Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte

Part 9

Chapter 93,833 wordsPublic domain

»Ihr seid ja schrecklich!« rief Eva, nun wirklich erzürnt. »Ihr habt mir doch versprochen, nicht einen Schritt von mir fortzugehen, und nun haltet ihr nicht Wort.«

»Hier ist doch net 's Gäßle!« murmelte Peter bedrückt. »Und -- und -- er ist doch net fortgelaufen!«

»Nein, nur fortgefahren!« Evas Ärger hatte sich schon gelegt. Zur Sicherheit hielt sie aber Peter fest an der Hand, der sollte ihr nicht wieder ausreißen. So lange wie auf ihn brauchte sie aber auf Mathes nicht zu warten. Dem war das Hinauffahren nicht so gut gelungen; oben hatte ihn der Führer erkannt und ihn einfach wieder mitgenommen. »Da ist der zweite,« schrie er Eva zu. »Die Jungen müssen sie anbinden, Fräulein!« Dabei gab er Mathes einen gelinden Stoß, Eva fing den Ausreißer auf, dankte dem Führer, und dann sagte sie: »Jetzt aber schnell heim. Und wehe euch, wenn ihr nur einen Schritt von mir fortgeht! Bitterbitterböse werde ich dann.«

Sie ging erst noch an die Zahlstelle, da bekam sie nun doch alle ihre Sachen, und mit Paketen beladen kehrten die drei, ein wenig spät zwar, doch noch zu rechter Zeit, heim. Sie fanden Frau von Ringewald noch in ihrem Lehnstuhl sitzen. Hulda saß neben ihr, sie sah verweint aus, aber doch ganz vergnügt, und als Eva von den Fahrten im Fahrstuhl erzählte, lachte sie sogar ein bißchen. »Nä, nä,« rief sie, »früh auf der Luftschaukel, nachmittags im Fahrstuhl, das gibt bestimmt schlechte Träume. Eßt nur nich viel zum Abendbrot, die Fahrerei und 'n voller Magen, das gibt 'ne schlechte Nacht.«

Hulda meinte es gewiß gut mit ihrem Rat; trotzdem befolgten ihn die Buben nicht. Die vergaßen ihn schon nach einundeinerhalben Minute, und nachher ließen sie sich das Abendbrot besonders gut schmecken, und als sie in ihre Betten stiegen, dachten sie an keine bösen Träume. Und doch behielt Hulda recht. Peter schlief zwar wie ein Mehlsäcklein, Mathes dagegen träumte wunderliche Dinge. Mit dem größten Weltwunder zusammen fuhr er immerzu Karussell, und vielleicht wäre er noch bis zum Morgen gefahren, wenn nicht plötzlich der Zigeuner ihn vom Pferd herabgezogen hätte. Mathes bekam Angst, der Mann sah ihn so bitterböse an und schalt wie der Führer vom Fahrstuhl. Da dachte Mathes im Traum wie manchmal im Leben: Ausreißen ist gut, und riß aus.

Doch trapp trapp! lief der Zigeuner hinter ihm her.

Mathes lief zu Kasperle, der zog rasch seinen Vorhang zu, und plötzlich rief da der brummige Schaffner und schrie: »Zahlen! Wer kein Geld hat, darf nicht herein.«

Und da war der Zigeuner ganz nahe, und auf einmal sah er aus wie Herr Brummerjan. Mathes schrie, er rannte fort und der Zigeuner immer hinter ihm her; da war die Luftschaukel, und in seiner Angst kletterte Mathes an dem Gerüst empor, höher und höher und -- plumps! da fiel er herunter.

Mathes rieb sich die Augen. Er war nun nicht mehr auf dem Meßplatz. Ganz verwundert sah er sich um. Das Zimmer war matt erhellt, denn draußen stand der Mond klar und rein am Himmel, und sein sanfter Schein füllte das Bubenstübchen. Auch brannte auf der Straße, gerade vor dem Fenster, noch eine Laterne und gab Licht. Mathes erkannte nach und nach seine Umgebung und merkte auch allmählich, daß er nicht in seinem Bett, sondern auf dem Fußboden lag. Nun war es für die Sternbuben etwas höchst Erstaunliches, wenn einer von ihnen einmal in der Nacht aufwachte. Darum besann sich Mathes auch lange, ob er nicht doch träumte. Erst als es ihm ein wenig kühl wurde, merkte er, daß er wirklich wach war.

»Peter!« stöhnte er endlich, »Peter!« Aber er konnte oft Peter rufen, der hörte ihn nicht. »Wach auf!« schrie Mathes, aber Peter wachte eben nicht auf.

Schließlich gab Mathes das Rufen auf und schickte sich an, in sein Bett zu steigen. In diesem Augenblick wurden auf der Straße Schritte laut; trapp, trapp! ging es, genau so, wie vorhin das Laufen des Zigeuners geklungen hatte.

Trapp, trapp, trapp! In der nächtlichen Stille hallten die Schritte laut.

Mathes stand nun schon auf seinen Beinen. Furchtsam war er nicht, aber neugierig. Wer mochte da gehen? Geschwind lief er zum Fenster, schob die Vorhänge zurück und schaute hinaus.

Die Schritte verstummten plötzlich, ganz still war es nun.

Daheim im Silbernen Stern schliefen die Buben stets bei offenem Fenster, und Mathes dachte, dabei kann man doch besser hinaussehen. Er riegelte also das Fenster auf und sah hinaus. Die Straße lag ganz im weißen Licht des Mondes, dazu leuchtete die Laterne wie eine Lampe. Mathes sah niemand auf der Straße gehen, doch da --

Ein gellender Schrei durchhallte das Zimmer. Neben der Laterne stand ein Mann, und Mathes sah gerade -- dem Zigeuner in das Gesicht.

Der Bube brüllte fürchterlich vor Schreck, und Peter, der nun doch wach wurde und den Bruder schreien hörte, schrie gleich mit. Davon konnte jemand schon munter werden.

Eva hörte das Geschrei. Hulda hörte es, und beide kamen fast zu gleicher Zeit angelaufen. Sie fanden Peter schreiend im Bette sitzen und Mathes auf einem Stuhl stehend; auf den war er in seiner Angst hinaufgeklettert. Es dauerte ein Weilchen, ehe die beiden Helferinnen erfahren konnten, was eigentlich geschehen war. Sie sahen das offene Fenster und blickten hinaus; still und friedsam lag die Straße im Mondlicht, kein Mensch war zu sehen.

»Sie haben geträumt; ich hab's ja gesagt, von der vielen Fahrerei ist es ihnen duselig geworden,« erklärte Hulda. »Geben Sie ihnen Zuckerwasser, Fräulein Eva, und dann rasch ins Bett. So was, bei nachtschlafender Zeit!«

Eva fand den Rat der alten Dienerin gut. Mathes und Peter erhielten jeder ein Glas Zuckerwasser. Mathes kletterte in sein Bett zurück, Hulda ließ zur Sicherheit noch die Rolläden herab, dann löschte sie das Licht, und einige Minuten später schliefen die Buben wieder fest.

Draußen sagte Hulda: »Sie haben geträumt.«

»Sicher!« Eva nickte. »Es war zu viel, morgen dürfen sie nicht wieder auf die Messe,« erklärte sie.

Aber als Mathes am Morgen beim Frühstück saß, da behauptete er: »Ich hab' net geträumt, der Zigeuner ist auf dem Gäßle gestanden.«

Und dabei blieb er.

Elftes Kapitel. Die vielen Bilder.

Offenbar dachte die Sonne auch an diesem Tag, weil die Breitenwerter Sternbübles nun doch einmal nach Leipzig gefahren sind, muß ich auch dort scheinen. Sie glänzte wieder frühlingsschön am blauen Himmel, und Mathes und Peter sahen nach dem Frühstück ein wenig betrübt auf die sonnige Straße hinab. Tante Eva hatte gesagt: »Heute früh wird daheimgeblieben; ihr mögt im Garten spielen. Allzuviel ist ungesund.«

Der kleine Garten lockte nicht sehr, und auf Herta und Irene waren die Buben noch böse, also schien ihnen der Vormittag ein bißchen langweilig. Aber Tanten, zumal wenn sie ein so weiches Herz haben wie Eva von Ringewald, sehen nicht gern betrübte Kindergesichter, und sie ändern dann wohl ihre Meinung.

Eva sah die Buben am Fenster stehen und etwas trübselig hinausschauen, da dachte sie, es sind doch Ferien und die beiden sind zum Besuch hier, was haben sie da vom Daheimbleiben am lichten Tag? Sie ging zu ihrer Mutter und fragte die, und diese gute Mutter sagte sanft: »Geh mit ihnen aus, zeig ihnen etwas, vielleicht den Zoologischen Garten.«

»Nein,« rief Eva, »heute nicht, dort erleben sie sicher wieder ein Abenteuer und schreien in der Nacht. Ich führe sie ins Museum.«

»Auch recht!« Frau von Ringewald lächelte ein wenig. »Ich bin neugierig, wie es ihnen dort gefällt.«

Husch! lag der Sonnenschein auch auf den Gesichtern der Buben, als Eva ihnen sagte: »Wir gehen doch spazieren, ins Museum.«

»Hurra! Wo die vielen Bildles sind?« Mathes und Peter konnten sich nicht schnell genug zum Ausgang richten; sie waren fertig, ehe Eva auch nur den Hut aufgesetzt hatte. Die sagte: »So schnell geht das nicht, ich habe noch für Mutter allerlei zu besorgen. Gehet aber einstweilen hinaus, ihr müßt mir freilich versprechen, kein Schrittlein weiter als bis ans Nachbarhaus zu gehen.«

Die Buben gaben das Versprechen, und sie hielten es auch. Und dies war nicht einmal leicht, denn die Straße entlang kam mit flatternden Zöpfen Annedore. Die winkte und nickte schon von großer Weite, und sie wunderte sich arg über die Buben, warum die ihr nicht entgegenkamen.

Die standen und taten kein Schrittlein über die Hausgrenze hinaus. Sie wollten brav sein, und als Peter noch einen Hopser wagen wollte, hielt Mathes ihn fest: »Wir dürfen net.« Danach sahen sich beide an und nickten sich zu, sie waren nämlich über ihre eigene ungeheure Bravheit selbst erstaunt.

»Hallo, hallo!« schrie Annedore.

»Hallo, hallo!« antworteten die Buben und blieben stehen.

»Seid ihr angewachsen?«

»Noi! Wir dürfen net weiter.«

Da war Annedore schon neben ihnen, und es gab eine sehr herzliche Begrüßung.

»Ich will euch nämlich einladen,« sagte Annedore vergnügt. »Meine Mutter hat's erlaubt, obgleich sie euch noch nicht kennt, aber sie kennt Frau von Ringewald, also geht es. Halb fünf dürft ihr kommen.«

Den Sternbuben kam nun freilich die Einladungsgeschichte etwas umständlich vor; in Breitenwert lud man feierlich nur zu Geburtstagen ein, sonst lief ein Kamerädle dem andern ohne Umstände ins Haus. Immerhin, der Gedanke, am Nachmittag zu Annedore zu gehen, war verlockend. Sie sagten daher sehr laut zu, und Annedore erklärte, sie würde nun gleich auf Tante Eva warten, um diese zu fragen. »Fein, fein!« jauchzte sie und hüpfte hin und her.

»Fein, fein, fein!« schrieen die Buben laut. Wer am Ende der Straße wohnte, konnte gewiß ihr Rufen hören.

»Was ist denn fein?« Ein dunkler Schatten fiel über die sonnige Straße, und als die drei aufblickten, sahen sie -- den Zigeuner vor sich stehen. Nur nicht so bunt angezogen wie auf der Messe war er. Mathes erschrak fürchterlich. Gerade wie in der Nacht war es. Aber doch wieder nicht so unheimlich, denn Annedore war ja da, und Peter schlief nicht, ja alle beide schauten den Zigeuner mehr neugierig als erschrocken an.

»Was ist fein?« fragte der Zigeuner noch einmal, und sein Blick glitt dabei scheu am Hause entlang.

»Wir sind eingeladen,« antwortete Peter.

Der Zigeuner lächelte ein wenig. »Und jetzt geht ihr wohl spazieren -- allein?«

»Noi, mit Tante Eva!«

Peter blieb die Antwort halb im Munde stecken, denn Annedore zog ihn heftig am Kittel. »Man darf nicht mit fremden Leuten reden,« tuschelte sie ihm zu.

Ob der Zigeuner das gehört hatte? Er kniff die Augen ein wenig zu, schielte wieder nach dem Hause hin und sagte langsam: »Dann ist -- eure Tante wohl wieder -- gesund?«

Weil nach Peters Meinung jemand, der im Bett lag, sehr krank war, rief er eifrig, ohne sich an Annedores Zerren und Ziehen zu kehren: »Noi, die ist alleweil noch krank, furchtbar krank!«

Der Zigeuner lief plötzlich davon. Mit langen Schritten rannte er die Straße hinab, und gerade als Eva von Ringewald aus dem Hause kam, bog er in eine andere Straße ein.

»Der Zigeuner war da.«

»Annedore hat uns eingeladen.«

»Er hat mit uns geredet.«

»Ihre Mutter hat's erlaubt.«

»Er hat die Augen zugekniffen und so gemacht.« Mathes drehte den Kopf, schielte nach dem Hause hin, und Eva von Ringewald stand da und wußte nicht recht, was alle diese Reden bedeuten sollten. Sie sah den Zigeuner nicht mehr, aber Annedore sah sie stehen; sie fing daher von der Einladung an, und Annedore knickste und richtete mit so wohlgesetzten Worten die Bestellung ihrer Mutter aus, daß die Sternbuben sie darob anstaunten. Wie Alette Amhag, das Prinzeßchen der Löwengasse, kam sie ihnen vor, und doch war sie eigentlich eher wild und lustig wie Trinle Grill. Eva gab die Erlaubnis zu dem Nachmittagsbesuch, sie redete noch ein paar Worte mit Annedore, dann fragte sie nach dem Zigeuner.

Mathes rief: »Wie in der Nacht ist er dagestanden, genau so!«

»Ach, das hast du ja geträumt!«

»Noi, ich hab's net geträumt!«

Mathes blieb dabei, und da auch Annedore und Peter von dem Zigeuner erzählten und Annedore ihn als sehr unheimlich schilderte, sagte Eva, doch etwas ängstlich geworden: »Ihr dürft gar nicht mit ihm sprechen; das nächste Mal lauft ihr gleich in das Haus zurück, wenn er noch einmal kommen sollte. Und nun schnell, sonst wird es zu spät für das Museum.«

Es gab einen kurzen Abschied von Annedore, die wieder heim mußte, und dann trabten die Buben neben Tante Eva her in die Stadt hinein. Durch breite, schöne Straßen ging's, über weite Plätze, auch durch ein paar enge Gäßlein. Selbst durch etliche Häuser hindurch führte Eva ihre Schützlinge. Diese langgestreckten, hohen Häuser, die manchmal zwei, drei Höfe hatten, glichen eher Gassen, und sie gefielen den Sternbuben sehr. Noch besser gefiel es ihnen freilich dann, mit ihrer jungen Tante in einer Konditorei zu sitzen und Kuchen zu schmausen. Wie sie so an einem Marmortischchen saßen und von einem Kellner bedient wurden, kamen sie sich ungeheuer wichtig vor. Sie dachten, alle Leute müßten sehen: Da sitzen die Sternbuben aus Breitenwert und essen Kuchen; nein, wie vornehm!

Sie waren in ihrem ganzen Leben noch nicht in einer Konditorei zum Kuchenessen gewesen, denn in Breitenwert gab es nur eine einzige, und in die gingen nur die großen Leute; für Kinder war da kein Platz. Einzig schade war, daß die Freunde aus der Löwengasse nicht zuschauen konnten, um sie beide zu bewundern. Die hätten Augen gemacht, o je!

Doch es kam niemand und wunderte sich, und dem Kuchen ging es, wie es Kuchen einmal geht, er wurde alle, das Vergnügen war zu Ende. Ein Weilchen später stiegen Mathes und Peter die breite Freitreppe zum Museum empor. Eva öffnete die schwere Eingangstür, und drinnen umfing kühle Stille die drei. Der hohe, weite Raum, die breite Treppe innen, alles kam den Buben ungeheuer prächtig vor, und Peter wagte die schüchterne Frage: »Ist das ein Schloß?«

»Ein Schloß ist's nicht, aber schön ist's, gelt?«

Die Buben nickten nur. Die Feierlichkeit des Raumes bedrückte sie fast, und die vielen Bilder an den Wänden verwirrten sie. Doch Eva führte sie zuallererst vor ein Bild, das ihnen beiden ausnehmend gefiel. Da saß der Herr Jesus in einer hellen, sonnigen Stube, und viele Kinder umdrängten ihn, Kinder, wie sie daheim in Breitenwert herumliefen. Fein und lieblich war das Bild, recht zum Freuen. Nach diesem gab es andere Bilder zu sehen; manche fanden Mathes und Peter langweilig, manche gefielen ihnen, eigentlich aber fanden sie, es wären zu viele Bildles da. Unten hingen welche, oben hingen welche, und wenn man dachte, nun ist's zu Ende, da kam wieder ein Saal, ein Zimmer und wieder Bildles, große und kleine.

Eva von Ringewald liebte ein Bild besonders. Eine Berggruppe stellte es dar, die im ersten Schein der Morgensonne glänzte. Dieses Bild war für sie eine Erinnerung. Diese schönen Schweizer Berge hatte sie einmal so glänzen sehen mit dem verlorenen Bruder zusammen. Damals hatten sie lustige Pläne geschmiedet; nach Indien wollten sie reisen, nach China, weit, weit in die schöne Welt hinaus.

An all das dachte Eva, während sie mit den Buben auf der Polsterbank vor dem Bilde saß, und sie vergaß ihre beiden Schützlinge darüber etwas. Ganz still waren die, merkwürdig still.

Menschen kamen und gingen vorüber, hinter sich hörte Eva ein leises Kichern, und dann blieb ein alter Herr vor ihr stehen und sagte gutmütig: »Die beiden da sind recht müde.«

Eva erschrak und sah sich um. Neben ihr lagen die Sternbübles und -- schliefen. Mathes saß noch halb, aber Peter hatte sich auf der Polsterbank ausgestreckt, und ein Bein baumelte herab.

»Aber Jungen!« Eva zupfte die beiden verlegen an ihren Kitteln. »Steht auf!« flüsterte sie ihnen zu, aber ihre sanfte Mahnung half gar nichts, die beiden schliefen vergnügt weiter.

»Die müssen kräftiger geweckt werden,« sagte der alte Herr, und er beugte sich selbst zu Mathes herab, schüttelte ihn tüchtig und rief ihm halblaut ins Ohr: »Wach auf!«

Ein paar Backfische, die zusahen, lachten hell auf, und von der fremden Stimme und dem Lachen erwachten die Buben. Peter, der meinte, in seinem Bett zu liegen, wollte sich umdrehen und kollerte dabei auf den Boden. Es gab einen dumpfen Fall, und ein Aufseher eilte erschrocken herbei. »Herrjeses, nee!« rief der, »man kugelt sich doch hier niche auf dem Boden herum, so was, das schickt sich doch nich!«

»Sie sind müde,« riefen die Backfische mitleidig.

Eva von Ringewald war so verlegen geworden, als wäre sie selbst hingefallen. Als nun aber die Buben wieder auf ihren Beinen standen und sich noch verschlafen und grenzenlos erstaunt umsahen und das Lachen ringsum lauter wurde, seufzte sie tief. Es war doch recht schwer, den Sternbuben die große Stadt zu zeigen. »Kommt heim,« murmelte sie und zog die beiden rasch mit sich fort dem Ausgang zu. Die beiden folgten halb im Traum, und erst als sie draußen standen im Sonnenlicht, wurden sie wieder munter.

Vor ihnen lag der weite, schöne Platz im hellen Glanz. Der Springbrunnen rauschte, seine Wasserstrahlen glitzerten in der Sonne, über den Platz liefen viele Leute, die Wagen rollten, die Klingeln der elektrischen Bahnen schrillten, es war schon ein Leben und Getöse, von dem ein paar Kleinstadtbuben müde werden konnten.

Eva überlegte sich das gerade, als Mathes sie sacht am Kleid zog. »Jetzt bist du wohl bös, Tante?« flüsterte er bedrückt.

»Ich konnt' doch net dafür!« klagte Peter auf der andern Seite.

»Nein, ich bin nicht böse.« Eva beugte sich ein wenig vor und fragte neckend: »Ihr armen Schelme, es war wohl recht langweilig?«

»Noi, fein war's!« riefen beide, und Mathes fügte ehrlich hinzu: »Nur zu viel Bildles sind drin.«

Der Zoologische Garten wäre wohl besser gewesen, dachte Eva, und sie begann auf dem Heimweg von den Löwen, Bären, den Affen und vielerlei Tieren zu erzählen, die sie sich morgen zusammen ansehen wollten.

Da wurden die Buben blitzmunter, und die Fragen purzelten nur so heraus. Kaum hatte Mathes etwas gefragt, da tat Peter seinen Mund auf, und Eva hatte dem noch keine Antwort gegeben, da wollte schon Mathes wieder etwas wissen. Sie fragten noch, als Eva schon die Türe zur Wohnung aufschloß, und Hulda, die ihnen auf dem Flur entgegenkam, dachte nicht anders, als die Buben wären im Zoologischen Garten gewesen, so viel redeten die von den Tieren dort. Wenn Hulda fragte, ob es ihnen denn gefallen hätte, antwortete Mathes, ein Elefant sei auch drin, Tante Eva habe es gesagt; und Peter erzählte von den Bären.

Auch bei Tische redeten sie mehr von den Tieren, die sie sehen wollten, als von den Bildern, die sie gesehen hatten. Frau von Ringewald lachte dazu, und Eva freute sich über das Lachen der Mutter; sie dachte, es ist doch gut, daß die Buben da sind. Und sie war lieb und gütig zu ihnen und begleitete sie am Nachmittag selbst zu Annedore. Die wohnte in einem schönen Hause drei Treppen hoch, und Eva schärfte unten Mathes und Peter ein, wie sie oben zu klingeln hätten. Sie sollten auch fein höflich sein, der Mutter Gruß nicht vergessen, nicht zu viel Kuchen nehmen und auch nicht zu wild sein.

So mit guten Ermahnungen beladen, kletterten die Buben die drei Treppen hinauf. Ein bißchen bänglich war ihnen freilich zumute. Aber oben ging es dann vergnügter zu, als sie es gedacht hatten. Annedores Mutter war eine fröhliche, gütige Frau, die wohl wußte, Buben sind mal laut, Buben essen gern Kuchen und vergessen es manchmal, so fein höflich zu sein wie Erwachsene. Annedores einziger Bruder war freilich schon beinahe ein junger Herr, er saß in Obersekunda und hielt es natürlich unter seiner Würde, mit der jüngeren Schwester und ihren Freunden zu spielen. Denen gefiel das Spielen zu dreien aber auch sehr gut, sie waren ungemein lustig, und die Sternbuben vergaßen darüber die große Stadt; sie spielten so, wie sie in Breitenwert mit ihren Kamerädles spielten. Wie sie so mitten drin in Spiel, Lust und Freude waren, horchte Annedore auf einmal auf; sie hörte Stimmen draußen, doch die verhallten wieder, und nach ein paar Minuten kam Marie, das Zimmermädchen, herein und sagte: »Annedore, Herta und Irene waren da, sie sind aber wieder fortgegangen, als ich erzählte, wer bei dir ist.«

»Mögen sie!« brummte Annedore nur, und dann spielten die drei weiter und vergaßen die beiden, die sie im Stich gelassen hatten.

Unterdessen stiegen Herta und Irene sehr niedergeschlagen die Treppen hinunter, und Irene sagte: »Du bist schuld, warum bist du fortgelaufen.«

»Du bist schuld, du hast gesagt, wir sollen die Jungen mitnehmen,« rief Herta.

»Du hast es zuerst gewollt.«

»Nein, du!«

So stritten sich die beiden und gingen verstimmt miteinander heim, denn sie ärgerten sich, daß Annedore nur die Sternbuben eingeladen hatte und nicht sie dazu. Annedore liebten sie eigentlich beide, auch war Annedore Klassenerste, und es galt als Ehre, mit ihr zu verkehren. »Sie ist böse mit uns,« klagte Irene.

»Daran sind nur die Jungen schuld,« schalt Herta.

»Wir reden nicht mehr mit ihnen.«

»Nein, nie mehr! Es schickt sich gar nicht, mit ihnen zu verkehren.«

Als die beiden nach Hause kamen, waren sie entschlossen, nie mehr mit diesen groben, ungezogenen Buben zu spielen, ja, nie mehr. Und zeigen wollten sie es ihnen, sie wollten morgen und alle Tage in den Garten gehen und tun, als wären ihnen ihre neuen Nachbarn ganz unbekannt. Sie dachten sich allerlei aus, womit sie die beiden ärgern wollten, und dabei weinten sie selber vor Ärger auf der Treppe, während just zur gleichen Zeit Annedore und ihre Gäste lachten, daß Marie warnte: »Ihr werdet noch platzen vor Lachen!«

Hulda fand aber die Sternbuben noch ungeplatzt, als sie kam, die beiden heimzuholen. »So früh?« riefen Annedore und ihre Gäste. »Viel zu früh!«

»Nich zu früh, spät ist's schon. Aber morgen oder übermorgen mögt ihr weiterspielen bei uns. Fräulein Eva hat's gesagt, ich soll's bestellen.«

Das war noch ein Trost, der den Abschied versüßte.

Vergnügt trennten sich die neuen Freunde, und die Buben wanderten vergnügt mit Hulda heimwärts. Für alles, was sie zu erzählen hatten, war der Weg zu kurz; vor dem Hause blieben sie darum noch stehen, weil Peter durchaus eine Geschichte fertig erzählen wollte, die Annedore ihnen erzählt hatte, und die furchtbar komisch war.

Er kam jedoch mit seiner Erzählung nicht zu Ende, denn Mathes schrie plötzlich: »Da war er wieder!«

»Wer denn? Aber Junge, schrei doch nicht so!« mahnte Hulda.

»Der Zigeuner da, da!«

Ein Mann ging sehr eilig dicht an den Häusern entlang, er glich in der tiefen Dämmerung nur noch einem Schatten, als Hulda ihn erblickte.

»I Junge, du siehst Gespenster! Du hast wieder geträumt.« Hulda brummte es ziemlich unwirsch, der Zigeuner fing an, sie zu ärgern.

»Noi, ich hab's net geträumt,« behauptete Mathes genau wie am Morgen. »Er war's wieder, er war es ganz bestimmt!«

Hulda schwieg, nachher aber sagte sie zu Eva: »Fräulein Eva, mit dem Zigeuner das ist 'ne sonderbare Sache. Graulen kann man sich. Ich glaube, wir müssen auf die Jungen achtgeben. Am Ende raubt sie uns der Zigeuner noch und macht Meßleute draus. Man kann nie wissen, was so 'n Zigeuner denkt. Heute nacht aber schlafe ich in der Schrankstube neben den Jungen, damit ich gleich dabei bin, wenn sie schreien.«

Und Hulda schlief wirklich in der Schrankstube. Doch Mathes schrie nicht und Peter schrie nicht, niemand und nichts störte Huldas Schlaf. Sie stand darum auch nicht auf und sah auch nicht den Mann vor dem Hause stehen, der lange, lange unverwandt zu den dunklen Fenstern emporstarrte. Nur der Mond sah ihn, und der Mond dachte: Da steht wirklich der Zigeuner wieder da, was der nur will?

Zwölftes Kapitel. Kasperle muß das Heimweh vertreiben.