Die Stufe Fragment einer Liebe

Chapter 4

Chapter 43,628 wordsPublic domain

Ich muß jetzt auf der Hut vor mir selber sein, weil ich merke, daß sich etwas wie Hang zum Spott in mir entwickelt, der mir zwar leicht billigen Erfolg einbringen könnte, aber nichts sonst. Nutzlos im höchsten Grade bleibt ja alles bloße Verneinen. Spötter finden wohl eine Zeitlang ihr Echo, da der Mensch es aus Langeweile nicht ungern hört, wie alles, selbst das Heiligste, verspottet werden kann. Wer selbst andachtslos ist, glaubt im Rechte zu sein und zu gewinnen, wenn er Erhabenes herabzieht. Aber nie wird der Spötter Liebe oder Verehrung finden. Selbst nicht bei denen, welche er unterhalten und zum Lachen gereizt hat. Die Menschheit liebt und achtet instinktiv meist doch nur die, welche die Menschheit geliebt und geachtet haben. Die besten Menschen waren immer anerkennend und bereit zu verehren, wenn auch nicht im Sinne von »jedermann«.

Auf Deinen Wunsch, Maria, habe ich gestern also wieder gebummelt. Das Resultat: Wie trostlos langweilig wäre es, wenn man sich immer amüsieren müßte. Glaube mir, Du und die Arbeit, Ihr seid meine Welt. Ich sehne mich nach keiner »Schule der Erfahrung«, in die ich hier leicht ohne Voranmeldung aufgenommen werden könnte; ich brauche sie nicht. Sie kann mich nur stören und verwirren. Was kümmern mich andere Frauen? Du bist mir _die_ Frau. Andere mögen jünger sein, schöner, reizvoller; meine glückliche Selbstversunkenheit schließt anderes Begehren aus. Jede Liebe trägt wohl ihr Tempo in sich; Du bist mir das Fortreißende. Du, die durch soviel oder so viele Leben geschritten bist, Du ermissest vielleicht nicht, daß gerade das Fernsein von allen brausenden und berauschenden Vorgängen mir Segen gebracht haben könnte. --

Ich bemühe mich nun weiter, Menschen auf die Bühne zu stellen, die leben; keine Phantasiegeschöpfe. Wird meine Kraft ausreichen, mehr als blasse Gestalten zu schaffen? Die Forderung, echte Menschen zu formen, will ich mir immer als erstes Gesetz ins Gedächtnis rufen. Sollte ich jemals »Einer« werden, so kann mein Gebiet nur das Leben der Ueberflüssigen, der Verlassenen, der Schwachen werden. Laß Dich nicht durch meinen Mangel an praktischer Erfahrung verwirren. Immer mehr treibt es mich zu denen, deren Leid sich den Augen entzieht, und das doch oft soviel nachhaltiger blutet als sichtbares Elend. Du mußt nicht immer an die Zahl meiner Jahre denken, nicht glauben, daß tiefstes Einfühlen in die Seelen der Enterbten, Gesunkenen nur der Frau eigen sei. Ueberhaupt werden männliche und weibliche Eigenschaften viel zu kraß getrennt. Eine Frau mit sogenannten nur weiblichen Tugenden, ein Mann mit Eigenschaften, die wir lediglich als männliche zu rühmen geneigt sind, können keinesfalls als ideale, vorbildliche Menschen gelten. Wenn Dir, Maria, die ganze Welt oft nichts anders als ein Garten Eden dünkt, so wirkst Du in dieser Unschuld beschämend wie ein Kind; wenn Dir die Hartherzigkeit der Gesellschaft die Augen feuchtet und sanfte Wehmut Dich verklärt, so bist Du ganz Frau, und doch, wieviele Schattierungen birgt gerade Dein Empfindungsvermögen, die von Männern mit Beschlag belegt worden sind.

Siehst Du, so wagt Dein »Anderer« Dich zu sezieren, so rasch ließ er seinen Charakter verderben. Du mußt ihn unbedingt Deine Ueberlegenheit fühlen lassen, damit Fülle und Ueberfluß, wie nur Du sie über ihn ergießest, ihn erinnern, wer _Du_ bist und -- wer er.

Oft wundere ich mich, Maria, Liebste, daß man, wenn man in einem verzauberten Schlosse weilt, -- und Du bist doch mein verzaubertes Schloß -- noch irgend einen Gedanken neben der Liebe haben kann. Unzählige Male möchte ich es Dir wiederholen: Ich lebe nur in Dir, und eben deshalb gleichst Du dem Samenkorn, das in tausendfachen Farben Ungeahntes zu Blüte und Frucht in mir zu treiben beginnt. Ueber die allerersten Anfänge bin ich wohl schon ein wenig hinaus. Immer mehr packt es mich, dieses Ungeahnte, das sich beim ersten tiefen Blick von Dir scheu zu regen begann.

Darf man sich im Rausch einer heiteren Zuversicht hingeben, und darf man dieser heiteren Zuversicht vertrauen? Plötzlich halte ich mich für ein Glückskind. Jedesmal, wenn ich zu Dir gehe, scheint mir die Welt ringsum heller und meine Liebe gewachsen.

Ich _kann_ mich nicht mehr erinnern, durch wieviele düstere Straßen jeder Erdgeborene zu schleichen hat, weiß nicht mehr, wie klein Menschenkräfte im Grunde bleiben, weiß nur von Glanz und Lebendigsein. Mag dies Fühlen auch nur schöne Täuschung sein, eine wachsende Seele braucht solchen Betrug. Nur Dich liebt

Dein Roland.

_Maria an Roland._

Geliebter, gestern schriebst Du von meiner Ueberlegenheit. Unsinn! Nenne es ruhig: »echt weiblich,« aber -- ich mag nicht überlegen sein. Ueberlegenheit, wie Du sie mir andichtest, scheint Wandlung -- geistige und seelische -- auszuschließen; Du aber mußt doch wissen, daß ich gerade in den letzten Wochen dahin gekommen bin, mich freudig auch Irrtümern zu unterwerfen. Daß jeder Tag bereit sein könnte, den vorherigen zu verneinen, übersieht unsere seltsame Kurzsichtigkeit. Fest liegen die Wurzeln, aber die Brandungen des Lebens bewegen unausgesetzt die Kronen. Aus Widersprüchen und Spannung geht Entwicklung hervor. Es ist schade, daß die meisten zu rasch, viel zu rasch aufhören nach unbegrenzten, unbestimmten, nach schimmernden Horizonten auszuschauen, gleichsam als wäre ihr Dasein verriegelt. Sie begnügen sich zu früh mit Wiederholungen, verlangen nichts als einen sicheren, festen Umriß ihres Lebens.

Roland, das alles hört sich schlimmer, umstürzlerischer an, als es im Grunde ist. Allerdings, Menschen, die schon bei lebendigem Leibe »Entseelte« sind, mögen sich entsetzen, und vom Tempo der Masse entfernt es. Ich halte nicht viel von allgemein gültiger Gesetzlichkeit, kaum wenn sie Dieben und Mördern gilt. Und ich bin froh über jeden, der den allgemeinen Gesetzen mißtraut; es gibt doch in uns ein Etwas, das wir »Ritterlichkeit des Herzens« nennen könnten. In diese Ritterlichkeit sind alle ungeschriebenen Forderungen hineingeschmiedet, die ein Untergehen im Gemeinen und Häßlichen unmöglich machen. Das Schönste bleibt ja doch, daß ein Mensch _dem_ möglichst nahekomme, _was er werden könnte_ im Sinne einer Höherentwickelung. Um die aber zu erreichen, darf er Umwege, und seien sie auch Irrwege, nicht ängstlich scheuen. Ja, er hat nicht nur das Recht, er hat sogar die Pflicht, alles zu wagen, um zu sich selbst hinauf zu wachsen. Wohl legt solch Ringen Lebens- und Todesangst auf; denn wie großartig sich ein Mensch auch nach außen gebärde, seines winzigen Ichs quälende Nöte kann er vor sich selbst doch nicht verleugnen.

Einst, es ist noch gar nicht lange her, nannte ein Freund mein Herz »weise«. Ich glaube, damals gab es ein paar Minuten, in denen ich mich über diesen Wahn freute. Weit, weit fort hast Du, Geliebter, diese meines Herzens vermeintliche Weisheit getragen; federleicht muß sie gewesen sein.

Ob wohl viele Menschen so lächelnd ihrer Welt Untergang erleben, ihn so heiter wie ich überleben? Oder ist auch dieser Untergang nur Schein? Könnte auch _er_ nur Station sein? Zu oft noch falle ich in den Kreis jener Vorstellungen zurück, von denen ich mich, seitdem ich Dich liebe, schon hundertmal für immer entfernt zu haben wähnte.

Jetzt erfüllt mich oft nichts als das Verlangen, mich wie ein Kind schluchzend über den Schoß einer Mutter beugen zu dürfen.

Da siehst Du, Geliebter, wie es um meine Abgeklärtheit bestellt ist. Wie wenig bin ich. Oder wuchs ich dennoch vielleicht durch das große Gefühl für Dich?

Deine Maria.

_Roland an Maria._

Maria, immer bin ich jetzt in einem leichten Taumel; oft, vielleicht zu oft von diesem Feuerlicht geblendet, das zwischen Dir und meiner Schaffenstrunkenheit hin und her zu flammen scheint. Immer ringe ich mit »Ereignissen der Seele«, die ich niemandem schildern könnte, -- auch nicht einer Maria. Ich komme mir wie das Werkzeug vor, das gestalten muß, was der »unbekannte Gott« in ihm entfachte. Und doch muß ich »mich selber erst los werden«, muß jene Ereignisse aus mir heraus geschleudert haben, um mich von all der seligen Unwirklichkeit lösen zu können. Aber nein, nein, verzeihe, geliebte Frau, die einzige selige Unwirklichkeit erlebte ich durch Dich, danke ich Dir, Du mein holdes Verhängnis.

In den letzten Tagen überfiel mich sekundenlang die Vorstellung, ein Wirbelwind könne mich Dir, in eine andere Wirklichkeit hinein, entreißen. Aber -- nicht wahr -- ein so elementarer Orkan wäre auf _dieser_ Erde unmöglich? Wie kann ich Dir nur solche Torheit beichten? Erinnere Dich, was ich war, als Du mich das erste Mal sahst! Schmerz und Erregung und unbestimmte, glückverheißende Erwartung trieben mich Dir zu, und jedesmal fliege ich mit den gleichen Empfindungen Dir entgegen. Du siehst, es war nicht nur »momentane Begeisterung«, deren Du mich anfangs beschuldigtest. Ich will Dir nie entkommen, nie. Und doch konnte diese zweite unvermutete Wonne sich über mich ergießen, die mir _auch_ eine unermeßliche Fülle von Glück geschenkt hat. Begeisterung muß lange schon in mir »aufgestapelt« gewesen sein, bevor Du kamst und mit Dir das _fröhliche_ Sehnen.

Nichts soll nun in meinem Leben dahinwelken, ohne Frucht getragen zu haben, deß sei gewiß! Ob ich je etwas tun könnte, etwas denken, was Du -- ganz einfach sei es gesagt -- nicht von mir geglaubt hättest?

Verjage den einsamen Hochmut, der jetzt zuweilen wie Unkraut jäh in mir aufsprießt. Oder sollte auch er eine Bedeutung haben, die ich jetzt noch nicht ermesse?

Meine heutige Sprunghaftigkeit bedarf der Erklärung. Ich hätte in meiner Arbeit fortfahren sollen, weil ich ganz in sie versunken schien; und doch fühlte ich mich nicht minder stark zu Dir gezwungen. Du siehst in meinen Versen heute das unzulängliche Ergebnis dieses Zwiespalts.

Nie möchte ich in alltäglichem Sinne mit Dir verbunden sein; nur das Vollkommenste meines Wesens darf Dich berühren, immer sollst Du mir heilig bleiben.

Maria, Maria, fängt das Leben schon an, mich in ein Chaos zu stürzen, in dem es von ewigen Widersprüchen gärt?

Roland.

_Maria an Roland._

Roland, mein Junge, noch weiß ich nicht, wann ich die Briefe, die ich _nun_ schreibe, an Dich abschicke, weiß nicht, ob diese Gedanken, die immer ein sinnendes Sprechen mit Dir sind, überhaupt Briefe zu nennen sein werden. Aber jetzt, nachdem das tägliche Schreiben an Dich aufhören mußte, weil mein Brief nicht mehr _die_ Post für Dich sein kann, zwingt mich dennoch ein Etwas, Dir -- fast möchte ich sagen »Rechenschaft« abzulegen von all dem wundersamen Durcheinanderwogen der Welt in mir.

Briefe, wie wir sie einander schrieben, verlieren in _dem_ Augenblick ihre Daseinsberechtigung, in welchem sie nicht mehr klopfenden Herzens erwartet werden. In Dein Leben trat unerwartet rasch so viel Zeit und Sammlung heischende Wirklichkeit, -- wir nennen das alles nun ja Dein Glück --, daß ich kaum die Empfindung bannen kann: »Sollte es für _mich_ nicht doch schwer sein _dürfen_, für dieses Glück Opfer zu bringen?«.

Während ich jetzt schreibe, lebe ich all unsere aufregenden Augenblicke noch einmal durch.

Also: Hundertmal hatte man es sich wiederholt: »es ist ja ganz egal, ob es aufgeführt wird«, und dann -- freute man sich trotz dieser Versicherung so unverhältnismäßig, dann benahm man sich wie ein ganz gewöhnlicher Mitbürger, der in der Lotterie gewann. So toll hat kaum je einer an meiner Klingel gerissen wie Du, so jubelnd mich nie jemand an sich gezogen. Wort für Wort habe ich es dann vernommen: »Haben Sie tatsächlich früher nie ein Stück geschrieben?« »Sie müssen sich aber verpflichten, all Ihre weiteren Werke zuerst unserer Bühne einzureichen.« In buntem Durcheinander hast Du berichtet und dabei meine Hände gestreichelt.

War das unser schönster Abend, Roland? Nein, viele Stunden vor diesem waren erfüllt von Klang und Reichtum, aber jener Abend hatte einen besonderen Glanz. Ich dünkte mich wie eine Göttin, (gewiß ein törichter, ein alltäglicher Vergleich), deren Seele vor Monaten leuchtende Strahlen in Dich flutete, Strahlen, die nicht, wie es das Schicksal fast alles Strahlenden ist, erlöschen konnten, sondern aus denen Dein Schaffen geboren wurde.

Auch ohne Sekt wären wir berauscht gewesen, aber wir hatten beide die kindliche Vorstellung, irgend etwas müsse äußerlich zur Feier mitdienen. Von keinen Schwierigkeiten haben wir mehr gewußt; wir gaben uns ganz einem Zauber hin, dem wir uns nicht zu entreißen vermochten. Auch mein Blut begann zu singen. In Deinen Augen brannte Liebe, nur Liebe. Wir wußten von keinem Theater mehr. Du erzähltest mir eine Geschichte, die ich kannte, und die zu hören ich nie müde wurde: die Geschichte vom Beginn unserer Liebe. Jeden Datums entsannst Du Dich, jedes erhöhenden Augenblicks. Erwartungsvoll fragte ich wie ein lauschendes Kind in jeder Pause: »Und weiter?« -- --

Wohin war alle Erdenschwere entflohen? Bin ich je sturmdurchwühlt gewesen, von Unruhe zerquält, von Zweifeln gemartert? »Da fing mein Leben an, als ich Dich liebte.«

Ja, ja, so muß man das Leben behandeln: es belächeln, stolz und königlich ihm begegnen -- sich nicht sklavisch vor ihm winden -- nicht in törichtem Grübeln Kräfte vergeuden.

Eine stille Mondnacht floß durch die weiten Fenster zu uns herein, aber wir brauchten mehr Luft. »Komm,« sagtest Du, sonst nichts. Wir stiegen die Treppen hinab und wanderten auf dem silbernen Mondstreifen dahin, der wie ein schmaler Teppich vor unseren Füßen flimmerte.

Konnte der Traum von dem, was das Leben nie zu gewähren scheint, dennoch Erfüllung geworden sein? Lautlos umfing uns der Wald. Wir hatten zu sprechen aufgehört. Ich vernahm nichts als den Gesang meines Herzens. Erst Deine Worte unterbrachen die Stille: Am folgenden Nachmittage würden wir uns zum ersten Male nicht sehen können. Die wenigen Stunden nach Schluß Deiner Bureauarbeit mußten für wichtige Besprechungen, für entscheidende kleine Aenderungen an Deinem Stück genützt werden; all das war selbstverständlich, aber etwas kann zwar selbstverständlich erscheinen, und doch -- wehe tun. »Es ist Zeit heimzugehen,« sagte ich. Meine Stimme kam mir in diesem Augenblick verändert vor. Ich fröstelte. Ein Landmann, der zur nahen Stadt mußte, trug seine Laterne in der Hand; ihr winziges Flämmchen schwebte uns entgegen. Sicher wollte er zum frühen Markt. Da erinnerte ich mich, daß das Leben weiterging. Wir sprachen wieder mit Erregtheit von Deinem Stück, von all den neuen Aussichten, die seine Annahme eröffnete.

_Später._

Roland, Roland! Am nächsten Sonnabend findet also schon die Aufführung statt! Seit Wochen gelten all unsere Gespräche diesem Ereignis. Wir können an nichts denken außer an Schauspieler, Proben, Kritik, Regie, Wirkung auf ein Publikum oder an ähnliches. Du hältst Dich für alle Fälle gewappnet. Mir scheint, für Niederlagen ist man nie genügend oder richtig gewappnet, aber trotzdem -- so oft Du jetzt von »verblödetem Publikum«, von »nichtssagender Presse« sprichst, steht Dir auch das. Oft sehe ich Dich, Du weißt es ja, nur stumm staunend an.

In den Tiefen Deiner Seele, in Deinem großen Gefühl für mich kann sich nichts verändert haben, nur die stillen Pfade, auf denen wir dahin wandelten, sind bevölkert.

Der Zufall oder das Glück haben Dich aber auch fast beängstigend rasch in die Höhe geschnellt. Zwar ist noch nichts entschieden, jedoch allein die Möglichkeit, einem Publikum Dein Können vorzuführen, bedeutet ja schon unabwägbar viel. Ein so unwahrscheinliches Zusammentreffen, wie Du es erlebtest, würde sicher in einem Roman belächelt werden, während doch die Wirklichkeit oft genug die tollsten Sprünge vollführt: ein bescheidener Bankbeamter, der nur Interesse an seinen Büchern zu haben scheint, arbeitet neben einem jungen Menschen, dessen Onkel Dramaturg an einem ersten Theater ist. Wie haben wir gelacht, als Du des Kollegen »Aufschneiderei« erwähntest. Aber man konnte ihm ja »unser« Stück anvertrauen. Wir sind gar nicht erwartungsvoll gewesen. Unsere fieberhafte Unruhe entsprang anderen Gründen, ganz anderen; sie lagen weit ab vom Theater.

Schon nach acht Tagen kam die Einladung ins Büro der Direktion.

_Später._

Freitag. Noch vierundzwanzig Stunden! Roland, ich habe richtige Examensangst; Herzklopfen wie ein Schulmädchen. Und weshalb? Nur weil sich morgen der Vorhang vor Deinem Stück heben wird. Dabei wiederhole ich mir immer wieder: Was bedeutete es, wenn es durchfiele? Deshalb bist Du doch »etwas«; deshalb berechtigt Dein Talent doch zu besonderen Erwartungen. Du wirst nicht leicht zu entmutigen sein, auch wenn die Presse Dich dies erste Mal ablehnt. Wie immer die Würfel fallen, _meinen_ Glauben hast Du nötig; denn auf wechselnde Stationen mußt Du Dich nun gefaßt machen: vor den ersten toten Zeiten in Deinem künstlerischen Schaffen wirst Du Dich entsetzen, vor gänzlichem Versanden zittern; Du wirst dann nicht hoffen, daß sich je wieder in Dir etwas regen könne. Mehr als je wirst Du mich brauchen, meine Erfahrung, meinen nie zu erschütternden Glauben. Das ist ja noch kein Glaube, der nicht _immer_ über einem Schaffenden schimmert, wie ein ewiges Licht, welches nie verlöschen darf. --

In diesem plötzlichen Aufstieg liegen sicher Gefahren, wenn auch ganz andere wie in stets vergeblichen Versuchen. Nennen sie Dich nach der ersten Aufführung »eine Hoffnung«, so wirst Du beim zweiten Stück diese Hoffnung »nicht erfüllt« haben. Hob Dich Dein erster Schritt in die Oeffentlichkeit gleich auf eine ansehnliche Höhe, so verzeichnet man beim folgenden sicher »keinen Fortschritt«. --

Auch heute können wir uns nicht sehen; morgen nur in der Unruhe vor der Aufführung. Eigentlich bist Du, mein Junge, mir halb verloren; der, welcher mich nun liebt, ist zwar _jener_ Roland, den ich ahnte, aber ich bin nicht mehr _allein_ für ihn die Welt, in der er lebt.

Um die Stunden bis zum morgigen Abend schneller hinzubringen -- ich selbst bin nicht imstande, ruhig zu arbeiten -- habe ich gestern einen alten Freund zu mir gebeten, von dem mich die Erlebnisse der letzten Monate entfernten, ohne uns trennen zu können. Daß ich Dich, Geliebter, allen bisher »unterschlagen« habe, gewährt mir nun ein besonders fröhliches Empfinden. Ich fürchtete sicher keine Gefahr Deiner Gefühle für mich. Nur allein die Vorstellung, jemanden, der in mein Leben einzugreifen beginnt, von kritischen Blicken gemessen zu wissen, erscheint mir immer -- so überspannt es auch klingen mag -- wie Lästerung. Ich mag meine Freunde nicht »zur Diskussion gestellt« wissen. Immer _wundern_ sich ja doch die Anderen; für die meisten ist das Unsichtbare, das Menschen zusammentreiben kann, nicht vorhanden; in unwägbare Werte versenken sie sich nicht. Und nun gar in einem so schwierigen Fall, wie dem zwischen einer älteren Frau und einem jungen, viel zu jungen Menschen. Kopfschüttelnd würde »man« festgestellt haben: »Unbegreiflich! Wer hätte das erwartet? Ueberraschendes konnte man ihr wohl zutrauen, aber daß sie so kurzsichtig sein könne, so befangen, so blind? Was ist denn der Mensch? Was kann er? Wie alt schätzen Sie ihn? Liebe muß da doch völlig ausgeschlossen sein.«

Ja, ausgeschlossen, Roland! Habe ich selbst das nicht gemeint; war ich nicht auch dessen sicher?

_Am Sonnabend Nachmittag._

Wir sind zusammen auf der Generalprobe gewesen. Ein Schauspieler hielt mich für Deine Mutter. Ich erschrak; an _die_ Möglichkeit habe ich nie gedacht. Aber niemals werde ich eine andere Jugend festhalten wollen, als die des Geistes -- die soll ewig währen. Mit Farbe und Schminktopf erreicht eine Frau selten mehr als _sich selbst_ möglichst lange äußere Jugendlichkeit vorzutäuschen, es sei denn, sie habe sich durch fast ausschließliche Vertiefung in _dieser_ Art der Malerei Meisterschaft erworben. Jene Anrede wirkte im Augenblick, besonders durch Deine Gegenwart, sehr quälend. Wäre nur Eitelkeit die Ursache des Peinigenden, so hielte ich mich für ein Gänschen in landläufigem Sinne, und ich selbst wüßte jenes reißende Wehgefühl nicht in Einklang mit dem Grundton meines Wesens zu bringen. Doch die Minute, in der das: »ich freue mich, -- Ihre Frau Mutter« -- vernehmbar war, genügte, um die Frage in mir wieder aufzuschrecken, ob ich _mehr_ als ein kurzes, starkes Erlebnis in Deinem Leben sein darf? Monatelang hat diese Frage fast geschlafen. Ich wähnte uns über trennende Sitten, über Einflußmöglichkeiten, deren Wirkungen auch die tiefste Liebe nicht aus der Welt bannt, erhaben.

Heute zeigte mir die Wirklichkeit kraß ihr Angesicht. Seltsam, daß wir uns solange einbilden, nichts nach dem Urteil der Welt zu fragen, bis irgend ein Ungefähr uns jäh das Gegenteil beweist. Ein Unterschied bleibt zwar: Ich brauche Minuten, mich wieder zurecht zu finden, während viele sich Wochen oder Monate von einem Angriff oder Ueberfall vergällen lassen.

Wie konnte ich nur vollständig vergessen, daß die still wandelnde Zeit sich immer -- ich denke im Augenblick nur an äußerliche Veränderungen -- gebieterisch geltend machen _muß_. An andere Gefährdungen will ich jetzt nicht denken. Die beseligende Uebereinstimmung in uns kann nicht erschüttert werden. Und heute dulde ich in mir am wenigsten trübe Gedanken.

Wie lange ist es denn her, daß ich Dich fand; ich meine, daß ich Dich zwischen den Vielen schweigend und ungelenk stehen sah? Damals bildete ich mir ein, in Deinen Augen etwas zu entdecken, das mehr verriet, als Deine scheue Haltung vermuten ließ. Traurigkeit beschattete Dich, die gar nicht in Einklang mit Deiner blühenden Jugend zu bringen war. Deine schlanke, nervige Gestalt überragte die Meisten, und doch erschienst Du keinem beachtenswert; nur mir strömte ein schwaches Fluidum entgegen, schwach und doch stark genug, mich zu Dir zu ziehen. Plötzlich stand ich neben Dir, sprach einige gleichgültige Worte und freute mich, daß nichts in Deiner Stimme war, was mich störte. Sogleich empfand ich, Du hattest Dich nicht in meine Nähe gewagt, und es wäre mir doch viel sympathischer gewesen, von Dir weniger »hochgestellt« zu werden.

Noch war der Druck besonders schwerer Stunden, die ich gerade durchkämpft hatte, nicht von mir gewichen, und doch konnte mich schon seltsam freudig der Wunsch ergreifen, mit Dir, dem Fremden, allein unter einer Kirchenwölbung zu stehen oder in Waldeseinsamkeit auf kühlen, blütenreichen Wegen dahinzuschreiten. Seit Jahren kaum noch empfundene Verlegenheit ergriff mich. Ich belächelte mich, aber -- ich ging nicht weiter zu anderen Freunden. »Besuchen Sie mich,« sagte ich gelassen und sorglos.

In der Sekunde warst Du, Roland, mir ein Ziel geworden, -- wieder einmal zwang es mich, Menschenbildner werden zu wollen. Mit welchem Ergebnis?

Nimmer konnte ich diese seelischen Wandlungen, diese Beschleunigung unserer Pulse, all diese göttliche Schönheit voraussehen. --

-- Ich werde nun doch heute »unser« Kleid anlegen, in dessen schimmerndem Samt ich Dir an jenem ersten Abend begegnet bin. Deine zwei Nelken durchhauchen mein Zimmer. Du hast wie ein erfahrener Ritter gewählt; ihre rosig überhauchte Blässe eint sich herrlich der Fliederfarbe meines Gewandes. Deine Verse aber, die eben mit den Blumen abgegeben wurden, werde ich in dieser zerfahrenen Erregtheit nicht lesen; sie sollen mich heute Nacht empfangen.

_Nachts._

Der Morgen steigt herauf, aber ich versuchte nicht mehr, mich niederzulegen. Wieder und wieder schaue ich auf Deine Verse; wieder und wieder beglückt -- erschüttert -- beunruhigt mich Dein Lied. Lausche in Dich hinein, Roland. Ist es nicht vielleicht schon aus dem Glück einer _neuen_ Erwartung geboren?

Vor einer Stunde begleitetest Du mich nach Hause; im Kreise Deiner Mitarbeiter haben wir das Ereignis mitfeiern müssen. Wird die Presse uns auch erst morgen sagen, worin der Autor sich vergriffen hat, was von ihm in Zukunft zu erwarten, in welcher Rubrik er zu bringen ist, selbst die ungünstigste Besprechung kann nicht die Tatsache einer starken Teilnahme der Hörer aus der Welt schaffen.