Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen
Part 13
Am folgenden Nachmittag holte Beß seine Braut ab. Er kutschierte selbst das Sechsergespann und machte erst eine Spazierfahrt in den Park, um sich auch da mit ihr öffentlich zu zeigen.
Kurz vor Beginn der Vorstellung langten sie in Coventgarden an und suchten ihre Loge im ersten Rang auf.
Die Vorstellung begann, und da Beß ebenso gleichgültig und zerstreut war wie beim gestrigen Diner, so konnte seine Braut sich ungestört dem Zuhören widmen!
Die Vorstellung schien dem jungen Lord endlos zu sein. Er konnte es kaum noch abwarten, die junge Dame wieder nach Hause bringen zu dürfen, und wäre gern sofort aufgebrochen. Aber sie schien Vergnügen an der Aufführung zu finden. Und seufzend fügte er sich in sein Schicksal!
Endlich kam das Ballett.
»Haben Sie die Barberini schon gesehen, Mylord?« fragte die junge Dame, um einmal ein Wort zu sagen.
»Nein!« antwortete Beß, errötete aber dabei, als hätte er eine Lüge gesagt. Warum, war ihm unfaßlich, denn er glaubte die Wahrheit gesprochen zu haben! Aber jenes Gefühl kam wohl nur davon, daß diese ihm höchst gleichgültige junge Dame an seiner Seite ihn durch ihre bloße Anwesenheit irritierte! -- Er wußte in ihrer Gegenwart kaum noch mit sich Bescheid und wünschte sie im stillen dahin, wo der Pfeffer wächst!
Der Vorhang ging auf und machte allem Fragen ein Ende.
Der Regisseur trat vor und teilte dem Publikum mit, das pantomimische Ballett müsse leider heute ausfallen, da Demoiselle Barberini noch unter den Folgen ihres gestrigen Unfalles leide! Sie würde heute nur ein Menuett, einen schottischen Tanz und eine Tarantella tanzen und ließe um die Nachsicht des Publikums bitten.
Das Parterre knurrte und schien nicht übel Lust zu haben, dem Regisseur auch tätliche Antwort zu geben! -- Die Apfelsinenmädchen machten reißende Geschäfte und sahen in kurzem ihre Körbe leer von den auch als Wurfgeschoß beliebten Früchten.
Aber die Ankündigung, daß John Rich, der alte Liebling des Publikums, als Ersatz einen »-=Saylor boys=-« und ein paar seiner Grotesktänze zugeben würde, verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Unruhe legte sich, und die Vorstellung konnte weitergehen.
Anfänglich blickte Beß kaum hin, sondern saß im Hintergrund der Loge, in Gedanken vertieft, und die gingen alle zurück zu dem Gegenstand des gestrigen Abenteuers, von dessen Lieblichkeit er noch ganz erfüllt war. Schließlich aber glitten seine Blicke auch nach der Bühne -- und da, von den wiegenden Rhythmen getragen, schwebte ihm eine Erscheinung entgegen, bei deren erstem Anblick ihm alles Blut zum Herzen strömte.
Sie -- _=sie=_ war's!
Er hätte zu ihr hinunterspringen mögen, sich ihr zu Füßen werfen -- sie in die Arme nehmen und forttragen -- irgendwohin, gleichviel wo, wenn er sie nur den Blicken all dieser Leute zu entziehen vermöchte, die sie mit ihrem Entzücken verfolgten, beleidigten, ja entweihten! Allein wollte er sie anbeten, ihr in seiner Seele einen Tempel errichten, wo sie allein herrschen sollte und er als ihr erster und einziger Diener der Vermittler zwischen ihr und dem übrigen Leben auf dieser Erde sein würde!
Er saß ganz still und wagte kaum zu atmen! Seine Blicke hingen wie festgebannt an ihr. Jede Linie, jede Biegung des schmiegsamen Körpers fesselte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt. -- Als sie aber wie ein Schmetterling über die Bühne flatterte und fast in seine Loge hineinfliegen zu wollen schien, da fuhr er auf und streckte die Arme gegen sie aus. Und er hätte jenen Unhold, mit dem sie tanzte, ermorden können, als er sie packte und mit seinem Raub davonstürmte.
Er schrie auf vor Wut ob der Beifallsstürme des Publikums!
Nur für ihn durfte sie da sein, nur für ihn tanzen! Ihm allein kam die Anbetung und die Verehrung zu! Das schien ihm von allem Anfang an so bestimmt! -- Der Himmel hatte sie ihm gesandt -- hatte ihr gegeben, ihm die Augen zu öffnen, und zwar nur, um in ihr das Höchste und Schönste im Leben zu verehren und daran selbst zur vollen Entfaltung seines Selbst zu erblühen!
So heftig äußerte sich sein Unwille über die »Zudringlichkeit« des Pöbels, daß es der Aufmerksamkeit seiner Gefährtin nicht entging. Um so weniger, da sie selbst mit Eifer an den Beifallsäußerungen teilnahm.
»Sie mögen sie nicht?« fragte sie und blickte ihn erstaunt an. Und er, der fürchtete, sich verraten zu haben, griff dankbar nach ihrer Deutung seines Benehmens und antwortete mit einem bestimmten Nein!
»Das wundert mich«, sagte die junge Dame in geringschätzigem Ton. »Ihresgleichen hat man, soviel ich weiß, noch niemals in London gesehen! Sie ist ja ein Wunder von Anmut und Grazie und tanzt mit einer Vollendung, die mich ganz entzückt!«
Zu dieser Belehrung schwieg Beß wohlweislich. Mehr als über deren Inhalt freute er sich über den kühl überlegenen Ton, in dem sie gegeben wurde! Und er nahm sich vor, sein möglichstes zu tun, um noch mehr in ihrer Achtung zu sinken. Er war zu gut erzogen, um ihr zu widersprechen, ließ aber auch kein Wort der Zustimmung laut werden. Und das schon war in ihren Augen ein unverzeihlicher Mangel an der schuldigen Galanterie.
Schweigend stand sie auf, ließ sich von ihm zum Wagen führen, sagte unterwegs kein Wort und machte nicht Miene, ihn zu überreden, als er die höfliche Einladung Sir Josuahs zum Souper ausschlug. Zum Erstaunen ihres Vaters ließ sie ihn seines Weges gehen.
So waren sie bereits wegen Barberina entzweit, wenn auch in ganz anderem Sinne, als es noch kommen sollte. Keinen Augenblick länger mochte er in der Nähe eines anderen weiblichen Wesens weilen, am allerwenigsten da, wo er zum Überfluß noch gebunden war.
Nach Hause mochte er aber auch nicht fahren.
Er wußte jetzt, wer seine Angebetete war -- er mußte aber auch mehr wissen als den bloßen Namen. Und so entschloß er sich, trotz seines Widerwillens gegen geräuschvolle Gesellschaften, zum erstenmal, den Aufforderungen seiner jungen Standesgenossen nachzukommen, und ließ sich nach einem Gasthaus fahren, wo die jungen Leute von Welt zusammenzukommen pflegten.
Er wurde mit Begeisterung empfangen und sah sich bald als Mittelpunkt eines Kreises junger Leute des höchsten Adels, die eine sehr angeregte Unterhaltung führten, bei der ihre galanten Abenteuer hauptsächlich den Gesprächsstoff abgaben.
Selbstverständlich wurde da auch der Name Barberinas genannt. Allerdings mit einem gewissen Unterton von Enttäuschung! Denn keiner der jungen Herren konnte sich rühmen, von ihr irgendeine Gunstbezeugung erlangt zu haben. Und sie war schon die zweite Saison in London.
Man hatte sich alles mögliche über ihr Vorleben erzählen lassen. Der junge Lord Albermale zeigte sich besonders gut unterrichtet -- er hatte sein Wissen von Lord Arundel, der ihr in Paris -- wie man sagte -- nicht ohne Erfolg den Hof gemacht hatte! -- Er hatte sie sogar selbst dort kennengelernt. Und wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn nicht ihre plötzliche Abreise nach England ihm jede weitere Gelegenheit zu einer Annäherung abgeschnitten hätte! Hier hielt sie sich ja hermetisch abgeschlossen. Es sei aber ein gründliches Mißverständnis ihrerseits, wenn sie dächte, dem englischen Geschmack dadurch entgegenzukommen, daß sie sich zu einer Heiligen zu entwickeln suchte!
Man denke sich nur: -- eine Heilige, die, aus der Entfernung, mit den Beinen predigte! Sie würde dem Himmel schwerlich Proselyten zuführen, wenn sie sich nicht entschlösse, ihnen schon auf Erden eine Kostprobe der Seligkeit zu geben!
Die lachende Zustimmung der übrigen verstummte, als zum allgemeinen Staunen Lord Stuart für die gelästerte Schöne eintrat.
Er gebe nichts auf Verleumdungen -- er möchte Lord Albermale empfehlen, auch diese Vorsicht walten zu lassen! Wer in der Öffentlichkeit stünde und gar, wie die Barberini, ein Gegenstand der besonderen Aufmerksamkeit des Publikums sei, entginge solchem Gerede niemals! Es brauche deshalb nicht auf Wahrheit zu beruhen! Er sähe nicht ein, warum eine junge Dame -- denn das sei die Tänzerin unzweifelhaft --, warum sie nicht in Paris ebenso musterhaft gelebt haben sollte wie hier in London! Auf das Gerede eines als eitlen Gecken und leichtsinnigen Lebemann, wie Lord Arundel, bekannten Gentleman wäre nichts zu geben! Und er könne Lord Albermale den Vorwurf nicht ersparen, wider besseres Wissen diese, den Ruf einer jungen Dame kränkenden Gerüchte aus Ärger wegen Nichterfüllung galanter Wünsche weiterzuverbreiten! Das wäre zum mindesten nicht edel und vertrüge sich schlecht mit ritterlicher Gesinnung! Er selbst wäre jederzeit bereit, für sie -- und zwar in jeder Weise -- einzutreten! Er würde aber keinesfalls länger dulden, daß über ihre Tugend und ihre Keuschheit lästerlich geredet würde! Am allerwenigsten von jungen Leuten, deren persönliche Erfahrung sie eigentlich zwingen müßte, ihr das glänzendste Tugendzeugnis auszustellen, wenn ihre verletzte Eitelkeit sie nicht daran hindern würde!
Diese ruhig, aber mit einer unter dem Ernst deutlich wahrnehmbaren Leidenschaft vorgebrachte Rede Lord Stuarts bereitete der Fröhlichkeit der jungen Dandys ein jähes Ende.
Alle blickten Lord Albermale an, dem es als Angegriffenem zukam, dem jungen Herrn die gebührende Antwort auf seine Dreistigkeit zu geben.
Sie blieb nicht aus.
»Über die Tugend und Keuschheit der betreffenden jungen Dame hätte ich längst aus eigener Erfahrung sprechen können, wenn nicht das unerbetene Dazwischenkommen eines jungen Fants mich gehindert hätte!«
»Sie, Mylord, Sie waren es, der jenen Schurkenstreich gegen sie plante?« rief Stuart -- »jene Entführung, die ich noch rechtzeitig vereiteln konnte!«
»Ich war so frei«, sagte Albermale ruhig. »Aber auch ohne daß Sie sich jetzt als unerbetener Retter zu erkennen gegeben hätten, würde ich es nicht verabsäumen, von Ihnen volle Genugtuung für Ihre mich in meiner Ehre verletzenden Worte zu verlangen! Ich empfinde aber die Verpflichtung, Sie erst durch Tatsachen zu überzeugen! Ich will also sofort den Beweis für die Wahrheit meiner Behauptungen führen!«
»Das wird Ihnen niemals gelingen!« rief Stuart heftig.
»Im äußersten Falle wird meine Degenspitze für das Gelingen zu sorgen haben!« erwiderte Albermale ruhig. »Ich hoffe aber zuversichtlich, der Mühe überhoben zu werden, einen jungen Edelmann, den ich sonst schätze und achte, in solch empfindlicher Weise für einige unbesonnene Worte zu züchtigen! Als Mann von Ehre werden Sie sich nicht versagen können, die von mir gebotenen Beweise entgegenzunehmen und mir dann volle Genugtuung zu geben!«
»Sie können überzeugt sein, daß ich Ihnen jede Genugtuung geben werde, die Sie zu verlangen haben, soweit sie sich mit den Gesetzen der Ehre verträgt! -- Es wird Ihnen aber nie und nimmer gelingen, mich zu überzeugen!«
»Folgen Sie mir nur, und Sie werden eines anderen belehrt werden! In Whites Schokoladenhaus wird zur Zeit von einem früheren Tänzer, Fossano, Bank gehalten! Er weiß genau Bescheid über sie! Gehen wir zu ihm!«
»Gehen wir!« -- riefen die anderen, denen die Abwechselung willkommen war. Und Stuart folgte, obwohl mit Widerwillen. Denn auf das Zeugnis derartiger Leute war seiner Ansicht nach nicht viel zu geben!
In Whites Schokoladenhaus trafen sie mit Spielern aus allen Gesellschaftsschichten zusammen. Der Hochadel war zahlreich vertreten. Söhne reichgewordener Kaufleute, die Beziehungen nach oben anknüpfen wollten, suchten auf dem Nahweg durchs Spielhaus etwas rascher einige Sprossen der gesellschaftlichen Leiter zu überspringen. Glücksritter aller Nationalitäten, Spieler -=ex professo=-, machten sich die Gelegenheit zunutze, den alten gefestigten Feudalbesitz zur Ader zu lassen. Und die galanten Damen fehlten selbstverständlich auch nicht. Es wurde viel und gut gegessen und getrunken -- das Eintrittsgeld war auch danach bemessen. In einem größeren, dafür reservierten Saale hatte der ehemalige Tänzer und jetzige Bankhalter seine Spieltische aufgestellt.
Lord Albermale gelang es nach einigem Warten, mit seinen Freunden an den Tisch heranzukommen, wo Fossano selbst Bank hielt. Sie stellten sich ihm vor, nahmen Karten, und das Spiel begann.
»Auf Barberina!« rief Albermale übermütig und warf eine Handvoll Goldstücke auf Pik-Dame.
»Vorsicht, Mylord!« lachte Fossano. »Eure Herrlichkeit werden verlieren! -- Die Dame Barberina hat noch niemand Glück gebracht -- außer dem Bankhalter!«
Albermale verlor auch prompt. Die Pik-Dame echappierte mit seinem Gold!
»Ihr Zeuge läßt Sie böse im Stich, Mylord!« sagte Stuart trocken.
»Wieso?«
»Die von Ihnen benannte Dame hat doch eklatant gezeigt, daß sie für Geld nicht zu haben ist!«
»Das hängt ganz vom Betrag ab!« tröstete Fossano, strich die verlorenen Einsätze ein, zahlte aus, wo zu zahlen war, und gab neue Karten.
»Auf die Summe soll's mir nicht ankommen!« erwiderte Albermale und warf eine ganze Börse hin. Er verlor nochmals.
»Ich wiederhole es, Mylord -- die Gegenliebe dieser Dame ist nicht für Geld zu haben!« sagte Stuart noch nachdrücklicher. »Bei ihr ist der Einsatz das Leben!«
»_=Der=_ Einsatz wird hier nicht angenommen!« entgegnete Fossano. »Und -- bei ihr wird er auch nicht verlangt! -- Genügend Geld und gut gemachte Gelegenheit waren bis jetzt alles, was nötig war!«
»Du lügst!« schrie Stuart, der auf einmal die Selbstbeherrschung verlor.
»Mein junger Herr, ich weiß nicht, wie Sie dazu kommen, mit mir in dem Tone zu reden! -- Sie wissen von ihr nichts! Wenn irgendeiner, muß aber ich mit ihr Bescheid wissen! Denn ich war ihr Lehrer! -- Ich habe sie ausgebildet -- in der Kunst des Tanzens wie in all dem anderen! -- Ich habe sie in die Welt eingeführt -- ich habe sie an den Hof von Frankreich gebracht -- sie war meine Geliebte -- sie wurde vom Prinzen von Carignan, von Lord Arundel und von vielen anderen ausgehalten -- --«
»Sie hören, Lord Stuart?«
»In der kurzen Zeit von zwei Monaten hatte sie schon vierzehn Liebhaber, von denen man wußte!«
»Du lügst, du Hund von einem Falschspieler!« rief Stuart außer sich. Und im Übermaß seiner Aufregung warf er den Tisch um, daß Geld und Karten auf dem Fußboden rollten, zog den Degen und schwang ihn im Kreise um sich herum.
»Wer noch ein Wort über sie spricht, ist des Todes!« schrie er.
»Ich fürchte den Tod nicht«, sagte Albermale ruhig, »und bin sicherlich imstande, mich meines Lebens zu wehren, wenn's sein muß! Ich stehe Ihnen zur Verfügung! Hier ist aber nicht der Ort, wo Edelleute ihre Händel auszutragen pflegen! -- Wollen Sie nur die Güte haben, Ihre Zeugen zu benennen. Ich werde desgleichen tun. Und das Weitere werden diese Gentlemen dann vereinbaren!«
»Ich sende sie Ihnen«, sagte Stuart, »und hoffe, Sie schon morgen bereit zu finden! Es geht aber auf Leben und Tod! Denn wer, wie Sie, aus verletzter Eitelkeit die Ehre einer Dame durch den Schmutz schleift, verdient kein Erbarmen!«
»Sie haben die Beweise gehört!«
»Das Wort jenes Glücksritters, der sein ritterliches Wappen Gott weiß wo gestohlen hat, gilt mir nichts!«
»Reisen Sie nach Paris, junger Herr«, sagte Fossano, »überzeugen Sie sich!«
»Und wenn ganz Paris und ganz London aufstünden, um gegen sie zu zeugen und zu erklären, ihre Gunst genossen zu haben, so erkläre ich, Lord Stuart, sie alle für Lügner und Betrüger! -- Diese Dame ist rein wie ein Engel des Himmels! -- Ich brauchte ihr bloß ein einziges Mal in die Augen zu blicken, um zu wissen: -- hier, in dieser Seele, wohnt die Tugend, der kein Erdenschmutz etwas anhaben kann, wie nahe er ihr auch kommt! -- Speit eure schmutzigen Verleumdungen über sie aus! -- Ertränkt sie in all dem Unrat eurer Seelen -- sie wird aus dem Schlamm emportauchen wie ein Schwan, rein und makellos und ohne Flecken auf dem weißen Gefieder! Zieht sie nur mit Gewalt zu euch hinab! _=Ihr=_ kann das nichts anhaben -- sie bleibt keusch und unberührt trotz allem! -- Sie hat sich noch niemand wahrhaft ergeben, dafür setze ich die Ehre meines Namens als Pfand ein und verteidige ihre Ehre mit meinem Leben!«
Und damit ging er.
Die anderen folgten. Gespielt wurde sowieso nicht mehr nach der unliebsamen Unterbrechung. Fossano ließ Geld und Karten einsammeln, rechnete mit seinen Markören ab und ging gleichfalls.
Er vergaß aber nicht, sich vorher Kunde zu verschaffen von Zeit und Ort des bevorstehenden Zweikampfes, dessen Details Lord Albermale noch auf der Stelle mit zweien seiner Freunde geordnet hatte.
Mit dieser großen Neuigkeit wartete er gleich am anderen Morgen der Mama Campanini auf.
»Freut Euch, Signora!« rief er gleich in der Tür. »Eure Tochter wird endlich auch hier in London ihren Weg machen!«
Die Mama sah von ihrem »Gebetbuch« auf, in das sie vertieft war, und dessen Zahlenreihen sie eben zum soundsovielten Male zärtlich beäugelt hatte. -- In so dichten Kolonnen marschierten sie nicht auf wie in Paris. Aber immerhin mächtig genug, um dem Leben jeden Wunsch abzutrotzen.
»Sie wissen doch, Signore --« begann sie von oben herab --
»Chevalier --« korrigierte er mit Nachdruck.
»Meinetwegen auch Marquis«, sagte sie trocken. »Auch wenn Sie sich vergolden lassen, so ändert das nichts daran, daß wir Sie hier zu Hause nicht zu sehen wünschen! Meine Tochter hat nicht den Willen, noch irgendwie mit Ihnen in Berührung zu treten! -- Und da das Haus ihr gehört, muß ich mich danach richten! Wir müssen unsere Geschäfte wie sonst abwickeln!«
»Trotzdem konnte ich mir nicht das Vergnügen versagen, Ihnen heute die große Neuigkeit brühwarm zu servieren! Und obwohl es nicht der Erste des Monats ist, bringe ich Ihnen heute schon Ihren Anteil am Gewinn mit!«
Er hielt ihr einen wohlgefüllten Beutel hin und ließ das Geld darin klirren. Der Klang des Goldes verfehlte seine Wirkung nicht. Die Alte nahm ihn, schüttelte ohne weiteres das Geld aus, zählte es durch und trug die Zahlen in ihr »Gebetbuch« ein.
»Ihr solltet mir Euer ganzes Vermögen anvertrauen, Signora«, sagte Fossano. »Bei mir verzinst es sich besser als in der Bank von England!«
»Mag sein!« antwortete sie. »Aber in der Bank von England liegt es sicherer! Euch traue ich nicht über den Weg, das wißt Ihr! Gebe ich Euch alles, so verschwindet Ihr auf Nimmerwiedersehen! Jetzt riskiere ich nur das, was wir zur Not entbehren können, obwohl Ihr's eigentlich gar nicht verdient, daß ich Euch irgendwie aushelfe!«
»Ihr verkennt mich, Signora«, lachte Fossano, »um Eure Hilfe ist's mir nicht zu tun, wenn ich Euch etwas bei mir verdienen lasse! Ich empfand so etwas wie Reue, als ich Euch das Anerbieten machte!«
»Ihr?!«
»Ja! Mein Dazwischentreten in Paris hatte die gewiß nicht beabsichtigte Wirkung, Eure Tochter auf die Bahn der Tugend zu drängen! Ich hielt es für eine Schrulle, eine augenblickliche Laune, als sie im ersten Ärger mit allen ihren Adorateuren brach! Aber es scheint mir doch ihr Ernst gewesen zu sein! Und so war es ja nur meine Pflicht, Euch den durch mich verursachten Ausfall an Einnahmen wieder hereinbringen zu helfen!«
»An Eure gute Absicht glaube ich nimmermehr!« sagte die Mama, die jetzt mit dem Nachzählen des Geldes fertig war. Sie stand auf, schloß den Beutel in ihren Sekretär ein und wandte sich wieder an ihn. -- »Ihr brauchtet eben mein Geld, um Eure Spielbank einzurichten!«
»Geld hatte ich genug!«
»Dann wolltet Ihr also nur mit uns in Verbindung bleiben, um Euch gelegentlich an uns rächen zu können! -- Ihr haßt meine Tochter! Ihr schreibt ihr Eure Niederlage in Paris zu, die Eurer Laufbahn als Tänzer ein Ziel setzte! Ihr wollt nicht einsehen, daß Ihr fertig wart -- da Ihr, alt und verbraucht, nur noch an Eurem großen Namen zehrtet!«
»Weder alt noch verbraucht! Wenn ich aufrichtig sein soll, ich hatte die ganze Sache satt!«
»Ihr wart eben nicht mehr der erste! Ihr wurdet von meiner Tochter in den Schatten gestellt, so ist es! Und nun, wo sie sich mit ihrer ganzen Leidenschaftlichkeit ihrer Kunst widmet und ganz dem Vergnügen entsagt, nun schleicht Ihr hinter uns her und sucht nur nach Gelegenheiten, uns zu schaden -- oder wartet zum mindesten darauf, daß ihr ein Unglück zustoßen wird, damit Ihr Euch freuen könnt!«
»Da brauche ich nicht lange zu warten«, lachte Fossano, »wenn, wie Ihr sagt, das meine ganze Sehnsucht ist! Wenn nicht alle Zeichen trügen, steht ihr jetzt etwas bevor, das ihr bald jede Lust an der weiteren Ausübung ihrer Kunst benehmen wird! Nun bin ich aber nicht so bösartig, wie Ihr denkt! Ich bin sogar gekommen, um ein Unglück zu verhüten!«
»Sieh nur!« sagte die Alte und blickte mißtrauisch zu ihm hinüber! »Das schöne Märchen wollt Ihr mich glauben machen!«
»Hört nur zu! Der Galan Eurer Tochter -- --«
»Meine Tochter hat keinen Galan! Das wißt Ihr ebensogut wie ich!«
»Ich weiß jedenfalls: es war Euch sehr schmerzlich, daß sie vorgab, allen galanten Abenteuern entsagen zu wollen! Sie macht das Geschäft eben ohne Euch!«
»Ihr lügt!« rief die Signora empört.
»Warum sollte sie auch nicht?! -- Ihr könnt ihr ja doch nicht ewig beistehen! Eure Tage sind gezählt! -- Sie muß sich beizeiten daran gewöhnen, auf eigenen Füßen zu stehen! Sie macht es auch sehr geschickt -- das muß man ihr schon lassen! Wenn nicht einmal Ihr etwas davon gemerkt habt -- --!«
»Sagt mir's geradeheraus, was Ihr wißt!«
Fossano lächelte. Es machte ihm Vergnügen, sie zu quälen, und so zeigte er gar keine Eile, ihre Neugier zu befriedigen.
»Daß Ihr getäuscht wurdet, wundert mich nicht!« sagte er. »Ein ganzes Jahr in London, ohne daß Fama das geringste über ihr Leben zu berichten wüßte! Das war gut gemacht! Und wie geschickt sie ihre Tugend in Szene zu setzen wußte! Mit welchem Eklat! Kaum hier angelangt, hat sie Gelegenheit, sich beim Feste des Prinzen von Wales einzuführen! Alle Welt war gespannt, sie im »Urteil des Paris« zu sehen -- alles wußte von der bekannten Vorstellung in Fontainebleau! Jener famose Schönheitsfleck war auch hier schon zu einer gewissen Berühmtheit gelangt! Seine Königliche Hoheit selbst war äußerst gespannt -- die Pantomime stand auf dem Programm des Abends -- -- und sie weigert sich, nackt zu tanzen! -- Sie versteift sich darauf, nur ihre italienischen Bauerntänze vorzuführen! Alles war schokiert! Ganz London sprach monatelang von nichts anderem als von ihrer Kühnheit, einen Wunsch von so hoher Stelle zu ignorieren! Ihr Ruf war gemacht -- aber ihre Karriere bei Hofe war hin! Auch hier! Und Ihr weintet! Leugnet es nicht! Blutige Tränen habt Ihr geweint! Obwohl der Prinz von Wales so gnädig war, sie nur durch ein kostbares Geschenk dafür zu bestrafen, weil sie das nicht zeigen wollte, wodurch sie den allerchristlichsten König in solche Aufregung versetzt hatte!«
»Wir können den Hof von England entbehren!« sagte die Mama und setzte die Nase hoch.
»Saure Trauben! Das kennen wir! Euch wäre der Hof von England schon recht! Obwohl ich nicht leugnen will, daß man hier in England Künstlerinnen ihres Ranges so gut bezahlt, daß sie königliche Gnadengeschenke entbehren können!«
»Ihr erkennt also ihre große Künstlerschaft doch an!«
»Ohne weiteres! Sie hat gut an sich gearbeitet! Sie ist eine große Künstlerin geworden! Ihre Leistungen sind über jede Kritik erhaben! Aber es war stets etwas in ihrem Tanze, wovon sie heimlich getrieben wurde! Ich habe sie genau beobachtet! Sie schien mir jemand zuliebe zu tanzen, dessen Bild sie insgeheim im Herzen trug! Das gab ihr die Schwungkraft, das gab ihr den Sieg! Ohne das kann sie nun ein für allemal nichts! Das weiß ich! Auf die Art habe ich sie doch abgerichtet!
Wer dieser Jemand wäre, gelang mir bis jetzt nicht zu ermitteln! Seit gestern aber weiß ich's! Weiß aber auch, daß sie Gefahr läuft, ihn zu verlieren! Und da ist es auch um ihre Kunst geschehen! Um das zu verhüten, bin ich eben hergekommen -- --«
Er schwieg. Denn vor ihm stand Barberina, die im Nebenzimmer seine letzten Worte gehört hatte und nun hereinkam.
»Ich glaube schon«, rief sie, »daß Ihr hinter mir her seid, um Nachteiliges zu erkunden und weiterzuverbreiten! Wenn Ihr aber glaubt, irgendwelche geheimen Beziehungen aufgespürt zu haben, die mich fesseln würden, so seid Ihr im Irrtum!«