Die Sternbuben in der Großstadt: Eine heitere Geschichte

Part 8

Chapter 83,917 wordsPublic domain

Und dann griffen etliche Hände zu, und endlich standen die vier wieder auf ihren Beinen. Zwar drehte sich noch alles um sie herum, aber ein Mann klopfte ihnen freundlich den Staub von den Kleidern und tröstete sie: »Das geht bald vorbei. So, nun ist's gut; na, da sitzt noch Staub.« Er klopfte an Mathes herum und an Peter und sagte zu Herta: »Du verlierst dein Taschentuch, kleines Fräulein.« Er war überhaupt so freundlich, wie nur einer sein kann. Er brachte auch noch alle vier zu Irene, wünschte ihnen noch viel Vergnügen, und ehe sich die Kinder bedanken konnten, war er verschwunden.

»Der war nett!« Herta sah sich nach nach dem freundlichen Helfer um, auch die Sternbuben drehten sich nach allen Seiten um. Da war er nicht und dort war er nicht, aber -- sie jauchzten laut auf -- dort war der Zigeuner.

»Da ist er, da ist er!« Mathes zeigte mit dem Finger und Peter zeigte mit dem Finger, und obgleich Herta und Irene dies sehr unschicklich fanden, sahen sie doch den Fingern nach und fragten neugierig: »Wer ist da?«

»Der Zigeuner von gestern.«

»Ein echter Zigeuner!« Peter sah stolz drein. »Ganz echt ist er,« versicherte er noch.

»Kennt ihr ihn?«

»Hm, vielleicht!« Mathes machte ein Gesicht, als hätte er die ganze Tasche voller Geheimnisse, und Herta fragte ein bissel unwirsch: »Sag's doch, woher kennt ihr ihn?«

Mathes erzählte und Peter erzählte, und dabei schauten alle fünf unverwandt den Zigeuner an, und als die Buben mit ihrer Geschichte fertig waren, rief Annedore: »Ihr müßt ihm guten Tag sagen, da merkt ihr's gleich, ob er es ist.«

»Ja, fein! Und wir gehen mit.« Herta zappelte vor Ungeduld, den Zigeuner zu sehen, aber Irene blieb stehen und erklärte: »Ich graule mich.«

»Hier kann er uns doch nichts tun!« Annedore und Herta zogen die Freundin mit fort, die Buben gingen voran, gingen auf den Zigeuner zu und blieben vor ihm stehen. »Guten Tag!« Mathes zog seine Mütze, Peter zog seine Mütze, aber der Zigeuner blieb unbeweglich stehen, er sah über sie beide hinweg, als wären sie zwei Mücklein.

»Guten Tag!« Die Buben schrieen es ganz laut, da endlich sah sie der Zigeuner an. »Was wollt ihr?« fragte er, und seine Stimme schnarrte wie eine alte Kastenuhr. So hatte ihr freundlicher Begleiter neulich nicht geschnarrt.

»Er ist's net!« rief Mathes enttäuscht. Aber da drängte sich keck und flink und ein bissel frech Herta heran und fragte: »Haben Sie die Jungen neulich nach Hause gebracht?«

»Wohin denn?« Der Zigeuner kniff die Augen zu, und Herta fand ihn nun auch greulich. »Zu Ringewalds,« sagte sie kleinlaut und wich langsam zurück.

»Nix kennen! Wer sein das?« Sonderbarerweise sprach der Mann jetzt wieder ganz anders, aber Peter stieß den Bruder an und tuschelte ihm zu: »Er ist's doch!«

In diesem Augenblick summten und tönten wieder die Fabrikpfeifen, ein paar laut und gellend, ein paar dumpf, wie klagend, und Annedore schrie erschrocken: »Jetzt ist's eins, wir müssen nach Hause.«

»Ach was, wir essen erst gegen zwei!« Herta sah ganz unbekümmert aus, aber Annedore und Irene sagten beide ängstlich: »Wir müssen furchtbar schnell nach Hause und die Jungen auch. Die sagen, Frau von Ringewald wäre krank; wenn die sich nun sorgt!«

Den Buben selbst fuhr der Schreck über die späte Stunde arg in die Beine. Sie vergaßen den Zigeuner, der sie auf einmal sehr aufmerksam anblickte, und alles Drumrum und begannen zu rennen. Die Mädel folgten, im Galopp ging es den breiten Mittelweg entlang, und Herta, der nun doch ihr Fortlaufen das Gewissen beschwerte, rief unterwegs: »Wir fahren alle, dann geht es flink.«

»Dort ist unsere Bahn, sie fährt gleich fort.«

Annedore winkte. Herta und Irene schrieen: »Halt, halt!« und die Buben ächzten und pusteten wie Lokomotiven vor Eile. Sie erreichten aber noch alle ohne Unfall den Wagen, kletterten hinauf, und fort ging es.

»Zahlen!« sagte der Schaffner und sah sie brummig an.

Die Buben griffen in ihre Hosentaschen, die Mädel suchten in ihren Handtäschchen nach, da schrie Herta: »Mein Täschchen ist weg!«

»In meinem ist nichts mehr drin,« klagte Irene.

Mathes und Peter suchten und suchten, sie drehten ihre Hosensäckle um und um, allerlei kam zum Vorschein, die neuen Geldbeutel fehlten.

»Na, wird's bald!« brummte der Schaffner, der aussah, als wäre er mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden.

Nur Annedore hatte noch ihren Groschen; es war der letzte. Sie bettelte: »Die haben ihr Geld verloren, aber wir haben's so eilig, lassen Sie uns mitfahren.«

»Geht nicht,« knurrte der Schaffner und zog an der Klingel, »wer kein Geld hat, muß aussteigen.«

»Fahr du, Herta,« rief Annedore rasch, »geh zu Frau von Ringewald und sag, wo die Buben sind, wir kommen nach.«

»Nein, nein!« Herta schluchzte laut. »Das kann ich nicht, das kann ich nicht.«

Schnurrr! hielt der Wagen, und der Schaffner mahnte: »Aussteigen, flink! Nur wer Geld hat, kann bleiben.«

Hops! sprang Annedore auch vom Wagen. »Ich geh mit euch,« sagte sie, »ich lasse euch nicht im Stich.«

Die fünf standen unten, der Wagen fuhr weiter, und Herta begann zu weinen. Irene fiel ein, und die Buben weinten nicht, die heulten laut und schauerlich, heulten, wie sie es schon manchmal in Breitenwert auf dem Löwengäßle getan hatten. Über das Gebrüll erschraken nicht nur die Mädel, auch viele Vorübergehende sahen sich um, ein paar Leute blieben gar stehen, und Herta und Irene bogen eilig in eine Seitenstraße ein. Dort schalt Herta böse: »Schämt euch doch, so weint man nicht, das schickt sich nicht!«

»Unsere Beuteles!« klagte Mathes. »Ganz neu waren sie, und so schrecklich viel Geld war drin!«

»Ich will -- su -- suchen gehen,« schluchzte Peter. Der meinte, es könnte nicht schwer sein, auf dem Meßplatz zu suchen.

»Ihr seid zu dumm!« Herta hatte schon wieder die Tränen getrocknet, und sie, die draußen so wild gewesen war, ging nun wieder einher wie eine kleine Dame. »Seid stille,« fuhr sie die Buben an, »so ein Geschrei schickt sich nicht!«

So schnell wurden die Buben aber mit ihrem Kummer nicht fertig, die heulten weiter. Da verlor Herta die Geduld. Als eine Frau gar fragte: »Was fehlt euch, Kinder?« rief sie heftig: »Das schickt sich nicht, ich schäme mich mit euch zu gehen; komm, Irene!« Und blitzschnell bogen beide in eine andere Straße ein und riefen von dort: »Komm mit uns, Annedore!«

»Nein!« Annedore schüttelte den Kopf sehr nachdrücklich, und ihre rostbraunen Zöpfe flogen hin und her. »Ich lasse die Jungen nicht im Stich, die kennen den Weg noch nicht,« rief sie ärgerlich den Freundinnen nach.

Im Augenblick hörten Mathes und Peter auf zu weinen. Hertas und Irenes feiges Davonlaufen kränkte sie, und Mathes sagte trotzig zu Annedore: »Kannst auch gehen, wir finden den Weg schon!«

Aber Annedore lachte über den trotzigen Bubenstolz. »Mitgefangen, mitgehangen, sagt mein Vater immer,« antwortete sie. »Ihr wißt den Weg doch nicht, und würdet ihr mich denn im Stich lassen?«

»Noi!« riefen beide Buben, und Mathes fügte wichtig hinzu: »Seine Kamerädles läßt man net im Stich!«

»Kamerädles!« jauchzte Annedore. »Wie fein das klingt! Wir sind Kamerädles, hurra, und kommt, jetzt rennen wir; da kommen wir noch eher heim als die andern.«

Den Buben war das sehr recht. Sie faßten sich alle drei an den Händen und rannten die Straßen entlang, und Annedore erzählte dabei von ihrem Zuhause und fragte die Buben nach Breitenwert. Darüber vergaßen die beinahe ihre verlorenen Schätze. Atemlos kamen sie alle bei Ringewalds an. Dort standen Hulda und Ida auf der Straße und hielten Umschau nach den Verlorenen, und oben am Fenster erschien Evas verweintes Gesicht.

»Herrje!« schrie Hulda böse, »ihr --«

»Wir sind schuld,« unterbrach Annedore sie rasch, und dann erzählte sie, flinker als ein Regentröpflein fällt, von dem gemeinsamen Meßbesuch und dem verlorenen Geld. »Ich glaube, das hat uns der Mann gestohlen, der an der Luftschaukel stand,« schloß sie.

»Jemine, damit seid ihr gefahren und kommt heil und lebendig nach Hause!« schrie Hulda. »Ihr seid doch --«

»Sie können nichts dafür,« unterbrach sie Annedore wieder, und ihre blauen Augen sahen flehend zu Hulda auf. Schilt nicht! bettelte der Blick.

Das war noch ein Kamerädle! Mathes reckte sich und rief: »Sie kann auch net dafür, sie hat gedurft, und ein Gröschle hat sie und ist net mit dem Bähnle gefahren ohne uns, und sie ist net davongelaufen, und sie sagt, sie wär' unser Kamerädle.«

»Ja, und die Jungen müssen mich besuchen, und ich besuche sie, und wenn sie wieder abreisen, dann schreiben sie mir.«

»Na, dann ist ja die Freundschaft im besten Gange!« brummelte Hulda. »Aber wo sind denn die andern, ich denke, die sind auch dabei?« fragte sie.

»Davongelaufen sind sie!« Und nun ging das Erzählen an, und Hulda hätte wohl den Meßbesuch von Anfang bis zu Ende erzählt bekommen, wenn sie nicht gesagt hätte: »Das Mittagessen ist längst fertig.«

»Ich muß heim; morgen auf Wiedersehen!« Annedore lief davon, daß ihre Zöpfe flogen, und die Sternbuben hasteten die Treppe hinauf, und oben an der Türe stand Fräulein Eva und hatte verweinte Augen, und sie sagte traurig: »Nun habe ich mich wieder um euch gesorgt!«

Da hingen Mathes und Peter die Köpfe wie zwei Schneemännlein, wenn der Tauwind bläst, Hulda aber sagte: »Lassen Sie sich nur erst erzählen, Fräulein Eva, wie's war; ihr Kamerädle, wie sie's nennen, sagt, sie wären nich schuld daran. Wenn sie aber was Dummes gemacht haben, dann gibt's keine Kirschenspeise nachher.«

Zehntes Kapitel. Herr Brummerjan und der Fahrstuhl.

Noch ehe die Kirschenspeise kam, wußte Eva von Ringewald alles. Mathes und Peter erzählten, zusammen und allein; einer redete von der Luftschaukel, der andere von dem verlorenen Geld, sie schwätzten vom größten Weltwunder und dem merkwürdigen Zigeuner, und als Hulda selbst die süße Speise brachte, da gab es gerade ein fröhliches Gelächter am Tisch, und Eva sagte: »Sie sollen beide Nachtisch bekommen, Hulda. Ein bissel unnütz war zwar das Fortlaufen, aber sie sagen, sie wollen es bestimmt nicht wiedertun.«

»Bestimmt net!« rief Mathes.

»Du mußt immer mitkommen, Fräulein Eva,« bat Peter.

»Sagt Tante Eva!« Es fiel Eva ganz plötzlich ein, daß sie den Bübles eigentlich gern eine gute Tante sein wollte, und sie merkte auch an den strahlenden Augen, denen gefiel dies ausnehmend gut. »Na also, dann ist das 'ne Tantenspeise!« Hulda setzte das leckere Gericht auf den Tisch, und ehe sie aus dem Zimmer ging, sagte sie noch, fast ein bißchen eifersüchtig: »Mir müßt ihr aber auch noch von der Messe erzählen!«

Mathes und Peter versprachen das gern, und nachdem sie sich noch die Mäglein mit der süßen Speise gefüllt hatten, riet ihnen die liebliche Tante selbst, sie sollten jetzt zu Hulda gehen, wenn nicht etwa ihre Briefschreibelust groß wäre.

Doch die Lust war weder groß noch klein, sie war gar nicht da, und so stiegen denn die Buben zu Hulda hinab und erzählten ihr und Ida die Abenteuer des Morgens. Darüber verging die Zeit geschwinde. Die Kaffeestunde kam. Mathes und Peter stiegen wieder die Treppe hinauf, und oben im Gartenzimmer gab es eine große Überraschung. Frau von Ringewald saß wieder in ihrem Sessel. Es ging ihr besser, und auch sie wollte nun von dem Meßbesuch hören. Da mußten die Gäste zum drittenmal ihre Abenteuer erzählen. Sie fanden dies höchst vergnüglich, und wenn noch drei Zuhörer und dann wieder drei Zuhörer gekommen wären, den beiden hätte es den größten Spaß gemacht.

Frau von Ringewald hörte mit einem so heiteren Gesicht zu, daß Eva in ihrem Herzen dachte, vielleicht werden sie doch noch Trostbübles für die Mutter. Mathes und Peter selbst fanden, die Pate höre noch besser zu als Hulda. Die hatte immer von der Luftschaukel hören wollen und den merkwürdigen Zigeuner langweilig gefunden, während Frau von Ringewald gerade von dem etwas wissen wollte. »Geige spielt er,« murmelte sie, und das frohe Lachen erlosch wieder auf ihrem Gesicht.

Einen Augenblick war's ganz still im Zimmer.

»Er ist aber kein richtiger Zigeuner,« erklärte Mathes.

»Warum denn nicht?« fragte Eva rasch, die gern die Mutter auf andere Gedanken bringen wollte.

»Weil die schwarz sind, sagt Mina, und weil der blaue Augen hat, und manchmal macht er so.« Mathes kniff seine Äuglein ganz klein zusammen, hielt den Kopf schief, und Peter machte ihm das flink nach. »So sieht er aus,« riefen beide.

Eva und ihre Mutter lachten, weil die Buben mit ihren runden rosigen Gesichtern gar nicht zigeunermäßig aussahen, und über dem Lachen überhörten sie das schrille Tönen der Klingel draußen, Stimmen und Schritte. Und just als Mathes sagen wollte, der Zigeuner wäre bestimmt ihr Führer von vorgestern, tat sich die Türe auf, und Hulda ließ einen älteren Herrn eintreten. »Nun, so lustig?« fragte der mit einem Gesicht, als krame er das Lachen nur höchstens alle Jahre einmal aus seiner Kommodenschublade heraus.

»Ach, Albert, du bist es!« Frau von Ringewalds eben noch so heiteres Gesicht wurde ernst und still, auch Eva lachte nicht mehr, und die Buben standen verlegen auf. Sie hörten, wie Eva den Fremden Onkel nannte, und sie ahnten, es war der Onkel, von dem ihnen Hulda erzählt hatte.

Sehr freundlich schaute Herr Albert Buchner die beiden Buben eben nicht an. Er fand, seine Schwester habe sich mit dem Besuch eine recht unnütze Last aufgeladen, und verdrießlich fragte er: »Das sind nun wohl deine Patenkinder, Renate? Hm, hm! Sehen recht unnütz aus!«

»Sie sind recht brav,« rief Eva rasch. »Flink, Mathes, Peter, gebt meinem Onkel die Hand.«

Die Buben erinnerten sich rechtzeitig der guten Vermahnungen, die ihnen daheim die Mutter, Mina, Herr Häferlein und viele andere noch gegeben hatten, und so verbeugten sie sich vor dem Herrn tief und streckten ihm dann treuherzig ihre Hände hin. Die höfliche Verbeugung gefiel diesem, er sah um ein Scheinchen freundlicher aus und fragte herablassend: »Nun, wißt ihr denn auch, wer ich bin?«

Mathes und Peter nickten nur stumm und sahen sich gegenseitig an. Sie fanden den Namen des Onkels nämlich höchst komisch und dachten, man könnte ihn nicht sagen, ohne zu lachen.

»Ihr seid wohl stumm? Antwortet doch!« Herr Buchner konnte Nicken und Kopfschütteln nicht leiden, er war Gehorsam gewöhnt. Wenn er fragte, wollte er Antwort haben, und da die Buben noch immer stumm blieben, herrschte er sie streng an: »Nun sagt, wer bin ich!«

»Herr Brummerjan!« riefen Mathes und Peter, und es kam, wie sie gedacht hatten: sie platzten heraus.

Wer nicht lachte, war Herr Buchner, auch Frau von Ringewald sah tief erschrocken drein, während Eva es beinahe den Buben nachmachte. Sie schwieg aber, als der Onkel erstaunt rief: »Wie soll ich heißen? Sagt's noch einmal!«

»Herr Brummerjan!« Diesmal brachte nur noch Mathes das Wort heraus, Peter hatte den Kopf ganz tief gesenkt und kicherte in seine Jacke hinein.

»So, so, Herr Brummerjan werde ich in deinem Hause genannt, Renate! Das ist ja sehr erfreulich!« Herr Albert Buchner sah bitterböse drein, und Frau von Ringewald rief ängstlich: »Aber Jungen, was redet ihr da, wer hat euch das denn gesagt?«

»Hulda,« antwortete Mathes verlegen, dem nun auch das Lachen vergangen war. Vielleicht stimmte der dumme Name gar nicht.

»So, Hulda, natürlich! Du hast wirklich sehr liebenswürdige Dienstboten, Renate; es wäre nun wohl Zeit, daß diese Hulda aus dem Hause käme.«

»Geht hinaus, geht in die Küche!« Eva war tief erblaßt, sie schob die Buben zum Zimmer hinaus, dann ging sie rasch zurück, und den beiden tönte ihre Stimme nach; wie Weinen klang sie. Und als die Buben schon auf der Treppe waren, hörten sie oben noch den Onkel laut und böse reden, dann dröhnte sein Schritt über den Flur, und die Türe klappte laut.

Ganz verstört kamen die beiden unten an, und weil nur ein mattes Licht Treppe und Flur erhellte, stolperten sie und bumsten laut an die Küchentüre an. Hulda öffnete erstaunt. »Na nu, da kommen wohl Stolperhans und Purzelwu-die-Treppe-runter!« rief sie. »Ihr seid wohl vor Herrn Brummerjan ausgerissen?«

»Er heißt ja net so!« schrieen Mathes und Peter vorwurfsvoll. »Er ist schlimm bös geworden, weil ich das gesagt habe.« Mathes sah Hulda ordentlich strafend an, und Hulda sank tief erschrocken auf einen Küchenstuhl nieder.

»Furchtbar bös,« klagte auch Peter.

»Das habt ihr gesagt, ihm gesagt?« jammerte sie.

Die Buben nickten kummervoll. »Du hast es uns doch heute erzählt, und wie wir's net haben glauben wollen, hast du gesagt: doch, doch!«

»Das stimmt, Hulda, na, ist das nu eine Geschichte!« Ida hatte nebenan in der Wäschestube das Gespräch mit angehört, und sie kam, das Bügeleisen in der Hand, rasch herein.

Hulda saß ganz vernichtet auf ihrem Stuhl. Dreimal wiederholte sie: »Ihr habt ihn wirklich Herr Brummerjan genannt?« Und jedesmal antworteten Peter und Mathes kläglich: »Ja, wir haben's gesagt.« Und Peter fügte hinzu: »Und alleweil schrecklich gelacht haben wir!«

»Kann man glauben, daß Jungen so 'ne Dummheit glauben!« Hulda stöhnte und wickelte verzweifelt ihre Schürze um die Arme. »Was wird nur meine liebe gnädige Frau sagen!« klagte sie.

»Er hat gesagt, du mußt nun fort,« berichtete Mathes.

»Aus dem Haus!« Peter nickte mitleidig dazu.

»Ich -- aus -- dem Haus, hier fort?« Hulda wurde kreideweiß, und plötzlich sprang sie auf, rannte aus der Küche und polterte in großer Hast die Treppe hinauf.

»Jetzt hat sie aber einen Schreck gekriegt!« murmelte Ida ein wenig schadenfroh. Aber gleich darauf tat ihr Hulda wieder sehr leid, und sie begann den Buben zu erzählen, wie gut Hulda wäre, und schon so lange sei sie im Hause; wie Fräulein Eva und ihr Bruder noch ganz klein gewesen wären, sei sie gekommen, und Fräulein Eva habe selbst gesagt, Hulda wäre wie eine zweite Mutter zu ihnen gewesen. »Und wenn sie den Herrn Buchner Brummerjan nennt, gar so unrecht hat sie nicht,« rief Ida. »Er hat sie immer nicht leiden können, ist nie freundlich zu ihr gewesen, immer hat er gesagt, sie verwöhne die Kinder zu sehr. Meine Schwester hat mir das alles gesagt, die vor mir hier im Hause war,« schloß Ida.

Da öffnete sich sacht die Türe, und Eva von Ringewald trat ein. Sie lächelte ein wenig über die verlegenen Gesichter der Buben. »Kommt mit,« sagte sie freundlich, »wir gehen noch zusammen in die Stadt, ich muß noch etwas besorgen. Hulda bleibt bei der Mutter.«

»Dann bleibt Hulda,« flüsterte Ida vor sich hin, aber Eva hörte es doch. »Ja, sie bleibt, unsere gute, treue Hulda darf nicht fort,« sagte sie und nickte Ida zu.

Den Buben war es, als fiele ihnen ein kleiner Mühlstein vom Herzen, und sie kletterten vergnügt die Treppe wieder empor, zogen sich eilfertig an, und wenige Minuten später wanderten sie mit Fräulein Eva der elektrischen Bahn zu. »Ihr dürft aber nicht einen Schritt auf der Straße von mir fort gehen; versprecht ihr das?« fragte die junge Tante.

»Ja!« brüllte Mathes, und Peter antwortete ganz feierlich: »Net ein Schrittle lauf' ich fort.«

Es dämmerte schon, und auf den Straßen und in den Läden wurden bereits die Lichter angezündet. Wenn man nun in Breitenwert abends durch das Löwengäßle ging, glänzten auch Lichter; in jedem Haus gab es zwei, drei helle Fenster, der Kaufmann Häferlein hatte seinen Laden erleuchtet, und in der Lindenapotheke brannte Licht. Aber was war das alles gegen das Lichtmeer der großen Stadt! Licht glänzte neben Licht. In manchen Häusern gab es kein dunkles Fenster, und in den Läden blitzte und schimmerte es noch viel heller und verlockender als draußen auf der Messe. Vor einem Riesenhaus, das viele Schaufenster hatte, und das von unten bis oben erleuchtet war, blieb Fräulein Eva stehen. »Es ist ein Warenhaus,« sagte sie, »kommt, wir gehen hinein.«

Drinnen hätten die Buben vor Erstaunen nun wirklich einen Hopser gemacht; sie wußten nicht, wohin zuerst sehen, so viel gab es anzuschauen. Es war wie ein riesengroßer Laden, und doch waren es eigentlich viele, viele kleine Läden nebeneinander, nur gab es keine Mauern dazwischen. Und hoch war das Haus, bis zur Decke konnte man sehen. Aber Treppen schienen gar nicht da zu sein, denn Eva sagte: »Jetzt fahren wir hinauf,« und sie schob die Buben geschwinde in eine Kammer, ein Mann schloß die Türe, es wackelte ein bißchen, und dann machte der Mann wieder die Türe auf und sagte: »Zweiter Stock.«

Und wieder lagen hier unzählige Dinge ausgebreitet, manches lockte zum Kauf, und vor einem Stand mit bunten Krügen, Vasen und ähnlichen Dingen tat Mathes plötzlich einen tiefen Seufzer und klagte: »Mein Geld!«

»Uuh!« ächzte Peter, der nun auch an diesen schweren Verlust dachte, und er tippte mit seinem Finger an ein buntes Porzellanpüppchen: »Das würd' Gundel freuen!«

»Bitte, nichts anfassen!« rief die Verkäuferin streng. »Die Figur kostet fünfunddreißig Mark.«

»O Gott,« sagte jemand, »können die zwei dort ihre Münder aufreißen, schrecklich!« Eine Dame ging vorüber und lächelte. Die Verkäuferin lächelte, und Eva wurde verlegen. »Kommt rasch weiter,« sagte sie, »hier sind die Sachen zu teuer; für Gundel kauft ihr etwas auf der Messe.«

»Wir haben doch kein Geld mehr!« Die Sternbuben redeten wie daheim in der Löwengasse; da fand kein Mensch etwas dabei, wenn sie mal ein bißchen brüllten, hier drehten sich aber gleich etliche Leute um, und die beiden erschraken selbst, wie laut ihre Klage geklungen hatte.

»Wenn ihr brav seid, schenke ich euch Geld, damit ihr Gundel etwas kaufen könnt,« versprach Eva und zog die Buben weiter. Sie selbst kaufte einige Dinge, und Mathes und Peter wunderten sich sehr, daß sie erst sagte, dies will ich haben und das, und es nie mitnahm. Bezahlen tat sie auch nie, nur einen Zettel bekam sie, das war alles.

Sie fuhren noch ein Stockwerk höher, und wieder kaufte Eva, und wieder vergaß sie die Sachen mitzunehmen. Endlich sagte sie: »Nun bin ich fertig!«

Der Fahrstuhl oder die kleine Stube, wie ihn Mathes und Peter nannten, war aber auch fertig, kein Mensch ging mehr hinein, nur Peter, der dachte, ich komm schon rein, quetschte sich noch durch; er war drin, die Fahrt ging los, aber -- Tante Eva und der Bruder fehlten.

»Nun ist Peter allein gefahren!« rief Eva oben erschrocken. »Komm, da geht ein anderer Fahrstuhl, wir fahren gleich nach.«

Sie kamen auch glücklich in die zweite kleine Stube hinein, und abwärts ging's. »Erdgeschoß!« rief der Mann, und beide stiegen aus, aber kein Peter war da.

»Er ist gewiß wieder hinaufgefahren.« Eva begann ängstlich zu werden. »Geschwind komm, da geht der dritte Fahrstuhl!« Sie schob Mathes hinein, und es ging wieder aufwärts -- doch kein Peter war da.

»Vielleicht ist er ganz nach oben gefahren.« Eva rannte auf den ersten Fahrstuhl zu, der eben wieder die Fahrt nach oben antrat, und drinnen sagte sie zu dem Führer: »Haben Sie nicht einen Jungen mitgenommen, der ähnlich wie der hier aussieht?«

Der Mann guckte Mathes an und nickte: »Freilich, freilich, so einer war dabei,« versicherte er, »der ist erst mit runtergefahren und dann mit rauf.«

Eva erzählte nun, wie sie Peter verloren hatten, und der Führer lachte. »Den finden wir schon,« versicherte er. »Wie ich die Jungen kenne, fährt der jetzt immer rauf und runter. Fahren Sie mit zurück und warten Sie unten, er kommt schon wieder.«

Eva befolgte den Rat. Sie fuhr mit Mathes zurück, der Führer sah an jeder Aussteigstelle nach, doch kein Peter war da. Sie kamen unten an, und auch da stand kein Peter.

Etwas unruhig warteten beide. Der zweite Fahrstuhl kam an: kein Peter stieg aus, der dritte hielt: wieder war Peter nicht darin. Nun kam der erste wieder, und als erster entstieg demselben Peter, und der Führer rief: »Na, das ist wohl der richtige, dem hört man's gleich an, wenn er nur schon den Mund auftut, er ist vom Lande.«

Peter war ein bißchen verlegen, denn er war wirklich auf- und abgefahren, mal im zweiten, mal im dritten Stockwerk ausgestiegen. »Hast dich wohl gefürchtet?« fragte Eva linde.

»Noi!« Peter sah sie strahlend an. »Erst war's 'n bißchen komisch, aber dann war's fein. Mathes, mach's auch mal!«

»Ja!« schrie Mathes begeistert, und schwuppdiwupp! war er im Fahrstuhl drin, und ehe Eva ihn halten konnte, klappte die Türe: hinauf ging es.