenfreude, und Barberina hatte ihren Ärger, den man ihr jedoch unter der Schminke nicht anmerken konnte.
Sie tat, als hätte sie den Vorfall gar nicht bemerkt; sie unterhielt sich noch mit einigen ihrer Bekannten, lud ein paar befreundete Offiziere zum Besuch bei sich ein und kehrte dann nach ihrer Wohnung in der Behrenstraße zurück.
Dort fand sie einen Befehl des Intendanten vor, am nächsten Tage beim Konzert im Stadtschlosse zu Potsdam zu tanzen, und sie freute sich. Denn bei dem nachfolgenden Souper mit dem König wollte sie schon ihre Rache nehmen.
Der König aber hatte sich dazu bereit gefunden, noch unterwegs im Wagen seinem Adjutanten einige erklärende Worte zu sagen.
»Wir lieben die Mätressenwirtschaft bei unseren Gegnern und Verbündeten! Die Herren Politiker irren aber, wenn sie glauben, _=uns=_ auf diesem ausgetretenen Pfade der irrenden Tugend beikommen zu können! Und was die Mamsells betrifft, so sollen sie amüsant sein und Charme haben, aber weiter nichts! Sie wollen aber alle erst belehrt sein, die rechte Distanz zu halten!«
Er freute sich nicht wenig, als ihm nachher berichtet wurde, daß der englische Gesandte bei seinem Versuch, die Hunde des Königs zu streicheln, von ihnen sehr übel abgefertigt worden war. Biche hatte sogar nach ihm gebissen.
»Die Biche weiß, was sich gehört! Sie versteht die Kunst, naseweisen Diplomaten Edukation beizubringen! Hört sie Geheimnisse mit an, so versteht sie sie nicht! Und was sie winselt, versteht kein Mensch! Das hat sie den Mamsells voran! Treu ist sie auch! -- Sei er ruhig!« sagte er, da Winterfeldt schmunzelte. »Das verlange ich ja nicht von den Damen! _=Die=_ müssen ihre Amouren haben! Sie sind Schmetterlinge und müssen hin und her flattern! Wenn sie bloß mit ihrer Buntheit das Auge entzücken -- wenn sie graziös sind, Witz, Esprit, Charme zeigen und uns nicht mit zuviel Sentiment belästigen, sind wir zufrieden und widmen ihnen gern zur Erholung von unserer freien Zeit! -- An unserem ernsten Tun aber können sie keinen Anteil haben! Und unsere Würde dürfen sie auch nicht mit einem Blick antasten wollen! Da hört jedwede Galanterie auf! Da geht der Hund vor!«
Friedrich sprach noch bei der Königinmutter vor -- besichtigte den Dombau, von Knobelsdorff begleitet, befahl ihm, am nächsten Tage die Pläne seines Sommerschlosses in Potsdam vorzulegen, und reiste nach seiner Havelresidenz ab.
Am Abend soupierte bei Barberina der Graf Rothenburg, ein eleganter, liebenswürdiger und geistreicher Kavalier, der soeben aus Paris zurückgekehrt war, wohin ihn eine wichtige politische Sondermission Friedrichs geführt hatte.
Er wußte ihr viel vom Hofe in Versailles zu erzählen -- von der alles beherrschenden Stellung der derzeitigen Favoritin Ludwigs, der Herzogin von Châteauroux, deren Ehrgeiz und Stolz die Politik Frankreichs immer mächtiger auf die Bahn der kriegerischen Ehre zu treiben bemüht war und aus Ludwig gar einen Helden machen wollte.
Er wußte nicht genug des Lobes über ihre große Liebe zur Kunst vorzubringen und das unermüdliche Mäzenatentum, das sie den Dichtern gegenüber betätigte.
»Sie könnte für Frankreich eine große Zeit herbeiführen, denn in ihr wohnt der Geist der Größe! Aber sie reibt sich auf. Die Glut ihrer Seele verzehrt sie innerlich! Wie ein leuchtender Meteor, der plötzlich auftaucht, blendet, imponiert und alles in Staunen versetzt, um ebenso plötzlich zu verschwinden, so kommt sie mir vor! Immerhin -- sie herrscht jetzt! Und sie hat das größte Verständnis für unsere Ziele! Es war leicht, mit ihr Politik zu machen! Wenn Frankreich jetzt mit uns ist -- ihr ist es zu verdanken!«
Barberina dachte mit einiger Bitterkeit an die Rolle, die _=sie=_ hier spielte, und wurde einen Augenblick ernst.
Rothenburg wußte von der Begebenheit bei der heutigen Spazierfahrt und beeilte sich, die Sache zu überzuckern.
»Allerdings -- _=hier=_ könnte _=sie=_ niemals zur Geltung kommen! Hier trägt das Genie selbst die Krone! Jeder Versuch einer Beeinflussung müßte an dem stolzen Selbstbewußtsein scheitern, das wir bewundern und dessen Ehrgeiz wir schon so viel Ruhm verdanken! Um bei Friedrich etwas zu sein, muß man eine große Künstlerin wie Sie sein! Das Epikureertum des Geistes will die Anregung der Schönheit, der Grazie, des Esprits! Ihm _=die=_ geben zu dürfen, ist mehr, als der ganzen übrigen Welt Gesetze zu diktieren! Das zu können ist beneidenswerter als Reichtum und Macht! Das ist Ihnen geworden! Und jetzt, nachdem Sie diese große Aufgabe verstehen lernten, jetzt werden Sie schon zufrieden sein, daß man Sie, wenn auch mit sanftem Zwang, dazu brachte!«
Barberina lachte laut auf. Das nannte er noch »sanft«: von den Häschern Venedigs wie eine Verbrecherin aufgehoben und eingekerkert zu werden, um dann unter wochenlangen Mühseligkeiten und militärischer Bewachung hierher geschleppt zu werden!
»Sie sind ein Heuchler!« rief sie.
»Und Sie entzückend!« replizierte er und küßte ihr die Fingerspitzen. »Viel zu entzückend -- viel zu charmant, um in der Langeweile einer englischen Ehe zu verkommen! Geben Sie's nur zu -- das Ganze war nur eine Marotte -- eine augenblickliche Laune!«
»Sie kennen eben Lord Stuart nicht!«
»Ich kenne _=Sie=_, und das genügt! Ich glaube schon, daß es sich im Falle Stuart um eine echte, tiefe Empfindung handelte, wie sie einem Menschen nur in den seltensten Fällen zuteil wird. Und ich glaube auch, Sie waren so sehr davon ergriffen, daß Sie meinten, jener Empfindung alles andere opfern zu müssen, um nur ihr zu leben! Die Flamme der Liebe loderte so heftig und so klar auf, daß im ersten Augenblick alles daneben verblaßte! Wie alles andere aber, ist auch sie nur zu vergänglich! Der Funke ewigen Lebens, der Ihnen mit dem Genie gegeben wurde, kann aber nie erlöschen! Der glüht noch unvermindert, wenn alles andere zu Asche wurde! Die Sucht, zu glänzen und zu leuchten, wird zum Ehrgeiz, etwas zu leisten und in der Leistung den eigenen Geist zu verfeinern und groß und geschmeidig zu machen! Geben Sie's nur zu -- Sie sind nicht unzufrieden, daß sie wieder auf die Bahn der Kunst getrieben worden sind -- sei's auch mit Gewalt! Vor den großen Aufgaben, die Ihnen hier wurden, verblaßt doch die kleine Unannehmlichkeit, die sie mit sich brachten?«
Barberina antwortete nicht. Sie empfand die Wahrheit dessen, was er sagte. Ihr Gefühl trieb sie zu ihrem Beß -- ihr Herz schlug noch für ihn. -- Aber die Kunst hielt sie stärker gefangen. Sie sah die glanzvolle Laufbahn, die sie dachte für immer verlassen zu haben, offen und jetzt weit leuchtender vor sich liegen. Sie dachte dabei an den Vormittag im Hause Stuart und die trübe Aussicht, nach langer Vergessenheit dort als eine Nummer mehr in der Sammlung der Ahnengalerie hängen zu dürfen. Ein leichter Schauder ergriff sie.
Rothenburg sah es, und mit seinem Instinkt half er ihr, die Formel zu finden, mit der sie ihr Gewissen abtun könnte.
»Ihr Erlebnis mit Stuart war ein Glück, für das Sie dankbar sein können! Das war eine seelische Bereicherung -- und Ihr Gewinn daraus: die Entfaltung Ihres Gefühlslebens zu voller Blüte! -- Das mußten Sie vor allen anderen haben, eben, um eine wahre Künstlerin zu werden! Das kann Ihnen nimmermehr genommen werden! Er aber mußte Ihnen genommen werden -- weil er Ihrer Kunst im Wege war! Sie sehen es! Sie waren der Kunst untreu geworden! Die Kunst hat sich gerächt! Sie tritt jetzt gebieterisch vor und verlangt als Strafe, daß Sie ihr zuliebe auf Ihre Liebe verzichten! Und da gibt's nur eins -- gehorchen!«
»Um -- hinter den königlichen Hunden zu rangieren!«
»Das nur -- wenn Sie sich das gefallen lassen!« lachte Rothenburg. »Der König hat Geist, und nichts ist ihm lieber, als wenn man ihm geistreich antwortet! Nur nicht schmollen! Nur nicht sentimental werden! Scharf, witzig, pointiert die Klinge zur Parade bereit halten! Den Kampf aufnehmen, wie er angeboten wurde! Das ist das einzige! Rächen Sie sich, wenn Sie wollen -- aber geistreich und amüsant, und Sie werden gewonnenes Spiel haben!«
»Sie sind der geborene Konspirateur! Helfen Sie mir, einen Feldzugsplan zu entwerfen! Ich muß für die heutige Schmach Rache nehmen!«
»Die werden Sie haben!« sagte Rothenburg und erhob sein Glas, in dem der Champagner perlte. »Auf treue Bundesgenossenschaft!«
»Auf treue Bundesgenossenschaft!« erwiderte sie und erzählte ihm dann den Vorfall, dem sie, nach ihrem Dafürhalten, die soeben erlittene Demütigung verdankte.
Es war beim letzten intimen Souper mit dem König gewesen, im »Konfidenzzimmer« des Potsdamer Schlosses. In übermütigster Laune hatte sie sich da einen Scherz erlaubt, der besser unterblieben wäre. Aber in der Situation sah sie in dem König nur noch den galanten Mann und vergaß ganz, daß man auch in Stunden, wo die königliche Würde nicht mittafelt, die Finger von ihr zu lassen hat.
Mit ihren rosigen Fingern hatte sie nach der Krone aus Kandiszucker gegriffen, die, wie immer, den Aufbau der Konfitüren krönte, hatte sie aufgehoben und hoch über ihren Kopf gehalten. Mit lachenden Blicken hatte sie gefragt:
»Warum wird die Krone nicht auch einmal verspeist?«
»Das ist hier in Preußen nicht üblich, Mademoiselle!« hatte er geantwortet mit einem Blick und in einem Ton, die gerade in _=dem=_ Moment ihren Übermut zum Trotz aufflammen ließen.
»Wenn man aber gerade danach Appetit hat?« hatte sie gefragt.
»So wäre es doch nicht anzuraten! Sie würde Ihnen nur schwer im Magen liegen!«
»Trotzdem wage ich den Versuch! Heute abend wollen wir sie gemeinsam verspeisen!«
»Nein!« hatte er etwas gereizt gerufen und versucht, ihr das zuckerne Kleinod zu entreißen. Lachend wehrte sie's ab. Beim Kampfe bröckelte ein Stück von der Einfassung ab und blieb in ihrer Hand. Als sie es aber rasch in den Mund stecken wollte, entwand er ihr den Raub, fügte das Stück rasch wieder an seinem Platz ein und stellte die Krone auf den Tisch zurück.
»-=Je suis fatigué, mademoiselle=-«, hatte er dann kurz gesagt, den Glockenstrang gezogen, ihren Wagen befohlen und sich kühl von ihr verabschiedet!
»Das war alles!« sagte sie.
»Aber gerade genug!« lachte Rothenburg, trank sein Glas aus und fing sofort an, sie eine bessere Taktik zu lehren.
»Nie -- auch nicht im Scherz -- an das rühren, was er hochhält! Sonst aber können Sie sich fast alles erlauben! Persönlich duldet er jede Anspielung, jeden Scherz, wenn er nur geistreich und amüsant ist! Da gestattet er sich selbst die größte Ausgelassenheit, und uns anderen auch, weil es ihn nur anregt und ihm zum Spott und zur Satire Anlaß gibt! In boshaften Ausfällen ist er jedem gewachsen! Da stellt er seinen Mann und kämpft mit ebensoviel Bravour wie auf dem Schlachtfelde! -- Also packen Sie ihn nicht bei der Krone! -- Necken Sie ihn lieber mit der Thronfolge! Da werden Sie etwas erleben! -- Fragen Sie ihn, warum _=er=_, der große Held, der überlegene Geist -- der männlichste unter uns allen -- keine männlichen Leibeserben hat! -- Fragen Sie ihn, ob das immer das Ergebnis seiner galanten Abenteuer zu sein pflegt! -- Fragen Sie nach der Tochter, die er von der Frau des Obersten Wreech hat! Fragen Sie, warum er, der mit lauter gekrönten und ungekrönten Frauen in Fehde liegt -- warum gerade er eine Frau in die Welt setzt? -- Er wird sagen, die Weiber wären heutzutage unfähig, Männer zu gebären -- die Männer, die sie auf die Welt brächten, wären alles alte Weiber! Er wird Anlaß haben, seine Bosheit gegen die sämtlichen Evastöchter weidlich loszulassen, und dann wird er Ihnen die Hand küssen und guter Dinge sein und viel Galantes sagen! Nicht aber, um seine Sottisen zu überzuckern! Sondern nur aus Erkenntlichkeit, weil Sie ihm halfen, jene Sottisen zur Welt zu bringen! Tun Sie's recht boshaft, recht dreist, und Sie werden gewonnenes Spiel mit ihm haben!«
Damit war sie gleich einverstanden! Schon am nächsten Tage, nach dem Konzert, beim Souper, zu dem sie wohl, wie üblich, aufgefordert werden würde, wollte sie's ins Werk setzen und ganz gehörig Rache nehmen!
Sie stieß nochmals mit dem Grafen an. Unter Lachen und Scherzen verging so der Abend, und das Bündnis gestaltete sich immer intimer.
Am folgenden Tag in aller Frühe rollte sie also in ihrer eleganten Karosse nach Potsdam, um ihren Dienst zu versehen.