Die Stufe Fragment einer Liebe
Chapter 3
Eine seltsame Beklemmung will mich in dieser Stunde nicht verlassen. Eisern muß der eigene Glaube an das Können sein, damit wir nicht vor der Zeit stürzen. Und Du sollst nicht stürzen, hoch hinauf sollst Du steigen. Bald -- wir können die Spanne Zeit nicht abschätzen -- werde _ich_ Dir nur ein lichter Schattenriß sein, der sich vom anders getönten Firmament abhebt. Heute noch glaubst Du, ein Aufleuchten in meinen Augen, ein bebendes Mitdichten allein nur _meines_ Herzens genüge Dir. Wohl könnte das einer Liebe höchste Staffel sein, -- doch wiege Dich nicht in diesen Wahn ein. Nur zu bald wirst Du den grausamen Mut haben, mir zu erklären, daß Du weiter müssest, -- -- bevor Du es ahnst, werde ich Dich verloren haben.
Verloren? Verzeihe das Wort. Dachte ich nicht noch vor kurzem anders über ein solches Weiterklimmen? War es nicht immer die stille Voraussetzung, mit der ich Menschen an mich zog? War das: »Weiter« -- war der Wandel nicht der Reiz für mich in jeder Vereinigung, war er nicht ihr Ziel? Oder könnte es doch wahr gewesen sein, daß ich selbst manch eine Blüte zerriß, die ich liebevoll ins Leben gepflegt hatte? Bleiben oder Gehen? Welches mag über das verhältnismäßig glücklichere Los entscheiden? Wie immer, all meine »geistigen Errungenschaften« entgleiten mir einem Gewande ähnlich, das nur leicht auf meinen Schultern ruhte.
»Momentane Wahrheiten!« Welch eine richtige, aber -- gefährliche Auffassung.
Es ist wohl auch körperliche Schwäche heute, die mich Trauer vorausfühlen läßt, feige Trauer; denn nie war ich von dem Naturgesetz überzeugter als jetzt, das den Künstler der Oeffentlichkeit zutreibt wie die Welle dem Strande.
Noch aber bist Du mein. _Mein_ allein! Wie konnte ich das Wort unzählige Male aussprechen, unzählige Male schreiben, ohne seine Fülle, seine Gewalt, seine Schönheit tief in mich eingesogen zu haben! Mein, mein, heute mein, trotz alles Vergänglichen in uns und um uns. --
In den Tagen, die mich Dir fernhielten, waren meine Gedanken fessellos wie schwebende Adler, meine Empfindungen berauscht, als schritte ich auf blühenden Hyazinthenfeldern dahin. »Dank Dir, mein Gott, der Du Wunder tust,« tönte es in mir. »Wochen, Monde, Jahre war ich unjung in meiner vermeintlichen Gefestigtheit. Kommt: Poesie, Natur, Jugend, Liebe, macht mein Leben wieder heil mit euren Zauberhänden, tanzt euren unsterblichen Reigen in mir, führt mich wieder ein in den Olymp. Du Gott der Freude und der Schmerzen, mache mit mir, was Du willst. Die Trauer ist gut, und der Jubel ist auch gut! Du läßt mich durch den Jubel gehen. Ich empfange ihn von Dir mit dankbar demütigem Herzen.« --
Einmal, irgendwo las ich diesen Hymnus, jetzt entsteigt er neu, wie aus mir geboren, in jeder Minute meinem Herzen.
Ich erwarte Dich! Maria.
_Roland an Maria._
Maria, Maria, endlich kam unsere Stunde, endlich konnte ich zu Dir eilen, durfte Dich umfangen, durfte Deinen zitternden Kuß fühlen.
Immer wieder zweifle ich an der Wahrheit aller Seligkeit, die ich erlebe. Und immer wieder verwandeln sich Glühen und Sehnen zu neuen Gebilden, die, herausgerissen aus meiner Brust, oder aus meinem Gehirn sich formen. Und immer wieder bist Du es, die mich entflammt, Du, nur Du.
Allmählich erkenne ich die Weisheit des Schicksals, das mir lange vieles von dem versagte, dessen ich bedurfte. Meine geschonte, seit Jahren kaum angetastete Empfindungsfähigkeit schreit nun jubelnd nach ihrem Recht. Du hast mich in den Festsaal des Lebens geleitet. Mit lachenden Augen will ich Dir Liebeslieder zujauchzen; jedes Lied scheint mir das erste Liebeslied, das je erklang, und ist doch alt wie die Menschheit.
Sollte ich mich meiner einstigen Fügsamkeit halber jetzt verachten, mich bemitleiden? Für beide Gefühle mangelt es mir an Zeit, denn ich _muß_ weiter. Muß, muß, weil ich ohne die Glut meines heißen Herzens verstummen könnte. Sie allein läßt mich keinen Schlaf in all den langen Nächten finden, die mich von Dir trennen. In der heutigen blieb ich auf; ich schrieb Stunde für Stunde an -- einem Stück. Lache nicht, Du, die Du mich auf einen anderen Planeten verschlagen; geliebte Heilige, lache nicht. Stille umfing mich, indes ein Plan sich in mir entfaltete. An technische Schwierigkeit dachte ich so wenig wie ein Nichtschwimmer, der dennoch ruhig ins Meer hineinschreitet. Wirst Du, aller Frauen geliebteste, einen verhöhnten Freund nicht verlassen?
Hättest Du vorher gewußt, welche Geister Du in dem schweigsamen Menschen wachzurufen vermochtest, der fremd und hilflos wie ein Kind auf jenem Feste einige Minuten zufällig an Deine Seite geschoben wurde, hättest Du auch dann, weil Du ihn _fördern_ zu müssen glaubtest, vor ihm Halt gemacht? Schweige, Geliebte, schweige; die vibrierende Glückseligkeit Deines Herzens ist Antwort genug. Gib alle _Rechtfertigung_ auf. Komm. Steige hinan bis auf _die_ Stufe, auf der es weder Schmerz noch Sünde gibt. Nur die Stufe hat für uns noch Bedeutung. Alt, zu alt, _Du_ zu alt? Denkst Du dabei an die Vorstellungen der _Masse_, an ihre hohle Wesenheit, die sich aus Gedankenarmut und versteiften Vorurteilen zusammensetzt? Alle Wunder der Welt haben sich uns erschlossen, Maria, Du selbst der Wunder schönstes.
Dein Roland.
_Maria an Roland._
Roland, Du -- Du (ich glaube, es gibt keinen innigeren Ruf für uns) -- »und war doch nur ein altgewohntes Wort, das oftmals achtlos floß von ihren Lippen« --
Lange habe ich nicht mehr geträumt, heute aber sah mein Auge nach den Wolken; ich sah, wie die hellen Schichten ineinanderflossen, sich verschoben, wie sie sich in die dunklen verloren, wie sie sich wieder von ihnen lösten. Aber nichts mehr von »lösen« heute, wir haben unsere Stunde heute schon zu viel beschattet. Nur dieses noch: Du denkst doch nicht etwa, ich trüge die Vorstellung von Entsagung in mir? Das wäre ein völliges Verkennen. Meine Handlungen werden letzten Endes von den Forderungen bestimmt, die in meiner _Natur_ liegen. Also, sie sind eher das Gegenteil von Entsagung. Im Augenblick sind diese Forderungen vielleicht so verborgen, wie die Wurzeln eines Rosenbusches.
Ich mute Dir, geliebter Junge, wohl oft schwierige Gedankensprünge zu? Es ist aber so herrlich, zu wissen: da lebt ein Mensch, der kann niemals denken: »komisch -- seltsam -- närrisch« -- ein Mensch, der Andacht auch vor deinen Unbegreiflichkeiten hat. Wir armen Künstler sind ja eigentlich stets gezwungen, unsere teuersten Besitztümer zu verleugnen. Wir sollen bequem im Umgange sein, wie andere »vernünftige« Leute. Kunst aber quillt aus Unvernunft, nicht aus Vernunft. Ein bedeutender Künstler darf aus Rücksicht für seine Kunst -- ich denke an ihre Vervollkommung, an ihre größtmögliche Steigerung -- Gesetze nicht nur übertreten, er kann sogar dazu verpflichtet sein. Ueber die Berechtigung seines Handelns entscheiden dann viel später seine der Welt geoffenbarten Schöpfungen. Ich erwähne dies nicht etwa als eine mir von _eigenen_ Gnaden zugebilligte höhere Moral. --
Gestern starb in meinem Hause ein alter Mann nach langem, viel, viel zu langem Siechtum. »Der Tod hat mich vergessen«, seufzte er, als ich ihn zum letzten Male besuchte. Ich lege Dir einige Blätter ein; lies, welche Gedanken sein Sterben in mir erweckte.
_Vom verkannten Tode._
Der Tod beschloß, sich von der Welt zu entfernen. Wenn er zurückschaute, so entsetzte er sich vor der Gedankenlosigkeit der Menschen. Ihr ewiges Schluchzen ertrug er nicht mehr, besonders seitdem er wußte, wie rasch das Leben Tränen trocknete. Ihre oft sinnlosen Wehrufe mußten seine Liebe ersticken. Nur Ungerechtigkeit hatten sie ihm gezeigt. Unfaßlich war ihr Undank. _Sie verdienten gar nicht, sterben zu dürfen._
Schrie hin und wieder einer nach dem Tode, und er kam dann wirklich, änderte der Tod eines Flehenden halber seinen Weg, was geschah? Zähneklappernd versuchte der scheinbar Lebensmüde sich vor ihm zu retten. Er hatte plötzlich für die Mißhandlungen des Lebens gar kein Gedächtnis mehr. Gleich wieder war's, als sei nur der _Tod_ der Böse, der Unbarmherzige, der Lieblose, der feindlich Gesinnte.
Nein, lange genug hatte der Tod das Verkanntsein ertragen. Niemand konnte _so_ mißverstanden werden wie er. Wohlan! Mochten sie versuchen, ohne ihn fertig zu werden, mochten sie sich endlos am Leben quälen, diese alle, denen seine schwarzen Schleier immer nur Entsetzen bargen.
»Ich wandere aus,« entschied der Mißhandelte, hüllte sich fest in dunkle Nebel und -- entschwand.
Anfangs merkten die Menschen gar nicht, wie arm sie geworden waren. Die Alten, die geduldig -- weil sie sich dem Sterben nahe wähnten -- Krankheit und Ueberflüssigkeit ertrugen, sahen noch jedem Morgen erwartungsvoll entgegen. Ihre Hoffnung werde sich ja erfüllen -- noch hatten sie Zeit. Sie wußten: Der Tod würde sie zur rechten Stunde holen. Aber sie erfüllte sich nicht; sie wurden achtzig, sie wurden neunzig, sie wurden hundert Jahre. Sie wurden ganz taub, ganz blind, ganz stumpf, ganz mürbe, sie wurden ganz überflüssig, sie nahmen nur noch Platz fort. Mit den Neuen verstanden sie sich nicht. _Man ertrug sie nur noch._ Man sah nach ihnen, weil sie eben doch _da_ waren. Niemand brauchte sie. Die Zeit war lange schon über sie fortgerauscht. Sie hatten sich selbst überlebt. Fröstelnd rangen sie ihre dünnen, knochigen Finger. Tag und Nacht murmelten ihre schmalen Lippen: »Vergessen vom Tode -- vergessen vom Tode!«
Gleichgültig kamen die Jahre; gleichgültig gingen die Winter an den Alten vorüber. Kein Lenz ließ ihnen etwas erblühen; kein Sommer lachte ihnen. Herbst kam und Herbst ging; die Greise blieben.
Einstmals konnten Menschen, deren Liebe zueinander gewaltig war, vereint auf dem Gipfel der Glückseligkeit sterben; damals, als der Tod noch im Lande war. Sie wurden nicht gezwungen, sich vom Leben plündern zu lassen. Lächelnd konnten sie sich, Brust an Brust geschmiegt, vor dem Weniger retten. Auch das hörte auf. Keiner mehr hatte Leben oder Sterben in seiner Hand. Das aber ist das Grauenvollste: Leben zu _müssen_.
Menschen, die schlecht geworden, Bettler, die an ihrer Gesunkenheit litten, Unglückliche, die zu Verbrechern geworden, konnten sich nicht mehr freiwillig vom Leben lösen. Flucht aus Schande, Flucht aus unheilbaren Leiden, Flucht aus den Schmerzen unglücklicher Liebe, Flucht aus Entsetzen an mißratenen Kindern, Flucht vor Umnachtung der Gedanken gab es nicht mehr. Die Scharfrichter wurden ihres Amtes entsetzt; neue Strafen mußte der Gerichtshof ergrübeln.
Allmählich war das Wort von der _Hartherzigkeit_ des Todes erloschen; aber plötzlich entstand für ihn die Bezeichnung: Todesengel -- Engel des Todes. --
Ein anderes Schluchzen drang in die Welt und ein anderes Sehnen. Nicht der Sonne streckten sich Arme inbrünstig entgegen, sondern suchend dem entschwundenen Tode. Wehklagend irrten Menschen von Scholle zu Scholle. Inbrünstig betete man, daß er wiederkehre, der qualvoll Entbehrte. Allen Menschen schien es, sie hätten ihren Erlöser verloren, seitdem der Tod ihnen unerreichbar blieb. Sie schämten sich jener Geschlechter, von denen die Sage berichtete, daß sie dem Tode händeringend entgegengestarrt haben sollten, daß sie ihm geflucht hatten.
Haß und Bitterkeit, Ueberdruß und Kälte trieben die Menschen auseinander.
Eltern beklagten ihre lächelnden Kinder, denen später auch die Bürde eines endlosen Lebens zu tragen bestimmt war. Denn nicht in Jugendkraft und Fülle wurde ja den Erdbewohnern zu bleiben gewährt; nein, genau wie ehedem, mußten sie alles zurückgeben: Gesundheit, Hoffnung, Glauben, um zuletzt -- körperlich und geistig vernichtet -- sonnenlos in Nacht und Finsternis dahinzuvegetieren.
Es konnte nur eine Fabel sein, daß einst vom _hartherzigen_ Tode gesprochen wurde. Längst wußte man, _wer_ der Gütigste, der Erbarmer gewesen. Hatte man früher gefordert, daß er aus Mitleid entweiche, jetzt forderte man, daß er aus Mitleid zurückkehre. Doch nein, man forderte nicht, man flehte, man bat, man opferte.
Grauen vor dem Frühling erfüllte die Menschen, dessen Süße Leben spendet, dessen Atem befruchtet.
Immer freudearmer wurde die Erde; nur Kinder lächelten. Die Gedanken aller Erfahrenen schienen einem einzigen Ziele zugewandt: Dem Wiedererscheinen, der Rückkehr des Todes. Was bedeuteten die Tränen jener Zeiten, da man ihn besaß, gegen die Trauer, nun man ihn verloren hatte? Man begriff erst, was _Vernichtung_ sei, nachdem das Sterben aufgehört hatte. --
Unauffindbar, unerreichbar blieb der Tod. Vögel flogen hin und her, flogen in die Weite, weil sie hofften, ihn mit ihren wundersamsten Weisen zu rühren.
Dann aber vollbrachte ein Kind das Wunder.
Obwohl die Menschen den Tod nicht sehen konnten, so hatte _er_ sie doch keine Minute aus den Augen verloren; sie blieben seine schmerzliche Liebe. Und ist es nicht von jeher das Schicksal der Liebe gewesen, verkannt zu werden? Darf Liebe danach fragen? Ach, auch der Tod sehnte sich zurück nach den Menschen. Er konnte die Süße der Küsse, die ihn mit den vom Leben Befreiten vereinte, nicht vergessen, jene Küsse, von denen ja kein Lebender singen und sagen kann.
Nicht den Greisen zuliebe kehrte der Tod zurück, nicht der Kranken halber, -- der Unschuldigen wegen. Ihnen vermochte er nicht zu widerstehen.
Ein armes Mädchen hatte in Schande und Verlassenheit ein Kind geboren. Große strahlende Augen richtete das Neugeborene erwartungsvoll in die Welt. Diese leuchtenden Sterne verdunkelte der Tod. Schmerzlos glitt das schuldlos Verurteilte in des Todes Arme. In dem Augenblick erhob sich ein Hymnus ohne gleichen auf der Erde: einmal noch atmeten Müde tief und befreit auf, dann endlich schlossen sie die glanzlosen Augen für immer. Liebende umschlangen sich in heißer Seligkeit. Kämpfende, Irrende, Kranke knieten von dem Bewußtsein überwältigt nieder, nicht unrettbar an das Leben geknebelt zu sein. Licht überleuchtete an diesem Tage die ganze Welt. Auf dem Sonnenball stand hochaufgerichtet eine feingliedrige Gestalt. Nicht mehr wie einst umhüllten schwarze Schleier ihre Glieder. Umstrahlt von weißem Schimmer sank der Tod mitleidig wieder hernieder auf die Menschheit ...
Marie, _Deine_ Maria.
_Roland an Maria._
Geliebte Frau, zügele Deinen Heißsporn. (Mit wieviel Namen wirst Du ihn noch nennen können, wenn er sich so »weiter entwickelt?!«) Zügele ihn, weil er sich plötzlich für einen Beherrscher des Lebens hält, der gar nichts mehr von seiner einstigen Sklaverei weiß. Nein, zügele mich nicht. Nur, wer sich für einen Eroberer hält, kann einer werden, und ich habe ja noch so viel zu erobern: Dich, hundertmal zuerst Dich, meine Gefährtin, Du meiner Seele Köstlichstes und -- auch mich; denn das Land meiner vielleicht unsterblichen Freuden in der Kunst (für mich allein unsterblichen) werde ich mir ja in unermüdlichem Werben bis zum letzten Atemzuge neu erobern müssen. Die Gewißheit, daß sie mir »anderswoher« zuströmen könnten, suchst Du mir beharrlich zu erschüttern! Ja, ja, ich weiß, viele Stunden Deines Lebens waren reich, waren lebendig ohne mich. Aber hat Dich je so flehend, so über Worte hinaus der Hauch erschüttert, der über dem Begriff ruht: »_unendliche_« Liebe -- hörst Du, _unendliche_? Ist das nicht der Liebe beseligendstes Beiwort? _Ich_ würde mich freiwillig aus der Reihe der Lebenden lösen, sobald auch ich zu einer »vorübergehenden Erscheinung« in Deinem Leben geworden wäre. --
Während ich eben wieder einmal Deinen ersten »warnenden!« Brief las, schien die Vorstellung einer Trennung mich eine Sekunde hindurch zerreißen zu wollen, dann, (verzeih') ja, dann habe ich gelächelt. Sollte Größenwahn mir drohen, seitdem ich glaube: Liebe muß immer Erlösung für _beide_ der Liebenden sein, -- Erlösung vom Tode irgend einer Art? Es gibt ja so viele Tode, an denen Menschen sterben können. --
Lächelnd nennst Du mich Deine »letzte Versuchung«! Maria, Maria! Wiese ich Dir doch auch den Weg zu Deiner letzten Erfüllung. Hättest Du sie bereits erreicht, so konnte bei unserer ersten Begegnung Dein Blick mich nicht halten. Vielleicht lauschtest Du völlig unbewußt in die Ferne auf ein Lied, das auch Du vorher nie vernommen. Laß einmal das Schicksal gewähren, wolle es nicht immer meistern. Mache Deinen dummen Streich, vielleicht ist er ein glückbringender, _dann_ erst kannst Du erfahren, was in dem Menschen Maria steckt.
_Unsere_ Stunde gestern war beendet, grad' als sie zu beginnen schien. Wann wirst Du mir einen Tag bescheren, einen vollen, ganzen Tag? Ich mag nicht immer »vornehm geartet« sein.
Roland, nur Dein Roland.
_Maria an Roland._
Liebster, tagelang vergaß ich, mich zu fragen, ob die unsichtbare Verkettung, die uns bindet, berechtigt oder unberechtigt sei. Liegt aber nicht schon in dem Ausdruck »Verkettung« ein Etwas, das über alles Abwägen hinausführt? Nein, ich _kann_ nicht mehr an das Verrinnen, Verflattern von Gefühlen denken, deren Sterblichkeit grauenvoll wäre, auch wenn sie dem lichtesten Tode verfielen.
Oft möchte auch ich mit Dir, Roland, in einer Sprache sprechen, wie sie noch nie gesprochen wurde. Dann verzweifle ich förmlich an meinem eigenen Unvermögen.
Wir hätten uns gestern viel intensiver mit Deinem Stück beschäftigen sollen. Welch ein Glück, Dich bisher nicht von der Vorstellung gehemmt zu wissen, daß es schwerlich dem Schicksal der meisten Bühnenwerke entgehen wird, unaufgeführt zu bleiben. Ganz gewiß existiert auf Erden viel Schönheit, -- ich denke natürlich nicht nur an Kunst -- die nie aus ihrer Verborgenheit hinausgehoben wird, die nie ihre Bestimmung erfüllt, zu bereichern und zu erhöhen. Ueber wie viele wundersame Landschaften mag nie eines Menschen Auge gleiten! In diesem Augenblicke brauche ich mir nur Spitzbergen vorzustellen, wie es unbewohnt und also auch unbeschritten in glitzerndem Eisesfunkeln mit seinen unabsehbaren Flächen und Bergen in fast märchenhafter Schönheit vor mir lag. Uns kleine Menschen lähmt aber die Möglichkeit, unsere winzigen Gebilde könnten nur dazu bestimmt sein, uns selbst die Wonnen eines Schöpferrausches zu gewähren. Wird ein Baum im Urwalde nicht grünen und blühen _müssen_, schreitet auch nie ein Mensch an ihm vorüber? Wir Künstler dagegen sind enge, eitle Geschöpfe, die immer gleich an Ruhm denken -- an Dich, Ruhm, Du aller Eitelkeiten eitelste, gefährlichste. --
Also Dein Stück! Ja, haben wir die Rollen getauscht, die Auffassungen? Ist's nicht, als hätte _ich_ den Konflikt ersonnen, der eine Frau, anscheinend in ruhiger Besonnenheit, auf der Höhe aller Seligkeit in den Tod treibt, lediglich aus Angst vor der Gewißheit eines allmählichen Schwindens der großen Leidenschaft zwischen sich und ihrem Geliebten?
Ein Anderer bist Du geworden -- ja, ein Anderer. Wie tief ein Anderer, wer von uns wollte es entscheiden? Du hast mein Leben in Verwirrung gebracht und ich das Deine. Was wird übrig bleiben oder entstanden sein, was geboren oder getötet, was wird sich aus dieser beglückenden Verwirrtheit herauskristallisieren? Nie mehr kann ich in die Welt zurückfinden, die ich verließ, oder aus der mich eine fremde Macht stieß. Ja, Du ein Anderer -- ich eine Andere, die vollgesogen ist von vielleicht kindertörichten Vorstellungen. Ach, Du, immer leben wir in Vorstellungen und Vorurteilen und nennen sie unsere Ueberzeugungen. Die Entdeckerfreude an Menschen war sicher auch ein Beglückendes, aber ich hatte zu wenig von jenem Göttlichen in mir, das ganz im Geheimen erst die Heiligkeit der irdischen Weihen verleiht. Ich meine jene Weihen, ohne die man wohl auch gut und glücklich leben und anderer Leben steigern helfen kann, ohne die man aber nie ein Genie in der Lebens-Dichtkunst wird. Nur die mit der unzerstörbaren Kraft des Ideals »Behafteten« haben kein Absterben vor dem Tode zu fürchten. Und nicht nur in der Elendswelt von Gorkis »Nachtasyl« und nicht nur in Bezug auf den Glauben gilt des Wanderers Luka Antwort auf die Frage: »Gibt's einen Gott?« »Wenn Du an ihn glaubst, gibt's einen, -- glaubst Du nicht, dann gibt's keinen. _Woran Du glaubst, das gibt's eben._«
Mir scheint, ich bin ein Genie im Glauben an das Schöne in der Welt. Aus längst vergangenen Jahren fällt mir zufällig ein Erlebnis ein, an das mich der Duft Deiner beiden roten Rosen, die vor mir auf dem Schreibtisch stehen, erinnert. Ich lebte damals bereits in der Großstadt. Im Hochsommer hätte ich mein ganzes Vermögen am liebsten den wenig verführerischen Gestalten gegeben, deren Rufe: »Rosen! Rosen, sechs für zehn Pfennige!« durch die Straßen schrillten, während sie neben kleinen, mit wundervollen Blüten hochbeladenen Wagen dahingingen. Noch in diesem Augenblick bilde ich mir ein, die einförmigen, gleichgiltigen Anpreisungen zu vernehmen. Immer empfand ich leises Weh, wenn ich sah, wie die herrlichen Blumen so empfindungslos zusammengerafft wurden. Leicht erfuhr ich, wo diese Rosenmassen wuchsen. Ich freute mich schon den ganzen Winter hindurch auf einen Ausflug in die nahen Rosenfelder. In allen Farben sah ich sie im Geiste wogen und blühen. Erwartungsvoll bin ich hinausgefahren. Schmutzige, kleine Banditen wiesen mir das letzte Stück des Weges. Nicht eilig genug liefen sie mir voraus. Bald las ich auf plump gepinselten Schildern: »Zu den Rosenfeldern«. Ja, Roland, da stand ich denn erschreckt vor dem Stückchen Erde, nach dem ich mich so lange gesehnt hatte. Mochte ich auch suchend Umschau halten, daran war nichts zu ändern, daß diese flachen, noch in ziemlicher Nähe einem Kartoffelfeld gleichenden Felder meiner Rosen Heimatboden waren. Gewiß, ich hatte einen besonders ungeeigneten Tag getroffen; der zu heftige Regen der vorherigen Tage mochte wohl der Felder Aussehen geschädigt haben. Nichts wallte und wogte. Alles war ganz niedrig gewachsen, so ganz anders, als ich es erwartete. Vielleicht wurde zu rasch und zu erbarmungslos geschnitten; sogar aller Duft war in den Augenblicken, welche ich inmitten der Felder verbrachte, wie fortgetrieben.
Anderen Tags begannen sich dann die von mir mitgebrachten Knospen langsam zu erschließen. Zarter Duft erfüllte mein Zimmer. Ich genoß ihn fast wehmütig, ohne mir darüber klar zu werden, weshalb er mich so seltsam berührte. Und ebenso weiß ich nicht, wie es geschehen konnte, daß _die_ Rosenfelder, die ich nur im Geiste gesehen, unzerstörbar geblieben sind. Ihr Bild und ihren Zauber konnte die wirkliche Dürftigkeit nicht verlöschen. Wie oft wird es mir im Leben später ähnlich ergangen sein? Allmählich habe ich wohl zu ahnen begonnen, daß nur denen, deren Rosenfelder nie ganz vernichtet werden _können_, Rosen blühen, und daß jede Liebe und jedes Lebens Schönheit ebenso gefährdet ist, wie einst die meiner Rosenfelder. --
Wozu eigentlich dieser endlos lange Erguß? _Eine_ glücklich verlebte lebendige Stunde gibt mehr als ein meisterhaft stilisierter »Kommentar« zu _unserem_ Denken und Fühlen.
Maria.
_Roland an Maria._
Einzige, ja, warum schreiben wir uns? Auch ich frage es mich, aber ich antworte mir sehr einfach: ich weiß es nicht. Ja, was weiß ich denn? Weiß ich, warum ich geboren wurde, wann ich sterben werde? Weiß ich, warum ich -- ohne bestimmten Grund -- heute glücklich bin, morgen aber aus unbekannter Ursache unglücklich und ganz herabgestimmt sein kann? Weiß ich, warum ich heute strahlenden Auges einen großen Dichter zu genießen vermag, und warum ich mich morgen im Tumult nichtssagender Alltäglichkeiten herumschlage? Weiß ich, warum ich heute kühn bin wie ein Held und morgen verzagt wie ein Schwächling? Weiß ich, warum ich heute alles einzusehen scheine und morgen gar nichts? Weswegen ist es nun für mich gerade nötig zu wissen, warum ein Gott uns zwingt, einander zu schreiben? Vielleicht lockt nur der weiße Bogen, ihn zum Boten für schnell schwindende Stimmungen zu nehmen, für Stimmungen, die in jeder Färbung fruchtbarer Boden unseres Denkens und Dichtens werden können. Nur ein Hauch dringt ja bis zum Anderen, denn -- ob mündlich oder schriftlich -- es gelingt doch nie, sich ganz mitzuteilen. Weder in Briefen, noch in Werken sind wir wirklich restlos die, die wir für den anderen sein möchten.