Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen
Part 18
Wo die Briefe geblieben waren, war nicht schwer zu erraten! Aber die Familie sollte ihm keine derartigen Streiche mehr spielen! Er war jetzt frei! Sein Onkel war tot, dessen riesiges Vermögen in seinen Händen! Er hatte seinen Abschied genommen, war sein eigener Herr und konnte tun, was er wollte! Aber sie?! -- Man hatte ihm von der Bewerbung Sir Josuahs erzählt! -- Man wußte auch, daß dieser auf Erhörung rechnen durfte! -- Ihr eigener Brief an ihn -- der einzige, den _=sie=_ ihm geschrieben hatte, hatte ihn beunruhigt! War sie noch frei -- oder --?
»Ebenso frei wie Sie, Lord Stuart!« sagte sie und hob die Nase hoch.
»Wie soll ich das verstehen?«
»Daß ich mich auch anderweitig verlobt habe! Genau wie Sie!«
»Du hast ihm also dein Wort gegeben?!«
»Ich habe ihm mein Wort gegeben! Und ich werde es halten!«
Er fuhr zurück, als hätte ihn ein Peitschenhieb getroffen.
»Treulose!« rief er. »So bald vergißt du deinen Eid!«
Da wurde ihr gemeldet, Sir Josuah sei da, um sie zur Trauung abzuholen.
»Ich werde dich schon an den Eid erinnern!« rief sie, eilte hinaus und kam zurück, gefolgt von Sir Josuah.
Die Überraschung der beiden Herren war von derartiger Komik, daß sie in lautes Lachen ausbrach.
»Sie scheinen sich nicht zu kennen, meine Herren?!« rief sie. »So gestatten Sie mir denn vorzustellen: Sir Josuah Crichton, mein Verlobter -- Lord Stuart, _=mein Gemahl!=_«
Sie legte dem erstaunten Beß die Hand auf den Mund, um ihn am Sprechen zu hindern. »Wir sind vor Gott getraut, Sir Josuah! Daran ist nichts zu ändern! Sie und Ihre Tochter müssen eben das Nachsehen haben!«
Sir Josuah brach in die heftigsten Vorwürfe aus. Die Ehe wäre ungültig und würde wieder gelöst werden! -- Lord Stuart wäre nicht mündig und könne ohne Einwilligung seines Vaters keine Ehe eingehen -- außer der, zu der ihn sein Vater bereits verpflichtet hatte! Und was sie beträfe, so hätte sie doch _=ihm=_ ihr Wort gegeben!
»Ich habe Ihnen versprochen, Ihnen zum Altar zu folgen, Sir Josuah, weiter nichts! Wenn Sie's verlangen, werde ich mit Ihnen den Spaziergang machen! Aber nie und nimmer, um mich mit Ihnen trauen zu lassen!«
»Sie haben mich getäuscht!«
»Durchaus nicht! Sie sollen aber keinen Schaden an mir haben! Das Landhaus an der Themse steht Ihnen wieder zur Verfügung. Die Luft ist mir dort zu feucht! Beim Ballett können wir keinen Rheumatismus gebrauchen! Den Negerprinzen aber, die ich immer noch nicht bekommen habe, können Sie in meinem Namen die Freiheit schenken! Um Ihren Tanz tut es mir aber leid! Ich habe Sir Josuah ausgebildet«, wandte sie sich an Beß. »Er hat sich in der choreographischen Kunst sehr bewährt! Man könnte ihn schon für Geld zeigen! Nicht wahr, Sir Josuah?«
Aber Sir Josuah hörte nicht. Er war längst davongelaufen, und die beiden Liebenden blieben laut lachend zurück, um sich über den gelungenen Streich zu freuen.
»Alle Heiligen!« rief Barberina plötzlich. »Den König von Preußen habe ich ja vergessen! Wie werde ich den nun los?«
»Dem hast du doch nicht auch die Ehe versprochen?!«
»Weit schlimmer! Ich habe mich von ihm anwerben lassen!«
»Au weh!«
»Wo fliehen wir nun hin?«
»Nach Italien! Da kommen seine Werber nicht hin!«
Sie war sofort bereit. Noch ehe die Mutter nach Hause kam, war der Vogel ausgeflogen, und sie hatte das Nachsehen. Eine kurze Nachricht, daß sie mit ihrem Gemahl nach Venedig gereist sei, und daß der »Gemahl« nicht Sir Josuah, sondern sein entlaufener Schwiegersohn in spe sei, war alles, was Barberina ihr hinterlassen hatte! Und -- eine Aufforderung, bald nachzukommen!
Sie folgte den Flüchtigen auf den Fersen, mit dem verschmähten Vertrag, aus dem _=sie=_ ihre Tochter gewiß nicht entlassen wollte!
Sir Josuah aber kehrte nach London zurück und war von seiner Liebestollheit gründlich geheilt. Er einigte sich mit dem alten Lord Stuart dahin, dem jungen Herrn Beß Zeit zu lassen, sich auszutoben, was der heiligen Ehe nur zuträglich sein würde! -- Die Hochzeit müsse allerdings verschoben werden. Aber die Verlobung bliebe bestehen! Denn was ein Gebieter der City von London ausgemacht, verbrieft und besiegelt hatte, daran war nicht zu rütteln! Eher müsse die Welt untergehen!
Lord Stuart war ganz seiner Meinung. Und grüßte ihn wieder, wenn auch mit gemessener Würde.
Viertes Buch
-=Fridericus Rex=-
16
Es war ein bitterkalter Januarmorgen im Jahre 1744. Vom Turme der Garnisonkirche zu Potsdam schlug es fünf, und das Glockenspiel klimperte seinen Choral ins Dunkel hinaus. Die Stadt schlief noch.
Im Stadtschloß war es aber schon seit einer Stunde lebendig. Von der Brücke aus konnte man Licht in einem der ersten Fenster des linken Flügels sehen, wo der König residierte.
Die Ofenheizer waren schon dabei, in den Kaminen Holz und Kohlen aufzuschichten. Im Vorzimmer wartete der Kammerdiener Michaelis.
Als der letzte Schlag aus dem Turme verklungen war, trat er durch das Schreibzimmer ins Schlafzimmer, gefolgt von den Heizern, die sich sofort anschickten, das Feuer im Ofen anzumachen. Er ließ die Kerzen in der Krone anstecken, öffnete die silberne Balustrade nach dem Alkoven, zog die hellblauen Vorhänge auseinander und trat an das von einem Baldachin überdachte Bett heran, dessen versilberte Schnitzereien im Schein der Kerzenflammen fröhlich aufglänzten.
Der König schlief noch fest.
Rechts vom Bett stand die Tür zum kleinen, runden »Konfidenzzimmer« halb offen, wo Friedrich seine intimen Soupers abzuhalten pflegte, bei denen keine Bedienung anwesend sein durfte.
Über dem runden Tisch glimmte noch eine fast niedergebrannte Kerze in der vielarmigen Bronzekrone und warf ihren flackernden Schein über das kleine, intime, ganz in Rosa und Gold gehaltene Kabinett. Der Tisch war mit den Resten des gestrigen Soupers bedeckt.
Schnell ging der Kammerdiener hinein, ließ die leeren Flaschen durch die Öffnungen an den Seiten des Tisches hinuntergleiten, schob Geschirr und Gläser auf die Mitte des Tisches zusammen und drückte auf einen Knopf. Die Tischscheibe senkte sich lautlos mit allem, was darauf stand, in das unten befindliche Kredenzzimmer hinab. Er zog noch kräftig an einer Klingelschnur, um die Bedienung da unten aufmerksam zu machen, löschte die hinsterbende Flamme aus, ging wieder in den Alkoven hinaus und schloß lautlos die Tür. Feierlich trat er dann an das Bett heran und hustete dreimal laut und vernehmlich.
Der Eroberer Schlesiens ließ sich nicht stören.
Der Kammerdiener streckte die Hand aus und berührte die Schulter des Schlafenden. Umsonst.
Der König drehte sich auf die andere Seite und schnarchte weiter. Er hatte den Schlaf offenbar sehr nötig heute, und es tat dem getreuen Diener im Herzen weh, ihm die Ruhe nicht gönnen zu dürfen. Er hatte aber bestimmte Befehle und hatte sofortige Entlassung zu gewärtigen, wiche er nur einen Zoll breit vom Pfade des Gehorsams ab.
Seufzend trat er an die Waschtoilette heran, entnahm einem ihrer Schubfächer eine zusammengefaltete Serviette, tauchte sie in Wasser und legte sie dann auf das Gesicht des Schlafenden.
Fluchend setzte sich Friedrich auf, lachte aber laut, als er das erschrockene Gesicht von Michaelis sah.
»Hast heute wieder zum Äußersten greifen müssen?« sagte er gähnend und schielte nach der Tür des Konfidenzzimmers.
»Eure Majestät hatten streng befohlen -- --« stotterte der Diener beklommen.
»Es wäre dir schlecht bekommen, hättest du da nicht Ordre pariert!« sagte Friedrich gelassen und ließ sich die Strümpfe und die schwarzsamtenen Hosen reichen. »Aber es ist schlimm, sehr schlimm! Wie lange hast du heute Reveille geblasen?«
»Eine Viertelstunde!« antwortete Michaelis.
»Wir können nicht soviel Zeit verlieren! Das gestrige Souper hat zu lange gedauert! Die Dame Cochois wird nicht mehr hierher befohlen!«
Er ließ sich die hohen Stiefel anziehen, trat aus dem Alkoven heraus und nahm in einem Sessel am Feuer Platz.
Michaelis zog zweimal die Klingelschnur an der Wand und trat dann an den König heran, um ihm die Haarpeitsche zu machen.
Ein Kammerpage kam mit einem Korb herein, in dem die soeben eingegangenen Briefschaften lagen, kniete vor dem König nieder und hielt ihm den Korb hin.
Friedrich entnahm ihm Brief für Brief, prüfte sorgfältig Aufschrift und Siegel, warf diesen oder jenen ungeöffnet in den Ofen, machte die anderen auf, las den Inhalt halblaut durch und schichtete die Briefe in drei Haufen auf den neben ihm stehenden Tisch. Im ersten Haufen bekamen die Briefe einen Kniff nach innen -- im zweiten einen nach außen und im dritten einen nach innen und nach außen, je nachdem, ob sie abschlägig beantwortet werden sollten oder nicht, oder ob die Antwort noch ungewiß sei.
Einen einzigen Brief behielt der König heute auf den Knien. Der Inhalt dieses Briefes mochte nicht angenehmer Natur sein. Denn nach Lesen der ersten Worte hielt er unwillig inne, las den Rest gegen seine Gewohnheit still durch und machte dabei so zornige Bewegungen, daß Michaelis den Haarbeutel wiederholt neu binden mußte.
Ein scharfes: »Nimm dich besser in acht!« wurde ihm höchst ungnädig zugerufen. Und der Kammerpage mußte mit dem geleerten Korbe wieder abziehen, ohne vom König einen Blick, geschweige denn einen Gruß zu erlangen.
Friedrich las den Brief noch einmal durch.
»Eine süffisante, kapriziöse Kreatur wie all die anderen Mamsells! Ohne Gewalt nicht zur Räson zu bringen!«
Er warf den Brief zu den anderen.
Michaelis, der inzwischen mit dem Frisieren fertig geworden war, öffnete eine Tür links im Alkoven und ließ den Kammerhusaren herein, der ohne weitere Zeremonien das königliche Gesicht einzuseifen begann. Er hatte keinen leichten Stand.
Friedrich war äußerst nervös und aufgeregt. Seine gewöhnliche Ruhe und Überlegenheit schienen ganz geschwunden. Er saß keinen Augenblick still. Der arme Kammerhusar bekam Angst, ihn zu schneiden; seine Hand fing an zu zittern, und er mußte die ganze Ungeduld des Königs über sich ergehen lassen.
»Er ist heute aber auch zu ungeschickt!« rief Friedrich, dem beim Einseifen ein wenig Schaum in den Mund gekommen war. Er schielte mißtrauisch nach dem Messer, das sein Getreuer über einen ledernen Riemen hin und her gleiten ließ.
»Nehme Er sich zusammen! Kratzt Er mir nur die kleinste Ritze in die Haut, so kommt Er noch heute nach Spandau!«
Der Kammerhusar setzte das Messer an und begann zu schaben, kam aber nicht weiter als bis zur halben Wange, als Friedrich ihn -=sans façon=- beiseiteschob und Michaelis winkte, der mit einem Waschbecken in einiger Entfernung wartete.
»Winterfeldt!« befahl der König.
Michaelis stellte das Becken fort und ging, immer noch die Serviette in der Hand, zur Tür des Schreibzimmers, öffnete sie und ließ den Generaladjutanten herein.
»Den Rapport!« befahl Friedrich, den untertänigen Gruß seines Getreuen kaum beantwortend, und setzte sich im Sessel zurecht.
Der Kammerhusar fing an weiterzuschaben, der Generaladjutant zu berichten, und Friedrich, das Messer an der Kehle, mußte vieles über sich ergehen lassen.
Zunächst lagen da militärische Angelegenheiten vor, Urlaubsgesuche und so weiter, die Friedrich, den Kammerhusaren nochmals beiseiteschiebend, kurz erledigte.
»Von jetzt ab wird kein Urlaub bewilligt! Die Beurlaubten sollen binnen vier Wochen bei den Fahnen sein! Den Kommandanten der Artillerie ist einzuschärfen, daß sie mit allem Fleiß dafür sorgen, mit Einbruch des Frühlings die Geschützbespannungen vollständig zu haben!«
Damit überließ er sich wieder dem Messer. Aber da kam Winterfeldt mit einem Gesuch um Heiratskonsens für einen Offizier, und die Hand des Kammerhusaren wurde wieder beiseitegeschoben.
»Wird abgelehnt! Die Herren Offiziers denken nur an Mariage und sind im Dienste danach!«
Winterfeldt versuchte einen schwachen Einwand. Die betreffende Braut wäre reich und die Tochter eines angesehenen Bürgers! -- Da kam er aber schlecht an.
»Wir halten nicht Soldaten zum Amüsement der Bürgertöchter! Wir permittieren keine Mesalliancen! Überhaupt keine Offiziersmariagen! Das gibt allemal Chagrin und böse Suiten! Und ich habe das Frauenzimmer auf dem Hals, nachher, wenn's in die Kampagne geht und der Herr Offizier tot bleibt! Kopulieret wird nicht!«
»Krieg in Sicht«, dachte Winterfeldt und hielt mit weiteren derartigen Gesuchen zurück. Er schloß mit der Meldung, daß auf der heutigen Parade Rekruten zur Besichtigung da sein würden, damit der König die für seine Grenadiergarde geeigneten aussuchen könnte.
»-=Eh bien!=-« sagte der König. »Wer ist zur Audienz da?«
»Der Staatsminister von Podewils, der Finanzminister Boden, Baron von Pöllnitz --«
»Der Schwätzer! Und Knobelsdorff? Ich hatte ihn heute befohlen!«
»Knobelsdorff hat sich krank gemeldet!«
»Das sind leere Exkusen! Er hat sich echauffiert, weil er mein Sommerhaus draußen in den Weinbergen nach meinem Kopf bauen muß! Geh Er hin zu ihm! Er soll mir heute bei der Parade seine Krankheit präsentieren! Wir werden ihn höchstselbst kurieren! Zum Diner werden heute befohlen: Pöllnitz, Maupertuis, der malade Knobelsdorff und Er selbst! Lege Er die Liste der Herrschaften, so Audienz haben wollen, draußen auf meinen Schreibtisch! -=Au revoir!=-«
Winterfeldt salutierte und ging.
»Nun kratz endlich zu! Sonst wirst du, meiner Seele, nimmermehr fertig!« herrschte Friedrich den Kammerhusaren an. Und dieser kam denn endlich dazu, seine kitzliche Arbeit ohne weitere Störungen zu beenden.
Friedrich musterte sein Gesicht genau im Spiegel. Er schien eher ärgerlich als zufrieden damit zu sein, daß nicht die geringste Schramme zu sehen war, und fertigte sein Faktotum ab mit einem kurzen: »Er kann gehen!«
Darauf befahl er die Kabinettsräte, die die aufgeschichteten Briefe an sich nahmen, kurz den Inhalt referierten und die Antwort des Königs auf der Rückseite notierten. Sie entfernten sich dann, um die Antworten ins reine zu schreiben, und ließen nur den einen Brief zurück, dessen Inhalt den König so sehr geärgert hatte, und den er nochmals las und wieder hinwarf.
Dann stand er auf, entnahm einem Etui auf der weitbauchigen Kommode zwischen den Fenstern eine Flöte, ließ die beiden Windspiele, die die letzte Nacht nicht in seinem Bett, sondern im Vorzimmer verbracht hatten, ein und ging, von ihnen umwedelt, ins Schreibzimmer, um den Kaffee zu trinken.
Der Kaffee mundete ihm heute nicht. Gegen seine Gewohnheit trank er nur eine Tasse, nahm dann die Flöte und fing, auf und ab gehend, an zu blasen. Aber die Hunde wollten nicht Ruhe halten. Sie witterten die Nervosität und die Verstimmung ihres Gebieters und waren auch ob der nächtlichen Zurücksetzung indigniert. Nach den ersten paar Takten fühlten sie sich bemüßigt, auch ihrer Verstimmung in Tönen Luft zu machen, und heulten brav mit.
»-=Tu beau=-, Biche!« rief Friedrich und blies weiter. Aber Biche war nicht zu besänftigen, und auch Alkmene machte brav die Musik mit.
Halb belustigt, halb geärgert, legte Friedrich die Flöte fort, nahm die Liste der im Audienzzimmer Wartenden in die Hand und las sie laut durch, während er im Zimmer auf und ab ging. Einen Augenblick blieb er stehen und blickte durchs Fenster in den grauenden Tag hinaus. Unter der Linde draußen auf der Straße standen ein paar Leute und stampften und froren ganz erbärmlich!
»Michaelis!« rief der König. »Laß den Leuten ihre Suppliken abnehmen! Wenn sie da stehen sollen, bis ich Zeit für sie habe, frieren sie mir fest und machen die Aussicht malproper! Und laß mir den Staatsminister herein!«
Michaelis ging in das kleine ganz mit Zedernholz getäfelte Kabinett, das das Schreibzimmer des Königs von den übrigen Gemächern trennte, schickte einen Lakaien die von dort direkt nach dem Lustgarten führende kleine Treppe hinunter, um den Befehl auszuführen, öffnete dann selbst die Tür zum angrenzenden Musikzimmer, wo die zur Audienz Befohlenen warteten, und machte dem Herrn Staatsminister feierlichst die befohlene Mitteilung.
Podewils verfügte sich zu Friedrich hinein und mußte zu seinem Schrecken wahrnehmen, daß sein allergnädigster Gebieter sich über Nacht in das Gegenteil verwandelt hatte.
Friedrich saß im Sofa hinter dem Schreibtisch, den ominösen Brief in der Hand, und lächelte seinen Staatsminister sarkastisch an.
»Exzellenz wollen sich bei uns nach dem Stand der auswärtigen Angelegenheiten erkundigen? Das ist recht! Das ist brav! Als Staatsminister müssen Exzellenz doch auch Bescheid wissen! Wir können also wieder mit der alten Neuigkeit aufwarten, daß wir schlecht -- sehr schlecht -- bedient sind! Unsere Diplomaten taugen alle nichts! Sie sind, wie immer, nur unsere Briefträger! Wir selbst müssen jeden Schritt der Herren dirigieren -- müssen an alles denken! Da schwätzt uns unser Botschafter in Paris eine Tänzerin auf! Den Vertrag hat er wirklich zustande gebracht! Das ist aber auch alles! Der gute Chambrier wird senil! Wir werden ihn rappellieren müssen! Wir lassen jene Tänzerin zur Dienstleistung hierher befehlen! Und was tut sie? -- Sie weigert sich! -- Es konveniert ihr, in Venedig ihren Amouren nachzulaufen! Und in Venedig kennt man den König von Preußen nicht! Man kennt nicht einmal Podewils -- unseren unvergleichlichen Podewils! Seiner höflichen Bitte, die leichtfüßige Schöne festzunehmen, setzt man ein unverblümtes >Nein< entgegen! -- Wir müssen uns echauffieren! Wir nehmen unseren Podewils vor! Wir waschen ihm den Kopf! Wir fragen ihn: >Podewils, wozu haben wir unsere Verbündeten?! Wozu haben wir Spanien, wozu haben wir Frankreich?!< -- Und Podewils, der exzeptionell gescheite Podewils, setzt Spanien, er setzt Frankreich in Bewegung! Die Botschafter der Großmächte werden in der hochwichtigen Sache vorstellig! Und Venedig sagt >nein<! -- Wir lassen -- immer noch durch Podewils -- unseren Ambassadeur in Wien ersuchen, sein diplomatisches Genie zu unserem Faveur in dieser fatalen Sache zu betätigen! Wir denken: Dohna, der es so gut verstand, Maria Theresia warm zu halten, wird uns auch jenes obstinate Frauenzimmer zur Räson zu bringen wissen! Er wird sich noch lange nicht pensionieren lassen wollen! Und Dohna, galant wie immer, unterliegt dem einen Unterrock wie dem anderen! Dohna schreibt uns -- -- aber lese Er selbst den Wisch!«
Er warf ihm den Brief zu. Podewils las ihn und legte ihn dann achselzuckend auf den Tisch.
Friedrich blies inzwischen ein paar Passagen auf der Flöte. -- Biche sekundierte, prompt wie ein alter routinierter Kapellmusiker einsetzend. Ärgerlich warf Friedrich die Flöte hin und blieb vor Podewils stehen, der sein Entzücken ob des Doppelkonzerts kaum verbeißen konnte.
»Wir sind nicht gesonnen, uns von einem Frauenzimmer auf der Nase herumtanzen zu lassen -- sei's die Königin von Ungarn -- sei's die regierende Mätresse von Frankreich -- sei's eine verlaufene Tänzerin! Er soll dem Senat von Venedig beibringen, dem Könige von Preußen gefällig zu sein! Jene Tänzerin soll hier in unserer Oper vertragsmäßig ihre Pirouetten exequieren! Das ist unser Wille! Und können meine Herren Ambassadeurs nicht einmal das durchsetzen, so sollen sie alle miteinander in Spandau über die Künste der Diplomatie nachsinnen! Schreibe Er das sofort an Dohna!«
»Zu Befehl!« sagte Podewils und steckte den Brief Dohnas in sein Portefeuille, dem er noch einige Dokumente entnahm, um sie dem König zur Unterschrift vorzulegen.
Friedrich flog rasch den Inhalt der Schriftstücke durch, nahm den Gänsekiel und kratzte mit seiner feinen Handschrift einige Randbemerkungen hinein, unterschrieb und blickte wieder seinen Staatsminister an.
»Daß Er sich aber nicht noch einen Korb holt! Weder vom Senat von Venedig, noch von jener Tänzerin!«
»Majestät geruhen gnädigst zu entschuldigen, aber das Ballett ist für mich eine -=terra incognita=-! Da wäre wohl eher der Zeremonienmeister, Baron von Pöllnitz, zuständig?!«
»Pöllnitz ist ein -=mauvais sujet=-, ein Plappermaul! Immerhin hat er mehr Esprit als mancher Staatsminister!«
»Wollen Majestät nicht geruhen, ihm den Auftrag zu geben? Er wartet draußen!«
»Wir pflegen uns präzise auszudrücken, Podewils, und wollen unsere Befehle, wie gegeben, auch exekutieret wissen! Er hat gehört! Lege Er mir morgen das Schreiben an Dohna vor! Und nun: Gott befohlen!«
Podewils verbeugte sich und ging.
Friedrich befahl, den Baron von Pöllnitz vorzulassen. Und herein tänzelte mit unnachahmlicher Grazie dessen wohlgenährte Gestalt und machte seine allerschönsten Reverenzen vor dem Herrn und Gebieter.
»Pöllnitz -- Er soll den erbetenen Abschied haben!« rief der König ihm zu, und der Angeredete blickte hocherfreut auf. »Er soll seine Witwe in Nürnberg haben! -- Er soll wieder katholisch werden dürfen! -- Er soll die achtzigtausend Taler für Sein Seelenheil einsacken dürfen, obwohl es keinen Groschen wert ist! Aber nur unter einer Bedingung!«
»Und die wäre?«
»Daß Er mir die Tänzerin Barberina aus Venedig hierher besorgt, und zwar mit allergrößter Schnelligkeit! Die Sache dauert mir schon zu lange!«
Der König erzählte ihm den Zusammenhang und fügte hinzu: »Zeige Er, daß er mehr vermag als die gesamte europäische Diplomatie! Verdiene Er seine Witwe! Keinen Widerspruch! -- Beim Diner werden wir die -=Ordre de bataille=- gemeinsam entwerfen! Bis dahin kann Er auf Rat sinnen!«
Mit einer schnellen Handbewegung verabschiedete er den verdutzten Höfling, ging in sein Schlafzimmer zurück, ließ sich das Haar pudern, den blauen Uniformrock mit dem Stern anlegen, den Degen umschnallen und trat in den Musiksaal hinaus, um die weiteren Audienzen zu erledigen.
Die Minister standen im Kreis da und harrten des Gebieters. Friedrich, den Hut auf dem Kopf, den Krückstock in der Hand, trat zu ihnen hin, musterte sie alle scharf der Reihe nach und blieb dann vor seinem Justizminister Cocceji stehen.
»Heute sind wiederum Briefe eingelaufen, worin über eine verdorbene Justiz in meinen Landen geklagt wird! Ich kann nicht länger dazu stilleschweigen!« sagte er ärgerlich. »Wenn ich mich selbst darein melieren muß, so befehle ich Ihm denn, an alle meine Justizkollegien eine nachdrückliche Ordre ergehen zu lassen, worinnen diese angewiesen werden, bei Vermeidung hoher Bestrafung darauf zu arbeiten, daß jedermann ohne Ansehen der Person eine solide Justiz administrieret wird. Die Ordre ist mir morgen vorzulegen!«
Sprach es und drehte Cocceji, der noch niemals ein hartes Wort von ihm zu hören bekommen hatte, den Rücken und wandte sich an den nächsten mit einer kurzen Anfrage über den Stand der Hafenbauten in Swinemünde sowie über die Arbeit an dem Oder-Spree-Kanal, bekam aber, statt klaren Bescheid, eine ausweichende Antwort, die anzunehmen er heute am wenigsten gesonnen war.
»Herr, Seine Entrepreneure sind Tagediebe und faule Bäuche!« sagte er barsch und klopfte dem Minister mit der brillantierten Krücke seines Stockes auf die Schulter. »Der Kanal muß ohnfehlbar und sonder einiges Räsonieren ganz und gar fertig und in brauchbarem Stande sein! Das merke er sich!«
Bei jedem Worte fiel die Krücke seines Stockes immer energischer auf die Schulter des Herrn Ministers, der kein Wort zu erwidern wagte und keine Miene verzog.
Dann wandte er sich an den Finanzminister Boden, nahm ihm den Rapport aus der Hand und las ihn halblaut durch. Seine Züge klärten sich beim Lesen auf, und er nickte wiederholt befriedigt. Nur bei einem Voranschlage schüttelte er den Kopf und wies auf die betreffende Stelle in dem Aktenstück.
»Wird gestrichen!« resolvierte er kurz. »Sternwarten sind gut und nützlich, vorläufig aber der Bauverwaltung der Luftschlösser zu überweisen! Den Akademikern ist zu schreiben, der König gründe vorerst Bauernansiedlungen! Wenn für diese gesorgt sein wird, wird man an die Sterne denken! Unser eigener Stern geht vor!«
Eine Handbewegung -- ein kurzes Lüften des Hutes, eine tiefe Verbeugung der Exzellenzen -- die Audienz war erledigt! Der Privatsekretär nahm den Herren die noch nicht abgegebenen Rapporte ab und ging. Friedrich blieb allein.
Am Fenster hatte man ein eben abgeliefertes Gemälde Meister Pesnes, die Tänzerin Cochois darstellend, zur Besichtigung aufgestellt. Friedrich besah es sich genau, nickte befriedigt und rief Michaelis.