Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen
Part 12
Der Hofmeister, der ihnen auf der Treppe zur ersten Etage entgegenkam, zeigte dem vornehmen Besuch unter vielen devoten Verbeugungen den Weg und führte die Herren in die Bildergalerie, wo sie der Hausherr, der sehr ehrenwerte Sir Josuah Crichton, Großreeder und Mitglied des Hauses der Gemeinen, erwartete. Er empfing sie freundlich, aber würdevoll, und stellte ihnen seine Tochter vor -- eine kleine, hübsche Blondine mit dem üblichen, süßlich nichtssagenden Gesicht.
Die gebräuchlichen Phrasen über Wind und Wetter wurden gewechselt. Auch erkundigte man sich, wie schicklich, nach dem derzeitigen Wohlbefinden. Dann zogen sich die alten Herren auf Anregung Sir Josuahs nach der Bibliothek zurück, um ihr »Geschäft« zu besprechen, und ließen die beiden jungen Leute allein!
Das Geschäft betraf eben das Lebensglück jener beiden Menschenkinder, die sich bis jetzt nicht gesehen hatten -- die aber, wenn die Herren Väter einig wurden, ihre gegenseitigen Vorstellungen vom Lebensglück in Einklang zu bringen haben würden -- ob's ihnen paßte oder nicht.
Zeit genug blieb ihnen dazu.
Denn die beiden alten Herren hatten gewichtige ideelle und materielle Interessen gegeneinander abzuwägen. Sie waren beide darauf bedacht, das Tauschgeschäft möglichst vorteilhaft zu gestalten. Und da ist ein ehrlicher Kaufmann mit dem Anpreisen seiner Ware nicht im Handumdrehen fertig! Seine Herrlichkeit gab sich auch redlich den Anschein, möglichst wenig Interesse am Zustandekommen des Geschäfts zu nehmen.
Er schlug mit der Reitgerte den Staub von den Schößen seines goldgestickten, grünen Rocks, legte sie nebst Hut und Handschuhen auf den großen mit Büchern und Zeitschriften bedeckten Tisch, setzte sich gravitätisch in einen großen Sessel und blickte etwas zerstreut den vor ihm stehenden dicken Sir Josuah an, dessen kleine Äuglein ihm aus dem hochroten, wohlgenährten Gesicht schlau entgegenblinzelten, indes er sich vergnügt die Hände rieb.
»Sie finden mich hier, Sir Josuah«, begann Seine Lordschaft, »um die zwischen uns schwebende Angelegenheit ein letztes Mal zu besprechen und -- so oder so -- endgültig zu erledigen! -- Zunächst möchte ich Ihnen eröffnen -- --«
»Ich bin ganz Ohr!« rief Sir Josuah lebhaft, zog einen Sessel näher und setzte sich ebenso würdevoll zurecht. Aber beileibe nicht, um es Seiner Herrlichkeit gleichzutun, sondern nur, um seine weiß gepuderte Staatsperücke nicht gegen die Stuhllehne zu drücken. »Wenn Eure Herrlichkeit also die Gnade haben wollen --«
»Sie wissen, daß das Haus der Stuarts von alters her zu den Stützen der Torys gehört?! -- Mein Vater trat aus Überzeugung der Partei der Whigs bei, was unserem Zweig des Hauses den Unwillen der ganzen übrigen Verwandtschaft zuzog. Wir haben einiges darunter zu leiden gehabt! Wir lassen uns aber nicht von unserer Überzeugung abbringen! Man hofft es allerdings -- man gedenkt meinen Sohn wieder ins Torylager hinüberzuziehen! -- Denn wenn der ältere Zweig ausstirbt, was sehr bald zu erwarten ist, dann ist mein Sohn der Erbe des riesenhaften Vermögens. Und das möchte die Partei der Torys, der ja mein Vetter leider noch angehört, sich zunutze machen!
Das möchte ich verhindern. Ich will nicht nur ihn selbst fest an unsere Sache ketten, ich möchte vor allem den Parteifreunden meines Vetters schon jetzt möglichst klar zu Gemüte führen, daß sie in politischer Hinsicht von uns nichts zu erhoffen haben. -- Sie verstehen, Sir Josuah?«
Sir Josuah rieb sich die Hände.
»Gewiß, Mylord, ich verstehe, und ich freue mich über die uneigennützige Treue Eurer Herrlichkeit unserer Partei gegenüber!«
Das Wort »uneigennützig« sprach Sir Josuah mit einer leichten Anzüglichkeit aus, die Lord Stuart sofort in Harnisch brachte.
»Sie meinen das hoffentlich ernst, Sir Josuah?«
»Gewiß!«
»Schön! -- Ich hätte sonst die Unterredung abbrechen müssen! -- Geld und Geldeswert haben bei den Entschließungen eines Stuart nie eine Rolle gespielt! Ein Stuart war stets bereit, unter Hintansetzung aller materiellen Vorteile dem Rufe der Ehre zu folgen! -- Wo Sie in der Geschichte Englands hinblicken -- in der grauen Vorzeit -- bei den Kreuzzügen, unter Wilhelm dem Eroberer -- in den Kämpfen der Roten und der Weißen Rose -- bei der glorreichen Revolution -- überall sehen Sie meine Ahnen das Banner ritterlicher Gesinnung hochhalten und ihr Blut für die Ehre Englands vergießen! -- Unser Stammbaum wurzelt tief in der Vergangenheit! Aus dem Clan der Stuarts sind Könige hervorgegangen! -- Unser Haus ist eins der wenigen, die, ohne den guten Geschmack und die guten Manieren zu verlieren, die Periode der Heuchelei unter Cromwell und seinen Rundhäuptern überlebt haben! -- Und wenn wir uns dann entschlossen zu der Partei der Whigs schlugen, so war es keinesfalls, um persönliche Vorteile einzuheimsen, sondern es geschah aus der Überzeugung, daß bei den Whigs der Fortschritt liegt, und daß nur auf dem von ihnen betretenen Wege die Größe und die Ehre Englands zu wahren ist! -- Wenn Sie mich jetzt also bereit finden, in die Verehelichung Ihrer Tochter mit meinem Sohne zu willigen -- --«
»Mylord verzeihen«, unterbrach ihn Sir Josuah, der sich durchaus nichts vergeben wollte -- »Mylord verzeihen, wenn ich darauf aufmerksam zu machen wage, daß eine solche für mich gewiß sehr ehrende Einwilligung doch wohl vorher genau zu überlegen wäre!«
»Sie meinen?« -- Lord Stuart richtete sich in seinem Sessel auf. »Ihrer Familie kann eine Verbindung mit dem Hause Stuart doch nur Ehre bringen! Und was mich betrifft, so möchte ich nur bemerken, daß ein Stuart nichts ohne reifliche Überlegung zu tun pflegt!«
»Ich bezweifle das durchaus nicht«, sagte Sir Josuah beschwichtigend. »Aber trotzdem möchte ich Euer Herrlichkeit anheimstellen, sich _=meine=_ Ahnen doch auch etwas näher anzusehen, ehe wir daran gehen, unsere Stammbäume sozusagen in denselben Garten zu verpflanzen!«
»Sie belieben zu scherzen!«
»Durchaus nicht!«
»Wie soll ich das denn verstehen?«
»Beileibe nicht so, daß ich da irgendwie Vergleiche ziehen möchte!«
»Das will ich auch hoffen!«
»Wir haben es ja vorläufig nur bis zum Baronet gebracht! Mein Vater war noch ein einfacher Gentry! Er hat sich nicht träumen lassen, daß bereits ich mir einen Sitz im Hause der Gemeinen kaufen würde. Den Luxus konnte er sich noch nicht gestatten! -- Für meine Person bin ich denn auch am Ziel meines Ehrgeizes! Aber meinen Nachkommen möchte ich noch nach Kräften den Weg ebnen! Und so sehr ich die _=Ehre=_ einer Verbindung mit dem Hause Stuart schätze, die Vorteile, die sie realiter mit sich bringt, sind mir, aufrichtig gesagt, bei dem Geschäft die Hauptsache!«
»Sie schielen wohl bereits nach einem Sitz im Hause der Lords? Die Krone eines Peers von England ist aber nicht um Geld zu haben!«
»Aber sie ist zu haben.«
»-=Par la grace de Dieu!=-«
»Die Gnade des Königs genügt mir! Und da reicht der Einfluß des Hauses Stuart wohl bis an die Stufen des Thrones!«
»Der Einfluß unseres Hauses stand unseren Freunden und Verwandten stets zur Verfügung! Also werden auch Sie mit ihm rechnen können -- hoffe ich!«
»Für meine Person habe ich keine Wünsche! -- Ich habe aber einen Sohn!«
»Wenn Ihr Sohn sich ebenso wie sein Vater um England verdient macht, findet er sicher den Einfluß meines Hauses auf seiner Seite! -- Übrigens aber wollten wir nicht von Ihrem Sohn, sondern von Ihrer Tochter sprechen!«
»Ganz recht! Und nachdem ich Eurer Lordschaft Ansichten erforschen und eine so befriedigende Erklärung entgegennehmen durfte, liegt meinerseits nichts mehr im Wege, daß wir auch in dieser Beziehung die Unterhaltung fortsetzen!«
Lord Stuart rümpfte die Nase! Die geschäftsmäßige Art gefiel ihm nicht.
Sir Josuah sah es, ließ sich aber nichts anmerken, sondern fuhr in aller Gemütsruhe fort:
»Ich bin eben Nützlichkeitsmensch wie mein Vater und meine Vorfahren! Und das ist _=mein=_ ganzer Stolz! -- Weit zurück reichen, wie ich schon zu bemerken die Ehre hatte, bei uns die Ahnen von Geburt nicht! -- Die haben wir uns erst geleistet, als sich auch bei uns die Notwendigkeit einstellte, den von uns aufgebauten Teil des Wohlstandes Englands auch nach außen hin mit dem gebührenden Glanz zu vertreten! Aber unser Stammbaum ist darum nicht weniger alt! Er wurzelt genau so tief in der grauen Vorzeit und in der Vergangenheit Englands wie der Eurer Herrlichkeit!«
»Was Sie sagen!«
»Eurer Herrlichkeit Vorfahren schlugen sich für die Ehre und den Glanz und hatten für anderes keine Zeit. Die Brosamen, die _=sie=_ verschmähten, sammelten _=meine=_ Ahnen ein, Krume für Krume. Das hat lange gedauert! Dann aber -- als das erste Schiff gebaut werden konnte -- dann ging's schneller. Der Heringsfang lohnte sich! Bald gingen unsere Schiffe -- denn sie vermehrten sich rasch -- auf Robbenfang aus, und jetzt hat unser anfangs so unansehnlicher Stammbaum tausend Spitzen -- tausend Mastbäume --, die alle die Flagge Old-Englands über die Meere tragen! -- Hunderte von Schiffen sendet meine Reederei heute mit Gütern beladen nach allen Windrichtungen aus -- die meisten mit Glück!«
»Ich weiß«, sagte Lord Stuart trocken. »Wenn Sie's für nötig halten, dieses Thema zu berühren, so kann ich nicht umhin, zu sagen, daß Ihr sonst gewiß sehr ehrenwertes Haus es sich wohl leisten könnte, auf den Sklavenhandel zu verzichten! Mit Heringen und mit Robben kann man handeln -- mit Menschen nicht! Sie kennen meine Ansichten in dieser heiklen Frage?«
»Ich kenne sie und respektiere sie! Ich bin aber ein Nützlichkeitsmensch, wie ich schon die Ehre hatte, zu sagen! Das Geld ist mir gut, wo es auch herkommt! -- So lange Südamerika >schwarzes Elfenbein< verlangt, wird die Ware beschafft; und da sehe ich nicht ein, warum ich andern Leuten ein gutes Geschäft überlassen sollte, das ich ebensogut selbst machen kann! Um so weniger, da die paar Schiffe, die ich auf die Trade eingestellt habe, ebensoviel einbringen wie alle die anderen zusammen!«
»Trotzdem sollten Sie damit aufhören!«
»Soll ich das so verstehen, daß Eure Lordschaft diese Forderung als Bedingung aufstellen?«
Lord Stuart antwortete nicht.
»Ich würde auf die Bedingung nicht eingehen können«, sagte Sir Josuah resolut. »Dank jenem schwarzen Elfenbein schloß ich im vorigen Jahre mit einem Reingewinn von zweihunderttausend Pfund ab! Ich werde nicht so dumm sein, auf das schöne Geld zu verzichten!«
»Sie wissen, daß unsere Partei eine Bill gegen den Sklavenhandel eingebracht hat?«
»Ich weiß! Aber auch, daß es gewiß Jahrzehnte dauern wird, ehe eine solche Bill Gesetz wird!«
»Ich hoffe doch nicht!«
»Ich schon! Aber wenn die Bill jemals Gesetz werden würde, _=davon=_ können Eure Lordschaft überzeugt sein, daß der derzeitige Chef des Hauses Crichton & Co. sich dem Gesetze fügen wird!«
»Diese Versicherung beruhigt mich! Ich sehe, wir werden uns über den Sklavenhandel einigen! Reden wir also weiter!«
»Dann möchte ich zunächst das gütige Anerbieten, auf Eurer Lordschaft Besitz Mackenzie-Hill eine Hypothek begeben zu dürfen, mit Dank annehmen!«
In den Augen Stuarts leuchtete es auf.
»Mackenzie-Hill muß ausgebaut werden«, sagte er zögernd. »Es soll der Wohnsitz meines Sohnes nach seiner Verehelichung werden. Sie lassen also die zwanzigtausend Pfund darauf eintragen?«
»Sobald wir im übrigen einig sind, liegt der Betrag zur Verfügung von Eurer Herrlichkeit Gutsverwaltung. Meiner Tochter gebe ich hunderttausend Pfund in die Ehe mit! -- Außerdem eine jährliche Rente von zehntausend Pfund!«
»Wollen wir uns bei den Geldangelegenheiten nicht weiter aufhalten«, sagte Stuart, um den Schein zu wahren. »Mein Haushofmeister wird das alles mit Ihnen in Ordnung bringen! Es ist alles richtig so! Machen Sie's nur, wie Sie soeben sagten! Sie werden es zu schätzen wissen, in enge Beziehung zu unserem alten Hause zu treten!«
»So darf ich mir denn erlauben, Eurer Lordschaft Haushofmeister die Dokumente zur Prüfung und Unterschrift zu geben?«
»Bitte, tun Sie das! Sobald er sie gutgeheißen hat, werde ich unterschreiben, und die Sache ist in Ordnung!«
Während der Dauer dieser Präliminarien waren die beiden jungen Leute, die durch jene Dokumente aneinandergekettet werden sollten, in der Bildergalerie mit dem Studium ihrer werten Persönlichkeiten beschäftigt.
In sportlichen Angelegenheiten waren sie bald einig. Miß Betsy liebte das Ballspiel ebenso leidenschaftlich wie der junge Lord »Beß«, wie er in der Familie genannt wurde. -- -=In puncto=- Pferde waren sie auch eines Sinnes und konstatierten mit beiderseitiger Genugtuung, daß die Fuchsjagden auf den Gütern des Sir Josuah Crichton eine ebenso illustre Gesellschaft zu vereinigen pflegten wie die Veranstaltungen Seiner Lordschaft. An beiden hatten bereits Prinzen von Geblüt teilgenommen. In der Poesie waren sie auch eines Sinnes, beide gleichbewandert in den dichterischen Erzeugnissen, die zu kennen der gute Ton von ihnen verlangte! -- Sie konnten überdies die alten Balladen rezitieren, spielten beide vollendet die Laute und einigten sich bald darüber, daß die Gavotte -=à la cour=- und das Menuett, wie sie am Hofe des lebenslustigen Prinzen von Wales getanzt wurden, den steifen altmodischen Tänzen am königlichen Hofe vorzuziehen seien.
Kurz: alle Bedingungen einer glücklichen Ehe waren vorhanden. Bis auf eine Kleinigkeit. -- Miß Betsy hatte zu tief in die dunkelblauen Augen eines jungen Landedelmannes geblickt und suchte in den hübschen Zügen des jungen Lords vergebens nach dem hausbacken treuherzigen Ausdruck, der ihr lieb geworden war, und von dem ihr Herz einzig und allein eingenommen werden konnte! Und dem jungen Lord war wiederum _=sie=_ herzlich gleichgültig und ebenso uninteressant wie all die anderen jungen Damen, die er kannte.
Was die würdigen alten Herren miteinander zu besprechen hatten, wußten sie beide -- auch, daß sich daraus aller Wahrscheinlichkeit nach eine Ehe zwischen ihnen ergeben würde! -- Daß das eine Sache war, die mit der Liebe nichts zu tun hatte, wußten sie gleichfalls!
Dem jungen Lord war die Liebe nur eine modische Redensart, die ihm noch nicht geläufig geworden war, und deren vergnügliche Seite er kaum erst -=par renommée=- kannte! -- Insofern war er eine Merkwürdigkeit seiner Zeit -- streng gehalten und noch jung an Jahren.
Sie war da weit gewitzigter! -- Ihr war das Eheproblem bereits bis zu der Frage vorgeschritten: -- ob ihr zukünftiger Herr und Gebieter ihr die Freiheit verstatten würde, auch als seine Gattin den ländlichen Neigungen ihres Herzens zu folgen oder nicht? -- Eine Frage allerdings, die vor der Trauung weder gestellt noch beantwortet werden konnte -- deren Lösung sie aber der ruhigen und höflichen, fast bescheidenen Art des jungen Lords in für sich günstigem Sinne ohne weiteres entnehmen zu können glaubte. Sie gedachte der Küsse ihres geheimen Verehrers und ihres Treuschwurs, nur ihn zu lieben -- war aber im übrigen bereit, sich als gehorsame Tochter dem väterlichen Entschluß zu fügen! -- -- In diesem Sinne verstattete sie sich sogar eine gewisse Annäherung, führte ihren Zukünftigen aus der Galerie in den Palmengarten, zeigte ihm ihre Papageien und Affen, lud ihn ein, auf ihrer Lieblingsbank Platz zu nehmen und sang ihm da, zur Laute, das alte Lied »Robin Adair« vor -- sang es mit viel Empfindung, und dachte dabei wehmütig an das bitterböse Schicksal, das nicht jenem jungen Landedelmanne beschert hatte, ein Lord zu sein -- den sie auch heiraten durfte!
»Treu und herzinniglich, Robin Adair, Tausendmal grüß ich dich, Robin Adair, Hab' ich doch manche Nacht Schlummerlos zugebracht, Immer an dich gedacht, Robin Adair!
Mancher wohl warb um mich, Robin Adair, Treu aber liebt ich dich, Robin Adair, Mögen sie andre frein, Will ja nur dir allein Leben und Liebe weihn, Robin Adair!«
So sang sie, und der junge Lord wurde dabei von einer ihm nicht recht erwünschten Empfindung beschlichen.
Sie hatte ja eine ganz hübsche Stimme und sang mit viel Gefühl! -- Ihre Augen wurden dabei feucht -- ihre Wangen glühten! -- Als wohlerzogener Mensch konnte er nicht umhin, das Lied auf sich zu beziehen! -- Er überlegte sich's schon in allem Ernst, ob er es nicht seinerseits auch zu einer Annäherung kommen lassen müßte?! -- Ein Handkuß schien ihm schon unumgänglich! -- Da, zum Glück, erschienen die beiden Väter, die inzwischen einig geworden waren, und machten seiner Verlegenheit ein Ende.
Das Lied -- das anscheinend intime Zusammensitzen der beiden -- alles schien den alten Herren für eine glatte Abwickelung des Geschäfts zu bürgen!
Schmunzelnd trat Sir Josuah auf seine Tochter zu, teilte ihr in aller Form mit, daß Seine Herrlichkeit ihm die große Ehre erwiesen hätte, um ihre Hand für seinen Sohn zu bitten, sowie, daß er seine Zustimmung bereits gegeben hätte.
Seine Herrlichkeit hatte denn auch die Gnade, ihr die Stirn zu küssen und sie als Tochter zu begrüßen, und zwar ohne sie um ihre Meinung zu befragen. Er übergab ihr einen prachtvollen Schmuck, den er bereits mitgebracht hatte, und legte dann ihre Hand in die seines Sohnes, der sie gehorsamst annahm und sie formell küßte.
Nachdem Lord Stuart die ganze Familie Crichton auf den heutigen Abend zum Diner geladen hatte, verabschiedete er sich, nahm den frischgebackenen Bräutigam mit, schritt würdevoll, wie er gekommen, die Treppe hinab, bestieg sein Pferd und ritt denselben Weg zurück.
Unterwegs regte sich im Busen des jungen Lords so etwas wie eine Empfindung, daß auch er ein Mensch für sich sei! -- Im Hydepark angelangt, beurlaubte er sich plötzlich von seinem gestrengen Herrn Vater, dem er glaubte für heute genügend Gehorsam gezeigt zu haben! -- Er wollte sich noch in den Alleen des Parks ergehen und erst später nach Hause kommen.
Der Groom nahm sein Pferd am Zügel und folgte dem alten Herrn nach dem Palais. Und Lord Beß war endlich allein mit seinen Gedanken.
Er schlenderte durch den Park, ohne Ziel, sah zerstreut dem bunten Treiben zu und bog dann, ermüdet von dem Trubel, in einen entlegeneren Weg ein.
Die Bäume gaben hier mehr Schatten und gestatteten keinen weiteren Ausblick. -- Die Wege schlängelten sich zwischen dichtem Gebüsch hin. Die Großstadt war hier kaum zu hören. Weit und breit war kein Mensch zu sehen.
Beß dachte nicht mehr an das soeben Erlebte. Er war froh, für einen Augenblick dem Zwang entschlüpft zu sein, in dem sein gestrenger Herr Vater ihn bis jetzt unnachsichtlich gehalten hatte.
Das heutige Ereignis hatte für ihn keine andere Bedeutung, als daß er die Fesseln der väterlichen Beaufsichtigung mit denen der Ehe vertauschen sollte! -- -- Ein notwendiges Übel nur war's, das eine wie das andere, und keines Gedankens wert! Für den Augenblick fühlte er sich frei wie ein Schuljunge, der sein tägliches Pensum absolviert hatte! Und das war ihm die Hauptsache!
Er trieb sich ohne Ziel herum und war eben im Begriff, den Weg nach Hause einzuschlagen, als er plötzlich laute Hilferufe hörte. -- Schnell lief er nach der Richtung, aus der die Rufe kamen, und sah auf einem Seitenweg eine junge Dame, die von zwei Männern fortgeschleppt wurde. In der Nähe hielt ein verschlossener Wagen.
Eine Entführung also am hellichten Tage!
Er lief hinzu, so schnell er konnte, zog den Degen und schlug auf die Bösewichter ein, die ihr Opfer sofort freiließen und, ohne sich zur Wehr zu setzen, eiligst an den Wagen liefen, den Pferden die Zügel gaben und in vollem Trab davonjagten.
Beß wandte sich der Überfallenen zu, die noch keuchend vor Aufregung dastand.
Es war ein reich gekleidetes, etwas fremdländisch anmutendes junges Mädchen von hohem, schlankem Wuchs. Mit der Leichtigkeit einer Sylphide, und mehr schwebend als gehend, kam sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand.
»Mein Herr, wie soll ich Ihnen nur danken können«, sagte sie in gebrochenem Französisch, mit einer Stimme, in deren sonorem, etwas verschleiertem Klang der überstandene Schrecken noch nachzitterte. -- -- »Sie haben mir das Leben gerettet!«
Er stand da, stumm, ohne etwas sagen zu können, und hielt die kleine Hand fest, deren kaum fühlbarer Druck ihn wie ein elektrischer Schlag durchzitterte. Er blickte in ein Paar schwarze, wundervolle Augen, deren Glanz noch von den Tränen erhöht wurde, er sah ein jugendliches Gesicht, frisch wie ein Pfirsich, sah die roten, schön geschwungenen Lippen bezaubernd lächeln und schloß die Augen, um nicht der Versuchung nachgeben zu müssen, sie sofort zu küssen! -- Was sie ihm sagte, hatte er nicht gehört, nur den Klang ihrer Stimme vernommen, der noch wie liebliche nie zuvor gehörte Musik in ihm nachzitterte und ihn in süße Aufregung versetzte.
So stark war der Eindruck, daß er, von einem plötzlichen Schwindel gefaßt, wankte und sich an einen Baum stützen mußte.
»Mein Gott! -- Fallen Sie nur nicht in Ohnmacht!« lachte die silberhelle Stimme wieder. »Man könnte ja denken, nicht Sie hätten mich, sondern ich Sie gerettet!«
»Das haben Sie auch!« rief Beß mechanisch und wiederholte mechanisch wie im Traum: »Sie haben mich gerettet! -- Sie haben mich gerettet! -- -- Gott sei Dank!«
Die Liebe war wie ein Blitz des Himmels in seine Seele gefahren und hatte sein ganzes Wesen in Flammen gesetzt. Vor einigen Minuten noch ein Traumwandler, der sich von fremden Mächten hin und her treiben ließ, war er jetzt zum selbständigen Leben aufgewacht! -- Er sah den Weg und empfand zum ersten Male voll das Glück, da zu sein.
Sie sah seine Aufregung und zog ihre Hand aus der seinen.
»Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet, mein Herr!« sagte sie nochmals. »Mein Leben lang werde ich Ihre Schuldnerin sein! Ich darf Sie aber nicht länger aufhalten!«
»Tun Sie's nur! -- Tun Sie's nur!«
»Ich habe Verpflichtungen, die ich erfüllen muß!« sagte sie. »Die Zeit eilt! Wenn Sie aber Ihre Güte noch so weit ausdehnen möchten, mich zu meiner Sänfte zu begleiten, wäre ich Ihnen dankbar!«
Ohne seine Antwort abzuwarten, legte sie ihren Arm in den seinen und führte ihn, mehr als er sie, den Weg zurück von der entlegenen Stelle des Parks zu dem Platz, wo ihre Sänfte wartete.
Viel zu kurz dünkte ihn der Weg. Ehe er recht zur Besinnung kam, hatte sie sich verabschiedet, sich in die Sänfte gesetzt und den Trägern ein paar Worte zugerufen. Und er stand da und blickte ihr groß nach und war nicht sicher, ob die ganze Begebenheit ein Traum war oder nicht.
In ihm jubelte es aber auf! Und um ihn war die ganze Natur wie verwandelt. Noch niemals hatte der Garten so strahlend schön dagelegen -- niemals zuvor war die Luft so voll von Wohlgerüchen oder das Atmen so leicht! -- Und das Zwitschern der Vögel gab nur das Echo zu dem Aufjauchzen in seinem Innern, verstärkte es und trieb es zu einem einzigen Aufschrei unbändigster Lebenslust.
Ein anderer Mensch, kam er nach Hause.
Die Fesseln waren abgefallen. Was ihn bis jetzt beengt hatte, existierte nicht mehr, oder war unwesentlich geworden! Wo er hinsah, sah er nur das liebliche Bild, das ihm soeben begegnet war! -- Wo er hinhörte, hörte er nur den silberhellen Klang ihrer Stimme! -- Es war ihm unmöglich, einem Gespräch zu folgen, und nur mit Mühe konnte er sich so weit zusammennehmen, daß er auf direkte Fragen Antwort gab.
Das Diner verlief einförmig. Lord Stuart freute sich, daß sein Sprößling -- wie er dachte -- darauf bestrebt war, die Würde seines Standes zu wahren. -- Die junge Braut war entzückt von der vielversprechenden Gleichgültigkeit, die ihr zukünftiger Herr und Gemahl ihr zeigte, und tat in ihrem Herzen das Gelübde, ihn nie auf andere Gedanken zu bringen.
Nur Sir Josuah war unzufrieden. Er fand seinen zukünftigen Eidam mehr als löblich dumm und überlegte noch, wie er sein gutes Geld gegen diese geistige Minderwertigkeit schützen sollte.
Aber das Essen war glänzend, die Weine ebenso. Und ehe man sich trennte, hatte man sich schon dahin geeinigt, die beiden Neuverlobten am nächsten Tag miteinander ins Theater zu schicken, damit sie sich so allmählich näher kämen!
Sir Josuah hatte bereits eine Loge im Coventgardentheater genommen, und man sollte die große Sensation der Saison, die Tänzerin Barberini, sehen.