Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen

Part 15

Chapter 153,597 wordsPublic domain

Das Duell mit Lord Albermale hatte ein gewaltiges Aufsehen erregt, um so mehr, als es von dem plötzlichen Verschwinden Barberinas von der Schaubühne begleitet wurde. Gänzlich davon abgesehen, wurde jene Begebenheit aber auch aus anderem Grunde zum Gegenstand des Spottes und der allgemeinen Lachlust. Der unverbesserliche Lord Albermale gab auch dafür den Anlaß.

Unter anderem war er nämlich auch ein leidenschaftlicher Verehrer des Hahnenkampfes und versäumte keine Gelegenheit, diesem in England so eifrig betriebenen Sport zu frönen.

So sah man Seine Lordschaft sich oft mit der übelsten Gesellschaft um die Arena drängen, wo irgendein berühmter Hahn sein Leben in die Schanze schlug. Die tollsten Wetten wurden von ihm eingegangen und verloren. Und wie wüst die Kämpfer sich auch zerzausten -- der am meisten Gerupfte war am Ende stets der Lord! -- Aber es machte ihm Spaß, sein Geld zu verlieren. Und so war er nicht nur in der Lebewelt, sondern auch unter dem Gesindel Londons eine der populärsten Persönlichkeiten.

Hogarth, der damals im Zenit seines Ruhms als rücksichtsloser Sittenschilderer seiner Zeit stand, hatte längst ein Auge auf ihn geworfen und ihn mehrfach als Prototyp eines Modegecken auf seinen Stichen abkonterfeit.

Lord Albermale, weit entfernt, es ihm übelzunehmen, war stolz darauf. Er hatte sogar eine ganze Menge Abzüge eines Stiches erstanden, auf dem er als Präsident des bunt zusammengewürfelten Publikums eines Hahnenkampfes dargestellt worden war, um sie seinen Freunden zu geben.

Er schloß sich eng dem Freundeskreis Hogarths an und verkehrte fast täglich mit ihm, zum nicht geringen Ärger seiner Standesgenossen. -- Sie betrachteten ihn als das -=enfant terrible=-, das ihre kleinen Menschlichkeiten dem treffsichern Grabstichel Hogarths preisgab und diesen so in die Lage versetzte, sich an ihnen wegen ihrer Geringschätzung seiner Malereien zu rächen.

Der gute Lord hatte auch nichts Eiligeres zu tun, als seinem guten Freunde die näheren Details seines gloriosen Zweikampfes mit Lord Stuart zu schildern. Und das war für Hogarth ein gefundenes Fressen.

Sein Zeichenstift schwelgte in karikaturistischen Orgien -- seine Kupferstecher kratzten und schwitzten -- seine Pressen gingen Tag und Nacht! Und eines schönen Tages überraschte er seine Verehrer und Abnehmer mit einem neuen Stich, der reißenden Abgang fand und ungeheures Aufsehen machte.

Der Stich war eine Travestie seines eigenen, wegen Albermales bereits weitverbreiteten Stiches: »Der Hahnenkampf«.

Aber keine richtigen Hähne standen sich in der Arena gegenüber, sondern Mitteldinge zwischen Federvieh und Dandy -- die Hahnenkämme zu federgeschmückten Dreimastern angeschwollen -- die gerupften Körper in den modisch geschwungenen Linien von Fechtern stutzerhaft posierend. So standen sie einander gegenüber -- die linken Flügel halb an die Seite gedrückt, die rechten gekreuzt -- das rechte Bein vorgestreckt! -- Die Köpfe der Kampfhähne aber waren deutlich erkennbare Karikaturen von Albermale und seinem jungen Gegner.

Um die zirkelrunde, tischförmige Arena herum rekelte sich die übliche Versammlung von Spielern, Beutelschneidern und allerlei Gesindel nebst ihren Opfern aus der besten Gesellschaft. Alle aber trugen die Gesichter von bekannten Aristokraten, Parlamentariern oder Großkaufleuten. Sir Josuah Crichton sowie sein edler Gönner Lord Stuart waren auch da, und mit ihnen mancher ihrer Standesgenossen.

Von der Seite aber, wo für gewöhnlich der Besitzer des Kampfhahns von dem ihm allein zustehenden Recht, den Fuß auf die Arena zu setzen, Gebrauch zu machen pflegte, war eben in kühnem Satz eine Tänzerin über die Häupter der Kämpfenden gesprungen. Man sah von ihr nur die Beine über das Ganze schwirren und die Waffen der beiden Kampfhähne auseinander schlagen. -- Diese und die Zuschauer starrten mit weit offenen Mäulern und lüsternen Mienen dem über sie hinwegschwebenden Wunder nach -- die Blicke an die Strumpfbänder gebannt, an denen eine Unzahl kleiner Herzen aufgereiht war. -- Nur einer blieb teilnahmslos -- der Mann am Eingang, dessen Züge eine sprechende Ähnlichkeit mit dem berühmten Minister Walpole verrieten, und der, ganz wie sein Ebenbild, mit dem Verkauf von Sitzen beschäftigt war. Wenn's auch keine Parlamentssitze waren, so schien doch der Profit, nach seiner vergnügten Miene zu urteilen, recht einträglich zu sein.

»Allerhöchst dero Pirouetten«, lautete die Unterschrift unter dem Stich. Und trotz des hohen Preises von einer Guinee für jeden Abzug ging er zu Tausenden ab.

Hogarth machte ein glänzendes Geschäft und konnte es sich leisten, sich für einige Zeit zurückzuziehen, um an einem neuen Gemälde zu arbeiten, das ihm wohl weder Gold noch Ehren einbringen würde!

Es konnte nicht ausbleiben, daß der Stich auch auf den Tisch Seiner Herrlichkeit, des Lords Stuart, flatterte. Und auch unter den Fakturen des Chefs des Hauses Crichton & Co. fand sich eines Tages ein Exemplar eingeschmuggelt. Die beiden würdigen Vertreter der Ehre und des Reichtums Englands hatten also das Vergnügen, sich selbst in gar nicht würdevoller Weise unter den Zuschauern des Hahnenkampfes abkonterfeit zu sehen, und vertieften sich in die Selbstbetrachtung, ohne eine Miene zu verziehen.

Die Wirkung war aber bei den beiden verschieden.

Sir Josuah gab in aller Ruhe und im trockensten Tone den Befehl, sofort eine Annonce aufzugeben, worin bekanntgemacht wurde, daß sein Kontor alle nur erlangbaren Exemplare des Stiches zum doppelten Preise aufkaufen würde. Er sandte seinen Prokuristen zu Hogarth und ließ ihm ohne Feilschen den von ihm verlangten Preis für die Platte und die noch nicht verkauften Exemplare auszahlen sowie ihm die schriftliche ehrenwörtliche Verpflichtung abnehmen, keine weiteren Vervielfältigungen des Stiches anzufertigen und die Originalzeichnungen zu vernichten. Nach Erledigung dieses Geschäfts ging Sir Josuah stillschweigend über die Angelegenheit zur Tagesordnung über und vertiefte sich in eine Kalkulation über die Gewinnung von schwarzem Elfenbein für Südamerika.

Lord Stuart dagegen trug nur äußerlich Ruhe zur Schau. Innerlich kochte er vor Wut. Und die Wut eines Engländers nimmt manchmal sonderbare Formen an. -- Bei Lord Stuart schlug sie sich gleich auf die Würde und brachte eine eisige Unnahbarkeit hervor, die alles Leben um ihn lähmte. Alles schlich auf den Fußspitzen um Seine Herrlichkeit herum und bot den äußersten Scharfsinn auf, um die Ursache seines Mißvergnügens ausfindig zu machen und ebenso unmerklich zu beseitigen, wie sie entstanden war. Selbstverständlich ohne den Lord selbst darüber zu interpellieren oder irgendwie damit zu belästigen. Denn Fragen zu stellen, wo man selbst Augen und Ohren hatte, war im Hause Stuart zur Zeit der Wut Seiner Herrlichkeit mehr als lebensgefährlich.

Gelang es, den Grund seines Zornes zu beseitigen, so war alles gut und nahm von selbst wieder die gewohnten Formen an. Sonst konnte man auf Überraschungen gefaßt sein. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel sauste dann urplötzlich das Endergebnis der Entschließungen Seiner Herrlichkeit auf das Haupt des damit bedachten Schuldigen oder Unschuldigen nieder. Aber Mylord verzog dabei keine Miene und verharrte in der Eisregion seiner unverletzlichen Würde.

Ein derartiges Einfrieren alles Lebens -- wie diese einer Eruption entgegengesetzte Erscheinung wohl genannt werden darf -- bereitete sich eben in der erlauchten Seele Seiner Herrlichkeit vor, als ihm der Besuch Sir Josuah Crichtons gemeldet wurde.

Eine Neigung des Kopfes teilte dem Hofmeister mit, daß der Lord empfangen wollte. Eine Handbewegung deutete ihm auch an, wo. Da er nicht verstand, aber auch nicht wagte, nach der Bedeutung der Geste zu fragen, so führte er Sir Josuah, zum Entsetzen Stuarts, der auf die Ahnengalerie gedeutet hatte, geradeswegs ins Allerheiligste -- ins Arbeitszimmer hinein, wo sonst nur Mitglieder der allernächsten Familie empfangen wurden. Dieser Mangel an Distinktionsvermögen brachte ihm einen kalten Blick unter mäßig gerunzelten Brauen ein. Zitternd zog er sich zurück und ließ die beiden Herren allein.

Lord Stuart mußte also seinen Gast selbst in die Galerie hineinführen, ehe er sich herablassen konnte, seinen Mund aufzutun. Denn nur im Kreise seiner Ahnen konnte er so sprechen, wie's die Situation von ihm, einem Peer von England, verlangte! -- Da allein war er sicher, es mit der gebührenden Würde tun zu können, ohne Gefahr zu laufen, das Gleichgewicht des Gemüts zu verlieren.

Mit einer Handbewegung stellte er seinem Gast alle die Stuarts vor und lud ihn dann ein, unter ihnen Platz zu nehmen! -- Eine symbolische Handlung, deren hohe Bedeutung Sir Josuah nicht gebührend zu schätzen schien! Denn er lächelte belustigt und verstieg sich sogar zu der respektlosen Äußerung: »Ich könnte Eurer Herrlichkeit allerdings nicht mit derselben Ehrung aufwarten, falls ich bald einmal den Vorzug Ihres Besuches haben sollte! -- Denn all die Heringstonnen, die ich dann als Ahnengalerie vor Eurer Herrlichkeit Augen auffahren lassen müßte, fänden in ganz Pall Mall keinen Platz!«

Eine Bemerkung, die die Würde Mylords auf den Gefrierpunkt brachte!

»Als Staatsvisite habe ich Ihren Besuch auch nicht aufgefaßt, Sir Josuah!« sagte er, setzte sich zuerst und lud seinen Gast mit einer Handbewegung ein, seinem Beispiel zu folgen. »Ich gehe wohl auch in der Annahme nicht fehl, daß ein besonderer Anlaß Ihres Kommens vorliegt?«

»Sicher nicht!« sagte Sir Josuah und versenkte seine kugelrunde Gestalt in einen ebenso prachtvollen Thronsessel wie den Seiner Herrlichkeit. »Es liegen sogar ganz besondere Gründe vor!«

»Dürfte ich denn bitten?«

»Zunächst hätten wir einen Brief Ihres Herrn Sohnes --« Sir Josuah holte seine große Hornbrille hervor, putzte die Gläser und hakte das Ungetüm hinter den Ohren fest, faltete dann einen Brief auseinander und hielt ihn hoch. »Dieser Brief, den ich die Ehre haben werde vorzulesen -- --«

»Ich darf wohl hoffen«, unterbrach der Lord, »daß jenes Schreiben nichts von Geld oder Geldangelegenheiten enthält? -- Denn ich müßte sonst ablehnen, mich damit zu befassen und mich auf die Erklärung beschränken, daß ich meinem Sohn ausdrücklich verboten habe, in geschäftlichen Dingen irgend etwas ohne meine Erlaubnis zu unternehmen, sowie, daß diese Erlaubnis weder von ihm nachgesucht, noch von mir erteilt wurde!«

»Eure Herrlichkeit können in dieser Hinsicht ganz außer Sorge sein! Der Brief betrifft nur eine Herzensangelegenheit!«

»Da gestatte ich mir zu bemerken, daß er wohl falsch adressiert worden ist?«

»Durchaus nicht!« sagte Sir Josuah und zeigte ihm die Rückseite des Briefes, wo die Adresse deutlich zu lesen war.

Lord Stuart geruhte hinzublicken, las die Aufschrift: »Sir Josuah Crichton«, und sagte dann trocken: »Soviel ich weiß, haben wir meinen Sohn in aller Form mit Ihrer Tochter verlobt?«

»Ich bin derselben Ansicht, Mylord!«

»Sonderbar! Wie kommt er denn dazu, seine Liebesbriefe an Sie zu adressieren?«

Sir Josuah lachte kurz auf. Lord Stuart ignorierte es.

»Etwas weltfremd war mein Sohn ja immer! Das kommt aber von dem Erziehungsplan seiner Mutter, der seligen Lady Stuart, den ich ihr auf ihrem Sterbebette getreulich zu befolgen versprach und auch befolgt habe! Er sollte vor den Verlockungen der Welt möglichst bewahrt werden!«

»Die selige Mylady muß eine seltene Frau gewesen sein!« sagte Sir Josuah. »In unserer Zeit sieht man, besonders unter den Frauensleuten, die Verlockungen der Welt nicht nur als gänzlich ungefährlich, sondern als wünschenswert an. Und, unter uns gesagt, ist's auch so! Ein junger Mann muß sich austoben, soll etwas Rechtes aus ihm werden! Sonst speichern sich die gefangenen Lebenskräfte auf, es kommt im ungeeignetsten Augenblick zur plötzlichen Entladung, und man wird von irgendeinem Geschehnis überrascht, das alle Berechnungen über den Haufen wirft! -- -- Sausen und brausen, solange die Säfte noch gären! -- Das gibt im reifen Alter guten Wein! -- Meine Jungens sind mir alle durch die Lappen gegangen! -- Weiß der Satan, wenn ich sie wieder einfange! -- Aber Gott verdamm mich, wenn ich sie anders haben wollte!«

Lord Stuart rümpfte mehrmals die Nase bei den Ausführungen seines Besuchers und nahm wiederholt einen Anlauf, sie zu unterbrechen. Aber Sir Josuah ließ sich nicht stören. Als er endlich aufhörte, räusperte sich der Lord ein paarmal laut und vernehmlich und sagte dann kurz und scharf:

»Ich würde mir niemals erlauben, an der Lebensphilosophie meiner seligen Gattin noch nachträglich Kritik zu üben! Ich billigte sie auch schon im Leben! -- Wenn ich jene Lebensanschauungen trotzdem soeben erwähnte, so tat ich es nur, um Ihnen den Grund für die Lebensfremdheit meines Sohnes zu erklären! Und auch -- weil ich, wie ich sagte, mich trotzdem über seine Distraktion wundere, seine Liebesbriefe _=an Sie=_, statt an Ihr Fräulein Tochter zu adressieren!«

Sir Josuah lachte wieder kurz.

»Er wird schon wissen, wohin er sie adressiert!«

»Wie soll ich denn das verstehen?« fragte Stuart kopfschüttelnd. »Sie hatten doch die Güte, zu bemerken, daß der Brief eine Herzensangelegenheit betrifft!«

»So ist es auch!«

»Aber -- --«

»Mein lieber Freund«, sagte Sir Josuah, auf einmal alle Förmlichkeit außer acht lassend, und blickte ihn über die Brille sarkastisch an. »Mein lieber, guter Freund -- wir zwei brauchen uns wahrhaftig nichts vorzumachen! Am allerwenigsten in dieser Sache! Soviel ich weiß, handelt es sich zwischen unseren Familien um gar keine Herzensangelegenheiten, sondern nur um die rein geschäftliche Operation einer ehelichen Verbindung zwischen unseren Kindern! In dem zwischen uns geschlossenen Vertrage steht gar nichts von zärtlichen Empfindungen! Bei geschäftlichen Abmachungen pflegt es, soviel ich weiß, auch nicht anders zu sein! Ich würde mich auch schön hüten, das Herz meiner Tochter in Liebessachen beeinflussen zu wollen! Dann käme sie mir am Ende gar mit Wünschen in dieser Beziehung, die mit dem kindlichen Gehorsam, den ich von ihr verlangen muß, gar nichts zu tun haben! Sie mag meinetwegen mit ihrem Herzen tun, was sie will! Aber heiraten soll sie so, wie ich will! -- Das ist mein Standpunkt, und daran ist nicht zu rütteln! -- Eben um Eurer Lordschaft zu versichern, daß wir, _=was auch kommen mag=_, an der Verlobung festhalten werden, bin ich hierhergekommen!«

»Ich wüßte nicht, daß ich jemals den geringsten Zweifel über die Loyalität Ihrer Absichten geäußert hätte«, sagte Lord Stuart und richtete sich im Sessel auf.

»Das erkenne ich durchaus an!«

»Ich darf wohl hoffen, daß Sie Ihrerseits keinen Zweifel uns gegenüber hegen?«

»An Eurer Herrlichkeit guten Willen glaube ich schon!«

»Das möchte ich mir auch ausbitten! Und was meinen Sohn betrifft, wird er Ihnen wohl sicherlich ebenso vertrauenswürdig erscheinen müssen!«

Sir Josuah antwortete mit einem Achselzucken. Lord Stuart blickte ihn fragend an.

»Sie denken hoffentlich nicht an jene Albernheit -- jenen Stich Hogarths, den Sie wohl auch gesehen haben? Derartigen Erzeugnissen eines verwilderten Geschmacks können wir doch unmöglich irgendeine Bedeutung beimessen!«

»So ganz ohne Bedeutung ist jener Stich in diesem Falle nicht, Mylord!«

Lord Stuart ließ einen seiner verächtlichsten Blicke seinen Gegenpart streifen und schüttelte leise den Kopf.

»Mein lieber Sir Josuah«, sagte er dann gemessen. »Wer, wie ich oder Sie, in der Öffentlichkeit steht, muß in solchen Sachen über jede Empfindlichkeit erhaben sein! Man muß sich schon einiges gefallen lassen! Es war stets das gute Recht des Mobs, unsereinen zu verspotten -- notabene: wenn er uns dabei nicht die schuldige Ehrfurcht versagt! Ich hätte nichts gegen jene Erzeugnisse des Grabstichels einzuwenden, die an die Lachlust des Publikums appellieren, wenn sie nicht meistens den guten Geschmack verletzten! -- Sehen Sie sich nur den Wisch da genau an!« Er schob ihm einen Abzug des Stiches zu. »Sehen Sie ihn nur an! Wie zum Beispiel hat der Zeichner mich dargestellt?! Sehen Sie nur! Trage ich etwa jemals die Perücke schief?! Kann irgendeiner behaupten, mich jemals so gesehen zu haben?!«

»Ich glaube kaum!« lächelte Sir Josuah.

»Und der Ordensstern! -- Jeder gebildete Mensch weiß doch, daß ich das Großkreuz des Bathordens trage! Der Maler aber weiß nicht mal, wie der Bathorden aussieht! -- Wie kommt er dazu, in den Stern den Steward eines Porterhauses einzuzeichnen? Diese absurde Idee! Und -- die Geige! Wann bin ich jemals mit einem derartigen Instrument in Berührung gekommen? Haben Sie mich geigen sehen? Und gar öffentlich -- bei einer derartigen Gelegenheit! -- Besuchen Sie etwa ein Hahnengefecht?«

»Heute nicht mehr!« sagte Sir Josuah. »Heute ist mein Platz da, wo die _=Menschen=_ sich rupfen!«

»Aber trotzdem sind Sie auch dabei!« sagte der Lord und zeigte auf die Zeichnung. »Und wie hat er Sie dargestellt?! Als einen Schlemmer -- einen Gourmand schlimmster Sorte! -- Sie lecken sich sogar den Mund!«

»Das könnte schon vorkommen!« schmunzelte Sir Josuah.

»Sagen Sie, was Sie wollen!« rief Lord Stuart entrüstet, »aber daß Sie so schlechte Manieren hätten, könnte Ihnen nicht einmal Ihr schlimmster Feind nachsagen!«

»Aber auch nicht, daß ich schlechten Geschmack hätte! Und da muß ich sagen -- wenn mir einmal so'n paar hübsche Beine um den Kopf schwirren würden, da könnte es schon sein, daß ich auch die guten Manieren außer Gefecht setzte! Ich bin gewiß kein Kostverächter! Meine verstorbene Frau könnte Ihnen da verschiedenes bestätigen, wenn sie noch am Leben wäre!«

Das war zuviel für Seine Herrlichkeit. Seine Würde kochte bis zum Gefrierpunkt hinunter.

»Ich will nicht hoffen, Sir Josuah«, sagte er in einem Ton, der auch diesen in Harnisch brachte, »daß Sie mir zumuten wollen, mich noch nachträglich in irgendeine Intimität mit Ihrer verstorbenen Frau einzulassen!«

Und er schob den Stich, der zu so unliebsamen Erörterungen Anlaß gegeben hatte, weit von sich.

»Die Intimitäten haben jetzt ihre Herrlichkeiten die Würmer zu besorgen!« replizierte der unverbesserliche Sir Josuah, der durch den bloßen Gedanken an diese »nachträgliche« Intimität seine gute Laune sofort wiedergewann und sich spitzbübisch darüber freute, Mylords Entsetzen noch mehr zu steigern. »Von dem guten Geschmack Eurer Herrlichkeit -=in puncto=- Intimitäten war ich auch ohne diese Erklärung hinlänglich überzeugt! Auch den allernächsten Angehörigen gegenüber!«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Daß Eure Herrlichkeit meines Erachtens also wohl von den Herzensangelegenheiten Ihres Sohnes ebensowenig Notiz nehmen wollen wie ich von denen meiner Tochter!«

»Ich glaube, Ihnen bei der Verlobung hinlänglich Gelegenheit gegeben zu haben, diese Überzeugung zu gewinnen! Sie werden nicht gemerkt haben, daß ich meinen Sohn irgendwie um seine Ansicht gefragt habe!«

»Ganz recht! Und deshalb bedaure ich, Eure Herrlichkeit darum bitten zu müssen, das nachzuholen!«

»Was Sie sagen!«

»Ich muß sogar dringend auf der Erfüllung dieses Wunsches bestehen und hoffe, daß Eure Herrlichkeit dabei die ganze väterliche Autorität aufbieten wollen!«

»Sie sind sehr kühn!«

»Der Inhalt dieses Briefes wird meine Kühnheit rechtfertigen!«

»So lesen Sie ihn doch endlich vor!«

Sir Josuah schob seine Brille zurecht, gab dem Briefbogen einen Klaps, um ihm die nötige Strammheit beizubringen, und fing endlich an:

»Mein lieber Sir Josuah!

Als ein Mann von Ehre werden Sie einen Schritt billigen, den zu tun mir _=meine=_ Ehre gebietet, auch wenn er Ihren Wünschen nicht entspricht! Kurz und gut -- ich kann Ihre Tochter nicht heiraten! Ich habe mein Herz einer anderen geschenkt und ihr die Ehe versprochen! -- Ich gedenke dies Versprechen, das ihr und mir das Lebensglück verbürgt, auch zu halten, trotz der Schwierigkeiten, die sich uns entgegentürmen werden! -- Nichts wird mich davon abbringen! Werfen Sie mir nicht vor, ich hätte dies als Ehrenmann vor der Verlobung mit Ihrer Tochter erklären müssen. Ich war nicht in der Lage, es zu tun! Ich wußte nicht mit mir Bescheid! Ich hatte keine Ahnung von der großen Liebe, die jetzt mein ganzes Wesen erfüllt! Ich handelte wie im Traum! -- Ich dachte mir die Ehe als etwas ganz Gleichgültiges, das man mit in den Kauf nehmen und der Entscheidung fürsorglicher Eltern überlassen muß! -- Es war ein Irrtum! -- Das Leben ist jetzt zu mir gekommen! -- Ich habe gesehen, daß keiner außer mir die Macht haben kann oder darf, mein Leben zu gestalten, wenn meine Neigung mit im Spiele ist! Ich bitte das zu berücksichtigen und es mir nicht nachzutragen oder es gar als Schimpf auffassen zu wollen, wenn ich die Verbindung mit Ihrer Tochter hiermit löse. Aber auch wenn Sie mich nicht entschuldigen wollen -- es könnte nichts an meinem Entschluß ändern, oder an der Hochachtung, die ich für Ihr Fräulein Tochter und für Sie selbst hege! Ich überlasse es Ihnen, die nötigen Maßnahmen zu treffen, und bitte Sie, Ihr Fräulein Tochter von meinem Entschluß in Kenntnis zu setzen!

In unabänderlicher Wertschätzung Ihr Lord Stuart-Wortley-Mackenzie.«

»Mylord wollen sich selbst überzeugen?« sagte Sir Josuah nach beendigter Vorlesung, legte den Brief auf den Tisch, nahm die Brille ab und steckte sie in die Tasche. »Mylord wollen sich gütigst überzeugen, daß ich richtig gelesen habe!«

Lord Stuart erhob sich feierlichst zu seiner ganzen Größe und schlug zum erstenmal in seinem Leben mit der Hand auf den Tisch. Einmal nur! -- Aber das genügte, um auch Sir Josuah aus der Tiefe seines Thronsessels emporschnellen zu lassen. Mit dem Blick eines Imperators verkündete dann Seine Herrlichkeit ihren Willen.

»Die Heirat findet statt! Der Junge hat da nicht mitzureden! Er wird sich das abgewöhnen müssen! Morgen geht er nach Schottland zu seinem Regiment, um Subordination zu lernen! Zur festgesetzten Stunde tritt er zur Trauung an! Verlassen Sie sich darauf! Aber behalten Sie doch Platz!«

Er setzte sich wieder, jetzt ganz Herr der Situation, und Sir Josuah tat desgleichen. Einen Augenblick blieben sie so in feierlichem Schweigen und blickten sich mehrmals hochachtungsvoll an.

»Die Hypotheken --« fing Sir Josuah an, um das Schweigen zu brechen. »Eure Herrlichkeit wissen wohl bereits, daß alles in Ordnung ist?«

»Mein lieber Sir Josuah«, sagte der Lord langsam, »mein Haushofmeister hat mir noch nichts darüber gesagt! Ich nehme aber ohne weiteres an, daß der unüberlegte Schritt meines Sohnes auch daran nichts geändert hat oder ändern wird!«

»Das wollte ich eben bemerken!« sagte Sir Josuah und schwieg eine Weile, um dem Lord Zeit zum Auftauen zu lassen. Dann hustete er leicht und fing wieder an.

»Ist Eurer Herrlichkeit nichts in dem Briefe aufgefallen?« fragte er.

»Ich kann nicht sagen! Die üblichen Redensarten in derartigen Fällen! Finden Sie etwas daran?«

»Nein! Aber da fehlt etwas zur Vollständigkeit der Sache!«

»Was denn?«

»Der Name der betreffenden Person, die Ihr Herr Sohn heiraten will!«

»Ganz recht! Wissen Sie, wer die Dame ist?«

»Nein. Aber ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich sie in Beziehung zu jenem Stich bringe!«

Lord Stuart nahm den Stich und sah ihn prüfend an.

»Ja -- wenn wir _=danach=_ gehen wollten!« sagte er und warf ihn wieder auf den Tisch. »Man sieht da ja von ihr bloß die Beine!«

»Allerdings!« sagte Sir Josuah. »Aber man weiß auch, wem diese Beine gehören!«

»Meinen Sie?«

»Ja! Jenes Duell, das auf dem Stiche so lustig persifliert wird, hat wirklich stattgefunden!«

»Mein Sohn hätte sich also geschlagen?«

»Regelrecht geschlagen!«

»Was Sie sagen! Mit wem denn?«

»Mit Lord Albermale!«

»Mit dem? Nun -- der ist ja immer gleich bereit! Hoffentlich hat mein Sohn ihm einen Denkzettel verabreicht!«

»Ich weiß über den Verlauf des Duells nichts -- nehme es aber ohne weiteres an! Man hätte sonst wohl von einer Verwundung gewußt und gesprochen.«

»Und der Anlaß jenes Duells?«

»Eben die Besitzerin jener Beine, die Eure Herrlichkeit soeben auf dem Stiche bewundert haben!«

»Wer ist diese Dame?«

»Die Tänzerin Barberina vom Coventgardentheater.«