Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen
Part 14
»Sollte es möglich sein?« lachte Fossano gallig. »Sollte es wirklich möglich sein?! -- Zwei Sprossen der edelsten Geschlechter Englands stehen im Begriff, Euretwegen die Klingen zu kreuzen -- und Ihr wüßtet nichts davon?! Ihr wollt den Mann nicht kennen, der sein Leben zur Verteidigung Eurer Ehre einsetzt?!«
»Meine Ehre verteidige ich selbst! Niemand gab ich den Auftrag, für mich einzutreten! Ich wüßte auch nicht, wer sich erdreisten könnte, so aufdringlich zu sein!«
»Ganz London weiß es -- und Euch sollte es unbekannt sein?!«
»Ich sag's ja, ich weiß von nichts! Es interessiert mich auch nicht im geringsten! Meinetwegen können sich die jungen Dandys hier die Nasen gern abschneiden, wenn sie nichts Besseres zu tun wissen!«
»Sonderbar!« sagte Fossano, der nicht umhin konnte, zu merken, daß sie die Wahrheit sprach. »Soll ich den Namen jenes jungen Herrn nennen?«
»Mir ist's gleich! Wenn's Euch aber ein Vergnügen macht --!«
»Es ist der junge Lord Stuart-Wortley-Mackenzie!«
»Ich kenne ihn nicht!« sagte sie kalt. »Auch der Name ist mir völlig unbekannt!«
Fossano blickte sie staunend an.
Das ging doch über alle Begriffe! Die Leidenschaftlichkeit des jungen Lords konnte doch nur einer persönlichen Bekanntschaft entspringen! Er schüttelte den Kopf.
»Seine eigenen Worte bezeugen mir aber, daß er Euch gesehen hat, und zwar nicht nur aus der Ferne!«
»So führt ihn her, damit ich ihn der Lüge zeihen kann!« rief Barberina entrüstet.
»Das steht nicht in meiner Macht! Wohl aber kann ich Euch dort hinführen, wo der Zweikampf stattfinden wird, damit Ihr in der Lage seid, das Unglück zu verhindern!«
»Das interessiert mich nicht! Den Platz mögt Ihr mir aber nennen! Denn jener Lüge möchte ich entgegentreten und ihr ein für allemal den Garaus machen! Für Eure Begleitung aber danke ich!«
Fossano gab die verlangte Auskunft und ging.
Und Barberina ließ ihre Sänfte kommen, warf eine Mantille um und begab sich dann schnurstracks ohne jede weitere Begleitung an Ort und Stelle!
An einer der entlegensten Stellen des Hydeparks, an einem kleinen, verlassenen, von Efeu überwachsenen Hause, das seit alters her da stand und als pittoreske Ruine belassen worden war, ließ sie halten. Sie kannte die Ruine. Sie hatte sie bei ihren Spaziergängen oft aus der Ferne gesehen, war aber noch niemals hingegangen, da jener Teil des Parks von umherstreichendem Gesindel besucht wurde und als unsicher galt.
Hinter dem Hause hörte sie Stimmen und Waffengeklirr.
Sie war also nicht zu früh gekommen! -- Wer weiß, vielleicht schon zu spät?!
Sie eilte um das Haus herum.
Auf dem offenen, nach allen Seiten von hohen Bäumen umschlossenen Rasen sah sie im Sonnenscheine zwei jugendliche Gestalten ohne Röcke und Hüte, die mit leichten Degen nach allen Regeln der Kunst gegeneinander fochten. Ein Sekundant stand mit dem Degen bereit, den Kampf abzubrechen -- ein anderer, die Uhr in der Hand, zählte die Minuten. Ein Waffengang wurde eben beendigt. Aus dem Hemdärmel des einen Kämpfers tröpfelte Blut!
»Macht nichts!« rief er und grüßte den Gegner mit dem Degen. »Bis zur Kampfunfähigkeit, Mylord -- so lautete die Bedingung! Ich bin noch lange nicht fertig!«
»Wie Sie wollen«, sagte Lord Albermale ruhig. »Ich dachte aber, der Denkzettel genüge! Sie sind auch nicht ruhig genug, mein Lieber! Sie machen es mir gar zu leicht! Aber wie Sie wollen!«
Er stellte sich in Positur, der Sekundant hob seinen Degen, der Kampf begann wieder.
Barberina, die von der Mauerecke aus den Vorgang beobachtet hatte, lief jetzt kurz entschlossen hinzu. -- Ohne die Gefahr zu bedenken, lief sie in die gekreuzten Degen hinein, faßte die Klingen mit beiden Händen und bog sie auseinander.
Die beiden Gegner ließen in der Überraschung die Griffe los, und Barberina blieb so zwischen ihnen stehen, die Degen in den Händen.
»Entwaffnet!« rief sie übermütig lachend.
»Sie, Mademoiselle?!« rief Albermale. »Mein Kompliment! -- Der Coup war ausgezeichnet! -- Welchem glücklichen Zufall verdanken wir diese angenehme Überraschung?«
»Keinem Zufall, Mylord«, antwortete sie und warf einen schnellen Blick auf den anderen Kämpfer, der wie ein ertappter Schuljunge dastand. »Man hatte mir mitgeteilt, daß diese Auseinandersetzung meiner Wenigkeit galt, und da war ich so frei, mich auch zur Stelle zu begeben! Mich dünkt, ich habe da ein Wort mitzureden!«
»Gewiß, Signorina«, sagte Albermale. »Ich gestehe Ihnen ohne weiteres das Recht zu! -- Obwohl die Auseinandersetzung einen mehr -- wie soll ich sagen -- rein akademischen Charakter hat!«
»Wie soll ich das verstehen?« fragte sie scharf und bog die dünnen Klingen in ihren Händen.
»Sehr einfach! Es handelt sich um Ihren Tanz!«
»_=Nur=_ um meinen Tanz, will ich hoffen? -- Nicht auch um meine Person?«
»Ihre Person ist von Ihrem Tanz untrennbar, Mademoiselle! Sie erfüllen Ihren Tanz mit so viel Poesie -- mit so viel Reiz der Persönlichkeit -- kurz, Sie sind so entzückend --«
»Auf Komplimente verstanden Sie sich immer gut, Mylord! Das sah ich schon in Paris! Ich wußte aber nicht, daß Sie solchen leicht hingeworfenen Nichtigkeiten mit der Waffe Nachdruck zu verleihen pflegen!«
Albermale biß sich auf die Lippen.
»Geradeheraus gesagt, Mademoiselle -- es handelt sich um Ihre Tirolienne, die Sie neulich tanzten!«
»Wirklich?«
»Ich hatte die Kühnheit, zu behaupten, daß Sie die Erotik, die in jenem Tanze steckt, mit einer Vollkommenheit zum Ausdruck bringen, daß einem dabei Hören und Sehen vergeht!«
»Sie sind sehr kühn!«
»Sie hatten selbst eine Aufklärung gewünscht! Ich kann Ihrem Befehl nur so nachkommen, daß ich Ihnen die mir von Ihren Tänzen eingeflößten Empfindungen getreulich wiedergebe! -- Lord Stuart dagegen -- aber Sie kennen ihn doch?«
»Ich hatte noch nicht den Vorzug!« sagte Barberina, die wohl ihren Retter von neulich erkannte, aber sich hütete, es zu verraten. Sie grüßte ihn mit einer knappen Neigung des Kopfes und blickte ihm mit so viel schelmischer Unbefangenheit in die erstaunten Augen, daß der arme Beß den Kopf gänzlich verlor.
»So gestatten Sie denn, daß ich ihn Ihnen vorstelle?« sagte Albermale, dem es doch zu bunt wurde, daß der junge Mensch wirklich rein »akademisch«, wie er dachte, für eine ihm gänzlich Unbekannte sein Leben in die Schanze schlug. »Lord Stuart neigte mehr zu der Ansicht, daß in jener Tirolienne, die Sie mit so viel Anmut zu tanzen pflegen, eine Apotheose der Tugend und der Keuschheit zu sehen sei -- ja, daß es Ihnen überhaupt unmöglich sei, etwas anderes auszudrücken! Unsere Ansichten waren eben nicht in Einklang miteinander zu bringen! So mußten denn die Waffen entscheiden!«
»Mylord«, sagte Barberina spitz, »Ihre Darstellung entbehrt nicht der Pikanterie! Ich verstehe wohl den Ernst, der sich dahinter verbirgt, von dem Spiel der Worte zu unterscheiden! Ich möchte auch weder gegen die eine, noch gegen die andere Auffassung meine Stimme erheben! Es steht Ihnen ja frei, meine Herren, meinem Tanze all die Empfindungen abzugewinnen zu suchen, die Ihnen eben geläufig sind! Das ist stets die Angelegenheit des Publikums und geht die Tänzerin nichts an! Ich bemühe mich nur, nach bestem Können den Empfindungsgehalt des Tanzes bildlich darzustellen und bin gern bereit, neben der Stimme meines Gewissens auch ein sachverständiges und parteiloses Urteil zu hören! Über meine _=Person=_ aber, die, wie Sie, Mylord, so richtig sagten, von meinem Tanz untrennbar ist, gestatte ich keinem fremden Urteil so laut zu werden, daß es mein Ohr berührt! Das entspricht nicht meinen Gepflogenheiten! Sowohl gegen Angriff wie gegen unerbetene Verteidigung meiner Person werde ich mich zu wehren wissen! Sie, meine Herren, haben gar kein Recht, um meiner Person willen handgemein zu werden! Sie werden also sicherlich nichts dagegen haben, meinen Wunsch zu erfüllen und von jeder Auseinandersetzung mit den Waffen aus diesem Grunde Abstand zu nehmen!«
Sie blickte die beiden Kämpfer an, die noch unschlüssig dastanden, und brach in ein helles Lachen aus, in das sie -=nolens volens=_ einstimmen mußten.
»Geben Sie sich die Hände zum Frieden!« rief sie übermütig, »sonst -- ich schwöre es -- tanze ich nie wieder, weder Tirolienne noch irgend etwas anderes!«
»Großer Gott«, lachte Albermale, »dies Unglück muß verhütet werden! Um jeden Preis! -- Mylord Stuart -- da meine Hand! Ich nehme alles zurück! Ich gebe mich besiegt und bitte Sie um Entschuldigung!«
»Die nehme ich gern an«, sagte Stuart, dem die Situation peinlich wurde. »Ich bitte Sie ebenfalls, meine beleidigenden Worte zu vergessen!«
Er nahm die dargebotene Hand an.
»So ist's recht«, sagte die triumphierende Schöne. »Und nun, da der Friede geschlossen ist, werde ich mich entfernen! Diese Trophäen aber« -- sie hob die Degen hoch -- »nehme ich mit als Wahrzeichen der Versöhnung und als Erinnerung an den Kampf!«
»Unsere Degen wie unsere Herzen legen wir Ihnen zu Füßen, Mademoiselle --«
»Dann werde ich aber auch nie wieder tanzen können! Denn ich möchte weder meine Füße verwunden noch Ihre Herzen zertreten!«
»Mein Herz hält etwas aus!« rief Albermale. »Versuchen Sie's nur ruhig! Überlegen Sie sich's nicht erst lange!«
»Ich werde es mir sehr überlegen!« sagte sie spöttisch. »Ich glaube sogar bestimmt versichern zu können, daß jener Tanz für mich gar keinen Reiz haben wird! Ich verzichte -- das wird schon das beste sein!«
Und wie sie gekommen war, so verschwand sie und ließ die überraschte Gesellschaft stehen.
Lord Albermale und seine Freunde verabschiedeten sich von Stuart, der noch träumend dastand und der verschwundenen Erscheinung in Gedanken nachging.
Er hörte nicht die Aufforderung seiner Freunde, mitzukommen. Ihre spöttischen Bemerkungen drangen nicht bis an sein Bewußtsein. Er merkte nicht, daß er allein auf dem Platze blieb, und daß es still um ihn wurde.
Er liebte -- er hatte für sein Liebstes das Leben gewagt! Und er würde es noch tausendmal wagen! Gegen eine ganze Welt wollte er das Heiligtum verteidigen, das er in seinem Herzen aufgebaut hatte! Nichts -- auch nicht, daß sie selbst sich es als eine Zudringlichkeit verbat, konnte ihn davon abbringen!
Mechanisch ging er seines Weges, und, war's Zufall, war's Absicht -- seine Schritte führten ihn langsam nach der Gegend des Parks, wo er sie zum ersten Male gesehen hatte.
Barberina dagegen, kaum, daß sie in der Sänfte saß, fühlte so etwas wie Reue.
Jener junge Mann, mit dem sie kaum ein Wort gesprochen hatte, dem sie nur einmal begegnet war -- der sie aus großer Gefahr gerettet hatte, er war der Verleumdung, der üblen Nachrede der Welt entgegengetreten! -- Ohne Bedenken hatte er für ihren guten Namen sein Leben eingesetzt und sein Blut vergossen! Er hatte sie von dem Schmutz, in dem sie versunken war, mit seinem Blute reinwaschen wollen! -- Niemals hatte sie sich vorher einen Gedanken über ihr Leben gemacht, sondern es hingenommen als etwas Selbstverständliches, als ein ihr obliegendes Lebensschicksal! -- Jetzt aber gingen ihr die Augen dafür auf, wie elend ihr ganzes Dasein bis jetzt gewesen war, und auch dafür, wie unwürdig sie sei, jenes große, ihr von dem reinsten Empfinden dargebrachte Opfer anzunehmen!
Und wie hatte sie ihm dafür gedankt?
Aber wollte sie Herrin ihrer selbst bleiben, so hatte sie nicht anders sprechen können! Sie hatte eben so gesprochen, wie ihr der Schnabel gewachsen war, und die jungen Dandys ob ihrer Dreistigkeit zurechtgewiesen! Denn eine Dreistigkeit war's, das eine wie das andere! Weder hatte Albermale den geringsten Grund, schlecht von ihr zu sprechen, noch hatte sie Lord Stuart zu ihrem Retter erkürt!
Sie hielt inne.
Nicht sie -- aber das Schicksal, das sie zusammengeführt hatte, hatte ihn erkürt! Er war im Recht! Sie sah noch seine großen erstaunten Augen, als sie sich seine Verteidigung verbat -- die er als seine heiligste Pflicht empfunden hatte! Sie sah, wie er sie nicht verstand -- sah unermeßliche treue Liebe in seinen Blicken -- sah, was mehr war -- den Glauben an sie, trotz allem!
Und wie hatte sie's ihm gedankt?!
Sie zog die Schnur und ließ die Sänfte halten, stieg aus und wollte zurück zu ihm, wollte ihm sagen, wie wenig sie solche Verehrung verdiene, und ihn um Verzeihung bitten!
Sie eilte rasch den Weg vorwärts. Da, fast auf derselben Stelle, wo er sie vor einigen Tagen gerettet hatte, sah sie ihn kommen, langsam und traumverloren!
Sie eilte auf ihn zu, und mit der ganzen Glut der Südländerin umschlang sie ihn, küßte seine Augen, die sie so vorwurfsvoll angesehen hatten, küßte ihn, glühend heiß, mitten auf den Mund!
Ehe aber der Überraschte die Besinnung wiederfand, ehe er sein Glück zu fassen vermochte, war sie fort, schneller als Sie gekommen war! Er sah nur noch ihre Sänfte an der Biegung des Weges verschwinden.
In der Sänfte aber saß sie in einer Ecke zusammengekauert, das Taschentuch an die Augen gepreßt, und schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte.
14
Sie war plötzlich zum Leben erwacht. Und es war ihr, als hätte sie bis jetzt nur geschlafen und geträumt -- wüst geträumt!
Was sie bis jetzt erlebt hatte, war kein Erlebnis! Was sie gehofft hatte und immer noch hoffte, war keines Gedankens wert!
Vom Strome getrieben, hatte sie sich willenlos hin und her zerren lassen, bald von diesem, bald von jenem Strudel angezogen! Jetzt fühlte sie zum ersten Male so etwas wie festen Boden unter den Füßen! Sie hatte etwas gefunden, woran die Wurzel ihres Wesens sich anklammern, wachsen und erstarken konnte!
Die Sonne schien ihr zum erstenmal bis in die Seele hinein! -- Sie fühlte die Wärme des Lebens in sich pulsieren! Alle Triebe erwachten und drängten zur Entwickelung! Die Seele, deren Knospen die äußere Gewalt roher Hände bis jetzt gewaltsam beschleunigt hatte, auf die Gefahr hin, sie noch vor der Entfaltung völlig zu vernichten -- ihre arme, getretene Seele trieb jetzt selbst zur Entfaltung! Die äußere vergewaltigte Hülle fiel! Und rein und unberührt, in voller Unschuld, trotz alles Schlamms, durch den sie emporgetrieben war, entfaltete sich die Blume ihres Seelenlebens, in tausend Farben des reichsten Empfindens schillernd und stark und lieblich duftend!
Die große Liebe war da und hob sie mit ihrer Allgewalt aus dem Sumpf. Und alles, was ihr bis jetzt das Leben gewesen war, wurde ihr gleichgültig! Ohne Bedenken wollte sie es wegwerfen, nie wieder auftreten, nie wieder tanzen, sich ganz vom Getriebe der Bühne zurückziehen!
Sie sah nur ein Paar tiefblaue Augen, die sie anblickten -- naiv, groß --, wie wenn ein Kind in einen bunten Traum hineinblickt! Sie hörte nur den Klang einer tiefen, sonoren Männerstimme -- sie empfand die ganze Jugendfrische eines Heldentums, das sich ohne Bedenken bereit fand, um ihretwillen alles von sich zu werfen und, ohne Rücksicht auf Familie, Namen oder das Gerede der Welt, aus Liebe zu ihr sein Leben für sie einzusetzen!
Psyche war wieder frei!
Aber die Wandlung war zu schnell gekommen! Die Fesseln waren gelöst, aber sie lagen noch zu ihren Füßen. Sie sah sie noch -- sah ihr bisheriges Leben --, sah, was ihr unwiederbringlich verlorengegangen war und wie man an ihr gesündigt hatte! -- Sie war wieder frei. Aber die Schwungkraft ihrer Flügel erlahmte! Vom jähen Glück wie vom Unglück gleichermaßen erschüttert, brach sie zusammen!
Ein heftiges Nervenfieber warf sie nieder und fesselte sie für Wochen ans Krankenlager. Die »Mama« war wie verwandelt. In ihr erwachte so etwas wie böses Gewissen. Die Gefahr, in der die Tochter schwebte, hatte es geweckt. Sie sah, wie schwer sie sich aus Eigennutz an ihrem Kinde versündigt hatte, und gelobte dem Himmel, nie wieder ein männliches Wesen an sie heranzulassen, wenn es ihr bloß vergönnt würde, sie dem Leben zu erhalten! Sie nahm die berühmtesten und teuersten Ärzte, streute ihr Geld mit vollen Händen aus -- alles umsonst!
Jäh, wie Barberinas Gestirn emporgeschnellt war, war es auch vom Firmament verschwunden.
Ganz London interessierte sich für ihr Schicksal. Die tollsten Gerüchte wurden in Umlauf gesetzt, man glaubte nicht an ihre Krankheit, und die Theaterleitung hatte dem Publikum gegenüber einen schweren Stand.
Das Fieber ließ nicht nach. Barberina wurde täglich schwächer und schwächer, ihre Fieberphantasien immer verworrener.
Der junge Lord Stuart suchte vergebens zu ihr zu gelangen. Ihre Tür blieb ihm wie jedem andern hermetisch verschlossen. Tag für Tag besuchte er das Theater, um zu fragen, wann sie wieder auftreten würde. Er ging in den Spielsaal Fossanos und suchte durch diesen Kunde zu gewinnen -- vergebens! -- Man wußte, daß sie krank war -- das war alles!
Eines Tages ging er wieder zu ihrer Wohnung, bestürmte die alte Signora mit Bitten, ihn doch an das Krankenlager zu lassen, bot ihr Geld, bot ihr die Ehe mit ihrer Tochter an, begegnete aber nur kalter Abweisung und mußte unverrichtetersache wieder seines Weges gehen.
Als er auf die Straße heraustrat, wurden von reichgekleideten Trägern eben zwei Sänften vor dem Hause abgesetzt.
Zwei würdige Herren entstiegen ihnen und betraten das Haus nach langem Komplimentieren wegen der Ehre des Vortritts.
Er schlich ihnen nach, eilte die Treppe hinauf und blickte durch die angelehnte Tür des Empfangszimmers hinein.
Die Signora war zu der Kranken hineingegangen, um sie auf den Besuch vorzubereiten. Die beiden Herren waren allein. Stuart kannte sie wohl.
Es waren der berühmte Arzt Sir William Westmore und der nicht minder beliebte Modearzt -=Dr.=- Petit, dessen Wunderpillen ihm die Gunst des vornehmen Publikums erobert und den Haß seiner englischen Kollegen zugezogen hatten.
Die beiden Herren konnten sich nicht ausstehen, hüteten sich aber wohl, es merken zu lassen, und bewahrten auch im persönlichen Verkehr eine bewaffnete Neutralität, bereit, jede Blöße des Gegners auszunützen, wenn er sich durch irgendeine mißratene Kur als Scharlatan entpuppen würde. Wie ungern sie sich auch begegneten, so war es ihnen doch stets willkommen, an dasselbe Krankenlager berufen zu werden. Denn da hatten sie Gelegenheit, einander zu belauern. Jeder tat also sein Bestes, um den Argwohn des Kollegen zu entkräften, und bot seine ganze Geschicklichkeit auf -- was dem Publikum nicht entging und es auch veranlaßte, sie beide kommen zu lassen, um seines Lebens sicher zu sein. Ein jeder konnte sich nicht den Luxus leisten, durch so berühmte Hände in die Ewigkeit hineinbefördert zu werden. Mama Campanini aber konnte es. Und so wurde die arme Barberina in die Hände dieser beiden Gewaltigen gegeben, die denn auch ihr möglichstes taten, um ihre Krankheit am Leben zu halten.
Doktor Petit, mager, gelenkig und lebhaft, nahm kunstgerecht eine Prise aus seiner goldenen Schnupftabakdose, um sein Geruchsorgan von den bei anderen Kranken empfangenen Eindrücken zu »reinigen«, empfahl seinem entsetzten Kollegen dasselbe Verfahren, steckte die Dose ein, bürstete den Schnupftabak von der Weste, goß dann aus einem Glas das »Sekret« der Kranken in ein Glasrohr, mischte einige Tropfen einer Tinktur bei, hielt die Mischung an das Licht, roch daran, schüttelte den Kopf und reichte die Glasröhre Sir William, hütete sich aber, seine Meinung zu sagen.
Sir William, dessen dicker, stämmiger Körper den ganzen Sessel füllte, roch auch an der Röhre, stellte sie fort, schüttelte auch den Kopf, daß die Perücke wackelte, und verschloß die Lippen mit dem goldenen Knopf seines spanischen Rohres.
»Bedenklich, nicht wahr?« fing der Franzose an.
»Allerdings! Aber durchaus nicht hoffnungslos!«
»Hab' ich auch nicht behauptet!«
»Wenn wir aber der Kranken heute etwas Blut ablassen -- --?«
»Unter keinen Umständen, Sir William! Unter keinen Umständen! Keinen Tropfen Blut mehr -- keinen Tropfen! Höchstens durch eine gelinde Reinigung des Darms ihr einige Erleichterung verschaffen!«
»Das hält sie noch weniger aus!«
»Sir William, ich gestatte mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß auch gestern dieselbe Meinungsverschiedenheit zwischen uns bestand! Ich habe dann aus reiner Kollegialität nachgegeben! Wir haben sie dann zur Ader gelassen! -- Mit welchem Erfolg?! -- Nun, Sie haben eben daran gerochen!«
»Mein lieber und verehrter Herr Konfrater«, antwortete Sir William mit all der Würde, die seine fette Stimme aufbringen konnte, »wenn Sie gestern meiner Ordination den Vorzug gaben, so tat ich vorgestern Ihren Pillen dieselbe Ehre an! Ich neige auch zu einer leichten Reinigung des Darms, um ihn von den vorgestern eingenommenen Pillen zu säubern -- aber nur auf dem einzig richtigen Weg eines milden Klistiers! Ich weiche aber nicht von meiner Ansicht, daß auch ein Aderlaß unbedingt nötig ist, und habe deshalb die Blutegel gleich mitgebracht!«
»Blutegel? Niemals!« rief der Franzose, entsetzt bei dem Gedanken, daß der Nebenbuhler seine Blutegel verkaufen würde. »Diese wilden Tiere sind sehr mit Vorsicht zu gebrauchen! Bei dem Schwächezustand der Patientin wäre das geradezu ein Frevel! Ein Tropfen zuviel könnte da eine Katastrophe herbeiführen! Wir haben es nicht in der Hand, die Raubgier jener Tiere nach Wunsch zu dirigieren! Ich schröpfe immer! Da weiß ich am besten die zu entnehmende Blutmenge genau zu bemessen! Ich willige in den Aderlaß ein, Sir William, aber nur, wenn Sie mich schröpfen lassen!«
»Wenn Sie mir zugestehen, auch mein Klistier in Anwendung zu bringen, so verzichte ich auf die Blutegel und akzeptiere das Schröpfen!« sagte Sir William phlegmatisch.
»Einverstanden!« rief der Franzose und fing sofort an, sein Arsenal auszupacken und sich zum Angriff bereit zu machen. Sein Mitbruder tat desgleichen. Da ereilte sie die Strafe des Himmels!
Stuart, der hinter der Tür der Unterhaltung mit wachsendem Entsetzen gelauscht hatte, warf die Tür auf und stürzte hinzu, schlug ihre Flaschen und Röhren in Scherben und bearbeitete die beiden Wunderdoktoren so nachdrücklich mit dem spanischen Rohr des dicken Sir William, daß sie schreiend und hilferufend die Treppen hinunterliefen, sich in ihre Sänften warfen und sich eilends forttragen ließen.
Schröpfköpfe und Blutegel, Pillen und Klistier waren in die Flucht geschlagen! -- Die Liebe behauptete das Schlachtfeld. Sie sollte auch fernerhin siegreich bleiben!
Der alten Signora, die bestürzt aus dem Krankenzimmer herauskam, erklärte der Sieger rundweg, daß er sie und sich auf der Stelle töten würde, wenn sie ihn nicht sofort an das Krankenlager ihrer Tochter führe!
Seine Entschlossenheit machte ihr jeden Widerstand unmöglich. Sie öffnete die Tür und ließ ihn eintreten.
Barberina, von dem Lärm und dem Wortwechsel aufgeschreckt, machte einen schwachen Versuch, sich im Bette aufzurichten. Als sie den Geliebten in der Tür sah, glitt ein frohes Lächeln über ihr Gesicht. Mit einem dankbaren Blick empfing sie seinen Gruß und sank dann in die Kissen zurück.
Er stürzte hinzu, ergriff die vom Bettrand herabhängende Hand und bedeckte sie mit glühenden Küssen. Lange kniete er am Bette, die Lippen auf ihre Hand gepreßt. Als er wieder emporblickte, lag sie da, ganz still, mit geschlossenen Augen. Sie schlief und atmete ruhig, von schönen Träumen umgaukelt. Lange saß er so, immer noch ihre Hand in der seinen haltend. Und die Alte, die die beruhigende Wirkung seiner Anwesenheit sah, ließ ihn gewähren.
Das Fieber wich allmählich; die Gefahr war vorüber, und so hatte er sie zum zweiten Male aus Räuberhänden befreit.
Sie genas in ganz kurzer Zeit und konnte bald das Bett verlassen. Er besuchte sie täglich und genoß in vollen Zügen das Glück, sie zu sehen und an ihrer Seite zu weilen. Sobald sie völlig wiederhergestellt war, wollten sie heiraten und sich ganz vom Getriebe der Welt zurückziehen. Sie wollte das Theater verlassen und er die ihm aufgezwungene Braut.
Während er mit ihr Zukunftspläne schmiedete, zogen sich gewitterschwangere Wolken über seinem nichtsahnenden Haupt zusammen.