Die Tänzerin Barberina: Roman aus der Zeit Friedrich des Grossen

Part 10

Chapter 103,576 wordsPublic domain

»Von Seiner Majestät dem König«, sagte Binet herablassend, als sei er selbst die Majestät, und öffnete das Etui, das einen kostbaren Schmuck von Brillanten und Saphiren enthielt. -- »Seine Majestät lassen allerhöchst Dero Zufriedenheit mit Mademoiselle aussprechen sowie Dero Absicht, Mademoiselle demnächst in Versailles im Beisein Ihrer Majestät der Königin -- in _=einer anderen=_ Rolle tanzen zu sehen!«

Sprach's, verbeugte sich kalt und ging.

Das war der ausgesprochenste Mißerfolg! -- Keine persönliche Vorstellung -- kein Souper! -- Ein kostbarer Schmuck allerdings -- aber die allerhöchste Befriedigung durch den Mund eines Lakaien -- --!

Barberina erblaßte, biß sich auf die Lippen, verlor aber die Contenance nicht.

»Ich bitte mir aus, Monseigneur«, sagte sie dann gelassen zu Carignan, der wie ein begossener Pudel dastand, »ich bitte mir aus, mir in Versailles einen anderen Partner geben zu wollen, der mir nicht die Szene verdirbt! -- Mit Signore Fossano tanze ich nicht mehr! Er quält mich, er irritiert mich! Und wie hat er als Tänzer dekliniert!«

»Allerdings, mein lieber Fossano«, sagte Carignan, froh, seinen Ärger an jemand auslassen zu können, »ich kann nicht umhin, Ihnen zu sagen, daß Sie mir in diesem Jahre Enttäuschung über Enttäuschung bereiten! Sie sind lange nicht mehr der geistvolle Tänzer, als den ich Sie bisher kannte und bewunderte! Ihr Engagement war ein Fehler! Nun -- er hat uns unsere liebe Freundin hier gebracht -- das wollen wir Ihnen zugute halten. Aber bei Hofe haben Sie ausgetanzt!«

Womit er die Bühne verließ und sich zum König begab, der ihm jedoch sagen ließ, daß er seiner Dienste heute nicht mehr bedürfe.

Der König konferierte mit dem Herzog von Richelieu.

Hochwichtige Entscheidungen von weitestgehender politischer Tragweite wurden getroffen. -- Bachelier, der allmächtige Hüter der Schlafzimmergeheimnisse Seiner Majestät, war in Ungnade gefallen, und Richelieu hatte geschickt die Gelegenheit benutzt, seinen Protegé, Binet, in Erinnerung zu bringen. Und so wurde die Brücke geschlagen, über die die schöne Madame d'Etioles, geborene Poisson, spätere Marquise de Pompadour, ihren Einzug ins Allerheiligste halten sollte, um da unumschränkt zu gebieten!

Das Schicksal Frankreichs war entschieden!

Wer weiß aber, wie es sich gestaltet hätte, wenn die schöne Barberina nicht jenen fast unmerklichen Leberflecken unter dem linken Busen gehabt hätte und Bachelier nicht so ehrlich gewesen wäre, dessen unseliges Vorhandensein dem Könige zu verraten?!

10

Seine Hoheit verbrachte eine schlaflose Nacht.

Das Fehlschlagen seines Planes mit Barberina war für ihn eine Katastrophe, die seine schönsten Hoffnungen vernichtete. Statt, wie er gehofft hatte, die Geschicke des Welttheaters zu lenken, war er mit einem Schlage in seine frühere Einflußlosigkeit zurückgeworfen und mußte sich auf die kleine Welt der königlichen Theater beschränken, wo niemand ihn respektierte -- wo die kleinste Choristin ihn auslachen konnte.

In aller Frühe ließ er Fossano rufen, der nach langem Warten endlich erschien, müde, verschlafen und ebenso verärgert wie Hoheit selbst.

Er wurde mit den heftigsten Vorwürfen empfangen.

»Sie haben mich betrogen, Signore! Sie haben mich hintergangen! Sie haben die Barberina als eine makellose Künstlerin bei mir eingeführt! Sie haben ihre Gebrechen verheimlicht! -- Diese scheußliche Verunstaltung, von der Sie wissen mußten, haben Sie verschwiegen! Sie haben mich blamiert, den ganzen Hof degoutiert -- den Zorn des allerchristlichsten Königs gegen mich heraufbeschworen! Ist das der Dank für meine Protektion? -- Schweigen Sie! -- Reden Sie nicht! Machen Sie Ihre Verfehlung nicht durch Ausflüchte noch schlimmer! -- Von jenem Leberfleck haben Sie gewußt! -- Was sage ich, >Fleck<? Eine Landkarte war's! -- Wer so etwas hat, zeigt sich nicht nackt -- oder verdeckt sein Gebrechen mit Schminke! -- Man renommiert doch nicht mit seiner Abstammung von Negern! Man kokettiert nicht mit einer Haut wie Ebenholz! Man tritt nicht vor den Augen Seiner Majestät auf, um seinen Schönheitssinn zu beleidigen und seine Geduld auf die Probe zu setzen! -- Man erklärt sich unwürdig und bleibt dem Hofe fern! -- -- Und Sie selbst -- wie haben Sie getanzt?! Miserabel -- ganz miserabel!«

»Ich war wahnsinnig vor Eifersucht!«

»-=Mon Dieu=-, fangen Sie nicht auch an, mit solchen altmodischen Gefühlen zu prahlen! -- Wären Sie wenigstens der alte geblieben! Hätten Sie's verstanden, alle Augen auf sich zu lenken wie früher! Da war Ihr Auftreten immer eine Sensation! Seine Majestät waren charmiert, haben mich stets komplimentiert! Und gestern kein Wort -- keine Miene verzogen! Nicht einmal das übliche, befriedigte >Ah< bei Ihrem Erscheinen! Ich weiß nicht, ob ich Sie noch auftreten lassen kann!«

»Hoheit müssen mich verstehen! Ich bin doch auch nur ein Mensch! Und sie quält mich! Bei jedem Auftreten bringt sie mich außer mir durch ihr verächtliches Benehmen! -- So auch gestern! Ich verlor ganz den Kopf! Die kühle Ruhe, die zum überlegenen Tanzen nötig ist, war hin! Statt mich ganz in die Lösung der künstlerischen Aufgabe zu versenken, dachte ich nur an sie! -- Diese einzige Schönheit, die ich wie ein Juwel gehütet hatte und die seit dem einen Male, wo sie sich mir unverhüllt offenbarte, allen anderen Augen unzugänglich war, sollte jetzt den lüsternen Blicken dieser Roués der Hofgesellschaft preisgegeben und als Dekoration eines höfischen Festes zur Schau gestellt werden! Das machte mich verrückt! Ich tanzte schlecht! Insofern verdiene ich die Vorwürfe Eurer Hoheit!«

»Sehen Sie!«

»Dann kam aber statt des Triumphs der eklatante Mißerfolg Barberinas! Das hat mich wieder aufgerichtet! Jetzt bin ich wieder Herr meiner selbst! Jetzt bin ich wieder der alte! Wenn Hoheit jetzt befehlen, lege ich mir wieder Paris zu Füßen!«

»Umsonst, mein Lieber! Sie werden nie wieder bei Hofe tanzen! Sie haben mich betrogen! Sie haben mich schwer getäuscht! Wenn _=Sie=_ jene Dame so intim kannten, hätten Sie mich auf jenes Gebrechen aufmerksam machen müssen!«

»Wenn jenes Gebrechen wirklich existierte, hätte ich es getan!«

»Sie wagen zu leugnen, was alle Welt gesehen hat?!«

»Hoheit müssen es doch selbst am besten wissen! Hoheit haben ja die Gnade gehabt, ihr ein Hotel einzurichten! Hoheit gelten doch vor aller Welt als ihr bevorzugter Beschützer!«

»-=Mon Dieu!=-! -- Das ist eine Sache für sich! Die Intimität aber auch! Und -- Sie wissen -- ich war durch mein Amt am Hofe die letzte Zeit sehr in Anspruch genommen! Dienstlich verhindert sozusagen!«

»Dann wäre es wohl angebracht, wenn Hoheit sich jetzt herbeiließen, sich Höchstselbst vom Vorhandensein jenes ominösen Leberfleckens zu überzeugen -- --?«

»Wozu? -- Er _=ist=_ vorhanden, nachdem unser allerchristlichster König geruht haben, es Allerhöchstselbst zu konstatieren!«

»Sollte es nicht möglich sein, daß jener Fleck auf einen Fehler im Glase der Allerhöchsten Lorgnette zurückzuführen wäre?«

»Sie geben mir eine Idee!«

»Nicht wahr -- Hoheit haben selbst nichts gesehen?«

»Ich? Nein! Allerdings nicht!«

»Wollen denn Hoheit sich nicht nochmals durch Augenschein überzeugen?«

»Aber mit Vergnügen! -- Nur möchte ich wissen wie?«

»Hoheit werden wohl als bevorzugter Beschützer jederzeit freien und unbehinderten Zutritt zu ihrem Räumen haben?«

»Das schon! Selbstverständlich habe ich das! Aber haben -- -- und Gebrauch davon machen! -- Mein Lieber, man überrascht eine Dame doch nicht so --!«

»Wenn man sie liebt -- --«

»-=Mon Dieu!=- -- Kommen Sie mir wieder mit jenem -- Gefühl? Man hat eine Laune -- heute diese, morgen jene -- aber _=lieben=_, sich fesseln lassen -- sich in jener vorsintflutlichen Weise echauffieren! -- Was denken Sie von mir?«

»Auf alle Fälle gilt es, hier einen Irrtum aufzuklären -- und zwar einen, dessen Folgen sonst verhängnisvoll sein könnten! -- Da nimmt man keine Rücksicht!«

»Sie haben recht! Wir wollen uns gewissermaßen als Gerichtskommission konstituieren! Denn Sie müssen dabei sein. Wir wollen uns zu ihr begeben!«

Carignan klingelte. Der Kammerdiener erschien.

»Den goldenen Schlüssel!«

»Welchen befehlen Hoheit?«

»Den letzten!«

»Also Rue Viviennes?«

»Rue Viviennes, Schafskopf! Und dann sofort ein Kupee ohne Livree!«

»Das Kupee steht, wie immer, bereit!« antwortete der Kammerdiener und verschwand, um gleich danach mit einem purpurnen Kissen zurückzukehren, auf dem ein goldener Schlüssel ruhte.

Der Herzog nahm ihn, winkte Fossano und ging. So schnell wie möglich ließ er sich nach dem kleinen Hotel in der Rue Viviennes fahren, wo Barberina residierte, fuhr aber nicht an der Treppe vor, sondern ließ an dem kleinen Gartentor an der hinteren Seite des Parks halten, das stets verschlossen war.

Er öffnete es mit dem goldenen Schlüssel, desgleichen die Tür einer geheimen Treppe, deren Vorhandensein Barberina unbekannt war, und die direkt zu ihrem Schlafzimmer führte -- stieg hinauf, von Fossano gefolgt, und blieb lauschend an einer Tür stehen.

»Kein Laut!« flüsterte er nach langem Horchen. »Sie wird noch schlafen!«

»Sicher!« sagte Fossano. »Wenn sie keine Probe hat, schläft sie bis in den Nachmittag!«

»Gehen wir hinein!« flüsterte der Prinz, schob vorsichtig den sämtlichen Schlössern angepaßten Schlüssel ins Loch und drehte ihn um.

Sie standen im Allerheiligsten. Ein betäubender Duft von starkem Parfüm schlug ihnen entgegen. Anfangs konnten sie, vom Sonnenschein draußen geblendet, nichts sehen. Aber allmählich gewöhnten sich ihre Augen an das Halbdunkel. -- Das Himmelbett mit seinen zugezogenen Vorhängen aus rosaseidenem Brokat -- die nachlässig auf alle Möbel hingeworfenen Kleidungsstücke -- die goldgestickten kleinen Pantoffeln am Bett -- die Schmucksachen auf der von Kristallflakons funkelnden Toilette traten so allmählich nebelhaft in Erscheinung.

Auf den Fußspitzen schlichen sie an das Bett heran und lauschten den ruhigen Atemzügen der hinter den Vorhängen Schlafenden.

»Sie wacht nicht auf!« flüsterte Fossano beruhigend. »Hoheit können ruhig näher treten! Wenn sie so schläft, könnte höchstens ein Pistolenschuß sie wecken!«

»Schweigen Sie! Machen Sie hell!« kommandierte der Prinz. Und Fossano tastete sich an das Fenster heran, zog die dichten Vorhänge zur Seite und ließ die Sonne herein, kam dann auf den Wink des Prinzen wieder ans Bett heran und hob den Bettvorhang vorsichtig auf.

Hoheit trippelte auf leichten Füßen näher, hielt das Lorgnon an die Augen, beugte sich vor, faßte mit eleganter Handbewegung den Zipfel der Bettdecke, hob sie hoch -- ließ sie aber mit einem Ausruf der zornigsten Überraschung fallen und wankte zurück.

»Was gibt's?« fragte Fossano.

»-=Mon Dieu!=- -- Aber so sehen Sie doch! Sehen Sie selbst!«

Fossano schlich näher. Ein Blick genügte. Auf dem Kissen neben Barberina ruhte -- der jugendliche Kopf des Herzogs von Durfort!

»Diese Infamie!« rief der Prinz mit halberstickter Stimme. »Diese unerhörte Treulosigkeit! Was mache ich nun mit dieser liederlichen Kreatur?«

»Hoheit sind hier der Herr und Gebieter!«

»Und Sie meinen, ich sollte hier den eifersüchtigen Betrogenen spielen?! Lächerlich!«

»Wenn's gilt, der Lächerlichkeit zu entgehen -- ja!« sagte Fossano und verbeugte sich. »Hoheit werden aber gestatten, daß _=ich=_ mich vorher entferne!«

»Sie lassen mich im Stich?!«

»Dergleichen wird gewöhnlich nur unter den direkt Beteiligten ausgemacht! Hoheit wollen doch keine Blamage!« versetzte Fossano, schadenfroh lächelnd, schlüpfte durch die Tür nach der Wohnung hinaus und überließ den Prinzen seinem Schicksal.

Die arme Hoheit stand da, blickte unsicher bald nach dem Bett, aus dem ihm das unbefangenste Schnarchduett entgegentönte -- bald nach der Tür, durch die er gekommen war -- konnte sich aber nicht entschließen.

Wäre er allein gekommen -- sicherlich wäre er seines Weges gegangen -- er hätte ihr den Laufpaß gegeben, und die Sache wäre ohne Aufregung abgelaufen!

Aber jetzt hatte er einen Zeugen gehabt! -- Jetzt ging's nicht ohne weiteres! Seine Reputation verlangte eine Aktion -- oder man würde über ihn lachen! -- Entsetzlich! Ihn, den Prinzen von Carignan, sollte man wegen einer hergelaufenen Tänzerin lächerlich machen können!

Er machte entschlossen einen Schritt auf das Bett zu. Die Knie wankten ihm, er sank auf ein Taburett nieder und wischte sich mit dem Spitzentaschentuch den Angstschweiß aus dem Gesicht, der schon durch die dick aufgetragene Schminke hindurchsickerte.

»Mein Gott, was mache ich nur?« flüsterte er. Aber sein gequälter Seufzer fand bei dem ruhigen, zufriedenen Schnarchen der Schlafenden nur eine alles andere denn beruhigende Antwort!

11

Draußen in ihrem kleinen Kabinett hatte Mama Campanini soeben ihre Andacht beendigt, sie putzte die Flamme der ewigen Lampe, bekreuzigte sich vor dem Muttergottesbilde, setzte sich an ihren Sekretär, schlug ein kleines, rot gebundenes Büchlein auf und vertiefte sich in die langen Kolonnen von Zahlen, die da untereinandergereiht waren.

Das Geschäft blühte. Die goldene Jugend von Paris wetteiferte um den Vorzug, ihre Schätze Barberina zu Füßen zu legen. Und Mama nahm den Tribut gnädigst in Empfang, buchte ihn gewissenhaft, um ihn später nutzbringend anzulegen, vertröstete die jungen Leute je nach Rang und Vermögen mit Hoffnungen oder Versprechungen und ließ keinen ohne die bestimmte Zusage ihrer Fürsprache gehen.

So nahm sie die Sünden ihrer Tochter auf sich. Kein einziger von den jungen, galanten Herren durfte der schönen Babara nahen, ohne vorher von der Mama ins Gebet genommen zu werden. Sie war das Fegefeuer, Babara das Paradies. Im Fegefeuer wurden sie geläutert. Dort ließen sie den irdischen Tand. Im Paradiese genossen sie überirdische Wonnen.

Die Mama prüfte sie auf ihre Vermögensverhältnisse und ihre Opferwilligkeit und erledigte alles Geschäftliche.

Babara erledigte gelegentlich den Rest -- frei von aller Schuld. Sie war eben nichts als die gehorsame Tochter.

Auch das Geschäftliche gegenüber dem Himmel erledigte die Mama. Täglich ging sie zur Beichte und ließ sich die Sünden des vorhergegangenen Tages vergeben. Empfing dann die Tochter abends in neugewonnener Unschuld in ihrem Gemach, so saß die gute Alte im Vorzimmer, lächelte beglückt beim fernen Klang der Gläser und betete ihren Rosenkranz. Sie schlief dann den Schlaf der Gerechten und träumte von ihren Schätzen, die sich, dank der gehorsamen Tochter, wacker vermehrten.

Auch sie war enttäuscht über den bloß halben Sieg Babaras am Hofe. Aber Könige sind nicht im Sturm zu nehmen! Alles muß seine Zeit haben! Und inzwischen gab's ja zu tun!

Fossano war für sie erledigt. Sie sah ihn nur im Theater, wo sie nicht mehr mit ihm sprach.

Daß er sich rächen würde, wußte sie. Sie sah es aus den haßerfüllten Blicken, mit denen er ihre Tochter verfolgte, und wußte, daß er ihr auflauerte und nach einer Gelegenheit spähte, sie in ganz eklatanter Weise bloßzustellen.

Sie ließ sich aber nicht stören. Sie lebte in den Tag hinein und besorgte ihre Geschäfte pünktlich und gewissenhaft.

An diesem schönen Morgen war sie aber nicht ganz zufrieden, als sie ihr Büchlein mit den vielsagenden Zahlenreihen zuklappte. -- Sie hatte gestern eine stattliche Summe im voraus buchen können, mußte sie leider aber heute mit einem Fragezeichen versehen.

Mylord Arundel, der gestern sich und jene Summe zum Souper angesagt hatte, war schmählich enttäuscht wieder abgezogen. Der Befehl, bei Hofe zu tanzen, war so schnell und unerwartet gekommen, daß sie ihm nicht einmal hatte abschreiben können.

Sie hatte ihn auf ihren Knien um Entschuldigung bitten müssen und ihm mit Mühe und Not ein halbes Versprechen abgerungen, heute zum Lever Babaras zu erscheinen.

Kommt er? -- Kommt er nicht? -- Die Frage hatte ihr ihre Nachtruhe verdorben! Und jetzt ging sie schon seit Stunden in der Wohnung umher und wartete auf Babara, die sie nicht zu wecken wagte -- die aber schlief, als stünde für sie gar nichts auf dem Spiel!

Immer wieder ging sie an die Tür des Schlafzimmers und lauschte. -- Denn käme er, dann müßte Babara auch visibel sein! -- Sonst wäre alles verloren und Seine Herrlichkeit würde den Strom seiner Schätze in ein anderes Bett leiten!

Sie gönnte dem guten Kinde ja die Ruhe! -- Es mochte wohl müde sein nach der Vorstellung und der langen nächtlichen Fahrt! Kein Mensch konnte aber voraussehen, wie lange die Jugend und die Schönheit währen würden! -- Für die Ruhe des Alters mußte gesorgt werden!

Nach langem Zögern entschloß die Mama sich endlich, an die Tür zu klopfen. Aber ehe sie noch ihre Absicht vollführt hatte, wurde sie durch einen entsetzten Schrei aufgeschreckt!

Es war drinnen im Schlafzimmer!

Noch einmal schrie es! Kein Zweifel, es war ihre Tochter! Dann wurden auch andere Stimmen laut -- zornige Männerstimmen, die gegeneinander wetterten!

Sie eilte hinzu -- sie rüttelte heftig an der verschlossenen Tür! -- -- Da gerade mußte man ihr den Besuch Arundels melden!

Sie durfte ihn nicht abweisen, sie mußte ihn sogar gleich empfangen! -- -- Und drinnen bei ihrer Tochter ging etwas vor! Sie wußte nicht was, begriff aber, daß es Seiner Herrlichkeit verheimlicht werden müßte! -- -- Sie tat ihr Bestes!

Sie nötigte Mylord zum Sitzen, schwatzte drauflos von allem möglichen -- vom gestrigen Hoffest -- vom Erfolg Barberinas -- von der Gnade des Königs -- fragte den Lord nach dem letzten Rennen -- nach den Jagden auf seinen englischen Gütern -- überhörte seine Antworten, unterbrach ihn mitten in der Rede, um nach dem Wetten zu fragen und nach der Möglichkeit, im Spiel Glück zu haben -- sie ließ ihn nicht zu Worte kommen und hütete sich wohl, sich nach seinen Empfindungen für Babara zu erkundigen.

Mylord ließ mit echt englischem Phlegma alles über sich ergehen; er glaubte zunächst, eine Irrsinnige vor sich zu haben, entschied sich dann für die Annahme, Mama Campanini hätte sich die schönen Weine, die gestern nicht getrunken waren, zu Kopfe steigen lassen, wurde endlich zornig, herrschte sie an, sie solle mit dem Geschwätz aufhören, und stand auf, um sich selbst bei ihrer Tochter anzumelden, da sie seine wiederholte Frage nach ihr nur noch stotternd beantwortete.

Da sprang die Tür des Schlafzimmers auf, und der Prinz von Carignan erschien auf der Schwelle. Aber in welcher Verfassung! -- Keuchend vor Zorn, die Augen blutunterlaufen, den Hut schief auf der derangierten Frisur, die eine Spitzenmanschette zerrissen -- mit der Hand krampfhaft den Stock umklammernd und sich darauf stützend, um das Zittern des ganzen erlauchten Körpers besser zu prononcieren!

Als er Arundel sah, erkämpfte er mühsam, aber mit vollendeter Eleganz, die Fassung und grüßte genau so reserviert, wie es die Situation erforderte.

»Ich bin entzückt, Eurer Lordschaft hier zu begegnen!« lispelte er.

»Ich bin auch charmiert!« antwortete Seine Herrlichkeit ebenso steif und nicht minder höflich.

»Ich räume Eurer Herrlichkeit mit Vergnügen das Feld«, setzte Carignan fort, »und wünsche, Sie mögen es einmal ebenso befriedigt verlassen wie jetzt ich!«

»Hoheit sind sehr gütig!« gab der Lord zurück.

»Deine saubere Tochter aber werde ich ins Dirnenhospital schicken! Und dich auch, alte Kupplerin!« schrie der Prinz der alten Campanini zu, drohte ihr mit dem Stock und ging, ohne sich weiter um Seine Herrlichkeit zu kümmern.

Arundel blieb stehen und sah die Mama verächtlich an.

Diese alte Frau hatte sich erlaubt, ihn zum besten zu halten -- hatte ihn herbestellt, um ein Renkontre zu provozieren -- um ihn mit Carignan zu brüskieren und ihn durch den publiken Skandal zu zwingen, offiziell das Protektorat des Hauses zu übernehmen! -- Das war zu plump!

»-=Damn!=-« sagte er, »Sie haben den Prinzen von meinem Besuch unterrichtet! -- Schweigen Sie -- Sie führen mich nicht hinters Licht! Sie werden auch keine Freude an Ihrer Intrige haben! Ich gehe jetzt! Und ich weiß nicht, ob ich Ihr Haus noch besuchen werde!«

Da erschien Babara in der Tür -- auch sie verwirrt und aufs äußerste aufgeregt, aber in ihrem Negligé so berückend schön, daß der Zorn Seiner Herrlichkeit sofort verrauchte.

Sie floh zwar in holder Verschämtheit, als sie Arundel sah. Aber ihre Decontenance hatte so viel Charme, daß Seine Lordschaft sofort den Kopf verlor! -- Und jetzt wußte nicht nur er, sondern auch die Mama, daß er wiederkommen würde!

»Ich will Gnade vor Recht ergehen lassen, Signora«, sagte er und gab ihr die Hand, die sie sofort devot küßte. »Aber Sie werden mich nie wieder in eine derartige Situation bringen! Mademoiselle, Ihre Tochter wird etwas Zeit nötig haben, um die Folgen der Aufregung zu überwinden, denke ich. Ich komme also heute abend wieder!«

»Eure Lordschaft machen mich überglücklich!«

»An Sie denke ich überhaupt nicht! Ich will gut bedient sein! Das Beste, was in Paris Küche und Keller vermögen! Merken Sie sich's, Signora! Meine Börse steht Ihnen zur Verfügung!«

Und ohne ihre Beteuerung zu beachten, er würde besser als der König selbst bedient werden, ging er, kaum noch grüßend.

Als die Signora sich von ihrer tiefen Abschiedsreverence aufrichtete, stand Fossano vor ihr.

Aus dem Nebenzimmer, in das er schnell geschlüpft war, hatte er die ganze Szene verfolgt und trat jetzt ein, um ihre Niederlage zu vervollständigen.

Sie schrie leicht auf, als sie ihn sah. -- Sie erkannte ihn kaum wieder, so sehr hatte er sich verändert seit jenem denkwürdigen Abend in der Oper.

Der verwöhnte, siegesbewußte Liebling der Frauen -- das Schoßkind des Glücks war aus seiner ganzen Erscheinung vertilgt. Nur noch ein Schatten von ehedem, stand er da, die Augen flackernd und vor ungestillter Rachsucht unheimlich aufleuchtend. Aber die Unsicherheit, die sonst aus den grämlich verzerrten Zügen sprach, war jetzt auf einmal verschwunden. Sonst schleichend wie ein Jäger, der einem schwer zu erlegenden Wild nachstellt -- jetzt schadenfroh lächelnd, im frohen Vorgefühl, daß er dem gehetzten Wild den Fang wird geben können.

»Warum so ängstlich?« lachte er, als er ihre entsetzte Miene sah. »Ich tue Euch nichts an, und Eurer Tochter auch nicht! Ich komme nur, um Euch rein geschäftlich zu sprechen, und zwar in Eurem eigenen Interesse!«

»Wir brauchen Eure Hilfe nicht!«

»Mehr als Ihr denkt!« sagte er, schadenfroh lächelnd. »Und obwohl Ihr's nicht wünscht! Ihr seid wohl geschickt -- Ihr versteht wohl die gute Gelegenheit auszunützen, die Ihr mir verdankt -- aber wie Ihr den Erlös sichern -- wie Ihr den Gefahren entgehen sollt, die Euch bedrohen, das wißt Ihr nicht! -- Ebensowenig, wie Ihr wißt -- wer jetzt drinnen bei Eurer Tochter weilt!«

»Bei ihr ist niemand!«

»Allerdings -- in Eurem Sinne -- ein Niemand, ein Tunichtgut! Aber in den Augen Babaras mehr wert als all die Schätze, die ihr die anderen zu Füßen legen! Und ein Prinz -- ein vornehmer Herr, der Euch mit der größten Eleganz helfen wird, Eure Ersparnisse durchzubringen! Ich brauche nur den Namen Durfort zu nennen -- --«

»Er hätte die Keckheit gehabt, trotz meines Verbotes --?«

»Er hatte die Güte, Eure Tochter von Fontainebleau hierher zu begleiten und ihr die lange Reise zu versüßen! Und, da hier alles schlief, mußte er ihr ja notgedrungen auch beim Zubettgehen behilflich sein! -- Echauffiert Euch nur nicht deswegen! -- Dergleichen kleine Launen werden bei Babara nie ganz zu vermeiden sein. -- Das Herz muß dann und wann auch sein Recht haben. Wenn sie sonst nur gehorsam bleibt, so ist nichts verloren! -- Der Mann, der heute abend hier soupieren wird -- --«

»Ihr habt gelauscht!«

»Das hatte ich nicht nötig. Mylord sprach sehr laut. Und Ihr -- -- nun, Ihr scheint mir auch das rechte Wort gefunden zu haben! Haltet Euch den Engländer warm! Er wird Euch den Weg -- drüben, in England -- ebnen! Dort erst wird Babara zu Gold und Ehren kommen! Dort muß sie hin -- hier hat sie verspielt! Bei Hofe wird sie nicht zu Geltung kommen. -- Nach ihrem gestrigen Mißerfolge sicher nicht!«