Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen

Part 16

Chapter 163,750 wordsPublic domain

»Eine Tänzerin? Wegen einer Tänzerin hätte er sich mit Albermale geschlagen? Ich kenne den Albermale! Er ist wohl zu jedem tollen Streich imstande! Aber er hat Geschmack! Und eine Tänzerin! Wegen einer solchen Person fängt ein Peer von England keine Ehrenhändel an!«

»Sie ist sehr schön. Und Lord Albermale ist ein großer Don Juan!«

»Nun, ich will hoffen, daß mein Sohn sich von dem Albermale nicht ausstechen läßt!« sagte der Lord selbstbewußt, merkte aber dann, daß er sich verplappert hatte, und fügte noch rasch hinzu: »Das heißt: ich hoffe, mein Sohn wird wissen, was sich gehört! Oder sollten Sie den Brief auf jene Tänzerin beziehen?«

»Es bleibt mir nichts anderes übrig! Man hat sie zwar niemals öffentlich mit Ihrem Sohne zusammen gesehen! Aber wenn er sich schon ihretwegen duelliert hat --«

»Da will ich Ihnen gleich etwas sagen, Sir Josuah: -- Werfen Sie jenen Brief nur in den Ofen! Der hat gar keine Bedeutung! Wenn es sich um eine erste Liebschaft handelt, da fangen die jungen Leute schon gleich mit dem Eheversprechen an! Und nach vierzehn Tagen denken sie nicht mehr daran! -- Ein Rausch, wie wir ihn alle einmal gehabt haben; weiter nichts! -- Der wird sich austoben und ebenso schnell vergehen, wie er kam!«

»Auch meine Meinung!« sagte Sir Josuah. »Aber aus dem Briefe spricht eine Entschlossenheit und eine gewisse Überspanntheit, die mir doch zu denken geben! Ihr Sohn scheint mir ganz anders geartet als andere junge Leute seines Alters! Und deshalb wäre es meine Bitte an Eure Herrlichkeit, ihn in aller Form darauf aufmerksam machen zu wollen, daß diese Liaison nur als vorübergehender Rausch zu betrachten sein darf!«

»Verlassen Sie sich darauf, Sir Josuah! Jener >Rausch< ist schon vorüber! Mein Sohn geht morgen nach Schottland zu seinem Regiment!«

»Das wäre wohl doch zu grausam!«

»Schadet nichts! Er bekommt auf die Weise seinen Kopf frei -- sie nimmt sich inzwischen einen anderen! In Schottland hat er keine Gelegenheit, Ihre Tochter so auffallend zu vernachlässigen wie jetzt hier! So wird sie es auch weniger merken!«

Am anderen Ende der Galerie wurden Stimmen laut. Lord Stuart schwieg und blickte um die Rücklehne seines Sessels herum.

»Mein Sohn!« sagte er. »Er scheint jemand in der Galerie herumzuführen!«

Sir Josuah blickte auch, so gut es ging, um die Lehne seines Sessels herum, sank aber gleich wieder zurück.

»Sie ist es!« rief er.

»Wer? -- Sie meinen doch wohl nicht jene -- -- jene Tänzerin?!«

»Sie ist es!«

»Diese Dreistigkeit!« -- Lord Stuart richtete sich in seiner ganzen Würde auf und saß kerzengerade da, die Hände auf die Stuhllehnen gestützt, und wartete den Schicksalsschlag mit der Ruhe eines alten Römers ab.

Es waren wirklich Beß und Barberina, die am anderen Ende der riesigen Galerie hereingekommen waren und sich langsam näherten. Sie blieben hier und dort stehen. Er gab die nötigen Erläuterungen zu den Bildern, und sie lauschte neugierig.

Die Sessel der beiden alten Herren standen so, daß sie sie nicht sehen konnten. Sie glaubten sich allein und unterhielten sich zwanglos und vertraulich, plauderten vergnügt und tauschten manchen Händedruck aus. Schließlich blieben sie vor einem Bilde stehen und blickten es lange an. Es war das Porträt einer blonden, schlanken Dame von außergewöhnlicher Schönheit, deren große tiefblaue Augen dem Betrachter melancholisch entgegenblickten.

»Meine Mutter!« sagte er.

»Wie schön!«

»Nicht wahr? -- Was gäbe ich darum, wenn sie noch am Leben wäre! Sie hätte dich gleich liebgewonnen!«

»Glaubst du?«

»Wie wäre etwas anderes möglich?«

Er schloß sie plötzlich in die Arme und küßte sie leidenschaftlich. Am anderen Ende der Galerie wurde ein heftiger Husten laut.

»Mein Vater!« flüsterte er und ließ sie schnell los. Rasch entschlossen nahm er sie dann bei der Hand und führte sie zu dem alten Lord, der steifnackig dastand und die Begleiterin seines Sohnes mit einer kaum merkbaren Neigung des Kopfes grüßte.

»Ich wußte nicht, daß du Besuch hattest!« sagte der alte Herr und auf Sir Josuah deutend: »Wie du siehst, habe ich auch welchen! Du mußt mich also entschuldigen!«

Er blickte Barberina prüfend an und mußte vor sich selbst zugeben, daß sie es mit jeder Dame der höchsten Aristokratie an Haltung und Eleganz aufnehmen konnte.

Die schlanke, biegsame Gestalt war eingehüllt in ein Kleid von neuester Pariser Mode aus heller, geblümter Seide. -- Um die halbentblößten herrlichen Schultern hatte sie eine Mantille aus echten Spitzen -- um den Hals das Diamantkollier König Ludwigs. Die Haare waren gepudert, aber weder Schminke noch Mouches auf den blühenden Wangen; die Augen sprühten von jugendlichem Übermut und Lebenslust.

»Mein Vater, Lord Stuart«, stellte Beß vor. »Sir Josuah Crichton!« Und Sir Josuah machte sein schönstes Kompliment.

»Mademoiselle interessieren sich für alte Gemälde?« fragte Stuart der Ältere und trat auf sie zu. »Da haben Sie in London gute Gelegenheit! Wir haben hier eine Reihe vorzüglicher Privatsammlungen. Aber -- gestatten Sie mir, Sie auf einige Perlen meiner Galerie aufmerksam zu machen? Mein Sohn wird Sie etwas flüchtig geführt haben!«

Er bot ihr den Arm und führte sie von den beiden anderen Herren fort, um ihnen Möglichkeit zur Aussprache zu geben.

Sir Josuah versäumte nicht, die Gelegenheit auszunutzen. Er machte es dem Herrn Schwiegersohn klar, daß er wohl geneigt wäre, bei einer kleinen Unbesonnenheit durch die Finger zu sehen, keinesfalls aber ohne weiteres gesonnen sei, den Schimpf anzunehmen, den eine Lösung der Verlobung bedeuten würde.

Barberina hörte von alledem nichts.

Der alte Lord schien ganz bezaubert von ihr zu sein und entwickelte eine Liebenswürdigkeit, daß seinem Sohne angst und bange wurde und Sir Josuah vor Schadenfreude ganz aus dem Häuschen geriet.

Er zeigte ihr ein vom Alter geschwärztes Bild.

»Der Ritter hier«, sagte er, »gilt als Stammvater unseres Hauses -- obwohl wir schon vor ihm, unter Eduard dem Bekenner, Stuarts nachweisen können. Er kämpfte mannhaft bei Hastings gegen die normannischen Eroberer und wurde, nach unserer Niederlage, später von Wilhelm dem Eroberer enthauptet.«

Barberina lachte.

»Gleich der Stammvater hat den Kopf verloren? Seitdem tun's die Stuarts wohl immer?«

»Ich möchte es nicht behaupten!« antwortete der Lord, auf den Spaß eingehend. »Ich kann aber nicht leugnen, daß die Neigung dazu oft vorhanden war -- wenn sie einmal zu tief in schöne Frauenaugen blickten! Sie wußten aber stets den Weg zur Pflicht zurückzufinden und werden es hoffentlich auch künftig so halten!«

Die letzten Worte sprach er mit besonderem Nachdruck aus.

Barberina ließ sich aber nicht beikommen. Sie zuckte leicht mit den Schultern, blickte den Lord spöttisch an und fragte in leicht verächtlichem Ton:

»Was waren denn das für Frauen?«

»Schöne Frauen -- geistreiche Frauen! Oft von feinen Sitten, aber nicht von gleichem Rang mit uns!«

»Hängen hier Bilder von ihnen?«

Der Lord schüttelte den Kopf.

»Die Galerie enthält nur Mitglieder unseres Hauses. Und nur einer von diesen Damen gelang es, der Ehre teilhaft zu werden!«

»Zeigen Sie mir ihr Bild!«

Er zog den Vorhang von einem schwarz verhüllten Bildnis zur Seite.

»Warum ist es verhängt?«

»Sie brachte Unglück über unser Haus. Durch ihre Untreue machte sie ihren Mann zum Mörder und brachte ihn um Ehre und Leben! Er war der erste Protestant in unserer Familie! Sein und ihr Sohn war ein Verschwender und ein Konspirateur! Er schloß sich den Aufrührern an, die Johanna Grey auf den Thron setzten --«

»Wer war diese Dame?«

»Sie war neun Tage Königin von England. Jung und schön und unglücklich!«

»Aber Königin!« sagte Barberina, und ihre Augen blitzten.

»Das mußte sie mit dem Leben bezahlen! Und mit ihrem Haupte fielen die Köpfe ihrer Anhänger -- auch der meines Vorfahren! Seine Güter wurden konfisziert. Königin Elisabeth gab sie uns wieder. Und seitdem sind sie in unserem Besitz geblieben!«

»Und die Stuarts haben seitdem nie wieder eine Nichtadlige geheiratet?«

»Nein. Das war die erste und hoffentlich letzte Mesalliance in unserem Hause!«

Barberina blickte ihn spöttisch an und zog ihn mit sich von Bild zu Bild, stets die Porträts der Frauen mit besonderer Neugier betrachtend.

»Gott, wie gelangweilt sehen sie aus! Wenn ich nicht annehmen würde, daß die Stuarts auch damals Geist hatten, ich würde die armen Ladys bedauern! Am Ende liegt's an den Malern?«

»Wir haben stets die ersten Maler der Zeit beschäftigt! Hier sind auch mehrere van Dycks unter den Bildern!«

»Was treibt denn solch eine vornehme Dame ihr Leben lang? Sie vegetiert wohl nur -- in den Stadtpalästen -- auf ihren Landschlössern -- geht in die Kirche -- sorgt für fromme Stiftungen -- gebärt die Stammhalter -- verzieht sie -- verwelkt und stirbt? -- Nicht wahr?«

»Sie haben nicht so unrecht!«

»Und nachher wird sie hier aufgehängt!«

Es fröstelte sie leicht. Sie zog die Mantille um ihre Schultern zusammen.

»Ich möchte nicht hier hängen! Weiß Gott, ich möchte keine solche Lady sein!«

»Wenn ich nicht irre, hat Ihr Ehrgeiz bereits -- und zwar mit großem Erfolg -- andere Wege eingeschlagen! Ich habe mir auch sagen lassen, daß die Kunst die Hingabe ihrer Adepten so voll und ganz verlangt, daß ihnen weder Zeit noch Neigung für die Ehe übrigbliebe!«

Barberina lachte laut auf -- so silberhell, so bestrickend, daß der alte Herr gegen seinen Willen einstimmen mußte.

»Man hat Sie sicher hinters Licht geführt, Mylord!« sagte sie spöttisch. »Ich kann mir ganz gut denken, daß ich verliebt genug sein könnte, um meiner Kunst zu entsagen und dem Manne meines Herzens zu leben! Aber beileibe nicht, um ihm zu helfen, irgendwelche vermodernden Familientraditionen aufrechtzuerhalten! Eher um sie auf den Kopf zu stellen! Das würde mir sogar viel Spaß machen!«

»Sie sind gefährlich!«

»Sie fürchten sich hoffentlich nicht?«

»Mein Alter stellt mich leider außerhalb des Wettbewerbs«, lächelte er, küßte ihr dabei aber so galant die Hand, daß es den guten Beß kalt überlief. »Wenn ich noch jung wäre und eine schöne Dame liebte, die derartige Absichten hegte, würde ich jedenfalls alles tun, um sie zu bekehren! Denn wir Stuarts bleiben unweigerlich dabei, auch in Liebessachen die glorreichen Traditionen unseres Hauses aufrechtzuerhalten!«

»Mit mir hätten Sie da kein Glück! Wenn ich jemand mein Herz schenke, muß er meinetwegen ganz den Kopf verlieren! Meinetwegen muß er von allem fortgehen, nur um mit mir zu leben und irgendwo glücklich zu sein, wo die Sonne scheint und wo's weder englische Nebel noch hochvornehme Urteile gibt! Seinetwegen gäbe ich denn auch gern alles auf! Und, Mylord, wenn ich mir vornehme, jemand so den Kopf zu verdrehen, dann führe ich es auch sicherlich durch! -- -- Ich darf aber Ihre Güte nicht länger in Anspruch nehmen! -- Es war sowieso eine Dreistigkeit von mir, ohne weiteres herzukommen! Ich war aber neugierig! Ihr Herr Sohn hatte mir so viel von seiner Mutter erzählt, daß ich begierig wurde, ihr Bildnis zu sehen! -- Ich danke Ihnen für Ihre gütige Nachsicht! -- Und nun gestatten Sie wohl --?«

Sie legte ihren Arm in seinen und ließ sich zu den beiden anderen Herren zurückführen.

»Sie werden wohl die Güte haben, mir den Weg zu zeigen?« sagte sie zu Beß, der auch sofort bereit war. Aber sein Vater kam ihm zuvor.

»Es sind für dich Befehle deines Regiments da, die keinen Aufschub erleiden! Deine Anwesenheit in deiner Garnison scheint erwünscht zu sein! Du wirst wohl morgen früh abreisen müssen! -- Gestatten Sie, Mademoiselle, daß ich Sie selbst zu Ihrem Wagen geleite?«

Er bot ihr galant den Arm. Und Barberina, ohne mit einer Miene zu zeigen, wie sehr sie von der bevorstehenden Abreise ihres Geliebten betroffen war, nahm lächelnd Abschied und folgte dem alten Herrn, immer noch lustig lachend und plaudernd.

Beß stand da und vermochte kein Wort hervorzubringen.

»Hoffentlich hast du gutes Reisewetter, mein Sohn!« sagte Sir Josuah in seinem freundlichsten Ton.

»Ich lasse mich nicht fortschicken!« rief Beß heftig. »Ich bin kein Kind mehr! Ich nehme meinen Abschied! Aber ich gehe nicht von London fort! Am allerwenigsten jetzt!«

»Das wirst du dir wohl doch erst überlegen!«

»Keinesfalls! Mein Entschluß ist gefaßt!«

»Da mußt du eben einen neuen Entschluß fassen! -- Schließlich -- Schottland ist hübsch! Das Garnisonleben hat auch seine Reize! Und -- zur Hochzeit kommst du ja wieder her!«

»Aus der Hochzeit wird nichts!« schrie der junge Mann.

Aber Sir Josuah pflegte sich grundsätzlich nie auf Diskussionen längst erledigter und bereits als Tatsachen feststehender Geschäfte einzulassen. Er antwortete also nicht, sondern besah sich den Stich Hogarths noch einmal, legte ihn gelassen aus der Hand und sagte:

»Schade, daß sie's so eilig hatte! Ich hätte sie zu gern über den Stich interpelliert! Es hätte mich interessiert, auch ihre Kritik zu hören!«

Beß riß den Stich an sich, zerknüllte ihn und warf ihn in die Ecke. Sir Josuah tat, als bemerke er es nicht.

»Na, schließlich kann ich mir eine Loge im Theater nehmen!« sagte er gelassen. »Sie wird mir den Stich am besten -- mit den Beinen erläutern!«

»Sie hat Geist und Witz!« sagte der alte Lord Stuart, der wieder hereintrat. »Wirklich, sie hat viel Liebreiz und wird es in ihrem Beruf sicherlich weit bringen. -- Wäre ich selbst jung -- ich wäre imstande, mir von ihr den Kopf verdrehen zu lassen! -- Nun -- es wird ihr schon nicht an Anerbietungen fehlen!«

»Sicher nicht!« sagte Beß. »Aber sie nimmt keine an, die nicht ernst gemeint sind! -- Und was meine Verlobung betrifft -- --«

Ein eisiger Blick des alten Herrn unterbrach ihn jäh.

»Über deine Verlobung möchte ich mich jetzt nicht mit dir unterhalten!« sagte er mit Nachdruck. »Nachher, wenn wir allein sind, haben wir allerdings verschiedenes miteinander zu bereden! Das Arrangement deines zukünftigen Hauswesens und so weiter! Denn morgen wirst du keine Zeit mehr dazu haben!«

»Dann möchte ich nicht länger stören!« sagte Sir Josuah rasch, um der Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn aus dem Wege zu gehen. »Eure Herrlichkeit gestatten wohl, daß ich mich empfehle?«

»Leben Sie wohl, Sir Josuah! Sagen Sie Ihrer Tochter, daß mein Sohn sich noch von ihr verabschieden wird!«

»Ich werd' sie schonend darauf vorbereiten!« sagte Sir Josuah schmunzelnd und ließ die beiden allein.

15

Beß wagte es, seinem Vater zu trotzen. Er ließ die Braut sitzen und machte seinen Abschiedsbesuch -- bei Barberina, noch am gleichen Abend, in ihrem Ankleidezimmer im Theater.

Er verabredete mit ihr, nach einigen Tagen mit ihr nach Paris zu gehen, um sich dort mit ihr trauen zu lassen.

Ihr Engagement in London ging sowieso in einigen Tagen zu Ende, und sie war noch nicht anderweitig verpflichtet. Von Paris und Dublin hatte sie Anerbietungen. In Dublin hatte sie im ersten Jahre ihres englischen Aufenthaltes Triumphe gefeiert und Schätze angesammelt. Trotzdem wollte sie vorgeben, daß sie in Paris annehme und -- sich frei halte!

Am Tage nach dem Besuch ihres Geliebten saß sie im Ankleidezimmer und wartete auf ihn, als es an die Tür klopfte.

Sie rief »herein!« -- Und herein trat -- nicht Beß, sondern Sir Josuah Crichton!

Sie blickte erstaunt auf und wollte ihn zunächst hinausweisen, nahm aber an, daß sein Besuch in irgendwelcher Beziehung zu ihrem Geliebten stehe, und ließ es also.

»Verzeihen Sie, Mademoiselle, daß ich so -=sans façon=- bei Ihnen anklopfe --«

»Ich war allerdings nicht auf den Besuch gefaßt --!«

»Ich hätte mich ja melden lassen können! Aber -- am Ende wäre ich dann nicht empfangen worden --?«

»Ich gestehe, daß ich nur meine ganz intimen Bekannten hier zu sprechen pflege!«

»Das nahm ich auch an! Da Sie also sicher ohne weiteres >herein< rufen würden, zog ich es vor, unangemeldet anzuklopfen! Denn ich konnte mich nicht abweisen lassen!«

»Ich wüßte nicht, was wir zwei miteinander zu besprechen hätten!«

»Werden's schon merken!« schmunzelte Sir Josuah.

Sie blickte die kugelrunde, selbstgefällig posierende Gestalt an, und es leuchtete schelmisch auf in ihren Augen.

»Wenn Sie wußten, daß ich jemand hier erwartete, der darauf ein Recht hat -- wie konnten Sie annehmen, daß er nicht bereits hier bei mir wäre, und daß Sie also doch hätten an der Tür umkehren müssen?«

»Weil ich wußte, daß jener Bevorzugte nicht kommen konnte!«

»Was ist ihm denn geschehen?« rief sie unüberlegt.

»Weiter nichts, als daß er nach Schottland unterwegs ist!«

»Das weiß ich besser! -- Ich nehme an, Sie reden von Lord Stuart?«

»Ganz recht!«

»Er ist noch in London! Er wird überhaupt nicht nach Schottland gehen!«

»Er hatte allerdings die Absicht, hierzubleiben! Er machte sich also des Ungehorsams gegen einen dienstlichen Befehl schuldig. Und da läßt man hier in England nicht mit sich spaßen! -- Notabene, wenn der Herr Papa nicht seinen Rang und seine Beziehungen für ihn betätigt! Und der Herr Papa war über seinen Trotz am meisten erzürnt und verlangte, daß man mit aller Strenge gegen ihn vorgehe! So wurde er denn heute früh verhaftet --!«

»Verhaftet?« Barberina erblaßte und verlor auf einmal ihre sonstige Überlegenheit.

»Ja, verhaftet und unter militärischer Bedeckung nach seinem Garnisonsort gebracht! Man wird ihn aber sicherlich schonend behandeln. Bis zur Hochzeit wird er sich allerdings dort gedulden müssen!«

»Bis zur -- --«

»Sie wissen doch Bescheid? Er wird Ihnen sicherlich nicht verheimlicht haben, daß er meine Tochter heiraten soll?«

»Sie irren sich in Ihrer Annahme nicht!« sagte Barberina kurz. »Und -- jene große Begebenheit -- wann findet die statt?«

»In sechs Wochen!«

»Wie schade!« sagte sie übermütig lächelnd, »daß er gerade für die Zeit ein Rendezvous mit mir in Paris verabredet hat! Er wird nicht zur Hochzeit kommen können!«

»Sie glauben?« -- Sir Josuah lachte kurz.

»Gewiß! -- Er wird sich nicht teilen können! Und er wird sicherlich Paris vorziehen!«

Sir Josuah ließ sich aber auch nicht mit einer schönen Dame auf Diskussion über eine abgemachte Sache ein. Er zog es vor, die Unterhaltung lieber auf ihre Person zu lenken.

»Sie wollen uns verlassen?«

»Ja! Man setzt mir in Paris sehr zu! Die Königliche Akademie der Musik macht mir die verlockendsten Anerbietungen!«

»Wie schade, daß wir Sie verlieren müssen! -- Ich bin ganz außer mir! Ich habe Sie heute mit der größten Bewunderung gesehen und habe nur bedauern können, daß ich mich durch meine Geschäfte abhalten ließ, früher zu kommen! Von heute ab gehe ich aber jeden Abend ins Theater, sooft Sie tanzen! Ich bin wirklich charmiert!«

Barberina neigte zum Dank für das Kompliment leicht den Kopf.

Er wurde dadurch kühner.

»Gestatten Sie mir, noch hinzuzufügen«, sagte er, »daß ich es als einen Vorzug und eine Ehre betrachten würde, Sie künftig nicht nur aus der Ferne bewundern zu dürfen. Ihre Unterhaltung bietet so viel Reiz, daß ich mich glücklich schätzen würde, ihrer öfters teilhaft zu werden!«

»Sie tun mir viel zuviel Ehre an, Sir Crichton!«

»Sagen Sie Sir Josuah, bitte!«

»Nun denn, Sir Josuah! Sie, ein hochmögender Mann, ein Mitglied des Hauses der Gemeinen -- und ich, die ich gar nichts von Politik verstehe --!«

»Das tue ich, bei meiner Seele, auch nicht! Ich bin nur aus repräsentativen Rücksichten im Parlament! Sonst aber gehe ich ganz in meinem Geschäft auf!«

»Von Geschäften verstehe ich aber auch nicht das geringste!«

»Das würde im Verkehr mit mir bald kommen!«

»Ich bezweifle es! Ich bin ganz Künstlerin! Die Unterhaltung müßte sich also auf das Gebiet meiner Kunst beschränken! Und da -- nehmen Sie's mir nicht übel, aber --«

Sie lachte laut auf.

»Warum lachen Sie?«

»Ich mußte mir eben sagen, daß Sie als Adept der Tanzkunst keine gute Figur machen würden!«

»Ich traue Ihrer Kunst zu, auch das Wunder noch zu bewirken! Befehlen Sie, und ich mache sofort die tollsten Kapriolen!«

»Nein, Sir Josuah, nein! Ich würde vor meinem Gewissen keine Ruhe mehr haben!«

»Sie geben mir also einen Korb? Ah, Sie sind grausam!«

Er legte die Hand aufs Herz und seufzte schmerzlich.

Die Barberina lachte, daß ihr die Tränen in die Augen kamen. Die Allüren eines Liebhabers standen dem eingebildeten alten Dickwanst zum Entzücken komisch! Ihm den Kopf zu verdrehen, mußte eine wahre Wonne sein! »Sir Josuah«, sagte sie, »ich gebe Ihnen Unterricht!«

»Daran tun Sie recht!« sagte er. »Dann werde ich Sie auch geschäftlich ausbilden!«

»Wozu?«

»Damit Sie lernen, wie sehr Kunst und Geschäft eins ist!«

»Dann muß Mama diesen Unterricht nehmen! Mit dem Geschäftlichen befasse ich mich nicht!«

»Sie werden viel Mühe mit mir haben!«

»Ich glaube schon!«

»Ich werde mir denn erlauben, der Frau Mama für den Tanzunterricht bei Ihnen tausend Pfund anzubieten!«

»Aber _=nur=_ für den Tanzunterricht!«

»Selbstverständlich nur dafür! -- Ich bitte aber außerdem, mir die Gnade erweisen zu wollen, diese kleine Gabe anzunehmen als Zeichen, daß Sie mich des Vorzugs würdigen, mich auch als Ihren Freund zu betrachten!«

Er entnahm seiner Tasche ein Etui, öffnete es, und vor ihren Augen glitzerte ein herrlicher Brillantschmuck.

Barberina liebte die Brillanten, und diese waren von auserlesener Schönheit. Die Glut der Hölle schien mit dem Leuchten des Himmels in ihrem Funkeln vereinigt zu sein! Als sie aber den Schmuck in die Hand nahm, schossen aus ihm blaue Blitze hervor wie aus den Augen ihres Geliebten, als er von der ihm aufgezwungenen Verlobung erzählte!

Sie klappte das Etui zusammen, stellte es auf den Tisch und blickte Sir Josuah scharf an.

»Wie ich Ihnen bereits sagte, verstand ich bis jetzt nichts von geschäftlichen Dingen! Es scheint mir aber, daß Ihre bloße Anwesenheit genügt, mir die Augen zu öffnen! Ich fange schon an, ein wenig zu begreifen!«

»Sehen Sie!«

»Da Sie wohl aber von den zwischen mir und Lord Stuart bestehenden Beziehungen ebensogut unterrichtet sein werden wie von den gewaltsamen Maßnahmen, uns zu trennen, möchte ich Ihnen gleich sagen, daß meine Empfindungen -- oder vielmehr der Verzicht darauf -- nicht käuflich sind!«

»Wer wird denn gleich so häßlich denken? Dieser Schmuck sollte nur ein Zeugnis von meiner aufrichtigen Bewunderung für die große Künstlerin ablegen, und von der Verehrung, die ich für Ihre Person empfinde! -- Sie werden mir doch nicht den Schmerz antun, ihn zurückzuweisen?«

»Die Annahme verpflichtet mich also zu gar nichts?«

»Keinesfalls! Sie würde nur mich auf alle Zeit als Ihren Freund und gehorsamsten Diener verpflichten!«

»Gut! Ich nehme ihn denn an! Aber unter einer Bedingung!«

»Und die wäre?«

»Sie dürfen mir gegenüber niemals meine Beziehungen zu Lord Stuart oder seine Verlobung mit Ihrer Tochter auch nur andeuten!«

Sir Josuah zögerte.

»Warum verlangen Sie das?« fragte er schließlich etwas betroffen.

»Aus gar keinem anderen Grunde«, antwortete sie, kokett auflachend, »als weil ich's nicht gewohnt bin, daß ein Mann mir -- von den Empfindungen _=eines anderen Mannes=_ für mich spricht!«

»Von meinen eigenen Empfindungen für Sie dürfte ich also sprechen?«

»Soviel Sie nur wollen!« lachte Barberina, die sich jetzt vornahm, dem alten Mann den Kopf gehörig zu verdrehen. »Und wenn es Sie beruhigen kann, will ich Ihnen noch versprechen, keinen Finger zu rühren, um Lord Stuart Ihrer Tochter abspenstig zu machen!«

»Abgemacht!« rief Sir Josuah und küßte ihre Hand.

»Wenn Sie galant wären, hätten Sie antworten müssen, daß ich das nicht nötig hätte!« schmollte sie und entzog ihm die Hand.

»Üben Sie Gnade!« rief er. »Ich bin eben in galanten Dingen ein Anfänger und wußte nicht, daß man Selbstverständliches sagen müßte!«

»Sie werden sich eben bessern müssen!«

»Nachdem Sie die Gnade hatten, mir zu gestatten, Ihnen möglichst viel von meinen eigenen Empfindungen für Sie zu erzählen, bezweifle ich es nicht -- wenn Sie mir nur Gelegenheit geben!«

»Sooft Sie wollen!«

»Dann erlaube ich mir, Ihnen den Vorschlag zu machen, schon heute mit mir zu soupieren!«

»Mit Vergnügen -- wenn Mama Ihre Einladung annimmt!« antwortete Barberina und stellte ihm die Signora vor, die eben zur rechten Zeit hereinkam, um ja zu sagen.