Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen
Part 11
»Von einem Mißerfolg kann bei ihr gar keine Rede sein! _=Ihr=_ werdet wieder schlecht getanzt haben! Ihr werdet wieder versucht haben, sie aus der Stimmung zu bringen -- von Eurer Niedertracht wäre es schon zu erwarten! Sie wird dann eben nochmals bei Hofe tanzen, aber ohne Euch! Ihr tanzt nie wieder mit ihr, dafür sorge ich!«
»Und wenn sie auch nochmals dort tanzen wird -- die Augen des Königs werden nie wieder auf ihr ruhen, nachdem er sie einmal gesehen und unwürdig gefunden hat!«
»Das ist nicht wahr!«
»Ich war doch dabei! Ich habe ihre Niederlage mit eigenen Augen gesehen! Sie ist hier deklassiert! -- Sie hat hier verspielt! Geht nur nach England -- laßt sie durch Seine Lordschaft entführen! Aber raschen Entschluß! Schnelles Handeln, ehe der Zorn des Prinzen von Carignan verraucht! Folgt meinem Rat! -- Mich werdet Ihr auch drüben finden! -- Nicht am Theater! -- Nein, ich habe etwas Besseres vor! Wenn mein Engagement hier aus ist, lege ich drüben in London eine Spielbank auf; Ihr könnt partizipieren, wenn Ihr wollt! Im Handumdrehen verdoppele ich Euer Vermögen und Ihr könnt Euch's noch auf Eure alten Tage leisten, Eurer Tochter zu gestatten, dem Lord Arundel die Treue zu bewahren!«
Hohnlachend ging er seines Weges und ließ die erbitterte Signora sitzen.
Eben wollte sie gehen, um ihrer ungehorsamen Tochter den Text zu lesen, da erlebte sie die letzte und schwerste Überraschung dieses verhängnisvollen Morgens.
Der Vertraute des Prinzen von Carignan in allen galanten Dingen, ein gewisser Herr de Thunet, der von Seiner Hoheit Gnade existierte und auf dessen Namen die Hotels der prinzlichen Mätressen stets gemietet waren, trat unangemeldet herein, ein Register in der Hand und von mehreren Helfershelfern begleitet. Ohne die Signora eines Blickes zu würdigen, klappte er sein Register auf, klemmte eine Hornbrille auf die Nase und fing an, die kostbaren Meubles zu bezeichnen, mit denen er im Auftrag Seiner Hoheit das Hotel ausgestattet hatte. Für jedes Stück machte er eine Aufzeichnung im Register, gab den Gehilfen einen Wink und, von festen Fäusten gepackt, wanderte das betreffende Möbel durch die Tür hinaus, trotz der entrüsteten Proteste der alten Dame.
»Seine Hoheit haben nur den Wunsch, den Platz zu räumen«, war alles, was er zur Antwort gab. »Denn die Mietsquittung haben Sie doch in Händen, und Sie bleiben doch hier?«
»Ich bleibe! Und die Möbel auch!«
»Seine Hoheit haben befohlen, für die Meubles Seiner Herrlichkeit des Mylord Arundel Platz zu machen«, antwortete der Vollstrecker des prinzlichen Zornes trocken und räumte in aller Gemütsruhe Zimmer nach Zimmer aus, bis nur noch das Boudoir und das Schlafzimmer übrig waren.
Da pflanzte sich die Signora mit ausgebreiteten Armen vor der Tür auf.
»Nur über meine Leiche kommt Ihr da hinein! -- Keinen Stuhl, keinen Schemel, auch nicht das geringste Stück der Einrichtung nehmt Ihr von dort mit!«
»Seine Hoheit legen keinen Wert auf die Ausstattung des entweihten inneren Heiligtums«, antwortete der alte Registrator des galanten Inventars. »Alles, was geeignet wäre, peinliche Erinnerungen oder bittere Empfindungen zu erwecken, bleibt hier und mag auch ferner der Untreue dienen! Aber die kostbaren Spitzen aus Brabant, die alten Juwelen und sonstigen Schmucksachen, wie sie hier verzeichnet sind« -- er klappte ein zweites, noch umfangreicheres Register auf --, »haben Hoheit mir befohlen, wieder in Empfang zu nehmen!«
»Er fordert seine Geschenke zurück!«
»Hoheit erachten sich für unwürdig, den schönen Leib Eurer Tochter zu schmücken, den sie fortan von anderen Anbetern verzieren lassen will! Dürfte ich bitten, die Sachen herbeischaffen zu wollen und so meine Aufgabe zu erleichtern?«
»Niemals!« schrie die alte Frau, entsetzt, eines so ansehnlichen Teiles ihres Gewinns beraubt zu werden. Aber sie hatte die Empfindungen ihrer Tochter außer Berechnung gelassen.
Babara, die sich allmählich von der Überraschung erholt hatte, war durch ihre Kammerjungfer von der Ausräumung ihres Hauses benachrichtigt worden und trat jetzt voller Zorn aus ihrem Boudoir heraus.
»Nichts -- gar nichts will ich von ihm haben«, rief sie, streifte Armbänder und Ringe ab und warf sie dem Exekutor zu. »Da, nehmt nur! Und da!« Sie zeigte auf die Schatullen und Kästen, die ihre Zofe hinter ihr hertrug. -- »Schaut nur genau nach, daß nichts fehlt! -- Die Roben, schnell! -- Die Spitzen -- das brokatne Zeug -- schnell, her damit! Fort aus meinen Augen mit allem, was an diesen alten Gecken erinnert!«
Sie unterbrach ihre Rede und eilte ans Fenster, durch das sie Peitschenknall und rollende Räder gehört hatte.
»Ich wüßte nicht, daß ich den Wagen befohlen hätte!« rief sie, schwieg aber plötzlich, als sie das höhnende Lächeln des Abgesandten ihres bisherigen Gebieters sah.
»Die Mühe haben Seine Hoheit Ihnen abzunehmen geruht!« sagte er spöttisch. »Mademoiselle werden es unzweifelhaft vorziehen, eine andere Equipage bei Dero Ausfahrten zu benutzen? Die Stallungen des Hotels sind klein. Das Palais Soissons bietet mehr Platz! Seine Herrlichkeit, Mylord Arundel, bevorzugen ja das Vollblut, und die Schimmel meines Gebieters würden schwerlich Gnade vor seinen Augen gefunden haben! -- Auch den Goldfüchsen Seiner Herrlichkeit wünschen Hoheit Platz zu schaffen. Und so beehre ich mich, seine Entschließung mitzuteilen, daß er auf die Auszahlung der Mademoiselle zugesicherten Rente von tausend Louis von heute ab verzichtet!«
Womit der brave Thunet sein Register zuklappte und nach einer steifen Verbeugung das nunmehr leere Zimmer verließ, das der aus allen Himmeln gestürzten Signora Campanini nicht das geringste Möbel mehr darbot, auf das sie hätte in Ohnmacht sinken können!
»Wir sind blamiert! Wir sind vor aller Welt lächerlich gemacht!« seufzte sie.
»Wenn's nur aller Welt gefällt, mich in Ruhe zu lassen, mir soll's recht sein!«
»Womit willst du den Lord Arundel empfangen? Auf der Erde kannst du nicht mit ihm soupieren!«
»Lord Arundel wird eben nach Hause geschickt!« sagte Babara gelassen.
»Du bist eine Undankbare! -- Du wirst mich noch ins Grab bringen! Ach, ich Unglückliche! Ach, ich Armselige! Hättest du nur nicht Fossano vor den Kopf gestoßen! Dem Elenden verdanken wir dies alles!«
»Ich werde es ihm auch zu danken wissen! Einen größeren Gefallen als heute hätte er mir nicht erweisen können!«
»Du redest wie eine Irrsinnige!«
»Ich rede wie eine, die bis jetzt im Traum gelebt hat und plötzlich erwacht! So ist's! Denn jetzt sehe ich klar, wo ich war und wo ich nicht mehr sein will! Und ich freue mich, endlich frei zu sein! Dies ganze abscheuliche Leben, zu dem ihr -- du und er -- mich gezwungen habt, widert mich an! Ekel ist alles, was ich dabei empfunden habe! -- Ekel vor mir selbst -- Ekel vor einer Welt, die ihre Gunst nur um den Preis der Selbstschändung verkauft! Das soll jetzt aber ein Ende haben! Das mache ich nicht mehr mit!«
»Was willst du denn tun? -- Wovon gedenkst du zu leben?«
»Von meiner künstlerischen Leistung! Die soll man mir bezahlen -- meine Person aber fortan in Ruhe lassen! Ich kann das verlangen!«
»Dann kennst du die Welt nicht!«
»Dafür weiß ich mit mir Bescheid. Und auch, daß ich niemals den Gipfel der Kunst erklimmen werde -- niemals das Göttliche erreichen, was mir im Augenblick des künstlerischen Rausches vorschwebt, wenn ich noch an äußeren Erfolg und Schätzesammeln denke! Niemals werde ich das Gefühl der Erdenschwere los, das mich auch in den Augenblicken der höchsten Wonne herabzieht -- wenn ich nicht mit aller Macht gegen das Lotterleben ankämpfe, in das du -- und jener Elende mich hineingezogen habt!«
Sie kehrte der alten Frau den Rücken, setzte sich an den Schreibtisch, warf rasch ein paar Zeilen auf einen Briefbogen hin, faltete ihn zusammen, schrieb die Adresse, klingelte und reichte ihn der Zofe.
»An Mylord Arundel!« sagte sie. »Sofort durch Boten hinsenden! Und -- daß du's dir merkst --, künftig bin ich für niemand zu Hause! Der Marquis von Thibouville, der Prinz von Gobriant, der Herzog von Durfort -- alle ohne Ausnahme werden sie fortgeschickt! Und du auch, auf der Stelle, falls du dich unterstehst, auch nur einen einzigen zu melden, unter welchem Vorwand es auch sein mag! -- Halt!« rief sie der Zofe zu, die sich eben entfernen wollte. -- »Geh noch zur Oper, melde mich krank! -- Sterbenskrank, verstehst du? -- Ich tanze heute nicht und morgen auch nicht! Auch kannst du ein Wort fallen lassen, daß ich, sobald ich meine Kräfte wiedergewonnen habe, Paris verlasse und nach London gehe!«
Die Zofe ging.
Die Mama fand endlich Worte.
»Du denkst in allem Ernst daran, nicht mehr aufzutreten?«
»Ich betrete die Oper nicht mehr! Ich werde auch bei Hofe nicht mehr tanzen!«
»Aber der Befehl des Königs?«
»Gilt nur für seinen Generalinspekteur der Oper! Mag er sehen, wie er den Befehl befolgen kann! Mich kümmert's nicht!«
»Er hat die Macht, dich zu zwingen!«
»Nichts kann mich zwingen, wenn ich nicht will! Das wird der Prinz zu wissen bekommen! Ich tanze nicht, und wenn er mich kniefällig um Verzeihung bittet! Ich werde ihn schon klein kriegen!«
Und dann setzte sie sich endlich hin, um ihre Schokolade zu trinken, und trällerte vergnügt wie ein aus dem Bauer entschlüpfter Vogel!
12
Der Prinz von Carignan saß in seinem Kabinett und ließ sich von seinem Sekretär Vortrag halten. Seine Stirn war gefurcht, die Haut gelb von der übergetretenen Galle, die Augen blickten trübe.
Die Spielbank ging schlecht. Der Pächter lieferte keine Überschüsse ab. Die Oper spielte vor leeren Häusern. In der Theaterkasse war kein Sou zu finden. Paris war in Aufruhr. Die feine Welt revoltierte gegen das Regiment des Theatergewaltigen. Sein Thron wankte.
Fast zu gleicher Zeit hatte er drei seiner leuchtendsten Sterne verloren. Die Camargo war ihm mit einem Verehrer durchgegangen. Madame Sallé, erzürnt wegen ihrer Zurücksetzung zugunsten Barberinas in Fontainebleau, hatte ihm ihr Abschiedsgesuch, und zwar durch einen Gerichtsbeamten, zustellen lassen.
Was ihm noch blieb, war nicht zugkräftig genug.
Hätte er wenigstens die Barberina, dann wäre der Verlust der anderen zu verschmerzen! Aber die war immer noch krank und weigerte sich aufzutreten.
»Noch immer keine Besserung?« fragte er betrübt den Sekretär.
»Leider nicht! Wir haben ihr aber ein unfehlbares Heilmittel verabreichen lassen! Der Befehl, nächste Woche in Versailles zu tanzen, ist ihr gestern zugegangen! Das wird sicher helfen!«
»Und wenn sie sich weigert?«
»Sie wird sich hüten!«
»Du kennst sie eben nicht! Sie ist launenhaft und rachsüchtig. Sie wird mich sicher in Verlegenheit bringen wollen! Mir ahnt nichts Gutes! -- -- Wir können aber nicht unsere Position durch ihre Launen erschüttern lassen! Der König würde mir einen Ungehorsam gegen seinen Befehl niemals vergeben! Es wäre die sichere Ungnade! Sie muß in Versailles tanzen und wenn die Welt darob zugrunde gehen müßte! Wir müssen sie versöhnen!«
»Wie gedenken Eure Hoheit das zu tun?«
»Geschenke! -- Geld! -- -- Das vermag alles!«
»Wir haben kein Geld!«
»Wir haben unseren Schmuck -- wir haben unsere Gemäldegalerie!«
»Hoheit wollen sich von den Schätzen der Galerie trennen?«
»Wenn wir sterben, müssen wir es sowieso! -- Und ich ziehe den Tod der königlichen Ungnade vor! Du sollst die Gemälde zu Geld machen!«
»Zu Befehl!«
»Den Erlös schickst du ihr! Auch das Gespann und die Equipage! Und schreibe ihr, ich bedauerte den Vorfall von neulich! Die Aufregung, in der ich mich befand, war ja nur zu erklärlich! Ich will aber darüber hinweggehen und ihr wieder die Rente auszahlen lassen! Noch heute vormittag muß alles erledigt sein! Morgen hältst du mir Vortrag darüber!«
Der Sekretär eilte, die Befehle auszuführen. Der Prinz ließ sich in den Garten hinaustragen und gab Befehl, den ganzen Vormittag niemand vorzulassen außer Signore Fossano, den er zu sich befohlen hatte.
Fossano kam. Er sah nicht ohne Genugtuung die Spuren der Verheerung, die die Aufregung bei seinem erlauchten Nebenbuhler hinterlassen hatte.
»Sie haben mich da in eine schöne Situation gebracht, mein Lieber!« sagte der Prinz leicht vorwurfsvoll. »Man ist derartigen Gemütserschütterungen nicht mehr gewachsen! Sie sind auch schwer mit dem guten Ton vereinbar! Dergleichen geht man am besten aus dem Wege! -- Sie hatten es aber so schlecht arrangiert, daß wir es nicht mehr konnten!«
»Geruhen denn Eure Hoheit einzusehen, daß auch ich in eine derartige Aufregung versetzt werden konnte? Und daß es mir dadurch unmöglich gemacht wurde, so gut zu tanzen wie sonst?«
»Wenn das der Zweck Ihrer Demonstration war, so haben Sie ihn erreicht!«
»Eure Hoheit wollen also auch glauben, daß ich jene Schwäche niedergekämpft habe und jetzt ganz wieder der alte bin?«
»Keinesfalls! Wer einmal den Kopf verliert -- --«
»Der nimmt sich ein anderes Mal in acht, wenn er in dieselbe Situation kommt! -- Wollen Eure Hoheit mich auf die Probe stellen?«
»Ich kann Sie unmöglich wieder bei Hofe tanzen lassen!«
»Trotzdem wage ich, darauf zu bestehen! Jetzt eben bin ich es meiner Reputation schuldig, dort zu zeigen, was ich kann! Sonst ist's um meine Karriere geschehen!«
»Das interessiert uns nicht! Sie müssen für sich selbst sorgen! Sie waren eben schlecht! Warum haben Sie nicht besser getanzt?! Sie müssen die Folgen tragen!«
»Das werde ich auch tun! Eure Hoheit können aber versichert sein -- wenn ich nicht in Versailles tanze, dann wird es Barberina auch nicht tun!«
Carignan richtete sich im Sessel auf.
»Ach, sieh nur! Sie drohen uns gar! Ja, sagen Sie einmal, haben Sie sich denn mit ihr versöhnt?«
»Weit entfernt!«
»Dann will ich Ihnen etwas sagen! Sie hat mir in Fontainebleau kategorisch erklärt, daß sie nie wieder mit Ihnen tanzen wird!«
»Das weiß ich! Sie soll es aber tun! Sie wird mit mir tanzen oder überhaupt nie wieder auftreten!«
»Sie planen doch keinen Anschlag auf sie?«
»Hoheit können unbesorgt sein!«
»Wie wollen Sie's denn bewirken?«
»Ich brauche gar nichts zu tun!«
»Ich verstehe Sie nicht!«
»Wenn ich spreche, werden Hoheit verstehen!«
»Also sprechen Sie!«
»Wenn ich spreche, wird sie tanzen! Wenn ich schweige, tanzt sie nicht!«
»So sprechen Sie doch!«
»Erst muß ich die Zusage Eurer Hoheit haben, in Versailles tanzen zu dürfen!«
»Unmöglich!«
»Hoheit werden es bereuen! Barberina tanzt nicht -- das bedeutet den Zorn des Königs wegen Nichterfüllung seines Befehls! Aber Hoheit wissen das ebensogut wie ich!«
»Also reden Sie!«
»Hoheit kennen die Bedingung!«
»Mein Gott, Sie eigensinniger Mensch! Wenn's durchaus sein muß -- meinetwegen können Sie gern tanzen!«
»Das Ehrenwort Eurer Hoheit!«
»Sie werden dreist!«
»Was ich weiß, rechtfertigt die Dreistigkeit!«
»Nun denn, Sie haben mein Ehrenwort! Aber Sie müssen sich gut halten! Die richtigen höfischen Pirouetten! Keine Seitensprünge wie das letztemal! Ich bitte mir das aus!«
»Hoheit können sich auf mich verlassen!«
»Schön! Und jetzt reden Sie!«
»Barberina hat mit Mylord Arundel ausgemacht, in der allernächsten Zeit Paris zu verlassen und nach London zu gehen!«
»Sie fabeln!«
»Heute früh ist der Diener des Lords nach Calais geritten, mit dem Befehl, überall Postpferde zu bestellen! Von morgen ab liegt ein Kutter zur Überfahrt nach Dover bereit!«
»Wir werden das zu verhindern wissen! Übrigens wird sie jetzt schon anderen Sinnes sein!«
»Hoheit meinen?«
»Ich habe guten Grund, es mit Bestimmtheit anzunehmen!« sagte Carignan, mit einem schmerzhaften Seufzer an die Opfer denkend, die er dafür bringen mußte. »Warten Sie's nur ab! Sie werden sehen! Ich verstehe es, Widerspenstige zu zähmen. Adieu, mein Lieber! Es bleibt bei unserer Verabredung! Aber -- wie gesagt -- die richtigen Pirouetten! -- Keine Extempores! Keine Extravaganzen!«
Fossano ging.
Der Sekretär kehrte wieder mit der betrübenden Nachricht, daß die Barberina sich weigere, ihn zu empfangen. Sie wolle von Seiner Hoheit nichts wissen, keine Botschaft in Empfang nehmen -- kurz, ihm war in der schnödesten Weise die Tür gezeigt worden.
Carignan raste. Aber es half nichts! Er mußte in den sauren Apfel beißen und in höchsteigener Person zu ihr fahren, um Buße zu tun. Sonst wäre es um ihn geschehen!
Er fuhr also in Begleitung des Sekretärs hin und wurde von Mama Campanini im leeren Salon empfangen.
»Ich kann Hoheit leider nicht bitten, Platz zu nehmen!« sagte sie mit der Miene einer Dulderin und zeigte auf den Fußboden. »Aber Hoheit haben selbst für den Mangel an Sitzgelegenheit gesorgt!«
»Halten wir uns darüber nicht auf, bitte! Ich will ja alles wieder gutmachen. Warum läßt man denn meinen Boten unverrichtetersache wieder zurückkehren? Geld, Schmuck, Gespann, Equipage -- die ganze Einrichtung -- alles kann sie wieder haben! Und die Rente auch!«
»Das nimmt sie nur von ihren Freunden an!«
»Mein Gott, ich bin doch ihr Freund! -- Ich schätze sie nach wie vor! Ich war einen Augenblick alteriert! -- Ich wurde von einer Situation überrascht, in der ich nicht erwartet hätte, mich befinden zu müssen! Aber es ist ja alles wieder gut! -- Ich versichere -- ich bin ihr gar nicht böse! Sie soll nur hereinkommen!«
»Sie ist noch krank vor Aufregung!«
»Gegen die Krankheit bringe ich eben das beste Heilmittel mit! Holen Sie sie nur her!«
»Sie wird nicht kommen! Als der Sekretär vorhin hier war, hat sie mir rundweg erklärt, sie würde sich von Eurer Hoheit nicht einmal die Hand küssen lassen. Nicht einmal um hunderttausend Francs!«
»Das ist stark! Haben _=wir=_ etwa den Handkuß angeboten? Wir verzichten gern auf jede Intimität! Wir haben aber nicht nötig, hier zu bitten! -- Du bringst mir auf der Stelle deine Tochter her! Ich, ihr Chef, befehle es! Und es würde sowohl ihr wie dir teuer zu stehen kommen, wenn ihr meine Geduld noch lange auf die Probe stellt!«
Das half. Die Signora eilte in das Boudoir, und nach einigem Zögern ließ sich Barberina dazu herbei, vor dem Antlitz des gestrengen Herrn Chefs zu erscheinen.
Sie ließ sich aber durchaus nicht imponieren.
Sie war kalt, abweisend, sah ihn kaum an, wies jeden seiner Versuche, sie zu begütigen, ab und bat ihn schließlich, sie in Ruhe zu lassen. Sie wäre noch leidend! Sie könne keine Aufregung vertragen! Sie wolle sich wieder hinlegen!
Aufbrausend versuchte er es auch bei ihr mit dem Ton des Vorgesetzten. Sie lachte ihn aber aus.
Da verlor er die Fassung gänzlich und verlegte sich aufs Bitten! Sie könne ihm jede Bedingung stellen! -- Sie müsse aber bei Hofe tanzen! Sie dürfe ihn nicht ins Unglück stürzen! Die Ungnade wäre ihm gewiß!
»Dann tanze ich erst recht nicht!« lachte sie, und die Schadenfreude leuchtete ihr aus den Augen.
Das gab ihm die Fassung wieder.
»Dann brauche ich Gewalt!« rief er. »Entweder Sie tanzen, oder ich lasse Sie und Ihre Mutter verhaften!«
»Ohne Grund? Das können Sie nicht!«
»Ich habe Grund genug! -- Ich weiß von Ihren Fluchtplänen mit Lord Arundel! Meine Polizei ist schon in Bewegung, hat schon überall verboten, Ihnen Postpferde zu geben und das Auslaufen aller Schiffe aus dem Hafen von Calais bis auf weiteres untersagt! Beim ersten Versuch, zu entweichen, sind Sie verhaftet, und Seine Lordschaft auch! Sie werden schon überwacht! -- Wollen Sie also tanzen?«
»Ich sehe ein -- ich muß der Gewalt weichen! Ich werde also tanzen! Aber Eurer Hoheit Geschenke und die Rente nehme ich nicht wieder an! Ich verlange eine geordnete Stellung auf Grund meiner künstlerischen Leistungen! Mindestens fünfhundert Louis Gehalt monatlich! Und ebensoviel für das eine Mal in Versailles!«
Carignan biß sich auf die Lippen. Er dachte an die leeren Kassen seiner Theater. Aber er sah keinen anderen Ausweg und willigte ein.
Kühn gemacht durch den Erfolg, verlangte sie noch die Aufhebung aller polizeilichen Maßnahmen.
»So dumm sind wir nicht!« sagte der Prinz lächelnd. »Unsere Polizei wird ein wachsames Auge auf Sie haben, Signorina! Bis Sie am Hofe getanzt haben! Dann wollen wir sehen! Studieren Sie jetzt fleißig Ihre Tänze mit Fossano!«
»Mit Fossano?! Nimmermehr!«
»Sie müssen ihn als Partner in Versailles haben!«
»Nein, nein! Er würde mir alles verderben! Wenn Hoheit darauf bestehen, tanze ich nicht! Ich lasse mich lieber köpfen!«
»Nun, so erlassen wir's Ihnen! Er mag ein Solo tanzen! Ich habe übrigens für diesen Fall schon John Rich aus London als Gast engagiert! Er wird kommen, Sie kennen ihn sicher dem Namen nach? Der berühmte Harlekin des Coventgardentheaters! Er wird Ihnen glänzend sekundieren, Signorina!«
»Ich tanze auch mit ihm nicht! Ich will den jungen Riccoboni! Er tanzt mir mehr zu Gefallen! Er hat mehr Talent als all die andern!«
»Nun denn, in Gottes Namen, tanzen Sie mit Riccoboni! Wenn Sie bloß tanzen, ist's mir gleich, mit wem! Ich hätte mir dann den Rich ersparen können! Er wird aber schon unterwegs sein! -- Na, das sind alles Bagatellen! Gehen Sie zur Ruhe, Signorina! Pflegen Sie Ihre Tochter, Signora! -- -=Au revoir=-, meine Damen! Lassen Sie sich's gut gehen!«
Und Hoheit ging, froh, den Verkauf seiner Gemäldegalerie noch rückgängig machen zu können und der königlichen Ungnade so leichten Kaufs entronnen zu sein.
* * * * *
Barberina tanzte in Versailles vor der Königin und dem versammelten Hofe und errang einen glänzenden Erfolg.
Der König erschien aber nicht zur Vorstellung. Er hatte an dem Abend ein größeres Interesse an den Staatsgeschäften als an den Reizen Barberinas und blieb der Veranstaltung fern.
Barberina war außer sich. Carignan nicht weniger.
Aber er hielt Wort.
Nach dem Auftreten Barberinas in Versailles hob er die polizeiliche Überwachung auf. Und sie versäumte nicht, sich das zunutze zu machen.
John Rich, der berühmte Londoner Tänzer, hatte ihr von London vorgeschwärmt. Er verstand es, ihren künstlerischen Ehrgeiz aufzustacheln und spiegelte ihr ganz andere Triumphe vor als die der Galanterie, die sie jetzt bis zum Überdruß satt hatte.
Plötzlich eines Tages war sie verschwunden.
Der Herzog von Carignan erledigte eben die Kassenrapporte des vorhergehenden Tages und war voller Freude, weil die Oper jetzt, nach dem Wiederauftreten Barberinas, allabendlich ausverkauft war.
Da brachte man ihm die Nachricht von ihrem Entweichen.
Das war zuviel!
Die Sallé, die Camargo -- das hatte er verschmerzen können! Aber jetzt auch noch die Barberini!
Nach all den Opfern! Nach all den Demütigungen!
Seine Hoheit traf auf der Stelle der Schlag!
Barberina aber tanzte nach den Gestaden Albions hinüber. Und Fama flog vor ihr her mit der Kunde von ihrem Schönheitsflecken und ihren anderen galanten Vorzügen!
Drittes Buch
Hahnenkampf
13
Seine Herrlichkeit Lord Stuart-Wortley-Mackenzie trat heute etwas später als sonst seinen täglichen Spazierritt an.
Er zeigte seinem Sohn, der ihn begleitete, ein ungewöhnlich aufgeräumtes Wesen und unterhielt sich lebhaft, fast freundlich, mit ihm.
Der junge Lord war nicht wenig erstaunt darüber. Bis jetzt war er gewohnt, von seinem alten Herrn mehr als ein notwendiges Übel behandelt zu werden. Heute aber kam er sich vor, als sei er plötzlich ein gutes und lohnendes Geschäft geworden -- ein reicher Gewinn im Spiel oder so etwas!
Nach Beendigung des Rittes beliebte Seine Herrlichkeit einen andern als den üblichen Weg einzuschlagen. Statt geradeswegs nach seinem an der Südseite des Parks gelegenen Palais zu reiten, warf er sein Pferd herum, lenkte es geradeswegs nach Piccadilly, bog in die Saint James Street ein, kam nach Pall Mall, wo mehrere der reichen Kaufleute ihre Wohnhäuser hatten, und hielt vor einem der reichsten und prächtigsten an.
Ein wohlbeleibter, rotwangiger Hauswart in prunkvoller Livree trat auf die Treppe heraus.
»Sir Josuah zu Hause?« fragte der Lord, stieg auf die bejahende Antwort des Hauswarts vom Pferd, warf dem Groom die Zügel zu und betrat, von seinem Sohn gefolgt, die geräumige, mit allerlei exotischen Trophäen und Waffen geschmückte Halle.