Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen

Part 19

Chapter 193,611 wordsPublic domain

»Hänge Er mir die Mamsell dort an den Nagel!« befahl er kurz. »Als dekoratives Detail immerhin noch zu gebrauchen! Und degoutiert so nicht durch ihr dummes Plappern! Ruf mir dann Fredersdorf!«

Michaelis hängte das Bild auf und rief Fredersdorf, den ehemaligen Kammerdiener und jetzigen Hoftrésorier, der auch so schön das Hautbois und die Flöte traktieren konnte und daher schon seit der Kronprinzenzeit in Ruppin das besondere Vertrauen Friedrichs genoß.

»Dem Meister Pesne sollst du den doppelten Preis für das Bild zahlen!« befahl ihm Friedrich, »und ihm den Gruß von uns bestellen, seine Malerei sei exquisiter als das Modell -- seine Kunst charmiere uns weit mehr als die Mamsell! Und wir wollen bald Neues bestellen! -- Apropos! Jene neue Tänzerin, Fredersdorf, die uns der brave Chambrier aufgehalst hat, sie häsitiert noch mit dem Dienstantritt! Sie _=will=_ nicht! -- Was sagst du dazu?«

»Ich gestatte mir, Eure Majestät in aller Untertänigkeit darauf aufmerksam zu machen, daß die Oper uns auch ohnehin teuer zu stehen kommt! In den zwei Jahren seit der Eröffnung kostet sie der Privatschatulle bereits achthunderttausend Taler!«

»Eine artige Summe!« sagte Friedrich nachdenklich. Und Fredersdorf hielt gleich den Augenblick für günstig, um mit Vorschlägen zu kommen.

»Wenn Eure Majestät zu befehlen geruhen möchten, dem Publikum den Eintritt nur gegen Entgelt zu gewähren --?«

»-=Impossible!=- Der Eintritt ist frei zu geben! Wir sind es unserer Reputation schuldig! Wenn jedermann das Recht hätte, für Geld hereinzukommen, dann wären wir ja nicht mehr in der Lage, nur die Würdigsten einzuladen!«

»Ein Glück, daß jene Tänzerin nicht kommt; denn«, seufzte Fredersdorf, »die Damens kosten das meiste Geld! Und Tänzerinnen hätten wir genug!«

»Die Mamsell wird tanzen! -- Wegen der paar Taler mehr brauchst du dich nicht zu echauffieren! Siehst ansonsten schlecht genug aus! Was macht deine Leber?«

»Danke alleruntertänigst für gnädige Nachfrage! Es steht nicht zum Besten!« seufzte Fredersdorf, dessen Teint schon eine Färbung ins Gelbliche hatte.

»Sollst die Doktors zum Teufel jagen! Die sind keinen Schuß Pulvers wert! Mach endlich ein Ende mit deinem närrischen Quacksalbern, sonst krepierste meiner Seele aus purem Übermut!« warf Friedrich kurz hin, pfiff seinen Hunden und trat, von ihnen gefolgt, in den Marmorsaal, wo die Generale und Kommandanten harrten, um ihn in den Lustgarten zur Parade und Abnahme der Rekruten zu begleiten.

Draußen wartete schon sein dicker Freund Knobelsdorff, in dichtes Pelzwerk wohlverhüllt. Friedrich ließ ihn aber lange stehen, ehe er geruhte, seine Anwesenheit zu bemerken.

Endlich, nach beendigter Besichtigung der Rekruten, blickte Friedrich ihn an und freute sich im stillen, als er ihn frieren sah.

»Nun, wir sind malade? -- Wir haben immer noch Chagrin ob unserer verunglückten Baupläne?! Komm, -=mon ami=-, wir wollen dich kurieren! Gehen wir zu Fuß nach unserem Weinberg Vigne hinaus, wo das Haus gebaut werden soll! Suchen wir den Platz aus!«

»Jetzt, bei Schnee und Kälte?!« rief Knobelsdorff entsetzt.

»Der Schnee ist weiß wie das weißeste Papier! Da kannst du deine Linien recht sichtbar ziehen! Und die Fußtour wird deiner Krankheit gut tun!«

Knobelsdorff folgte seufzend. Und der König hatte seine Freude daran, zu sehen, wie er stöhnte und schwitzte.

»Das Schwitzen ist gut vor die Gicht!« sagte er hämisch. »Mir setzt die Krankheit viel schlimmer zu. Ich habe sie mir aber im Kriege geholt und nicht am Schreibtisch wie du!«

Und er fing vom Bau der neuen Bibliothek in Berlin an.

»Da hielt unser guter Jordan neulich eine lange Dissertation, um uns darzutun, daß unser Lateinisch lauter Arabisch sei, und daß die von uns gewählte Devise auf der Fassade nichts tauge!«

Friedrich blieb stehen und stieß mehrmals mit dem Krückstock auf den gefrorenen Boden.

»Wir suchen den Klang und das rhythmische Gleichgewicht! Eine Fanfare und ein Programm! Davon verstehen aber die Herren Lateiner nichts! Ob die Devise richtig ist oder nicht, hingehauen wird sie! Es soll mich freuen, wenn sie den gelahrten Herren recht weh in den Ohren tut! Und wäre meine Devise noch so schlecht -- ich wette, sie wird sich länger behaupten als das meiste von dem Geschreibsel, was _=die=_ in dem Hause aufhäufen werden. Mehr gelesen wird sie auch werden! -=Nutrimentum spiritus=- -- das ist eben _=mein=_ Latein!«

Sie waren inzwischen nach dem Weinberg hinausgekommen, blieben auf der Anhöhe stehen und blickten über die Stadt hin, die sich hinter den Bäumen verkroch und aus allen Schloten Rauchsäulen kerzengerade in die klare Winterluft hinaufsandte.

»Hier oben ist der Platz! Wie ich's dir aufgezeichnet habe, so wird's gebaut! Einstöckig; und wenn dich die Gicht dabei noch so sehr plagen sollte! Wir wollen keine babylonischen Türme! Wir mögen das Treppensteigen nicht! Aber in die Sonne wollen wir sehen! Ein Haus mit allen Gemächern nach Süden gelegen -- das ist doch kein Problem für einen Baumeister wie dich! Und willst du partout Palastwirkung -- meinetwegen holz nur den Hügel ab, gliedere ihn in Terrassen, so viele, wie da Platz haben, mit Gewächshäusern und Tausenden von Glasfenstern, die in der Sonne glitzern! So bleibt's, wie ich's will -- und wirkt doch, wie du willst, und wir sind alle beide zufrieden! Da oben, auf der obersten Terrasse, baust du mir aber neben meinem Tuskulum mein Grabgewölbe gleich hin, damit ich weiß, wo ich Ruhe vor den Sorgen der Welt haben werde, wenn ich sie nicht in meinem Hause finden sollte! Immerhin haue mir die Worte >Sans-Souci< auf dem Hause ein, damit die Leute meinen Willen wissen! Schaden wird's nichts!«

Langsam gingen sie den Weg nach dem Stadtschloß zurück, Knobelsdorff versöhnt und der König weniger nervös als vorhin.

Die Uhr ging auf zwölf, und für zwölf war das Diner angesagt.

Der Speisesaal war ein großer, freundlicher Raum zwischen dem Marmorsaal und dem Teezimmer und hatte Fenster nach dem Schloßhof wie auch nach dem gegenüberliegenden Lustgarten.

Der runde Tisch inmitten des Saales war für fünf gedeckt. An einem der Fenster nach dem Schloßhof erwartete der Tafeldecker die Rückkehr des Königs. Im Teezimmer plauderten schon die eingeladenen Gäste: der Generaladjutant Winterfeldt, der Zeremonienmeister Baron von Pöllnitz und der neuernannte Präsident der Akademie, Maupertuis, ein prätentiös aussehender, etwas auffallend gekleideter Herr voll herablassender Würde. Schließlich meldete man ihnen die Ankunft des Königs, der, von Knobelsdorff begleitet, über die große Treppe hereintrat und sich direkt in den Speisesaal begab, ohne sich erst umzukleiden. Der einfache blaue Uniformrock mit den roten Aufschlägen und die hohen Stiefel kontrastierten seltsam gegen die prächtigen Hoftrachten der anderen Herren.

Friedrich nahm sofort Platz, lud mit einer Handbewegung die Gäste ein, seinem Beispiel zu folgen, und fing gleich an, den Baron von Pöllnitz über die Tagesneuigkeiten auszufragen. Insbesondere interessierten ihn die neu angekommenen Fremden, und da wußte Pöllnitz, der über eine schier unerschöpfliche Personalkenntnis verfügte, stets gut Bescheid.

Berlin hatte allerdings schon hunderttausend Einwohner, aber trotzdem gelang es keinem illustren Reisenden, lange unbemerkt zu bleiben. Der Kurier, der die täglichen Briefschaften des Königs nach Potsdam brachte, hatte auch einiges von Interesse mitzuteilen gehabt, was Pöllnitz selbstverständlich gleichfalls längst wußte. Er konnte also aufwarten.

Friedrich ließ ihn, gegen seine Gewohnheit, berichten, ohne ihn zu unterbrechen, aß dabei mit gutem Appetit von seinem Leibgericht, einer stark gewürzten Polenta, und lauschte aufmerksam.

Als Pöllnitz in seinem Resümee den Namen Capello nannte, legte Friedrich die Gabel fort.

»-=Capello -- qu'est ce que c'est?=-«

»Der Gesandte Venedigs in London, Sire! Ein exzellenter Kavalier! -- Ein alter Bekannter von mir!«

»Und der befände sich hier in meinen Landen?«

»Ja! Er ist gestern, auf der Durchreise nach Hause, gemeldet. Wenn Majestät befehlen, werde ich ihn zu veranlassen suchen, hier in Berlin Station zu machen!«

»Wir wollen Ihm die Mühe abnehmen!« sagte Friedrich und flüsterte dem hinter seinem Stuhl stehenden Lakaien einen Befehl zu. Dann wandte er sich wieder zu Pöllnitz.

»Weiter, lieber Pöllnitz!«

Der Baron fuhr in seinem Resümee fort. Alles lauschte gespannt und höchst angeregt, und niemand schien zu bemerken, daß der König schnell einige Zeilen auf ein ihm vorgelegtes Blatt Papier warf, die Schriftzüge mit Sand bestreuen ließ, das Papier zusammenfaltete und es einem an der Tür wartenden Jäger gab.

»Sofort durch Extrakurier dem Staatsminister von Podewils zu senden!«

Dann rieb er sich vergnügt die Hände, trank ein Glas Mosel und nötigte den Zeremonienmeister, zu essen, was jener über seinem Erzählen zu seinem Leidwesen bis jetzt nur oberflächlich hatte besorgen können. Er nahm ihn aber dabei, in einem plötzlichen Anfall von übermütigster Laune, zur Zielscheibe seines Witzes, was den Appetit der anderen Gäste stets zu würzen pflegte und den guten Pöllnitz keineswegs störte.

»-=Mon cher=-«, sagte er und wandte sich an Maupertuis. »In Ihrem geistreichen Buche >-=Vénus physique=-< legen Sie die amüsanten Resultate Ihrer hochinteressanten Kreuzungsversuche vor! Bei der nächsten Edition könnten Sie noch einiges hinzufügen!«

»Und das wäre, Sire?«

»Die Kreuzung zwischen Pöllnitz und einer katholischen Predigerwitwe!«

»Ich gestehe, Sire, wenn Eure Majestät mich über die Kreuzungsmöglichkeit zwischen Papagei und Affe zu interpellieren geruht hätten -- ich könnte in keiner größeren Verlegenheit um die Antwort sein!«

»Sehr gut!« lachte Pöllnitz, den Mund voll Geflügel, wischte sich die fettglänzenden Lippen und nippte an dem Burgunder, der in einem schönen Kristallglase vor ihm stand. »Mein Kompliment, Maupertuis!«

»Sie halten also nichts davon?« fuhr der König fort, sich wiederum an Maupertuis wendend.

»Sire, ich würde einen Versuch zwischen so verschiedenartigen Gattungen kaum riskieren! Wenigstens mit meinen Tieren nicht!«

»Die Gattungen sind allerdings sehr verschieden!« lachte der König. »Aber es interessiert mich doch sehr, in Erfahrung zu bringen, wie Pöllnitz, der an gar nichts glaubt, es anstellen würde, den protestantischen Glauben gegen den katholischen umzutauschen!«

»Der Kasus ist schwierig!« lachte Maupertuis.

»Aber von großem Reiz! Ich möchte das Experiment anstellen und erteile denn unserem Freunde schweren Herzens den erbetenen Abschied aus meinen Diensten, auf daß er sich dem Witwenstand widme!«

Pöllnitz hörte zu essen auf und blickte Friedrich mit offenem Munde an.

»Majestät hätten wirklich die Gnade?«

»Ich muß wohl, lieber Pöllnitz, da Sie so prompt die Ihnen gestellte Bedingung erfüllen!«

»Ich -- ich hätte --?«

»Sie haben mir soeben ein unfehlbares Mittel in die Hand gegeben, den Senat von Venedig zu zwingen, mir in der Angelegenheit der Tänzerin Barberina zu Gefallen zu sein!«

»Nicht, daß ich wüßte --!«

»Sie sind eben ein Genie, lieber Pöllnitz! Sie haben Eingebungen, ohne zu wissen woher! Sie geben sie weiter, ohne zu wissen wie!«

»Sire, wenn ich um die Gnade bitten dürfte, mir zu erklären --!«

»Später, lieber Pöllnitz! Sobald die Sache spruchreif ist, werden Sie der erste sein, der sie weitererzählen darf! Wer weiß -- vielleicht schon beim heutigen Konzert! Sie machen mir doch das Vergnügen?«

Pöllnitz bedankte sich überglücklich, denn seine Neugier war größer als sein Abscheu gegen Musik. Das Diner nahm seinen Fortgang. Friedrich war in der heitersten Stimmung, er machte seinem Küchenchef nicht die geringste Änderung in dem ihm vorgelegten Küchenzettel für den nächsten Tag und hob die Tafel erst gegen drei Uhr auf, um sich in sein Schlafzimmer zurückzuziehen und einer kurzen Mittagsruhe zu pflegen.

Nach einer halben Stunde erhob er sich, setzte sich an den kleinen Schreibtisch am Fenster und las laut und bedächtig die frisch geschriebenen Blätter eines französischen Manuskripts von seiner Hand durch. Es waren die »Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg« (»-=Mémoires pour servir à l'histoire de la maison de Brandenbourg=-«). Er war eben im Begriff, die Geschichte seines Vaters abzuschließen, und mußte noch einiges über dessen häusliches Leben hinzufügen. Das wurde ihm schwer.

Tagelang stockte die Arbeit bei diesem Punkt. Er fühlte sich nicht unbefangen genug. Wenn er sich wieder in die Vergangenheit vertiefte und die ganzen Leiden seiner Kronprinzenzeit durchlebte, geriet er in eine Aufregung, die ihm den Blick zu trüben drohte. Das ganze gewaltsame Zurückdrängen seiner Neigungen -- seine Verzweiflung -- sein vereitelter Fluchtversuch, die Leiden im Gefängnis, die Hinrichtung seines Freundes Katte -- alles stand ihm wieder lebendig vor Augen, und nicht minder die lange Zeit der allmählichen Aussöhnung mit dem Vater, das schrittweise Eingehen auf dessen Intentionen und das Verheimlichen der eigenen -- wobei es bei aller guten Absicht nicht ohne einige Unaufrichtigkeit gegangen war!

Das alles gehörte mit ins Bild! Vergebens rang er seit Tagen mit sich selbst, um sich darüber zu erheben und die unumgängliche Objektivität zu erlangen!

Heute wollte er die Sache zu Ende bringen. Er war nicht der Mann des geduldigen Harrens und Sinnens! Er war der Mann der Tat!

»Wir dürfen der neidischen Mitwelt nicht den Schlüssel unserer Seele ausliefern! Wir leben nicht nur für uns, sondern für das Land! Da dürfen wir nur Taten zeigen, die die Zukunft schaffen -- nicht Reflexionen über die Vergangenheit liefern, die's dem Feinde erleichtern, unser Lebensrätsel zu deuten und unsere Taten zu hintertreiben!«

Er tauchte den Gänsekiel ein und setzte ihn zum Schreiben an. Legte ihn aber plötzlich aus der Hand und ging ein paarmal durchs Zimmer, setzte sich dann entschlossen hin und schrieb kurz und gut:

»Wir haben die häuslichen Verdrießlichkeiten dieses großen Fürsten mit Stillschweigen übergangen. Man muß in Anbetracht der großen Tugenden eines solchen Vaters für die Fehler der Kinder einige Nachsicht haben!«

Das war alles!

Die Erinnerung seiner Leiden war verblaßt und in nichts zerflossen neben dem Bewußtsein, machtvoll in das Leben seiner Zeit eingreifen zu können, und neben der Dankbarkeit gegen den Vater, dessen große Tüchtigkeit ihm das ermöglicht hatte. Dieses Mannes Sparsamkeit, sein Ordnungssinn, sein unermüdlicher Fleiß und sein organisatorisches Genie hatten das Preußen geschaffen, das Friedrich zum Sieg führen durfte! Ein wohlgefüllter Staatsschatz, ein streng geordnetes Staatsgebilde, eine schlagfertige Armee -- alle Vorbedingungen zur großen Tat hatte Friedrich von ihm empfangen. Der fruchtbare Nährboden künftiger Größe und gloriosen Ruhms war da, wohlgeackert und in gutem Stand! Das wog alles andere auf!

Schon hatte er Schlesien erobert, die Karte Europas umgestaltet -- er hatte Österreich niedergerungen, das Ansehen seines Hauses gehoben -- er hatte schon Geschichte gemacht!

Er griff noch einmal zur Feder.

»Machen wir Geschichte, so sollen die Federfuchser sie uns nicht verderben! Wir haben selbst alle Fäden in der Hand! Können sie also selbst am besten entwirren!«

Er schrieb den Titel: »-=Histoire de mon temps=-«, ließ dann aber die Feder wieder sinken.

Noch war's zu früh! Die Tat war getan! Aber noch wob der Neid der andern sein Fangnetz immer dichter um ihn her! Noch stand er Gewehr bei Fuß, um seine Eroberung zu schützen! Sicherlich würde er noch um sie zu kämpfen haben!

»-=Eh bien!=-« sagte er, »zweimal erobern! Dreimal, wenn's sein muß! Aber nur einmal beschreiben!«

Er warf das Blatt beiseite, schlug auf die Tischglocke und befahl dem Lakaien, den Privatsekretär zu rufen.

Dieser trat ein, nahm an dem anderen Schreibtisch Platz, spitzte seinen Gänsekiel und legte ein Blatt Papier zurecht.

Der König ging auf und ab, blieb dann und wann stehen und diktierte einen Abschiedsbrief an den jungen Herzog Karl Eugen von Württemberg, der die letzten Jahre bei ihm gelebt hatte und jetzt, sechzehn Jahre alt, für mündig erklärt wurde und in sein Land zurückkehrte.

»Denken Sie nicht, das Land Württemberg sei für Sie geschaffen, sondern glauben Sie, daß die Vorsehung Sie hat geboren werden lassen, um das Volk darin glücklich zu machen. Ziehen Sie immer den Wohlstand desselben Ihren Vergnügungen vor. Wenn Sie schon in Ihrem zarten Alter Ihre Wünsche dem Wohl Ihrer Untertanen aufzuopfern wissen, so werden Sie nicht nur die Freude Ihres Landes, sondern auch die Bewunderung der Welt sein --«

So weit kam er im Diktat, da klopfte es an der Tür, und der Kurier trat ein, machte Honneur und überreichte dem König auf dem Hut einen Brief.

»Von Seiner Exzellenz dem Staatsminister von Podewils!«

Friedrich nahm den Brief, las ihn rasch durch, hieß den Kurier gehen und wandte sich dann an den Privatsekretär.

»Du sollst an unseren Gesandten in Wien, den Grafen Dohna, privatim schreiben, er soll dem Gesandten Venedigs sofort in unserem Auftrage mitteilen, wir hätten den Gesandten der Republik am Hofe von England, der sich auf der Durchreise in unseren Staaten befindet, aufheben und festnehmen lassen mitsamt seinem Gepäck! Er möge es dem Senat von Venedig mitteilen! Weiter ist nichts nötig! Der Kurier geht noch heute ab!«

»Zu Befehl!«

»Der Senat wird sich beeilen, unser Wohlgefallen wiederzugewinnen«, sagte Friedrich halb für sich selbst und blieb dann stehen.

»Weiter den Brief an den Herzog Karl Eugen!«

Der Sekretär legte das angefangene Blatt wieder zurecht und tauchte seine Feder ein. Friedrich diktierte weiter.

»Sie sind das Oberhaupt der _=bürgerlichen=_ Religion in Ihrem Lande, die in Rechtschaffenheit und allen sittlichen Tugenden besteht! Es ist Ihre Pflicht, die Ausübung derselben, besonders der Menschlichkeit, zu fördern, welche die Haupttugend jedes denkenden Geschöpfes ist. Die _=geistliche=_ Religion überlassen Sie dem höchsten Wesen! In diesem Stück sind wir alle blind und irren auf verschiedenen Wegen. Wer unter uns wäre so kühn, daß er den rechten Weg bestimmen wollte! Hüten Sie sich also vor dem Fanatismus in der Religion, der Verfolgungen bewirkt!«

Dann noch die üblichen Höflichkeitsphrasen -- die Unterschrift im Stehen hingekratzt, und der Sekretär wurde entlassen.

Die Kabinettssekretäre traten ein mit den fertigen Antworten auf die am Morgen eingegangenen Briefe und legten sie dem König zur Unterschrift vor. Und dann war die Arbeit des Tages beendigt.

Michaelis meldete, daß alles zum Konzert bereit sei, und half dem König, sich zurechtzumachen. Friedrich nahm seine Flöte, suchte die Noten zusammen und ging durch das Schreibzimmer in den Musiksaal hinaus, wo eine kleine, aber auserlesene Gesellschaft wartete, vom Schein der unzähligen Kerzen des Kronleuchters überflutet.

Er verteilte die Stimmen unter die Musiker, tauschte ein paar scherzhafte Worte mit Meister Graun aus, der am Flügel saß, ging an sein Pult und gab das Zeichen zum Beginn.

Alles lauschte andächtig -- die alten Generale ganz gehorsamst, als gälte es eine -=Ordre de bataille=- zu empfangen. Pöllnitz litt unsägliche Qualen.

Nach Beendigung des Konzertes ging Friedrich hin und klopfte ihm mit der Flöte auf die Schulter.

»Nun, Pöllnitz, habe ich auch einen Ohrenschmaus für _=Ihn=_! Seinen Freund Capello, den Er so gern in Berlin sehen wollte, habe ich aufheben und in festen Gewahrsam bringen lassen! Das war eine gute Idee von Ihm!«

»Von mir?« rief Pöllnitz entsetzt, »Majestät verzeihen, aber --«

»Ich weiß«, unterbrach ihn Friedrich, »Er hat mich nicht direkt darum gebeten. Vorsichtig wie immer, hat Er sich mit Andeutungen begnügt! -- Ich glaube sogar, Er hat weiter nichts als seine Durchreise erwähnt! Das genügt aber, damit ich weiß, was ich tun soll! Er hat mich also gut bedient! Denn jetzt werden wir bald das Vergnügen haben, die Pirouetten der schönen Barberina hier zu bewundern -- dank Seiner Findigkeit, Pöllnitz!«

»Ich versichere aber --«

»Gebe Er sich keine Mühe! Ich glaube Ihm doch keine Seiner Versicherungen! Er hat aber Pech, daß Er nicht dabeisein kann! Als Connaisseur und Verehrer Terpsichores würde Er sicher auf Seine Kosten kommen! Nun -- Er hat ja Seine reiche Witwe! Wer weiß, was für Sprünge die Ihm macht!«

Und damit drehte er dem Zeremonienmeister den Rücken, legte die Flöte auf sein aus Schildpatt und Perlmutter angefertigtes Notenpult nieder und befahl das Souper.

17

Es dauerte nicht lange, da ging vom Gesandten Preußens in Wien, dem Grafen Dohna, ein Bericht ein.

Chevalier Contarini, der Gesandte Venedigs am kaiserlichen Hofe, hätte ihm im Auftrag seiner Regierung mitgeteilt, der Senat von Venedig habe sich beeilt, die Tänzerin Signorina Campanini verhaften zu lassen, um Seiner Königlichen Majestät gefällig zu sein, und hielte sie der Krone Preußen zur Verfügung. Graf Dohna erbat sich Instruktionen.

Ob ihr einfach befohlen werden solle, sich nach Berlin zu begeben, um ihr Engagement anzutreten, ober ob es nicht ratsamer wäre, sie als Gefangene zu transportieren?

Friedrich überlegte sich die Sache nicht erst lange.

Die »Mamsell« hielte ja ihre geschriebenen und verbrieften Verpflichtungen nicht ein! Sie hatte ihm, dem Könige von Preußen, zu trotzen gewagt! -- Sie würde sich den Teufel um den Befehl des Senats von Venedig kümmern!

Der König verfügte kurz und gut, die Sylphide inhaftiert zu lassen und sie unter guter und sicherer Bedeckung nach Wien zu bringen, von wo aus sie über Schlesien nach Berlin weitergebracht werden sollte!

Der Senat, der die Grausamkeit gehabt hatte, Barberina aus den Armen ihres geliebten Stuart zu reißen, um sie bis zum Eintreffen der Antwort Friedrichs in Haft schmachten zu lassen, hatte nichts Eiligeres zu tun, als sie in eine Gondel zu setzen, um sie mitsamt ihrer über das Abenteuer hocherfreuten Mutter und trotz ihren Tränen nach Mestre zu spedieren, von wo aus die Fahrt dann unter Bedeckung einer starken Kavallerieeskorte nach der österreichischen Grenze ging.

Dort wurde sie von einem alten Hausmeister Dohnas, namens Mayer, in Empfang genommen, der dem venezianischen Offizier den »Habenden Schein« über den richtigen Empfang instruktionsgemäß »extradierte« und die Tänzerin, ohne sie zu sehr zu fatigieren und unter richtiger Berechnung und »tunlichstem Menagement« des mitgegebenen Geldes weitertransportierte.

Anzunehmen ist, daß es sich der gute Mayer instruktionsgemäß auch angelegen sein ließ, ihr unterwegs »auf alle Weise zu flattieren« und ihr klarzumachen, wie sehr sie sich eigentlich freuen müßte, in die schöne Stadt Berlin, an einen großen Hof und in die Dienste eines gnädigen Königs zu kommen!

Anzunehmen ist aber auch, daß Barberina die große Gnade, als eine Kriegsgefangene wochenlang durchs Land geschleppt zu werden, nicht besonders hoch einschätzte, sowie, daß sie unaussprechliche Qualen ob der jähen Unterbrechung ihres Liebesglücks litt.

Jedenfalls machte ihr Geliebter unterwegs einen vergeblichen Versuch, sie zu befreien. Und Mayer bekam somit Anlaß, von seiner Instruktion Gebrauch zu machen, auf Grund einer ihm von der Königin Maria Theresia ausgestellten Vollmacht »benötigten Falls von den K. Hungarischen und Böheimbschen Gouverneurs oder Magistraten der Städte und Dörfer um eine kleine Eskorte von Ort zu Ort zu ersuchen«.

Graf Dohna konnte also seinem Souverän berichten, daß die so heißbegehrte Schöne unterwegs sei und im »besten Zustande« bald ankommen würde. Und Friedrich hatte die Befriedigung, einmal seine »überflüssige« Diplomatie für ihre »Briefträgerdienste« loben zu können.

Wochenlang dauerte die Reise. Mayer hatte, um den Nachstellungen des »völlig rabiaten« Galans zu entgehen, die Reiseroute geändert und hatte seine liebe Not, mit seiner Tänzerin durchzukommen. Denn, wie er sich zu berichten veranlaßt sah, war sie »etliche Tage vor Liebe und Chagrin« krank. Aber es ging. Und Anfang Mai langte er mit der teuren Last in Berlin an.

Einige Tage später wurde Friedrich gemeldet, daß der Gesandte Englands, Lord Hyndford, um Audienz bitten lasse.

Er empfing ihn sofort.