Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen

Part 17

Chapter 173,737 wordsPublic domain

Und so kam es, daß Fossano, der sich noch hinter den Kulissen umhertrieb, sehen konnte, wie Barberina am Arme Sir Crichtons das Theater verließ, um mit ihm und ihrer Mutter in dessen Wagen Platz zu nehmen. Eine Entdeckung, die er nicht zögerte, Lord Albermale zuzuflüstern, der die große Neuigkeit denn auch prompt nach Schottland weiterbeförderte, damit sein Freund Beß nicht denke, seine Geliebte stünde ganz verlassen da.

Das Souper verlief sehr vergnügt. Sir Josuah war von der Konversation Barberinas entzückt und verlor gleich am ersten Abend total den Kopf. Kein Tag verging dann, ohne daß er ihr seine Aufwartung machte. Er brachte ihr Blumen und machte ihr Geschenke aller Art. Barberina sah sich bald im Besitz eines Landhauses an der Themse -- das Bankguthaben der »Mama« schwoll an, und Sir Josuahs Hoffnungen auf Erfolg ebenso -- wenn er sich auch gedulden mußte. Denn Barberina selbst erlaubte ihm nicht die geringste Vertraulichkeit und verstand es geschickt, jedem seiner Annäherungsversuche auszuweichen -- jedoch ohne ihm diese förmlich zu verbieten.

Eines Tages schenkte er ihr einen kleinen, hübschen Mohren zu ihrer persönlichen Bedienung, was ihr einen Ausruf des Entzückens entlockte.

»Wo haben Sie den her?« fragte sie neugierig.

»Eins meiner Schiffe brachte ihn von der letzten Reise mit. Die Negerknaben sind sehr begehrt für den intimeren persönlichen Dienst bei den Damen der feinen Welt! Ich kann kaum so viele anschaffen, wie man von mir verlangt!«

»Sie handeln auch mit Menschen?!« rief Barberina schaudernd.

»Wer tut das denn nicht!«

»Schrecklich!«

»Wieso? Der Mensch wird doch immer gehandelt! Geschäft war doch stets mit den Transaktionen in Menschenfleisch verbunden!«

»Wie können Sie?!«

Sir Josuah lächelte.

»Das ist nicht meine Erfindung! Und übrigens -- am Theater werden Sie's gesehen haben!«

»Verlassen Sie mich!« -- Barberina stand plötzlich kerzengerade vor ihm und zeigte auf die Tür. Er war aber nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen.

»Beruhigen Sie sich, Mademoiselle«, lächelte er, »ich handle nur mit Schwarzen! Die zählen ja kaum noch zu den Menschen! Sie sind aber als solche gut zu gebrauchen! Sie lernen schnell und sind verschwiegen! Die besten Hüter der Boudoirgeheimnisse, die man sich wünschen kann!«

Barberina wandte sich ab, um ein Lächeln zu verbergen. Er sah es und beeilte sich, hinzuzufügen:

»Übrigens versetze ich sie aus einem halb tierischen Zustande in menschenwürdige Verhältnisse! Ich bin also geradezu ihr Wohltäter! Sie werden ihn doch gut behandeln?!«

»Sicher! Wo haben Sie ihn gekauft?«

»Ich kaufe nicht! Ich bediene mich nicht der Sklavenhändler. Ich rüste selbst Expeditionen aus, führe Krieg, mache Gefangene und verkaufe sie dann dort, wo ihre Arbeitskraft benötigt wird!«

Er fing zu erzählen an und gab ihr rasch einen Einblick in die Geheimnisse des echt englischen Geschäfts mit »schwarzem Elfenbein«. Vor ihren entsetzten Augen rollten sich grausige Bilder auf von Mord und Raub und gewaltsamem Zerreißen aller menschlichen Bande. Sie sah in der Phantasie das Treiben auf den Menschenmärkten, wo der Gatte der Gattin, die Kinder den Eltern genommen wurden -- sah in engen Schiffsräumen zusammengepferchte menschliche Leiber, in Ketten geschlossen, von Hunger verzehrt, von Krankheiten dahingerafft -- die Überlebenden zu Skeletten abgemagert, dem traurigsten Schicksal entgegengeführt. -- Und alles, damit England groß und mächtig werde, indem jener dicke, feiste Kerl, der da vor ihr stand, und viele seinesgleichen sich die Taschen mit Gold füllten!

Sie begriff auf einmal, daß er sich auch noch erdreistete, mit seinen plumpen Händen in die Poesie ihres eben erwachten Empfindungslebens eingreifen und kalten Blutes über das Glück zweier Menschen hinwegschreiten zu wollen, nur um seine geschäftlichen Interessen zu fördern! Keine Strafe schien ihr da schwer genug! Sie schauderte ob der selbstgefälligen Nonchalance, mit der er sein schandbares Gewerbe als durchaus ehrenwert und verdienstvoll hinzustellen wagte, und rief voll Entrüstung:

»Ein Räuber sind Sie! Ein Mörder!«

»Ich bin ein Kaufmann, Mademoiselle, weiter nichts!«

»Nennen Sie's, wie Sie wollen, aber schandbar ist es! Und noch schandbarer, daß es geduldet wird! Legt man Ihnen denn gar keine Hindernisse in den Weg?«

»Doch! Das Metier hat auch seine Unannehmlichkeiten! Das gebe ich zu! Die Neider zum Beispiel! -- Da kam vor kurzer Zeit ein Franzose -- ein -=homme de lettre=- -- über den Kanal, angeblich, um englisches Wesen und englische Zustände zu studieren und ein Buch darüber zu schreiben. Er schnüffelte auch bei mir herum. Und ich, in meiner Harmlosigkeit, tat ein bißchen dick und ließ ihn mehr wissen als nötig war. Da wurde er gleich Feuer und Flamme und wollte sein Geld in meinem Niggergeschäft mitarbeiten lassen -- angeblich nur aus Neugier und um praktische Erfahrung zu gewinnen! Ich habe mich aber gehütet! Da ist er gleich zu einem meiner Nebenbuhler gelaufen und hat ihm alles verraten, was er bei mir gelernt hatte! Und nun machen die mir schwere Konkurrenz. Ein Vermögen hat er schon damit verdient! Nichts habe ich so sehr bereut wie das!«

Das waren seine ganzen Bedenken! Menschliche Gefühle schienen bei ihm nicht vorhanden zu sein! Und doch versuchte er den Liebhaber herauszukehren! Sie lachte laut auf.

»Warum lachen Sie?«

»Weil Sie so ganz anders aussehen, als Sie müßten!«

»Wie müßte ich denn aussehen?«

»Nun -- einen Menschenfresser hätte ich mir jedenfalls ganz anders vorgestellt! Man müßte vor Ihnen Grauen empfinden können!«

»Sie werden noch von mir verlangen, daß ich hier vor Ihren Augen den kleinen Negerjungen mit Haut und Haaren verspeise!«

»Ich will überhaupt nichts von ihm wissen! Nehmen Sie ihn zurück!«

»Ich bitte Sie --!«

»Wenn ich ihn sehe, würde ich an all das Schauderhafte denken müssen, was Sie mir erzählt haben! Ich würde böse Träume bekommen!«

»Dann nehmen Sie ihn nur an! Er wird Ihnen süße Wiegenlieder singen! Er ist musikalisch! Er spielt schon sehr gut die Laute!«

»Am Ende tanzt er auch?«

»Sie werden ihm das Tanzen jedenfalls leicht beibringen! Die Schwarzen haben ein angeborenes rhythmisches Gefühl und eine natürliche Empfindung für den Tanz! -- Übrigens ist er ein Prinz!«

»Wer's glaubt!«

»Ganz gewiß! Sein Stammbaum ist allerdings drüben in den Urwäldern Afrikas geblieben! Aber Sie können mir aufs Wort glauben!«

»Also, Sie handeln auch mit königlichen Hoheiten! -- Das ist zum mindesten originell! Das versöhnt mich ein wenig mit Ihrem Elfenbeinhandel!«

Sie lachte plötzlich auf.

»Mir fällt was ein! Die Schwarzen müßten auch anfangen, mit weißen Sklaven zu handeln! Ich möchte zu gern unsere gepuderten Prinzen in ihren seidenen Strümpfen und Spitzenjabots als Sklaven der schwarzen Schönen sehen!«

»In Wirklichkeit werden Sie's kaum erleben! Vielleicht aber auf dem Theater!«

»Da geben Sie mir eine Idee! Daraus lasse ich mir ein pantomimisches Ballett machen! Das wird entzückend! Eine Nummer, die ich allein habe!«

»Sie werden damit Triumphe feiern!«

»Ohne Zweifel! Sie müssen mir aber richtige Negerprinzen dazu besorgen! Eine ganze Schiffsladung!«

»Welche absurde Idee!«

»Sie sagen, daß Sie mich lieben, Sir Josuah, und Sie finden einen Wunsch von mir absurd?! Sie lieben mich eben nicht!«

»Ich bete Sie an!«

»Schweigen Sie! Ich glaube nichts von Ihren Beteuerungen! Kein Wort glaube ich Ihnen!«

»Sie töten mich!«

Er warf sich auf die Knie, so gut es ging, und suchte ihre Hand zu erhaschen. Sie stieß ihn aber zurück.

»Wie hieß jener Franzose, der Ihnen Ihre geschäftlichen Kniffe ablauschte?«

»Warum fragen Sie?«

»Die Franzosen sind galant! Wie heißt er?«

»Voltaire!«

»Er soll mir meine Negerprinzen besorgen!«

»Mademoiselle, Sie töten mich! Ich liebe Sie ja!«

»Kein Wort von Ihren Empfindungen, bitte!«

»Üben Sie Gnade!«

»Wollen Sie mir hoch und heilig versprechen, daß ich bald eine ganze Schiffsladung schwarzer Prinzen mir zu Füßen haben werde?«

»Sie sollen Ihren Willen haben!«

»Schwören Sie's!«

»Ich schwöre!«

»Stehen Sie also auf! Nein, nein -- stehen Sie auf! Ich kann Sie nicht so daliegen sehen! Sie versetzen mich in die tödlichste Angst um Sie! Denken Sie doch an Ihr Embonpoint! Ich kann's nicht dulden, daß Sie Ihr mir so kostbares Leben aufs Spiel setzen! Wer würde mir dann meine Schwarzen besorgen!«

Sie lachte wie ein ausgelassenes Kind.

Er stand etwas begossen auf.

»Setzen Sie sich dahin! Und ganz artig stillsitzen! Wenn Sie brav sind, dürfen Sie mir auch die Hand küssen!«

Sie reichte ihm die Hand, die er sofort begierig ergriff.

»Ich will also Ihren schwarzen Prinzen annehmen! Ich ernenne Sie auch zu meinem Sklaven! Aber nur unter einer Bedingung!«

»Und die wäre?«

»Daß Sie -- in meinem Negerballett mittanzen!«

Sir Josuah fuhr auf. Seine Züge verfinsterten sich. Sie ignorierte es.

»Sie sollen einen französischen Prinzen darstellen, den ich für schweres Geld gekauft habe und den Häuptlingen meines Stammes in seinen nationalen Tänzen vorstelle! Die französischen Prinzen sind alle dick wie Sie! Sie tanzen alle gut!«

»Sie halten mich zum besten!«

»Durchaus nicht!«

»Bedenken Sie doch, was Sie von mir verlangen! Ich, ein Baronet von England, Mitglied des Hauses der Gemeinen, Chef eines der größten Handelshäuser --«

»Diesen Herrn kenne ich nicht! Ich kenne nur meinen Sklaven Josuah, der mir unbedingt gehorchen muß oder zu den Toten geworfen wird! Entweder -- oder!«

»Mademoiselle, ich beschwöre Sie!«

»Gehen Sie, Sir Josuah, ich will nichts von Ihnen wissen! Wie oft haben Sie mir nicht geschworen, Sie wollten mir zuliebe alles tun! Und gleich den allerbescheidensten Wunsch schlagen Sie mir ab! Ich hätte Indiens Schätze verlangen können und verlangte nur einen Tanz! Ich war im Begriff, um Ihretwillen den einzigen Mann zu vergessen, den ich je geliebt habe! Und Sie -- wollen meinetwegen nicht einmal die Beine bewegen! -- Abscheulich! -- Sie sollten sich schämen!«

Und Sir Josuah schämte sich wirklich.

»Alles, was Sie wollen, will ich tun! Aber Sie verlangen das Unmögliche von mir! Ich kann nicht tanzen!«

»Was man nicht kann, kann man lernen! Ich werde Sie unterrichten! Keinen Widerspruch!«

»Wohlan denn! Aber ich werde nicht sehr gelehrig sein! Sie werden nicht viel Freude an mir haben!«

»O doch! Sehr viel!« lachte Barberina, die sich den Spaß göttlich vorstellte. »Und sollten Sie's wirklich nicht so weit in der Tanzkunst bringen wie bis zum französischen Prinzen im Ballett, so will ich Gnade üben und von Ihrer Mitwirkung in meinem schwarzen Ballett absehen! Aber erst dann! Erst müssen Sie Ihren guten Willen zeigen --«

»Und dann?« fragte Sir Josuah sehnsüchtig und ergriff wieder ihre Hand.

»Dann will ich Ihnen erlauben, mir alles zu sagen -- was Sie mir heute nicht sagen dürfen!« antwortete sie und entzog ihm die Hand.

»Und was werden Sie mir dann darauf antworten?«

»Tanzen Sie hübsch brav, Sir Josuah, und Sie werden mit der Antwort zufrieden sein!«

Sie ließ den Worten einen ihrer betörendsten Blicke folgen. Und so kam es, daß Sir Josuah die folgenden Tage in ihrem, ihr von ihm geschenkten Landhause unter ihrer Leitung die schwersten Pas seines Lebens -- seine »Fauxpas«, wie sie sagte -- einstudieren mußte. Er vergaß darob das ganze Parlament von England und versäumte gröblich sein ganzes großes Handelsunternehmen, um seine Baronie, statt mit der ersehnten Lordschaft, mit der vergoldeten Papierkrone eines französischen Theaterprinzen von Geblüt zu schmücken.

Sie hatte ihre helle Freude daran, den verliebten alten Gecken wie einen Tanzbären zu dressieren. Zu den Unterrichtsstunden mußte er in vollem Habit antreten -- in engen seidenen Hosen, Spitzenjabot, Schuhen mit brillantenen Schnallen und federgeschmücktem Dreispitz, das Gesicht rot und weiß getüncht, die Haare gepudert und einen koketten Degen an der Seite.

Als Zuschauer wurde nur der Mohr zugelassen, der auf der Laute den Tanz begleiten mußte.

Sie mußte ihrem Schüler recht geben. Er hatte nicht das geringste Talent, und was er leistete, grenzte ans Groteske. Aber sie hütete sich, es ihm zu sagen. Es machte ihr Vergnügen, ihn zu quälen. Seitdem er ihr triumphierend die Verhaftung ihres Geliebten mitgeteilt hatte, haßte sie ihn mit der ganzen Glut ihres südländischen Temperaments. Sie nahm sich vor, ihm den Kopf zu verdrehen und ihn vor aller Welt so lächerlich zu machen, daß der alte Stuart genötigt sein würde, auf die Verbindung zu verzichten.

Bald hatte sie ihn so weit.

Eines Tages, nach einem ermüdenden endlosen Studium der Gavotte -=à la cour=-, blieb Sir Josuah mitten in einem Kompliment stehen und wischte sich die von Schminke gefärbten Schweißtropfen aus dem Gesicht.

»Habe ich mich nun genug blamiert?« fragte er stöhnend.

»Noch nicht!«

»Ganz London lacht über mich!«

»Die ganze Welt muß lachen!«

»Sie wollen mich vernichten!«

»Ich will Sie lancieren, weiter nichts! Sie sind aber wie alle Debutanten -- das Lachen macht Sie nervös! Freuen Sie sich doch! Wenn man lacht, haben Sie Erfolg! Wenn Sie auf der Bühne stehen, werden Sie's begreifen!«

»Auf der Bühne?! Das verlangen Sie auch noch?!«

»Als Beweis Ihrer Liebe, ja!«

»Fordern Sie jeden anderen Beweis! Treiben Sie's nicht zu weit! Sie richten mich zugrunde! Man hält mich bereits für verrückt! Meine eigenen Angestellten lassen es an der schuldigen Achtung fehlen! Wo ich mich zeige, fängt man zu flüstern an! Wenn ich jemand anrede, wendet er sich achselzuckend ab! Meine nächsten Freunde werfen mir vor, ich wäre auf meine alten Tage ein Geck geworden! Und sie haben recht! Wie sehe ich denn aus? -- Angestrichen wie die Fassade meines eigenen Landhauses -- geputzt wie ein Affe! -- Ich, der einstige Stolz der City! Und warum? -- Weil ich wahnsinnig in Sie verliebt bin -- weil ich an nichts anderes denken kann als an Ihre schwarzen Augen -- weil ich ganz in Ihrer Gewalt bin und dazu verdammt, jede Ihrer Launen zu befolgen! Hätte ich nur das geringste davon, ich würde kein Wort sagen! Gern opfere ich Ihnen alles! Aber Sie machen mir kaum Hoffnung! Sie zeigen mir nicht die geringste Gegenliebe! Jetzt mache ich das nicht mehr mit! Jetzt habe ich genug!«

Erschöpft von diesem Energieanfall, sank er auf einen Sessel nieder und fächelte sich mit dem Hut Kühlung zu.

»Sie vergessen Ihren Eid, Sir Josuah!«

»Ich vergesse ihn nicht! Aber ich breche ihn! Ich erkläre Ihnen hiermit in allem Ernst: wenn Sie sich nicht jetzt entschließen, die Meine zu werden, so gehe ich und kehre nicht wieder, obwohl ich weiß, daß es mein Tod sein wird!«

»Sie lieben mich also nicht?«

»Sie sehen mich hier in diesem Zustande und fragen noch? Sie haben keinen Funken von Mitleid für mich und erst recht keine Liebe!«

»Sie können überzeugt sein, daß ich mit meinen Gefühlen für Sie im reinen bin!«

»Wenn das wahr ist, müssen Sie mir jetzt eine Antwort geben.«

»Fragen Sie!«

»Gut! Ich frage Sie also: Wollen Sie von mir eine Jahresrente von fünftausend Pfund annehmen? Wollen Sie in einem fürstlich eingerichteten Hause in jeder erdenklichen Weise mit allem, was das Leben angenehm macht -- als meine Geliebte residieren?«

Barberina blickte ihn unter den halbgesenkten Lidern prüfend an, lächelte dann verschmitzt und fragte, als hätte sie gar nichts gehört:

»Sagen Sie mir, Sir Josuah, wo bleibt meine Schiffsladung von Negerprinzen?«

»Sie ist unterwegs mit sämtlichen Stammbäumen und Ahnentafeln! -- Wo bleibt aber die Antwort auf meine Frage?«

»Auch unterwegs!« lachte sie.

»Sie sind eine Kokette!«

»Mag sein! Damit Sie aber einsehen, daß ich auch mehr sein kann, will ich Ihnen gleich in allem Ernst etwas sagen: Auf solche Fragen antwortet die Barberina nicht!«

»Warum nicht?«

»Weil es unter ihrer Würde wäre!«

Sir Josuah sperrte den Mund auf. Eine Ballettdame und Würde?! Bei fünftausend Pfund Jahresrente?! Seine Ehre als Krösus stand auf dem Spiel!

»An mir soll's nicht liegen!« sagte er, nicht ohne einen leichten Seufzer. »Wenn's sein muß, verdoppele ich die Jahresrente!«

Barberina blickte ihn kalt an.

»Ich wäre bereit«, sagte sie, »mich Lord Stuart ohne irgendeine Zusicherung hinzugeben -- weil ich ihn liebe! Er könnte mir aber alle Schätze der Welt anbieten, und ich würde doch nicht die Seine werden -- wenn's gegen mein Gefühl wäre! Ich bin kein Kind mehr, das man durch glitzerndes Spielzeug lockt. Ich kenne das Leben und weiß mit ihm Bescheid!«

»Ich müßte Sie also zum Altar führen?!«

»Wenn ich überhaupt an eine Verbindung mit Ihnen dächte, wäre das der einzige gangbare Weg!«

Sir Josuah kämpfte mit sich selbst. Das würde seiner Torheit die Krone aufsetzen und ihn erst recht unmöglich machen! Er sah sich von aller Welt gemieden, von seiner Familie als ein altersschwacher Tor kaum noch geduldet, sah die Verbindung mit den Stuarts unmöglich gemacht, die Lordschaft immer ferner gerückt. Aber es half alles nichts. Seine Leidenschaft war unüberwindlich!

»Nun denn«, sagte er endlich, »so bitte ich Sie, meine Gattin zu werden!«

Und somit hatte Barberina ihn da, wo sie ihn haben wollte, und konnte ihm am eigenen Leibe zeigen, wieviel ein Eheversprechen wert war!

»Der Entschluß ehrt Sie«, sagte sie, »und verdient immerhin ernst genommen zu werden. Ich will aber die Situation nicht mißbrauchen. Überlegen Sie sich den folgenschweren Schritt erst reiflich, und wenn es Ihnen Ernst ist, so kommen Sie in zwei Wochen nach Paris, wohin ich morgen gehen muß, um mein Engagement anzutreten. Wenn Sie Ihr Anerbieten dann wiederholen, so glaube ich Ihnen versichern zu können, daß ich Ihnen zum Altar folgen werde!«

Sie reichte ihm die Hand, die er küßte.

»Bis dahin werden wir uns aber nicht mehr sehen«, sagte sie noch. »Ich nehme jetzt Abschied von Ihnen!«

Sir Josuah versicherte ihr, daß er gar keine Zeit zur Überlegung brauche. Sie könne ebensogern heute wie nach zwei Wochen »ja« sagen und auch auf ihr Pariser Engagement ohne weiteres verzichten. Aber sie war unerbittlich. Und er mußte ihr ihren Willen lassen. Seufzend verabschiedete er sich, warf sich in seinen Wagen und fuhr nach London zurück.

Und Barberina setzte sich an den Schreibtisch, um ihrem Beß zum ersten Male seit der Trennung zu schreiben.

»Ungetreuer!

Nicht genug, daß Du ohne Abschied fortgingst -- keinen Gruß, keine Zeile Deiner Hand ließest Du mir diese ganze lange Zeit zukommen! So hast Du mich denn vergessen! Ich verlasse jetzt England, um in Paris meine Kunst weiter auszuüben! Aber nicht auf lange Zeit -- denke ich! Der recht ehrenwerte Sir Josuah Crichton hat mir die Ehe angetragen! Und da Du wohl kaum etwas unternehmen wirst, um das zu verhindern, wirst Du mich bald, statt als Deine Frau, als Deine Schwiegermutter begrüßen können! Bis dahin lebe wohl!

Barberina.«

»Wenn ihn das nicht dazu bringt, die Fesseln zu sprengen, dann wäre ich wirklich imstande, den anderen zu nehmen!« sagte sie rachsüchtig. »Dann glaube ich an keine Liebe mehr! Dann ist mir das Leben einerlei, wie es auch kommt!«

Sie schickte ihren Mohren, auf dessen Treue sie sich verlassen konnte, ab, den Brief zu überbringen.

Mama Campanini aber, der sie das Anerbieten Crichtons mitteilte, war vor Freude außer sich. Ihr Entzücken steigerte sich zum Triumph, als ihr alter Feind Fossano sie aufsuchte, um sich neues Geld für seine gesprengte Bank zu borgen, und sie ihm die große Neuigkeit auftischen konnte.

Bald wußte es ganz London, zum großen Leidwesen Sir Josuahs, der gehofft hatte, die Angelegenheit im stillen zu erledigen und die Welt mit einem -=fait accompli=- überraschen zu können.

Die ganze City lachte. Lord Stuart grüßte Crichton nicht mehr, hob aber die Verlobung nicht auf. Sir Josuahs gute Familie aber stellte ihm das Irrenhaus in Aussicht, nachdem sie vergebens alles aufgeboten hatte, um ihn zur Vernunft zu bringen.

Er entzog sich allen Beeinflussungen durch eine schleunige Abreise nach Paris, angeblich, um dort die neuesten Modeerzeugnisse für die Ausstattung seiner Tochter einzukaufen. Und dort traf er mit Barberina zusammen, die sich über nichts so sehr freute als über den Eklat, den die Sache ohne die geringste Betätigung von ihrer Seite gemacht hatte.

Sie hatte noch nichts von ihrem Beß gehört und auch keine Antwort auf ihren Brief bekommen. Das machte ihr großen Kummer, denn sie fühlte sich seiner Liebe sicher und konnte deshalb sein Stillschweigen nicht verstehen.

In der Öffentlichkeit sah man sie niemals, außer bei ihrem Auftreten in der Oper. Fama hatte diesmal gar nichts von ihren galanten Abenteuern zu erzählen, um so mehr aber von ihren außerordentlichen Leistungen als Künstlerin.

Die verlockendsten Anerbietungen wurden ihr von allen größeren Theatern gemacht. Aber sie schlug sie alle aus. Ihre Mutter redete ihr zu, ein Anerbieten des Königs von Preußen anzunehmen. Aber sie antwortete, sie wolle sich frei halten, um, nach ihrer Verheiratung, der Kunst ganz zu entsagen.

_=Sie=_ dachte dabei an Beß, auf dessen Ankunft sie immer noch hoffte. Ihre Mutter aber an Sir Josuah, der immer dringender wurde und jetzt die Festsetzung des Tages der Trauung kategorisch verlangte. Doch sie hatte plötzlich das Interesse für seine Schätze verloren. Preußen war ihr mehr wert!

Die gute Mama hatte sich nun einmal in den Kopf gesetzt, ein Königreich zu erobern! Zweimal war ihr die Eroberung mißlungen. Das drittemal sollte die Launenhaftigkeit ihrer Tochter sie nicht um die Siegespalme bringen! Sie ließ sich vom preußischen Botschafter einen Vertrag geben, aber Barberina unterschrieb nicht, sondern setzte den Tag für die Trauung fest.

Sie machte sich aus Sir Josuah nach wie vor gar nichts. Aber ihr Beß ließ nichts von sich hören. Und aufs äußerste darüber erregt, dachte sie jetzt nur noch daran, sich an ihm zu rächen.

Am Morgen des Hochzeitstages kam ihre Mutter zu ihr herein, ein Dokument in der Hand.

»Noch ist es Zeit«, sagte sie. »Noch bist du frei! Bedenke, was du tust! Entweder du unterzeichnest diesen Vertrag mit dem König von Preußen oder den Ehevertrag mit jenem alten Gecken! Die Wahl sollte dir nicht schwer sein! Drüben im Nebellande -- Reichtum und Vergessenheit; in Preußen -- Ehren, Glanz und Ruhm und ein Königreich, das du mit Leichtigkeit in die Tasche stecken kannst, wenn du nur von deinem Eigensinn abläßt und dich meiner Führung anvertraust! Da -- überleg nicht lange! Nimm die Feder und unterzeichne! Und wenn Sir Crichton kommt, werde ich ihm den Standpunkt schon klarmachen.«

Sie reichte ihr eine Feder, und Barberina, die immer noch hoffte, daß Beß eintreffen würde, unterschrieb, um Sir Josuah mit guten Gründen hinhalten zu können und so wenigstens einen Aufschub zu erhalten. Käme Beß, so wollte sie den Vertrag nicht einhalten! Käme er nicht, so müßte Sir Josuah sich um die Lösung ihrer Verpflichtung bemühen! Und das würde immerhin Zeit in Anspruch nehmen!

»Jetzt kann der alte Kerl sich in seinem Gelde begraben!« rief die Mama erfreut und steckte das kostbare Dokument ein. »Jetzt gehört uns Preußen! Und das wiegt mehr als zehn Castles in England!«

Sie begab sich schnurstracks zum preußischen Gesandten, dem Herrn von Chambrier, und ließ ihre Tochter allein.

Dieser war es nicht ganz geheuer zumute! Sie hatte sich wieder dem Theater verschrieben, obwohl sie das öffentliche Auftreten verabscheute! -- Das Leben schien ihr nur an der Seite eines geliebten Wesens Wert zu haben! Ihrer Liebe hätte sie alles opfern wollen! Bis vor einer Minute hatte sie die Freiheit gehabt, es zu tun! Und jetzt hatte sie sich wieder fesseln lassen!

Wenn Beß jetzt käme?

Kaum gedacht, war er schon da! Wie der Dieb in der Nacht schlich er zu ihr hinein, nahm sie in die Arme und küßte sie ab! Und die Freude war unbeschreiblich auf beiden Seiten! Dann ging es los mit Vorwürfen, Fragen und Erklärungen.

Warum er nicht geschrieben hätte?

Wohl Hunderte von Briefen hätte er ihr geschickt! Sie hätte sie doch bekommen müssen!

Keine Zeile! Kein Lebenszeichen von ihm die ganze Zeit.